Band 2 (GS)
Mitteilungen
über die geistigen Lebensverhältnisse des Jenseits.
Durch das Innere
Wort empfangen von Jakob Lorber.
Nach der Siebten
Auflage 1988.
Lorber-Verlag –
Hindenburgstraße 5 – D-74321 Bietigheim-Bissingen.
Alle Rechte
vorbehalten.
Copyright © 1999
by Lorber-Verlag, D-74321 Bietigheim-Bissingen.
1. Kapitel – Der Herr auf den wunderbaren Wegen Seiner
Liebe.
[GS.02_001,01]
Sehet, da vor uns liegt schon wieder jenes wohlbekannte Hügelland mit den
kleinen, niedlichen Wohnhäusern. Aber diesmal erscheint es in einem noch
helleren Lichte als die vorigen Male. Der Grund davon ist, weil die Liebe
dieser drei zum Herrn überaus mächtig und groß ist.
[GS.02_001,02]
Sehet, wie der Herr Selbst in Seiner höchsten Schlichtheit diesen dreien alle
die Wunderherrlichkeiten des hauptmittäglichen Himmels erklärt und ihnen
anzeigt, wer und woher alle die seligen Einwohner in dieser Gegend sind. Auf
der Erde hätte solch eine Erklärung auf unseren Prior sicher eine sehr
ketzerisch aussehende Wirkung gemacht, da diese überaus herrliche und endlos
weitgedehnte himmlische Gegend nahe von lauter Protestanten bewohnt ist. Aber
jetzt ist er in einem ganz anderen Lichte und kann über jede Äußerung des Herrn
Seine unendliche Güte, Liebe und Erbarmung nicht genug loben und preisen.
[GS.02_001,03]
Wir sind bei dieser Gelegenheit auch schon wieder an unseren wohlbekannten Fluß
gekommen, und der Herr, allda etwas innehaltend, spricht zum Prior, somit auch
zu dessen Weibe und zum Laienbruder: Siehe, hier ist die Grenze zwischen Morgen
und Mittag. Du kannst hier an Meiner Seite beide Gegenden schauen. Aber
diejenigen, die hier wohnen, vermögen solches noch nicht. Nur die von ihnen
bewohnte Gegend mögen sie erschauen, und das in großer Klarheit, aber die
Gegend des Morgens mögen sie nicht anders erschauen als eine rötliche Glorie,
welche über ein fernes überhohes Gebirge zu ihnen herabstrahlt. Da du aber nun
die beiden Gegenden siehst, so sage mir, in welcher Gegend meinst du wohl, daß
Ich hierorts wohne?
[GS.02_001,04]
Der Prior, sich ein wenig umsehend und am linken Ufer des Stromes eine große
Stadt erblickend, spricht: O Du liebevollster Vater! Dort am Strome, sicher
voll des lebendigen Wassers, wird wohl Dein himmlisches Jerusalem stehen, von
welchem geschrieben steht, daß sie ist die Stadt des lebendigen Gottes. –
Demnach wäre es vielleicht nicht zu weit fehlgeworfen, wenn ich sage, Du
wohnest in dieser heiligen Stadt; denn etwas so unnennbar Erhabenes wie da ist
eben diese heilige Stadt, kann sich ja doch wohl sicher kein geschaffener
Engelsgeist in Ewigkeiten mehr denken.
[GS.02_001,05]
Der Herr spricht: Mein lieber Sohn, Freund und Bruder! Du hast eben nicht so
fälschlich geraten, denn in solchen Städten, deren Zahl längs dieses ewig weit
gedehnten Stromes kein Ende hat, pflege Ich nicht selten bei gewissen
Gelegenheiten Mich einzufinden. Aber so ganz eigentlich zu Hause bin Ich da
mitnichten, außer in der Sonne, die du ersiehst, durch welche Ich wohl in allen
Himmeln gleicherweise zu Hause bin. Daher magst Du weiter raten.
[GS.02_001,06]
Der Prior spricht: So wirst Du, o Herr und liebevollster Vater, vielleicht wohl
in einem oder dem andern jener großen Wunderpaläste zu Hause sein, also
sichtbar wie jetzt, denn Du hast ja Selbst von einem großen Hause in den
Himmeln gesprochen, darinnen viele Wohnungen seien. Da aber in einem solchen
nahe unübersehbar großen Palaste doch auch sicher sehr viele Wohnungen sein
werden, so könntest Du wohl etwa in einem allergrößten unter den endlos vielen
zu Hause sein?
[GS.02_001,07]
Der Herr spricht: Ich sage dir, Mein lieber Sohn, Bruder und Freund! Auch hier
hast du die Sache eben nicht gar zu fälschlich beraten, denn fürwahr, wie in
den Städten, also pflege Ich Mich auch bei großen Gelegenheiten in diesen
großen Wohnhäusern persönlich wesenhaft einzufinden. Aber für beständig und für
eigentümlich bin Ich auch in diesen großen Wohnhäusern nicht anders wie in den
Städten gegenwärtig; daher magst du dich noch einmal beraten.
[GS.02_001,08]
Der Prior spricht: O heiliger, liebevollster Vater! Mir geht jetzt ein Licht
auf. Da Du Dich auf der Welt stets nur den Kleinen und Unbedeutenden also
liebevollst und zutraulich genähert hast, so wirst Du vielleicht auch hier dort
eine Wohnung haben, wo auf jenen Hügeln uns kleine niedliche Wohnhäuser gar so
gastfreundlich anlächeln. Da aber diese kleinen Wohnhäuser alle sich völlig
gleichen, so dürfte es mir wohl schwerfallen, aus den vielen das eigentlich
rechte zu bestimmen; und das nächste beste zu nehmen, das käme mir vor Dir, o
Herr, Deiner etwas unachtsam und unwürdig vor.
[GS.02_001,09]
Der Herr spricht: Mein Sohn, Bruder und Freund! Hier hat dein „Vielleicht“
eingeschlagen; denn siehe, da kannst du wählen, das welche du willst, und es
wird schon das rechte sein. – Weißt du aber, daß du Mich auf der Erde
vielleicht einmal getragen hast? – Möchtest du Mir nun nicht auch raten, wie,
wann und wo?
[GS.02_001,10]
Der Prior spricht: O Herr! Ich kann mich an dieses „Vielleicht“ erinnern und
harre nun mit großer, seligster Sehnsucht der Enthüllung desselben. – Bezüglich
der Tragung Deines allerheiligsten Wesens auf der Erde von mir wird wohl sicher
nichts anderes verstanden sein können, als daß ich Dich unter den Gestalten des
Brotes und Weines in meinen Händen getragen habe. Hier kommt's mir vor, als
wären die drei Bedingungen: wie, wann und wo erschaulich sicher. Sonst wüßte
ich wahrhaftig nichts bezüglich Deiner Tragung Würdiges hervorzubringen.
[GS.02_001,11]
Der Herr spricht: Mein lieber Sohn, Bruder und Freund, sieh hin auf die Stadt
und auf den Strom! Das stellt vor die Gestalt des Brotes und des Weines; – wie
Ich in der Stadt zu Hause bin in Meiner urwesentlichen Eigentümlichkeit, also
in deinem Brote und Weine. Siehe, also hat es da mit der Tragung ein Häkchen,
und du hast den Sinn der Frage nicht erraten, denn also hast du Mich nicht
getragen, und du wirst daher schon müssen das wie, wann und wo auf einen
anderen Punkt hinwenden.
[GS.02_001,12]
Der Prior spricht: O Herr und liebevollster heiliger Vater! Wenn ich mich da
geirrt habe, so weiß ich wahrhaftig nichts anderes, als wenn ich mir denke, Du
warst in Deinem Heiligen Geiste, wenn ich in Deinem Namen zum Volke gepredigt
und Dein Wort geredet habe, in meinem Munde und auf meiner Zunge. Denn Dein
Wort ist ja doch sicher Deine allerreinste Wohnung nach dem Zeugnisse Johannis!
[GS.02_001,13]
Der Herr spricht: Mein lieber Sohn, Bruder und Freund, sieh hin auf die
herrlichen Paläste! Siehe, diese sind voll Klarheit, voll Lichtes und voll
Lebens aus Mir! Aber wie Ich eben auch urwesentlich eigentlich in diesen Palästen
zu Hause bin, also auch hast du Mich getragen mit deinem Munde und mit deiner
Zunge. – Du hast aber gesehen, daß Ich allda nicht urwesentlich eigentümlich zu
Hause bin; also wird es auch da mit deiner Tragung ein Häkchen haben. Und es
stellt sich heraus, daß du Mich weder über Band noch über Arm getragen hast;
über Band als Freund und Nachfolger Meiner ersten Jünger, über Arm als Bruder,
als der Kundgeber und Verkünder Meines Wortes. Daher kannst du dich auch hier
über das wie, wann und wo noch einmal deutlicher ausdrücken.
[GS.02_001,14]
Der Prior spricht: O Herr und liebevollster heiliger Vater! Ich ahne Größeres,
und kaum getraue ich mir es auszusprechen. Es wird doch nicht etwa sein, als
ich Dich als Knabe noch in meinem Herzen so herzinnig liebte, daß ich darob oft
vor Liebe in Tränen zerfloß, oder vielleicht auch in meinem Amte, da ich
ebenfalls heimlicherweise eine so mächtige Liebe zu Dir empfand, welche mich
nicht selten vor lauter Entzückung förmlich krank machte, oder vielleicht in
jenen Momenten, wo ich beim Anblicke meiner armen Brüder zu Tränen gerührt
wurde und ihnen auch mit Deiner Gnade, soviel es mir möglich war, helfend
beisprang. – Habe ich Dich etwa einmal in einem solchen Zustand getragen, da
wüßte ich aber dennoch nicht, welcher aus allen diesen derjenige wäre, wo Du
Dich, o heiliger Vater, so tief herabgewürdigt, daß Du Dich hättest tragen
lassen von mir.
[GS.02_001,15]
Der Herr spricht: Mein lieber Sohn, Bruder und Freund! Sieh hin nach den
kleinen Wohnungen des Morgens: wie dort, so hier. Wohin du greifest, da greifst
du auf den rechten Ort hin; – und siehe, hier ist das wie, wann und wo in Eins
vereint. Wie trugst du Mich? – Siehe, allzeit in deiner Liebe zu Mir! – Wann
trugst du Mich? – Siehe, allzeit in deiner Liebe zu Mir! – Wo trugst du Mich? –
Siehe, überall und allzeit in deiner Liebe zu Mir; du trugst Mich somit allzeit
im Herzen!
[GS.02_001,16]
Wer Mich aber im Herzen trägt, der trägt Mich auch über Band und Arm. Wie aber
im Arme und im Bande keine tragende Kraft ist, wenn sie nicht zuvor ausgeht vom
Herzen, so kann Mich auch niemand über Band und Arm tragen, der Mich nicht
trägt zuvor im Herzen. Also ist demnach das „Vielleicht“ vor dir enthüllt, denn
ungewiß war es dir, wie, wann und wo du Mich trugst.
[GS.02_001,17]
Nun aber ist das wie, wann und wo in Eins verschmolzen, und aus dem Freunde und
Bruder ist ein Sohn geworden. Darum sage Ich denn nun auch zu dir nicht mehr:
Mein Freund, Bruder und Sohn, sondern allein: Mein geliebter und liebeerfüllter
Sohn, folge Mir nun weiter auf jene Höhe zu den Wohnungen; allda wollen wir
unter einem Dache beisammen wohnen und wirken ewiglich! Amen! –
2. Kapitel – Das
große Wesen eines Kindes Gottes von der Erde.
[GS.02_002,01]
Sehet, unser erhabenster Führer zieht mit den dreien hin auf die Höhe, welche,
wie schon zuvor bezeichnet wurde, diesmal von einer noch stärkeren Glorie
umflossen ist. Und wie ihr sehet, so geht der erhabene Zug auch hurtig weiter.
[GS.02_002,02]
Aber nun sehet auch so ein wenig auf unsere Morgengegend hin, und da namentlich
auf die Höhen der Hügel, und betrachtet dort, welch eine zahllose Menge
allerseligster Engelsgeister in mehr denn sonnenglänzenden Gewändern, dem Herrn
mit ihren Händen freundlichst entgegenwinkend, den neu Ankommenden zu verstehen
gibt, wer Der ist, der die drei nach Hause führt! Psalmen ertönen von allen
Seiten und seligste Jubelrufe strömen uns entgegen; und das alles, um ganz
besonders den Neuangekommenen zu zeigen, was der Herr ist in seinem Hause!
[GS.02_002,03]
Ihr saget und fraget hier zwar: Die Sache sieht so aus, als wenn der Herr aus
Liebe zu diesen dreien auf eine kurze Dauer den ganzen obersten Himmel
verlassen hätte; und wenn Er nun nach Hause kehrt, sich alle diese seligen
himmlischen Engelsheere über die Maßen jubelnd freuen, daß der Herr und
heilige, liebevollste Vater von einer solchen Ernte-Reise wieder heimkehrt.
[GS.02_002,04]
Ich sage euch: Bei so gewissen Gelegenheiten hat solches auch so einen Sinn,
denn bei solchen Erlösungen macht es der Herr nicht selten wirklich also, als
verreisete Er aus dem Morgen, und nach einer solchen Reise ist Er dann auch –
außer in der stets sichtbaren Gnadensonne – persönlich wesenhaft in dem ganzen
unendlichen himmlischen Morgenreiche nirgends zu erschauen.
[GS.02_002,05]
Dieser Zustand, in welchem während einer solchen Abwesenheit die seligsten
Geister den Herrn nicht sehen, wird eine „Wonneruhe“ genannt; denn in diesem
Zustande werden alle die Seligen durch sich selbst wieder zu einer höheren
Seligkeit vorbereitet, und die große Sehnsucht, mit welcher sie den Herrn
erwarten, ist dasjenige, was sie vorbereitet.
[GS.02_002,06]
Aus diesem Grunde aber sehen wir nun auch die ganze endlos weit gedehnte
Morgengegend vor unseren Augen wie in ein Leben übergegangen, denn von allen
endlosen Räumen dieses Himmels strömen die Engelsgeister herbei, um den nun
anlangenden Vater mit dem allerheißliebendsten Herzen zu empfangen.
[GS.02_002,07]
Nun aber richten wir auch einen Blick auf unsere überaus erstaunte
Gesellschaft. Der Prior wendet sich zum Herrn und spricht: O Du endlos heiliger
und allerliebevollster Vater, was um Deines heiligen Willens wegen ist denn
das? – Sind das lauter allerhöchst selige Engelsgeister, oder ist das alles nur
eine Erscheinlichkeit? Denn es ist ja doch beinahe kaum anzunehmen, daß bei der
außerordentlich großen Bosheit der Menschen auf der Erde Deine allerhöchsten Himmel
also bevölkert sein sollten. Denn auf der Erde wußten wir aus dem Munde
frommer, in den reinen Geist verzückter Menschen, daß nur ganz entsetzlich
wenige in diesen allerhöchsten Himmel gelangen; etwas mehr in die zwei unteren
Himmel, sehr viele in den sogenannten Reinigungsort, und gar außerordentlich
viele – O Herr, behüte uns davor – in die Hölle!
[GS.02_002,08]
Da die Erde nur etwas über fünftausend Jahre das Menschengeschlecht trägt, so
ist diese Erscheinung von der Unzahl der hier nun sichtbaren Geister nicht
begreiflich. Es sind ihrer hier ja nur nach einem oberflächlichen Augenmaße
genommen so viele, daß sie, Mann an Mann gestellt, eine ganze Million von
Jahren von Jahr zu Jahr abwechselnd und sich fortwährend neu ersetzend, die
Erde also anfüllen möchten, daß zwischen ihnen sicher kein Apfel, der unter sie
fiele, auf den Boden käme. O Herr und allerbester und liebevollster Vater! Das
ist für mich ein ganz und gar unbegreiflicher Anblick! Es müßten nur auch in
Deinem obersten Himmel vollkommene Zeugungen stattfinden; sonst ist mir die
Sache rein unbegreiflich.
[GS.02_002,09]
Der Herr spricht: Ja, Mein lieber Sohn, du wirst in Meinem Hause auf noch so
manche Erscheinungen stoßen, die dir noch viel unbegreiflicher vorkommen werden
denn diese. Aber sie sind nichts weniger als etwa pure Erscheinungen, sondern
die allervollkommenste und allergediegenste Wahrheit!
[GS.02_002,10]
Hier gibt es durchgehends keine Augentäuschungen, wie auch keine
Spiegelfechtereien, sondern alles, was du hier siehst, ist vollkommen fest und
handgreiflich wahr. Im Reiche der Liebe ist alles vollkommen truglos und in
seine möglichst engste Schranke in sich vereint. Daher sind auch diese Geister
so gut wie nun du vollkommen wahre Wesen und sind alle samt und sämtlich Meine
lieben Kinder!
[GS.02_002,11]
Wenn du den Maßstab von all diesen Kindern allein auf deine Erde ausdehnst, da
dürftest du mit deiner Rechnung freilich wohl recht haben, denn Meiner Kinder
von der Erde sind freilich nicht so viele hier, und welche von da sind, diese
sind ausschließlich Bewohner Meiner heiligen Stadt.
[GS.02_002,12]
Wenn du aber je auf der Erde bei einer heiteren Nacht den gestirnten Himmel
betrachtet hast, wirst du dich von der zahllosen Menge der Gestirne überzeugt
haben. Meinst du, diese Gestirne seien bloß glänzende Punkte am unermeßlichen
Himmel? Siehe, das sind ebenfalls zahllose Welten, auf denen überall die
gleichen Menschen wohnen und Mich überall als den Herrn Himmels und ihrer Welt
erkennen.
[GS.02_002,13]
Doch die Kinder der Erde sind Mir am nächsten, weil Ich sie dort wesenhaft
persönlich im Fleische zu Meinen ersten Kindern gemacht habe. Sie sind demnach
hier – nach Mir – diejenigen, welche da richten die zwölf Geschlechter Israels,
was in dieser allerhöchst himmlisch weitesten und geistig allerinwendigsten
Bedeutung soviel besagt als:
[GS.02_002,14]
Diesen Meinen Kindern ist es von Mir aus gegeben, mit Mir zu beherrschen, zu
erforschen und zu richten die Unendlichkeit und alle zahllosen Schöpfungen in
ihr. Und die Kinder aus den anderen Gestirnen stehen ihnen also zu Diensten,
wie die Glieder eines Leibes zum Dienste des Willens im Geiste allzeit
bereitstehen. Daher bilden diese Geister mit einem Meiner Kinder in großem
Maßstabe der Liebetätigkeit nach genommen wie einen Menschen, versehen mit
allen zum Bedarfe seines Willens notwendigen Gliedern.
[GS.02_002,15]
Demnach ist ein Kind von der Erde aus Mir gehend ein vollkommener Wille von
zahllosen anderen Geistern aus den Gestirnen, die zwar an und für sich auch ein
jeder seinen eigenen Willen haben und können tun nach ihrer freien, wonnigen
Lust, was sie wollen. Dennoch aber geht in liebewirkenden Fällen der Wille
Meiner Hauptkinder in sie alle aus und ein, und dann sind sie zu Milliarden wie
ein Mensch, dessen wirkender Willensgeist eines Meiner Kinder ist! – Solches
verstehst du nun freilich noch nicht so ganz und gar, aber mache dir vor der
Hand nichts daraus; denn in Meiner ewigen Wohnstadt gibt es noch gar viele
Hochschulen, in welchen du noch so manches Neue kennenlernen wirst.
[GS.02_002,16]
Für jetzt aber begnüge dich auf deine Frage mit dieser Meiner Liebeantwort und
gehe nun mit Mir samt deinem Weibe und deinem Bruder in diese Meine Hütte, die
wir soeben erreicht haben. Allda sollst du zuerst in Meinem Reiche an Meinem
Tische speisen und genießen das ewig wahre Brot und das allerlebendigste
Wasser. Und so denn gehet mit Mir in die Wohnung!
[GS.02_002,17]
Sehet, alle begeben sich hinein, und der Prior macht große Augen, als er in der
Hütte diese goldene Einfachheit antrifft, versehen mit ganz ländlich ordinärem
Hausgeräte. Und der Herr fragt ihn: Nun, Mein geliebter Sohn, wie gefällt dir
Mein Hauswesen? Der Prior spricht: O Herr, Du liebevollster, heiligster Vater.
Da gefällt es mir gar überaus wohl, denn es sieht doch wahrhaftig so aus, als
wenn man sich auf der Erde in einer reinlichen, friedlichen Landmannshütte
befände. Aber nur kommt es mir wirklich überaus wunderbarlich vor, wie Du, o
allerbester heiligster Vater, dem doch alle himmlischen und weltlichen
Herrlichkeiten zu eigen sind, Dich mit einer so einfachen Behausung begnügen
magst. Fürwahr, das macht Dich ja noch ums Unaussprechliche liebenswerter und
heiliger, als sich der allervollkommenste Geist nur im allergeringsten Teile
davon vorzustellen vermag.
[GS.02_002,18]
Der Herr spricht: Ja sieh, Mein geliebter Sohn, bei Mir heißt es denn doch auch
und das sicher mit Recht: Sapienti pauca sufficiunt! – Der Prior beugt sich vor
lauter Liebe zur Erde und spricht in gänzlicher Zerflossenheit seines Gemütes:
O du allerbester, liebevollster heiliger Vater! Nicht Sapienti, sondern: quam
maxime aeterne Sapientissimo! – Und das sind, o Herr und mein
allerliebevollster heiliger Vater, sicher nicht pauca, sondern ebenfalls quam
maxime immense multa! – Denn diese an und für sich einfachen und wenigen Sachen
sind sicher in sich von so außerordentlicher, wunderbarer Bedeutung, daß ich
davon wohl ewig kaum den geringsten Teil erfassen werde!
[GS.02_002,19]
Der Herr spricht: Mein lieber Sohn! Stelle dich nur wieder gerade, und es wird
sich nach dem eingenommenen Mahle an Meinem Tische schon gar bald zeigen,
wieviel du von diesem Wenigen auf einmal wirst zu fassen imstande sein. Mache
aber mit der Mahlzeit kein großes Wesen, denn hier wirst du finden, wie im
buchstäblichen Sinne des Wortes und der Bedeutung die kurzen Haare bald
gebürstet sind. Von den sogenannten großen himmlischen Freßtafeln ist hier
keine Rede, sondern hier speiset man ganz einfach und lebt sozusagen bei Brot
und Wasser. Aber du wirst es an Meinen Kindern gar bald entdecken, daß sie bei
dieser einfachen Kost überaus gut aussehen. Daher setze dich nur zum Tische,
denn dieser ist schon mit Brot und Wasser versehen, und esse und trinke so wie
du Mich essen und trinken wirst sehen.
3. Kapitel –
Stets wachsende Seligkeit bedingt Tätigkeit.
[GS.02_003,01]
Sehet nun, unsere erhabene Gesellschaft speiset, und unser Prior wie auch die
andern verwundern sich hoch über den unendlichen Wohlgeschmack dieses Brotes
und ebenso auch über den des lebendigen Wassers. Und der Prior spricht in der
größten Devotion: O Herr und allerliebevollster heiliger Vater! Dieses Brot
schmeckt ja gerade also, als wenn es zusammengesetzt wäre aus den
allerschmackhaftesten und allernährendsten Speisen der ganzen Erde, und das
Wasser, als wäre es ein Auszug aus den allerbesten Weinen, die je irgend auf
der Erde wachsen, wenn man hier eine solche Vergleichung machen darf und kann.
[GS.02_003,02]
Der Herr spricht: Ja, Mein lieber, geliebter und geliebtester Sohn! Du hast den
Geschmack dieser einfachen Mahlzeit nicht schlecht bemessen. Siehe, wie aus der
reinen Liebe in Mir alle guten Früchte auf der Erde wie auf allen anderen
Weltkörpern zum Vorschein kommen und ihr Geschmack, ihr Wohlgeruch, ihre
Tauglichkeit bezüglich der Ernährung und dann ihre schätzbare Wirkung hervorgehen,
– also wird auch dieses Brot als der erste Grundbegriff alles dessen, was auf
allen Weltkörpern vorkommt, dieses in liebeguter und brauchbarer Art ursächlich
in sich enthalten.
[GS.02_003,03]
Aus diesem Brote stammt jedes Brot ab, weil dieses Brot ein wahrhaftiges,
lebendiges Brot ist, und ist gleich Meiner Liebe, die sich hier allen Meinen
Kindern zur ewigen lebendigen Sättigung darbietet. Und das Wasser ist ebenfalls
wie das Brot der Grund aller Dinge, denn es ist das Licht der Liebe, und ist somit
der Mitgenuß für alle Meine Kinder ewig an Meiner Weisheit, d.h. alle Meine
Kinder, die hier bei Mir sind, sind in Meiner Weisheit Tiefe, und somit auch in
aller Meiner Macht und Kraft!
[GS.02_003,04]
Siehe, das ist das wahre lebendige Wasser, von dem Ich auf der Erde geredet
habe zum Weibe am Jakobsbrunnen, daß denjenigen ewig nimmer dürsten wird, der
von diesem Wasser trinken wird!
[GS.02_003,05]
Der Prior spricht: O Herr und allerliebevollster, heiligster Vater! Dieses sehe
ich jetzt ganz klar ein. Fürwahr, nach dem Genusse dieses Wassers fange ich an,
in die unbegreiflichen Tiefen Deiner Allmacht und Deiner Weisheit zu schauen,
daß es mich wahrhaft erhaben seligst angenehm zu schauern anfängt. Aber dieses
möchte ich denn doch noch wissen, ob ich fürderhin nimmermehr so ein Wasser
werde zu trinken und so ein gutes Brot daneben zu essen bekommen?
[GS.02_003,06]
Der Herr spricht: O Mein geliebter Sohn, darum sei dir ja nicht bange. Diese
Speise und dieser Trank wird hier ewig nimmer ausgehen, und du wirst es allzeit
in so reichlicher Menge haben können, daß du dich irgend eines Mangels ewig nie
wirst zu beklagen haben. Denn in diesem Meinem Reiche gibt es ewig
unversiegbare Quellen, Flüsse, Ströme und Meere in endlos großer Menge. Daher
ist denn auch durchaus nicht zu befürchten, als sollte davon nicht ein jeder in
der hinreichendsten Menge haben.
[GS.02_003,07]
Siehe, Ich bin nur auf den materiellen Weltkörpern etwas ökonomisch und halte
da Meine wahrhaftigen Bekenner und Nachfolger so kurz als möglich. Denn da der
Mensch die Wege des Lebens werktätig studieren muß, um sich auf diesen Wegen
das ewige Leben eigen zu machen, da gehört kein voller Magen dazu. Denn ihr
habt ja bei euern Studien ein altes Sprichwort: „Ein voller Bauch schlägt alles
in Wind und Rauch“, – oder: „plenus venter non studet libenter.“
[GS.02_003,08]
Siehe, eben daher bin Ich auch aus höchst weisen Gründen etwas karg auf den
Weltkörpern, dafür aber bin Ich dann hier die unendliche Freigebigkeit selbst;
und es muß alles in der allerhöchsten Reichlichkeit und Fülle ewig vorhanden
sein. Auf den Weltkörpern sehe Ich nicht gern, so da jemand spricht: Dieser
Stein ist mein. Hier aber will Ich euch ganze Sonnengebiete, wie ihr zu sagen
pfleget, an den Rücken hängen. Denn Ich habe dergleichen Schätze ja in endloser
Menge; die ganze Unendlichkeit ist erfüllt von den größten Wunderwerken Meiner
Liebe, Weisheit und Allmacht. Warum sollte Ich da karg sein? Wenn auf der Erde
ein tausend Klafter großes Fleckchen tausend Taler kostet, so gebe Ich hier um
einen Taler tausend Sonnen mit allen ihren Planeten her. Ich meine, dieser
Umtausch wird doch von einiger Bedeutung sein.
[GS.02_003,09]
Darum sorge dich denn ja nicht, ob du immer etwas zu essen und zu trinken haben
wirst; denn bei so viel Grundstücken wird sich doch mit der leichtesten Mühe
von der Welt ein ehrliches Stückchen Brot gewinnen lassen.
[GS.02_003,10]
Der Prior spricht: O Du mein herzinnigst allerliebster Jesus! Für diese Deine
Verheißung bin ich noch viel zu ungeheuer blöd und dumm. Ich bin ja hier in
diesem Häuschen so unendlich zufrieden und unaussprechlich selig, daß ich mir
ja nicht ein Sonnenstäubchen mehr hinzuwünschen könnte. Dafür überlaß ich auch
diese von Dir erwähnten unendlichen Güter von ganzem Herzen einem andern viel
Würdigeren denn ich bin. Wenn ich nur die Versicherung habe, daß Du hier
beständig zu Hause bist, da brauche ich für die ganze Ewigkeit nichts mehr.
Denn das Bewußtsein des ewigen Lebens in Deiner Gegenwart und die
allerwunderbarst selige Anschauung Deiner Allmachts-Werke, dann dieses mir von
Dir geschenkte Weibchen und dieser mein Bruder in mein Mitgefühl und in meine
Mitliebe aufgenommen und nur so manchmal ein Stückchen Brot und ein kleines
Schlückerl von dem Wasser, da bin ich ja schon für die ganze Ewigkeit unaussprechlich
seligst versorgt!
[GS.02_003,11]
Der Herr spricht: Ja, Mein lieber Sohn, das sehe Ich wohl; aber siehe, dieses
dein seliges Gefühl ist nur ein erster Anflug der eigentlichen wahren
Seligkeit. Würdest du hier bloß in aller Ruhe und Untätigkeit dieses alles
genießen, so würdest du mit der Länge der Dauer bei aller Anmut dennoch
übersättiget werden, und es würde dich gar vieles, was dich jetzt erfreut,
nicht mehr erfreuen. Darum habe Ich für die stets wachsende Seligkeit dadurch
schon von Ewigkeit vorgesorgt, daß ein jedes Meiner Kinder hier fortwährend
eine wohlangemessene Tätigkeit und einen guten Wirkungskreis überkommt; daher
auch kann nicht von einem beständigen Bleiben in einer solchen Hütte die Rede
sein.
[GS.02_003,12]
Wir werden daher selbst diese Hütte auf eine Dauer verlassen und uns in Meine
Stadt begeben. Allda wirst du erst dein Eigentum kennenlernen, wie mit
demselben Deine wahrhaftige ewige Bestimmung. Darum wollen wir uns nun auch
wieder erheben und unsere Reise weiter fortsetzen. Die Heere der Geister aber,
die du vorhin unsrer harrend erblickt hast, sind keineswegs der vollkommene
summarische Inbegriff aller der Einwohner dieses ewigen obersten Morgenhimmels,
sondern diese Heere gehören allein deinem künftigen Wirkungskreise an. Doch
nicht hier, sondern in Meiner Stadt und in deinem eigenen Wohnhause in
derselben sollst du das Nähere erfahren. Sehet, der Prior sinkt fast in den
Boden vor dem unendlichen Ausspruche des Herrn. Aber der Herr stärkt ihn und
winkt nun allen dreien, Ihm zu folgen. Also folgen denn auch wir diesem
erhabenen Zuge weiter.
4. Kapitel – Die
drei Himmel – ihre Struktur.
[GS.02_004,01]
Sehet nun, wie alle die zahllosen Heere von seligen Geistern her an unsere
Straßen ziehen und da gleichsam ein lebendiges Spalier bilden, welches, wie ihr
in eurem Geiste leicht sehen könnet, sich in einer geraden Linie unabsehbar hin
vorwärtszieht. Betrachtet euch die mannigfaltigen himmlisch schönen Gestalten,
welche sich zu beiden Seiten im Vorübergehen unserer Anschauung darbieten, denn
in dieser Betrachtung könnet ihr Bewohner aller Gestirne besehen, nur müßt ihr
euch dabei nicht denken, daß in dieser endlosen Reihe nun etwa viele von einem
Gestirne oder Planeten hier gegenwärtig sind, sondern von jedem Gestirne sind
nur zwei, nämlich ein männlich und ein weiblich Wesen. Denn würden mehrere nur
von jedem einzelnen Gestirne gegenwärtig sein, so wäre dieser wenn schon für
euer Auge endlos weitgedehnte Raum, wenn auch geistig genommen, zu klein, um
sie alle zu fassen, und ihr möchtet sie dann nicht überschauen.
[GS.02_004,02]
Ihr fraget hier: Nachdem eures inneren Wissens zufolge sich auch auf so manchen
großen Planeten und besonders Sonnen riesenhaft große Menschen vorfinden, so
ist es hier zu verwundern, daß diese seligen Geister hier dennoch von ganz
gewöhnlicher Größe sind, nur mit kleinen Unterschieden wie allenfalls auf dem
Erdkörper. Ich sage euch: Hier, wo der Herr wohnt, ist nirgends ein
Unterschied, wohl aber in anderen Himmelsgebieten, wo der Herr nur in Seiner
Gnadensonne gegenwärtig ist.
[GS.02_004,03]
Dergleichen Himmelsgebiete sind fürs erste der erste oder unterste Himmel, in
dem bloß die Weisheit und die aus dieser hervorgehende Liebachtung zum Herrn
wohnt, und fürs zweite der Mittags- oder zweite Himmel, welcher da besteht aus
denen, die aus dem Glaubenswahren in der Liebe zum Nächsten und daraus zum
Herrn sind.
[GS.02_004,04]
Jeder dieser zwei genannten Himmel ist an und für sich unendlich und fasset
alle die zahllosen Myriaden Geister, welche irdischermaßen ehedem auf ihren
Weltkörpern rechtlich gelebt haben. Und dazu sind diese beiden Himmel noch so
eingeteilt, daß in entsprechender Form die Planetargeister gerade an jener
Stelle des Himmels ihre freien seligen Wohnungen haben, allwo sich
naturmäßigerseits ihr Erdkörper befindet. Ihr müsset euch demnach diesen Himmel
also vorstellen, daß sein geistiger Flächenraum ein endlos weitgedehnter und
alle Sonnen und Planeten in sich wie einzelne Punkte fassender ist.
[GS.02_004,05]
Ihr fraget freilich, wie solches möglich, da es fürs erste drei geschiedene
Himmel gibt, die Planeten aber ungeschieden, und zudem auch die Planeten und
Sonnen so unter- und übereinander gesteckt sind, daß sie darob unmöglich mit
einer Fläche gewisserart planimetrisch übereinstimmen können. Wie sei demnach
solches zu verstehen?
[GS.02_004,06]
Ich sage euch: Naturmäßig genommen wird das freilich wohl nicht so recht
übereinander zu bringen sein; aber entsprechend geistig sicher auf das
anschaulichste und klarste. Dessen ungeachtet aber kann euch auch ein
naturmäßiges Bild die Sache sehr aufhellen. Wir wollen versuchen, ob wir nicht
eines aufzustellen imstande sind, das da für unseren Zweck taugen möchte. Und
so höret denn!
[GS.02_004,07]
Nehmet z.B. euren Erdkörper. Der feste Boden und dessen bevölkerte Oberfläche
bilde den ersten Himmel, die Region der Luft, namentlich die der Wolken, bilde
den zweiten Himmel, die über den Wolken weitgedehnte Äther-Region den dritten
und obersten. So greifen alle diese drei Himmel ineinander, sind aber dennoch
voneinander so abgesondert, daß aus dem unteren Himmel wohl niemand in den
zweiten und noch weniger in den dritten, wie auch vom zweiten in den dritten
niemand gelangen kann; wohl aber ist es umgekehrt der Fall.
[GS.02_004,08] Auf
jedem Erdkörper halten sich in diesen drei Regionen zahllose lebende Wesen auf.
Auf dem Boden gröbere materielle, in der Wolkenregion geistigere und leichte,
in der dritten Region ganz ätherisch leichte und völlig unsichtbare. Und
dennoch stehen diese drei Wesengattungen auf jedem Erdkörper in beständiger
wechselseitiger Korrespondenz.
[GS.02_004,09]
Nun hätten wir einen Teil des Bildes. Ihr wisset aber auch, daß ein jeder sich
frei bewegende Erdkörper von den zahllosen Strahlen anderer entfernter Weltkörper
beschienen wird. Sehet, auf diese Weise nimmt er in seine drei Regionen oder
seine drei Flächen Teile vom ganzen Universum auf.
[GS.02_004,10]
Durch diese wechselseitige Einwirkung steht er denn auch in steter Verbindung
mit dem ganzen Universum, und der ganze Einfluß setzt sich dann auf einem und
demselben Erdkörper in all seinen drei Regionen wohl entsprechend in die stete
Verbindung. Das Ätherische bleibt in dem Äther, das Atmosphärische in der
Atmosphäre, und das Tellurische auf dem Erdkörper.
[GS.02_004,11]
Dadurch stehen aber die Atmosphären aller Sonnen und Planeten stets also
gegeneinander in wechselseitiger Entsprechung, daß sich das Ätherische fremder
Planeten nur mit dem Ätherischen eures Planeten, das Atmosphärische mit dem
Atmosphärischen und das Tellurische mit dem Tellurischen verbindet.
[GS.02_004,12]
Da wir nun solche Verbindungen ersichtlichermaßen dargestellt haben, so können
wir zur dritten Betrachtung unseres Bildes übergehen, und diese ist die
entsprechend geistige. Vollkommen entsprechend Gleiches entspricht in geistiger
Beziehung einer Fläche, die sich allenthalben durchaus gleich ist; demnach ist
in der geistigen Erscheinlichkeit das naturmäßig oder tellurisch Gleiche aller
Weltkörper wie eine endlos weitgedehnte Fläche, ebenso das Atmosphärische wie
das Ätherische anzusehen.
[GS.02_004,13]
Die Entsprechungen aber bestehen in der geistigen Welt nur aus dem Gemütsleben
der Menschen auf den Erdkörpern. Ihr saget, daß das Tellurische in seiner
endlosen Mannigfaltigkeit den vielen naturmäßigen Gestirnen entspricht. Also
ist es auch. Auch das naturmäßige Gemütsleben eines Menschen hat Entsprechung
mit dem naturmäßigen Gemütsleben der Menschen aller Gestirne; eben also ist es
der Fall mit dem weisegeistigen, und eben also auch mit dem liebegeistigen
Teile des Menschen auf eurem Erdkörper. – Nun sehet und habet acht!
[GS.02_004,14]
Der Mensch auf eurem Erdkörper ist gleichsam in seiner Art das Zentrum aller
Menschen anderer Erdkörper, und das darum, weil der Herr auf der Erde Selbst
ist ein Mensch dem Fleische nach geworden.
[GS.02_004,15]
Der erste oder unterste Himmel, welcher auch der naturmäßig-geistige Himmel
genannt wird, faßt selige Menschen eures Erdkörpers, und ein jeder solche
selige Mensch bildet eine gleiche Fläche, in welcher alle anderen
Gestirnmenschen zu ihm sich also verhalten wie die Linien, welche von einem
Mittelpunkte ausgehen oder von einem möglichst weitesten Kreise wieder in den
Mittelpunkt zusammenlaufen.
[GS.02_004,16]
Aber die naturmäßige Fläche ist und kann nicht sein eine ununterbrochen
fortlaufende, sondern ist in sich allzeit wie erscheinlich abgeschlossen. Daher
werdet ihr auch den naturmäßigen Himmel allzeit wie in einzelne, wenn schon
zahllos viele Vereine getrennt erschauen.
[GS.02_004,17]
Der zweite Himmel, welchen wir unter dem mittägigen kennen, ist schon
konkreter, hat aber dennoch in seiner endlosen Ausdehnung gewisse
Zwischenräume, die sich wie endlos weitgedehnte Meere ausnehmen, über welche
die diesem Himmel eigentümlichen Geister nur unter einer höheren Leitung
gelangen können.
[GS.02_004,18]
Betrachtet aber nun die dritte ätherische Abteilung, in welcher naturmäßig alle
zahllosen Weltkörper schwimmen. Diese ist allenthalben vollkommen konkret. Also
ist demnach in entsprechender Form auch der höchste Liebehimmel so gestellt,
daß er alle anderen umgibt, sie trägt und leitet. Es wird nun gar nicht schwer
sein, zu begreifen, daß mit diesem höchsten Himmel sich alles andere am Ende
wie konkret verflachen muß, indem alles von ihm werktätig durchdrungen wird.
[GS.02_004,19]
Daher haben die seligen Geister der Erde in diesem Himmel denn auch diesen
unbegrenzten Wirkungskreis aus der Liebe des Herrn. Sie können sich
allenthalben hin verfügen. Überall ist für sie ein ebener Weg. Für sie gibt es
nirgends ein „Auf“ und ein „Ab“ wie ihr in entsprechender Weise auch nicht
annehmen könnet, daß ein ätherisch leichter Mensch, auf welchen kein Erdkörper
mehr eine Anziehung zu äußern vermag, sich im lichten Äthermeere irgend
leichter und schwerer, auf und ab bewegen könnte, indem er sicher nach jeder
Richtung sich mit gleicher Leichtigkeit bewegen wird, also wie ein Gedanke, dem
das „Auf“ und „Ab“ doch auch hier sicher einerlei ist.
[GS.02_004,20]
Solches aber wird in entsprechend geistiger Weise „eben“ genannt und ist erschaulich
wie eine unendliche Fläche, darum denn auch aller Welten Geister sich in dieser
Fläche notwendig samt ihren entsprechenden Weltkörpern aufhalten und dann auch
mit uns Zentralgeistern aus dem Herrn in notwendig dienlicher Verbindung stehen
müssen.
[GS.02_004,21]
Das sei euch vorläufig eine gute Beantwortung auf eure Frage. Wenn aber mit
unserer nächsten Betrachtung der Herr diese Seine Gesellschaft installieren
wird in ihre ewige Bestimmung, da werdet ihr aus Seinem Munde alles dieses in
einem werktätig noch viel helleren Lichte erschauen.
[GS.02_004,22]
Es ist schwer, geistige Verhältnisse und naturmäßige mit der naturmäßigen
Sprache in ersichtlich begreifliche Verbindung zu bringen. Aber dessen
ungeachtet vermag die große Liebe und Weisheit des Herrn allenthalben Wunder zu
wirken. Daher werdet ihr auch hier den besseren Teil erst aus dem Munde des
Herrn bekommen. – Nun aber nähern wir uns schon wieder der heiligen Stadt,
daher wollen wir unsere Aufmerksamkeit auch dahin wenden.
5. Kapitel – Das
Wesen der Liebe. Liebe des Nächsten aus Liebe zu Gott und Liebe zu Gott aus
Liebe zum Nächsten.
[GS.02_005,01]
Sehet, wie diesmal noch größere Scharen im höchsten Glanze uns entgegenziehen!
Und wenn ihr ebenfalls eure Ohren öffnen wollet, so werdet ihr auch große
Gesangschöre vernehmen, wo das Wort in sich selbst als die höchste,
vollkommenste aller Musik zu vernehmen ist.
[GS.02_005,02]
Ihr denket hier freilich wohl nach, wie solches möglich sei. Ich aber sage
euch: Es ist nichts leichter möglich wie auch nichts geistig ordnungsmäßiger
als eben die Musik des Wortes. Warum denn? Wenn ihr euer artikuliertes Wort
hier aufstellet, das an und für sich nur die äußerste Rinde des eigentlichen
wahren Wortes ist, welches ganz inwendig in dem äußeren Worte ist, so wird es
mit der musikalischen Darstellung des Wortes wohl ein wenig schwer gehen. Aber
wenn ihr auf den eigentlichen Grund des Wortes zurückgeht, so werdet ihr die
Sache ganz natürlich ordnungsmäßig finden.
[GS.02_005,03]
Was aber ist der Grund des Wortes? Der erste Grund ist natürlich wie von allem
so auch vom Worte – die Liebe. Wie spricht sich aber die Liebe inwendig aus?
Die Liebe spricht sich stets mit einem begehrenden Zuge aus, das heißt, sie
will alles an sich ziehen! Dieser edle Zug sieht nach allen Seiten um sich her,
und was seinem Auge begegnet, das ergreift er in der Art, wie es ist, und
bemüht sich, den erschauten Gegenstand sich stets näher zu bringen und endlich
gar mit sich zu vereinen.
[GS.02_005,04]
Dieser Zug wird bei euch die Begierde genannt. Was liegt denn eigentlich in
dieser Begierde? Nichts als das Bedürfnis, sich stets mehr zu erfüllen mit dem,
was eben dieser Begierde vollkommen harmonisch zusagt. Diese Begierde ist aber
somit auch eine fortwährend lebendige Empfindung, durch welche eben die
Begierde in sich das Bedürfnis wahrnimmt, sich stets mehr und mehr zu erfüllen.
[GS.02_005,05]
Nun habet acht! Die Liebe zum Herrn und daraus zum Nächsten empfindet demnach
das Bedürfnis nach dem Herrn und nach allem dem, was des Herrn ist.
[GS.02_005,06]
„Böse Liebe“ aber ist, wie ihr wißt, in allem das Gegenteil. Wenn nun die gute,
edle Liebe in sich die stets wachsende Erfüllung mit dem empfindet, was ihr ein
einziges Bedürfnis ist, so fühlt sie in sich eine Sättigung. Und diese
Sättigung ist das sich wonniglich selbstbewußte Gefühl, welches eben durch
seine Sättigung und die aus dieser Sättigung bewirkte Lebenstätigkeit das Licht
der Liebe in sich hervorbringt. In diesem Lichte wird alles in sich
Aufgenommene wie plastisch und geht in harmonische Formen erhabenster Art über.
[GS.02_005,07]
Aus dem Bewußtsein der Sättigung und aus der Anschauung der lebendigen Formen
in sich geht dann erst jenes wonnige Gefühl hervor, welches ihr unter dem
Begriffe: Die Seligkeit des ewigen Lebens kennet.
[GS.02_005,08]
Nun gebet ferner acht! Wenn die lebendige Liebe einmal auf diese Weise
gesättigt und in ihr Licht übergegangen ist, so findet sie dann ein zweites
Bedürfnis, nämlich die Mitteilung. Und diese Mitteilung ist dann gleich der
Nächsten- oder Bruderliebe, welche aber nie eher vollkommen dasein kann, als
bis der Mensch in seiner Liebe zum Herrn eben vom Herrn diese gerechte
Sättigung überkommen hat.
[GS.02_005,09]
Daher ist auch die wahre Ordnung der Nächstenliebe nur diejenige, so jemand
seinen Bruder aus dem Herrn liebt. Im Gegenteil aber, wenn jemand den Herrn
liebt aus seinen Brüdern, ist das dann eine umgekehrte Ordnung, welche mit der
ersten Ordnung in keinem harmonischen Zusammenhange steht. Warum denn? Weil es
doch hoffentlich natürlicher ist, in dem, in dem alles ist, auch alles zu
suchen, als in dem, da noch bei weitem nicht alles ist, das vollkommenste Alles
zu suchen. Oder noch deutlicher gesprochen:
[GS.02_005,10]
Es ist doch sicher geordneter, in Gott alle seine Brüder zu suchen, als in
seinen Brüdern den unendlichen Gott! In Gott wird sogar ein jeder alles finden,
aber in seinem Bruder dürfte es wohl manchmal sehr stark im Zwielichte stehen,
das allerhöchste Wesen Gottes zu finden. Er findet es wohl auch; aber es ist
ein großer Unterschied zwischen dem Finden und Finden.
[GS.02_005,11]
Diesen Unterschied könnet ihr irdischermaßen also bemessen, als so ihr da
hättet ein gutes Fernrohr. Sehet ihr am rechten Orte durch dasselbe, d.h. daß
ihr das große Objektivglas nach außen wendet und die kleinen Okulargläser ans
Auge setzet, so werdet ihr damit die Gegenstände, die ihr beschauet auch in der
natürlichen Vergrößerung finden; denn hier schauet ihr wie aus dem Zentrum des
Objektivglases Strahlenweite hinaus. Wenn ihr aber das Fernrohr umkehrt, so
werdet ihr zwar wohl auch die Gegenstände erblicken, welche ihr früher erblickt
habt; aber diese Gegenstände werden ums eben so Vielfache verkleinert
erscheinen, als sie ehedem vergrößert dastanden, und ihr werdet euch eine ganz
entsetzlich große Mühe nehmen müssen, wenn ihr nur einigermaßen entfernte
Gegenstände werdet erblicken und dieselben völlig erkennen wollen.
[GS.02_005,12]
Ihr fraget, ob das geistig genommen gesündiget ist oder nicht. O nein!
Gesündigt ist es durchaus nicht. Denn wenn ihr durch ein umgekehrtes Fernrohr
die Gegenden betrachtet, so werden sie euch auch gar schön und wunderlieblich
vorkommen, nur wird es euch, wie gesagt, sehr viele Mühe kosten, sie nur
einigermaßen zu erkennen als das, was sie sind.
[GS.02_005,13]
Also ist es auch mit der Liebe zum Herrn aus dem Nächsten. Der Herr ist wohl in
einem jeden Bruder, denn Er ist ja das Leben Selbst in einem jeden, aber im
kleinsten Abbilde, also, wie der Mensch selbst des ganzen unendlichen Himmels
kleinstes Abbild ist, oder – der Mensch ist ein Himmel in kleinster Gestalt.
[GS.02_005,14]
Wer aber aus dem Herrn den Bruder liebt, der schaut aus dem Zentrum des
Strahlenbrennpunktes, vom Objektive seines Fernrohres ausgehend, alle seine
Brüder liebend an und sieht da in seinen Brüdern viel mehr, als was er ehedem
gesehen hat.
[GS.02_005,15]
Ehedem sah und gewahrte er eigentlich vielmehr, daß in seinen Brüdern ein
göttlicher Funke wohne, und sah somit eine Menge göttlicher Fünklein. Jetzt
aber sieht er in seinen Brüdern, daß der Herr in ihnen alles in allem ist, und
statt der Fünklein sieht er jetzt große Sonnen in seinen Brüdern flammen, aus
deren Lichte sich fortwährend neue herrliche Formen gleich wunderbaren
Schöpfungen Gottes entwickeln.
[GS.02_005,16]
Ich meine, solches dürfte euch nun klar sein, und wir wollen daher jetzt sehen,
wie wir unsere Wortmusik aus dem allem herausbekommen werden. Ich sage euch,
nichts leichter als nun das. Nur eine Frage müssen wir noch voransenden und
diese ist: Was ist denn eigentlich die Musik – in sich? Die Musik, in irdischer
Form nur betrachtet, ist nichts als ein durch Tonmittel für die äußeren
gröberen Sinne vernehmbar gemachtes und gewisserart verkörpertes Darstellen des
inneren harmonischen Gefühles.
[GS.02_005,17]
Wenn aber das also dargestellte innere harmonische Gefühl äußerlich dargestellt
Musik ist, so wird doch etwa das Gefühl in sich selbst um so mehr die wahre
Musik sein, da es der Grund der äußeren Musik ist.
[GS.02_005,18]
Wir Geister fühlen in unserer seligen Liebesättigung und denken durch die aus
dem Liebelichte in uns entstandenen Formen aus dem Herrn. Dieses Fühlen und
Denken ist unsere allergrößte Seligkeit, weil sich eben darin das Leben des
Herrn in uns ausspricht.
[GS.02_005,19]
Denket euch nun die Harmonie. Der Herr ist in uns das Grundwort, also der
Grundton, unsere Sättigung aus dem Herrn ist das zweite harmonische Intervall,
das Licht aus dieser Sättigung ist das dritte harmonische Intervall, die Formen
aus dem Lichte sind, was ihr Melodie nennt.
[GS.02_005,20]
Ihr habt aber in eurer Musik, damit sie vollendeter und ein wohl
zusammengreifendes Ganzes sei, einen Kontrapunkt, da ihr eine Melodie auf eine
lebendige Weise begleitet und diese Begleitung in sich selbst ebenfalls als ein
reines Thema aufgestellt werden kann.
[GS.02_005,21]
Wir wollen sehen, ob sich solches auch in unserer Grundmusik vorfindet. Ganz
sicher; denn was ist der gegenseitige Ideen- und Formenaustausch, oder der
Austausch unserer inneren, seligsten Gefühle anderes als ein wahrhaft
himmlischmusikalischer Kontrapunkt, da ein seliger Bruder die Seligkeit seines
Bruders aufnimmt und dieselbe mit der Seligkeit der anderen harmonisch
verbindet. Auf diese Weise wird dann das selige ineinander Überströmen und
Verbinden und wieder Lösen gleich einem nach eurer Art allerkunstvollst
gebauten großen himmlischen Oratorium! – Versteht ihr nun solches?
[GS.02_005,22]
Ihr fraget, ob man dergleichen Musik immer hört? Ich aber frage euch: Wann
höret denn ihr auf der Erde eine Musik? Ihr saget: Wenn sich Musiker zu einem
solchen Zwecke vereinen und dann nach dem vorbeschriebenen Zeichen anfangen,
ihren Tonwerkzeugen die Töne zu entlocken. Gut, sage ich euch; also ist es auch
mit der Grundmusik in dem Himmel der Fall.
[GS.02_005,23]
Bei solchen Gelegenheiten, wo der Herr also wieder einzieht, wie jetzt, wird
das selige Gefühl aller himmlischen Geister auf das Höchste getrieben, und
diese höchste Stufe des allerseligsten Gefühles spricht sich wie die
allerherrlichste Musik aus.
[GS.02_005,24]
Im gewöhnlichen Zustande aber spricht sich das Wort also aus wie bei euch.
Dessen ungeachtet aber hat dennoch jeder himmlische Geist hier das vollkommene
Vermögen in sich, alles, wenn er will, in vollster Harmonie in sich selbst zu
vernehmen, wie auch andere vernehmen zu lassen, was er in dieser harmonischen
Hinsicht denkt und fühlt.
[GS.02_005,25]
So könntest du, A. H. W., ein Tonwerk, das du auf der Erde nur einzeltönig
(successio) dichten und erfinden kannst, sogleich in dir selbst wie mit dem
größtmöglichsten Orchester aufgeführt vernehmen.
[GS.02_005,26]
Ich meine nun, daß euch bereits alles klar sein dürfte. Daher könnet ihr euch
nun im Geiste auch mit mir ein wenig vergnügen, wie die herrlichen Harmonien
aus den uns stets näher kommenden seligen Scharen an unser Ohr dringen.
[GS.02_005,27]
Sehet aber nun auch unseren Prior ein wenig an, wie er sich aus lauter
überseliger Wonne nicht mehr zu raten und zu helfen weiß und soeben den Herrn
fragt, was solches denn doch alles zu bedeuten habe. Der Herr aber spricht zu
ihm: Mein geliebter Sohn, habe nur noch eine kleine Geduld und empfinde der
Seligkeit ersten Grad; an Ort und Stelle soll dir alles klarwerden. Wir wollen
zuvor die Stadt erreichen und dann erst in der Stadt selbst das Weitere
abmachen.
[GS.02_005,28]
Sieh aber die erste kleine Schar, die Mir entgegenkommt, und rate, wer diese
sind, aus denen die Schar besteht?
[GS.02_005,29]
Der Prior spricht: O Herr! Woher sollte ich das aus mir nehmen? Daß es
überselige Brüder und Engel sind, das ist gewiß; wer sie aber namentlich sind,
das könnte ich wohl nimmer erraten.
[GS.02_005,30]
Der Herr spricht: Nun, so will Ich dir es denn kundgeben: das sind Meine
Brüder. Die ersten vorderen zwei sind der dir sicher wohlbekannte Petrus und
der Paulus, hinter dem Petrus einhergehend siehst du Meinen lieben Johannes,
hinter dem Johannes siehst du den Matthäus und Lukas. Der Markus aber folgt uns
und war derjenige, der euch zuerst von Mir gesandt aufsuchte. Und die noch mehr
rückwärts Folgenden sind die anderen Apostel. – Doch nun nichts mehr weiter,
sondern wie gesagt in der Stadt, Mein geliebter Sohn, wird erst die Enthüllung
folgen!
6. Kapitel –
Persönliche Einzelheiten der Apostel durch Insignien dargestellt.
[GS.02_006,01]
Sehet, wir sind am euch schon bekannten Stadttore, welches so wie die Mauer um
die Stadt und die Häuser in der Stadt gemacht ist aus allen Edelsteinen.
[GS.02_006,02]
Sehet in die Gasse, welche da genannt wird die Hauptstraße, die Straße des
Herrn und die Straße der Mitte alles Lichtes, wie in dieser Straße gar viele
allerseligste Engelsgeister, wie Kinder angetan, uns von allen Seiten
entgegenströmen.
[GS.02_006,03]
Sehet, alles ist voll des allerhöchsten Liebeweisheitsglanzes. Aber beschauet
dagegen den Herrn, der geht noch immer so einfach daher, wie wir Ihn vom
Anfange gesehen haben; ein blauer Rock ist alles, was Ihn ziert der äußeren
Erscheinlichkeit nach. Aber auch Seine Brüder gehen Ihm gleich einfach einher,
und wie ihr auch bemerken könnet, so trägt ein jeder ein kleines Zeichen wie
einen Orden am Rocke von dem, was ihn auf der Erde wesentlich unterschied von
einem andern seiner Brüder, wie auch, was er auf der Erde als naturmäßiger
Mensch zur Fristung seiner natürlichen Bedürfnisse für ein Gewerbe trieb.
[GS.02_006,04]
So werdet ihr bei dieser Gelegenheit den Petrus erschauen geziert mit zwei
Schlüsseln, die übers Kreuz gelegt sind. Unter den zwei Schlüsseln aber werdet
ihr ein Fischernetz in kleinem Maßstabe wie aus kleinen Diamanten gewirkt
erschauen. Die Bedeutung dieser beiden Insignien brauche ich euch wohl nicht
mehr zu erklären. Manchesmal bei besonderen Gelegenheiten bekommt so ein
Apostel noch mehrere Insignien. So erblickt man auch manchmal als eine
Bußzierde den Hahn wie auch ein Schwert.
[GS.02_006,05]
Sehet den Paulus an, der hat ein zweischneidiges Schwert; unter dem Schwerte
aber, mit farbigen Diamanten gewirkt, einen kleinen Teppich. Bei besonderen
Gelegenheiten hat er auch noch ein rötliches Pferd und über dem Pferde wie
einen Feuerstrahl, unter dem Pferde aber eine Rolle und einen Griffel. Und so
wie diese zwei ersten Apostel, so haben auch alle anderen bei solchen
Gelegenheiten auf ihren Kleidern auf ihr irdisches Leben und Wirken Bezug
habende Insignien.
[GS.02_006,06]
Diese Insignien sind von sehr großer Bedeutung und dienen ihren Inhabern im
allerhöchst und tiefst geistigen Sinne dazu, wozu einst nur äußerlich
vorbildlich in der jüdischen Kirche dem Hohenpriester seine Thumim- und
Urim-Täfelchen gedient haben. Denn auch hier sind die allerseligsten Geister
nicht in einem stets gleich hohen Grade der innersten Weisheit aus dem Herrn,
sondern darin findet auch hier ein Zustandswechsel statt, welcher zu
vergleichen ist mit dem Wirkungsstande und dem darauf erfolgten Raststande. Im
Wirkungsstande ist ein jeder nach Bedarf mit der tiefsten Weisheit des Herrn
ausgerüstet, im Raststande aber bedarf niemand solcher Tiefe, sondern auch hier
einer gewissen Sabbatruhe in der stillen himmlischen Liebe zum Herrn.
[GS.02_006,07]
Aus dem Grunde sind denn auch im Wirkensstande die Apostel wie auch alle
anderen seligen Geister mit ähnlichen Insignien versehen; nicht als ob sie
nicht ohne dieselben aus dem Herrn möchten in die Fülle der Weisheit gesetzt
werden, sondern weil diese Insignien gewisserart die Wurzel anzeigen wie auch
das ursprüngliche Samenkorn, aus welchem alle ihre Weisheit aus dem Herrn
hervorgegangen ist. Darum werden sie denn auch grundweise und wahrhaftige
„Fürsten des Himmels“ geheißen, was sie auch in aller Wahrheit sind.
[GS.02_006,08]
Aber nun sehet, wir befinden uns schon vor einem gar mächtig großen, überstark
glänzenden Palaste. Der Herr hält vor dem majestätischen Tore desselben, aus
welchem schon wieder neue herrliche Lobgesänge entgegenhallen, und spricht zum
Prior: Nun, mein geliebtester Sohn, hier sind wir in unserer unveränderlichen
ewigen Wohnung zu Hause. Wie gefällt es dir hier? Sage Mir, ob du eine große
Lust hättest, hier zu bleiben? – Der Prior spricht, in eine tausendfache Demut
versunken: O Herr, Du alleiniger ewiger König aller Majestät und Glorie! Du
Gott, heilig, überheilig, Du allmächtiger Schöpfer aller Himmel und aller
Welten! Als ich von Dir in den früheren Himmel geleitet ward, da blieb in
meinem Herzen aber dennoch so viel Raumes übrig, daß ich noch irgendeines
Wunsches fähig war. Aber hier, wo sich Deine unendliche Herrlichkeit in solch
einer nie geahnten endlosen Fülle darstellt und ich vor meinen Blicken wie
zahllose Schöpfungen auf- und untergehend erschaue und Deine endlos weiten
Pläne und Wege voll des allerhöchsten Lichtes, – da, o Herr, ist mein Herz vor
Dir nicht mehr fähig zu reden, denn zu groß, zu herrlich und heilig bist Du,
und ein unendliches Nichts bin ich vor Dir!
[GS.02_006,09]
In der vorigen Himmelsgegend, da hätte ich mich wohl noch zu wünschen getraut,
etwa ein allergeringster Hausknecht bei irgendeinem seligen Bruder zu sein.
Aber hier, wo mir alles so unendlich heilig vorkommt, wo ich mich kaum zu atmen
getraue und meinen allerunwürdigsten Fuß zu setzen auf den Boden dieser
allerheiligsten Stadt, der ja einen bei weitem größeren Lichtglanz von sich
strömen läßt als das Licht aller Sonnen zusammengenommen, und wo mich die zu
unendliche Majestät dieser heiligen Wohnungen und ihrer Einwohner zufolge
meiner gänzlichen Nichtigkeit ganz rein verzehrt, – da bleibt mir, o Herr, kein
Wunsch mehr übrig! Wenn ich Dich aber schon um etwas bitten dürfte, so wäre das
dahin gerichtet, daß Du mich irgendwo hinaus in so eine ganze einfache Hütte
möchtest verschieben lassen; denn dieser unendlichen Wonne und Seligkeit bin
ich zu unwürdig!
[GS.02_006,10]
Der Herr spricht: Aber mein lieber Sohn, dein größter Wunsch war ja doch der,
bei Mir zu sein. Wenn Ich aber nun hier wohne, wie magst du dich denn scheuen
vor Meiner Wohnung? Du hast dich doch selbst dahin ausgesprochen, sagend: O
Herr! Wo Du bist, da ist überall gut sein! Wenn Ich aber hier für ewig
beständig vorzugsweise zu Hause bin, soll demnach hier nicht gut sein, zu sein?
– Daher bedenke dich und rede!
[GS.02_006,11]
Der Prior spricht: O Herr, Du allerbester, allmächtiger, heiliger Vater! Mit
diesem meinem Ausspruche wird es wohl ewig seine Richtigkeit haben wie auch
damit, daß es hier nur zu unendlich wonnig und selig zu wohnen wäre. Aber nur
das einzige, o Herr, bemerke ich hier, daß allhier lauter Fürsten wohnen, und
keiner von ihnen hat irgendeinen Knecht und geringen Diener. Wenn es möglich
wäre, irgendwo in einem allerletzten Winkel dieser heiligen Stadt so ein
Dienstplätzchen zu bekommen von der möglichst allergeringsten Art, vorausgesetzt,
daß hier dergleichen Dienstposten existieren, da möchte ich mir freilich hier
vor allen anderen Plätzen in der ganzen Unendlichkeit ein solches Plätzchen von
Dir erbitten. Aber in so einem Palaste, wie dieser da ist, vor dessen Tor wir
nun stehen, da kommt mir schon der möglichst allergeringste Posten zu endlos
groß, wichtig und heilig vor, als daß ich mich nur höchst entferntermaßen
demselben nähern könnte.
[GS.02_006,12]
Der Herr spricht: Hast du denn nicht gehört, daß in Meinem Reiche derjenige der
Größte ist, welcher der Kleinste und Letzte sein will? Wenn du demnach gar so
klein hinaus willst, da bleibt Mir nichts anderes übrig, als dich zum möglichst
Größten hier zu machen.
[GS.02_006,13]
Der Prior spricht: O Herr, Du allerbester, heiligster Vater! Wenn ich bestimmt
wüßte, daß hier derjenige im Ernste der Geringste und am wenigsten Bedeutende
ist, der sich für den Vorzüglichsten und Größten hält, da mache mich nur
geschwinde zum größten und glänzendsten Fürsten dieser Stadt, damit ich darob
der Unbedeutendste und Allergeringfügigste werde!
[GS.02_006,14]
Der Herr spricht: Mein geliebtester Sohn! Wer nach deiner Art groß werden will,
der ist bei Mir wahrhaftig groß. Daher sage Ich dir aber nun auch: Nicht ein
Diener und nicht ein Knecht in diesem Wohnhause sollst du Mir sein, sondern
dieses Haus habe Ich für dich errichtet zum ewig eigentümlichen herrlichen
Besitze. Daher ziehe hier mit deinem Weibe und deinem Bruder an Meiner Seite
ein. Ich will dich hier installieren und dir die Herrschaft über dieses ganze
Haus einräumen. Die Dienerschaft dieses Hauses hast du schon gesehen. Sie
besteht aus jenen seligen Geistern, die uns beim ersten Eintritte in dieses
Mein Reich in zahllosen Heerscharen entgegengekommen sind. – Und so ziehe mit
Mir ein, und Ich werde dir in diesem deinem Hause erst deine volle ewige
Bestimmung enthüllen!
7. Kapitel – Die
Abendmahlstafel mit Lamm, Brot und Wein.
[GS.02_007,01]
Nun sehet da gerade vor uns eine breite, glänzende Treppe, welche mit lauter
wie von durchsichtigem Golde angefertigten Geländern versehen ist. Diese Treppe
führt hinauf in die mittlere Herrnwohnung. Unsere Gesellschaft bewegt sich nun
hinauf, begleitet von den Aposteln; also folgen auch wir ihnen nach. – Hier
sind wir schon am Eingangstore in den großen Herrnsaal. Der Herr öffnet die
Türe, und wir alle ziehen hinein in den Saal. Sehet, welche unendliche Pracht
und Herrlichkeit in diesem übergroßen Herrnsaale anzutreffen ist! Der Boden ist
ebenfalls wie von durchsichtigem Golde, und wenn ihr deutlich auf denselben
sehet, so werdet ihr aus diesem Golde allenthalben eine Schrift schimmern
sehen.
[GS.02_007,02]
Was etwa wohl diese Schrift besagt? Ich sage euch: Nichts mehr und nichts
weniger, als alle die Taten, welche unser Prior aus seiner wahren inneren Liebe
verrichtet hat. – Dann sehet zu beiden Seiten des großen Saales fünf rote
leuchtende Säulen, welche aussehen wie weißglühendes Erz in einer
viertelstundweiten Entfernung auf der Erde betrachtet, allwo es hellrötlich
aussieht, und das zwar zufolge der Dichtigkeit der Luft, durch welche so ein
Strahl sich durcharbeiten muß. Nur ist natürlicherweise, wie ihr es im Geiste
hier erschauen könnet, das Leuchten dieser Säulen ums Unaussprechliche stärker.
[GS.02_007,03]
Sehet aber nun auch auf die Fußgestelle dieser großen Säulen, wie sie ebenfalls
wieder allenthalben geschmückt sind mit einer mehr denn alle Sonnen stark
leuchtenden Schrift. Leset es und ihr werdet finden, daß darauf die zehn Gebote
gezeichnet sind. Betrachtet aber die Schrift noch näher, und ihr werdet in
einem jeden einzelnen Buchstaben eine kleinere Schrift entdecken, aus welcher
Schrift der innere Sinn der Gebote erkannt werden kann.
[GS.02_007,04]
Sehet aber auch in die Höhe, und ihr werdet von einer jeden Säule einen
weißglänzenden überherrlichen Bogen gegen die Mitte des hohen Plafonds
strahlenförmig hin- und zusammenlaufen sehen. Auf dem Punkte, wo die Bögen sich
strahlenförmig ergreifen, seht ihr eine mächtig stark leuchtende Sonne, und
mitten in der Sonne werdet ihr mit hellrot flammender Schrift das endlos viel
bedeutende Wort Liebe gezeichnet finden.
[GS.02_007,05]
Sehet aber auch die Wände dieses Saales an, welche aus den allerkostbarsten
Edelsteinen erbaut sind. Nähert euch einem Teile der Wand und betrachtet sie
genau, und ihr werdet allenthalben eine Schrift entdecken, und zwar in der
Mitte der Gesteine gleich kleinen Sternchen schimmernd. Und wenn ihr nur ein
wenig wollet zu lesen anfangen, so werdet ihr alsbald finden, daß diese Schrift
das Wort Gottes enthält, und zwar im Buchstabensinne zuerst, etwas tiefer im
Steine den geistigen und noch tiefer und zumeist in der Höhe den himmlischen
Sinn darstellend. Diese vier Wände enthalten nur die vier euch bekannten
Evangelien; die beiden langen Seitenwände den Matthäus und Lukas, die schmäleren
Wände des Hinter- und Vordergrundes den Markus und Johannes.
[GS.02_007,06]
Ihr möchtet wohl auch wissen, ob hier nirgends auch das Alte Testament zu
erblicken ist? Hier in diesem Gebäudeteile nicht; aber was ihr gewisserart bei
euch „zu ebener Erde“ nennt, das ist alles gebaut aus dem Alten Testamente, und
was ihr bei euch auf der Erde die unsichtbare Grundfeste des Hauses nennet, das
besteht aus der Urkirche der Erde.
[GS.02_007,07]
Nun aber sehet auf den Vordergrund hin; da werdet ihr eine herrliche Tafel
gedeckt erschauen, ein wie gebratenes Lamm in der Mitte in einer goldenen
Schüssel, einen Laib Brotes daneben und einen großen Kelch voll des
herrlichsten Weines.
[GS.02_007,08]
Sehet, nun spricht der Herr zum Prior: Mein geliebter Sohn, siehe hier eine
andere Tafel; wie kommt sie dir vor? Der Prior spricht: O Herr, Du
allerliebevollster heiliger Vater! Obschon die endlose Herrlichkeit dieses
Saales mich zu Boden drückt, so bemerke ich aber dennoch, daß diese Tafel eine
überaus starke Ähnlichkeit mit derjenigen hat, welche Du auf Erden vor Deinem
bitteren Leiden mit Deinen lieben Aposteln und Jüngern gehalten hast.
[GS.02_007,09]
Der Herr spricht: Mein geliebter Sohn, du hast recht gesprochen, denn also
sprach Ich ja an der Tafel, daß Ich weder von dem Lamme noch von dem Weine eher
etwas mehr genießen werde, als bis es im Reiche Gottes, also in Meinem Reiche,
neu bereitet wird. – Siehe, hier ist es neu bereitet! Hier wollen wir demnach
dieses Mahl wieder miteinander halten und wollen dabei nicht mehr in die
Traurigkeit, sondern in die allerhöchste Freude übergehen. Daher setzet euch
alle mit Mir zu dieser Tafel, und zwar in der Ordnung, wie wir auf der Erde
gesessen sind.
[GS.02_007,10]
Du fragst zwar hier auch nach dem Judas, ob dieser auch bei der Tafel sein
wird. Was meinst du wohl, ob sich der Verräter hierher schicken möchte? – Der
Prior spricht: O Herr, Du allerliebevollster heiliger Vater! Ich weiß wohl, daß
Deine Gerechtigkeit so groß ist wie Deine Liebe, Gnade und Erbarmung. Aber
dessen ungeachtet, ich muß es Dir offen bekennen, würde es mir dennoch etwas
hart geschehen, wenn ich diesen verlornen Apostel im Ernste für ewig missen
müßte; denn Du hast ja selbst gesagt, daß dieser eine verloren ging, damit die
Schrift erfüllet werde. Dieser Text hat mich denn auch heimlich in Hinsicht
dieses unglücklichen Apostels stets mit einem kleinen Trost erfüllt, denn ich
sagte zu mir: Der Judas mußte vielleicht, wenn schon nach seiner freien Wahl,
auch so ein Dir dienendes Werkzeug sein, also ein Apostel der Toten, damit eben
durch seinen Verrat Dein sicher von Ewigkeit vorbestimmter heiliger Plan in die
allerheiligst herrlichste Ausführung kam! – Siehe, o Herr, Du
allerliebevollster heiliger Vater! Solches flößte mir dann immer eine selige
Hoffnung für den armen, unglücklichen Apostel ein. Noch mehr aber ward ich
allzeit dadurch beruhigt, wenn ich bedachte, wie Du am Kreuze den Vater in Dir
für alle Deine Feinde um Vergebung batest; und da konnte ich denn den armen
Judas trotz seines Selbstmordes nicht ausschließen. Dazu war ja auch doch
offenbar an dieser seiner letzten Tat nach der Schrift der in ihn fahrende
Teufel schuld. Daher also möchte ich wohl auch diesen Apostel, wenn schon nicht
hier, so aber doch wenigstens irgendwo nicht im höchsten Grade unglücklich
wissen.
[GS.02_007,11]
Der Herr spricht: Höre, Mein geliebter Sohn, es gibt nicht einen, sondern zwei
Judas Iskariot. Der erste ist der Mensch, der mit Mir auf der Erde gelebt, und
der andere ist der Satan, der in seiner damaligen Freiheit sich diesen Menschen
zinspflichtig gemacht hatte. Dieser zweite Judas Iskariot ist wohl noch gar
vollkommenst der Grund der alleruntersten Hölle, – aber nicht also der Mensch
Iskariot, denn diesem ward es vergeben, und in wie weit, brauchst du dich nur
umzusehen. Denn derjenige, der soeben mit deinem Bruder spricht und nun auch
einen Liebeverrat begeht, indem er deinem Bruder schon im voraus Meine große
Liebe zeigt, ist eben derjenige Judas Iskariot, um den du besorgt warst. Bist
du nun zufrieden mit Mir?
[GS.02_007,12] Der
Prior, vor Liebe zum Herrn beinahe vergehend, spricht: O Herr, Du
allerunendlichst liebevollster, allerheiligster Vater! Wahrlich wahr, ich habe
Dich mir wohl allzeit allerhöchst liebevoll und endlos gut vorgestellt. Dessen
ungeachtet aber hätte ich mir nie zu denken getraut, daß sich Deine unendliche
Erbarmung, Gnade und Liebe auch bis zum Judas erstrecken sollten! Denn auf der
Erde hätte ich mich mit einem solchen Gedanken sicher für grob versündigt
geglaubt. Aber nun sehe ich, wie endlos weit Deine unendliche Güte, Gnade und
Erbarmung alle menschlichen Vorstellungen übertreffen. – O Herr, was soll ich
denn tun? Wie soll ich Dich denn lieben, daß ich doch nur einigermaßen in
meinem Herzen solcher Deiner unendlichen Liebe entsprechen könnte?
[GS.02_007,13]
Der Herr umarmt den Prior, drückt ihn an Seine Brust und spricht zu ihm: Siehe,
Mein geliebter Sohn, also wie du Mich jetzt liebst, gibst du Mir den größten
Ersatz für Meine unendliche Liebe. Daher gehe nun aber auch mit Mir an den
Tisch und esse und trinke das wahre lebendige Abendmahl, damit du in diesem
Genusse alle die Stärkung überkommst, welche dir, einem großen Fürsten in
diesem Meinem Reiche, stets und ewig wachsend vonnöten ist!
[GS.02_007,14]
Sehet, nun setzen sie sich alle zur Tafel und an der rechten Seite des Herrn
nimmt der Prior mit seinem Weibe und seinem Bruder Platz. Zur linken Seite
sehet ihr den Johannes, dann gleich nach ihm den Petrus und dann den Paulus
sowie auch die anderen Apostel und Jünger.
[GS.02_007,15]
An der rechten Seite des armen Bruders des Priors sitzt der Judas und nach ihm
noch einige andere, die ich euch hier noch nicht nennen will. Weiter herüber
sehet ihr auch unseren Joseph und neben ihm die Maria; neben der Maria die
Magdalena und noch andere euch wohlbekannte weibliche Wesen. Daneben sehet ihr
den Lazarus, den Nikodemus und noch einige große Freunde des Herrn.
[GS.02_007,16]
Ihr fraget nun, da noch mehrere Stühle unbesetzt sind, ob sich darauf niemand
setzen wird? Ja, meine lieben Freunde und Brüder, auch ich muß mich zu Tische
setzen und ihr, als noch irdische Geister, dürfet nicht aus meiner Sphäre.
Daher wird nichts anderes übrigbleiben, als daß wir nach der geheimen Beheißung
des Herrn die drei noch leer gelassenen Stühle in Beschlag nehmen. Daher folget
mir nur mutig zur Tafel und esset und trinket dort mir und allen andern gleich.
[GS.02_007,17]
Wenn ihr an dieser Tafel – wenn auch für eure Sinne unfühlbar, werdet gespeist
haben, so wird euch ein inneres, euren Geist sättigendes Gefühl sagen, daß ihr
im Geiste an dieser Tafel gespeist habt. Es wird euch daraus eine große,
bedeutende Stärkung werden, welche ihr gar wohl empfinden werdet. – Scheuet
euch nicht, sondern in eurer Demut und Liebe genießet das Mahl des ewigen
Lebens. Und so denn folget mir ganz beherzt und unbedenklich zur Tafel!
8. Kapitel – Die
große Bedeutung dieses Mahles, besonders für die Erde. Austritt aus der Sphäre
des Markus.
[GS.02_008,01]
Da wir uns nun bei der Tafel befinden, so wollen wir auch an dem hohen Schatze
der Tafel teilnehmen. Höret aber, was der Herr vor dem Mahle spricht, indem Er
sagt: Meine geliebten Kindlein! Als Ich einst auf Erden nach Meiner
Auferstehung zu euch kam, da fragte ich euch, indem ihr etwas hungrig waret und
eben nicht viel zu essen hattet: „Kindlein, habt ihr nichts zu essen?“ – Da
zeigtet ihr Mir etwas Brot und etliche Fische. Ich segnete euch die Fische und
das Brot und setzte Mich dann mit euch zu Tische und aß mit euch. Nun frage Ich
euch nicht mehr, ob ihr zu essen oder nicht zu essen habt, sondern aus Meinem
unendlichen Schatze und Vorrate habt ihr in endloser Fülle ewig genug. Aber
soll darum dieses von Mir auf Erden ausgesprochene Wort für hier keine Geltung
haben?
[GS.02_008,02]
Ich sage euch: Diese Frage soll hier noch mehr eine vollkommene Geltung haben
denn auf der Erde, und Ich kann aus diesem Meinem Reiche allezeit diese höchst
gewichtige Frage tun: Kindlein, habt ihr nichts zu essen? Ihr werdet Mir darauf
antworten:
[GS.02_008,03] O
liebevollster Vater! Wir haben hier in Deinem großen Hause nur zu unendlich
viel zu essen. Ich aber sage euch:
[GS.02_008,04]
Diese Frage soll von Mir aus nicht an euch gestellt sein, als beträfe sie euch,
sondern diese Frage soll also gestellt sein, daß sie von Mir aus durch euch
hinab zu Meinen Kindern auf die Erde dringen solle und durch diese übergehen in
die ganze Unendlichkeit. Die Kinder auf der Erde sind nun in dem Zustande, in
welchem ihr waret alsbald nach Meiner Auferstehung. Sie sind voll trauriger
Gedanken- und wissen noch nicht, was mit dem Herrn geschehen ist. Sie haben
ebenfalls nur eine dürftige Nahrung, die da gleicht den Fischen und dem Brote,
das ihr hattet.
[GS.02_008,05]
„Die Fische“ sind das Alte, und „das Brot“ das Neue Testament. Wie aber diese
Speise ist bei den Kindern auf der Erde zum Teil versalzen, zum Teil
verschimmelt, zum Teil ausgetrocknet, so ist es hier unter uns um so mehr an
der Zeit, uns nun öfter mit dieser Frage an diese Kindlein zu wenden und sie zu
fragen: Kindlein! habt ihr nichts zu essen?
[GS.02_008,06]
Sie werden uns ihren Vorrat vorweisen, und wir wollen ihnen diese Speise segnen
zum guten, lebendigen Gedeihen, wie Ich euch eure Fischlein und euer Brot
gesegnet habe. Wir wollen uns dann mit ihnen zum Tische ihres Glaubens und
ihrer Liebe setzen und mit ihnen essen, d.h. wir wollen sie im Geiste und in
der Wahrheit aus ihrem schwachen Vorrate die wahren Wege zum ewigen Leben
kennen lehren!
[GS.02_008,07]
Sehet, hier ist die Mahlzeit, die Tafel gedeckt mit dem wohlbereiteten Lamme,
Brote und Weine. „Das Lamm“, eine Speise gleich Meinem Herzen, „das Brot“, eine
Speise gleich Meiner Liebe und Erbarmung, „der Wein“ ein Trank aus Meiner
unendlichen Weisheit Fülle.
[GS.02_008,08]
Ihr genießet es mit Mir, und Ich habe nicht nötig, euch zu fragen: Kindlein,
habt ihr etwas zu essen? Aber so ihr es genießet mit Mir, da gedenket der armen
Kindlein auf der Erde und fraget sie aus Meiner höchsten Liebe in euch:
Kindlein, Brüder und Schwestern, habt ihr etwas zu essen? Und die Kindlein
werden euch erwidern: O Brüder! Sehet uns an in unserer großen Armut; ein wenig
hartes Brot und etliche stark versalzene Fischlein ist all unsere Habe! Machet
sie uns nur einigermaßen genießbar.
[GS.02_008,09]
Wenn ihr solches vernehmen werdet, da kehret euch hin zu ihnen und bringet
ihnen die lebendigen Überreste von dieser Tafel, d.h. gebet ihnen eine
lebendige Erleuchtung; helfet ihnen reinigen ihr Gemach, damit Ich auch bei
ihnen einziehen kann und sie dann Selbst frage: Kindlein! Habt ihr nichts zu
essen?
[GS.02_008,10]
Und wenn sie dann sagen werden: O Herr, Du liebevollster Vater! Siehe, ein
wenig Brot und einige Fischlein haben wir, so werde Ich dann zu ihnen sagen:
Bringet alles her, was ihr habt, und Ich will es euch segnen mit Meiner Liebe,
Gnade und Erbarmung und will euch geben nun ein lebendiges, inneres, geistiges
Brot! So ihr dieses Brot essen werdet und trinken von Meinem Weine, so werden
dadurch euer hart gewordenes Brot und eure versalzenen Fische erweicht und
gereinigt und euch also zu einer lebendigen Speise werden, an welcher ihr euch
hinreichend sättigen werdet zum ewigen Leben.
[GS.02_008,11]
Also, Meine lieben Kinder, Brüder und Freunde, ist diese einst von Mir an euch
gestellte Frage auch hier von der größten Wichtigkeit und von der allertiefsten
Bedeutung!
[GS.02_008,12]
Esset also nun mit Mir und trinket und seid dabei in aller Liebe eingedenk
derjenigen, die noch in der Tiefe ihres Fleisches wohnen, und nicht erschauen
können Mein Reich, Meine Gnade, Meine Liebe und Erbarmung! –
[GS.02_008,13]
Sehet, nun zerteilt der Herr das Lamm, wie auch das Brot und teilt es an alle
aus. Nun ist es ausgeteilt; wir haben unsere Portionen vor uns, danken wir
dafür dem heiligen Geber so guter Gaben und genießen dann in Freude und großer
Liebewonne unseres Herzens dies heilige Mahl des ewigen Lebens!
[GS.02_008,14]
Sehet, alle greifen nun nach dem dargereichten Mahle und verzehren dasselbe mit
großer, freudiger Rührung im Hinblick auf den allerliebevollsten heiligen
Geber. Also greifen auch wir darnach und tun, was die andern tun.
[GS.02_008,15] Wir
zehren nun an dem heiligen Mahle des Lebens. Wie herrlich, wie wohlschmeckend,
wie stärkend und belebend ist es! Mit jedem Schlucke empfinden wir, als würden
unsere Blicke in die unendlichen Tiefen der göttlichen Gnade erweitert, und
desto heller fängt die Flamme der ewigen Liebe in unsern Herzen zu lodern an.
Mit dem Genusse des Fleisches enthüllen sich wunderbare neue große Gedanken
Gottes in uns. Mit dem Genusse des Brotes werden diese großen Gedanken zu einer
endlos großen neuen Wirklichkeit, und mit dem Genusse des Weines strömt in die
neuen Schöpfungen ein neues wunderbarst herrliches Leben über. Wir sehen in dem
Gesamtgenusse eine Vollendung, vor deren Größe, Erhabenheit, Herrlichkeit und
Heiligkeit aus dem Herrn selbst unsere allergrößten himmlischen Gedanken und
Gefühle wonnigst angenehm erschauern und vor dem Herrn wie in ein Nichts
herabsinken!
[GS.02_008,16]
Was saget ihr, meine lieben Freunde und Brüder, zu dieser Mahlzeit? Ihr seid,
wie ich merke, stumm vor der zu großen Enthüllung, welche euch samt mir ward in
diesem Mahle.
[GS.02_008,17]
Ich aber sage euch: Bei solchen Gelegenheiten geht es niemandem aus uns auch
nur um ein Haar besser. Denn niemals ist der Herr größer und unerforschlich
wunderbarer als eben in solchen Momenten, da Er sich am allermeisten herabläßt
zu Seinen Kindern!
[GS.02_008,18]
Er liebt zwar fortwährend alle Seine Kinder gleich mächtig, aber nicht immer
läßt Er sie die große Macht Seiner Liebe in aller Fülle empfinden. In solchen
Momenten aber läßt Er solches zu. Daher sind dann aber auch Seine Kinder von
einer solchen Seligkeitsfülle durchdrungen, daß sie von der größten Liebe zum
Herrn ergriffen werden, aber zugleich auch die größte Demut in ihren Herzen zu
Ihm empfinden.
[GS.02_008,19]
Nun aber ist, wie ihr sehet, die Tafel auch schon zu Ende, und der Herr wendet
sich an den Prior und spricht zu ihm: Nun, Mein geliebter Sohn, wie hat dir
Meine Mahlzeit geschmeckt?
[GS.02_008,20]
Der Prior spricht ganz zerknirscht: O Herr, Du allerbester, allerliebevollster,
allerheiligster Vater! Diese Deine Mahlzeit hat mir nicht nur unendlich wohl
geschmeckt, sondern ich bin dadurch mit einem neuen Leben erfüllt worden. Nun
ist mir alles klar. Ich sehe nun meine Bestimmung, und Deine unendlich
wunderbaren Wege, auf welchen Du Deine Kinder zum Leben führest, sind enthüllt
vor mir.
[GS.02_008,21]
Ich weiß nun, was ich zu tun habe, und meine größte Wonne sehe ich wie einen
klar vorgezeichneten Weg vor mir, wie ich zu gehen und zu wirken habe. Endlos
groß ist zwar der Wirkungskreis, den Du mir allergnädigst als einem
unwürdigsten Diener zugeteilt hast. Aber ich sehe ja auch, wie Du nur allein
alles in allem bist, und wie leicht mit Dir die größten Dinge zu vollenden
sind!
[GS.02_008,22]
Daher bin ich denn nun auch überseligst froh darüber, daß Du mir einen solchen
Wirkungskreis erteilt hast, und freue mich endlos darauf, wann es Dir
wohlgefallen wird, mich den ersten Dienst tun zu lassen in Deinem Reiche!
[GS.02_008,23]
Nur eines, o Herr und allerheiligster, liebevollster Vater, ist mir noch ein
wenig unklar, nämlich hinsichtlich der Bewohnung dieses Hauses und hinsichtlich
derjenigen Dienerschaft, die Du mir schon außer der Stadt in Deinem Reiche
gezeigt hast. Soll wohl ich auch in diesem Deinem Hause wohnen oder wird mir
irgendeine andere Wohnung beschieden und werden dann diejenigen seligen
dienenden Geister auch in dem Hause wohnen, wo ich wohnen werde in dieser
Stadt?
[GS.02_008,24]
Der Herr spricht: Mein geliebter Sohn, siehe, diese ganze Stadt ist im Grunde
des Grundes Mein großes Wohnhaus; dessen ungeachtet aber ist dennoch eben
dieser Teil, in dem wir uns hier befinden, gewisserart Meine Hauptresidenz, und
Ich bin hier der vollkommenste Hausherr.
[GS.02_008,25]
Viele Geister wohnen in abgesonderten Häusern dieser Stadt, und diese Häuser
sind ihnen ein vollkommenes ewiges Eigentum. Gar viele Häuser dieser, Ich sage
dir, endlos großen Stadt sind schon bewohnt. Aber noch gar endlos viele stehen
leer, darum Ich dir denn auch gar leicht ein eigentümlich Haus geben könnte.
Allein Ich will solches nicht, sondern Ich will dich behalten samt deinem Weibe
und deinem Bruder in dieser Meiner Hauptresidenz. Alle, die da an der Tafel
gespeist haben, sind Bewohner dieser Meiner Residenz und sind darum aus Mir die
Hauptgrundfesten Meines Himmels und die Hauptlenker Meiner Schöpfungen. Sonach
denn verbleibe auch du hier für ewig bei Mir! Was die Dienerschaft betrifft, so
wohnt sie nicht in der Stadt, sondern ihre Wohnungen sind in den endlos weiten
Umkreisen dieser Stadt; aber du hast sie alle in dir. Den du willst, den rufe
in dir, und er wird da sein.
[GS.02_008,26]
Wenn Ich dich absenden werde auf eine oder die andere Welt, da rufe zu dir die
Geister eben dieser Welt, und du wirst in der Sphäre dieser Geister ihre Welt
und das Bedürfnis dieser Welt erschauen. Hast du solches erschaut, dann rufe in
deinem Herzen die Macht Meiner Liebe hervor, und wirke aus dieser dem
Bedürfnisse einer oder der andern Welt wohl entsprechend.
[GS.02_008,27]
Ich könnte dir auch alle die Sphären mit einem Blicke erschaulich machen, aber
du würdest dadurch eines mächtigen Grades der Seligkeit beraubt werden. Daher
sollst du – deiner eigenen, größtmöglichsten Seligkeit wegen – eine Welt erst dann
erschauen in all ihrer von Mir ausgehenden Wunderfülle und Tiefe, wenn du auf
einer oder der anderen Welt wirst aus Meiner Liebe heraus zu tun haben. Siehe,
hier aber gleich anstoßend an diesen Saal ist eine große Wohnung; in dieser
wirst du deine bleibende Stätte antreffen und wirst nachbarlich wohnen mit
allen diesen Meinen Kindern, Brüdern und Freunden. Du möchtest zwar wohl auch
wissen, wo denn so ganz eigentlich in diesem Hause Meine Wohngemächer sind?
[GS.02_008,28]
Ich sage dir: Ich habe in diesem Hause keine eigentümlichen Wohngemächer, die
Ich als ein unmittelbarer Herr bewohnen möchte, sondern Ich wohne stets unter
euch, bald bei dem einen, bald bei dem andern. Und dieser Saal ist unser
Ratssaal; von da aus geht es allzeit ans Geschäft. So werden auch soeben jetzt
mehrere – zufolge Meiner ersten Tafelanrede – zur Erde hinabgehen und dort an
die Kinder Meine Frage tun. Du aber sollst erst nach einer nächsten Mahlzeit
ein gar wichtiges Geschäft überkommen.
[GS.02_008,29]
Wenn du dich aber unterdessen manchmal mit Meinen Kindern aus dem Alten
Testamente besprechen willst, so laß dich nur hinabgeleiten zu ebener Erde; da
wirst du sie alle antreffen. Und somit segne ich dich wie alle die hier
Anwesenden und durch sie die ganze Unendlichkeit und hebe somit die Tafel auf!
–
[GS.02_008,30]
Sehet, nun erhebt sich alles von der Tafel, und alles dankt und lobt den Herrn.
Und der Herr geht hin und umarmt einen jeden und segnet ihn noch
sonderheitlich! Alles geht nun auch seiner neuen Bestimmung zu, und der Herr
führt unseren Prior, sein Weib und den armen Bruder in die bestimmte Wohnung
und spricht zum armen Bruder: Siehe, du hast noch kein Weib, es ist aber eines
schon auf dem Erdkörper für dich bestimmt. Wenn dieses hier ankommen wird, da
sollst du mit demselben in die Ehe treten. Unterdessen aber sei ein treuer
Bruder aller deiner Brüder, wie du dann ein lieber Bruder aller deiner Brüder
bist.
[GS.02_008,31]
Nun ist die große Installation geschehen. Ihr habt gar Wunderbares bei dieser
Führung mit angesehen. Bis hierher mußte ich euch führen; nun aber wird euch
ein anderer führen. Daher möget ihr nun wieder aus meiner Sphäre treten. – Ihr
seid hinausgetreten und sehet, da harret der Herr eurer am euch schon gar
wohlbesetzten Platze!
9. Kapitel –
Verschiedenheit der Sphäre jedes seligen Geistes. Grund – gegenseitige
Unentbehrlichkeit.
[GS.02_009,01]
Nun frage Ich, euer Hauptführer, euch wieder: Wie hat es euch behagt in der
Sphäre dieses Meines Bruders? Ich sehe in euch die Antwort mit gar vielen
Buchstaben geschrieben, und diese Antwort lautet: O Herr, Du
allerliebevollster, heiligster Vater! In der Sphäre dieses Geistes haben wir ja
doch Dinge geschaut, die von so außerordentlicher und wichtiger Art waren, daß
wir uns darüber gar nicht auszusprechen vermögen. Haben wir auch nicht alles
gesehen, wie Deine Wege überall beschaffen sind, so haben wir aber dennoch
einen so triftigen allgemeinen Überblick bekommen, wie Deine unendliche Liebe
und Weisheit die verirrten Schafe sucht und findet, daß wir demnach füglich
behaupten möchten, wir sind in der Sphäre dieses Geistes auf den Hauptpunkt
einer allgemeinen Übersicht geführt worden, von welchem aus wir alle die
Geisterwelt von der unvollkommensten bis zur allervollkommensten Sphäre haben
kennengelernt, wofür wir Dir ewig nie genug werden danken können. Ja, es kommt
uns nun also vor, als könnte man das Wesen des geistigen Reiches unmöglich mehr
triftiger durchgehen in der Kürze der Zeit, bezüglich des umfassenden Anblickes
und der Erfahrung, als wir in der Sphäre, dieses Brudergeistes aus Dir es
geschaut haben. –
[GS.02_009,02]
Ja, Meine lieben Kinder, solches ist sicher, richtig und wahr; ihr habt die
Verhältnisse im vollen Lichte der Wahrheit geschaut. Aber dessen ungeachtet
mache ich euch auf Mein schon vor eurem Eintritte in die geistigen Sphären
bekanntgemachtes Diorama aufmerksam, und demzufolge sage Ich euch, daß sich die
Dinge in der Geisterwelt in der Sphäre eines jeden einzelnen seligen Geistes
wieder ganz anders gestalten, und sind dann in dieser anderen Gestaltung wieder
ebenso gut und wahr wie in der Sphäre eines früheren Geistes. – Solches muß
auch im allervollkommensten Reiche der Engel stattfinden; sonst wäre ja ein
Geist dem andern entbehrlich, und keiner würde dem andern können eine neue
übergroße Seligkeit bereiten. Da aber ein jeder Geist dann etwas Besonderes hat
und Ich es einem jeden zulasse, daß sich das Seinige gestalte nach seiner Art,
so hat dann auch die selige Freude eines Engels an der Seligkeit eines anderen
ewig nimmer ein Ende! Damit ihr aber solches so recht tüchtig einsehen und
begreifen möget, so will Ich euch solches noch zuvor durch einige anschauliche
Beispiele erhellen, bevor ihr euch wieder in die Sphäre eines zehnten Geistes
begebet.
[GS.02_009,03]
Nehmet an, es wären in einem großen Saale hundert wirklich tief gelehrte
Männer. Diesen Männern würde ein sehr denkwürdiger Stoff, z.B. über die
Strahlenberechnung des Lichtes, zur Bearbeitung gegeben. Unter diesen hundert
Gelehrten aber sind nicht alle Gelehrte vom gleichen Fache, sondern der eine
ist ein berühmter Rechenmeister, der andere ein Philosoph, ein Naturforscher,
ein Astronom, ein Botaniker, ein Zoolog, ein Mineralog, und wieder andere ein
Geognost, ein tüchtiger Optiker, ein Geograph. Andere wieder wären ein
Geschichtsforscher, ein Archäolog, ein Dichter, ein Philolog, ein Psycholog,
ein Anthropolog, ein Arzt, ein anderer wieder ein Physiolog, der ein Mystiker,
der andere ein Theosoph und so fort durch alle Stufen menschlicher Gelehrtheit.
Alle diese hundert Gelehrten haben sicher die schriftstellerische Eigenschaft,
ihre Gedanken über das aufgegebene Thema wohlabgesondertermaßen zu Papier zu
bringen.
[GS.02_009,04]
Wenn aber nun alle diese hundert Gelehrten mit der Arbeit fertig sein werden,
da nehmet dann eines jeden Arbeit zur Hand und leset seine aufgezeichneten
Gedanken oder das bearbeitete Thema, und ihr könnet vollends versichert sein,
es werden nicht zwei darunter sich vorfinden, die dieses Thema auf eine und
dieselbe Art bearbeitet hätten. Ganz anders wird sich der Mathematiker, ganz
anders der Dichter, ganz anders der Mystiker und ganz anders, wie gesagt, ein
jeder gegen den andern ausdrücken, und wenn ihr recht aufmerksam die
Ausarbeitungen durchgehet, so wird sich in eines jeden Ausarbeitung sein
Steckenpferd gar leicht erkennen lassen.
[GS.02_009,05]
Wenn ihr aber dann gefragt würdet um das Urteil, welcher aus all diesen hundert
Gelehrten das Thema der Wahrheit am angemessensten bearbeitet habe, so werdet
ihr nichts anderes sagen können als: Wir finden, daß da ein jeder für sich den
Nagel auf den Kopf getroffen hat. Da ist keinem in seiner Art etwas
einzuwenden, es hat ein jeder recht. In der Hauptsache stimmen sie alle
überein, nur die Art der Darstellung ist nach der Liebe des Darstellers
verschieden.
[GS.02_009,06] Gut,
sage Ich euch. Sehet, wie die Gedanken über einen und denselben Gegenstand von
vielen Menschen verschieden sind, also sind auch die Sphären der Engelsgeister
verschieden; aber im Grunde des Grundes gehen sie doch alle auf eine und
dieselbe Wahrheit hinaus. Um die Sache aber noch anschaulicher zu machen,
nehmen wir ein anderes Beispiel:
[GS.02_009,07]
Es wäre über einen Psalm Davids eine gute Musik zu setzen. Ein König eines
Landes setzt einen großen Preis auf die bestmusikalische Bearbeitung dieser
Aufgabe, und sobald machen sich an allen Orten die tüchtigsten Musiker an die
Arbeit. Nach abgelaufener Frist werden die Kompositionen eingesandt; es sind
vierzig Exemplare da. Der König als ein großer Liebhaber solcher klassischen
Musik läßt nacheinander von Tag zu Tag eine Komposition um die andere
aufführen. Gehet aber hin in diese Aufführungen und höret sie an. Und wenn ihr
sie alle werdet angehört haben, wie wird da euer Urteil lauten, nachdem sie von
lauter allertüchtigsten Komponisten bearbeitet sind?
[GS.02_009,08]
Ihr werdet sicher sagen: Fürwahr, da ist in seiner Art eine Arbeit so tüchtig
und wunderschön wie die andere; aus einer jeden läßt sich der große Meister
erkennen. Aber wie verschieden die Auffassung, wie verschieden die angebrachte
musikalische Rhythmik, wie verschieden die Grundtonarten, wie verschieden die
Instrumentierung und die Verteilung des Gesanges, wie verschieden die Melodien,
wie verschieden die Begleitungen derselben! In einer jeden ganz andere
Bindungen und ganz andere Lösungen!
[GS.02_009,09]
Gut, sage Ich euch; saget Mir aber nun auch, welche Komposition – bei der
natürlich bestmöglichsten Aufführung – euch am meisten wohlgefiel. – Da werdet
ihr im Grunde des Grundes nichts anderes sagen können als: Eine jede dieser
Kompositionen hat uns in ihrer Art überaus wohl gefallen; dennoch aber waren
einige darunter, die uns gewisserart mehr befreundend vorkamen denn manche
andere.
[GS.02_009,10]
Wieder gut, sage Ich euch; was das „mehr befreundend“ betrifft, das liegt in
der Annäherung der Sphäre des Komponisten an die eure. An und für sich aber ist
jede Komposition voll Leben, Geist und Wahrheit.
[GS.02_009,11]
Die welche wird aber dann den Vorrangpreis bekommen? Ich sage euch: Wenn der
geistreiche König Mir gleich gerecht sein will, so wird er seinen Beutel über
die bestimmte Prämie hinaus öffnen müssen und einem jeden die ausgesprochene
Prämie zukommen lassen.
[GS.02_009,12]
Aus dem aber könnet ihr nun schon sehr bedeutend klar entnehmen, daß die
Sphären der Engelsgeister sich ebenso, nur natürlich in hellst beschaulicher
Erscheinlichkeit, gestalten müssen, wie uns dieses zweite Beispiel gar klar
gezeigt hat. Überall ist Wahrheit; aber weil nach dem verschiedenen Grade der
Liebe auch das formende Licht verschieden ist, so sind auch die Formen anders,
aber dennoch immer also gestellt, daß sie einer und derselben Grundwahrheit
völlig entsprechen.
[GS.02_009,13]
Damit ihr aber nicht denket, als ließe sich dergleichen nur in diesen zwei
gegebenen Beispielen erschauen, so will Ich euch zufolge Meiner sehr
erfinderischen Eigenschaft noch einige andere auftischen. Nehmen wir an: Von
zehn großen Malern sollte eine Morgenlandschaft geliefert werden. Die
Landschaftsbilder sind fertig und geliefert. Gehet hin und betrachtet sie, es
ist eine schöner und wahrer als die andere. Eine jede drückt auffallend eine
Morgengegend aus; aber keine sieht der andern auch nur in einem Punkte gleich.
[GS.02_009,14]
Sehet, das kommt daher, weil ein jeder Geist seine eigene von Mir aus
wunderbarst gestellte Sphäre hat, durch welche er sich selbst und allen seinen
Brüdern die größte Wonne und Seligkeit bereiten kann. Dazu ist noch eines jeden
Geistes Sphäre unendlich, und in ihrer Art ewig unerschöpflich an den
allermannigfaltigsten Wundergestaltungen. Aber so endlos wunderbarst
mannigfaltig die Gestaltungen in der Sphäre eines Engelsgeistes auch sind und
ihr bei der Betrachtung der einen offenbar sagen müsset: Über diese unendlich
wundervolle Mannigfaltigkeit läßt sich kein weiterer Gedanke mehr fassen! da
sage Ich euch: geht nur geschwinde in die Sphäre eines andern über und euer
Urteil wird gleich anders lauten und ihr werdet da sagen: Ja, was ist denn das?
Da sind ja schon wieder ganz unerhört andere Formen! Und Ich sage euch dazu:
Also ist es der Fall mit dem geistigen Diorama. Das äußere Fensterchen ist
gleich; aber nur hineingeguckt und überall eine andere Welt!
[GS.02_009,15]
Ich habe aber noch ein Beispiel vorrätig: Wenn ihr in der Schrift alle die
Propheten, dann die Evangelisten wie auch die Briefe des Paulus, die noch
anderer Apostel und Jünger und am Ende noch die Offenbarung Johannis
durchgehet, da werdet ihr doch offenbar sagen müssen: Da schreibt doch ein
jeder eine andere Sprache, bedient sich anderer Bilder und bearbeitet einen
ganz anderen Stoff; selbst die vier Evangelisten stimmen sogar bei den
geschichtlichen Tatsachen nicht miteinander überein. Der Paulus predigt in
seinen Briefen weder ein noch das andere Evangelium; und die Offenbarung
Johannis ist an und für sich schon in so wunderliche Bilder eingehüllt, daß man
daraus nie völlig klug werden kann.
[GS.02_009,16]
Nun frage Ich aber, weil in gewisser Hinsicht ein jeder anders geschrieben hat:
Welcher hat denn dann recht geschrieben? Die Antwort kann darauf wohl unmöglich
eine andere sein als diese: Ein jeder schreibt eine und dieselbe Wahrheit, ein
jeder predigt Mich, ein jeder gebietet die Liebe, die Demut, Sanftmut und
Geduld. Von Tatsachen sind von jedem ganz dieselben erzählt; wer sie im
gerechten geistigen Lichte auffaßt, der wird darin die wunderbarste
Übereinstimmung finden. Wenn ihr die verschiedenen Verse zusammenstellet aus
allen Propheten und Evangelisten, so werden sie sein, im wahren Lichte
betrachtet, wie Früchte eines und desselben Baumes.
[GS.02_009,17]
Nun sehet, eben also auch wieder verhält es sich mit den Sphären der
vollkommenen Geister. Ich könnte euch noch eine Menge Beispiele geben; aber
vorderhand genügen diese.
[GS.02_009,18]
Da an Meiner Seite aber steht schon derjenige Geist, in dessen Sphäre ihr alles
dieses tatsächlich erschauen und am Ende sagen werdet: Fürwahr, ganz anders
waren die Dinge in dieses Geistes Sphäre gestaltet; aber im Grunde des Grundes
laufen sie dennoch auf eines hinaus und zeigen, daß der Herr alles in allem,
also überall die ewige und unendliche Liebe und Weisheit Selbst ist.
[GS.02_009,19]
Da ihr denn nun solches im voraus wisset, so begebet ihr euch in die Sphäre
dieses zehnten Geistes, und habet da auf alles abermals sehr wohl acht. Amen. –
10. Kapitel –
Unterschied zwischen Glaubenslicht und Liebelicht. – Der Geist des Menschen.
[GS.02_010,01]
Ihr befindet euch schon in seiner Sphäre, und somit will Ich euch auch
alsogleich kund tun, daß ihr euch in der Sphäre Meines lieben Johannes befindet.
Haltet euch an ihn, er wird euch gar viel Wunderbares und Erhabenes in seiner
Art zeigen. – Der Johannes winkt euch, ihm zu folgen; also folget ihm denn
auch!
[GS.02_010,02]
Johannes spricht: Meine geliebten Brüder in unserem Herrn Jesu Christo, ihr
habt mich zwar schon aus der Sphäre eines anderen lieben, seligen Brudergeistes
gesehen; aber damals war es noch nicht an der Zeit, euch in meine Sphäre
aufzunehmen. – Da ihr aber nun durch meinen lieben Bruder Markus seid in so
vielen wichtigen Dingen unterrichtet worden, so ist es nun an der Zeit, daß ihr
nach dem Willen unseres Herrn Jesu Christi auch in meiner Sphäre Erfahrungen
machet, welche in ihrer Art euch ganz besonders in die geheime Liebe des Herrn
mehr und mehr einweihen sollen.
[GS.02_010,03]
In all den früheren Sphären habt ihr Erscheinungen geschaut, und aus diesen
Erscheinungen mußtet ihr die Wahrheit erst finden. Sehet, das ist die erstere
Art, wo der Mensch aus seinem Glaubenslichte zuerst die Formen erschaut, sie
aber nirgends bis auf den Grund erschaut und sie erst dann versteht, wenn sie
ihm im obersten Lichte der höchsten Liebe enthüllt werden.
[GS.02_010,04]
Aus diesem Grunde habt ihr auch in der Sphäre meiner neun vorhergehenden Brüder
alle die Erscheinungen anfangs so angeschaut wie ein Blinder die Farben. Ihr
sahet mannigfache Formen und Handlungen, habt aber beim ersten Anblicke nichts
von allem verstanden, da ihr geschaut habt aus eurem Glaubenslichte. Aber ein
zweites, viel tieferes Schauen ist dasjenige, welches aus der Liebe geschieht.
Allda sieht man nicht sogleich, was schon da ist, sondern man sieht nur das,
was man in seiner Liebe erfaßt, und sieht dann das Erfaßte vom Grunde aus.
[GS.02_010,05]
Aus dem Glaubenslichte ist man ein suchender Betrachter des schon Daseienden;
aus dem inwendigen Liebelichte, welches da ist das eigentliche lebendige Licht
des Herrn im Menschen, wird man aber selbst ein Schöpfer und beschaut dann
dasjenige vom Grunde aus, was man geschaffen hat.
[GS.02_010,06]
Ihr denket euch wohl, als wäre demnach der frühere Zustand ein günstigerer denn
dieser zweite, inwendigste, tiefste. Ich aber sage euch: Solches ist irrig;
denn je beständigere Außenformen ein geschaffenes Wesen beschaut, desto
unvollkommener ist es in seiner Art.
[GS.02_010,07]
Der Mensch in seinem naturmäßigen Leben auf dem Erdkörper ist zuallererst in
einem solchen Schauen. Er vergnügt sich zwar an der Begaffung konstanter
Formen; aber wie verhält er sich zu ihnen in seinem Geiste? Ich sage euch, wie
ein allerverarmtester Bettler vor der Flur des Hauses eines hartherzigen
Reichen. Er sieht auch die wunderbare reiche Pracht des großen Hauses des
Reichen, aber wenn er in dasselbe eintreten will, so wird er von hundert
dienstbaren Wesen dieses Hauses allerhärtest abgewiesen. Was hat der Arme nun
beim Anblicke dieses Prachthauses gewonnen? Nichts als ein beklommenes,
schmerzendes Herz, welches zu ihm spricht: Für derlei Paläste zu betreten hast
du keinen Fuß! –
[GS.02_010,08]
Sehet, gerade so verhält es sich mit dem Beschauen konstanter Außenformen. Welche
Lust ist es wohl, sich vor einen Baum hinzustellen und zu beschauen seine
Formen? Wenn man aber an den Baum klopft und möchte eingelassen werden, um zu
schauen sein lebendiges, wunderbares Walten, so wird man allezeit hart
abgewiesen und es heißt: Nur bis zu meiner Oberfläche, bis zu meiner Außenform,
von da aber um kein Haar mehr weiter! Ihr könnet zwar einen Stein in eure Hand
nehmen und ihn werfen, wohin ihr wollt; ihr könnet ihn auch zerstoßen und
zermalmen, auflösen und gänzlich verflüchtigen, und dennoch ist der Stein euer
Herr und läßt euch nicht schauen in seine Geheimnisse.
[GS.02_010,09]
Also steht es mit allen Außenformen, welche sich einem Auge zur Beschauung
darstellen. Sie sind fortwährend Herren und Meister des Beschauers, und dieser
kann tun, was er will, so kann er nirgends den Einlaß bis auf den Grund
bekommen. Daher müssen überall langgedehnte Erklärungen und Erläuterungen
hinzugefügt werden, wenn der Beschauer nur irgendein kleines Licht über die
geschauten (gefesteten) Dinge bekommen will.
[GS.02_010,10]
In der Art sind denn auch die Formen in der Geisterwelt, wenn sie sich schon
als daseiend in einer gewissen Bestimmtheit dem Auge des Beschauers darstellen.
Der Beschauer sieht sie wohl, aber er versteht sie nicht. Also habt auch ihr gar
viele Formen in der Sphäre meines lieben Bruders geschaut; saget mir aber, ob
ihr auch nur eine eher verstanden habt, als bis der Führer euch dieselbe
erleuchtet hat?
[GS.02_010,11]
Hat sie aber der Führer auch also beschaut, wie ihr? Sehet, das ist eine andere
Frage. Ich sage euch: Wenn er sie also beschaut hätte, so hätte er euch wohl
schwerlich über das eine oder das andere ein gerechtes Licht verschaffen
können. Allein er hat sie aus sich beschaut, d.h. er hat sie aus dem Lichte des
Herrn in ihm selbst geschaffen, und ihr sahet somit seine Schöpfungen! Sie
waren die vollkommenste Wahrheit in allen ihren Teilen; aber ihr verstandet sie
nicht ohne seine Erläuterung.
[GS.02_010,12]
Nun aber in meiner Sphäre werdet ihr eine ganz umgekehrte Erfahrung machen,
welche ihr sogleich von diesem unserem ganz unförmlichen dunstähnlichen
Standpunkte aus ersehen könnet. Sehet ihr irgendeine Form, eine Welt, einen
Himmel, irgendein Licht außer dem grauen Dunste, welcher uns von allen Seiten
umgibt?
[GS.02_010,13]
Ihr saget: Liebster Freund und Bruder in der Liebe des Herrn! Außer uns, dir
und dem grauen Dunste sehen wir nach allen Richtungen hin nichts. – Gut, sage
ich euch, meine geliebten Brüder, ihr brauchet auch durchaus nicht mehr zu
sehen; denn gerade dieser Standpunkt ist notwendig, damit ihr in das
eigentliche wahre Grundschauen des Geistes könnet eingeweiht werden.
[GS.02_010,14]
Ihr wisset, daß der Geist des Menschen ein vollkommenes lebendiges Abbild des
Herrn ist und hat in sich den Funken oder Brennpunkt des göttlichen Wesens. So
er aber solches unleugbar in sich faßt, so faßt er ja auch das Alles des Herrn
in sich. Er trägt somit das Unendliche vom Kleinsten bis zum Größten vollkommen
göttlicherweise in sich, oder er hat des Herrn Alles durch seine mächtige Liebe
zu Ihm wie auf einen Punkt in sich vereint.
[GS.02_010,15]
Nun, wenn also, wozu demnach die Anschauung fremder außengestellter Formen?
Heraus mit dem, was jeder von euch mir gleich in sich trägt, und wir werden
dann gar bald Dinge wie aus uns geschaffen erschauen.
[GS.02_010,16]
Ihr fraget: Wie wird wohl solches möglich sein? Ich aber sage euch: Habt ihr
noch nie eure Gedanken näher geprüft und eure Wünsche neben den Gedanken?
[GS.02_010,17]
Woher kommen denn die Gedanken? Die Antwort liegt einfach wie endlosfach im
Brennpunkte Gottes in euch. Sehet, in diesem mächtigen Brennpunkte ist die
Fabrik eurer Gedanken und Wünsche erstellt; von diesem Brennpunkte aus denket
ihr ursprünglich, und die Zahl eurer Gedanken ist unendlich, weil in dem
göttlichen Brennpunkte in euch ebenfalls Göttliches in all seiner Unendlichkeit
vorhanden ist.
[GS.02_010,18]
Ihr möchtet sagen: Wenn also, woher kämen denn hernach arge Gedanken? Ich aber
sage euch, daß in diesem Brennpunkte durchaus keine argen Gedanken zugrunde
liegen wie auch keine argen Wünsche. Alle Gedanken sind da frei und makellos,
nur die Wünsche sind unter die Botmäßigkeit des freien Willens eines jeden
Menschen gestellt. Denket ihr aus euch heraus, so werden eure Gedanken alle aus
der Liebe entspringen, und ihr werdet in euch bald das selige Bedürfnis der
fortwährenden Mitteilung gewahren, zufolge dessen ihr alles mit euren Brüdern
allerreichlichst teilen möchtet. Dadurch werdet ihr dann aber auch Schöpfer von
lauter guten Werken, die euch folgen werden.
[GS.02_010,19]
Aber da ein jeder Mensch auch den freien Willen hat und dazu das Vermögen, aus
sich heraus auch äußere, also fremde Formen zu beschauen, so kann er mit seinem
Willen und mit seiner seinem Willen untertänigen Liebe diese fremden Formen
ergreifen und sie sich zu eigen machen. Sehet, diese fremden Formen werden dann
als geraubte auch zu begierlichen Gedanken im Menschen und diese, weil sie nun
aus der Eigenliebe entspringen, welche ist eine Raub- und Herrschliebe, weil
sie sich aller fremden Formen für sich bemächtigen will und herrschen über
alles, dessen sie sich bemächtigt hat, das sind dann die eigentlichen bösen
Gedanken. – Ihr saget ja selbst: Fremdes Gut tut kein gut! Das ist denn doch in
der Hauptlebensfrage sicher die allergewichtigste Bedingung, und ein jeder, der
nicht auf seinem Grunde baut, der baut auf Sand. – Wie man aber auf eigenem
Grunde baut, das soll euch meine Sphäre lehren. –
11. Kapitel –
Das ganze Universum und der Himmel ist in euch!
[GS.02_011,01]
Johannes: Vermöget ihr hier etwas zu denken? Ihr bejahet solches. So denket
euch denn einen Gegenstand, was immer euch beliebt; suchet nicht lange, sondern
nehmet das nächste beste. Wenn ihr aber den Gedanken habt, da haltet ihn fest
und lasset ihn nicht weiter.
[GS.02_011,02]
Ihr habt einen Gedanken gefaßt; was ist sein Bild? Ihr saget: Es ist ein
einziger Stern, den wir uns jetzt denken. Gut, sage ich euch; stellet euch den
Stern so recht lebendig vor, lasset ihn nicht aus und saget mir dann, wie euch
der Stern vorkommt.
[GS.02_011,03]
Ihr sprechet: Je fester wir ihn fassen, desto größer und leuchtender kommt er
uns vor. Wieder gut, sage ich euch; fasset ihn noch tüchtiger und fixieret ihn
mit den Blicken eurer inneren Sehe noch fester. Was sehet ihr jetzt?
[GS.02_011,04]
Ihr saget: Lieber Freund und Bruder, es kommt uns vor, als finge der Stern an
auseinanderzugehen gleich einer Blütenknospe im Frühjahre, sein Licht wird noch
stärker und mächtiger, und es kommt uns vor, als gewönne der Stern an seinem
Flächenraume und ist schon meßbar.
[GS.02_011,05]
Abermals gut, sage ich euch; vertiefet euch aber nur noch inniger, machet eure
Blicke groß und fest und wollet fest in euch den Stern näher entwickelt haben;
dann saget mir, wie euch nach dieser Betrachtung der Stern vorkommt.
[GS.02_011,06]
Ihr saget: Lieber Freund und Bruder, der Stern hat bereits Mondesgröße
bekommen, und sein Licht blendet schon nahe die Sehe unseres Geistes!
[GS.02_011,07]
Wieder gut, sage ich euch. Es ist also; denn ich ersehe den Strahlenglanz eures
Sternes ja schon aus euren Augen. Ich aber sage euch nun weiter: Lasset ja den
Stern nicht aus, sondern betrachtet ihn inniger und inniger und fester und
fester und werdet mächtiger in eurem Wollen, so wird sich der Stern alsbald
nach der Macht eures Wollens und Schauens richten. Was erschauet ihr nun?
[GS.02_011,08]
Ich sehe schon, wie ihr voll Erstaunens werdet, denn ihr sehet euren Stern
schon so erweitert und vergrößert vor euch, daß ihr mit leichter Mühe große,
erhabene Einzelheiten desselben ausnehmet. Nun bemerket ihr sogar schon
Bewegungen auf der Oberfläche dieses groß gewordenen Sternes. Ihr möchtet zwar
schon im voraus wissen, was diese Bewegungen sind und was sich da bewegt. Ich
aber sage euch nichts; denn nun sollet ihr selbst alles finden.
[GS.02_011,09]
Fixieret euren Stern nur noch fester und stärker und mächtiget euer Wollen, und
es soll sich sogleich zeigen, was diese Bewegungen sind und was sich da bewegt.
Was habt ihr denn für Gedanken bei diesen erschauten Bewegungen?
[GS.02_011,10]
Ihr saget: Wir denken dabei an Wolken und an ein wogendes Meer.
[GS.02_011,11]
Ich sage euch: Haltet jetzt auf dem Sterne, den ihr nicht mehr verlieren
könnet, auch diese Gedanken fest und saget mir dann, was ihr erschauet.
[GS.02_011,12]
Ihr fraget nun: Lieber Freund und Bruder im Herrn! Wir erschauen nun im Ernste,
wie über uns schon sehr nahe stehenden Weltflächen Wolken hin und her ziehen,
und zwischen den großen Landflächen entdecken wir noch größere Flächen wogenden
Meeres. Wir sehen auch schon große Unebenheiten der weitgedehnten Ländereien
und ersehen leuchtende Inseln inmitten der großen Meeresflächen; aber weiter
können wir noch nichts ausnehmen.
[GS.02_011,13]
Gut, sage ich euch; ziehet euch nun die großen Ländereien und die großen
Meeresflächen dieses eures Sternes nur näher, und ihr werdet gleich mehreres
darauf erschauen. Ich merke schon aus euren Augen, daß ihr meinen Rat befolget.
Nun, was erschauet ihr denn nun?
[GS.02_011,14]
Ihr sprechet: Siehe da, das Land ist uns schon äußerst nahe gekommen. Wir entdecken
nun schon weitgedehnte Wälder, auch eine Menge zerstreuter Wohnhäuser von einer
sehr seltsamen Form sowie große Flüsse. Und siehe, nun können wir auch schon
kleinere Bäche ausnehmen, und an den Ufern des großen Meeres entdecken wir auch
hier und da wie Städte errichtet; auch Bewegungen auf der Oberfläche des
Gewässers wie von allerlei Schiffen können wir entnehmen.
[GS.02_011,15]
Nun gut; was meinet ihr wohl, woher dieses alles kommt? Ihr sprechet: Lieber
Freund und Bruder, wir wissen es nicht. Ich aber frage euch: Woher kam denn der
Stern? Ihr saget: Diesen dachten wir und hielten ihn dann fest in unseren
Gedanken.
[GS.02_011,16]
Nun, wenn der Stern aus euch kam, woher sollte denn seine Entwicklung anders
kommen als von euch? Denn als der Stern durch euer Festhalten größer und größer
ward, da entwickelte er durch seine Größe in euch den mit der Begierde
gefüllten Gedanken, an dem Sterne selbst eine Welt zu erschauen. Diesen
Gedanken hieltet ihr dann unwillkürlich mit dem Sterne selbst fest und waret dadurch
Schöpfer alles dessen, was ihr nun auf der weitgedehnten Oberfläche dieses
Sternes erblicket.
[GS.02_011,17]
Ihr wisset aber, daß ohne Kraft und Gegenkraft ewig nie an eine Wirkung gedacht
werden kann. Also sage ich zu euch und frage euch: Warum konntet ihr denn einen
Stern anfangs denken? Ihr sehet mich groß an; ich aber sage euch: Weil nicht
nur ein sondern gar viele Sterne in eurem Geiste in kleinster Abbildgestalt
zugrunde liegen. Aus diesen vielen Sternen habt ihr ein Exemplar aus euch
genommen und es euch stets näher und näher beschaulich vorgestellt.
[GS.02_011,18]
Wie war aber die Vergrößerung dieses kleinsten Abbildes möglich in euerem
Geiste? Hier kommt es auf die Kraft und Gegenkraft an. Die Kraft liegt in euch,
die Gegenkraft ist geschaffen und ewig gefestet von Gott. Wenn ihr die Kraft in
euch hervorrufet, was ist da wohl natürlicher, als daß diese in dem Augenblicke
des Hervorrufens mit der entsprechenden Gegenkraft aus Gott nach eurem Wollen
stets mehr und mehr zusammenstoßen muß? Denn die Kraft liegt in euch; die
Gegenkraft ist außer euch; und alles, was ihr demnach in euch hervorrufet, muß
dann in Gott seinen ewig vorbildlichen Gegensatz finden. Der Stern als
Gegensatz ist erschaffen von Gott, wie er ist in seiner Ordnung, Form und Gestalt;
dessen vollkommen ebenmäßiges Abbild aber ist auch als abgeleitete Kraft in
euch gelegt, weil euer Geist selbst ein Abbild Gottes ist.
[GS.02_011,19]
Nun, wisset ihr aber, auf welche Weise alle Dinge beschaut werden? Ihr saget:
Durch das Licht. Gut, sage ich euch; das Licht fällt auch irdischermaßen
genommen zum größten Teile hinaus in den unendlich großen freien Raum. Was
erblicket ihr aber bei einem heiteren Tage in der wohlerleuchteten blauen
Atmosphäre? Ihr saget: Da erblicken wir nichts, außer die blaue Farbe der Luft.
Ich aber frage euch: Warum erblicket ihr da nichts? Ihr saget: Weil es da
keinen Gegenstand gibt. Was verstehet ihr aber unter einem Gegenstande? Warum
saget ihr nicht lieber Vorstand als Gegenstand? Ihr wisset nicht, was ihr da sagen
sollet; ich aber sage euch: Wenn ihr ein Ding beschauet nach seiner Form, so
ist das Ding doch offenbar etwas, das euch gegenübersteht, also ein
Gegen-stand. Wenn aber etwas zwischen das Ding und euch gestellt würde, etwa
eine Wand, ein Schleier, eine Wolke, so würdet ihr doch sicher sagen: Dieses
steht uns vor dem Gegenstande, den wir beschauen möchten, und ist somit ein
offenbarer Vorstand oder ein hindernder Vorgegenstand. Wenn ihr aber nun
zufolge eines solchen Vorstandes den eigentlichen Gegenstand nicht erschauen
möget, was wird davon wohl der Grund sein? Sehet, nichts anderes, als daß euch
die vom Gegenstande zurückgeworfenen Strahlen nicht begegnen können, und somit
auch nicht das in euch schon zugrunde liegende Vorbild belebend hervorzurufen
vermögen.
[GS.02_011,20]
Wisset, so ihr nicht in euch hättet die Sonne, und brenneten deren Millionen am
Himmel, so möchtet ihr nicht eine erschauen! Und hättet ihr nicht in euch die
Erde und alles, was in ihr und auf ihr ist vom Atome angefangen bis zur größten
allgemeinen Form hinüber vollkommen, so könntet ihr nicht eines der Dinge
erschauen und keines derselben denken und dasselbe im Worte aussprechen.
[GS.02_011,21]
Und hättet ihr ferner nicht das ganze Universum in euch, da wäre sternlos der
ganze Himmel für euer Auge. Und hättet ihr also nicht in euch das geistige
Reich der Himmel und das ewige Leben aus dem Herrn, wahrlich, ihr könntet
dasselbe weder denken noch aussprechen. – Wie sich aber dieses alles verhält,
also ist es zu nehmen mit der Kraft und Gegenkraft.
[GS.02_011,22]
Auf der naturmäßigen Welt ruft der von außen in euch fallende Strahl das in
euch ruhende Ebenmaß hervor, und ihr erschauet durch die Wirkung der Gegenkraft
und der Kraft in euch den also beschauten Gegenstand.
[GS.02_011,23]
Wie geht denn solches im Geiste vor sich? Wie ist das rechte geistige Schauen
bestellt? Gerade umgekehrt. Ihr nehmet ein Abbild aus euch. Dieses Abbild
findet aber sobald seinen Gegensatz, wenn es in euch fest hervorgerufen wird.
Je mehr ihr nun den in euch gefaßten Gegenstand festhaltet, desto mehr strebt
dieser seinen ewig gestellten Gegensatz an, entwickelt ihn mehr und mehr und
macht ihn eben also auch stets beschaulicher.
[GS.02_011,24]
Wenn ihr wie durch euren vorliegenden Stern es mit der inneren Beschauung so
weit gebracht habt, daß er sich euch schon sehr ausgebreitet und enthüllt
darstellt, so sollet ihr nicht denken, solches sei etwa ein Werk einer leeren
Phantasie. O nein! Das ist es nicht im geringsten, sondern es ist volle
Wirklichkeit. Aber nur ist sie noch unbekannt in ihrem Grunde, woher sie ist
und wo sie ruht. Kann man denn solches nicht erfahren? O sicher; denn wo die
Wirklichkeit ruht, da ruht auch ihr Name, ihre Ordnung, ihr Wirkungskreis und
ihr Standort.
[GS.02_011,25]
Es heißt aber im Worte des Herrn: „Aus den Früchten möget ihr den Baum
erkennen.“ Wenn wir solches wissen, da wird es wohl nicht schwer sein, auf die
Wirklichkeit dessen zu kommen, was sich nun vor euren Blicken schon so nahe
entwickelt hat. Daher versuchet euch in der erhöhten Tätigkeit eures Geistes.
Beschauet die vorliegende Welt genauer, bringet sie euch näher und näher, bis
sie euch so nahe wird, daß ihr eure Füße auf den Boden derselben setzen möget.
[GS.02_011,26]
Ist solches geschehen, so habt ihr euch mit diesem Gegenstande in eine
lebendige Verbindung gesetzt; er wird euch zur Grundlage, und ihr werdet auf
dieser Grundlage tätig werden können. Wenn ihr es in dieser Tätigkeit werdet so
weit gebracht haben, daß ihr darin den mächtigen Zug der Liebe des Herrn in
euch verspüren werdet, und diese Liebe heißer und heißer wird und wird sich
entzünden, in helle Flammen übergehend, so wird dadurch eure Unterlage in allen
ihren Teilen, wo ihr nur immer hinblicken werdet, in selbst lebendige Formen
sich auflösen nach der Art, wie sie in euch abbildlich vorhanden sind. Diese
Formen werden dann rückwirkend die in euch zugrunde liegenden belebend
hervorrufen und werden euch selbst kundgeben, wer und wo eure Grundlage ist.
[GS.02_011,27]
Sehet, also ist alles Erkennen eine Folge des vorhergehenden Erschauens; das
Erschauen aber die Folge des Strahlens und Gegenstrahlens oder die Folge der
Kraft in euch und der Gegenkraft außer euch. – Wir haben unsere Welt uns auf
diese Weise schon sehr nahe gebracht; also nur noch einen kräftigen Zug im
Geiste, und wir werden uns sogleich mit unseren Füßen auf der aus euch
hervorgehenden Welt befinden!
12. Kapitel –
Rechte Erbauung – Entwicklung dessen, was in euch ist.
[GS.02_012,01]
Nun sehet, die Welt ist unter unseren Füßen; versuchen wir, auch ein wenig auf
ihr herumzugehen. Ihr wundert euch jetzt wohl, daß euch diese Welt so gut
trägt, und ihr schauet die herrlichen Ländereien, viele Berge mit Wäldern; die
herrlichsten Fluren, Äcker und Gärten mit verschiedenartigen Wohnhäusern sehet
ihr allenthalben umher. Ihr saget: Aber solches haben wir doch nicht gedacht!
[GS.02_012,02]
Ich aber sage euch: es hat solches streng genommen auch nicht not; denn habt
ihr mit der Kraft in euch die Gegenkraft angezogen, welche eigentlich der Grund
der Kraft in euch ist, da gibt dann die angezogene Gegenkraft schon ohnehin
das, was sie in sich hat. Denn eure Kraft entspricht der Gegenkraft in allen
ihren Teilen.
[GS.02_012,03]
Durch die Wirkung der Gegenkraft, welche ihr in euch angezogen habt, aber
werden die Teile der Kraft in euch entwickelt, und so ist der Akt dieser
scheinbaren Schöpfung aus euch nichts anderes als eine Entwicklung dessen, was
in euch ist.
[GS.02_012,04]
Ihr könnet daher auch nicht so ganz eine Welt nach eurem Belieben erschaffen,
sondern nur die hervorrufen, welche in euch zugrunde liegt. Es brauchen auch
nicht alle Teile einer solchen Welt von euch gedacht zu werden; ist die Welt
gedacht und eure Liebe vollkommen entwickelt, dann kann sie sich unmöglich
anders vorstellen, als wie sie bestellt ist urgründlich vom Herrn aus.
[GS.02_012,05]
Ihr seid demnach nicht etwa im Ernste Schöpfer dieser Welt, denn das
Schöpfungsrecht kann nie ein Geschöpf überkommen. Aber die Fähigkeit, das
Geschaffene, welches endlos in euch vorhanden ist, aus euch hervorzurufen auf
die euch nun bekannt gegebene Art, solches liegt in der Fähigkeit eines jeden
vollkommenen Geistes. Unvollkommene Geister haben zwar auch eine ähnliche
Fähigkeit in sich; aber weil sie keine Festigkeit haben, so können sie das in
ihnen zugrunde Liegende eben nicht hervorrufen. Ein unvollkommener Geist ist
ein unbeständiger Geist. Er ist eine Wetterfahne und ein Rohr, das vom Winde
hin und her geweht wird, und ist zugleich ein törichter Baumeister, der sein
Haus auf lockerem Grunde baut. Darum denn kann auch ein unvollkommener Geist
nichts anderes, als nur Ephemeriden hervorrufen, die da gleich sind den
vorüberfliehenden Augenlidbildern, welche ihr erschauen möget, so ihr in der
Nacht eure Augen schließet. Allda erschauet ihr ein chaotisches Gewirre und
mitten in diesem Gewirre verschiedenartige Zerrbilder, welche sich flüchtig
entwickeln und wieder also flüchtig vergehen.
[GS.02_012,06]
Aber nicht also ist es mit dem vollkommenen Geiste, der in seinem Zentrum
feststeht. Was er hervorruft, ruft er in der Ordnung des Herrn hervor und ruft
nicht etwas Ungeschaffenes, also eine leere Phantasie, sondern ein
urgeschaffenes Ding hervor.
[GS.02_012,07]
Sehet, also stehen die Sachen. Wir aber befinden uns nun auf dieser Welt, die
ihr aus euch hervorgerufen habt und wollen sie darum ein wenig überwandern und
beschauen.
[GS.02_012,08]
Da vor uns ist ein großer Garten mit einem sehr prachtvollen Gebäude, welches
in der Mitte des Gartens steht, da wollen wir hinziehen; also folget mir!
[GS.02_012,09]
Sehet, da ist schon das Gartentor. Wie ich aber bemerke, so seid ihr ja sehr
prachtliebende Bauherren, denn die Gartenmauer besteht aus lauter Edelsteinen
und das Tor ist gediegenes Gold. Und da sehet nur einmal hin: die Gartenwege
sind alle mit gold- und silberdurchwirktem Sand überzogen, und die Fruchtbeete
des Gartens sind ja auf das zierlichste mit kleinen Goldgeländern umfangen und
die Spangen der Geländer durchgehends mit unterschiedlichen herrlichen
Edelsteinen besetzt. Nein, wahrhaftig, das heißt doch verschwenderisch gebaut!
Sogar die in den schönsten Reihen gesetzten herrlichen Fruchtbäume sind mit
silbernen Geländern umfangen, und je in der Mitte eines jeden Beetes ist ein
kleiner Springbrunnen angebracht, der sein Gewässer in verschiedenartigsten
Formen aus sich treibt. Weil die Wege gar so herrlich bestellt sind, müssen wir
denn doch eine Promenade tiefer in den Garten hinein machen.
[GS.02_012,10]
Die Wege sind, wie ich merke, sogar wie Sofas von unten gepolstert; ja es ist
eine stets größere Verschwendung in eurer Baukunst zu erschauen. Wir haben
bereits schon eine tüchtige Strecke in dem Garten zurückgelegt; aber das
Hauptwohngebäude scheint noch im weiten Hintergrunde zu stehen.
[GS.02_012,11]
Doch da vorne sehe ich ja gerade eine weitgedehnte Säulengalerie, die Säulen
aus lauter geschliffenen Diamanten, die herrlichen Bögen über den Säulen aus
lauter Rubinen, der Gang über den Bögen aus blankem Golde, die Galerie aus
reinstem durchsichtigem Golde und die Spangen der Galerie aus allerfeinstem
weißem Golde. Das will ich denn doch eine Pracht heißen! Und unter dem Gange
zwischen den Säulen, also zu ebener Erde, sehe ich wie einen Wasserkanal, über
welchen die herrlichsten Brücken führen. Da sehet nur einmal hin, über dem
Kanal ist ein überaus großer, freier Platz. Der Boden dieses Platzes ist eine
Fläche aus feinstem, durchsichtigem Golde. Dort, schon nahe an dem herrlichen
Gebäude, erschaue ich himmelanragende Säulen aus weißem Gesteine und auf der
Spitze einer jeden Säule flackert eine große, dreifarbige Fahne aus Weiß, Rot
und Grün.
[GS.02_012,12]
Fürwahr, je weiter man euer Bauwerk betrachtet, desto großartiger, kühner und
erhabener wird es; und das eigentliche Wohngebäude erst im Hintergrunde, das
hat ja eine beinahe meilenweite Front aus drei Stocken bestehend! Jedes
Stockwerk hat ein Maß nach dem Auge geschätzt von sechshundert sechs und
sechzig Ellen; das ist die Zahl eines Menschen. Die Fenster sind hoch und
breit. Das Eingangstor ist überhoch und überbreit und ist verfertigt aus
reinstem Golde, und aus den Fenstern, deren Front ebenfalls 666 zählt, strahlt
aus der untersten Reihe ein weißes, aus der mittleren ein grünes und aus der
obersten Reihe ein rotes Licht. Das Dach dieses übergroßen Gebäudes bildet eine
einzige, ungeheure Pyramide. Es fehlt dem ganzen Garten und Gebäude nichts als
Einwohner. Wo habt ihr denn diese gelassen, als ihr dieses herrliche Gebäude
aufgeführt habt?
[GS.02_012,13]
Ihr saget wohl: Lieber Freund und Bruder, du bist zwar ein großer Liebling des
Herrn, aber bei dieser deiner Sprache guckt denn doch so eine kleine Fopperei
heraus. Denn von so einer unermeßlichen, reichen Pracht ist uns noch nie etwas
auch nur im allertiefsten Traume vorgekommen, geschweige erst, daß wir da
Baumeister eines solchen endlos herrlichen und allerreichlichst prachtvollsten
Werkes sein sollten. Wenn wir so etwas gebaut hätten, da müßten wir doch auch
„dabei gewesen“ sein. Aber davon haben wir nicht die leiseste Spur auch nur von
einer allerleisesten Ahnung. Daher wird es bei uns auch einen sehr starken
Haken haben hinsichtlich der Bewohner, welche allenfalls diesen unbeschreiblich
prachtvollen Palast bewohnen sollten.
[GS.02_012,14]
Meine lieben Freunde und Brüder, ihr denket hier unrecht. Ihr habt dieses Werk
freilich nicht erbaut, so wenig als diese ganze Welt. Aber ihr habt dieses
prachtvolle Wohngebäude samt dieser Welt aus euch hervorgerufen, und das will
ja denn doch auch etwas gesagt haben. Ihr sprechet aber ja nicht selten unter
euch: Dieses und jenes hat mich erbaut. Was wollet ihr denn damit sagen? Ich
sage euch, nichts anderes als: Dieses und jenes hat aus meinem inneren
Lebensgrunde eine Kraft erweckt, die mich belebt hat in dieser oder jener Art.
Diese Belebung bildete sich in mir zu einer erhabenen geistigen Form aus, und
ich erkannte in dieser Form, daß der Herr überall die allerhöchste Liebe und
Weisheit Selbst ist! Mein Herz entbrannte in dieser Erkenntnis, und ich betete
Gott darin an im Geist und in der Wahrheit!
[GS.02_012,15]
Das also ist eine rechte „Erbauung“. Und nun sehet, da haben wir ja eine Form
der Erbauung vor uns. In euch selbst habt ihr euch erbaut; die Erbauung ward
zur Form, und ihr schauet in dieser Form der göttlichen Liebe und Weisheit
unendliche Macht und Kraft, und das ist gleich einer großen Verwunderung,
welche allezeit der Liebe vorangeht. Warum denn? Welcher aus euch ist je in ein
weibliches Wesen eher verliebt geworden, bevor er es gesehen und bewundert
hatte?
[GS.02_012,16]
Sehet, also ist es auch hier der Fall. Wer könnte wohl Gott lieben, wenn er Ihn
nicht zuvor erkennete? Also das Erkennen geht der Liebe doch notwendig voraus!
Wie aber kann der Mensch Gott erkennen?
[GS.02_012,17]
Wenn der Mensch das Wort Gottes hört und Seine Werke betrachtet, dadurch wird
der Gedanke Gottes im Menschen hervorgerufen. Ist der Gedanke einmal
hervorgerufen, so soll ihn der Mensch nicht mehr auslassen, sondern ihn
ebenfalls fester und fester fassen. Dieses Fester- und Festerfassen ist der
Glaube. Wenn nun der Mensch durch den festen Glauben, also durch das stets
größere Fixieren des Gedankens Gottes in sich, Gott Selbst zu einem lebendigen
Gefühle gemacht hat, so betritt er mit seinen Füßen die Welt Gottes in sich. Er
erschauet in dieser Welt Wunderdinge über Wunderdinge.
[GS.02_012,18]
Dieses Erschauen ist die wachsende Erkenntnis Gottes. Aber die Welt, die
wundervolle, ist noch wesenleer, das Prachtgebäude hat noch keine Bewohner.
Aber sehet, dort in der Mitte des Gebäudes, das nun vor uns steht, ist ein
Opferaltar errichtet und auf dem Opferaltare eine Menge frisches Holz gelegt.
Wir wollen es anzünden, und es soll sich dann sogleich zeigen, ob diese Welt
wesenleer ist. Womit aber werden wir das Holz anzünden?
[GS.02_012,19]
Ich sage euch: Das sehr merkwürdige Feuerzeug liegt auch in eurem Herzen; es
heißt Liebe! Diese wollen wir an den Altar hintragen, und ihr werdet euch dann
sobald überzeugen, daß im Menschen nicht nur die puren Gedanken Gottes, sondern
auch die lebendigen Wesen wohnen! Was würde es auch nützen, so jemand sagte:
Siehe hier meine Brüder, siehe da meine Schwestern, wenn er sie aber nicht
liebete? Liebt er sie aber, so liebt er sie doch sicher nicht draußen, sondern
in seinem Herzen! Und so denn sind sie für ihn auch nicht draußen, sondern sie
sind in der Liebe seines Herzens. Also zünden wir das Holz nur an, damit dieses
Gebäude Einwohner bekomme!
13. Kapitel –
Jesus, der Name aller Namen und seine Wirkung. Geheimnis der Menschwerdung
Gottes in Christo.
[GS.02_013,01]
Ihr fraget: Wie werden wir Feuer unserem Herzen entlocken, damit wir mit
demselben dieses Holz entzünden möchten? – O Brüder und Freunde! Welch eine
Frage von euch! Ist denn nicht ein einziger Gedanke an Jesum hinreichend, um das
Herz für Ihn überhell aufflammen zu machen? – O Brüder und Freunde! Könntet ihr
es fassen, was dieser Name aller Namen besagt, was er ist, und welch eine
Wirkung in Ihm, ihr müßtet ja augenblicklich in eine so mächtige Liebe zu Jesu
übergehen, deren Feuer hinreichend wäre, ein ganzes Heer von Sonnen zu
entzünden, daß sie darob noch ums Tausendfache heller flammen möchten in ihren
endlos weiten Raumgebieten, als solches bis jetzt der Fall ist.
[GS.02_013,02]
Ich sage euch: Jesus ist etwas so ungeheuer Großes, daß, so dieser Name
ausgesprochen wird, die ganze Unendlichkeit von zu großer Ehrfurcht erbebt.
Saget ihr: Gott, so nennt ihr zwar auch das allerhöchste Wesen; aber ihr nennt
Es in seiner Unendlichkeit, da Es ist erfüllend das unendliche All und wirkt mit
Seiner unendlichen Kraft von Ewigkeit zu Ewigkeit. Aber in dem Namen Jesus
bezeichnet ihr das vollkommene, mächtige, wesenhafte Zentrum Gottes, oder noch
deutlicher gesprochen:
[GS.02_013,03]
Jesus ist der wahrhaftige, allereigentlichste, wesenhafte Gott als Mensch, aus
dem erst alle Gottheit, welche die Unendlichkeit erfüllt, als der Geist Seiner
unendlichen Macht, Kraft und Gewalt gleich den Strahlen aus der Sonne
hervorgeht. – Jesus ist demnach der Inbegriff der gänzlichen Fülle der Gottheit
oder: In Jesu wohnt die Gottheit in Ihrer allerunendlichsten Fülle wahrhaft
körperlich wesenhaft; darum denn auch allezeit die ganze göttliche
Unendlichkeit angeregt wird, so dieser unendlich heiligst erhabene Name
ausgesprochen wird!
[GS.02_013,04]
Und dieses ist zugleich auch die unendliche Gnade des Herrn, daß Er sich hatte
gefallen lassen, anzunehmen das körperlich Menschliche. Warum aber tat Er
dieses? Höret, ich will euch nun ein kleines Geheimnis enthüllen!
[GS.02_013,05]
Vor der Darniederkunft des Herrn konnte nimmerdar ein Mensch mit dem
eigentlichen Wesen Gottes sprechen. Niemand konnte dasselbe je erschauen, ohne
dabei das Leben gänzlich zu verlieren, wie es denn auch bei Moses heißt: „Gott
kann niemand sehen und leben zugleich!“ Es hat sich zwar der Herr in der
Urkirche, wie auch in der Kirche des Melchisedek, zu der sich Abraham bekannte,
wohl öfter persönlich gezeigt und hat gesprochen mit Seinen Heiligen und Selbst
gelehrt Seine Kinder. Aber dieser persönliche Herr war eigentlich doch nicht
unmittelbar der Herr Selbst, sondern allzeit nur ein zu diesem Zwecke mit dem
Geiste Gottes erfüllter Engelsgeist.
[GS.02_013,06]
Aus solch einem Engelsgeiste redete dann der Geist des Herrn also, als wenn
unmittelbar der Herr Selbst redete. Aber in einem solchen Engelsgeiste war
dennoch nie die vollkommenste Fülle des Geistes Gottes gegenwärtig, sondern nur
insoweit, als es für den bevorstehenden Zweck nötig war.
[GS.02_013,07]
Ihr könnet es glauben: in dieser Zeit konnten auch nicht einmal die
allerreinsten Engelsgeister die Gottheit je anders sehen als ihr da sehet die
Sonne am Firmamente. Und keiner von den Engelsgeistern hätte es je gewagt, sich
die Gottheit unter irgendeinem Bilde vorzustellen, wie solches auch noch unter
Mosis Zeiten dem israelitischen Volke auf das strengste geboten wurde, daß es
sich nämlich von Gott kein geschnitztes Bild, also durchaus keine bildliche
Vorstellung machen sollte.
[GS.02_013,08]
Aber nun höret: Diesem unendlichen Wesen Gottes hat es einmal wohlgefallen, und
zwar zu einer Zeit, in welcher die Menschen am wenigsten daran dachten, Sich in
Seiner ganzen unendlichen Fülle zu vereinen und in dieser Vereinigung
anzunehmen die vollkommene menschliche Natur!
[GS.02_013,09]
Nun denket euch: Gott, den nie ein geschaffenes Auge schaute, kommt als der von
der allerunendlichsten Liebe und Weisheit erfüllte Jesus auf die Welt!
[GS.02_013,10]
Er, der Unendliche, der Ewige, vor dessen Hauche Ewigkeiten zerstäuben wie
lockere Spreu, wandelte und lehrte Seine Geschöpfe, Seine Kinder, nicht wie ein
Vater, sondern wie ein Bruder!
[GS.02_013,11]
Aber das alles wäre noch zu wenig. Er, der Allmächtige, läßt sich sogar
verfolgen, gefangennehmen und dem Leibe nach töten von Seinen nichtigen
Geschöpfen! Saget mir: Könntet ihr euch eine unendlich größere Liebe, eine
größere Herablassung denken, als diese, die ihr an Jesu kennet?!
[GS.02_013,12]
Durch diese unbegreifliche Tat hat Er alle Dinge des Himmels anders gestaltet.
Wohnt Er auch in Seiner Gnadensonne, aus welcher das Licht allen Himmeln
unversiegbar zuströmt, so ist Er aber dennoch ganz derselbe leibhaftige Jesus,
wie Er auf der Erde in all Seiner göttlichen Fülle gewandelt ist als ein wahrer
Vater und Bruder, als vollkommener Mensch unter Seinen Kindern gegenwärtig. Er
gibt all Seinen Kindern alle Seine Gnade, Liebe und Macht und leitet sie Selbst
persönlich wesenhaft, endlos mächtig zu wirken in Seiner Ordnung!
[GS.02_013,13]
Ehedem war zwischen Gott und den geschaffenen Menschen eine unendliche Kluft,
aber in Jesu ist diese Kluft beinahe völlig aufgehoben worden; denn Er Selbst,
wie ihr wisset, hat uns dieses ja doch sichtbar angezeigt, fürs erste durch
Seine menschliche Darniederkunft, fürs zweite, daß Er uns nicht einmal, sondern
zu öfteren Malen Brüder nannte, fürs dritte, daß Er mit uns aß und trank und
alle unsere Beschwerden mit uns trug, zum vierten, daß Er als der Herr der
Unendlichkeit sogar der weltlichen Macht Gehorsam leistete, zum fünften, daß Er
sich hat von weltlicher Macht sogar gefangennehmen lassen, zum sechsten, daß Er
sich sogar durch die weltlich mächtige Intrige hat ans Kreuz heften und töten
lassen, und endlich zum siebenten, daß Er Selbst durch Seine Allmacht den
Vorhang im Tempel, welcher das Allerheiligste vom Volke trennte, zerrissen hat!
[GS.02_013,14]
Daher ist Er auch der alleinige Weg, das Leben, das Licht und die Wahrheit. Er
ist die Türe, durch welche wir zu Gott gelangen können, d.h. durch diese Türe
überschreiten wir die unendliche Kluft zwischen Gott und uns, und finden da
Jesum, den ewigen, unendlich heiligen Bruder!
[GS.02_013,15]
Ihn, der es also gewollt hat, daß diese Kluft aufgehoben würde, können wir denn
nun doch sicher über alles lieben!
[GS.02_013,16]
Daher, wie ich gleich anfangs gesagt habe, genügt zur Erweckung unserer Liebe
zu Jesu ja doch sicher schon ein einziger Gedanke – nur Sein Name in unseren
Herzen ausgesprochen sollte ewig genug sein, um in aller Liebe für Ihn zu
erbrennen! Daher sprechet auch ihr in euren Herzen diesen Namen würdig aus, und
ihr werdet es selbst erschauen, in welcher Fülle das Feuer der Liebe aus euren
Herzen hervorbrechen wird, zu entzünden das Holz des Lebens, durch welches die
Heiden genesen sollten an diesem neuen Opferaltare.
[GS.02_013,17]
Solche Heiden, wie sie einst mein Bruder Paulus bekehrte, gibt es in unserer
Zeit noch gar viele; ja es gibt Heiden, die sich „Christen“ nennen, aber dabei
ärger sind in ihren Herzen als diejenigen, die einst Moloch und Baal anbeteten.
[GS.02_013,18]
Wenn das Holz auf diesem Altare wird zum Brennen kommen, da erst werdet ihr in
dieser aus euch selbst gerufenen Welt so manches erschauen, das ihr bis jetzt
noch nicht erschaut habet. Denn ich sage euch: In der Welt der Geister gibt es
unergründliche Tiefen. Kein geschaffener Geist könnte dieselben je ermessen;
aber wir sind im Geiste des Herrn. Sein Geist lebt, waltet und wirket in uns,
und in diesem Geiste ist uns keine Tiefe unergründlich; denn niemand kann
wissen, was im Geiste ist, denn allein der Geist. So kann auch niemand wissen,
was in Gott ist, denn allein der Geist Gottes. – Jesus, der vereinigte Gott in
aller Seiner Fülle, aber hat uns erfüllt mit Seinem Geiste. Und mit diesem
Seinem Geiste in uns können wir auch dringen in Seine göttlichen Tiefen. – Also
denket euch nun den Namen aller Namen, den Heiligsten aller Heiligkeit, die
Liebe aller Liebe, das Feuer des Feuers – und das Holz am Altar wird brennen!
14. Kapitel –
Liebe, das große Erkenntnismittel.
[GS.02_014,01]
Ihr habt es getan und gedacht den Namen, der da heilig, heilig, heilig ist in
euch! Und sehet, schon lodert eine herrliche Flamme auf dem Altare, verzehrend
das Holz des Lebens als eine Nahrung zur Belebung der Wesen dieser Welt in
euch.
[GS.02_014,02]
Nun sehet euch aber auch ein wenig um. Blicket hinauf in die überaus herrlichen
Galerien dieses Prachtgebäudes und saget mir, was ihr erschauet. – Ihr
sprechet: O Freund und Bruder, da sehen wir ja eine übergroße Menge Menschen
beiderlei Geschlechtes. Ihre Formen sind herrlich und wunderbar schön, und sie
sind gekleidet herrlicher denn die Könige der Erde. Wie ist solches möglich?
Sind diese auch in uns?
[GS.02_014,03]
Liebe Brüder, ich sage euch: Wo eine ganze Welt ruht, da muß ja doch auch das
vorhanden sein, was die Welt trägt. Ihr saget freilich: Gibt es denn wohl eine
Welt von solcher Herrlichkeit im unermeßlichen Schöpfungsraume? Jawohl, meine
lieben Freunde und Brüder! Ihr müsset andere Weltkörper nicht nach eurer Erde
bemessen, denn diese ist ein Bettelstübchen nur gegen die Paläste der Fürsten.
Ihr habt bei der naturmäßigen Darstellung der Sonne und einiger Planeten eures
Sonnengebietes sicher die Beobachtung gemacht, um wievieles prachtvoller und
herrlicher diese eingerichtet sind denn eure Erde. Ich aber sage euch: Dieses
alles ist noch eine pure Bettelei gegen so manche Herrlichkeit der größeren
Weltkörper im unermeßlichen Schöpfungsraume. Auch selbst diese Welt, die ihr
aus euch hervorgerufen habt und auf der wir nun herumgehen, ist noch bei weitem
die herrlichste nicht.
[GS.02_014,04]
Es gibt in dem Bereiche des Sternbildes Orion, Löwe und im Sternbilde des
Großen Hundes Sonnenwelten, vor deren Herrlichkeit und unermeßlicher Pracht ihr
beim kürzesten Anblicke schon vergehen würdet.
[GS.02_014,05]
Doch ihr möchtet wohl wissen, was das für eine Welt ist. Wie werden wir aber
solches herausbringen? Fraget ihr einen Bewohner dieser Welt, so wird er euch
höchstens mit einem fremden Namen bereichern; das wird aber dann auch alles
sein, was ihr davon erfahren möget. Sage ich es euch, so werdet ihr auch nicht
viel mehr gewinnen. Ihr sollet es aber in euch finden. Seid ihr solches
imstande, so wird die Erkenntnis dieser Welt für euch in der geistig
wissenschaftlichen Sphäre erst nützlich sein.
[GS.02_014,06]
Wie aber solches anstellen? Das ist freilich eine andere Frage. Wir wollen es
dennoch versuchen. Ein Beispiel soll uns da den Weg zeigen. Und so habet denn
acht! – Wenn ihr beispielsweise von irgendeinem Punkte, an dem ihr euch
befindet, irgendeinen Gegenstand erschauet, der sich in einer mäßigen
Entfernung von euch befindet, so könntet ihr leicht bestimmen, welchen
Gegenstand ihr erschaut habt, denn ihr könntet euch in diesem Falle, wie ihr zu
sagen pfleget, orientieren.
[GS.02_014,07]
Wollt ihr den Gegenstand näher beschauen, so brauchtet ihr nichts als entweder
eine tüchtige Augenwaffe oder eine allfällige Hinreise zu dem vorher
beobachteten Gegenstande. Das wäre somit der natürliche Weg. Wenn ihr euch aber
gleich anfangs bei einem merkwürdigen Gegenstande befindet, so wird es schon
ein wenig schwerer zu bestimmen sein, von welchen äußeren Aussichtspunkten
dieser Gegenstand wohlerkenntlich am vorteilhaftesten zu erschauen ist. Und
habt ihr solche Punkte in der weiten Peripherie des merkwürdigen Gegenstandes
in eurer Nähe auch wirklich aufgefunden, so werdet ihr denn doch genötiget
sein, diese Punkte alle zu bereisen, um von ihnen aus die Überzeugung
einzuholen, wie sich euer naher Gegenstand von ihnen aus beschauen läßt. Habt
ihr solches getan, so habt ihr dann schon sicher das Resultat überkommen, daß
dieser Gegenstand sich hauptsächlich nur von einem Punkte am vorteilhaftesten
ausnehmen und erkennen läßt.
[GS.02_014,08]
Das wäre alles klar und verständlich, saget ihr; aber unsere Welt, auf der wir
sind, will uns noch nicht bekannt werden. – Macht nichts, meine lieben Freunde
und Brüder, wir sind mit unserer Erörterung auch noch nicht am Ende. Es wird
schon zu rechter Zeit uns alles noch klar werden. Habet nur acht auf den
weiteren Verlauf meiner beispielsweise Verhandlung. –
[GS.02_014,09]
Wenn ihr auf der Erde seid und schauet bei einer sternhellen Nacht den
gestirnten Himmel an und habt zugleich auch eine gute Sternkarte bei euch, so
wird es euch eben nicht zu schwer werden, bald einen und bald den andern Stern
beim Namen zu nennen. Habt ihr aber, dadurch etwas gewonnen? Kennt ihr jetzt den
Stern? Oder werdet ihr ihn erkennen als einen schon von der Erde aus
beobachteten, wenn ihr ihn selbst betreten würdet? Ich sage euch: Solches wird
ebensowenig der Fall sein wie jetzt.
[GS.02_014,10]
Ich setze aber den umgekehrten Fall, ihr befändet euch auf irgendeinem von der
Erde noch gar wohl sichtbaren Sterne, z.B. auf einem Sonnenkörper im Sternbilde
der sogenannten Plejaden. Wenn ihr aber dann wieder zurückkommet auf eure Erde,
würdet ihr da wohl mit Bestimmtheit angeben können, welcher aus den etlichen
neunzig Sternen dieses Sternbildes gerade derjenige ist, auf dem ihr euch
befunden habt? Solches, meine ich, wird auch etwas schwer sein, weil die Sterne
dieses Sternbildes nur von eurer Erde gesehen eine solche Form bilden, in ihrer
eigentlichen Stellung aber sind sie durch unermeßliche Räume voneinander
entfernt. Und wenn ihr euch demnach auf einem oder dem anderen Sterne befindet,
so werden die anderen, welche von eurer Erde aus gesehen dieses Sternbild
ausmachen, sich unter ganz anderen Sterngruppen des gestirnten Himmels
befinden, und ihr werdet es in der Wirklichkeit sicher ewig nicht
herausbringen, welche Sterne von eurer Erde aus gesehen das Sternbild der
Plejaden formten. – Daher werdet ihr denn auch nicht bestimmen können, auf
welchem Sterne dieses Sternbildes ihr euch befunden habt.
[GS.02_014,11]
Ihr saget: Das ist wieder richtig; aber noch immer befinden wir uns auf einer
fremden Welt. Ich sage euch: Auch dieses ist richtig, sage euch aber noch
hinzu, daß sich auf diese für euch gewöhnliche Beobachtungs- und
Erkenntnisweise diese Welt nicht wird erkennen lassen. Wie werden wir denn
hernach solches entziffern? Denn es hilft da weder Beobachtung, noch
Mathematik, noch Sternenkarte und die allerbesten mathematischen Sehwerkzeuge.
[GS.02_014,12]
Solches ist richtig; aber dessen ungeachtet gibt es ein ganz einfaches Mittel,
solch eine Welt mit der leichtesten Mühe von der Welt zu erkennen. Ich werde
euch im Verlaufe dieses meines begonnenen Beispiels nur so kleine Stößchen
versetzen, und ihr werdet dadurch bald von selbst, wie ihr zu sagen pflegt, den
Nagel auf den Kopf treffen. Jetzt will ich euch das erste Stößchen versetzen;
und so habet denn acht!
[GS.02_014,13]
Wisset ihr, woher eure Kinder sind? Wißt ihr, wo sich ihr geistiges und ihr
seelisches Prinzip ehedem aufgehalten hat, bevor sie euch aus den Weibern sind
geboren worden? Ihr saget: Solches wissen wir durchaus nicht. Ich frage euch
aber wieder und gebe euch dadurch ein neues Stößchen: Wie erkennet ihr demnach
die geborenen Kinder als die eurigen und wie die Kinder euch als ihre Eltern?
Diese Frage sollte euch schon so einen recht starken Wink geben. Ist es nicht
die Liebe, die euch die Kinder gibt? Werden sie nicht in der Liebe empfangen?
Sehet, wenn das Kind zur Welt geboren wird, da umfassen es die Mutter und der
Vater sogleich mit großer Liebe, und das ist schon die erste Taufe. Hat das
Kind auch noch keinen Namen, so hat es aber doch ein Zeichen glühend in die
Herzen der Eltern eingegraben, welches unauslöschlich ist. Dieses Zeichen ist
nichts anderes als die Liebe. Durch diese Liebe wächst die beiderseitige
Erkenntnis und Bekanntschaft immer größer, sie entfaltet sich immer mehr und
mehr, wird am Ende so intim, stark und mächtig, daß ihr euer Kind unter jeder
Zone sobald erkennen werdet, und das Kind wird dasselbe ganz sicher imstande
sein, besonders wenn es nota bene in irgendeiner kleinen Not steckt.
[GS.02_014,14]
Sehet, in euren Kindern habt ihr so auf dem Wege der Liebe eine bei weitem
wunderbarere Welt für beständig kennengelernt, als diese da ist, welche wir
jetzt betreten, und ihr kennet sie dennoch recht gut und werdet das Merkmal
nicht leichtlich vergessen und es verlöschen lassen in euren Herzen.
[GS.02_014,15]
Wie gefällt euch dieses Stößchen? Könnt ihr den Nagel noch nicht auf den Kopf
treffen? Ich sehe, es will euch dieser Hieb noch nicht so ganz und gar
gelingen, wir wollen daher noch ein Stößchen versuchen: Ihr kommt nach einem
fremden Landgebiete des Erdteiles Amerika, und zwar alldort in eine Stadt. Es
ist euch alles weltfremd, und ihr möget schauen, wie ihr wollt, und horchen,
wie ihr wollt, so wird euch kein bekannter Strahl außer ein solcher der Sonne,
des Mondes und der Sterne in die Augen fallen, und kein bekannter Laut wird
euren Ohren begegnen. Ihr werdet euch so fremd vorkommen, daß ihr euch beinahe
selbst nicht kennet.
[GS.02_014,16]
Aber wie ihr euch so in den Gassen herumtreibet, da begegnet euch auf einmal
ein Mensch, der euch so von ganzem Herzen freundlich anblickt. Dieser Blick hat
euch diese Gasse schon etwas freundlicher gemacht, und ihr werdet sie euch am
meisten merken.
[GS.02_014,17]
Dieser Mann aber geht auf euch zu, spricht euch in eurer Muttersprache an, und
die noch sehr fremde Gasse wird euch schon nahe ganz heimatlich vorkommen. Der
Mann aber nimmt euch auf mit aller Liebe; ihr ziehet mit in sein Haus. Dadurch
ist diese ganz fremde Stadt euch auf einmal so heimelig geworden, daß ihr
anfanget, sie in eurem Herzen zu umfassen.
[GS.02_014,18]
Der Mann führt euch ferner in mehrere Häuser, wo ihr liebevollst und
freundlichst aufgenommen werdet; und ihr seid in der fremden Stadt wie zu
Hause. In kurzer Zeit lernet ihr auch noch dazu die Landessprache kennen, und
ihr seid wie Eingeborne. Die Gegenden dieser fremden Welt oder des fremden
Erdteiles werden euch ganz heimatlich ansprechen, und ihr seid sozusagen in
diesem Lande ganz zu Hause. Werdet ihr es auch auf eine Zeit verlassen, und
dann wieder dahin kommen, so werdet ihr es sicher auf der Stelle erkennen.
[GS.02_014,19]
Was ist aber das Kennzeichen, welches Merkmal hat wohl das Land, daß ihr es
wieder so schnell erkennt? Fraget die Liebe und das freudige Gefühl eures
Herzens und sie werden euch augenblicklich den Grund kundgeben, auf welchem
eure Erkenntnis dieses Landes ruht. Auf diese Weise werdet ihr nun auch mit der
leichtesten Mühe von der Welt nach kurzem Verlauf unserer Betrachtungen auf
dieser Welt diese Welt selbst also erkennen, daß es euch eine Unmöglichkeit
wird zu sagen: Wir kennen sie nicht! Ich sage euch: Wie die Liebe alles in
allem ist, so ist auch alles aus der Liebe!
[GS.02_014,20]
Wonach läßt sich wohl eine Frucht erkennen? Ihr saget: Aus der Form, Farbe und
dem Geschmack. Wessen Produkte aber sind Form, Farbe und Geschmack? Sie sind
Produkte der Liebe. Ihr erkennet am Geschmacke die Muskatellertraube; warum
denn? Weil dieser Geschmack einem bestimmten Teile eurer Liebe entspricht. Also
wollen wir denn auch hier sehen, welchem Teile unserer Liebe diese Welt
entsprechen wird. Und haben wir das mit der leichtesten Mühe gefunden, so haben
wir auch schon alles. Das Wie, Wo und Woher wird sich dann von selbst künden.
15. Kapitel –
Die drei Weisen aus dem Morgenland, ihre Wesenheit. Die große Bedeutung unserer
Erde.
[GS.02_015,01]
Ihr saget: Gut wäre es freilich, wenn man nur gleich wüßte, welchem Teile
unserer Liebe, oder welcher Himmelsgegend derselben man eben diese Welt
unterschieben sollte. Ich aber sage euch, meine lieben Freunde und Brüder: Da
ihr die Hauptsache schon durch mein Stößchen zum Dreiviertelteile aus euch
gefunden habt, so wird es wohl nicht so schwer sein, auch das vierte Viertel
durch allenfalls noch ein paar Stößchen zu finden. Ich will euch zu dem Behufe
sogleich eine Frage geben, deren Beantwortung ihr schon zum voraus in euch
habt. Die Frage aber sei diese: Habt ihr nie etwas gehört von der sogenannten
alten Astrologie? Ihr saget: O sicher, dergleichen Bücher finden sich noch
heutigen Tages unter uns vor. Aber auf diese wird man doch etwa nicht zuviel
halten dürfen? Ich sage euch: Auf die Art, wie ihr darauf zu halten pfleget,
freilich wohl nicht, denn das wäre ein absurder Aberglaube und wäre sündhaft,
darauf zu halten. Aber es hat jede Sache zwei Seiten, nämlich eine Licht- und
eine Schattenseite. Wir wollen uns daher nicht der Schatten-, sondern der
Lichtseite dieses altertümlichen Mysteriums bedienen.
[GS.02_015,02]
Wie lautet aber diese? Ihr Name heißt: Kunde der Entsprechungen. Auf dem Wege
der Entsprechung aber haben ein jedes Ding, eine jede Form und ein jedes
gegenseitige Verhältnis der Formen wie der Dinge einen entsprechend geistigen
Sinn. Und so hatten einen solchen Sinn und haben es noch alle die Sterne und
ihre Bilder. Wer demnach diese Bilder von dieser Lichtseite lesen und verstehen
kann, der ist auch ein Astrolog; aber kein Astrolog mit Hilfe der finsteren
Mächte, sondern ein Astrolog aus dem Reiche der Geister des Lichtes, d.h. er
ist ein wahrhaftiger Weiser, wie da die drei Astrologen (Sternkundige) aus dem
Morgenlande wahrhaftige Weise waren. Sie hatten den Stern des Herrn erkannt,
haben sich von ihm führen lassen und haben durch ihn den Herrn der Herrlichkeit
gefunden.
[GS.02_015,03]
Ich sehe wohl in euch soeben eine Frage betreffend die eben erwähnten drei
weisen Sternkundigen aus dem Morgenlande. Ich weiß, daß ihr darüber auch schon
eine Erläuterung bekommen habt. Aber solches wißt ihr nicht, daß eben aus den
Himmeln keine Kunde völlig enthüllt zu den Menschen auf der Erde gelangen kann,
sondern noch allezeit ist eine jede Kunde mit einer Hülse umschlossen. Denn
ohne eine solche hülsige Umschließung könnte keine Kunde aus den Himmeln,
welche rein geistig ist, zu den Menschen gelangen, so wenig als da jemand von
euch imstande wäre, den für den Leib nur tauglichen ätherischen Nahrungsstoff
ohne Beigabe gröberer Materie in sich aufzunehmen.
[GS.02_015,04]
Das Brot, das ihr esset, besteht aus lauter kleinen Hülschen, welche die Träger
des eigentlichen Nährstoffes sind.
[GS.02_015,05]
Wenn aber demnach eure schon empfangene Kunde über die drei Weisen aus dem
Morgenlande ebenfalls noch ein wenig umhülset ist, so können wir sie hier
ebenfalls ein wenig enthülsen. Es kann aus dieser Enthülsung ja etwa auch so
ein kleines Stößchen hervorgehen, und unsere Lichtseite der Astrologie, die wir
eben brauchen, wird uns stets anschaulicher.
[GS.02_015,06]
Ihr habt so viel erfahren über diese drei Weisen, daß sie seien dagewesen – den
Adam, den Kain und den Abraham vorstellend. Solches ist richtig; aber würdet
ihr es ganz wörtlich nehmen, so würdet ihr dadurch ebensogut noch in einer Irre
sein, als wenn ihr an das ominöse Himmelszeichen glauben wolltet, in welchem
ihr nach der Kalenderrechnung geboren seid. Ihr saget: Das mag wohl sein; aber
wie soll man denn hernach die Sache nehmen, die doch hier und da zumeist
kerzengerade ausgesprochen ist? – Ich sage euch: Wie man solche Sachen nehmen
soll, wird sich sogleich klärend darstellen.
[GS.02_015,07]
Ihr habet doch auch allerlei handgreifliche Gegenstände vor euch als da sind
allerart Mineralien, Pflanzen, Tiere und Menschen. Saget mir, wenn ihr diese
Gegenstände also nehmet und begreifen wollet, wie sie kerzengerade vor euch
stehen, versteht ihr sie dann? Ihr könnet z.B. wohl sagen: Siehe, das ist ein
hoher Berg, er hat eine sehr romantische Form, sein Gestein besteht aus Urkalk,
auf seiner höchsten Spitze muß eine herrliche Aussicht sein, und in seinem
Innern werden vielleicht manche Metalle rasten. Wenn ihr solches von dem Berge
ausgesagt habt, dann seid ihr aber auch schon fertig.
[GS.02_015,08]
Um kein Haar besser wird es euch bei den Pflanzen und Tieren gehen, da ihr nur
das beurteilen könnet, und das noch dazu überaus oberflächlich, was euch in die
Sinne fällt oder was kerzengerade vor euch ist. Aber was die innere, höhere,
geistige Ordnung betrifft, saget, mit welchem Maßstabe wollet ihr diese
bemessen?
[GS.02_015,09]
Also stehen auch hier Adam, Kain und Abraham unter dem Bilde der „drei Weisen“
aus dem Morgenlande kerzengerade vor euch zufolge der euch gewordenen Kunde aus
den Himmeln.
[GS.02_015,10]
Aber wie ihr das Reich der Mineralien, der Pflanzen und Tiere durchaus noch
nicht verstehet aus dem Grunde, also ist es auch der Fall mit den drei Weisen
aus dem Morgenlande.
[GS.02_015,11]
Ja, Adam, Kain und Abraham waren zugegen. Solches ist euch gegeben worden zur
Kunde über die Frage hinsichtlich der Bedeutung der drei Weisen aus dem
Morgenlande. – Wie aber waren sie zugegen? Sehet, das ist eine andere Frage.
Diese habt ihr nicht gestellt; daher blieb diese Frage auch eine Hülse über die
euch gewordene Kunde. Nun aber ist es an der Zeit, diese Hülse zu brechen, da
wir zu unserem Zwecke die reinere Wahrheit gebrauchen. Und so wisset denn:
[GS.02_015,12]
Diese drei Weisen waren drei ganz gewöhnliche Priester besserer Art aus den
Gefilden Assyriens. Ihr wisset, daß zur Zeit Salomonis die euch wohlbekannte
große Königin des Assyrischen Reiches nach Jerusalem kam, um Salomons Weisheit
zu hören. Also zu dieser Zeit schon war auch diesem heidnischen Volke durch
seinen besseren Teil der Priester eine Prophezeiung gemacht worden, daß ihre
Söhne einst einen Stern entdecken werden, welcher allen Völkern der Erde
aufgehen wird. Seit dieser Prophezeiung blieb denn auch immer ein Teil der
besseren Priesterschaft dieses Volkes dabei stehen und beobachtete fortwährend
den gestirnten Himmel. Diese Priester reisten zu dem Behufe auch nach allen
Landen, wo in derselben Zeit sich irgend große Weise aufhielten, und lernten
von solchen so manche tiefere Weisheit, besonders aber die Weisheit in der
Kunde der Entsprechungen.
[GS.02_015,13]
Zur Zeit der Geburt Christi war das Gremium dieser Priester ziemlich groß
geworden; aber bis auf drei ließen sich alle von der Gewinnsucht hinreißen und
dienten somit dem Mammon. Nur drei blieben bei der reinen Weisheit,
verschmähten die Welt und ihre Schätze und suchten den Lohn ihrer geistigen
Tätigkeit allein im Geiste und in der Wahrheit.
[GS.02_015,14]
Was geschah denn zur Zeit der Geburt unseres hochgelobten und über alles
geliebten Herrn?
[GS.02_015,15]
Sie entdeckten einen ungewöhnlich glänzenden Stern aufgehend und beobachteten
seinen Gang und die Sternbilder, unter denen er aufging und welche er
passierte. Als sie so mit der inneren entsprechenden Bedeutung dieses Sternes
beschäftigt waren, und der Stern gegen die Mitte der Nacht gerade über ihren
Zenith zu stehen kam, da erschienen ihnen drei Männer mit weißen Kleidern
angetan und sprachen zu ihnen: Kennet ihr den Stern? Und die Weisen sprachen:
Wir kennen ihn nicht. – Die Männer aber, die da erschienen sind, sprachen zu
den Weisen: Lasset euch anrühren von uns an euren Stirnen und an euren Brüsten,
und ihr werdet sobald die große Bedeutung dieses Sternes erkennen. Die Weisen
aber sagten: Seid ihr etwa Zauberer aus Indien, daß ihr uns solches antun
wollet?
[GS.02_015,16]
Die drei erschienenen Männer aber erwiderten: Das sind wir mitnichten, denn wir
wollen euch nicht die Macht der Hölle enthüllen, sondern die Kraft Gottes
wollen wir euch zeigen und euch führen dahin, da sich der ewige Herr Himmels
und der Erde niedergelassen hat in aller Seiner göttlichen Fülle. – Einer
Jungfrau ward die endlose Gnade zuteil: Sie hat vom Herrn empfangen und hat
geboren ein Kind aller Kinder, einen Menschen aller Menschen und einen Gott
aller Götter! – Sehet, das wollen wir euch zeigen, und aus diesem Grunde lasset
euch anrühren von uns! Und die Weisen sprachen: Es sei denn, wie ihr wollet;
aber zuvor saget uns, wer ihr seid?
[GS.02_015,17]
Und der eine aus den drei Erschienenen sagte: Habt ihr je etwas gehört, wie es
war im Anfange der Welt? Sehet, ein Leib ward mir gegeben von Gott, den trug
ich neunhundertunddreißig Jahre und ward also geschaffen der erste Mensch
dieser Erde; mein Name war Adam, der Erstling Gottes auf dieser Erde. Nach
diesen Worten ließ sich der Älteste von dem Geiste Adams anrühren, und als der
Geist den Ältesten anrührte, ward er sobald unsichtbar; aber der Älteste war
erfüllt von dem Geiste Adams.
[GS.02_015,18]
Und auf dieselbe Weise geschah es mit den beiden anderen, und sie wurden
erfüllt, der Ältere mit dem Geiste Kains und der Jüngere mit dem Geiste
Abrahams, ohne jedoch dabei von ihrer eigentümlichen Individualität nur im
geringsten etwas zu verlieren. Aber im Augenblicke dieser Handlung erkannten
sie die große Bedeutung dieses Sternes und die Worte der Prophezeiung, welche
geschah, wie schon gesagt wurde, zu der Zeit der großen Königin dieses Landes.
[GS.02_015,19]
Daher machten sie sich auch sobald auf den Weg von ihrem Beobachtungsplatze,
rüsteten ihre Kamele aus und geboten ihren Knechten, einzukaufen Myrrhen, Gold
und Weihrauch. Denn solches war im selben Lande die gebräuchliche Opferung
einem neugeborenen Könige; Myrrhen dem Kinde, Gold dem Könige, welcher bei
ihnen hieß Mensch der Menschen, wie ein solches königliches Kind ein Kind der
Kinder, und Weihrauch opferte man dem Könige ebenfalls, weil der König als
gesalbter Machthaber der Gottheit auf Erden angesehen ward. – Als solches alles
herbeigeschafft worden war, da wurde auch sogleich die Reise angetreten. Der
Stern war der Wegweiser, und die drei Geister waren die inneren Führer unserer
bekannten drei Weisen aus dem Morgenlande.
[GS.02_015,20]
Sehet, in dieser Darstellung habt ihr euere Kunde enthülset und dennoch auch
zugleich die innere Wahrheit mit, daß in eben diesen drei Weisen Adam, Kain und
Abraham gegenwärtig waren. Abraham, der sich gar lange schon auf diesen Tag in
seinem Geiste gefreut hat, daß er ihn sehen möchte, wie es der Herr Selbst von
ihm aussagte, hat ihn auch wirklich gesehen leiblich durch die Weisen, geistig
in sich und himmlisch in dem erschauten Kinde der Kinder, Menschen der Menschen
und Gott der Götter! –
[GS.02_015,21]
Aus dieser Darstellung aber könnet ihr auch zur Genüge ersehen, wie die wahre
Astrologie beschaffen sein solle. Wir haben ebenfalls einen Stern erschaut von
ganz ungewöhnlicher Art in uns oder am Firmamente unseres Geistes. Sind wir
rechte Astrologen, so werden wir auch sicher mit der leichtesten Mühe unser
letztes Viertelchen finden und werden gar wohl erkennen, wo hinaus es so ganz
eigentlich mit unserem Sterne will.
[GS.02_015,22] Es
ist wahr, es liegen noch Milliarden und Milliarden von Sternen und Welten in
euch; aber aus diesen Milliarden hat sich einer nur gelöst. Dieser steht vor
uns und liegt unter unsern Füßen gleichwie ein herrliches himmlisches
Vaterland; aber wir fragen: Wo stehst du, herrliche Welt, in deiner großen
Wirklichkeit? Aus welcher Gegend der weiten Himmel traf dein mächtiger Strahl
dein Ebenbild in uns und stellte es hinaus, einen herrlichen Abglanz aus dir?
Doch wir wissen nicht, woher dein Strahl kam!
[GS.02_015,23] O
Freunde und Brüder! Es klingt sonderbar solch ein Fragen, wenn man das Werk
unter seinen Füßen hat. Habt ihr nie etwas gelesen von einer großen Burg der
Geister wie von einer Burg der Seelen? Sehet, darin liegen kleine Andeutungen
von einer großen geheimen Wahrheit, die aber bis jetzt noch unentdeckt
geblieben ist. Ich aber sage euch: Was zum Herrn will, muß auch den Weg zum
Herrn gehen. Ich sage euch noch gar gewichtig hinzu: Freuet euch hoch, denn der
Herr hat aus Milliarden den Staub, die Erde, erkoren; sie ist die Geburtsstätte
der Geister, welche zum Herrn wollen, aus allen endlosen Gebieten der Schöpfung
geworden! –
[GS.02_015,24]
Nun haben wir nicht mehr weit, sehet an diese Welt, die nun unter euren Füßen
ist, ein altes Vaterhaus eures Geistes! Große Pracht treffet ihr hier, und
solche Prachtliebe habt ihr auf die Erde mitgenommen. Aber der Herr mag die
Pracht nicht, darum hat Er die Erde gedemütigt. – Wisset ihr jetzt noch nicht,
wo hinaus es mit unserer Welt will? Ja, ich sehe schon, ihr könnet die
Astrologie noch nicht recht verdauen. Ich werde euch aber nun auf etwas
aufmerksam machen.
[GS.02_015,25]
Es war zu allen Zeiten und bei allen Völkern gebräuchlich, daß sie sagten und
auch hier und da ganz fest glaubten, dieser oder jener sei „ihr Stern“.
Buchstäblich genommen hätte es freilich wenig Grund, aber geistig genommen hat
es einen desto tüchtigeren; denn woher irgendein Geist ist, von dorther hat er
auch seine Liebe. Nun aber sind all die Myriaden Gestirne entweder Vor- oder
Nach-Wohnstätten der Geister. Wenn solches der Fall, so ist es auch sicher
klar, daß eines jeden Erdmenschen Geist aus einem Sterne als Vorwohnorte her
ist; und dieser Stern ist der erste, der bei der inneren Beschauung auch sicher
zuerst auftaucht.
[GS.02_015,26]
Nun dürfet ihr einmal den gestirnten Himmel mustern und den wohlgefälligsten
Stern betrachten; der euch am behaglichsten anstrahlen wird, bei dem bleibet. –
Sehet, das wird der entsprechende sein, durch welchen dieser geweckt wurde.
[GS.02_015,27]
Darin liegt aber auch der Unterschied zwischen den Kindern der Welt, welche da
sind von unten her und sind Kinder der Erde, und zwischen den Kindern des
Lichtes, welche sind von oben her und sind Kinder der Sonnen oder Kinder des
Lichtes und demnach berufen, als Knechte so oder so gleich dem Herrn zu dienen
und zu leuchten den Kindern der Welt, damit auch diese würden gewonnen zu
Kindern des Lichtes und wahrhaftigen Erben des ewigen Lebens, welches der Herr
bereitet allen Seinen geschaffenen Geistern von Ewigkeit her, indem Er für sie
gemacht hat im unendlichen Schöpfungsgebiete zahllose Schulen zur Gewinnung der
Freiheit des Lebens und hat ihnen selbst gesetzt auf dieser Erde ein heiliges
Ziel in Seinem Kreuze, damit sie alle würden wahrhaftige Kinder Seiner Liebe und
allerseligste Erben Seiner Erbarmung und Gnade!
[GS.02_015,28]
Ich meine, das vierte Viertel ist uns hoffentlich bekannt. Wenn wir uns aber
auf dieser Welt erst ein wenig werden umgeschaut haben, da wird uns schon noch
wie von selbst so manches Geheimnis klar werden, davon euch und aller Welt
bisher noch eben nicht zuviel geträumt haben möchte.
[GS.02_015,29]
Es hat aber der Herr nach Seiner Auferstehung noch gar vieles mit uns, Seinen
Erwählten, gesprochen, welches nicht aufgezeichnet ward; und wäre es auch
aufgezeichnet worden, so hätte die Welt die Bücher vor der Menge und vor der
Größe und Tiefe des Inhaltes nicht fassen können. Hier aber wird euch so
manches davon kundgetan; daher möget ihr wohl aufmerksamen Geistes sein, um in
euch zu fassen das große Geheimnis des Lebens und die innere große Weisheit des
Geistes! – (Joh.20,30.31. und Joh.21,25.)
16. Kapitel –
Zweierlei Menschen – Geschöpfe und Kinder. Vorbedingungen zur Gotteskindschaft.
[GS.02_016,01]
Wir wollen nun einen weiteren Versuch machen und wollen uns auch diese
menschlichen Wesen hier ein wenig näher vertraut machen, um daraus zu
entnehmen, wessen Geistes Kinder sie sind, und auf welcher Stufe innerer
Geistesverwandtschaft wir mit ihnen stehen. – Sehet die Formen dieser Menschen
ein wenig näher an, und ihr werdet gar bald daraus ersehen, daß eben diese
Menschen ihrer Form nach mit euch eine sehr bedeutende Ähnlichkeit haben.
Solche Beobachtung gibt uns einen bedeutenden Wink, daß sie dem geistigen
Vermögen nach euch so ziemlich ähnlich sein müssen, weil ihre äußeren Formen
solches, wenn schon etwas oberflächlich, kundgeben.
[GS.02_016,02]
Wie aber ihre innere geistige Beschaffenheit, als da ist ihre Liebe und ihre
Begierde wie auch ihr Verständnis, näher und klarer beschaulich aussieht, das
wollen wir aus ihren Gesprächen abnehmen; denn wovon das Herz voll ist, davon
geht der Mund über. Und der Herr hat in eines jeden Menschen Herz den Trieb
gelegt, demzufolge er nie mit dem so ganz zufrieden ist, was er hat, sondern
fortwährend nach etwas Höherem trachtet. Dieser Trieb hat, wie alles, zwei
Seiten, eine Licht- und eine Schattenseite. In der Schattenseite ist der Mensch
blind, und das Höhere, das er verlangt, ist niedriger, als was er hat. Aber in
der Lichtseite dieses Triebes verabscheut der Mensch alles Gegebene und will
durchaus nur das Allerhöchste, nämlich nichts mehr und nichts weniger als den
Herrn Selbst!
[GS.02_016,03]
Und so denn werden wir auch sogleich vernehmen, wie diese Menschen hier
durchaus nicht zufrieden sind mit dem, was ihrer ist. Die unbeschreibliche
Pracht ihrer Wohnung, dieses Gartens wie auch dieser ganzen Welt, um deren
Besitz eure Erdenkönige tausend Jahre Krieg führen würden, sehen diese Menschen
mit keinen anderen Augen an, als mit welchen ihr da ansehet auf eurer Erde eine
allergemeinste Land-Wohnhütte. Sie haben daher fortwährend größeres Verlangen
nach etwas Erhabenerem, Großartigerem und bei weitem Würdigerem. Wir aber
wollen sie doch selbst ein wenig behorchen, um daraus zu entnehmen, was für
Triebe in ihrem Geiste walten.
[GS.02_016,04]
Sehet, da vor uns befindet sich ein ehrwürdiger Greis, der soeben bei der
Gelegenheit, da das Opferholz auf dem Altare von selbst ist brennend geworden,
eine Rede an die Bewohner dieses Palastes halten wird; denn eine solche
Erscheinung gilt den Bewohnern dieser Welt als ein heimliches Wahrzeichen, aus
welchem sie entnehmen, daß der Herr ihren Wünschen nachkommen will. – Und so
höret denn! Er spricht:
[GS.02_016,05]
Ihr alle, die ihr dieses mein Stammhaus bewohnet, seid Zeugen, daß auf unser
Rufen eine heilige Flamme über den Altar gekommen ist, um zu verzehren das
wohlduftende Opfer. Gar viele, die auf dieser Welt leben, beachten solches
nicht und halten es nur für Trug und Täuschung der Sinne. Wir Bewohner unseres
Hauses aber sind der alten Offenbarung getreu, in welcher gesagt wird, daß
Gott, unser Herr, ein einiger Gott ist, der da gemacht hat diese Welt für uns
zur Bewohnung und hat uns den freien Willen gegeben, entweder selig zu
verbleiben auf dieser Welt im Geiste fürder und fürder oder sich zu erheben von
dieser Welt in irgendeine andere, allda Er ewig zu Hause ist unter Seinen
Kindern.
[GS.02_016,06]
Wer aus euch, demnach die große Lust und Sehnsucht hat, den Weg dahin
anzutreten, der mag sich nun an den Herrn wenden, da Er Sein Ohr zu uns
gewendet hat, damit der Herr ihn umwandle und ihn setze auf die Welt, da Er
selbst unter Seinen Kindern zu Hause ist.
[GS.02_016,07]
Ihr wisset, daß der Herr, unser einiger Gott, zweierlei Wesen gestaltet hat,
die sich selbst frei bestimmen können. Die erste Art sind wir Geschöpfe, begabt
mit freiem Willen und einem verständigen Gemüte, auf daß wir selbsttätig sein
möchten zu unserer Freude und zu unserer großen Wohlfahrt. Aber diesen Seinen
Geschöpfen hat der Herr nur diese Welt leiblich wie geistig zur Wohnung
eingeräumt für bleibend.
[GS.02_016,08]
Dieses angenehme Los zu erreichen ist überaus leicht, denn wer da glaubt, daß
der Herr ist ein einiger Gott Himmels und aller Welt, die wir betreten mit
unseren Füßen, und gibt aus diesem Gedanken heraus dem Herrn der Herrlichkeit
die Ehre durch Opfer und Anbetung auf die Art, wie desgleichen üblich ist auf
dieser ganzen Welt, insoweit wir sie kennen, der hat sich, wie ihr alle wißt, dieses
angenehmen Loses würdig gemacht. Die Umwandlung wird geschehen, wie uns allen
bekannt ist, auf die höchst angenehme und wohltuende Art, auf welche überaus
sich zu freuen ein jeder Bewohner dieser Welt das vollste Recht hat.
[GS.02_016,09]
Wenn wir aber die zweite Art der Geschöpfe betrachten, deren freilich wohl viel
weniger sein dürften, so finden wir an ihnen laut der Offenbarung, daß sie
nicht nur Geschöpfe wie wir, sondern wahrhaftige Kinder des einigen Gottes
sind. Diese Kinder sind in aller Machtvollkommenheit Gottes, und ihre Seligkeit
ist gleich der Seligkeit Gottes; denn sie haben alles, was Gott hat, Sie tun
alles, was Gott tut, und Gott tut, was sie tun!
[GS.02_016,10]
Ihnen ist Gott nicht mehr ein Gott also, wie Er uns ist – ein ewig unzugänglicher,
den nie ein Auge schauen kann, das da ist ein Auge dieser Welt; sondern ihnen
ist Er ein wahrhaftiger Vater, der allzeit unter ihnen ist, sie führet und
leitet und spricht mit ihnen wie ich mit euch und sorget für sie, bauet für sie
und kocht für sie, daß sie ewig keine Sorge haben dürfen, und sie sind in ihrer
Vollendung dann vollkommene Herren wie ihr allmächtiger Vater über die ganze
Unendlichkeit und freuen sich ihrer unendlichen Machtvollkommenheit, die ihnen
ist aus ihrem Vater!
[GS.02_016,11]
Solch ein Los ist freilich wohl ganz etwas anderes als das unsrige; ja es ist
gegen das unsrige unter gar keinem Verhältnisse mehr aussprechlich.
[GS.02_016,12]
Sind wir Geschöpfe dieser Welt aber für ewig ausgeschlossen, dieses
unaussprechliche Los auch zu erlangen? Was spricht darüber die Offenbarung, die
wir dereinst in der Urzeit der Zeiten von einem mächtigen Geiste bekommen haben
für alle Zeiten dieser Welt?
[GS.02_016,13]
Also lautet sie mit kurzen Worten: Einen Altar erbauet euch in eurer Wohnung,
und dieser Altar sei allzeit belegt mit wohlduftendem Holze übers Kreuz und
über die Quere. So jemand den einen Gott erkannt hat in seinem Glauben, der
frage sein Herz, ob es entzündbar ist, so wird die Flamme des Herzens das Holz
am Altare ergreifen und es verzehren unter hellen Flammen. In diesen Flammen
wird der im Herzen Entzündete lesen die großen, heiligen, aber überschweren
Bedingungen, durch welche er zu einem Kinde Gottes werden kann.
[GS.02_016,14]
Nun sage ich euch: Welcher aus euch, meinen Hausgenossen und Kindern, die
Bedingungen in der Flamme lesen mag, der trete herbei und lese! Hat jemand die
überschweren Bedingungen genehm gefunden, der lege – nach der Offenbarung –
seine Hand an den Altar, und Gott der Allmächtige wird seinen Geist nehmen, ihn
führen auf jene Welt, da Er wohnt, und wird den Geist zu einem neuen Menschen
gestalten, der zwar nur auf eine kurze Zeit einen sterblichen, schmerzhaften
Leib wird herumschleppen müssen und wird sich müssen in diesem Leibe bis zum
Tode demütigen. Und wenn er schon wird durch und durch gedemütiget sein, dann
noch wird er sich müssen schmerzhaft töten lassen, um aus dem Tode erst dann zu
erstehen zu einem wahren Kinde Gottes! –
[GS.02_016,15]
Nun sehet, es tritt ein Mann aus der Mitte der ganzen bedeutenden Menge und
liest aus der Flamme folgende Bedingung: Unzufriedener mit deinem seligen Lose!
Was willst du? Wohin willst du? – Du kennst bis jetzt keine Leiden, und nie hat
ein Schmerz dein Wesen berührt. Der Tod ist dir fremd, und noch nie hat eine schwere
Bürde deinen Nacken berührt. Bleibst du auf dieser Welt nach der ewigen Ordnung
Gottes, so kannst du ewig nie fallen, verdorben werden und zugrunde gehen. Was
dein Herz wünscht und fühlt, hast du und wirst es allzeit haben.
[GS.02_016,16]
Bist du aber mit dem nicht zufrieden und willst dahin ziehen, da die Kinder
Gottes gezeugt werden, so wisse, daß dich Gott, dein Herr, mächtig durch
allerlei große Leiden, Schmerzen und Trübsale wird bis auf den letzten
Lebenstropfen durchprüfen lassen, bevor du durch den Tod umwandelt wirst zu
einem Kinde! Wehe dir aber, wenn du die Prüfung nicht bestanden hast; da wirst
du für die Eitelkeit dieser deiner Bestrebung ewig im Zornfeuer der Gottheit
büßen müssen, und es wird mit dir nimmer besser, sondern stets ärger und qualvoller
dein ewiger Zustand!
[GS.02_016,17]
Du wirst aber auf dieser Welt, da die Kinder Gottes gezeugt werden, mit der
vollkommensten Blindheit geschlagen sein, und nichts wird dir von allem dem,
was du nun hier erfährst, zum Behufe deiner ferneren Führung im Bewußtsein
übrigbleiben; denn du wirst da genötigt sein, ein ganz neues, mühevolles und
beschwerliches Leben zu beginnen. Nichts wird dir somit bleiben als allein für
deine größte Gefahr die Begierde des Lebens dieser Welt.
[GS.02_016,18]
Du wirst dich nach allen ähnlichen Vollkommenheiten und Herrlichkeiten sehnen,
große Anlagen und Fähigkeiten des Geistes wirst du klar gewahren müssen; aber
in deinem schweren, mühseligen Leibe wirst du keine ausführen können. Und wenn
du aber dennoch alldort Mittel finden wirst, so manches, wenn schon
unvollkommenst, ins weltliche Werk zu setzen, darnach dein Geist seinem
übriggebliebenen Triebe nach sich sehnen wird, so wirst du dich dadurch schon
versündigen vor Gott; und wirst du davon nicht abstehen, so wird eine ewige
Verdammnis ins ewige Zornfeuer Gottes dein Los sein!
[GS.02_016,19]
Hier ist dein von Gott aus, was du hast; dort auf jener Welt wirst du dir nicht
einen Grashalm zueignen dürfen. Reichtum und große Pracht gehört hier zur
Tugend, dort aber wird sie dir zum tödlichen Laster gerechnet werden. Hier
darfst du wollen, und der Erdboden gehorcht deinem Winke; dort aber wirst du
dir die Nahrung im schmerzlichen Schweiße des Angesichtes mühsamst selbst
suchen und bereiten müssen.
[GS.02_016,20]
Das sind die Bedingungen, die zu erfüllen deiner harren, so du dich zu einem
Kinde Gottes aufschwingen willst. Es ist nicht unmöglich, daß du Gnade und
Erbarmung bei Gott finden wirst, so du Ihn wirst lieben über alles und wirst
sein wollen der Nichtigste und Geringste und wirst ertragen alle Leiden und
Schmerzen mit großer Geduld und völligster Hingebung in den Willen Gottes; aber
es ist viel leichter möglich, daß du fällst, als daß du erstehest. – Daher
besinne dich und lege dann deine Hand auf den Altar, auf daß dir werde nach
deinem Wollen!
[GS.02_016,21]
Nun sehet, also verhält es sich mit der Sache. Wir wollen uns aber damit noch
nicht begnügen, sondern diese Verhandlung noch ein wenig beobachten. Euch wird
daraus gar bald in euch selbst ein gewaltiges Licht aufgehen, und ihr werdet
das Wo, Woher und Wohin sehr klar zu begreifen anfangen. – –
17. Kapitel –
Zentrum der Bedingungen – kannst du Gott lieben?
[GS.02_017,01]
Unser Bewerber um die Kindschaft hat nun alles gelesen, was in der Flamme
geschrieben stand, und richtet seine Blicke wieder an den Ältesten. Seine Frage
ist sehr leicht zu erraten; ihr habt sie schon in euch. Daher braucht ihr sie
nur herauszuholen, und wir werden sogleich unseren Bewerber um die Kindschaft
also reden hören, wie ihr es in euch zuvor empfunden habt.
[GS.02_017,02]
Die Bedingungen sind schwer, und unser Kindschaftsbewerber erschauert vor
ihnen; daher fragt er denn auch den Ältesten und spricht: Ich habe gelesen die
Forderungen Gottes in der Flamme Seines Eifers. Ich sehe daraus den Vorteil
dieses Lebens und den großen Nachteil eines höheren, darum meine ich, es wird
klüger sein zu bleiben, was man ist auf dieser unteren Stufe, als sich
aufzuschwingen zu dem nahe Unerreichbaren.
[GS.02_017,03]
Es mag freilich wohl für unsereinen etwas Undenkliches sein, sich als ein Gott
in einem Kinde Gottes zu fühlen; ja etwas unbegreiflich Erhabenes muß es sein,
mit einem Blicke in die unendlichen Tiefen der göttlichen Macht und Weisheit zu
dringen. Ja etwas ganz unaussprechlich Seliges muß es sein, mit dem ewigen
allmächtigen Schöpfer aller Ewigkeit und Unendlichkeit in einem stets
sichtbaren allerliebfreundlichsten Verhältnisse zu stehen und in Gott dem Herrn
ein Mitherr zu sein aller Unendlichkeit. Aber die Bedingungen, solche Größe zu
erreichen, sind zu schauderhaft schwer und sind also gestellt, daß da sicher
unter gar vielen Tausenden kaum einer den hohen Zweck seiner Unternehmung
erreichen dürfte.
[GS.02_017,04]
Daher habe ich mich wohl besonnen und werde vollkommen Verzicht leisten auf
diese Unternehmung. Wer aber an meiner Statt solches wagen will, dem werde ich
nicht in den Weg treten; aber ich werde ihm kundgeben, was ich gelesen habe in
der Flamme.
[GS.02_017,05]
Der ehemalige Bewerber um die Kindschaft hat seine Fragrede beendet und der
Älteste holt soeben die Antwort aus uns, das heißt, er wird das sprechen, was
in uns schon gesprochen ist.
[GS.02_017,06]
Ihr könnet solches freilich wohl noch nicht klar vernehmen in euch; aber in der
Ordnung des Herrn ist es schon einmal also eingerichtet, daß die Rede eines
Menschen ein Produkt alles dessen ist, was da verborgen liegt in der Tiefe
seines Lebens. Und wenn ein Mensch spricht, so wird er dazu gewisserart
genötigt durch die innere Anregung, welche aus allem dem Entsprechenden
hervorgeht, das da verborgen liegt in der Tiefe seines Lebens.
[GS.02_017,07]
Da wir solches nun aus uns geholt haben, so wollen wir denn nun auch vernehmen,
was der Älteste spricht. Höret, solche Laute entströmen seinem Munde, und
solches ist ihr Sinn:
[GS.02_017,08]
Mein Sohn! Du hast die große Wahrheit in der Flamme des göttlichen Eifers
gelesen. Wahr ist alles bis auf ein Häkchen, und kein Zeichen kam umsonst in
der wallenden Flamme zum Vorschein; aber ein Zeichen, das da in der Mitte der
Flamme über der inwendigen Glut verborgen lag, hast du nicht gesehen.
[GS.02_017,09]
Siehe, wenn du dieses Zeichen zu all dem Gelesenen hinzufügest, so wird dir
alles in einem andern Lichte gezeigt werden.
[GS.02_017,10]
Siehe, dieses aber war das Zeichen, das du übersehen hattest: In der Mitte der
Glut, von allen Seiten mit der lebendigen Flamme umfaßt, stak ein Herz, und das
Herz flammte, und dieses Flammen aus diesem Herzen bildete eben diejenigen
Zeichen, die du gelesen hast. Liesest du diese Zeichen für sich, da sind sie
schauerlich, überschauerlich; liesest du sie aber aus diesem Herzen, so sind
sie gefüllt voll der seligsten Hoffnungen. Für sich allein sind sie ein
Gericht, aus dem nirgends mehr ein freier Ausweg in ein besseres Leben zu
erschauen ist; aus dem Herzen aber sind sie eine Erbarmung Gottes, in welcher
niemand ewig je verlorengehen kann, wer sich einmal in dem Herzen befindet.
[GS.02_017,11]
Siehe, mein Sohn, es kommt alles darauf an, ob du Gott lieben kannst oder
nicht. Kannst du Gott lieben in aller Demut deines Herzens, so bist du in
diesem Herzen; kannst du aber Gott nicht lieben, dann bist du nicht im Herzen,
sondern im Gerichte. Und da ist es dann wohl besser, du bleibest hier im
kleinen Gerichte selig, als daß du dich begeben möchtest zur Erstrebung der
Kindschaft Gottes, aber dadurch dann gelangen in das große Gericht, von dem
nach den Zeichen in der Flamme schwerlich je ein Ausweg zu finden sein wird.
[GS.02_017,12]
Das sind die Verhältnisse in der Fülle der Wahrheit. Fürwahr, wir wissen es aus
dem Munde der Engel Gottes, daß eben Gott keiner Welt so viel Gnade, Erbarmung
und Liebe erzeiget und bezeuget hat, als eben derjenigen, allda Er für Sich
zeugt und erziehet Seine Kinder. Denn Er Selbst hat alldort die Ordnung also
eingerichtet, daß Er ihnen gleich ward zu einem Menschen und trug für Seine
Kinder alle möglichen Beschwerden und wollte für sie aus unendlich großer
Vaterliebe sogar Seinem Menschlich-Leiblichen nach getötet werden auf eine
kurze Zeit durch die Hände Seiner eigenen Kinder!
[GS.02_017,13]
Siehe, mein Sohn, solches alles ist uns wohlbekannt und ist richtig. Aber
richtig ist es auch, daß der Herr unser Gott allda am meisten verlangen wird
von Seinen Geschöpfen, zu handeln in Seiner Ordnung, allda Er für sie auch am
allermeisten aus Seiner göttlichen Fülle gearbeitet hat. Nun weißt du alles,
was da not tut, um einzugehen in das Reich der Kindschaft Gottes.
[GS.02_017,14]
Daher magst du nun tun, was dir gut dünkt. Willst du die Bedingungen eingehen,
so mußt du sie im Herzen eingehen, und du wirst nicht verloren sein. Denn
solches wissen wir auch, daß der Herr eher eine ganze Schöpfung zerstören
würde, ehe Er ein Kind als vollkommen verloren gäbe!
[GS.02_017,15]
Wenn du demnach im Herzen bist, so wird der Herr sorgen für dich als ein
allerwahrhaftigster Vater. Willst du aber ohne das Herz die Bedingungen auf
dich nehmen, so wirst du nicht bestehen unter der Last der großen Prüfungen
Gottes; denn für die, welche in Seinem Herzen sind, hat Er kein Gesetz gegeben,
denn allein das, daß sie Ihn lieben stets mehr und mehr.
[GS.02_017,16]
Welche aber außerhalb des Herzens sind, diese sind von Gesetzen über Gesetzen
umlagert, welche schwer zu halten sind; und die Übertretung eines einzigen
zieht schon im Augenblicke der Übertretung ein tödliches Gericht nach sich, in
welchem es dann fortwährend schwerer und schwerer wird, die andere große Masse
von Gesetzen zu halten. – Aus diesem kannst du nun mit voller Gewißheit
beurteilen, was da erforderlich ist zur Erlangung der Kindschaft Gottes.
Darnach handle denn auch; denn du bist frei!
[GS.02_017,17]
Nun wollen wir denn wieder unseren Bewerber betrachten. Sehet, er bedenkt sich
die Sache ganz ernstlich und spricht abermals zum Ältesten: Höre, du Vater
dieses Hauses! Mir ist nun ein Gedanke gekommen, und der Gedanke lautet also:
Wenn ich hier den ernstlichen Entschluß fasse, nicht ein Kind des Herrn zu
werden, sondern nur ein unterster Diener der geringsten Seiner Kinder, bloß aus
dem Grunde, um auf diese Weise ganz geheim liebend dem allmächtigen Herrn
einmal in eine Ihn sehende Nähe zu gelangen, so meine ich, solches dürfte denn
doch nicht gefehlt sein. Wird aber der Herr in der andern Welt dieses meines
Grundsatzes eingedenk sein und mich in solche Verhältnisse stellen, in welchen
ich diesen meinen Grundzweck erreichen könnte? Wenn das der Fall ist, so will
ich meine Hand auf den Altar legen.
[GS.02_017,18]
Der Alte spricht: Des kannst du vollends versichert sein; denn aus welchem Grunde
da jemand zur Kindschaft des Herrn gelangen will, aus eben diesem Grunde wird
der Herr ihn auch das werden lassen in jener Welt, durch was er erreichen kann,
was da liegt im Grunde seines Lebens. Willst du der Geringste sein, da wird
dich der Herr tragen auf Seinen Händen. Wer aber der Größte sein will, der wird
den Herrn nicht zum Führer haben, sondern der Herr wird hinter ihm einhergehen
und wird belauschen seine Schritte und Tritte, und wenn der Großseinwollende
gelangen wird zu einem Abgrunde und er wird nicht frei umkehren, so wird ihn
der Herr weder rufen, noch ziehen zurück vom Abgrunde, sondern ihm überlassen,
entweder frei umzukehren oder sich frei hinabzustürzen in den ewigen Abgrund.
[GS.02_017,19]
Du aber hast dir den demütigsten Grund gefaßt; dieser Grund wird dein Leben und
die Erbarmung vom Herrn unwiderruflich erwirken, – und so denn kannst du
getrost deine Hand auf den Altar legen!
[GS.02_017,20]
Sehet nun, der Bewerber spricht: Herr, Du Allmächtiger in Deiner Liebe, Gnade
und Erbarmung! Aus keinem andern Grunde, denn aus der reinen Liebe nur will ich
zu Dir! daher verlaß mich nicht in der Zeit meiner Schwäche, und sei du allein
all meine Kraft und Stärke! In welcher Gestalt immer ich in der neuen Welt
auftreten werde, sei Deine Liebe mir das alleinige, ewige, mächtige Vorbild
meines Lebens, nach welchem ich trachten will aus all meiner von Dir
verliehenen eigenen Lebenskraft. Verhülle mir ganz, was ich hier war und hier
hatte, damit ich desto leichter erstrebe alle Niedrigkeit in meiner großen
Liebe zu Dir; aber den Grund laß allzeit auftauchen in mir, auf daß ich stets
kräftiger werde in der Liebe zu Dir! – Und so denn übergebe ich mich, o Herr,
Deiner unendlichen Liebe, Erbarmung und Gnade!
[GS.02_017,21]
Sehet, hier legt der Bewerber seine Hand auf den Altar. Die mächtige Flamme
ergreift ihn und im Augenblicke ist er nicht mehr unter den Bewohnern dieses
Hauses.
[GS.02_017,22]
Wo ist er denn nun hin? Sehet, in diesem Augenblicke ist er schon in die Seele
einer leiblichen Mutter gelegt, die da empfangen hatte, und wird ausgeboren zu
einem männlichen Kinde. Solches nimmt euch wohl ein wenig wunder; ich aber sage
euch: Ist es denn weniger wunderbar, daß die Geister eurer Sonne sichtbar vor
euren Augen ausgeboren werden von den Pflanzen eures Erdkörpers, wie in den
nachfolgenden Tiergattungen mannigfachster Art? Solches seht ihr doch täglich
und wundert euch wenig darüber, und doch ist dieser Prozeß viel verwickelter,
größer und langwieriger, denn dieser der Übersiedlung eines Geistes. Denn bei
der Übertragung der Sonnengeister handelt es sich um die Entwicklung eures
Leibes und eurer Seele, welches alles wie ein tausendmal tausendfach
Zusammengesetztes erscheint; hier aber, d.h. von dieser Sonnenwelt, die eine
Zentralsonnenwelt ist, handelt es sich um die fertige Übersiedlung eines
Geistes, welcher in dem neuen Leibe seines Grundes zufolge nichts anderes zu
tun hat, als in seiner Liebe eins zu werden mit der lebendigen Seele in der
Liebe zum Herrn.
[GS.02_017,23]
Und diese Einung ist die erlangte Kindschaft des Herrn, aus welcher hervorgeht
ein neues Geschöpf, erstaunlich allen Himmeln; denn es ist ein Geschöpf aus der
Ehe der Himmel und ein Geschöpf der Erlösung des Herrn, und dieses Geschöpf ist
groß vor dem Herrn, und ist ein Kind des ewigen heiligen Vaters! – Sehet, das
ist das nun enthüllte große Geheimnis der Menschwerdung auf der Erde. Daher
seid auch ihr. Aber nicht alle Menschen der Erde haben von da her ihren
geistigen Ursprung, denn es gibt noch gar viele solche Geistersonnen im endlosen
Schöpfungsraume. – Wir wollen uns aber noch zuvor in dieser näher umsehen, ehe
wir in eine andre übergehen werden. –
18. Kapitel –
Des Geistes Willenskraft, vereint mit dem Herrn, wirkt Wunder.
[GS.02_018,01]
Wir haben hier nichts mehr zu tun, somit können wir uns auf unserer Welt wieder
weiterbewegen; denn wenn man nur einmal eine Welt hat, also eine gute
Unterlage, so kann man dann auf derselben herumgehen, wie man will, und
allerlei gute Erfahrungen machen.
[GS.02_018,02]
Wohin aber sollen wir uns nun begeben? Hier will ich nicht sagen: Dahin oder
dorthin, sondern auch solches sollet ihr bestimmen. Aber auf eines muß ich euch
aufmerksam machen, und das ist, daß ihr eine einmal gefaßte Bestimmung, hier-
oder dorthin zu gehen, festhalten müsset, und es muß beim ersten Gedanken
bleiben. Denn hier kommt es nicht darauf an, daß jemand sagen möchte: Ich weiß
nicht recht und bin zweifelhaft, ob ich mich links oder rechts wenden solle, da
bei solchen Zweifeln diese Welt, die ihr betretet, sobald wieder vor euch
verschwinden würde. Daher muß ein jeder Gedanke festgehalten werden und kein
zweiter den ersten verdrängen. Im Geiste ist das durchgehends der Fall; denn
wer da nicht fest ist, der ist nicht geschickt zum Reiche Gottes. Also wie der
Herr Selbst spricht: „Wer seine Hand an den Pflug legt und zurücksieht, der ist
nicht geschickt zum Reiche Gottes.“
[GS.02_018,03]
Das will aber mit anderen Worten für unseren gegenwärtigen rein geistigen
Zustand nichts anderes gesagt haben, als daß man im Geiste bei gar keiner
Gelegenheit sich wankelhaft benehmen solle. Der erste Gedanke muß auch der
erste Entschluß und die erste vollkommene Festigkeit sein; denn wäre im Geiste
solches nicht der Fall, so stünde es schon lange gar schlecht mit aller
Schöpfung.
[GS.02_018,04] Nehmet
ihr nur an, ein allergeringster Wankelmut im Geiste Gottes, ein
augenblickliches Zurückziehen Seines unbestechlichsten festesten Willens, würde
auch sogleich eine augenblickliche Vernichtung aller Dinge nach sich ziehen.
[GS.02_018,05]
Ihr saget zwar: Solches kann man sich freilich wohl gar leicht vom Geiste
Gottes denken; ob aber für die Erhaltung der Dinge auch eine gleiche Festigkeit
von seiten anderer Ihm nahestehender Geister vonnöten ist, das ist nicht so
klar.
[GS.02_018,06]
Ich sage euch aber: Es ist eines so klar wie das andere. Aus eben diesem Grunde
kann nichts Unreines in das Reich Gottes eingehen; denn die Himmel sind das
Zentralregiment des Herrn. Sie sind in ihrer Art vollkommen eins mit dem Willen
des Herrn; und würde jemand in den Himmel gelangen, der da nicht eins wäre mit
dem Willen des Herrn vollkommen, so würden dieses sobald alle Schöpfungsgebiete
wahrnehmen. Denn solches würde allerlei Unordnung in der Schöpfung hervorrufen,
und tausend der grimmigsten Höllen würden in all ihrer freien Wut nicht einen
solchen Schaden anrichten als ein einziger unordentlicher Geist im Reiche
Gottes!
[GS.02_018,07]
Solange ihr unter der Führung anderer Geister bloß passive Betrachter der
geistigen Verhältnisse waret, so lange konntet ihr freilich wohl mit euren
Gedanken wechseln, wie ihr wolltet; und es blieb dennoch alles, wie ihr zu
sagen pflegt, beim alten. – Jetzt aber seid ihr aktive Betrachter der geistigen
Verhältnisse, d.h. ihr betrachtet nicht Dinge, die in meiner Sphäre sind, also
nicht auf meinem Grund und Boden, sondern ihr betrachtet nun selbst als Geister
Dinge eurer Sphäre. Ihr waret früher Gäste eines andern Bruders und durftet
euch nicht entfernen von ihm, wolltet ihr genießen in Seinem Hause; jetzt aber
bin ich euer Gast, und ihr könntet mich herumführen, wo ihr wolltet.
[GS.02_018,08]
Aber, wie gesagt, es kommt darauf an, daß ihr eure Gedanken fest haltet, also
eure Schöpfung fixieret; sonst stehen wir alle drei sogleich wieder in unserem
früheren Dunste.
[GS.02_018,09]
Als euch ehedem mein Bruder herumgeführt hat in seiner Sphäre, da mußte er
ebenfalls seine Schöpfung festhalten; sonst hättet ihr gar wenig zu sehen
bekommen. Dieses aber ist dem reinen vollkommenen Geiste ein leichtes, weil er
seine Willenskraft vollkommen aus dem Herrn hat. Ihr habt euren Willen zwar
auch aus dem Herrn, aber er ist noch nicht fest und vollkommen genug, um ihn
gleich den vollkommenen Geistern allenthalben fixieren zu können. Darum aber
sagte ich euch nun auch dieses, damit ihr wisset, wie man im Geiste lebt und
den Schatz der Kraft seines Geistes erhält.
[GS.02_018,10]
Wenn jemand auf dem Erdkörper lebt und will sein Eigentum erhalten, so muß man
es wohl verwahren, damit nicht Diebe und Räuber es verderben und wegnehmen, was
man besitzt. – Hier ist es eben also; Diebe und Räuber sind wankelmütige,
begierliche Gedanken im Geiste. Wer diesen nicht alsogleich feste Schutzmauern
setzt, der verliert bald gar leicht das schöne Eigentum seines Geistes.
[GS.02_018,11]
Also sagte auch der Herr: „Wer da hat, dem wirds gegeben, daß er in der Fülle
haben wird; wer aber nicht hat, dem wird genommen, was er hat, oder er wird
das, was er hat, verlieren.“ – Was ist aber, das jemandem genommen werden kann,
das er nicht hat, und jemandem gegeben werden, das er hat, um es dann zu
besitzen in der Fülle? – Es ist des Geistes vereinte Willenskraft in dem Herrn!
Wer sie hat, der wird dadurch endlose Reichtümer finden in seinem Geiste und
dann im Besitze der Kraft und der Güter sein, und das ist ein Besitz in der
Fülle.
[GS.02_018,12]
Wer aber diese mit dem Herrn vereinte Willenskraft im Geiste nicht hat, was
wird dessen Los wohl sein, da es hier für niemand einen andern Besitz gibt, als
den höchst eigenen aus sich? Ich sage euch: Das Los eines solchen Geistes wird
kein anderes sein als die entweder plötzliche oder sukzessive Verarmung; denn
so jemand von euch einen Rock haben will, ist aber selbst kein Schneider, so
muß er zu einem Schneider gehen, damit ihm dieser einen Rock mache. Wenn es
aber keinen Schneider gäbe, oder wenn man aus einem Orte alle Schneider
vertriebe und auch niemand sich selbst einen Rock machen könnte, so dürfte es
doch ein wenig künstlich hergehen, um zu einem Rocke zu gelangen.
[GS.02_018,13]
Seht, also ist es auch hier der Fall; der Herr schuf den Menschen nach Seinem
Ebenbilde und hat ihn mit werktätig schöpferischer Kraft ausgerüstet. Diese
aber hat Er nur wie ein Samenkorn in ihn gelegt. – Ihr saget aber selbst schon
und wißt es aus der Schrift, da es heißt: „Und die Werke folgen ihnen nach.“
[GS.02_018,14]
Wenn also, so kann ein unfester, kraft- und werkloser Geist, der sich nie in
irgendeiner Festigkeit versucht hatte, ja doch im reinen Geisterreiche
unmöglich anders als ganz leer ankommen. Wie vieles aber daran liegt, daß der
Mensch festen, unwankelhaften Geistes sei, zeigt der Herr bei verschiedenen
Gelegenheiten.
[GS.02_018,15]
Er begünstigt Petrum wegen der Festigkeit seines Glaubens; wieder heißt Er den
einen klugen Mann, der auf einen Felsen baut, wieder spricht Er von Johannes
dem Täufer, daß er kein Rohr ist, das von dem Winde hin und her bewegt wird.
Gar oft spricht Er: „Es geschehe dir nach deinem Glauben; dein Glaube hat dir
geholfen!“ – Also spricht Er auch offenbarlich aus, indem Er sagt: „Seid
vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“, wodurch Er ebenfalls
sagen will, daß sie, nämlich zu denen Er gesprochen hat, einen Gott gleich
festen Willen haben und sich durch nichts aus der festen Richtung ihres Geistes
bringen lassen sollten. Also preiset Er auch die Macht des festen Geistes mit
folgenden Worten an:
[GS.02_018,16]
„So ihr Glauben hättet wie ein Senfkörnlein groß, so könntet ihr zu diesem
Berge sprechen: Hebe dich von hinnen und stürze ins Meer! – Es wird geschehen
nach eurem Glauben.“
[GS.02_018,17]
Aus diesen wenigen angeführten Texten, dergleichen es noch eine Menge gibt,
könnet ihr aber auch schon hinreichend klar entnehmen, worauf es vorzugsweise
im Reiche der Geister ankommt.
[GS.02_018,18]
Ich sage euch aber noch hinzu, was euch vielleicht etwas sonderbar vorkommen
wird, und dennoch ist es die unbestechlichste Wahrheit. Wenn die Menschen auf
der Erde wüßten, worauf es ankommt, um in ihrem Wollen etwas zu effektuieren,
so würde gar manches Wunderbare geschehen; aber die Menschen wissen zum größten
Teile ja kaum, daß sie einen Geist haben, weil dieser bei ihnen schon lange von
ihrer Materie aufgesogen worden ist. Woher sollen sie es dann wissen, was in
ihrem Geiste liegt?
[GS.02_018,19]
Euch aber, die ihr nun den Geist schon ein wenig habt kennengelernt, kann ich
es nun schon ein wenig kundgeben, worauf es hauptsächlich ankommt, um eben aus
dem Geiste mächtig, unfehlbar, bestimmt und wahrhaft wunderbar zu wirken.
[GS.02_018,20]
Worauf kommt es denn eigentlich an? – Höret, ich will euch dafür ein kleines
Rezeptchen geben. Nehmet davon alle Morgen und Abende einen guten Eßlöffel voll
ein, und ihr werdet euch überzeugen, daß dieses Rezept ein wahrhaftiges
Wunder-Arkanum ist.
[GS.02_018,21]
Die erste Spezies besteht darin, daß man sich gleich nach dem Erwachen mit dem
Herrn durch die Liebe in Seinem Willen vereint; solches muß auch abends
geschehen. – Wenn dann jemand etwas möchte, so habe er acht auf den ersten
Gedanken; das ist die zweite Spezies. Diesen halte er nun augenblicklich fest
und vertausche ihn um alle Weltreichtümer nicht mehr mit einer zweiten.
[GS.02_018,22]
Hat er solches getan, dann bitte er den Herrn, daß Er Sich möchte mit Seiner
unendlichen Stärke vereinen mit der Schwäche des eigenen Willens, erfasse den
Herrn dabei abermals mit seiner Liebe, – das ist die dritte Spezies. Ist
solches in aller wankellosen Festigkeit geschehen, dann geselle er zu diesen
drei Spezies noch eine vierte hinzu, und das ist der fixiert feste Glaube.
[GS.02_018,23]
Wenn diese vier Spezies beisammen sind vollkommen, so ist die Wundermedizin
auch schon fertig.
[GS.02_018,24]
Wer es nicht glauben will, der wird in sich wohl schwerlich die Probe ausführen
können; wer es aber glaubt, der gehe hin und tue desgleichen, und er wird sich
überzeugen von der vereinten Kraft des Herrn in seinem Geiste. – Dieses
Geheimnis mußte ich euch hier mitteilen, weil es hier am rechten Platze ist.
[GS.02_018,25]
Ihr wisset demnach nun auch, was ihr hier auf dieser unserer Welt zu tun habt,
damit wir weiterkommen; ein Gedanke, eine feste Bestimmung, und wir werden den
Ort vor uns haben, dahin wir wollen.
[GS.02_018,26]
Dieses Geheimnis aber, das ich euch nun kundgegeben habe, gilt für alle
naturmäßige wie für alle geistige Welt; denn es ist ganz dasselbe, welches der
Herr und alle Seine Apostel und Jünger gelehrt hat, und zwar bei der
Gelegenheit, da Er sagte: „Ohne Mich könnt ihr nichts tun; mit Mir aber,
versteht sich von selbst, alles!“
[GS.02_018,27]
Und weiter, da Er sagte: „Um was ihr immer den Vater in Meinem Namen bitten
werdet, das wird Er euch geben.“ – Hier hat der Herr in der Bitte keine
Ausnahme gesetzt, indem Er sagte: „um was immer.“
[GS.02_018,28]
Also zeigte Er auch: Wenn zwei oder drei in Seinem Namen versammelt sind, so
wird Er mitten unter ihnen sein; und um was sie da bitten werden, wird ihnen
gegeben. – Der Verfolg dieser Weltbereisung wird jedoch, wie schon bemerkt,
euch noch so manches verborgene Geheimnis lichten. Der neue Ort aber steht
schon vor uns; also wollen wir ihm uns nahen! –
19. Kapitel –
Ein neuer Ort – Herrlicher Prachtbau auf einer Anhöhe.
[GS.02_019,01]
Ich sollte euch zwar fragen, wie euch dieser neue Ort gefällt. Allein, da ich
nun auf eurem Grund und Boden mit euch einhergehe, so kann ich solches aus der
guten Ordnung der Dinge nicht wohl tun, indem doch der Fremdling, so er zu
einem Hausbesitzer kommt, denselben nicht fragen kann, wie ihm sein Eigentum
gefalle; wohl aber kann der Hausbesitzer solch eine Frage an den Fremdling
stellen. Doch ihr möget mich hier noch nicht fragen um solches, da ihr selbst
noch stark Fremdlinge in eurem Eigentume seid; daher muß ich denn doch die
Ordnung umkehren und euch die Frage geben, die ihr eigentlich mir geben
solltet.
[GS.02_019,02]
Dies wäre einerseits wohl gut; aber ich sehe einen anderen Haken, und dieser
besteht in der noch sehr mangelhaften geistigen Beschauung in euch, deretwegen
ihr auf meine Frage eben nicht die ersprießliche Antwort zuwege bringen
dürftet. – Was wird denn da wohl zu tun sein? Wir wollen gleich einen Mittelweg
finden, auf welchem wir uns darüber verständigen werden, und dieser Weg wird
darin bestehen, daß wir die Frage ganz weglassen und sodann zu einer
beschaulichen Erörterung übergehen.
[GS.02_019,03]
Nun sehet denn, dieser neue Ort ist fürwahr noch um bedeutendes herrlicher als
es der erste war. Auf einer ziemlichen Berghöhe steht ein überaus prachtvolles
Gebäude. Die Wände sind von lauter durchsichtigem Golde, die Säulengänge vor
den Wänden bestehen aus diamantenen und Rubinensäulen, das Dach des überaus
großen Gebäudes bildet eine Kaiserkrone, welche mit großen, allerfeinsten
Edelsteinen besetzt ist.
[GS.02_019,04]
Von der Ebene den Berg hinan bis zum ersten Säulengange führt eine breite
Stiege, deren Staffeln aus undurchsichtigem Golde angefertigt sind. Die
Geländer beiderseits der Staffeln bestehen aus lauter Pyramiden, welche von
Spitze zu Spitze mit Ketten von rotem Golde miteinander verbunden sind.
[GS.02_019,05]
In der Mitte einer jeden Pyramide ist ein weißer, runder Sonnenstein eingefügt,
welcher im Ernste einen unbeschreiblich schönen Glanz von sich wirft; und
zwischen je zwei Pyramiden hinter der Kette steht ein prächtig ausgewachsener
Pappelbaum, dessen Blätter wie mit Gold eingefaßte grüne allerfeinste
Sammetstreifchen spielen, und ein Baum ist so groß wie der andere.
[GS.02_019,06]
Und zugleich bemerke ich auch, daß über die breite Treppe herab noch obendrauf
drei bei einer Klafter breite Sammetstreifen, zwei von grüner und in der Mitte
ein einzelner von der schönsten roten Farbe, also gezogen sind, daß sie sich in
den Staffeln gehörig fest anliegend stufenmäßig mit den Staffeln selbst
einfurchen.
[GS.02_019,07]
Diese Treppe geht nicht in einem Zuge von Staffel zu Staffel fort, sondern wie
ich bemerke, so hat sie von je dreißig zu dreißig Staffeln einen sehr
geräumigen Absatz, über welchem sich obendrauf noch ein herrlicher Triumphbogen
angebracht befindet. Der Triumphbogen besteht, wie ich sehe, über die ganze
Breite der Stiege aus je dreißig diamantenen Säulen, welche zu oberst mit Bögen
aus den überaus stark von selbst leuchtenden Sonnensteinen verbunden sind.
[GS.02_019,08]
Über den Bögen aber ist erst eine Galerie angebracht, auf welcher sich gar
herrlich herumwandeln lassen muß. Und wie ich bemerke, so ist die Galerie
abwechselnd aus lauter Rubinen und Smaragden erbaut. Fürwahr, das will ich doch
eine wahrhaft sonnenkaiserliche Pracht nennen!
[GS.02_019,09]
Und da sehet nur wieder noch einmal hin; der ganze vollkommen runde Berg, der
da einer ziemlich flachen, aber zu oberst stumpfen Pyramide gleicht, ist an
seinem Fuße von einem herrlichen bei hundert Klaftern breiten Wasserkanale
umgeben. Der ganze Kanal ist künstlich angelegt und durch und durch gepflastert
mit dem feinsten weißen Marmor, und die beiden Ufer sind mit goldenen Geländern
eingefaßt. Die Wege zu beiden Seiten des Geländers sind blank gepflastert mit
Jaspis, und der Weg ist an der Seite, welche vom Kanale abgewendet ist, mit den
herrlichsten Fruchtbäumen besetzt.
[GS.02_019,10]
Hier, wo die Treppe oder die Stiege über den Berg hinaufgeht, ist eine
überherrliche Brücke aus rotem Marmor angefertigt. Das kunstvoll mit Zieraten
versehene Geländer besteht aus weißem Golde, und seine Zieraten sind besetzt
mit vielen und kostbaren Edelsteinen. Aber das Herrlichste sind die spitzigen
Obelisken, ein jeder aus der Mitte des Wassers im Kanale bei dreißig Klaftern
hoch emporgehend. Der Obelisk ist aus Topas, und in der Höhe schießt ein noch
einmal so hoher Wasserstrahl empor und fällt in zahllosen strahlenden Perlen
wieder in den weiten Kanal herab. Und da sehet ins Wasser, wie dasselbe belebt
ist von allerlei strahlenden Fischchen; fürwahr, das ist eine große Pracht!
[GS.02_019,11]
Wir wollen uns aber nun über die Stiege hinaufbegeben und unser prachtvolles
Gebäude auf dem Berge in einen näheren Augenschein nehmen. Über diese Stiege
geht es sich wirklich sehr bequem und sanft. Da sehet nur wieder einmal her,
wir haben die erste Ruhestelle erreicht.
[GS.02_019,12]
Blicket auf den Boden; sein Grund ist blau, und in diesem blauen Grunde sind
weißglänzende Sterne eingelegt, und die außerordentliche Reinlichkeit übertrifft
ja alles, was man sich nur denken kann!
[GS.02_019,13]
Gehen wir weiter; da sehet die zweite Ruhestelle. Diese hat einen grünen
Bodengrund wie aus einem Stück poliertem Smaragde, und aus seiner Oberfläche
erglänzen in der schönsten Ordnung rosenrote Sterne.
[GS.02_019,14]
Gehen wir aber nur weiter; da sehet die dritte Ruhestelle. Der Boden ist rot
wie Karmin, aber glänzend wie Rubin, und in der schönsten neuen Ordnung
erglänzen auf seiner Oberfläche hellgrüne Sterne. Gehen wir noch weiter; da ist
schon die vierte Ruhestelle. Sehet diesen Boden an; er ist violett wie aus
Amethyst, und in seiner Oberfläche erglänzen in der schönsten Ordnung
lichtblaue Sterne.
[GS.02_019,15]
Gehen wir wieder weiter; da ist schon die fünfte Ruhestelle. Da sehet den
Boden; er ist gelb wie ein Topas, und von seiner Oberfläche erglänzen
karminrote Sterne. Gehen wir aber nur weiter; da seht, wir sind an der sechsten
Ruhestelle. Der Boden ist dunkelgrün, und die Sterne, die von seiner Oberfläche
erglänzen, schillern mehrfarbig wie geschliffene Diamanten.
[GS.02_019,16]
Gehen wir aber nur weiter; da ist schon die siebente Ruhestelle. Da seht einmal
diesen Boden an; dunkelrot wie der Sammet eines Kaisermantels, und
dunkelorangegelbe Sterne glänzen beinahe unerträglich stark auf seiner
Oberfläche und geben dem roten, durchsichtigen Boden eine ganz sonderbar
geheimnisartige Beleuchtung. – Nein, ich muß es sagen, ich hätte alles eher
erwartet, als eine solche Pracht in euch. Es gibt noch eine Menge solcher
Ruheplätze über uns hinauf; es dürften deren wohl noch bei dreiundzwanzig sein.
[GS.02_019,17]
Doch gehen wir nun alle in einem Zuge durch, denn ich bin beinahe schon müde
geworden von der Anschauung der großen Pracht. – Wir haben nun einen schnellen
Zug gemacht und stehen unter dem ersten Bogengange, welcher mit lauter
diamantenen Säulen unterstützt ist.
[GS.02_019,18]
Betrachtet einmal diesen Gangboden zwischen den Säulen; er bildet einen
hellstrahlenden Regenbogen, und eine jede Farbenlinie ist mit entsprechend
hellglänzenden Sternen besetzt. Fürwahr eine überhimmlische Pracht!
[GS.02_019,19]
Und da sehet, außerhalb dieses Bogenganges, mehr dem Gebäude zu, erhebt sich
eine allgemeine Rundtreppe, bestehend aus dreißig Staffeln. Diese sind aus
lauter Smaragd und sind abermals eingelegt mit hellrot glänzenden Sternen und
seht, oberhalb dieser dreißig allgemeinen Rundstaffeln befindet sich schon
wieder ein zweiter Bogengang, unterstützt mit Säulen von dem allerkostbarsten
glänzenden Sonnensteine. Die Bögen über den Säulen sind aus lauter Rubinen und
das Geländer über den Rubinbögen aus grünem Golde. Und da seht den Boden an;
dieser ist von himmelblauer Farbe wie aus gleichfarbigen Hyazinthen
zusammengefügt und ist abgeteilt in sieben Reihen nacheinander fortlaufender
rot und grün glänzender Sterne.
[GS.02_019,20]
Wir sind diesen Bogengang hindurch. Da sehet, abermals eine Rundstaffelei,
bestehend aus wieder dreißig Staffeln, über welche man auf das weite Plateau
des Berges gelangt, auf dem das eigentliche Prachtwohngebäude erbaut ist. Die Staffeln
sind ebenfalls aus Hyazinthsteinen angefertigt und sind auch durch und durch
mit rot und grün leuchtenden Sternen geziert.
[GS.02_019,21]
Nun sind wir erst auf dem eigentlichen Hauptplateau, aber da seht einmal diese
Pracht an! Das Plateau, so eben und glänzend wie die Fläche eines geschliffenen
Diamanten, ist von azurblauer Farbe und ist in wunderbar schönen Reihen besetzt
mit verschiedenfarbig glänzenden Sternen. Es hat von diesem Rande bis zum
Hauptgebäude hin einen Durchmesser von noch hundert Klaftern. Fürwahr, diese
Pracht ist beinahe unaussprechlich zu nennen!
[GS.02_019,22]
Aber jetzt sehet erst einmal das Hauptgebäude an! Es ist ein Rundgebäude aus
drei Stockwerken bestehend, davon ein jedes eine Höhe von dreißig Klaftern hat,
und die Wände bestehen aus lauter aneinandergereihten Säulen. Ein jedes
Stockwerk erglänzt in einer andern Farbe, und die Stockwerke sind durch die
herrlichsten Galerien nach außen hin voneinander unterschieden.
[GS.02_019,23]
Und da sehet, innerhalb der Säulenreihen ist erst eine kontinuierliche Wand
erbaut von dem allerkostbarsten weißen, von selbst leuchtenden Sonnensteine; –
die Pracht, die Pracht! Die äußere Säulenwand besteht im ersten Stockwerke aus
Smaragd; die Säulenwand des zweiten Stockwerks aus lauter Rubin, die Säulenwand
des dritten Stockwerkes aus lauter Hyazinth. Wie herrlich bricht sich da das
mächtige Licht der inneren kontinuierlichen Wand durch diese Säulenreihen der
äußeren Wand! Man glaubt ja, alle zahllosen Farbenabstufungen im hellsten
Glanze zu erschauen. Fürwahr, da ist der Pracht zu viel auf einen Punkt
zusammengedrängt.
[GS.02_019,24]
Es hat zwar wohl dem Anscheine nach das Gebäude bei siebentausend Klaftern im
Umfange, wobei das Auge einen hinreichenden Übersichtsraum gewinnt; aber man
wird bei dem überprachtvoll herrlichen Anblicke im Ernste wonnemüde. – Daher
wollen wir uns auch sogleich für unsern Hauptzweck in das Innere des Gebäudes
begeben und sehen, wie es dort aussieht. –
20. Kapitel –
Beschreibung der ungeahnten Pracht. – Gleichnis von Winterpracht und
Frühlingswärme.
[GS.02_020,01]
Da stehen wir schon am Eingangstore; aber wie es mir und sicher auch euch
vorkommt, so kommen wir gerade vom Regen in die Traufe. Da seht nur einmal die
kaum aussprechliche Pracht des Eingangstores selbst an! Es hat die volle Höhe
des ersten Stockwerkes, also eine Höhe von nahe dreißig Klaftern und eine
Breite von zwölf Klaftern. Die Seitenpfeiler des Tores sind massive
Diamantpflöcke, genau ins Quadrat gezogen, und die Flächen dieser beiden
Pfeiler sind noch in drei Reihen nebeneinander mit blauen, roten und grünen
Sternen vom hellsten Glanze geziert. Der Bogen dieses Portals ist gezogen aus
dem kostbaren weißen Sonnensteine und ist ebenfalls in der schönsten Ordnung
geziert mit roten, blauen und grünen Sternen. Über dem Portale, d.h. über dem
Bogen desselben, ist noch ein massives Rotgoldgeländer, und zu oberst der
Handleiter des Geländers sind in gerechten Entfernungen runde Kugeln von dem
allerfeinsten und kostbarsten weißen Sonnenstein gestellt, welche ein
außerordentlich schönes weißes Licht von sich strahlen lassen. Die Torflügel
sind aus künstlich durchbrochenem feinstem Golde angefertiget und sind mit
Kreuzspangen aus weißem Golde überzogen, in welche wunderbar zierlich alle
möglichen Gattungen der Edelsteine vom reinsten und schönsten Schliffe
eingesetzt sind.
[GS.02_020,02]
Das wäre also bloß das Tor. Durch dieses gelangen wir in die wunderschöne
Vorhalle, welche zu beiden Seiten mit dreifachen Galerien aus lauter weißen
Säulen geziert ist. Die Gänge der Galerien sind mit Geländern von Rubinen und
Diamanten versehen. Und sehet nur den Boden der unteren ebenerdigen Galerie. Er
ist ein reiner Mosaikboden, in welchem ihr die herrlichsten Girlanden von
Blumen hellglänzend eingearbeitet erschauet. Die Farben der Blumen in den
Girlanden wechseln bei jeder Wendung und spielen wie ein künstlich gearbeiteter
Regenbogen, d.h. wenn es einem Menschen möglich wäre, statt des Regenbogens
einen allerverschiedenfarbigsten Blumenkreis zu setzen, in dem die Blumen aber stets
also ihre Farben wechselten wie ein wohlgeschliffener Brillant in den Strahlen
der Sonne.
[GS.02_020,03]
Ja, was saget ihr denn zu dieser unermeßlichen Pracht? Ist das nicht mehr als
ein menschlicher Geist auf einmal ertragen kann?
[GS.02_020,04]
Aber gehen wir nur hinein in den Mittelraum dieses Gebäudes, von welchem uns
schon ganze Ströme von Licht entgegenkommen. Sehet, es ist eine überaus große
Rotunde. Der Boden ist azurblau und ist durchgehends besetzt mit den euch
wohlbekannten Sternbildern eures sichtbaren Himmels. Die Sterne glänzen aber
bei weitem stärker als die, welche ihr zur Nachtzeit schaut von eurer Erde. Die
Wände dieser Rotunde bestehen ebenfalls aus drei übereinandergestellten
mächtigen Säulenreihen. Die unterste Reihe besteht aus lauter Rubinen, die
mittlere Reihe aus lauter Smaragd und die oberste Reihe aus reinstem Hyazinthe.
Jede Reihe ist mit weißen Bögen miteinander verbunden, über welchen
prachtvollste Galerien aus durchsichtigem Golde angefertigt sind.
[GS.02_020,05]
Hinter den Säulenreihen erblicket ihr eine kontinuierliche Wand von einem
selbstleuchtenden lichtrosenroten Steine aufgeführt, durch welche Mauerwand
verhältnismäßig große Fenster und Türen auf die herrlichen Galerien führen.
[GS.02_020,06]
Aber nun hebet eure Augen noch höher zum Plafond dieser Rotunde empor! Sehet,
er ist nichts anderes als die wunderherrliche große Kuppel, welche wir schon
von außen her als eine großartige Kaiserkrone erschaut haben, besetzt mit den
prachtvollsten und von selbst glänzenden Edelsteinen dieses
Zentralsonnen-Weltkörpers, welche Edelsteine nach der innern Rotunde herab ein
wunderbares Licht verbreiten.
[GS.02_020,07]
Was steht aber da in der Mitte der Rotunde? Sehet, es ist schon wieder ein
Altar, und zwar aus einem Rubinstücke, in welchem in den schönsten Kreisen
weißglänzende Sterne eingesetzt sind. Auf dem Altare erblicken wir abermals
Holz quer übereinandergelegt. Wir dürfen nicht lange fragen: wozu dieses?
sondern uns nur an unseren früheren Palast zurückerinnern, und die Antwort ist
schon fertig.
[GS.02_020,08]
Ich sehe aber nun etwas in euch, und dieses lautet also: Unaussprechlich
verschwenderisch ist die endlos reiche Pracht dieses Palastes. Fürwahr, wenn so
etwas auf der Erde darstellbar wäre, so würden sich davor sogar die größten
Kaiser und Könige allzugering fühlen, um Herren einer solch endlosen Pracht zu
sein, sondern sie würden solch einen Palast zu einem allgemeinen Tempel des
Herrn ehrfurchtsvollst weihen. – Ja, also ist fürwahr diese endlose Pracht
selbst für den kühnsten Geist zur Beschauung völlig unerträglich.
[GS.02_020,09]
Aber bei dieser Pracht vermissen wir denn schon wieder gerade die Hauptsache,
nämlich die Menschen. – Ohne solche ist die größte Pracht tot, und wir können
ihr kein inneres Wohlgefallen abgewinnen. Wir können wohl sagen: Unendlich groß
ist die wunderbare Macht und Weisheit des Herrn, der allein nur solche
Herrlichkeiten gestalten kann. Sollten wir sie aber genießen ohne Brüder und
Schwestern, da wäre uns die gemeinste Erdhütte mit Brüdern und Schwestern ums
Unaussprechliche lieber.
[GS.02_020,10]
Ja, meine lieben Brüder und Freunde, ihr urteilet zwar nach einem guten und
richtigen Gefühle; wißt ihr aber auch, worin solches liegt, daß ihr allezeit
eher die Wohnungen der Menschen erschauet als die Menschen in den Wohnungen
selbst?
[GS.02_020,11]
Sehet, das hat darin seinen Grund, weil ihr als noch naturmäßige Menschen um
gute zwei Dritteile mehr an der Materie als an dem inwendigen Geistigen hänget.
Diese Materie aber ist tot, weil gerichtet, damit sie sich formen lasse. Darum
denn erschauet auch ihr aus eurer naturmäßigen Sphäre dasjenige, was mit ihr
verwandt ist.
[GS.02_020,12]
Wolltet ihr das Lebendige sehen, da müßtet ihr die zwei Drittel durchbrechen
und schon wieder in das Zentrum der Liebe greifen, allwo das Leben zu Hause ist.
Sodann wird das Holz auf diesem Altare zu brennen anfangen, und wir werden uns
sogleich überzeugen, daß die Hallen und Gemächer dieses großen Palastes nicht
so unbelebt sind, als es euch auf den ersten naturmäßigen Anblick vorkommt.
[GS.02_020,13]
Ihr fraget hier, warum denn hier allezeit die Entzündung des Holzes auf dem
Altare zum Behufe der beschaulichen Gewahrwerdung der Menschen, welche solch
einen Palast bewohnen, vonnöten ist?
[GS.02_020,14]
Ich sage euch: Um diesen Grund einzusehen, gibt es ja auf der Erde schon eine
Menge Beispiele. Ich will euch nur ein paar zeigen, und ihr werdet sogleich
klüger werden.
[GS.02_020,15]
Sehet an die große Pracht eines Wintertages und auch einer hellen Winternacht.
Die ganze weite Oberfläche der Erde ist mit zahllosen Diamanten überstreut,
welche beim Lichte der Sonne wie zahllose Sterne widerstrahlen und das Auge des
Beschauers vor übermäßigem Lichtglanze beinahe erblinden machen. Die Äste der
Bäume sind mit lauter Diamantkristallen besetzt, und zu einer reinen Nachtzeit
funkeln die Sterne am Himmel in vervielfachter Glanzpracht. Aber wenn ihr
hinschauet über diese von zahllosen Diamanten schimmernde weite Fläche, so ist
sie wie tot, denn das Leben sucht warme Gemächer und mag sich nicht belustigen
an dieser kalten, erstarrten Pracht. Wenn aber im Frühjahre der Sonne Strahl
nicht nur Licht, sondern auch Wärme zu spenden anfängt, da vergeht die große
Pracht der Erde; aber dafür ersteht aus den inneren Gemächern als sich vor der
kalten Pracht zurückgezogen habende Leben. Dieses Leben verzehrt die Pracht des
Winters und schafft sie neu um in eine viel herrlichere.
[GS.02_020,16]
Ihr brauchet bei diesem Beispiele nichts hinzuzusetzen als das, daß die Wärme
gleich ist der belebenden Liebe, welche Wärme hervorgeht aus der Mitte der
Sonne; so werdet ihr die Sache gar leicht verstehen, warum hier auf diesem
Altare das Holz zuvor durch eure Liebe entzündet werden muß, bevor ihr die
lebendigen Bewohner dieser Pracht erschauen möget.
[GS.02_020,17]
Ein zweites Beispiel könntet ihr bei zwei Menschen auf der Erde noch
werktätiger erschauen. Sehet dort z.B. einen Palast, diesen bewohnt ein alles
Menschengeschlecht verachtender Geizhals. Gehet hin; nicht einmal gar zu viele
Fliegen werdet ihr um diesen Palast herumfliegen sehen, geschweige denn erst
Menschen. Warum sieht es denn hier so leer aus? Weil keine Liebe im Hause ist.
[GS.02_020,18]
Gehet aber hin zu einem andern auch recht schönen Wohnhause; dieses bewohnt ein
wohlhabender großer Menschenfreund. Sehet, da wimmelt es von Menschen, alt,
jung, groß und klein; die Bäume sind belebt von Vögelein, die Dächer des Hauses
von Tauben, der Hof vom Geflügel und anderen nützlichen zahmen Haustieren; auch
für die Fliegen gibt es hier immerwährend etwas zu naschen, und alles, was ihr
nur anschauet, ist fröhlich und heiteren Mutes. Ja, warum ist es denn hier so
lebendig? Weil im Hause die Liebe wohnt! Die Wärme der Liebe ist fühlbar in
weite Entfernung hin und zieht alles an sich.
[GS.02_020,19]
Ich meine, aus diesen zwei Bildern werdet ihr noch leichter erschauen, warum
wir hier eben das Holz anzünden müssen, bevor sich um uns das Leben dieses
Palastes wird zu sammeln anfangen. Erfasset somit eure Liebe zum Herrn und zu
allen, die aus Ihm hervorgegangen sind; und das Holz wird brennend werden, und
wir werden gar bald umlagert sein von Tausenden der Menschen, die da allezeit
bewohnen diese prachtvolle Wohnstätte.
21. Kapitel –
Die Liebe setzt das Holz auf dem Altar in Flammen.
[GS.02_021,01]
Ihr habt getan, was ich euch geraten habe; und sehet, schon ergreift eine
herrliche Flamme, glänzend wie ein Morgenrot. den Holzstoß auf dem Altare, und
ein unbeschreiblich hoher Wohlgeruch erfüllt die überherrlichen Hallen und
Galerien dieses großen Palastes.
[GS.02_021,02]
Aber nun sehet auch hinauf auf die Galerien, wie es von Menschen zu wimmeln
anfängt; und alles eilt herab in die große Rotunde!
[GS.02_021,03]
Sehet einmal diese Menschen an, von welch unbeschreiblicher Schönheit sie sind!
Die Weiber, als wären sie vom feinsten ätherischen Lichtstoffe geformt, und die
Männer sehen wie Feuerflammen aus, die sich ergriffen hätten zu einer
wunderherrlichen, liebernst-majestätischen Menschenform.
[GS.02_021,04]
Nun sehet, es kommt aus der großen Menge dieser herrlichen Menschen schon
wieder ein Ältester hervor und trägt wie einen Herrscherstab in seiner Hand.
Seine Haare sind so weiß wie frisch gefallener, von der Sonne beschienener
Schnee und wallen in reichen Locken den halben Rücken hinab. Sein Bart,
ebenfalls so weiß, krauset sich bis über den Unterleib; seine Größe ist
ehrwürdig erhaben vor der Größe der andern Menschen. Nach eurem Erdmaße dürfte
er wohl bei sieben Schuh haben.
[GS.02_021,05]
Ihr möchtet wohl wissen, warum er einen Stab trägt? Ist er vielleicht ein
Herrscher oder sonst etwas Erhabenes vor seinen Mitmenschen? Ich sage euch: Er
ist bloß ein Ältester und hat das Ansehen eines Patriarchen. Unter ihm stehen
hier bei tausend solcher Paläste, wie wir einen schon vorher gesehen haben, und
er ist somit auch ein Ausbund von Weisheit.
[GS.02_021,06] Wenn
die Menschen in den untergeordneten Wohnungen irgendeines hohen Rates bedürfen,
so kommen sie zu ihm. Aber er sendet niemals etwa Boten aus, um die
Untergeordneten in einem oder dem andern Fache der Weisheit zu unterweisen.
Denn hier gilt der Grundsatz der vollkommenen Freiheit allein; und diese darf
nie eigenmächtig weder durch Wort noch Tat gefährdet werden. Daher können hier
die Bewohner der anderen untergeordneten Paläste in Berücksichtigung auf diesen
Hauptpalast tun unter sich, was sie wollen.
[GS.02_021,07]
Nur darf sich niemand wagen, feindlich in das weite Territorium dieses Palastes
zu treten. Würde solches geschehen, dann würde auch sogleich der mächtige
Patriarchenstab in eine durch den Willen des Patriarchen mächtige Bewegung
gesetzt werden. Dergleichen jedoch ist auf dieser Zentralsonnenwelt nicht
leichtlich denkbar, obschon es gerade nicht außer der Möglichkeit ist. Denn ein
jedes untergeordnete Haus besitzt ebenfalls fürs erste alle erdenklichen
Reichtümer, Pracht und Schätze aller Art; dazu hat noch ein jedes Haus für sich
allzeit einen weisen Ältesten, wie ihr schon einen habt kennengelernt, und
somit ist von einer Feindseligkeit schwerlich je eine Rede.
[GS.02_021,08]
Ein einziger Umstand nur ist vorhanden, der manchmal ein wenig bedrohlich
auszusehen anfängt; und das ist die mächtige Weiberliebe der Bewohner dieser
Zentralsonnenwelt.
[GS.02_021,09]
Die Weiber solch eines Hauptpalastes sind, wie ihr sehet, aus so manchen
Rücksichten ums Bedeutende schöner als die der untergeordneten Paläste. Es
verhält sich diese Sache beinahe also, wie bei euch auf der Erde, da auch, im
letzteren Falle versteht sich von selbst, das Weibervolk eines gebildeten
reichen Hauses, wie auch einer ganzen besseren Stadt schöner und reizender ist
als das des Landmannes, welches natürlicherweise durch eine geringere Bildung
des Geistes und durch die mannigfache Verkümmerung an Liebreizen durch die
schwere Handarbeit jenem nachsteht. Wenn bei euch ein rüstiger Landmannssohn
sich in so einem reichen, ansehnlichen und wohlgebildeten Stadtvaterhause ein
Weib holen dürfte, da ließe er sicher sein Landweibervolk sitzen. Die Ursache,
warum, ist mehr als mit Händen zu greifen.
[GS.02_021,10]
Ein ähnlicher Fall kann sich denn auch hier ereignen, und das beinahe leichter
als auf der Erde. Wenn so die Jünglinge zufolge ihrer Freiheit dann und wann so
einen Hauptpalast besuchen und nicht selten allda der ätherischen weiblichen
Schönheiten gewahr werden, dann fängt es sie an, ganz gewaltig lüstern zu
jucken, und sie möchten dann alles aufs Spiel setzen, um in den Besitz einer
solchen unaussprechlichen Schönheit zu gelangen. – Es ist aber eine Frage, ob
sie so etwas nicht auf einem gerechten Wege erreichen können? Auch das können
sie beinahe auf dieselbe Art, wie solches auf der Erde nicht selten der Fall
ist.
[GS.02_021,11]
Wie kann sich aber auf der Erde der Sohn eines sogenannten gemeinen Landmannes
zum Besitze einer ausgezeichneten Tochter eines vornehmen Stadthauses
verhelfen? – Durch geistigen Fleiß! Ein solcher Landjunker durchläuft mit allem
Fleiß die wissenschaftliche Bahn, zieht dann durch seine eminenten Fähigkeiten
die Aufmerksamkeit des Landesherrn auf sich. Dieser macht ihn zu einem hohen
Beamten, und unser ehemaliger Bauernjunker kann nun als ein bedeutender Herr
mit dem ruhigsten Gewissen von der Welt in einem solchen vornehmen Hause
anklopfen, und man wird ihm nicht den Riegel vor die Türe schieben. Das ist ein
Weg.
[GS.02_021,12]
Ein anderer Landjunker wird in bedenklichen Zeiten zwar zum Soldatenstande
genommen, welcher Stand sich freilich wohl für das Reich der Himmel in einem
sehr umgekehrten, unvorteilhaften Maßstabe verhält. Aber wenn es eine
allgemeine Not erfordert, so kann er auch gerecht sein, also wie er es war zu
den Zeiten Davids.
[GS.02_021,13]
Wenn dann ein solcher zum Soldatenstande gestellter Bauernjunker sich als
Vaterlandsverteidiger durch Tapferkeit und Umsicht auszeichnet, so wird er in
kurzer Zeit von seinem Könige oder Kaiser selbst zur Würde eines Feldherrn
erhoben. Als solcher darf er dann in gräflichen und fürstlichen Häusern
anklopfen, und man wird dem Günstlinge des Kaisers mit offenen Armen
entgegenkommen, der von Geburt nichts als ein einfacher Bauernsohn ist.
[GS.02_021,14]
Sehet, auf beinahe dieselbe Weise geht es auch hier. Auf dem einfachen
Begehrungswege ist freilich wohl nichts zu erreichen; aber auf dem Wege des
Verdienstes durch einen entschiedenen Grad von hoher Weisheit kann sich ein
jeder Mensch der unteren Ordnung in den Besitz einer solchen ätherischen
weiblichen Palast-Schönheit bringen.
[GS.02_021,15]
Worin bestehen aber diese Verdienste? Ihr dürfet nur die Pracht der Gebäude ein
wenig betrachten, und ihr werdet doch gar leicht zu dem Schlusse kommen und
sagen: Wenn diese Gebäude von Menschenhänden aufgeführt werden, so müssen die
Menschen im Fache der Kunst in baulichen Dingen, wie auch im Fache von allerlei
Manufaktureien überaus große Meister sein. Ja, also ist es auch; was ihr immer
hier sehet und antreffet, ist alles ein Werk menschlicher Hände, und da sie auf
diesem Weltkörper des edlen Materials in großer Menge besitzen, bieten sie auch
alles Erdenkliche auf, ihre Wohnstätten so wunderherrlich als nur möglich zu
machen.
[GS.02_021,16]
Wenn jemand aus seiner Weisheit etwas Bedeutendes erfunden und zuwege gebracht
hat und bringt es dann vor den Rat der Ältesten eines Hauptpalastes und wird da
sein Werk als etwas Besonderes gewürdiget, so wird er mit der Würde eines
Meisters in seiner Sache belehnt. Hat er dann dazu auch für den Glanz des
Hauptpalastes etwas durch sein Talent bewirkt und bewerkstelligt, so darf er
dann schon mit dem besten Gewissen im Hauptpalaste anklopfen, und er bekommt
ein ihm wohlgefälliges Weib.
[GS.02_021,17]
Das ist dann aber auch schon der höchste Lohn, den ein solcher Weisheitsmeister
in seinem Fache erlangen kann. Er verlangt aber auch keinen höheren; und ich
bin der Meinung, insoweit ich euch kenne, ihr gäbet für einen solchen Preis ein
ganzes Kaisertum her. – Einem solchen beglückten Weisheitsmeister in seinem
Fache aber werden dann auch zufolge solch einer Beglückung ganz
außerordentliche Vorteile zuerkannt. Fürs erste bekommt er einen eigenen Grund
und Boden, welchen für ein gewisses Territorium nur der Älteste des
Hauptpalastes zu verleihen hat. Auf diesem neuen Grunde kann er sich dann einen
neuen Palast nach seinem besten Geschmack erbauen.
[GS.02_021,18]
Wie bekommt er aber die Bauleute? Nichts leichter als das; denn zu solch einem
Begünstigten drängt sich alles hin und sucht sich bei ihm verdienstlich zu
machen, um dadurch in ihm einen begünstigenden Freund und Fürsprecher im
Hauptpalaste zu gewinnen, was einigen auch dann und wann zuteil wird.
[GS.02_021,19]
Aber eben bei solchen Gelegenheiten gibt es dann auch mehrere, denen solche
Begünstigungen aus so manchen Rücksichten nicht zuteil werden können. Die Folge
ist dann manchmal eine kleine Erbitterung, und zufolge solcher Erbitterung
gesellen sich dann einige Glücks- und Begünstigungslüsterne zusammen und wollen
das nicht selten mit Gewalt erreichen, was andere durch ihr Verdienst erreicht
haben. Und da gibt es denn so einen kleinen Krieg, der aber allezeit für die
Gewaltlinge fruchtlos ausfällt, denn der Palastälteste darf sich nur mit seinem
Stabe zeigen, und die Gewalttätigen sind in die Flucht geschlagen.
[GS.02_021,20]
Ja, aber warum fürchten sich denn die Gewalttätigen gar so sehr vor dem Stabe?
Weil der Stab das Symbol der Willenskraft des Weisen und Ältesten des Palastes
ist. Ihr habet die Willenskraft der Menschen schon in der Sonne kennengelernt,
und zwar beim naturmäßigen Teile derselben. Diese Willenskraft habt ihr auch in
ihrer Vollmacht dort ganz besonders in den Ältesten gefunden.
[GS.02_021,21]
In dieser Zentralsonne ist aber eben die Willenskraft noch entschiedener, und
die Unterschiede derselben vom Hauptältesten bis zum gewöhnlichen Menschen
herab sind eben so merklich, wie da die Unterschiede der Größen zwischen
Zentralsonnen, Planetarsonnen, Planeten und ihren Monden es sind; daher denn
auch die Willenskraft eines solchen Hauptpalastweisen gar wohl bekannt ist
unter all den anderen Menschen, die in seinem Weisheits- und Willensterritorium
wohnen. – Wie aber die Weisheit eines solchen Weisen schmeckt, das sollet ihr
zu eurem größten Erstaunen sogleich erfahren. –
22. Kapitel –
Enthüllung der Bedingungen zur Erreichung der Kindschaft Gottes.
[GS.02_022,01]
Sehet, er erhebt seinen Stab, was so viel sagen will als: Höret mich an mit der
gespanntesten und allertiefsten Aufmerksamkeit! – Nachdem, wie ihr sehet und in
euch gar leicht merken könnet, sich alles Volk willig zeigt, aufmerksam
zuzuhören, senkt der Älteste seinen Stab und spricht: Meine gesamten Kinder und
Sprößlinge meiner Kinder! Ihr seid eingeweiht, und die Führungen des
allerhöchsten Gottes, des allmächtigen Schöpfers und Lenkers aller Dinge, sind
euch nicht unbekannt. Also seid ihr eingeweiht in die Worte unseres Propheten,
der da einst als ein großer Geist einherging im Namen Gottes über die endlos
weiten Triften unserer Welt, deren Ende noch keiner ermessen hat, und niemand
aus uns weiß, in welche unbegreiflichen Tiefen der Schöpfung ihre Oberfläche
dringt.
[GS.02_022,02]
Dieser große Geist allein überschritt die Welt von einem Ende zum andern; denn
seine Bewegung war gleich der eines zackenden Lichtes, und seine Stimme rollte
wie mächtige Donner, und unsere Welt erbebte bis in den innersten Grund, wenn
er sprach!
[GS.02_022,03]
Seine Worte sind unter uns geblieben, und wir haben sie aufbewahrt in unserer
Sternenschrift. Ihr möget gehen und stehen in diesem meinem Hause, wo immer ihr
wollt, so wird euch diese Sternenschrift durch ihren hellen Glanz
entgegenstrahlen und allezeit von neuem beleben eures Geistes innere Weisheit.
[GS.02_022,04]
Wie aber lautet aus den vielen Worten dieses Prophetengeistes ein mächtiger
Wink, der hier um den Altar mit den Sternen gezeichnet ist? – Wer von euch kann
sagen: Ich kann ihn nicht lesen, denn ich selbst ja habe euch alle die Zeichen
der Sterne lesen gelehrt?
[GS.02_022,05]
Sehen wir aber hinauf in das endlose, bläuliche Luftmeer, und ihr könnt dort
allezeit von dem großen Schöpfer dasselbe gezeichnet finden, was unsere Hand
hier nachgeahmt hat. – Wie lautet denn sonach dieser Wink? Höret, ich will ihn
euch wiederholen: Inmitten des großen Hofes des Sternenpalastes errichte du
Ältester dem einigen Gott einen Altar und lege Holz quer übereinander darauf;
das Holz aber sei makellos und vom besten Geruche. Doch sollst du dieses Holz
nie mit einem weltlichen Feuer entzünden, sondern ein Feuer aus deinem Gemüte
soll dieses Holz zur Flamme bringen. Wenn das Holz aber durch das Feuer des
Gemütes wird flammend werden, dann gehe hin und erforsche dich und die Deinen
im Lichte dieser Flamme, ob jemand deines Hauses fähig sei, zu betreten die
Wohnstätte Gottes. Wer sich fähig fühlt, der trete zum Altare und lese in der
Flamme die Bedingungen, die er zu erfüllen hat auf der Welt, die der große Gott
für Sich nur und für Seine Kinder geschaffen hat. – Also lautet der Wink.
[GS.02_022,06]
Ihr wisset aber alle, wie lange nach unserem genauen Zeitmesser das Holz schon
auf dem Altare liegt, und niemand aus uns vermochte es zu entzünden, denn uns
allen fehlte es beständig an der Kraft des Gemütes. Wohl weiß ich, daß niemand
aus uns nach der Auflegung des Holzes den Altar des Herrn nur mit einer
Fingerspitze angerührt hat, und dennoch ist wunderbarerweise nun einmal das
geheiligte Holz in den Brand geraten. – Was sollen wir nun tun?
[GS.02_022,07]
Ich sage euch: Prüfe sich ein jedes, Mann oder Weib, wie sein Gemüt vor Gott
dem Allmächtigen beschaffen ist. Wer aus euch allen hat den Mut, das
allerhöchste Wesen Gottes zu erfassen mit seiner Liebe? Wer da vermag alles
niederzulegen vor dem Altare und nichts zu behalten denn allein die Liebe
seines Herzens zu dem allmächtigen, ewig großen Gott, der trete hervor und
versuche zu lesen, was die Flamme zeigt. Fürwahr, wer solches zu tun wird
imstande sein, der hat einen großen Weg vor sich, einen Weg von der größten Freiheit
bis zur niedrigsten Knechtschaft, einen Weg von diesem vollkommenen Leben durch
den Tod, einen Weg von diesem höchsten Lichtgrade in die größte Nacht und durch
dieselbe, einen Weg von der größten Seligkeit und Wonne, die wir alle
empfinden, in die größte Trübsal, in das größte Elend und in die größte Not,
einen Weg von unserem ununterbrochenen Wohlbefinden in und durch einen
unerträglichen Schmerz, um auf diesem Wege unsicher zu gelangen in einer
nirgends bestimmten Zeit zur Wohnung Gottes. Wohl dem, der diese Wohnung je
erreichen kann, wer da werden kann ein Kind Gottes!
[GS.02_022,08]
Aber welch ein Weg dazu! Leichter wäre es, unsere Welt, so endlos groß sie auch
sein mag, auszuforschen, als zu erreichen dieses allerhöchste Ziel.
[GS.02_022,09]
So viel konnte ich euch allen im voraus sagen; wer aber den Mut hat, dem sei
dadurch der Weg nicht abgeschnitten, denn wo der Herr, der Allmächtige, das
eine tut, da wird Er auch das andere tun.
[GS.02_022,10]
Nun sehet, also hat unser Ältester gesprochen. Mit großer Sachkenntnis und
tiefer Weisheit hat er seine Worte geführt; daher wollen wir nun achtgeben,
welchen Effekt sie bei seinen Kindern und Kindeskindern hervorgebracht haben.
Meinet ihr wohl, daß sich bei seiner abschreckenden Reisebeschreibung jemand entschließen
wird, den Weg zur Wohnstätte Gottes anzutreten?
[GS.02_022,11]
Sehet, kein männlich Wesen will sich diesmal hervortun; aber dort, ein gar
wundersam schönes weibliches Wesen tritt hervor und spricht zum Ältesten:
Zeuger meines Lebens durch die Kraft Gottes in dir! Meine Brust schwillt auf
vor mächtiger Liebe zu dem einigen Gotte, ohne dessen einmal mögliche sichtbare
Gegenwart sich nie eine vollkommene Seligkeit denken läßt. Ich möchte zu Ihm,
und möchte sein eine allergeringste Magd in einem Seiner kleinsten Häuser,
deren Er sicher in endloser Zahl haben wird. Mich schreckt der Weg nicht ab; wo
und wie er zu finden ist, wird mir die Flamme weisen. Habe ich da die Gewißheit
eingeholt, da laß mich denn auch ziehen nach dem Winke des mächtigen Propheten,
der da zu allem Volke dieser endlos großen Welt geredet im Namen und in der
Kraft des allmächtigen Gottes!
[GS.02_022,12]
Der Älteste spricht: So trete denn hierher vor mich und kehre dein Angesicht
zur Flamme und lies, was sie zu dir spricht. – Das weibliche Wesen tritt hin
vor den Ältesten und liest aus der Flamme: Dein Gott und dein Herr ist ein Gott
voll Liebe und Erbarmung und wird dir geben zu tragen ein sanftes Joch und eine
leichte Bürde! Sei demütig in deinem Herzen; vergiß dieser Welt große Pracht
und empfiehl dich dem allmächtigen Schutze des großen Gottes! Er Selbst wird
dich unsichtbar auf Seinen eigenen Händen tragen durch ein kurzes materielles
Leben bis zu Seiner Wohnung, allda du überkommen wirst die große Kindschaft und
wirst leben ewig in des allmächtigen göttlichen Vaters Hause. Hast du Mut in
deiner Liebe zu diesem großen Gotte, so lege deine Hand auf den Altar!
[GS.02_022,13]
Der Älteste spricht: Nun, meine Tochter, du hast die Bedingung der großen Gnade
Gottes gelesen; was willst du nun tun? Die Tochter spricht: Ich will nach
meiner stets mächtiger werdenden Liebe zu meinem und zu deinem Gott, und werde
ich dort sein, so will ich deiner gedenken, wenn es des Herrn Wille sein wird,
auf daß auch du mit noch vielen anderen mir folgen mögest. Ich weiß wohl, daß
auch diese Welt herrlich ist, und daß wir mit den reinen Geistern, die einen
feineren Leib angenommen haben als da ist der unserige, allzeit Gesellschaft
pflegen können. Wir können erschauen mit leichter Mühe ihre hohe Seligkeit, und
diese ist von der Art, daß sie uns die Seligkeit des natürlichen Lebens nicht
trübt; denn viel haben die seligen Geister dieser Welt fürwahr uns nicht
voraus, außer daß sie sich nach ihrem Willen erheben können und machen
schnellere Bewegungen, als wir sie im natürlichen Zustande zu machen imstande
sind, indem wir uns nicht erheben können gleich ihnen, hoch empor in die Räume
des starken Lichtes.
[GS.02_022,14]
Nun aber bedenke, was es dagegen sagen will, ein Kind Gottes zu heißen und zu
sein, welches mit einem Blicke mehr erschaut, als wir in zahllosen großen
Zeitabstechern. Darum will ich denn auch meine Hand auf den Altar legen und
antreten den wunderbaren Weg!
[GS.02_022,15]
Sehet, diese Tochter legt ihre Hand auf den Altar, und sie ist nicht mehr zu
erschauen unter der Gesellschaft. – Was aber wird nun die Gesellschaft tun? Das
wollen wir bei der nächsten Gelegenheit betrachten!
23. Kapitel –
Weise Rede des Ältesten an sein Volk.
[GS.02_023,01]
Sehet, soeben tritt wieder unser Ältester hervor und spricht zu all den
Anwesenden: Meine geliebten Kinder und Kindeskinder! Ihr wisset, woher wir
diejenigen Steine nehmen, welche als selbstleuchtende Sterne gar köstlich
eingelegt sind in die anderen kostbaren Bausteine. Es ist der Grund der großen
Gewässer, welche gar tief sind, aus dem sie unsere wohlgeübten Wassertaucher
holen. Also ist alles Herrliche, Große und Kostbare in schwer zugänglichen
Tiefen verborgen; also sind auch wir oberflächlich wohl für tiefe Weisheit
befähigt von Gott dem Allmächtigen erschaffen.
[GS.02_023,02]
Da wir einmal da sind, so empfinden wir unser Dasein unter gar keinen
Schwierigkeiten; es läßt sich so ganz leicht in einem Zuge hindurch leben.
Wollen wir aber die in uns vorhandenen Fähigkeiten beleben, wollen wir in die
Tiefe der Weisheit dringen, dann wird das Leben kein Scherz mehr, sondern es
unterliegt dann einem großen Ernste und einem angestrengten Forschen nach dem,
was der göttlichen Weisheit entspricht.
[GS.02_023,03]
Menschen, die den großen Schatz in der Tiefe ihres Lebensmeeres gefunden haben,
werden dann ebenfalls wie das Meer selbst. Sie sind ihrem Außen nach wogend
gleich anderen Menschen, und dieses Wogen spricht sich in mannigfacher weiser
Tätigkeit aus.
[GS.02_023,04]
Der Unterschied zwischen der wogenden Tätigkeit geweckter und gewöhnlicher
Menschen besteht darin, daß der in sich selbst Geweckte tut und handelt nach
dem in ihm vorgefundenen ewigen Gesetze der göttlichen Ordnung. Der gewöhnliche
Mensch aber handelt nach den von außen her gegebenen Gesetzen, welche da
entstammen dem lebendigen Gesetze derer, die in sich gefunden haben die innere
Weisheit, welche in sie gelegt hat vom Urgrunde schon die allerhöchste Weisheit
des Schöpfers.
[GS.02_023,05]
Wenn aber demnach zwischen den selbst geweckten und den bloß äußerlich
nachahmenden Menschen beinahe gar kein wesentlicher Unterschied zu erkennen
ist, wie kann man demnach erforschen und aus der Erfahrung klar werdend sagen:
Siehe, das ist ein Selbstgeweckter und das nur ein bloß äußerer Nachahmer?
[GS.02_023,06]
Meine geliebten Kinder und Kindeskinder! Sehet alle hin auf den Altar, allda
noch die geheiligte Flamme lodert. Welcher aus euch hatte wohl Mut, nach dem
Vernehmen der Bedingungen zur Erlangung der Kindschaft Gottes seine Hand zu
legen auf den Altar?
[GS.02_023,07]
Als ich euch die Anforderungen aus meiner Weisheit gezeigt hatte, da bebtet ihr
alle, und ein jeder schauderte vom Altare der Umwandlung zur Kindschaft Gottes
zurück. Aber eine Jungfrau – welche wohl die schlichteste in diesem meinem
Palaste war, so daß da niemand aus uns allen ahnen mochte, daß in eben diesem
gar schlichten jungfräulichen Wesen eine so tiefe Weisheit als vollkommen
geweckt zugrunde lag (ihr Werk bürgt uns dafür) – zeigte uns allen, wie
diejenigen Menschen geartet sind und sein sollen, in denen die innere Weisheit
geweckt ist durch die stille Selbsttätigkeit und Selbsterforschung des eigenen
Geistes.
[GS.02_023,08]
Wir sind Bewohner dieses Hauptpalastes, tiefe und innere Weisheit soll uns
darob auszeichnen vor allen anderen gewöhnlichen Menschen; wie aber steht es
mit unserer männlichen Weisheit, wenn sie zu Schanden ward vor einer schwachen
Jungfrau? Ja, wie steht es dann mit unserer Weisheit, wenn in den Wohnhäusern
untergeordneter Menschen sich ebenfalls so beherzte Weise vorfinden sollten,
die da Mut genug besitzen – in aller Demut und Liebe zu Gott – ihre Hände auf
den Altar Gottes zu legen?
[GS.02_023,09]
Ihr zucket mit den Achseln und machet mit dem Kopfe und mit den Augen eine
zweideutige Bewegung, ich aber sage euch: Fürwahr, unsere Weisheit ist gleich
dem Schaume des Meeres, dessen Blasen auf ihrer Oberfläche zwar auch ein
schönes Farbenspiel schillern lassen; aber man darf so eine schillernde Blase
nur anhauchen und sie ist samt ihrem Farbenspiele wie aus dem Dasein völlig
verschwunden.
[GS.02_023,10]
Die Weisheit solcher aber, die da gleichen der Jungfrau hier, die Mut genug
besaß, um zu legen ihre Hand auf den Altar, ist gleich demjenigen herrlichen
Gesteine im tiefen Grunde des Meeres, mit welchem wir wohl das Gemäuer unserer
Wohnung in Sternenform zieren und legen in die Figuration der Sterne des
Propheten Worte. Wir selbst aber sind kaum gleich den flachen Bausteinen, deren
Oberfläche, aber nicht deren Inneres, mit den strahlenden Steinen beschrieben
ist.
[GS.02_023,11]
Wer aus euch kann diesen meinen Ausspruch wohl werktätig widerlegen? Wer hat
aus euch noch Mut, seine Hand zu legen auf den Altar, allda noch die Flamme
lodert? Ich sehe keinen aus euch sich erheben und hervortreten, sondern ihr
alle zieht euch zurück, und niemand aus euch erwidert mir etwas.
[GS.02_023,12]
Was sollen wir denn tun, da noch die Flamme lodert? Ich will euch einen Rat
geben und dieser lautet also: Fallet alle nieder auf eure Angesichter vor dem
Altare Gottes, lobet und preiset den allmächtigen Gott, damit Er uns alle
wenigstens insoweit tiefer erwecken möchte, daß wir dadurch das erkennen
möchten in der Tiefe unseres Lebens, wieviel uns noch abgeht, um zu werden, was
da geworden ist unsere Schwester, unsere weise Jungfrau.
[GS.02_023,13]
Und sollten wir auch nimmer den hohen Mut überkommen, zu legen unsere Hände auf
den Altar, so aber bitten wir doch Gott, den Allmächtigen, Er möchte uns
wenigstens auf dieser Welt insoweit durch Seine unendliche Weisheit beleben,
daß wir dann allezeit als wahrhaft weise Vorbilder denen vorwandeln könnten,
die in großen Volksmengen diesem unserem Hauptpalaste untertänig sind, und es für
das größte Glück schätzen, von diesem Hauptpalaste aus irgendeine Begünstigung
oder gar eine Braut zu überkommen. Und wir sind, wie es sich jetzt gezeigt hat,
bei aller unserer sonstigen Weisheit dumm genug und geben, wenn es sich um eine
Braut handelt, sicher allezeit die Weiseste her; während wir in der Meinung
sind, gerade diejenige herzugeben, welche für unseren Palast am wenigsten
taugt. Ist es aber auch recht, daß wir also tun?
[GS.02_023,14]
Ich sage: In Hinsicht dessen, wie wir es tun, ist es unrecht; aber in Hinsicht
dessen, wie der allmächtige Gott Himmels und der Erde Sich auch unsere Dummheit
zinspflichtig machen kann, ist es vollkommen recht, was da geschieht, und ganz
besonders bei solchen Brautgaben, wenn unsere Dummheit hinters Licht geführt
wird und der allweise Gott eine Blume aus unserem Hauptpalaste hinwegnimmt,
deren eben dieser unser Palast nicht wert ist, also wie wir selbst es nicht
wert sind, daß da diese heilige Flamme noch in gleicher Stärke fortlodert auf
dem Altare Gottes.
[GS.02_023,15]
Wie sehr ich aber in dieser meiner Rede an euch alle recht oder unrecht habe,
dafür spricht die außerordentliche Wunderpracht dieser unserer großen
Patriarchalwohnung.
[GS.02_023,16]
Saget mir, wer aus uns hat wohl je einen Stein herbeigeschafft und wer je einen
Bauplan entworfen? Sehet, das alles ist ein Werk derjenigen Menschen in der
flachen Ebene drunten, welche uns, d.h. unserer sein sollenden tiefen Weisheit
liebewillig untertänig sind. Wenn aber solches unleugbar der Fall ist, so ist
es dem gegenüber auch klar, daß in der tiefen Flachheit unserer großen
Landschaften es Menschen gibt, denen wir nicht würdig sind, ins Angesicht zu
schauen.
[GS.02_023,17]
Wenn demnach aber solche Menschen sich durch die Verdienste ihrer Weisheit
unserem Palaste nähern, um sich eine bessere Braut zu erwerben, ist es dann
nicht vollkommen recht und allerbilligst, daß ihnen eben die Allerwürdigste
zuteil wird? Ja, meine lieben Kinder und Kindeskinder, was Gott der Allmächtige
tut, das allein ist wohlgetan; und also ist es ums Unvergleichliche besser, daß
wir unsere Töchter den Freunden Gottes geben zu ihrer Freude, als daß wir sie
ihnen vorenthalten und sie behalten für unsere eigene große Dummheit.
[GS.02_023,18]
Und so denn fallet samt mir nieder vor dem Altare und bittet um so viel
Weisheit, daß ihr euch nicht heimlich schämen müsset vor denen, die vor uns
gering sein wollen. Und in der Flamme werden wir dann ganz deutlich lesen, was
uns zu tun übrig bleibt, um dasjenige von Gott zu erreichen, das uns mehr frommen
soll, denn unsere Dummheit. – Also geschehe es! Amen!
24. Kapitel –
Verstandesgebet und Herzensgebet.
[GS.02_024,01]
Nun sehet, die ganze zahlreiche Inwohnerschaft dieses Hauptpalastes fällt in
einem Kreise auf ihr Angesicht vor dem Altare, auf welchem noch die Flamme
lodert. Auch der Älteste verabsäumt nicht, solches zu tun.
[GS.02_024,02]
Ihr möchtet wohl wissen, wie solche Menschen nun beten? Solche Menschen beten
in ihrer Art also, wie ihr betet in eurer Art. Sie beten zu Gott, dem
allerhöchsten Herrn Himmels und der Erde. Ihr Gebet ist eine Bitte, welcher der
lebendige Wunsch innewohnt, daß ihnen der Herr dies geben möchte, um was sie
Ihn bitten. Ihr betet nach eurer Art, wohlgemerkt, wenn ihr wahrhaft betet, in
eurem Herzen, und begleitet euer Gebet ebenfalls mit dem Wunsche des Erhörens
eurer Bitte, in welcher eigentlich das Gebet besteht.
[GS.02_024,03]
Bei diesen Menschen ist das Gebet mehr ein Gebärdengebet, denn ein inneres
Herzensgebet; es ist ungefähr dasselbe, als so ihr arbeitet mit eurem Verstande
und gebärdet euch dabei unwillkürlich nach der Art eurer Gedanken. Also ist das
Gebet dieser Menschen kein Gefühlsgebet, welches aus dem Herzen kommt, sondern
ein Verstandesgebet, welches aus den Gedanken der Seele im Kopfe herkommt. Die
Menschen überlegen in dieser Stellung ein jeder nach dem Grade seiner Weisheit,
was da wohl das Klügere wäre.
[GS.02_024,04]
Ihre Stellung dabei beurkundet nicht, wie bei euch, eine gewisse demütige und
zerknirschte Andacht des Herzens, sondern es ist nur ein Zeichen, daß sie in
diesem Zustande sich gegenseitig nicht im geringsten stören sollen. Ein jeder
überlegt ungestört bei sich das Klügere mit dem Wunsche, daß Gott der
Allmächtige dasselbe möchte geschehen lassen. Hat jemand nach seiner Art den
weisesten Punkt gefunden, so mag er für sich dann auch ganz ruhig wieder
aufstehen und dann lesen in der Flamme, inwiefern sein Weisheitspunkt in der
Schrift der Flamme sich wiederfinden läßt. Läßt er sich finden, so bleibt der
aufgestandene Beter schon stehen. Läßt sich aber sein Weisheitspunkt in der
Flamme nicht finden, so legt sich der Beter sogleich wieder auf sein Angesicht
nieder und betet oder denkt vielmehr weiter nach, was in seiner Sphäre wohl das
Klügste sein dürfte.
[GS.02_024,05]
Sehet, das ist das Gebet im allgemeinen bei den Menschen dieses Weltkörpers;
ganz besonders aber derjenigen, welche den Patriarchalhäusern angehören. Ihr
saget hier freilich wohl: Warum wenden sich denn diese Menschen nicht lieber an
den Herrn, auf daß Er ihnen zeige die rechte Klugheit? Denn das müssen sie doch
einsehen, daß der Herr endlos weiser ist denn all ihr Verstand, und daß Er
ihnen auch das sicher geben kann und wird, um was sie Ihn bitten.
[GS.02_024,06]
Ich sage euch: Solches ist wohl richtig gedacht, insofern jemand die großen
Weltverhältnisse nicht kennt, aber wenn jemand diese kennt, so wird er
allenthalben die heilige Ordnung des Herrn erkennen und wird sagen, daß auch
diese Menschen in ihrer Art vor Gott vollkommen gültig beten, weil also zu
beten ihre Ordnung ist.
[GS.02_024,07]
Warum denn aber? Die Ursache wird sich gar leicht darstellen lassen; und so
höret denn!
[GS.02_024,08]
Diese Menschen erkennen und sagen: Wenn wir uns zu Gott kehreten darum, daß Er
uns gebe eine wahre Klugheit, so würden wir dadurch Gott einen Vorwurf machen
und einen großen Schimpf antun, denn wir würden dadurch ja vor Gott die
Behauptung aufstellen, als hätte Er als der Allerweiseste und Allergerechteste
uns trügen wollen, und müssen wir daher die Klugheit, welche der Herr Gott
Himmels und der Erde (die Bewohner dieses Weltkörpers wie jedes andern nennen
ihre Unterlage ebensogut Erde wie ihr die eurige) in uns gelegt hat, in hohen
Ehren halten und sie benutzen nach Seiner Ordnung. Wenn wir diese Klugheit in
uns werden verbraucht haben und sehen dann das Bedürfnis nach einer höheren
Klugheit ein, so erst steht uns zu, Gott zu bitten um das, was uns mangelt,
indem wir es verbraucht haben.
[GS.02_024,09]
Sehet, in dieser Ordnung stehen die Menschen dieses Weltkörpers und beten auch
darnach. Wem entsprechen sie aber in dem Wesen des Menschen? Sie entsprechen,
nachdem sie Bewohner einer Zentralsonne sind, dem Gehirne; freilich wohl nur
einem einzelnen Nerven in selbem, welcher Nerv zunächst dem Ausläufer des
Sehnerven ziemlich nahe an der Gehirnhaut liegt. Darum denn ist auch ihre Art
und ihre Ordnung diese, daß sie zumeist mit dem, was sie haben, vollkommen
zufrieden sind; ungefähr auf diese Weise, wie die Verstandesmenschen bei euch
auch mit nichts so sehr zufrieden sind, wie mit ihrem Verstande, indem ein
jeder glaubt, den besten zu haben, und oft, je weniger Verstand jemand besitzt,
er desto zufriedener mit demselben ist.
[GS.02_024,10]
Ganz anders verhält es sich freilich wohl mit dem Gefühlsmenschen, der in
seinem Herzen denkt. Dieser erkennt, daß alles menschliche Verstandeswissen ein
pures Stückwerk ist, und daß derjenige Mensch der verständigste ist und der
weiseste, der es dahin gebracht hat, daß er in seiner Demut sagen kann: Ich
weiß nichts; denn all mein Wissen wiegt nicht ein Sonnenstäubchen gegen die
unendliche Weisheit Gottes auf. Ein solcher Mensch hat dann erst den wahren
Weisheitshunger überkommen, welcher ihn die große Speisekammer auffinden lassen
wird, die der Herr so überreichlich ausgestattet in sein Herz gelegt hat.
[GS.02_024,11]
Gibt es aber nicht auch in dieser unserer Zentralsonnenwelt ähnliche Menschen?
– O ja, wir haben bereits zwei gesehen, und das sind diejenigen, welche ihre
Hände auf den Altar gelegt haben. Denn die Hand auf den Altar legen besagt eben
solches, daß da ein Mensch seine große Armut in sich aufgefunden hat, neben ihr
aber auch ein hellschimmerndes Lämpchen, das vor einer beschriebenen Tafel im
eigenen Herzen steht, auf welcher mit deutlich leserlicher Schrift geschrieben
steht:
[GS.02_024,12]
Unsterblicher Geist! Demütige dich in deiner Hoheit; entzünde dich in deiner
Liebe zu Gott und kehre also zu Ihm, der dich erschaffen hat, zurück. Alldort
im großen Vaterhause wirst du es in endloser Fülle finden, was dir hier so sehr
gebricht!
[GS.02_024,13]
Und sehet nun, wenn jemand von diesen Menschen solches alles in sich gefunden
hat, dann wird er ein stiller Weiser und trachtet nach nichts anderem
sehnlicher, als auf den Weg zu gelangen, der nach jenem Ziele führt, das er
gefunden hat auf der erleuchteten Tafel in seinem Herzen. Es hat zwar ein jeder
Mensch dieses Weltkörpers ein solches Täfelchen in sich; aber nicht ein jeder
läßt das schimmernde Lämpchen vor demselben leuchten, sondern versetzt das
Lämpchen zu allermeist in die Mitte seines Gehirns. Daher es denn auch kommt,
daß aus den zahllos vielen Bewohnern dieses Weltkörpers nur gar Wenige dahin
gelangen, daß sie möchten ihre Hand auf den Altar legen.
[GS.02_024,14]
Aber wenn ihr einen Blick auf eure Erde zurückwerfet, so werdet ihr nahe
dasselbe Verhältnis ohne angestrengtes Suchen mit leichter Mühe finden. Denket
nur an das Wort des Herrn, da Er sagte: „Viele sind berufen, aber wenige
auserwählt.“ – Und ihr werdet die Auserwählten eines bedeutenden Ortes sehr
leicht an den Fingern abzählen können.
[GS.02_024,15]
Worin aber liegt der Grund? Weil niemand oder aus den vielen nur höchst wenige
sich die Worte des Herrn gefallen lassen, welche da lauten: „Verleugne dich
selbst, nehme das Kreuz auf deine Schulter und folge Mir nach!“
[GS.02_024,16]
Den Menschen auf dieser Zentralsonnenwelt ist freilich wohl diese endlose Gnade
nicht zuteil geworden, daß ihnen der Herr Selbst den geraden und nächsten Weg
mit eigenem heiligem Munde gelehrt und gezeigt und ihnen auf diese Weise nicht
nur ein schimmerndes Lämpchen, sondern eine ganze Zentralsonne vor ihr
Täfelchen hingestellt hätte, aber dessen ungeachtet stehen sie nicht außer der
Möglichkeit, das Täfelchen des ewigen Lebens in ihrem Herzen zu finden und
darnach ihr Leben einzurichten. Dazu leben sie auch lange genug, um das in sich
zu gewärtigen; – denn es gibt allda Menschen, die so alt sind wie ein halbes
Menschengeschlecht auf eurer Erde. Zudem sind sogar die Geisterseelen der
Abgestorbenen, wenn sie es wollen, derselben Übersiedlung fähig, als wie sie es
waren bei ihrem Leibesleben, zwischen welchen beiden Leben bei den Menschen
dieser Welt ohnehin kein gar zu bedeutender Unterschied obwaltet, indem sie
sich allezeit sehen und sprechen können, so oft sie solches nur wollen.
[GS.02_024,17]
Wir aber haben nun auch genug, um die Art des Betens dieser Menschen
einzusehen; die Beter haben sich bereits erhoben um den Altar, und wir wollen
darum ihrem ferneren Benehmen noch eine kurze Aufmerksamkeit spenden und uns
sodann wieder weiterbegeben auf dieser unserer Welt.
25. Kapitel –
Unterschied zwischen Kindern der Sonne und Gotteskindern.
[GS.02_025,01]
Unser Ältester erhebt wieder seinen Stab und öffnet seinen Mund. Was wird er
nun wohl sprechen zu seinen Kindern? Selbstanhören wird auf diese Frage die
beste Antwort geben; und so hören wir denn, wie er spricht. Seine Worte lauten:
[GS.02_025,02]
Meine lieben Kinder und Kindeskinder! Ihr habt euch versammelt vor dem Altare,
auf dem noch die Flamme Gottes lodert. Ein würdig Lob habt ihr dem Allmächtigen
dargebracht; darum spricht der Geist Gottes aus der Flamme zu uns:
[GS.02_025,03]
Dem Großen bin Ich groß, dem Kleinen klein, dem Starken stark und dem Schwachen
schwach; aber in dieser Schwäche ruht eine geheime Stärke, welche mächtiger ist
als alle Kraft der Großen. Wer barmherzig ist, dem bin auch Ich barmherzig; wer
Gutes tut, dem solle Gutes getan werden. Dem Herrn bin Ich ein Herr; aber dem
Diener ein Knecht. Der Weise mag nicht mit Meinem Lichte spielen; aber dem
Einfältigen soll alle Flur Meiner göttlichen Fülle offen stehen. Der da ist
voll Verstand, für den wohne Ich im unzugänglichen Lichte; aber mit dem
Törichten vor der Welt und ihrem Glanze will Ich wie ein Bruder einhergehen.
Die Kinder der Sonne haben große Macht, ihr Hauch ist stärker, denn der kleinen
Erdkörper größter Sturm, und vor ihren Gedanken beugt sich ihre Welt und treibt
neue Flammen aus ihren weiten Triften. Die aber Meine Kinder sind und sein
wollen, müssen schwach sein, und ihre Schwäche muß erst eine Kraft werden in
Mir. Die Kinder der Sonne mögen Mich anbeten in ihrem Lichte; aber Meine Kinder
beten Mich an in ihrem Feuer. Die Kinder der Sonne sind, was sie sind; aber
Meine Kinder dürfen nicht bleiben, was sie sind, sondern sie müssen verzehrt
werden, damit sie in ihrer Vernichtung erst Das werden, was sie sein sollen.
[GS.02_025,04]
Was wollet ihr Kinder der Sonne? – Ihr habt euren gut gemessenen Teil; wollt
ihr mehr, soll euch auch mehr gegeben sein; wollt ihr eine größere Seligkeit,
wie könnt ihr wohl mehr verlangen, als was euch wird nach eurer Erkenntnis und
nach eurem Wollen? – Wollt ihr aber Meine Kinder werden, da müsset ihr nicht
gewinnen, sondern nur alles verlieren wollen. Denn wie euer Los als Kinder der
Sonne ein solches ist, daß ihr euch schmücken könnet mit ewig wachsenden
Schätzen und Reichtümern, so ist andererseits, das Los Meiner Kinder, stets
ärmer zu werden, und das insoweit, daß sie nicht einmal das eigene Leben als
ihnen eigen betrachten dürfen. Und sie müssen stets bereit sein, ihre Liebe,
welche der Grund ihres Lebens ist, zahllosen Brüdern zu spenden.
[GS.02_025,05]
Was ihr besitzet, ist euch gegeben zum ewigen, unumschränkten Eigentume; Meine
Kinder aber dürfen nichts besitzen, nicht einmal einen eigenen Tisch führen,
sondern alles, was ihnen not tut, haben sie nirgends denn bei Mir in Meinem
Hause zu nehmen. Ihr seid mächtige Herrn eurer Welt; Meine Kinder aber müssen
sein arme Knechte, sie müssen arbeiten mit ihren Händen. Wenn sie sich aber
etwas erarbeitet haben, da dürfen sie es nicht behalten als ein Eigentum,
sondern es sobald einbringen in Mein Haus, allda Ich es dann erst jedem gebe,
was er liebegerechtermaßen notwendig bedarf. Ihr wohnet in Palästen, die an
Glanz und großer Pracht alles Erdenkliche überbieten; Meine Kinder aber müssen
Hütten bewohnen, vor deren Niedrigkeit und gänzlicher Glanzlosigkeit euch
schaudern würde. Aber Meine Kinder sind dennoch Meine Kinder und sind bei Mir
allezeit, und tun allzeit nach Meinem Willen, welcher endlos mächtig ist den
Mächtigen, aber auch endlos sanft den Kleinen und Schwachen.
[GS.02_025,06]
Wollt ihr Meine Kinder werden, so müsset ihr solches bedenken und alle Vorteile
eures Lebens auf ewig fahren lassen. Selbst euer Leben mit seinem klarsten
Bewußtsein muß Mir geopfert werden; nichts dürfet ihr behalten als eure
gänzlich ausgeleerte Wesenheit. Denn also, wie ihr seid, seid ihr wohl auch
Gefäße des Lebens, welches ausgeht aus Meinem Lichte; aber als Meine Kinder
müßtet ihr zur Wohnstätte Meines eigenen ewigen Geistes werden, und dieser kann
nicht wohnen in der Flüchtigkeit eures Lichtes, sondern nur in der großen
Festigkeit, welche gediegen genug ist, um zu widerstehen dem allmächtigen Feuer
Meines eigenen ewigen Liebelebens.
[GS.02_025,07]
Euch ziert ein mächtiger Willensstab, und wenn ihr ihn erhebet, da bebt eure
große Welt unter der großen Zwangsmacht eures Willens; Meine Kinder aber müssen
ein schweres Querholz auf ihre Schultern lagern, welches sie zu Boden drückt
und ihnen den Tod gibt, über welchen ihre kleine Welt mächtig jubelt. Erst aus
diesem Tode können sie erstehen, werden Mir gleich, und tun dann was Ich tue;
nicht aber um zu herrschen gleich euch, sondern um zu dienen allen mit der
größten Liebe, Sanftmut und vollsten Ergebung in Meinen Willen. Meinet ihr,
dies ist etwas Geringes, sich zu ergeben ganz in Meinen Willen? – Höret und
vernehmet es!
[GS.02_025,08]
Sich zu ergeben vollkommen in Meinen Willen will mehr sagen, als so jemand aus
euch die ganze unendliche Schöpfung in seine Faust fassen möchte und spielen
damit wie mit kleinsten Sandbröckelchen. Ja es will mehr gesagt haben, als so
ihr hinginget an jene weiten Triften eurer Welt, allda aus unermeßlich weiten
Klüften die allerhöchste Glühkraft der Flammen unaufhörlich wütet und möchte
sich einer allda hinabstürzen in den Krater und in sich schlürfen mit einem
Zuge die endlos wütende Glut- und Flammenmasse. Und dennoch müssen Meine Kinder
Meinen unendlich ewig mächtigen Willen bis auf den letzten Tropfen in sich
aufnehmen, bevor sie vollkommen Meine Kinder werden können.
[GS.02_025,09]
Ihr beurteilet und kennet die unendliche Macht Meines Willens; wer aus euch
kann sich Meinem Willen gegenüberstellen und sagen: Herr! laß mich kämpfen mit
Dir? – Wird nicht ein leisestes Fünklein ihn sobald vernichten, als wäre er nie
dagewesen? Ja, ein leisestes Fünklein Meines Willens reicht hin, zahllose
Sonnenwelten, als da ist diese, die ihr bewohnet, ins Nichts zu wandeln.
[GS.02_025,10]
Wenn ihr aber solches nach eurer Beurteilung klarst erschauet, was wohl werdet
ihr dazu sagen, so Ich es euch aus Meinem Feuer kundgebe, daß es eine Aufgabe
ist und eine unerläßliche Bedingung, daß sich Meine Kinder Meinen Willen müssen
vollkommen untertan machen? Um aber diese für euch unaussprechlich große
Aufgabe zu lösen, müssen Meine Kinder oder diejenigen, welche Meine Kinder
werden wollen, in ihre Freiheitsprobeperiode fortwährend die Last Meines
Willens tragen lernen und müssen durch das Feuer Meines Eifers unter vieler
Angst und Qual sich gänzlich verzehren lassen, damit sie dadurch dem endlosen ewigen
Feuer Meines Willens für ewig verwandt werden. Und gar viele, welche diese
Probe in ihrer gesonderten Freiheitsperiode nicht bestanden haben, werden sich
dann nach ihrer Umänderung gefallen lassen müssen, für euch undenklich lange
Zeitperioden sich im Feuer Meines Willens zu reinigen, und sich dasselbe mit
schwerster Mühe angewöhnen, bevor sie zur größten Geringheit unter Meine
vollkommenen Kinder werden können aufgenommen werden.
[GS.02_025,11]
Was wollet ihr nun? Wollet ihr bleiben? oder wollt ihr im Ernste Meine Kinder
werden? – Sehet, noch lodert der kleine Funke Meines Willens am Altare. Wollet
ihr bleiben, so bleibet, wollt ihr aber zur Kindschaft gelangen, so leget eure
Hände auf den Altar! –
[GS.02_025,12]
Sehet, also hat unser Ältester aus der Flamme allen vorgelesen. Was aber
sprechen nun die Kinder auf diese Vorlesung? – Sie sprechen: Großer Gott! Es
muß freilich wohl etwas Unendliches sein, ein Kind von Dir zu werden, aber wenn
Dein Wille noch heftiger ist, als die endlose Glut, welche unsere Welt trägt in
ihren weiten Schlünden, wer mag demnach solche ertragen und leben dabei? –
Daher laß uns bleiben, was wir sind, und laß Dir allzeit ein Opfer bringen von
unserer Weisheit! Nehme daher die Schreckensflamme auf Deinem Altare wieder
zurück und laß uns ziehen und leben in unserem Frieden!
[GS.02_025,13]
Aus der Flamme ertönt nun ein Wort: Also geschehe nach eurem Wollen. Dennoch
aber solle allzeit das Holz auf dem Altare liegen; denn Ich will die Wege
erhalten, auf denen Meine große Liebe und Erbarmung wandelt.
[GS.02_025,14]
Wisset aber, daß es bei Mir ein Leichtes ist, das euch schwer dünkt, und etwas
Hartes, was euch leicht dünkt. Euch ist zwar lieber eure herrschende Freiheit,
aber Ich habe dennoch allein nur Mein Wohlgefallen an der Einfalt und dienlich
untergeordneten Knechtschaft Meiner Kinder; denn es gibt keinen Herrn, dem da
ein anderer Herr lieber wäre denn sein eigener Knecht, der ihm allzeit ist ein
getreuester Diener. Daher gibt der eine Herr dem andern nur den bedungenen
Pflichtteil; aber der Knecht wird belohnt von seinem Herrn. Meine Kinder aber
sind auch Meine Knechte; daher haben sie auch Meinen Lohn als Knechte und Mein
Erbe als Kinder! – Solches bedenket allzeit; und wenn einmal wieder das neue
Holz auf eurem Altare wird zu flammen anfangen, so bedenket, daß ein Vater
besser ist als ein Herr! – Nun aber ziehet in euren Frieden, und die Flamme
Meines Willens erlösche, damit der eure herrsche auf eurer Welt! Jedoch bis hin
zu jenen Gebieten, da Mein Wille lodert aus endlosen Tiefen heraus; dahin wage
sich keiner. Denn nur der fruchtbare Boden bleibe euch untertan; aber die
Flamme sei Mein. Amen!
[GS.02_025,15]
Nun sehet, die Flamme am Altare ist erloschen. Der Älteste senkt seinen Stab,
und die gesamte Bevölkerung dieses Palastes zieht hinaus ins Freie, um sich
nach dieser großartigen Lektion neu zu stärken. Wir aber ziehen auch wieder
hinaus, und von da fürbaß zu einem anderen Orte.
26. Kapitel –
Beschreibung eines Sonnenkreisgebietes.
[GS.02_026,01]
Da wären wir nun schon wieder auf unserem wohlbekannten Prachtplateau: sehet,
es hat sich noch nicht verändert. Ihr möchtet gerne die vor uns
hinausgewanderten Bewohner dieses Palastes sehen, wo sie sich denn nun
aufhalten. Gehet nur auf den Rand des Plateaus, und ihr werdet die schönen
Bewohner gar bald erschauen, wie sie sich vergnügen, einige in den euch
bekannten Rundgalerien, einige auf den Triumphbogen über unserer bekannten
Treppe; und da sehet, eine ganze Legion schwärmt schon unten am Kanale herum.
[GS.02_026,02]
Ihr fraget, wie so schnell sich diese Menschen allorts hin verfügen können? Ich
sage euch, daß solches hier gar leicht möglich ist. Fürs erste sind ihre Leiber
viel leichter denn die eurigen auf der Erde; dazu ist meist allen
Sonnenbewohnern eine bedeutende Willenskraft eigen, der zufolge sie so manches
ausführen können, was da den Erdbewohnern sicher unmöglich ist. Und so können
sie sich denn auch über ihren Weltboden mit einer bedeutend größeren
Schnelligkeit bewegen, als es euch begreiflich ist.
[GS.02_026,03]
Diese Eigenschaft ist aber für die Bewohner einer Welt von solch immenser Größe
auch von großer Notwendigkeit, denn wenn sie sich nur so schnell wie ihr auf
der Erde bewegen könnten, was würden sie da wohl ausrichten bei so manchen
Gebietsbereisungen, allda oft ein einzelnes Kreisgebiet, wie da ist das dieses
Palastes, einen größeren Flächenraum hat, als wie groß da ist der mehrfache
Flächenraum eures Erdkörpers. Zentralsonnenkörper unterscheiden sich dadurch
von den Planetarsonnen, daß sie nicht so wie diese bewohnbare Gürtel haben,
sondern nur bewohnbare große Gebiete, die man allenfalls Oasen nennen könnte.
Wie viel solcher Oasen auf einer Zentralsonne vorkommen, deren Umfang mehrere
Billionen Meilen eures Maßes beträgt, dürfte sich verständlicherweise kaum bestimmen
lassen, aber so viel könnet ihr mit Sicherheit annehmen, als es da gibt in
solch einem Sonnengebiete Planetarsonnen und Planeten um dieselben, welche
Planetarsonnen mit ihren Planeten freilich wohl alle samt und sämtlich zu
dieser einen Zentralsonne halten müssen.
[GS.02_026,04]
Sind diese übergroßen Kreisgebiete, deren es also eine Unzahl gibt, voneinander
abgemarkt oder nicht? – Sie sind sehr scharf voneinander abgemarkt; – wodurch
denn? – Zumeist durch endlos weitgedehnte Feuerkraterreihen, hie und da auch
durch überaus hohe Gebirge, deren Spitzen, wenn sie von der Erde ausgingen, gar
leichtlich euren Mond in seiner Bahn beirren dürften. Diese haben manchmal noch
einen größeren Flächenraum auf ihrer Höhe, als etwa die halbe Oberfläche eurer
Erde.
[GS.02_026,05]
Daß die Füße solcher Berge einen sehr bedeutenden Umfang und Durchmesser haben
werden, könnt ihr euch leicht von selbst vorstellen. Noch eine dritte Art
Begrenzung solcher Kreisgebiete sind hie und da entweder große und breite
Ströme oder auch überaus große Weltmeere, welche von einem solchen gewaltigen
Wasserinhalte sind, daß eure Erde, wenn sie hineinfiele, sich gerade so
ausnehmen würde und in dem Meere gerade einen solchen Unterschied bewirkte, als
so ihr in das Meer eurer Erde möchtet eine Perle hineinwerfen. Es ist aber auch
notwendig, daß auf einem Weltkörper, auf dem es ortweise gar so überaus feurig
zu Werke geht, auch große Löschapparate vorhanden sind.
[GS.02_026,06]
Hie und da entdeckt man auf diesem Weltkörper auch weitziehende und sehr breite
Lichtwasserströme. Das Wasser solcher Ströme ist nicht durchsichtig und um sehr
Bedeutendes schwerer als ein anderes gewöhnliches, durchsichtiges Wasser.
[GS.02_026,07]
Diese Lichtflutung aber kann mit nichts Ähnlichem auf eurer Erde verglichen
werden, da sie allein nur solchen Sonnenkörpern eigen ist. Die Bewohner sammeln
dieses Lichtwasser in gewisse Formen, allda es dann bald stockt und zum
sogenannten selbstleuchtenden weißen Steine wird. Es ist mit diesem Wasser in
dieser Hinsicht beinahe ein ähnlicher Fall wie mit eurem Erdenwasser, welches
auch bald in salzigen Kristallen erstockt, wenn es von der Gesamtmasse
abgeschlossen wird. Aber an und für sich im Strombette stockt dieses
Lichtwasser nicht, indem es eben alldort aus seinem Bette die stets erweichende
Nahrung bezieht.
[GS.02_026,08]
Wohin ergießt sich denn ein solches Gewässer? Ein solches Gewässer entspringt
gewöhnlich aus den vielen, mit großen Feuerkratern versehenen Bergen, sammelt
sich da zu einem nicht selten Tausende von Meilen breiten Strome, durchfließt
dann ein Gebiet, dessen Länge häufig bedeutender ist als allenfalls die
Entfernung der Erde bis zu eurer Sonne und ergießt sich dann manchmal in ein
anderes großes Wassermeer, zumeist aber in hier und da ausgebrannte große Feuerkrater,
füllt diese nach und nach aus, macht mit der Zeit aus den großen und übertiefen
Schlünden ein ebenes Land, welches einen für euch unbeschreiblichen Glanz
verbreitet. Mit der Zeit aber stockt es auch gänzlich und kann als fruchtbares
Land gebraucht werden.
[GS.02_026,09]
Aus solchen Stellen wird dann auch hie und da der weiße Baustein gebrochen,
welcher von selbst leuchtet und gewöhnlich zu Bogen über den Säulen wie auch zu
festen Wänden eines Gebäudes benutzt wird. Jedoch hat der gebrochene und dann beschnittene
Stein nicht den Wert wie der aus dem Stromwasser frisch gegossene, weil er
minder leuchtet als der gegossene.
[GS.02_026,10]
Das wären demnach die Begrenzungen unserer Kreisgebiete. Können aber diese
Begrenzungen oder Abmarkungen der Kreisgebiete nicht überschritten werden?
Dieses ist hier wohl nicht leichtlich der Fall; denn fürs erste ist ein solches
Kreisgebiet schon so unendlich groß, daß darauf millionenmal Millionen Menschen
überaus wohl versorgt und räumlich höchst bequem leben können. Dann hat es auf
seiner Oberfläche zahllose Herrlichkeiten und Wundermannigfaltigkeiten, daß die
Bewohner eines solchen Kreisgebietes ihr ganzes Leben lang daran hinreichend zu
schauen, zu studieren und geistig zu genießen haben, und sich dann um ein
nächstes Gut fast noch weniger kümmern, als ihr euch kümmert auf eurer Erde,
wie es in einem fremden Planeten aussieht, besonders wenn ihr auf derselben
recht wohl versorgt seid.
[GS.02_026,11]
Auch wissen gar viele der Bewohner eines solchen Kreisgebietes, solange sie in
ihrem Leibe leben, nicht, daß es noch andere Gebiete gibt, sondern sind
vielmehr der Meinung, wenn sie zu einer oder der andern unübersehbaren
Kreisgebiet-Abmarkung kommen, daß diese entweder als Feuer oder als Wasser,
Gebirge oder als Lichtflutung schon ewig fortdauert.
[GS.02_026,12]
Sehr bedeutende Weise wissen es wohl aus den Gesprächen mit den Geistern, daß
auf dieser ihrer Welt es noch gar zahllos viele bewohnbare Kreisgebiete gibt.
Aber solches wissen sie nur unter dem Siegel einstweiliger strenger
Verschwiegenheit und teilen es nur ebenfalls jenen mit, welche da in die
tieferen Geheimnisse der göttlichen Weisheit wollen eingeweiht werden.
[GS.02_026,13]
Es gibt hie und da wohl recht große Freunde von hohen Bergen, die sie gern
besteigen, wenn sie sich nur einigermaßen besteigen lassen. Aber was da diese
überaus hohen Grenzgebirge betrifft, da lassen sich auch die größten
Gebirgsfreunde den Appetit vergehen, denn fürs erste sind sie ihnen denn doch
ein wenig zu hoch, dann hie und da auch zu steil; und die höchsten Kuppen
kommen nicht selten schon zu nahe dem ätherischen Lichtstoffe zu stehen, in
welchem selbst ihre Feuerleiber noch weniger aushalten dürften als eure
Fleischleiber auf jenen Höhen eurer Erde, welche ebenfalls schon so ziemlich in
den Luftätherstoff hineingreifen.
[GS.02_026,14]
Zudem sind auch diese hohen Grenzgebirge zumeist in überaus stark leuchtende
Wolken gehüllt, welche diesen Bewohnern in großer Nähe durchaus nicht zusagen,
weil sie in ihrer Nähe ein zu grelles Licht von sich werfen, durch welches das
Gesicht der Menschen so sehr geblendet wird, daß sie dann nichts mehr ausnehmen
mögen, was sie umgibt.
[GS.02_026,15]
Sehet, also weiß der Herr allenthalben Seine freien Geschöpfe in den gehörigen
Schranken zu halten.
[GS.02_026,16]
Es möchte freilich wohl einer oder der andere sagen: Ja, was würde denn das
machen, wenn auf solch einem Kreisgebiete Menschen von verschiedenen Gebieten
zusammenkommen könnten? – Darauf kann ich nichts anderes sagen als: Die
Weisheit und Ordnung des Herrn geht durchaus tiefer allenthalben, als sie ein
Mensch mit seinem geringen Verstandespfunde ermessen kann. Man könnte aber auch
sogar auf eurer Erde fragen, warum sich auf diesem kleinen Weltkörper die
Nationen, welche auf ihm leben, nicht also bunt durcheinander mengen wollen,
wie das Gras und Kräuterwerk auf einer Wiese? – Ihr werdet mir zur Antwort
geben:
[GS.02_026,17]
Weil die Nationen verschiedene politische und moralische Verfassungen haben,
welche sich durchaus nimmer vergleichen können. Es kann zwar jede für sich in
ihrer strengen Ordnung gar wohl bestehen; aber alle auf einem Haufen beisammen
würden eine noch viel gräßlichere Disharmonie bewerkstelligen, als so man alle
Pfeifen einer Orgel möchte zu gleicher Zeit tönen machen.
[GS.02_026,18]
Die Antwort ist gut. Aus ihr aber könnt ihr auch gar leicht entnehmen, wie es
auf einem solchen immensen Weltkörper zuginge, wenn auf ihm die großen Nationen
sich also berühren könnten, wie sich die kleinen Nationen der Erde allenfalls
berühren können. Mehr brauche ich euch in dieser Hinsicht nicht zu sagen. Damit
ihr aber solches noch gründlicher verstehen möget, wollen wir auch diesmal
sogleich auf ein anderes Kreisgebiet übergehen, und ihr werdet da einen sehr
bedeutenden Unterschied, von diesem Kreisgebiete aus betrachtet, finden. Und so
denn machen wir uns auf die Reise nach der Richtung eures Wollens.
27. Kapitel –
Warum es auf den Zentralsonnen fast keine Tiere gibt. Beleuchtung des Beispiels
vom reichen Jüngling.
[GS.02_027,01]
Ich merke schon den Zug, dahin ihr wollet; und so gehen wir auch schon diesem
Zuge nach. – Sehet, links und rechts in diesem Kreisgebiete, das wir noch
betreten, welche endlose Pracht und Herrlichkeit von allen Seiten strahlt!
Paläste und Wohnungen von nie geahnter Herrlichkeit, Größe und Majestät!
[GS.02_027,02]
Ihr fraget zwar: In diesem Lande erdrücken einen wohl die großartigsten
Herrlichkeiten; aber wie mag es kommen, daß wir allda außer den Fischen in dem
Kanale, welcher um den Palastberg ging, noch kein anderes vierfüßiges größeres
Tier entdeckt haben? – Meine geliebten Freunde und Brüder, außer den Fischlein,
wie auch sehr sparsamen Vöglein werdet ihr in dieser Zentralsonne durchaus kein
anderes Tier entdecken. Dergleichen Tiere sind nur in den Planetarsonnen und in
ihren Planeten und Monden vorhanden, weil eben diese gewisserart stufenweise
abwärts mehr und mehr vom Auswurfe solcher Zentralsonnen gebildet sind,
wodurch, wie ihr meines Wissens schon gar oft erfahren habt, das Leben einen
härteren Daseinskampf durchmachen muß, um zur gehörigen Gediegenheit und
Reinheit zu gelangen; und ihr könnet euch dieses Verhältnis merken:
[GS.02_027,03]
Je mehr Feuer eine Welt in sich birgt, desto weniger der harten und groben
Materie, welche dem Leben nicht förderlich, sondern hinderlich ist. Je weniger
Feuer aber eine Welt in sich birgt, desto grobmaterieller ist sie auch, und das
Leben hat einen härteren Kampf durchzumachen, um zu seiner stets konstanten
Freiheit und Reinheit zu gelangen.
[GS.02_027,04]
Warum denn? Wie läßt sich solches wohl sichtlichermaßen erweisen? Solches
könnet ihr schon auf der Erde ganz klar, und zwar bei den Menschen selbst erschauen.
Menschen, die voll Liebe zum Herrn und zu ihren Brüdern sind, gleichen den
Welten, die da voll inneren Feuers sind. Wie leicht solche Menschen zum inneren
wahren Leben gelangen, lehrt euch vielfache Erfahrung und das eigene Wort des
Herrn Selbst, da Er spricht: „Mein Joch ist sanft, und Meine Bürde ist leicht.“
[GS.02_027,05]
Menschen aber, die wenig Feuer besitzen, also mehr lau sind, brauchen schon
eines bedeutenden prüfenden Stoffes, bis sie geweckt werden und das Leben in
sich finden. Es geht eben nicht zu geschwinde mit ihnen, weil sich ihre Materie
noch immer als ein wahres Löschmittel gegen das Feuer des Lebens
dazwischenmengt und so das baldige Erwachen des Geistes hindert.
[GS.02_027,06]
Wieder nehmen wir einen andern Menschen, der bezüglich der Liebe zum Herrn ganz
kalt ist. Dieser gleicht schon einem Planeten, und da gehört sehr viel Anstoßes
und Triebes her, bis dieser in eine geregelte Lebensbahn kommt und sich nur
nach und nach von auf ihn von außen her wirkenden Strahlen beleuchten und erwärmen
läßt.
[GS.02_027,07]
Warum denn solches? Weil so ein Mensch sich ganz im Grobweltlichen zuvor
begründet hat und aus diesem sehr schwer ins Reingeistige übergeht. Wieder gibt
es Menschen, die man als vollkommen feuerlos gleich lange ausgebrannten Vulkanen
annehmen kann. Diese Menschen haben demnach auch gar nichts Geistiges mehr an
sich und gleichen den Monden, die auch beinahe aller atmosphärischen Luft,
wenigstens auf der einen Seite, ledig sind. Sie kehren ihrem Planeten stets die
unwirtlichste Seite zu und wenden die wirtlichere stets von selbem ab; also
ebenfalls dem ähnliche Menschen.
[GS.02_027,08]
Sie sind nicht aufnahmefähig für ein höheres Leben, welches noch den Planeten
umgibt; daher haben sie auch nur eine Richtung, und diese ist ihre eigene
Selbstsucht. Wenn sie sich schon auf ihrer karg wirtlichen Seite manchmal dem
Lichte zuwenden, so verzehren sie dasselbe aber dennoch nur zu ihrem
materiellen Ersprießen, aber nimmer zur Belebung und zur Bildung des geistigen
Lebens, welches sich in der liebetätigen Wechselwirkung durch die Sphären
ausspricht, in denen jedes geistige Leben wirksam ist. Solche Menschen haben
nur eine halbe Sphäre, und diese ist gleich der Eigenliebe, indem sie allzeit
abgewendet ist von der Sphäre des Nächsten. Sie laufen zwar mit dem besseren
Teile der Menschheit mit, halten sich aber dennoch stets gehörig fern von
derselben, auf daß sie ja nichts verlieren möchten von ihrem materiellen,
nichtigen Reichtume, und haben in ihrem Tun und Lassen eine stets schwankende
Bewegung, durch welche sie jeder Gelegenheit ausweichen, allda sie
liebtätigermaßen könnten in Anspruch genommen werden.
[GS.02_027,09]
Wie schwer solche Menschen zum inneren Leben gelangen, spricht der Herr
ebenfalls bei der Gelegenheit des Ereignisses mit dem reichen Jünglinge aus,
der auch zum Herrn kam, um sich durch Sein Licht zu bereichern, doppelt,
irdisch und geistig; aber alles zusammen dennoch im fest materiellen Sinne.
[GS.02_027,10]
Es könnte leichtlich jemand fragen, warum denn hier gerade ein reicher
Jüngling, und warum nicht lieber irgendein alter Geizhals im evangelischen
Beispiele aufgenommen oder zugelassen ward. – Sehet, es muß alles seinen
vielseitig entsprechenden Grund haben. Also ist ja auch ein jeder Mond ein
Weltenjüngling, und zudem spricht sich auch das Wesen des Eigennutzes in einem
Jünglinge allzeit lebendiger aus denn in einem Greise. Denn unter tausend
Greisen dürftet ihr kaum zehn von geizig eigennütziger Art treffen, diese
können verglichen werden mit den fernstehenden Planeten. Aber unter tausend
Jünglingen werdet ihr ebenfalls kaum zehn finden, welche sich nicht vom
Eigennutze lenken und treiben lassen.
[GS.02_027,11]
Betrachtet nur einen Jüngling, was alles er tut und unternimmt seiner eitlen
Weltversorgung wegen! Der eine rennt sich die Füße ab, um irgendeine reiche
Partie zu machen; der andere studiert sich zu Tode, um es einst, versteht sich
bald, möglichst zu einem ansehnlichen Beamten zu bringen. Ein anderer verlegt
sich auf allerlei Kriechereien, um dadurch seinem schwächeren Talente zu
überhelfen. Und so setzt der eine wie der andere fast durch die Bank alles
Göttliche und Geistige völlig zur Seite und läßt sich wie eine Windfahne
gebrauchen, um nur irgendein irdisches Ziel dadurch zu erhaschen.
[GS.02_027,12]
Sehet, aus diesem Grunde wird denn auch im Evangelium ein Jüngling, und zwar
ein reicher Jüngling, zugelassen und aufgeführt; ein Jüngling, weil er zumeist
von solchen eigennützigen Interessen beseelt ist, reich aber, weil ein Jüngling
eben die größte Tüchtigkeit, zum Reiche Gottes zu gelangen, in sich hat, so er
sich selbst verleugnen möchte und treten in die Fußstapfen des Herrn.
[GS.02_027,13]
Ich meine, aus diesem Beispiele werdet ihr mein aufgestelltes Verhältnis
gründlich begreifen können; und es kommt allezeit darauf an: je mehr Feuer und
daraus hervorgehender Wärme oder Liebe zu Gott und allen nächsten
Brüderschaften, desto weniger Materie oder desto weniger des Todes, und somit
desto mehr des Lebens in sich haltend. Im Gegensatze aber dann auch
stufenfolglich: je mehr Materie, desto weniger Feuer, und somit auch desto
weniger wahren Lebens ist vorhanden. Aus diesem Grunde denn auch auf einer
solchen Zentralsonne, deren ganzes Wesen nahe ein pures Feuer ist, auch das
materielle, tierische Leben bis auf einige Unbedeutendheiten völlig mangelt.
[GS.02_027,14]
Da wir nun solches wissen, so können wir auch mit einem desto lebensfreieren
Gemüte unsere Bahn verfolgen. – Da seht nur einmal vorwärts; wir stehen am Ufer
eines euch schon vorhinein bekanntgegebenen Lichtstromes, über welchen wir, um
in ein anderes Kreisgebiet dieses Landes zu gelangen, werden unsere Schritte
setzen müssen.
[GS.02_027,15]
Ihr saget, mit euren geistigen Augen diese endlos stark strahlende
unübersehbare Stromoberfläche betrachtend, in eurem Gemüte: Wie werden wir über
dieses Sonnenglutmeer mit wohlerhaltenen Füßen und unerblindeten Augen gelangen
können? – Ich sage euch aber, wie ich euch schon einmal gesagt habe: Für den
Geist darf nie eine Bedenklichkeit vorhanden sein. Festes Wollen und unerschütterliches
Vertrauen müssen die ewige Richtschnur des Geistes sein. Daher bedenket auch
ihr euch nicht, sondern wollet und vertrauet, so wird uns dieses Element nach
unserem Wollen und Vertrauen dienstbar sein müssen. Nun ihr wollet und
vertrauet, und die strahlenden Fluten tragen uns ganz wohlbehalten mit
Blitzesschnelle in ein anderes fernes Weltgebiet hin.
[GS.02_027,16]
Sehet, dort in noch großer Ferne taucht schon ein festes Ufer über den
strahlenden Wogen empor. Himmelanstrebende Berge, mit grün leuchtenden Wäldern
besetzt, sind die ersten Trophäen eines weiten, bewohnbaren Kreisgebietes, die
unsere Augen überaus angenehm und erhaben herrlich begrüßen. Wird es über
dieses Gebirge wohl steil zu gehen sein?
[GS.02_027,17]
Wann fragt denn ein Geist, dem die Bahnen zwischen Welten selbst offenstehen,
nach der Steile eines Gebirges auf einer Welt? Also werden wir wohl auch über
diese Steile ohne ein lästiges Müdewerden mit der allerleichtesten Mühe
gelangen.
[GS.02_027,18]
Wir sind am Ufer und somit auch schon am Fuße des Berges. Sehet den Boden, wie
sanft bekleidet er ist mit einem überweichen Grase und welche höchste Reinheit
er uns zur Beschauung darbietet! Ist es nicht eine Lust, auf solch einem Boden
unter den grünstrahlenden Bäumen zu wandeln? Ja fürwahr, das ist schon an und
für sich himmlisch herrlich!
[GS.02_027,19]
Ihr möchtet wohl wissen, ob diese Bäume Früchte tragen? Diese Bäume tragen
keine Früchte; aber ihr grüner Strahl verbindet sich mit dem weißen Strahle des
Stromes und macht den weißen Strahl dadurch intensiver, lebendiger und in
endlos weite Ferne hin wirkender. Es ist beinahe dasselbe, als so jemand mit
dem weißen Lichte seines Glaubens das mit demselben verbundene grüne Licht der
Hoffnung betrachtet und daraus ersieht, daß der Glaube dadurch gesättigter und
auch lebendiger wird, denn ein Glaube ohne Hoffnung wäre ein unerträgliches
Licht. Es geschieht aber durch die Vereinigung dieser zwei Lichter auch
zugleich eine Zeugung der Liebe; denn wer da glaubet und hofft, der fängt auch
bald an zu lieben Den, an den er glaubt und auf den er vertraut.
[GS.02_027,20]
So ist auch hier diese überweitgedehnte grünstrahlende Waldstrecke dieses
großen Gebirges vor uns eine Sättigung des weißen Stromlichtes. Und sehet euch
nach der Flutung des Stromes abwärts ein wenig um, da werdet ihr auch die
beiden Lichter in ein rotes übergehen sehen, welches ebenfalls soviel besagt,
als daß sich im Verfolge des Glaubens und Vertrauens die Liebe zu entwickeln
anfängt. Ähnliches kann euch auch die Betrachtung eines jeden Regenbogens
zeigen, darum er auch ein wahrer Bogen des Friedens genannt werden kann; es
versteht sich von selbst, in geistiger Beziehung. – Indem wir aber nun solches
wissen, so können wir uns ganz wohlgemut über die sanft aufsteigende Waldflur
zu bewegen anfangen. –
28. Kapitel –
Wanderung in ein weiteres Sonnenkreisgebiet. Liebe der Urgrund von Glauben und
Hoffnung und zugleich deren Frucht.
[GS.02_028,01]
Sehet, es geht den Berg hinan nicht so steil, als es von außen her das Ansehen
hatte; denn solche Berge sehen nur von einer gewissen Entfernung sehr steil
aus, in der Wirklichkeit sind sie es bei weitem nicht, was sie zu sein
scheinen. Sie nehmen aber eine desto größere Fläche ein, weil sie nur ganz
gemächlich aufsteigen; und das ist aber auch notwendig, damit aus solcher
weitgedehnten Waldfläche ein hinreichendes Quantum des grünen Lichtes, in das
weiße Licht des angrenzenden Lichtstromes überströmend, aufnehmen kann den
ätherisch sättigenden Teil.
[GS.02_028,02]
Denn das weiße Licht des Stromes ist noch gänzlich rein ätherisch, oder wenn
ihr es leichter verstehet, es ist in sich selbst ein Äther, der noch nichts
anderes in sich aufgenommen hat, aber dessen ungeachtet in ungeteilter Weise
alles in sich enthält, gleichwie allenfalls das Wasser ein Träger dessen ist,
was die Erde nur immer aufzuweisen hat.
[GS.02_028,03]
Der grüne Lichtäther aber ist gewisserart hungrig, nachdem er sicher alle
anderen ätherischen Stoffe verzehrte bis auf den grünen, der darum auch ein
ausstrahlender ist. Zufolge seines Hungers bekommt er eben durch die weiße
Farbe des Lichtäthers, welcher dem Strome entstammt, die vollkommene Sättigung,
welche sich dann durch die rötliche Färbung ausspricht.
[GS.02_028,04]
Ähnliches könnt ihr auch gar wohl vielfach auf eurer Erde finden; ihr dürfet
euch nur an die meisten Baumfrüchte, wie auch an so viele Blumen hinwenden. Wie
sieht da alles im unreifen Zustande aus? Grün; aber dieses Grün als eine
hungrige Farbsubstanz sättigt sich fortwährend mit dem weißen Lichte der Sonne
– und wie spricht sich dann die völlige Sättigung, welche das eigentliche
Reifsein der Früchte bezeichnet, aus? Gewöhnlich zuallermeist in einer mehr
oder weniger geröteten Farbe oder doch wenigstens sicher in einer solchen,
welche der roten Farbe zunächst entstammt oder wohl gar in dieselbe übergeht.
[GS.02_028,05]
Auf der Erde aber ist dieses alles nur unvollkommen vorhanden, während es auf
einem Zentralsonnenkörper im tätigsten Maße zur Erscheinung kommt. Ihr saget
wohl: Wie kommt es denn aber, daß bei uns auf der Erde gar viele Früchte in
ihrem Reifwerden und vollkommenen Reifsein in die vollkommene blaue Farbe
übergehen? Desgleichen gibt es auch eine Menge blauer Blumen, und wir wissen
nicht, auf welche Weise solche blaue Farbe von der roten abgeleitet werden
kann. – Ich sage euch: Betrachtet nur einmal so ganz gründlich eine solche
blaue Frucht (z.B. Zwetschge) und ihr werdet es bald gewahr werden, daß die
blaue Farbe nur ein äußerer leicht abwischbarer Anhauch ist; die Hauptfarbe
aber ist dennoch die rote.
[GS.02_028,06]
Wenn ihr da mit einem überaus feinen Glasstaube eine rote Fläche überstäuben
möchtet, so wird euch die Fläche sobald nicht mehr rot, sondern bläulich
vorkommen. Um aber die Sache noch besser zu erschauen, dürftet ihr aus einer
solchen blauen Frucht nur den Saft herausnehmen, und ihr werdet daraus gar
leicht die Erfahrung machen, daß der Grund vom Blau vollkommen rot ist. Noch
deutlicher aber zeigt euch eine Morgen- oder Abendröte, wie allda die blaue
Farbe der Luft bei einer gewissen Strahlenbewegung gar leicht in die rote
übergeht. Darum kann denn auch die blaue Farbe für nichts anderes als nur für
eine dunstige Umhülsung der roten angesehen werden.
[GS.02_028,07]
Noch deutlicher werdet ihr solches ersehen, wenn ihr z.B. eine doch sicher
vollkommen blaue Kornblume mit einem Mikroskope betrachtet, wo ihr aus den
tausend aneinander gereihten Kristallchen gar häufig die vollkommen rote Farbe
werdet hervorblitzen sehen. – Ich meine, wir haben genug, um einzusehen, daß
sich die Sättigung zwischen Grün und Weiß allzeit so gut durch die rote Farbe
ausspricht, wie sich die durch den Glauben genährte und gesättigte Hoffnung
vollkommen in der Liebe ausspricht, deren entsprechende Farbe eben das Rot ist.
– Ihr solltet zwar die Sache nun wohl verstehen und einsehen; aber ich erschaue
soeben in dieser Beziehung noch eine kleine Lücke in euch, welche wir während
unserer Gebirgsbesteigung noch gar leicht ausfüllen können.
[GS.02_028,08]
Wie gestaltet aber stellt sich diese Lücke dar? – Seht, ihr versteht noch
nicht, wie die eben erklärte gegenseitige Lichtfarbensättigung dem entsprechend
verwandten Glauben, der Hoffnung und der Liebe entspricht. So habet denn acht,
wir wollen die Sache gleich näher beleuchten. Die weiße Farbe entspricht dem
Glauben. Wie aber die weiße Farbe als allerfeinstätherischer Stoff alle anderen
Stoffe oder Farben in sich trägt, also trägt auch der Glaube in feinster
geistiger Substanz schon alles Unendliche des Reiches Gottes und des göttlichen
Wesens selbst in sich. Ein jeder Mensch aber ist gleich diesem mit
grünstrahlenden Bäumen bewachsenen Berge, von welchem die grüne Hoffnungsfarbe
beständig ausstrahlt. Und ihr werdet nicht leichtlich auf der ganzen Erde einen
hoffnungslosen Menschen finden, während es eine Menge glaubens- und liebelose
gibt.
[GS.02_028,09]
Die Hoffnung aber verzehrt sich beständig und gelangt nie zu irgendeiner Kraft,
wenn sie nicht eine gerechte Nahrung bekommt, was ihr aus einer Menge
moralischer und naturmäßiger Beispiele auf eurer Erde zur Übergenüge erschauen
könnet.
[GS.02_028,10]
Als moralische Beispiele können euch alle erdenklichen Grade und Arten der
Verzweiflung hinreichend belehrend dienen, denn eine jede Verzweiflung hat
sicher ihren Grund in der sich selbst völlig aufgezehrten Hoffnung. –
Naturmäßige Beispiele sind mehrere vorhanden.
[GS.02_028,11]
Setzet einmal einen Blumentopf auf längere Zeit an einen vollkommen finsteren
Ort; beschauet ihn dann etwa nach einem Vierteljahre, und ihr werdet nur gar zu
klar finden, wie sehr da die grüne Farbe in eine weißlichtblaßgelbe, also in
die völlige Farbe des Todes übergegangen ist.
[GS.02_028,12]
Es versteht sich von selbst, daß man hier nur die Farbe der belebten
Pflanzenwelt, aber nicht die Farbe der Mineralien verstehen muß, da in den
Mineralien diese Farbe wie vollkommen gefangen ist und einem in der Hoffnung
abgestorbenen Menschen gleicht, wo ebenfalls seine Hoffnung mit ihm selbst
gefangen genommen ward. Aus diesem Grunde kommen denn auch solche Menschen
jenseits zumeist in einer dunkelgrünen Farbe zum Vorschein, welche nach und
nach durch die Einsicht, daß ihre entsprechende Hoffnung nicht realisiert
werden kann, entweder in die schimmelgraue oder gar in die vollkommen schwarze
übergeht, welch letztere Farbe aber eigentlich gar keine Farbe mehr ist, wie
auch gar kein Licht, sondern es ist der vollkommene Mangel an allem. Also ist
hier darum nur von der lebendigeren Pflanzenfarbe die Rede.
[GS.02_028,13]
Es strahlt freilich wohl die grüne Farbe ihr Grün aus und verzehrt alles andere
des ätherischen Farbentums. Das eben aber ist ja auch das Charakteristische der
Hoffnungen. Die Hoffnung verzehrt ebenfalls alles mit großer Begierlichkeit,
und wir können uns keinen größeren Vielfraß vorstellen als eben die Hoffnung.
Was hofft oft nicht alles übereinander und durcheinander der Mensch und malt
sich das Erhoffte mit seiner Phantasie in den allerbuntesten Farben aus; es
versteht sich dasjenige, was er hofft. Alle diese Gemälde verzehrt er
fortwährend, nur die Hoffnung selbst verzehrt er nicht. Und kommt er in den
Zustand, daß ihm sogar seine Phantasie kein Gemälde mehr zu liefern imstande
ist, dann ist er aber auch schon am allertraurigsten daran, denn da beißt er in
seine eigene Hoffnung hinein und verzehrt sie. Das ist dann der Blumentopf am
vollkommen finsteren Orte.
[GS.02_028,14]
Wie aber kann die Hoffnung gesättiget werden? Setzet den Blumentopf nur wieder
ans weiße Licht der Sonne, aber nicht zu jäh, so wird er wieder zu grünen
anfangen. Warum denn? Weil er außerordentlich hungrig nach einer reellen
Sättigung geworden ist.
[GS.02_028,15]
Gehen wir auf den entsprechend moralischen Teil über. Wer wohl läßt sich lieber
trösten als ein Betrübter, also ein in seiner Hoffnung getäuschter Mensch? Oder
wer sucht begieriger einen reellen Trost, also eine moralische Sättigung einer
verhungerten Hoffnung, als eben ein solch nahe hoffnungslos gewordener Mensch?
Bringet ihn an den Strom des Lichtes, und er wird da in vollsten Zügen in sich
aufnehmen, was ihm vorerst am meisten zusagt.
[GS.02_028,16]
Aus dem aber kann auch gar klar ersehen werden, wie die Hoffnung durch den
Glauben stets mehr und mehr und endlich vollkommen realisiert gesättiget werden
kann. Ein hungriger Mensch ist traurig. Wollt ihr ihn heiter machen, so
sättiget ihn, und in seiner Sättigung wird ihm alle Hungertraurigkeit vergehen,
es wird sich eine Heiterkeit seines Gemütes bemächtigen, und in dieser
Heiterkeit wird er mit der größten dankbarsten Liebe seine Gastfreunde
erfassen.
[GS.02_028,17]
Sehet, gerade also geht es dem nach Wahrheit oder nach der Realisierung seiner
Ideen hungernden Menschen. Bringet ihn an den wahren Strom des Lichtes, und er
wird sich gar bald mit demselben verbinden und sich sättigen nach seiner
Herzenslust und nach seinem Bedürfnisse. Und wenn er gar leicht und gar bald
gewahren wird, daß diese Sättigung eine wahrhaftige ist, welche für all seine
noch leeren Ideen als vollkommen sättigend taugt, so wird er ebenfalls bald
heiteren Mutes werden und den großen Gastgeber ehestens mit großer Glut seiner
Liebe ergreifen; welche Liebe an und für sich schon eine vollkommene Sättigung
ausdrückt, oder: in der Liebe ist alles des Glaubens und alles der Hoffnung in
der vollkommen realisierten Reife und Sättigung vorhanden. Und so ist die Liebe
einerseits die durch den Glauben vollkommen gesättigte Hoffnung; andererseits
aber ist sie aus eben dem Grunde, weil sie die Hoffnung und den Glauben als
gesättigt in sich schließt, auch der Urgrund von beiden. – Ihr saget: Wie kann
denn das sein? Ich meine, etwas Natürlicheres und leichter Begreifliches dürfte
es wohl kaum geben als eben das.
[GS.02_028,18]
Woher kommt ein Baum? Ihr saget: Aus einem Kerne. Woher kommt denn der Kern?
Aus dem Baume, saget ihr.
[GS.02_028,19]
Nun, wenn also, so wird etwa doch der Kern alles, was da ist des Baumes, der
aus ihm hervorgeht, eher grundursächlich in sich fassen müssen. Wenn aber der
Baum sich wieder in einem neuen Kerne erneuen will, so muß er auch wieder sein
Alles in den Kern niederlegen.
[GS.02_028,20]
Ihr möchtet freilich wohl wissen, ob der Herr eher den Baum oder zuvor den Kern
erschaffen hat? Ich meine, dieses Geheimnis müsse sich beinahe mit den Händen
greifen lassen. Hätte der Herr den Baum eher erschaffen als den Kern, da könnet
ihr versichert sein, daß Er solches auch gegenwärtig täte, denn Er ist in
Seiner Handlungsweise durchaus nicht veränderlich, und Er tut nicht heute so
und morgen anders, und ihr würdet in diesem ersten Falle fortwährend wie durch
einen Zauberschlag plötzlich entstandene Bäume erblicken. – Ihr aber sehet
einen jeden Baum fortwährend neu nach und nach stets mehr und mehr auswachsen
und sich entwickeln.
[GS.02_028,21]
Dieser Akt aber zeigt ja mehr als mit zehn Sonnen auf einmal beleuchtet, daß
der Herr nicht nötig hatte, einen fertigen Baum zu erschaffen, sondern das
Samenkorn nur. Und wenn dasselbe in die Erde kommt, da entwickelt es sich, und
es wird dann in dieser Entwickelung eine vollendete Form dessen, was der Herr
in eben das Samenkorn gelegt hat.
[GS.02_028,22]
In dem Samenkorne aber liegt schon wieder die Fähigkeit, sich am Ende selbst
wieder zu finden, und der Baum selbst und seine ganze Tätigkeit ist dann nichts
anderes als ein zweckmäßiger Prozeß vom Kerne zum Kerne; und es ist meiner
Meinung nach doch viel richtiger und klüger anzunehmen, daß eine Linie ein
Produkt ist von vielen aneinander gereihten Punkten, und wird darum auch von
zwei Endpunkten begrenzt, als daß man so ziemlich stark törichter Weise
annehmen möchte, der Punkt sei ein Produkt einer zusammengeschrumpften Linie
und sei zu beiden Seiten (N.B. deren er eine zahllose Menge hat) von zwei
Linien begrenzt.
[GS.02_028,23]
Ich meine, aus diesem Wenigen werdet ihr gar leicht einsehen, daß der Herr das
Samenkorn eher als den Baum erschuf, d.h. Er erschuf zwar beide zugleich, aber
den Baum legte Er zu gleicher Zeit unentwickelt in das Samenkorn.
[GS.02_028,24]
Eben also ist auch sicher die Liebe der Urgrund von allem, und alles muß dann
endlich wieder in diesen Grund zurückkehren, wenn es nicht zugrunde gehen will.
– Bei dieser Gelegenheit aber haben wir auch die Höhe unseres Berges erreicht,
und so wollen wir uns sogleich tiefer in unser neues Kreisgebiet wagen. –
29. Kapitel –
Fortsetzung der Wanderung. In gerader Linie, mit unwandelbar festem Willen, dem
Ziele zu.
[GS.02_029,01]
Da sehet nur einmal hin – in die etwas tiefer gelegene unübersehbar große
Ebene, die nach links und rechts, so weit nur immer das Auge reicht, von diesem
bewaldeten Gebirge begrenzt ist! Was erblicket ihr in dieser Ebene? Sicher
nichts anderes als ich: in einer sehr tüchtigen Entfernung ragt eine
staffelförmige Rundpyramide überaus hoch empor. Man kann von dieser Entfernung
außer einem Brillantglanze noch nichts Näheres ausnehmen. Aber dessen
ungeachtet verspricht schon dieser erste Anblick etwas unerhört großartig
Erhabenes, darum wollen wir denn auch hurtig darauf lossteuern, um uns so bald
als möglich in der völligen Nähe dieses erhabenen Prachtwerkes zu befinden.
Sehet, wir haben zwar keinen abgetretenen Weg, noch weniger eine Fahrstraße dahin;
aber wenn ich diesen herrlichen Boden betrachte, welcher viel zarter und feiner
aussieht als der allerfeinste Seidensammetstoff, da meine ich, braucht es
keines abgetretenen Weges, sondern nur die Beobachtung der geraden Linie, und
wir werden uns geistig schnellen Schrittes sobald dort befinden, wo wir sein
wollen.
[GS.02_029,02]
Wisset ihr aber auch, was geistig genommen die gerade Linie bezeichnet? Die
gerade Linie bedeutet oder bezeichnet den unwandelbar festen Willen, welcher
durch keine noch so widrige Erscheinung auf etwas anderes abzulenken ist; und
eben diese gerade Willenslinie soll auch hier gemeint sein.
[GS.02_029,03]
Ihr fraget zwar in euch, ob wir denn bei diesem Wege noch auf Hindernisse
stoßen könnten, die uns die Erreichung des Zieles erschweren dürften? Das wird
sich alles auf dem Wege zeigen. Bis jetzt ging es noch gut. Wir haben im
Verlaufe unseres Gespräches schon eine ziemliche Strecke zurückgelegt, und so
ich dorthin blicke, wo dieses außerordentliche Bauwerk sich befindet, da kann
ich schon so manches genau ausnehmen, was ich ehedem von der Gebirgshöhe nicht
imstande war.
[GS.02_029,04]
So kann ich nun schon recht gut ausnehmen, daß dieses außerordentliche Bauwerk
aus zwölf Abteilungen besteht, die fast in der Art sich übereinander erheben,
als wenn ihr auf der Erde ein ausgezogenes Fernrohr, natürlich von der
allerriesenhaftesten Gattung, senkrecht aufgestellt hättet, welches Fernrohr
eben auch zwölf Züge haben müßte. Und wenn ihr die Sache so recht betrachtet,
da werdet ihr bald mit leichter Mühe entdecken, daß ein jedes dieser zwölf
Stockwerke aus lauter aneinander gereihten Säulen besteht, und sehet ein jedes
Stockwerk in einer anderen Farbe erglänzen.
[GS.02_029,05]
Aber wozu sich die Augen durch in die Ferne sehen verderben? – Wir werden das
ganze Werk in der vollen Nähe ohnehin von Angesicht zu Angesicht betrachten
können; daher gehen wir nur hurtig darauf zu. Aber ich merke, daß ihr eure
Augen auf einen nicht mehr fern von uns abstehenden ziemlich hohen Wall
richtet. Das hätte ja so den Anschein von einem bedeutenden Weghindernisse und
einer Ablenkung von unserer geraden Linie, da wir einen Mauerbrecher nicht bei
uns haben.
[GS.02_029,06]
Wenn die Mauer dieses Walles nach irdischem Maßstabe kerzengerade aufsteigt und
unterhalb kein Tor angebracht ist, da dürfte es freilich wohl einen kleinen
Haken haben, die gerade Linie fortwährend beizubehalten, und doch dürfen wir
sie nicht verlassen; denn im Geiste nur um eine Linie auf die Seite gerückt,
will so viel sagen, als mit einem Augenblicke diese ganze schöne Welt aus
unserem Gesichtskreise verlieren. Aber wir sind ja noch nicht an der Mauer;
daher den Mut nicht verlieren, und es wird sich die Sache vielleicht besser
machen, als wir es erwarten.
[GS.02_029,07]
Ich bemerke aber nun auch vor dem Walle große und weitgedehnte Baumreihen, aus
denen allerlei Säulen und Pyramiden emporragen. Es könnte da wohl sehr leicht
geschehen, daß wir bei unserer geraden Linie auf einen Baum oder auf eine Säule
stoßen und wären demnach genötigt, eines solchen Hindernisses wegen ein wenig
von der geraden Linie abzubiegen.
[GS.02_029,08]
Ihr saget: Wie wäre es denn, so wir uns geistigermaßen in die Luft
emporschwingen möchten, und durch diese am leichtesten in gerader Linie
hinziehen zu unserem großartigen Ziele?
[GS.02_029,09]
Ich sage euch: Auch dieses könnten wir tun; aber dadurch setzen wir uns einer
doppelten Gefahr aus, diese unsere Welt aus unserem Gesichtskreise zu
verlieren, fürs erste, weil ein solcher Aufschwung eben auch eine Verletzung
der geraden Linie ist, und fürs zweite dürfen wir ja so lange nicht unsere Füße
von diesem Boden trennen, solange wir diese Welt beschauen wollen. Denn trennen
wir unsere Füße vom Boden, so sinkt die ganze Welt unter uns in ihre erste
unkenntliche Sterngestalt zurück. Daher bleibt uns nichts anderes übrig, als
allen vorkommenden allfälligen Hindernissen mit fester Stirne zu begegnen!
[GS.02_029,10]
Nun sehet, die Baumreihen hätten wir bereits erreicht. Soweit als mein Auge in
diesen Alleewald hineindringt, geht es überraschend geradlinig aus; aber dort
recht tief darin erblicke ich etwas wie einen aufgerichteten Altar, und dieser
Altar steht meines Erachtens gerade in der Mitte dieser Allee. Es macht aber
nichts, nur mit fester Stirne darauf zu, und es muß sich der Weg gerade so
machen, wie wir ihn haben wollen, denn es wäre für einen Geist doch wohl
traurig, wenn er sich von naturmäßigen Hindernissen sollte den Weg verrammen
lassen.
[GS.02_029,11]
Nun, da sind wir schon am Altare. Fürwahr, dieses erste Monument zeigt schon,
wenn auch noch in einem entfernten Maßstabe, von welch einer unbeschreiblichen
Pracht erst das Hauptwerk sein muß.
[GS.02_029,12]
Sehet diesen Altar! Er hat etwa eine Höhe von einer Klafter und besteht aus
lauter Rundstäben, welche von einem überaus glänzenden Materiale angefertigt
sind, das aber sicher auf keinem anderen Weltkörper in dieser Eigentümlichkeit
vorkommt. Da seht nur einmal die Stäbe an; sie sehen ja nicht einmal fest aus,
sondern haben das Ansehen, als wären sie lauter abwärts schießende
Wasserstrahlen, welche aber ohne sogenannten Seitenspritzer abwärts in goldene
Trichter schießen. Die flammende Strahlenbewegung in diesen Rundstäben zeigt
beinahe solches an, als wären diese Stäbe nichts als nur runde Wasserstrahlen,
welche etwa durch eine Mittelsäule von irgend her zuerst aufwärts, und hier,
wie wir es sehen, nach den Regeln der Wasserbaukunst abwärts fallen. Um uns
aber zu überzeugen, greifen wir mit den Händen nach den Stäben – sehet, das
Ganze ist nur eine Eigentümlichkeit des Materials. Dieses hat in sich solche
flammende Bewegung, daß es scheint, als wäre es ein reinstes fließendes Wasser;
an und für sich aber ist es fest, als wäre es ein Diamant.
[GS.02_029,13]
Und da sehet über den Stäben die herrlich eingeländerte Rundtafel, wie sie
strahlt, als hätte man im Ernste eine kleine Sonne auf diese aneinander
gereihten Stäbe gelegt. Die Stäbe münden zuunterst in goldene Trichter ein,
welche ebenfalls wieder in eine rot und blau schillernde allerherrlichste runde
Kristallplatte eingeschichtet sind. Fürwahr, diesen Altar auf diesem schönen
Rundplatze zu sehen, von den herrlichsten Bäumen in der schönsten Ordnung
umfriedet, deren Äste oben wie riesige Arme zusammengreifen, ist an und für
sich schon etwas so Bezauberndes, daß man es mit der größten Zufriedenheit eine
geraume Zeit betrachten möchte. Dazu wenn man noch den wunderbaren grünen
Sammetboden bedenkt und die Stämme der Bäume, welche das Ansehen haben, als
wären sie lauter mächtige blaue, halbdurchsichtige Rundsäulen, an denen nicht
der allerleiseste Makel zu entdecken ist.
[GS.02_029,14]
Was saget ihr denn zu dieser ersten Pracht? Ich muß es aufrichtig gestehen, daß
mich diese erhabene Einfachheit mehr anspricht und fesselt, als alle schon
vorher geschauten Herrlichkeiten dieser Welt. Wir vergessen bei der Betrachtung
dieser Herrlichkeit aber ja ganz, daß wir noch weiterzugehen haben.
[GS.02_029,15]
Aber die gerade Linie, wie werden wir diese heraus bekommen?
[GS.02_029,16]
Sollten wir etwa diesen überherrlichen Altar möglicherweise niederrennen?
Fürwahr, so etwas wäre beinahe nicht übers Herz zu bringen, und besonders wenn
man obendrauf noch bedenkt, daß solch ein Werk viele Arbeit und vielen Fleiß
von Menschenhänden dieser Welt vonnöten hatte und daß es sicher zu einem von
dieser Menschheit geheiligten Zwecke dasteht. Und dazu noch ist das Zerstören
überhaupt am allerentferntesten von der göttlichen Ordnung abstehend.
[GS.02_029,17]
Was werden wir demnach hier tun? Ihr saget: Als Geister durch die Materie
rennen, was wird es denn sein? Ist doch der Herr auch durch die verschlossene
Türe zu Seinen Aposteln gekommen.
[GS.02_029,18]
Ich sage euch: Das ist zwar wahr; aber wir sind nicht Herren, sondern Diener
und Knechte des Herrn, diese aber dürfen nicht alles tun, was der Herr getan hat,
außer der Herr wollte es. Daher weiß ich mir nun schon einen Rat. Wir werden
uns an den Herrn der Herrlichkeit wenden, und zwar in der Liebe unseres
Herzens, und ich bin überzeugt, es wird sich die gerade Linie gleich
herstellen.
[GS.02_029,19]
Nun, ich habe solches getan und ihr nun in mir; und sehet, da eilt schon aus
dem Hintergrunde ein männlich Wesen hervor, rührt soeben den Altar an, und
dieser teilt sich bei der Mitte wie auseinandergehend, und wir können nun
unsere Linie weiter verfolgen.
[GS.02_029,20]
Ihr fraget nun wohl, ob dieser Altar im Ernste solch eine mechanische
Vorrichtung habe, daß er für ähnliche geradlinige Reisezwecke allzeit auf
gleiche Weise teilbar ist? Ich sage euch: Für den Herrn ist alles in einem
allerzweckmäßigsten Maße eingerichtet, die Menschen dürfen eine Sache noch so
fest miteinander verbinden, der Herr aber ist der Werkmeister des Stoffes. Der
Mensch weiß wohl um die Glieder seines Werkes, und wie diese zu trennen sind,
aber der Herr kennt die Glieder des Stoffes und weiß auch, wie diese zu trennen
sind.
[GS.02_029,21]
Daher brauchet ihr zur Beobachtung der geraden Lebenslinie nichts als die stets
wachsende Liebe zum Herrn, und ihr werdet durch Felsen, Feuer und Wasser also
wandeln können, als hättet ihr mit gar keinem Hindernisse zu kämpfen.
[GS.02_029,22]
Ich aber mache euch noch obendrauf aufmerksam: Habet recht wohl acht auf alle
die Erscheinungen, die uns auf diesem Wege vorkommen werden, und ihr werdet am
Ende so manche Verhältnisse eurer Welt darin wie in einem großartigen
Zauberspiegel erkennen. – Nun aber steht vor uns schon wieder eine überaus
weitgedehnte offene Allee in gerader Linie, und wir können daher wieder mit
gutem Gewissen vorwärtsschreiten.
[GS.02_029,23]
Ihr möchtet wohl gerne wissen, was nun mit dem geteilten Tempel geschehen wird.
Wird er sich wieder ergreifen, oder wird er also geteilt verbleiben? Ich aber
sage euch: Verstehet mich wohl, und lasset das, was hinter uns ist; denn wir
haben vor uns noch gar vieles und bei weitem Größeres. Wenn wir aber am
Hauptziele sein werden, dann werden wir ohnehin von der Höhe einen allgemeinen
Überblick erhalten. Und so lasset uns weiterziehen.
30. Kapitel –
Fortsetzung der Sonnenwanderung. Mangelnde Erkenntnis und Weltliebe zwei
Gebetshindernisse.
[GS.02_030,01]
Die vor uns liegende offene Allee ist zwar etwas enger als die vorhergehende,
allein diese Erscheinung ist für den Fortschritt auf unserer geraden Linie
nicht im geringsten hinderlich, sondern gerade nur das Gegenteil, denn je enger
irgendeine Gasse wird, desto leichter ist ja die Mitte derselben zu beobachten
und in Mitte der geraden Richtung fortzugehen.
[GS.02_030,02]
Solche Erscheinung hat ja aber darin ihren Grund, daß alle diese Alleen
strahlenförmig von dem Zentrum des Hauptgebäudes heraus bemessen und angelegt
sind; und könnten wir von der Höhe gerade über dem Hauptgebäude herabblicken,
so würden wir diese ganze Prachtanlage wie eine ausstrahlende Sonne erblicken.
[GS.02_030,03]
Und sehet, das ist schon ein gutes Zeichen; also ist ja die gerade Linie schon
bedingt, wir dürfen dieser nur folgen, und es kann gar nicht fehlen, daß wir
baldmöglichst das Hauptziel erreichen. Wir sind schon, wie ihr sehet, gut über
die Hälfte dieser zweiten Allee geschritten, und es läßt sich darum schon recht
gut das vorliegende Ende erschauen. Aber ich bemerke soeben wieder hinter dem
Abschlusse dieser Allee ein neues Hindernis glänzen, welches uns von der
geraden Bahn ein wenig ablenken möchte. Wir aber wollen dieses vorliegenden
zweiten Hindernisses kaum mehr gedenken; denn wie das erste wird auch dieses
zweite uns den gerechten Platz machen müssen.
[GS.02_030,04]
Was aber ist etwa das, was uns da entgegenstrahlt? Nur einige beschleunigte
Schritte noch und da seht einmal hin, ja fürwahr, da kann man sich beim ersten
Anblicke ja nicht einmal genug fassen; denn zu groß ist die Pracht dieser
Allee-Verzierung. Was wären da auf der Erde alle noch so kunstvoll ausgedachten
Wasserkünste und Feuerwerks-Evolutionen! Da sprüht es ja nur so von erhabener
Pracht und Herrlichkeit.
[GS.02_030,05]
Sehet, die Platte, welche dieses zweite große Baumrondell wie in einem Stücke
überpflastert, sieht doch gerade so aus wie eine kleinwellige Oberfläche eines
allerreinsten Wassers, und dennoch ist die Fläche vollkommen eben und überaus
fest. Das Sonderbarste bei dieser ganzen Geschichte ist nur das, daß man durch
eine merkwürdige Strahlenbrechung wirklich in seinem Gesichte so sehr getäuscht
wird, daß man die Oberfläche dieser Pflasterung wie fort und fort wellend
erschaut, und jede Wellenwendung erstrahlt in einem anderen Lichte. Das will
ich denn doch ein brillantes Strahlenbild nennen.
[GS.02_030,06]
In der Mitte dieses weiten Baumrondells ist eine Säule aufgestellt, diese hat
gerade das Ansehen, als so man bei euch auf der Erde eine Wasserhose erschauen
möchte. Sehet nur, wie sich ein förmliches Wasser wie in Wirbelkreisen sprudelnd
auf und ab zu treiben scheint, und ein jeder Wirbel erstrahlt fortwährend
abwechselnd in tausend Farben; und sehet und fühlet diese Säule an, sie ist bei
all dieser scheinbaren Lebendigkeit fest wie ein Diamant. Fürwahr, wer diese
Materialzusammensetzung und Bearbeitung solch einer Zierde nicht für wunderbar
hält, von dessen Munde möchte ich doch selbst vernehmen, was ihm ein Wunder
deucht.
[GS.02_030,07]
Und da sehet noch ganz hinauf zur Spitze dieser Säule, wie sie dort in überaus
strahlende Äste gleich einer Trauerweide ausläuft und anstatt der Blätter
allerlei strahlende Zäpfchen herabhängen läßt. –
[GS.02_030,08]
Ja, was sagt ihr denn zu dieser Pracht? Fürwahr, ihr seid mit Recht stumm; denn
fürs Gefühl läßt sich dergleichen nicht beschreiben, und man muß zufrieden
sein, wenn man nur einen höchst matten Schattenriß davon selbst mit der größten
und glühendsten Sprachfertigkeit hat entwerfen können.
[GS.02_030,09]
Es wäre sonst alles recht, wenn sich diese ganze herrliche Geschichte nur nicht
in der Mitte unserer Wandellinie befände. Was meinet ihr wohl, wird sich diese
Allee-Zierde auch also wie die vorhergehende teilen lassen? Bei der ersten
könnte man noch eher versucht werden zu glauben, die ganze Sache beruhte auf
künstlich mechanischen Grundsätzen und war darum auch leicht auseinander
bewegbar; aber bei dieser höchst kolossalen Zierde dürfte wohl ein jeder
Mechanismus zu kurze und zu schwache Arme bieten, um diese gar mächtige Säule
nach der vorher geschauten Art zu entzweien. – Was sollen wir denn nun tun? Ihr
saget: Derjenige, der das erste Hindernis geteilt hat, der Herr nämlich, wird
auch mit diesem zweiten gar sicher leicht fertig werden.
[GS.02_030,10]
Ihr habt recht geantwortet. Aber es muß dabei etwas beobachtet werden, was ihr
bisher noch nicht kennet, und so höret denn: – Der Herr ist zwar überall der
allmächtige Helfer und Besieger aller Hindernisse, aber Er muß auch nach dem
Grade und Maße des Hindernisses zu Hilfe gerufen werden, sodann erst wird es
geschehen, was da geschehen soll.
[GS.02_030,11]
Ihr saget hier freilich: Ja, warum aber das? So wir den Herrn um Hilfe
anflehen, da wird Er uns wohl nicht weniger helfen, als wir es vonnöten haben.
Ich sage euch: Ihr habt in einer Hinsicht zwar wohl recht, aber nur insoweit,
als ihr daneben irrigerweise anzunehmen genötigt seid, dem Herrn sei wenig oder
gar nichts daran gelegen, wie euer eigenes Erkenntnisvermögen bestellt ist. So
etwas aber anzunehmen, meine ich, dürfte doch ein wenig zu töricht sein.
[GS.02_030,12]
Der Herr aber will ja vor allem die Selbsterkenntnis der Kinder erheben; daher
läßt Er auch alles von ihnen (selbst) eher beurteilen und bemessen, also auch
ihre Not, auf daß sie Ihm dann dieselbe nach ihrer Erkenntnis vortragen sollen,
und Er ihnen dann helfe nach ihrer eigenen Erkenntnis und Verlangen.
[GS.02_030,13]
Aus diesem Grunde aber, meine lieben Freunde und Brüder, soll da auf der Erde
auch niemand ein sündiges Hindernis auf der eben sein sollenden Bahn seines
Lebens mit einem leichtfertigen Maßstabe bemessen, sonst muß er es sich selbst
zuschreiben, wenn ihm nach vielen Gebeten nicht die erwünschte völlige Hilfe
wird.
[GS.02_030,14]
Denn der Herr ist zwar überaus liebevollst gut und freigebig mit Seiner Gnade
und Erbarmung, aber dabei dennoch stets im vollkommensten Grade respektierend
die freie Tätigkeit des Geistes in jeder Beziehung, sowohl in der Willens- als
in der Erkenntnissphäre.
[GS.02_030,15]
Unter uns aber gesagt, tut (daher) ein jeder Mensch für sich genommen besser,
wenn er in Anbetracht seiner selbst, wie ihr zu sagen pfleget, aus einer Mücke
einen Elefanten macht, als umgekehrt, und es wird dann sein, daß derjenige, der
von solch einem Standpunkte aus um vieles bittet, auch viel empfangen wird; wer
aber um weniges bittet, der erwarte ja nicht, daß ihm der Herr ein unerkanntes
und unverlangtes Plus auf den Rücken nachwerfen wird.
[GS.02_030,16]
Tut ihr ja auch das gleiche auf der Erde untereinander. Warum sollte es der
Herr nicht tun, der dafür den liebeweisesten Grund hat? Wird wohl selbst ein
allerbestgesinnter reicher Mann einem, der ihn bittet, ihm zweihundert Taler zu
leihen, allenfalls streng benötigte zweitausend Taler geben? Ich sage euch:
Solches wird er nicht tun, und wüßte er es auch augenscheinlichst, daß der
bittende Entleiher unumgänglich notwendig der größeren Summe vonnöten hat.
[GS.02_030,17]
Er wird wohl, ebenfalls aus dem edlen Grunde seines Herzens, zum Entleiher
sagen: Ich leihe dir recht gerne die verlangte Summe, wenn sie dir in deinem
Bedürfnisse nur genügen wird. Wenn bei solch einem Stupfer der Entleiher noch
immer in seinen blindtörichten Schüchternheitsschranken sich bewegt und bleibt
bei seiner ersten Petition, saget euch selbst, wer dann die Schuld trägt, wenn
dem Entleiher mit 200 Talern nicht gedient ist.
[GS.02_030,18]
Aus dem Grunde aber soll sich ein jeder genau erforschen und seine Not genau
bemessen, und dann erst an den heiligen, allmächtigen Helfer sich wenden, so
wird ihm schon sicher die gerechte Hilfe werden, wenn er dieselbe glaubensfest,
vertrauensvoll und liebeernstlich von Ihm erwartet.
[GS.02_030,19]
Und so denn wollen und müssen nun auch wir hier den Herrn ein wenig fester
angehen als beim ersten Hindernisse, so wird uns auch hier der Herr die Bahn
öffnen. Worin aber besteht die größere Festigkeit in dem den Herrn angehen?
[GS.02_030,20]
Der Schmied sagt zu seinem Gesellen: Zur Schmelzung von wenig Eisen genügt auch
eine geringere Kohlenglut, und die Esse braucht dazu den Atem nicht so tief zu
holen; wenn aber ein großer Klumpen Eisen soll geschmolzen werden, da spricht
der Schmiedmeister zu seinem Gesellen: Nun bringe drei Körbe fester Kohle, und
laß die Esse festweg gehen, sonst wird der große Metallklumpen kaum an die
Rotglühhitze gelangen. Ich meine, diese Schmiedmeistersregel, welche doch so
ziemlich mit Händen zu greifen ist, wird auch für uns gar überaus wohl
anzuwenden sein. Mehr Kohle, mehr Essenwind heißt soviel als: mehr Liebe und
mehr Vertrauen, und es wird werden nach dem gläubigen Verlangen!
[GS.02_030,21]
Ich habe bei mir das getan, und ihr mußtet es tun in mir, und sehet, diese
Wasserhosensäule ist schon wieder geteilt, und wir können mit der leichtesten
Mühe von der Welt nun wieder unsern Marsch weiter fortsetzen.
[GS.02_030,22]
Verstehet ihr aber auch dieses zweite Hindernis, welches voll trüglichen Scheines
ist und sich zeigt, als wäre es lebendig in allen Ecken und Winkeln? Rührt man
es aber an, da ist es überall hart und widerstrebend fest. – Sehet, sich durch
die Irrtümer durchzuarbeiten, ist ein bei weitem Leichteres; denn wer nur
einigermaßen geweckten Geistes ist, wird die niedrige Dummheit bald leicht von
der glänzendst reinsten Wahrheit zu trennen imstande sein, und das ist die
Besiegung des ersten Hindernisses. Aber hier ist die Welt im Gesamtmaßstabe mit
all ihrer buntstrahlenden Flitterei; und es braucht bei weitem mehr, um dieses
Hindernis aus dem Wege zu räumen als das frühere.
[GS.02_030,23]
Es gibt sicher recht viele Menschen auf der Erde, welche schon lange die
Wahrheit in ihrem strahlenden Lichte erkannt haben. Aber von der Welt können
sie sich doch nicht trennen; denn ihre Strahlen sagen ihnen zu sehr zu. Wie
viel solcher anlockender Flitterstrahlen aber die Welt in sich faßt und wie
beschaffen diese sind, kann euch eine nur ein wenig scharfe Betrachtung dieser
Alleeverzierung auf ein Haar zeigen. Besitztümer, Geld, allerlei
Bequemlichkeiten, guter Tisch, schöne Weiber, honette Kleider und dergleichen
noch sehr viel mehreres sind noch gar mächtige Flitterstrahlen der Welt, selbst
für schon recht tüchtig weise Männer. Für Weiber wollen wir kein Wort führen;
denn da ist die Dummheit meist in ihrem Ursitze zu Hause.
[GS.02_030,24]
Es gleicht aber ein Mensch, der sich in solchem Weltflitterwerk gefällt, einem
Reichen im Traume, der da mit Millionen hin und her wirft, wenn er aber
erwacht, so drückt nicht ein einziger Groschen seine Börse. Ich meine, ihr
werdet mich verstehen; und da unser Hindernis besiegt ist, so könnten wir schon
wieder weiterziehen.
31. Kapitel –
Fortsetzung der Sonnenwanderung. Der Eingang vom materiellen ins geistige Leben
in Entsprechungsbildern.
[GS.02_031,01]
Sehet, schon wieder ist eine herrliche Allee vor uns, die sich ebenfalls gegen
das Ende verengt; das ist bereits die dritte, welche wir betreten. Wenn ihr
diese drei Alleen so nacheinander betrachtet, so stecken sie gewisserart
ineinander wie drei aufeinander gesteckte Kegel, von denen die Endspitze immer
in die Basis des folgenden hineinfällt; denn wenn die erste Allee mit ihren
Linien fort liefe, so müßten sich dieselben eben auf dem Punkte kreuzen, da wir
das erste Monument angetroffen haben. Aber die Berechnung ist so gestellt, daß
die beiden Baumlinien gerade dort aufhören, wo wir am Ende einer Allee allzeit
ein großes Baumrondell angetroffen haben, in dessen Mitte das Ornament stand.
Daher fängt jetzt diese dritte Allee ebenfalls wieder sehr breit an und wird am
Ende, wie die früheren, recht schmal enden.
[GS.02_031,02]
Könnte da nicht allenfalls jemand sagen: Aber ich finde die Sache durchaus
nicht ästhetisch? Entweder soll die Allee gleichlinig fortlaufen, oder sie soll
verhältnismäßig breiter werden, und das zwar in dem Verhältnisse auseinander
laufend, in welchem Verhältnisse sich sonst eine parallel laufende Allee
scheinbar verengt. Auf diese Weise würde dann so eine Allee von ihrem Anfange
an das scheinbare Ansehen eines Rechteckes oder einer vollkommen gleichweiten
Bahn bis ans Ende bekommen. Solch eine Anlage würde mehr Wissenschaft und Geist
verraten, als solch ein scheinbares Zusammenschrumpfen einer Allee.
[GS.02_031,03]
Dieses ist zwar richtig; solch eine Anlage muß für das Auge offenbar drückend
erscheinen, besonders bei einer so langen Allee, wie diese da ist. Aber die
Menschen, welche hier diese Allee angelegt haben, haben einen viel höheren
Zweck damit verbunden als allein den der Ästhetik nur. Und so bezeichnen diese
drei Alleen ganz vollkommen sinnig und richtig den Eingang vom Materiellen in
das geistige, innere Leben.
[GS.02_031,04]
Wie aber soll solches begriffen werden? Das werden wir gar leicht
herausbringen; denn Ähnliches befindet sich auch auf eurer Erde, wenn auch
nicht gerade durch eine Allee ausgedrückt. Einige Beispiele werden uns diese
Sache bei Gelegenheit der Durchwanderung dieser dritten Allee, in welcher
ohnehin nicht viel Erhebliches zu beschauen ist, vollkommen erhellen.
[GS.02_031,05]
Nehmen wir an, irgendein eines Faches kundiger Mann schreibt für eben dieses
sein Fach ein Buch. Dieses Buch fängt zuerst mit einer nicht selten überaus
breiten und dazu auch gehörig langweiligen Vorrede an, und gewöhnlich ist die
Vorrede allzeit um so umfangreicher, je geist- und umfangschmäler das darauf
folgende Werk selbst ist. Diese Vorrede beengt sich nach und nach auf eine ganz
einfache und zugleich auch nicht selten schmale Nutzanwendung, wo es gewöhnlich
mit wenigen Worten gesagt ist, was ehedem unnötigerweise die ganze Vorrede
gesagt hat. Die Vorrede wäre glücklicherweise zu Ende. Dieser folgt ein leeres,
weißes Blatt, auf welchem manchmal nichts, manchmal aber mit großen Buchstaben
das wichtige Wort: Einleitung steht. – Blättert man dieses verhängnisvolle
Blatt um, so fängt dann wieder eine noch breitere Einleitung an, als wie breit
ehedem die Vorrede war. In dieser Einleitung kommt eigentlich, so wie in der
Vorrede, nichts anderes vor, als nur eine etwas breiter gehaltene Belobung und
Anempfehlung des darauf folgenden Hauptwerkes. Womit endet aber diese mehrere
Ellen lange Einleitung? Gewöhnlich mit ähnlichen kurzen Ausdrücken: Wir wollen
uns nicht länger mehr mit den Vorbegriffen abgeben, sondern zur Hauptsache
selbst schreiten; alldort wird der geehrte Leser alles gehörig beleuchtet
finden, was in dieser Einleitung nur kurz berührt werden konnte. Und das ist
aber dann auch schon das Ende.
[GS.02_031,06]
Warum hat denn der Verfasser seine Einleitung so breit angefangen und ließ sie
gar so entsetzlich schmal enden? Hätte er sie nicht ebensogut ganz weglassen
können? Wir können diese Frage weder bejahen, noch verneinen, denn für seinen
Zweck taugt sie; ob sie auch für den Zweck des Lesers taugt, das wird der
Leser, wenn er das ganze Werk wird durchgelesen haben, am leichtesten selbst
bestimmen.
[GS.02_031,07]
Nach dieser Einleitung kommt dann das Hauptwerk selbst. Was wird wohl etwa in
diesem vorkommen, das ebenfalls wieder sehr breit und vielverheißend anfängt?
Sicher nichts anderes als dasjenige mit noch etwas mehr Worten gesagt, was
schon in der Vorrede und in der Einleitung gesagt worden ist. Und so endet der
Geograph sein Werk mit der Darstellung eines gewöhnlich sehr unbedeutenden
Fleckens; denn für große Orte hat er einen besseren Platz, sie stehen allzeit
mehr am Anfange.
[GS.02_031,08]
Der Mathematiker setzt am Ende seines tiefdurchdachten Werkes noch einige kurze
noch unaufgelöste Aufgaben hinzu, von denen gewöhnlich die letzte die am
wenigsten sagende ist.
[GS.02_031,09]
Auch der Geschichtsschreiber spart das allerunbedeutendste Faktum für die
allerletzte Blattseite auf, während er am Anfange ganz entsetzlich breite
Blicke über die ganze Erdoberfläche warf; und so dürfet ihr – mit Ausnahme des
Wortes Gottes – fast alle Werke betrachten, und ihr werdet finden, daß sie am
Ende ganz schmal hinausgehen. – Das wäre ein Beispiel, welches hoffentlich
hinreichend durchleuchtet ist.
[GS.02_031,10]
Betrachten wir aber den Bau eines Hauses, eines Turmes oder einer Kirche; wie
breit geht es am Anfang zu, und am Ende endet das Haus in ein zusammenlaufendes
Dach, der Turm in seine Spitze und die Kirche auch gewöhnlich in ein sehr spitz
zusammenlaufendes Dach. Dieses Beispiel bedarf keiner weiteren Beleuchtung;
denn der tägliche Anblick gibt hierzu die rechte Erklärung.
[GS.02_031,11]
Ein drittes Beispiel gibt euch die Betrachtung eures zeremoniellen
Gottesdienstes. Mit großem Pompe zieht man aus der sogenannten Sakristei und
ordnet sich dann vor dem Altare wie im Hintergrunde der Kirche am musikalischen
Chore stets breiter und breiter; aber allenfalls nach der dritten Meßzeremonie
werden die Meßteile schon kürzer und auch gewöhnlich weniger sagend, und dort,
wo man eigentlich die größte Breite erwarten sollte, nämlich bei der
Gelegenheit der sogenannten „Aufwandlung“, da sieht es schon sehr schmal aus, dann
wird es immer schmäler, bis sich endlich alles in das überaus kurze „Ite, messa
est“ verliert.
[GS.02_031,12]
Ein sogenanntes Schauspiel bei euch fängt nicht selten überaus geheimnisvoll an
und endigt gewöhnlich in einer überaus wenig sagenden Blindheirat. – Also
fangen auch eure musikalischen Stücke samt den musikalischen Instrumenten sehr
breit an und enden nicht selten so schmal, daß man im Ernste sagen müßte: Für
diesen letzten höchst einfachen Ausgang hätte es fürwahr nicht so viel
Aufhebens gebraucht. So fängt auch eure Tonleiter mit einem donnerähnlichen,
breitschwebenden, tiefen Baßtone an und endet am Ende in den schönsten Akkorden
mit einem überaus feinen und schmalen Dünnton. Habt ihr schon genug an den
Beispielen?
[GS.02_031,13]
Da wir aber noch nicht an das Ende der Allee gelangt sind, sondern uns in einer
schon recht tüchtigen Enge derselben befinden, so können wir ja auch noch ein
Beispiel zum größten Überflusse hinzufügen, welches in unsere Sache ein überaus
helles Licht geben soll; denn im Geiste geht es wie auf der Welt. Auf der Welt
haben die Menschen nie zuviel Geld; und hat jemand noch so viel, so wird er es
nicht verschmähen, noch mehr hinzuzubekommen. Desgleichen hat man im Geiste
auch nie zu viel Licht; und so wünscht der Weise, noch immer weiser zu werden.
Darum wird uns auch dieses Beispiel nicht überflüssig sein, da es das Licht
vermehrt.
[GS.02_031,14]
Wie lautet aber dieses Beispiel? Das liegt euch sehr nahe; ihr dürfet nur einen
Blick in die gegenwärtige Erziehung eurer Kinder tun, und ihr habt das ganze
Beispiel schon auf einem Haufen beisammen. Was
für großartige und breite Pläne macht oft ein bemitteltes Elternpaar für seine
Kinder? Der Sohn muß studieren und daneben noch allerlei andere Künste und
Fertigkeiten sich zu eigen machen; und für die Tochter laufen wenigstens ein
halbes Dutzend allerlei Meister ins Haus. Die Sache sieht aus, als sollte aus
dem Sohne ein Regent und aus der Tochter das Weib eines Herrschers werden.
Endlich hat der Sohn seine Studienbahn vollendet und die Tochter sich aus den
meisterlichen Krallen mit allerlei eben nicht vielsagenden Fertigkeiten
entwunden. Was geschieht aber jetzt?
[GS.02_031,15] Der wohlgebildete und
vielstudierte Sohn wird in eine enge Kanzlei auf eine schmale Praktikantenbank
geschoben, von der aus eben nicht die größte Fernsicht genommen werden kann,
und bei der Tochter heißt es: Nun müssen wir sie auch ein wenig fürs Häusliche
erziehen lassen. Wenn ihr diese Stellung nur ein wenig aufmerksam betrachtet,
so kann euch die sich stets mehr verengende Allee des anfangs so breit
projektierten menschlichen Lebens unmöglich entgehen.
[GS.02_031,16] Aber für den Sohn fängt bald
nach seiner sehr schmalen Praxissphäre wieder eine etwas breiter anfangende
Amtsallee an, und die Tochter wird an einen Mann verheiratet, von dem man
anfangs auch sehr viel Breites erwartete. Aber die Amtssphäre des Sohnes
schmälert sich endlich im Pensionsstande schon wieder, und die Aussichten der
verheirateten Tochter gewinnen auch durchaus nicht an Breite, sondern wie bei
ihr so manche weibliche Vorteile nach und nach sich verflüchtigen, so wird sie
am Ende samt den Aussichten schmäler.
[GS.02_031,17] Nun, was aber ist hernach das
Ende der dritten Lebensallee? Ich meine, dieses muß ich euch nicht näher
bezeichnen: ihr dürfet nur in den nächstbesten Friedhof gehen, allda werdet ihr
eine Menge Ausläufer breit angefangener menschlicher Lebensalleen finden.
[GS.02_031,18] Und sehet, in eben diesem
Sinne bauen diese Sonnenmenschen alles gerade also, wie es den Lebensverhältnissen
vollkommen entspricht.
[GS.02_031,19] Einst bauten die Menschen der
Erde auch ähnlichermaßen. Die sogenannten ägyptischen Pyramiden sind noch
sprechende Zeugen dafür; denn diese großartigen Bauten waren nichts als
Grabmäler großer und mächtiger Menschen. Je größer und mächtiger einer war,
eine desto größere Pyramide ließ er sich als Grabmal erbauen. – Wer sie
zuunterst messen möchte, der würde auf bedeutende Unterschiede stoßen; aber
zuoberst liefen alle auf eine ganz haargleiche Spitze aus.
[GS.02_031,20] Ähnliche Weisheit in noch viel
bedeutenderem Maßstabe finden wir denn auch hier auf dieser Lichtwelt, wo die
Menschen besonders dieses Kreisgebietes wahrhaftige Grundweise sind. – Jedoch
die Folge wird uns davon Helleres bieten.
[GS.02_031,21] Da wir aber bei dieser
Gelegenheit unserer Unterwegs-Beredung wieder an das erwünschte, hier im Ernste
sehr schmale Ende der Allee gekommen sind, so wollen wir nun auch wieder einen
mutigen Blick vorwärts tun und sehen, ob sich da kein Hindernis mehr vorfindet,
das uns nötigen dürfte, unsere gerade Linie beugen zu müssen. Bis jetzt
erschaue ich außer der uns schon nahe stehenden großen Ringmauer kein
Hindernis, daher können wir uns über diese noch übrige freie Ebene bis zur
Mauer schon ganz ungehindert bewegen. Wie es uns aber bei der Mauer ergehen
wird, das wird die Erfahrung selbst zeigen, daher nur mutig bis zur Mauer
hingeschritten!
32. Kapitel – Fortsetzung der
Sonnenwanderung. Die Palastanlage entspricht den Verhältnissen des menschlichen
Wesens.
[GS.02_032,01] Es möchte wohl noch eine
Strecke Weges von zwei Meilen sein oder achttausend Klaftern eures Feldmaßes.
Die Strecke ist eben, und man kann mit dem Auge über die Fläche hin nicht alles
ausfindig machen, was irgendeinem Hindernisse ähnlich sein könnte. Für unseren
gegenwärtigen Standpunkt ist außer einem Pyramidenkreise von kleiner Gattung
nichts zu entdecken. Die Pyramiden selbst aber stehen so weit voneinander ab
und stehen auch nicht auf unserer Linie, und so können wir sie auch nicht als
ein Hindernis ansehen; es müßte nur hinter den Pyramiden sich etwas vorfinden.
Ich aber sage kurz und gut, gehen wir nur darauf zu, und der Weg wird ja wohl
zeigen, was wir noch zu bekämpfen haben werden.
[GS.02_032,02] Wenn ich hier nicht euer Gast,
sondern ihr die meinigen wäret, da wären wir schon lange an Ort und Stelle;
aber ich muß hier eure Ungewißheit und Unschlüssigkeit leitend mit euch teilen.
Daher geht der Marsch auch ein wenig langsamer. Es schadet aber solches der
Sache gar nicht; denn wir wissen uns den etwas zögernden Weg – mit der Gnade
des Herrn – ja gar wohl zunutze zu machen.
[GS.02_032,03] Dazu ist es auch sehr angenehm
zu gehen auf diesem grünlich-blauen Samtboden, und so können wir uns die etwas
längere Marschdauer schon gefallen lassen. Auch rückt uns wenigstens gut die
Hälfte des merkwürdigen Hauptgebäudes im Mittelpunkte dieser Ringmauer stets
näher, und so haben auch unsere Augen fortwährend vollauf zu tun. Die
Pyramidenreihe hätten wir bereits erreicht, wie ihr merken könnet, und es zeigt
sich noch immer kein anderes Hindernis als die zufolge unserer Annäherung
beständig höher werdende Ringmauer. Diese selbst, wie es mir jetzt vorkommt,
ist durchaus nicht kontinuierlich, sondern besteht aus lauter Säulengalerien,
welche einen überaus prachtvollen Anblick zu gewähren anfangen.
[GS.02_032,04] O sehet nur hin, es sind ja
drei Säulengalerien übereinander; aber die Säulen sind bei allem dem dennoch
wenigstens dem jetzigen Anscheine nach ziemlich knapp aneinandergereiht. Also
nur hurtig darauf losgeschritten und den Mut nicht sinken gelassen! Bald werden
wir dieses großartig scheinende Hindernis meines Erachtens als gar kein
Hindernis mehr anzuschauen Ursache haben, denn, wie ich bemerke, werden bei
unserer Annäherung die Räume zwischen den Säulen merklicher und merklicher; und
sehet, vor den Säulen ist eine zusammenhängende Staffelei angebracht, über
welche man sicher von jeder Seite her wenigstens in die unterste Galerie
gelangen kann.
[GS.02_032,05] Ja, sehet nur hin, die Säulen
stehen recht weit auseinander, und wir können sicher zwischen ihnen in Reih und
Glied durchziehen. Ja, ja, meine lieben Freunde und Brüder, also ist es. Jede
gute Arbeit ist ihres Lohnes wert; wir sind mutig darauf losgeschritten, und da
wir das größte Hindernis zu finden glaubten, da finden wir gerade gar keines.
Wir haben diese endlos prachtvolle Staffelei erreicht, welche meinem Erkennen
nach aus lauter rotem durchsichtigem Golde angefertigt und dazu noch zwischen
einer jeden Säule bis zur andern hin mit einem mir bis jetzt auf diesem
Weltkörper noch nicht vorgekommenen Stoffe für die Fußwandler auf das
allerprachtvollst Zierliche überdeckt ist.
[GS.02_032,06] Zwölf Staffeln sind es nur;
diese werden wir gar leichtlich überschreiten. Also nur hinauf! Wir sind in der
Galerie. Da sehet einmal das Bodenpflaster dieser Galerie an; sieht es nicht
aus, als wäre es eine rundgestreckte, weit ausgedehnte, allerfeinst
geschliffene Diamantfläche in einer Breite von zehn Klaftern eures Maßes
genommen? Sehet es nur recht genau an, es ist nirgends etwas Zusammengefügtes
zu entdecken, also durchgehends kein Stückwerk, sondern ein vollkommen Ganzes.
Und betrachtet einmal die Säulen, die nach innen zu gewendet sind oder die
inwendige Reihe bilden. Eine jede ist umfaßt mit einer Wendeltreppe aus dem
allerherrlichsten Rubine. Die Treppe ist eingeländert mit den zierlichsten
Stäben aus weißem Golde, und über einem jeden der vielen Stäbe des Geländers
ist eine hellblau strahlende Kugel angebracht, welche ein wunderliebliches
Licht von sich wirft.
[GS.02_032,07] Ihr möchtet wohl wissen, wozu
diese Wendeltreppen, und das um jede Säule gleichförmig? Der erste Grund ist
offenbar, um auf die zweite Galerie zu gelangen; aber dazu brauchte ja nicht
eben eine jede Säule mit solch einer Wendeltreppe versehen zu sein.
[GS.02_032,08] Solches liegt in der Weisheit
dieser Menschen, derzufolge sie allenthalben in die Höhe gelangen können, ohne
daß eines das andere nur im geringsten beirren möchte; denn diese Säulen
stellen die Lehrer oder Führer dar. Wie aber kein Führer und Lehrer also
beschaffen sein soll, daß man durch sein Geleite nicht in die Höhe gelangen
möchte, also darf auch keine solche entsprechende Säule ohne eine in die Höhe
leitende Wendeltreppe sein.
[GS.02_032,09] Ihr saget hier gleichwohl und
fraget, warum denn nicht auch aus eben dem Grunde die äußere Säulenreihe
bestaffelt ist? Sehet, das liegt schon wieder im Grunde der Weisheit dieser
Menschen, demzufolge die äußere Säulenreihe wohl auch Lehrer darstellt; aber
Lehrer für naturmäßige Beschaffenheit, also Lehrer in äußeren Dingen. Diese
aber können mit ihrem Lehrfache niemanden erheben, daher sind auch diese
äußeren Säulen ohne Staffeln.
[GS.02_032,10] Ja ihr könnet hier betrachten,
was ihr wollt, so werdet ihr überall die vollkommenste und innigste
Entsprechung mit den äußern wie mit den innern Verhältnissen des Menschen
finden. Also ist uns der Weg von unserer letzten Allee ganz einförmig
vorgekommen. Es war nichts da als der schöne Boden und die etwas sparsame eben
nicht ansehnliche Pyramidenreihe, darauf die beglückende Erweiterung der von
uns früher als hinderlich vermeinten Ringmauer in geräumige Säulengalerien und
über derselben eine halbe Ansicht des Hauptgebäudes in der Mitte. Das war aber
auch alles, was uns auf der Reise über die freie Ebene vorkam.
[GS.02_032,11] Ihr meinet, hinter dieser
höchst einfachen Erscheinung dürfte doch nicht gar zu viel Bedeutendes in
entsprechender Hinsicht stecken. Ich aber sage euch: In eben dieser etwas
langweiligen Reise liegt etwas ganz außerordentlich Tiefes verborgen. Es ist
freilich wenig, was uns da begegnete; aber nach eurem Spruche, daß dem Weisen
das Wenige genüge und er in selbem gar Großes finde, ist auch dieses Wenige so
bestellt, daß es uns vollkommen genügen kann, wenn wir es nur mit einem einigermaßen
weisen Blicke betrachten. Damit ihr euch aber davon einen kleinen Begriff
machen könnet, so will ich euch vor der Hand nur einige ganz unbedeutende
Stupfer geben, nach denen ihr mit sehr leichter Mühe das Tiefere selbst finden
könnet.
[GS.02_032,12] Aus den drei Alleen, also aus
den drei Demütigungsgraden aus dem Leiblichen, Seelischen und Geistigen, sind
wir auf einmal in den freien Raum oder entsprechend in die innere Freiheit des
Geistes gelangt, und das mit den Mitteln, welche uns der Herr Selbst verordnet
hat. Und diese Mittel sind die äußere Weisheit der Lehre des Herrn, welche der
Mensch zuerst buchstäblich beobachten muß, bis er zum inneren geistig freien
Bewußtsein gelangt.
[GS.02_032,13] Herrlich ist der Boden, auf
dem man wandelt, überall frei und ohne Hindernis, und blau ist seine Farbe,
voll sanften Glanzes; also ist auch das freie Bewußtsein des Geistes, welches
sich in einer unwandelbaren Beständigkeit ausspricht. Aber in der Mitte des
freien Raumes sind Pyramiden angebracht. Das sind ja Grabmäler; was zeigen denn
diese an? Ihr möchtet wohl sagen: Vielleicht das gänzliche Absterben für die
Welt. Das, meine lieben Brüder und Freunde geschieht schon bei der Reise durch
die drei Alleen.
[GS.02_032,14] Diese Pyramiden aber zeigen
hier nur an – das Sichzurruhelegen der äußeren Weisheit, und daß man in dieser
Sphäre kein Hindernis mehr zu erwarten hat, entsprechend, daß man sich der
Möglichkeit enthoben hat, je mehr vor Gott sündigen zu können. Denn jeder
Geist, an dem nichts Äußeres mehr klebt, kann nicht mehr sündigen und ist aus
diesem Grunde erst rein.
[GS.02_032,15] Warum denn? Weil er vollkommen
eins mit dem Herrn geworden ist! Mehr brauche ich euch in dieser Hinsicht nicht
zu sagen; denn so jemand tut, was der Herr will und tut, der wird etwa dadurch
doch nicht sündigen.
[GS.02_032,16] Als wir ganz nahe noch dem
Austritte aus der letzten Allee waren, da kamen uns die herrlichen
Säulengalerien noch wie eine kontinuierliche, unübersteigliche Ringmauer vor;
also eine schauerliche Linie, über die zu gelangen sich beinahe gar keine
Aussicht darbot. Als wir über die Pyramidenreihe hinaus waren, da fing die
Mauer an, in getrennte Säulen sich aufzulösen, und nach sehr kurzer Reisefrist
ward uns das zu einer großartigen Herrlichkeit und zu gar keinem Hindernisse
mehr, was wir ehedem schon eine geraume Zeit hindurch am meisten befürchteten.
[GS.02_032,17] Was wohl stellt solches vor?
Betrachtet den Tod eures Leibes. Das ist doch sicher für jeden noch äußerlich
lebenden Menschen der am meisten gefürchtete Moment, also ein überaus
allerstärkstes Lebensbahn-Hindernis. Das ist es auch sicher für jedermann,
solange er die Pyramidenreihe nicht hinter dem Rücken hat.
[GS.02_032,18] Hat aber jemand bei der
Ablegung alles äußeren Weisheitsscheines in seinem Geiste vollkommen den Herrn
angezogen, dann wird dieses gefürchtete Hindernis ein überaus herrlicher
Prachtanblick werden, und ein jeder wird da sicher den heißesten Wunsch tragen,
sobald als möglich über die zwölf Staffeln in die untere Galerie zu gelangen.
[GS.02_032,19] Woher rühren denn die zwölf
Staffeln? Diese stellen sinnbildlich die zehn Gebote Mosis und dann noch dazu
die zwei Gebote der Liebe aus dem Munde des Herrn dar; so wie die drei
übereinanderstehenden Galerien darstellen: Naturmäßiges im Geistigen, Geistiges
im Geistigen, und Himmlisches im Geistigen. Ich meine nun, aus diesem Stößchen
dürftet ihr die Erscheinungen auf dem Marsche über den freien Platz nun so
ziemlich begreifen bis auf die halbe Ansicht des Mittelgebäudes, welches die
Gnade des Herrn bezeichnet und vor der Hand allein sichtbar ist, bis jenseits
der Galerien auch der Hauptgrund sichtbar wird, welcher die Liebe des Herrn ist
oder der Herr Selbst in Seiner Persönlichkeit. Da wir solches wissen, so ziehen
wir wieder weiter. –
33. Kapitel – Der Sonnenpalast. Ungeheure
Prachtentfaltung mit Lichtwundern.
[GS.02_033,01] Wird es wohl schwer sein, von
hier weiterzuziehen, und müssen wir von hier aus auch noch die gerade Linie
beobachten? Gehen wir nur hinaus in den freien überaus geräumigen Raum, welcher
sich zwischen dieser weiten Rundgalerie und zwischen dem Hauptmittelgebäude
vorfindet, und wir werden da bald sehen, was zu machen sein wird.
[GS.02_033,02] Sehet nur einmal zwischen den
zwei vor uns stehenden mit Wendeltreppen versehenen inneren Säulen hinaus und
saget mir, was ihr erblicket.
[GS.02_033,03] Ihr saget: Lieber Freund und
Bruder, für diesen Anblick finden wir keine Worte, um zu beschreiben, was alles
sich da dem armseligen Auge in der allerwunderbarsten Art darstellt! Eine
Fläche voll wogenden Glanzes sehen unsere Blicke, und aus einer jeden Woge
sprühen Millionen Strahlen über Strahlen, ein jeder von einer anderen Farbe;
und die Strahlen ergreifen sich gegenseitig und bilden vorübergehende Formen.
Die Formen gehen hier und da ineinander über und bilden eine neue Form.
[GS.02_033,04] Dort, weiter gegen das
Hauptmittelgebäude zu, sehen wir diese Strahlenwogen sich in den buntesten
Kreisen drehen, und die Kreise erheben sich oft kegelförmig über den Boden.
Diese Kegel schimmern in einem wechselnden Lichte, dessen zauberhaft schönster
Reiz mit keinem Worte zu beschreiben ist. Und endlich erblicken wir über diese
Lichtkreise hin die unterste Säulenreihe des großen Mittelpalastes.
[GS.02_033,05] Die Säulen scheinen aufwärts
wirbelnde Flammen von hellroter Farbe zu sein, und hinter diesen merkwürdigen
Säulen strahlt eine lichtblaue Wand hervor, welche zwischen den Säulen mit
Eingangspforten versehen ist, aus denen ein wunderherrliches grünlich-weißes
Licht strahlt. – Das ist alles, was wir bis jetzt ausnehmen können.
[GS.02_033,06] Wenn wir auf die wogende
Beweglichkeit dieser Fläche hinblicken, so kommt es uns vor, als wenn der Boden
irgendein Gewässer wäre, über welches dann festen Fußes nicht darüberzukommen
sein dürfte. Nur auf das einzige können wir einen diese Sache widerlegenden
Rückblick tun, daß wir in der letzten Alleeverzierung ebenfalls eine solche
wogende Fläche angetroffen haben, welche darum nichts weniger als flüssig war,
und so kann es wohl sein, daß dieses Lichtwogen dieser Fläche vor uns ebenfalls
nur eine Augentäuschung ist.
[GS.02_033,07] Ja, meine lieben Freunde und
Brüder, also verhält es sich auch mit dieser Sache. Alles, was ihr hier als
beweglich erschauet, ist nur ein Spiel des Lichtes, welches auf den
Zentralsonnenkörpern besonders stark zu Hause ist, und das um so stärker auf
irgendeinem Punkte, je mehr sich dieser dem großen Äquator solch einer
Zentralsonne nähert. Daher gibt es hier ein Material, welches an und für sich
überaus fest ist, und eine große Politur annimmt, viel stärker als der feinste
Diamant bei euch. Wenn so eine große Fläche dann gehörig geglättet ist, da
nimmt sie auch um so begieriger die mächtigen Lichtstrahlen aus dem einen
solchen Sonnenkörper umgebenden Lichtäther auf und wirft dann nach der
Übersättigung eben diese Strahlen wieder zurück. Und so entsteht aus dem Ein-
und Gegenstrahlen solch eine wogende Wirkung, in der Nähe als sich zu allerlei
Lichtformen bildende, durcheinanderbewegende Wogen, in der Entfernung aber zu
Kreisen. Warum denn? Weil in der Ferne alle Bewegungen wie auch alle Formen
sich fortwährend mehr und mehr abrunden, was ihr schon auf eurem Erdkörper aus
verschiedenen Erscheinungen entnehmen könnet.
[GS.02_033,08] Gehet ihr z.B. auf eine
bedeutende Höhe und sehet euch den weiten Horizont an, der an und für sich sehr
uneben ist, so werdet ihr ihn aber dennoch ganz gerundet erblicken; die Ursache
liegt darin, weil die kleinen Unebenheiten gegen den ganzen weiten
Horizontkreis so gut als gänzlich verschwinden.
[GS.02_033,09] Beschauet ihr eine mehrkantige
Säule von einer gewissen Entfernung, und sie wird euch nicht kantig, sondern
rund erscheinen.
[GS.02_033,10] Gehet ferner an einen breiten
Strom und betrachtet das Fortfließen des Wassers vom nächsten Ufer angefangen
bis zum entgegengesetzten hin, da wird sich diese Erscheinung am meisten
bestätigen. Am nächsten Ufer werdet ihr das Stromwasser bunt
durcheinanderwogend erblicken, aber am entgegengesetzten Ufer werdet ihr bei
einer etwas längeren Betrachtung lauter ineinander verschlungene Kreise
erblicken, in denen sich die Fluten des Stromes wie langsam fortzuwirbeln
scheinen.
[GS.02_033,11] Wie uneben die Weltkörper auf
ihrer Oberfläche sind, das kann euch eure Erde zur Genüge zeigen; aber von
großen Entfernungen betrachtet werden sie zu einem vollkommen runden Kreise,
d.h. wenn schon nicht ganz vollkommen zirkelrund, so aber doch an der außen
erscheinenden Randlinie als vollkommen eben.
[GS.02_033,12] Es ließen sich noch eine Menge
solcher Beispiele anführen; allein ich meine, daß diese genügen, um die vor uns
liegende so ziemlich stark ins Wunderbare gehende Erscheinung zu begreifen,
d.h. als Erscheinlichkeit selbst, ohne innere geistig entsprechende Bedeutung,
auf welche wir erst bei der passenden Gelegenheit kommen werden.
[GS.02_033,13] Wir brauchen vor der Hand
nichts anderes zu wissen, als daß der vor uns ausgebreitete Boden vollkommen
fest ist, und wir können uns dann sogleich schnurgerade auf demselben
fortzubewegen anfangen; und so denn treten wir nur wohlgemut hinaus!
[GS.02_033,14] Wir sind heraus aus der
Galerie auf dem Boden und sehet, er ist fest, und wo wir stehen, ist das
Wogenspiel des Lichtes nicht zu erschauen. So können wir uns nun schon gegen
das Hauptgebäude hin bewegen. Werfet aber einen Blick auf das Gebäude hin,
welches nun schon in seiner ganzen enthüllten Pracht vor uns steht.
[GS.02_033,15] Was sagt ihr zu diesem Werke?
Ihr saget, was ich eigentlich auch sage: Da hört das Reden auf, und man wird
stumm vor dem zu großartig erhabensten Anblicke! Wenn man sich so einen ins
Unendliche veredelten und verherrlichten babylonischen Turm vorstellen würde,
so hätte man ungefähr wohl noch das beste Bild davon; nur müßte man die
schneckenartig aufwärtsführenden Gänge des babylonischen Turmes hinwegnehmen
und denselben in zehn Stockwerke einteilen, von denen ein jedes einen etwas
engeren Kreis beschreibt. Das wäre aber nur eine nackte Form ohne Licht; hier
jedoch ist die großartigste und edelste Form übergossen mit einer
unbeschreiblichen Pracht und Glorie des Lichtes. Um wieviel steht sonach die
gedachte Form dieser unbeschreiblichen, alle Begriffe übersteigenden
Herrlichkeit nach.
[GS.02_033,16] Gehen wir aber nur näher; es
wird sich die Sache immer mehr und mehr entwickeln in ihrer unendlichen Pracht.
Ihr sehet die untere Reihe von hier so, als bestünde sie aus einzelnen großen
Säulen, von denen eine jede eine Höhe von dreißig Klaftern hat. Die Höhe möget
ihr wohl richtig beurteilt haben; aber die Säule an und für sich nicht. Wenn
ihr genau hinsehet, da werdet ihr eine jede Säule also erblicken, als wäre sie
mit Rundstäben belegt. Doch wir sind jetzt schon näher, und es läßt sich nun
recht gut ausnehmen, daß eine solche Säule, die sich aus einiger Entfernung als
nur eine Säule ausnimmt, in dieser Nähe ein ganzer Kreis von Säulen ist, was
wir früher als einzelne Stäbe an einer großen Säule erschauten.
[GS.02_033,17] Und nun sehet, wir sind
glücklicherweise schon an die große Staffel des Zentralgebäudes gekommen und
erblicken, daß eine jede solche Hauptsäule aus dreißig in einem Kreise
herumgestellten Säulen besteht, von denen eine jede von der andern noch so weit
entfernt absteht, daß wir ganz bequem in solch ein Säulen-Rondell hineintreten
und uns darin überzeugen können, daß es noch hinreichend Raum hat zur Aufnahme
von tausend Menschen.
[GS.02_033,18] Aber zugleich betrachtet diese
herrliche Einrichtung; längs des Kreises dieser Säulen windet sich im
inwendigen Raume eine überaus prachtvolle Treppe in sanfter Steigung und mit
den allerprachtvollsten Geländern versehen hinauf in das nächste Stockwerk. Und
sehet, eine jede Säule oder vielmehr ein jeder Säulenkreis, den wir von hier
erblicken, hat eine gleiche Einrichtung.
[GS.02_033,19] Der Boden solch eines
Säulenkreises ist hellgrün und die Galerien, welche die aufsteigende Treppe
einfassen, sehen aus wie flammendes Gold; und da sehet hinaus, der Boden dieser
ersten großen, ebenerdigen Galerie ist von der Farbe eines allerschönsten
Amethystes, in welchen allerlei Diamantzierat wie ein Mosaik eingearbeitet ist.
Was saget ihr zu dieser wahrhaft unerhörten Pracht?
[GS.02_033,20] Ich sehe, daß es euch hier
abermals so geht wie mir, man findet für die Buchstabensprache keine Worte.
Gehen wir aber nun eine solche Treppe aufwärts und beschauen das zweite
Stockwerk; allda erst werden wir Dinge zu Gesichte bekommen, die alles bisher
Geschaute in den Schatten stellen werden. – Und so denn folget mir auf der
Treppe.
34. Kapitel – Einzelheiten des Palastes und
deren Entsprechung.
[GS.02_034,01] Sehet, da sind wir schon in
der Galerie des ersten Stockwerkes. Ihr sehet wieder Säulenrondells statt
einzelner großer Säulen aufgestellt, und in der Mitte dieser Säulenrondells
seht ihr hier wie Altäre aufgerichtet, welche demjenigen Altare eben nicht
unähnlich sind, den wir auf der Wanderung hierher in der Allee zuerst
angetroffen haben. Die innere Rundung des Säulenkreises ist abermals, wie ihr
sehet, allenthalben mit einer unaussprechlich prachtvollen Treppe versehen.
[GS.02_034,02] Wozu denn aber diese Altäre in
der Mitte dieses Säulenrondells? Einesteils dienen sie zur offenen Zierde eines
solchen Säulenrondells, andernteils aber bezeichnen sie den ersten Grad der
Erkenntnis Gottes, während die Säulenrondells zu ebener Erde ganz leer sind und
das Menschliche im gänzlichen Naturzustande bezeichnen.
[GS.02_034,03] Aber besehet die Pracht dieser
Säulen; die sind nicht mehr glatt, sondern gewunden. In der Höhlung der Windung
ist eine Verzierung von herrlichstem Laubwerke, und der Bauch der Windung ist
besetzt mit den wunderherrlichsten, selbstleuchtenden Edelsteinen, welche wie
Halbkugeln hineingefügt sind. Die Farbe der Säulen ist bläulich-grün, das
Laubwerk ist wie flammendes Gold, der Boden des Rondells ist wie ein überaus
stark funkelnder Rubin, und die Treppe ist hier von weiß flammendem Silber
angefertigt.
[GS.02_034,04] Sehet aber den Boden der
Galerie. Dieser ist aus lauter allerfeinstem Hyazinthe, das prachtvolle
Geländer nach außen hinaus von Porphyr, und die innere Wand des Hauptgebäudes
besteht aus Onyx, welcher ist ein gar herrlicher Edelstein. Das bogenartige
Gewölbe zwischen den Säulen und der kontinuierlichen Wand aber besteht aus dem
allerschönsten Opal, in welchem allerlei farbige, selbstleuchtende Steine in
wunderbarer Ordnung eingelegt sind.
[GS.02_034,05] Und da sehet hin, zwischen
einem jeden Säulenrondell ist in der festen Wand des Hauptgebäudes ein hohes
und breites Tor angebracht. Dieses Tor hat, wie ihr bemerken könnet, zwei
Flügel, welche an einer in der Mitte des Tores angebrachten viereckigen Säule
eingehängt sind und sich somit nicht in der Mitte, sondern zu beiden Seiten
öffnen. Die viereckige Säule ist ein flammendes Diamantstück, und die Torflügel
bestehen aus flammendem Golde, welches noch herrlicher ist als das
durchsichtige; dergleichen freilich wohl auf der Erde nicht vorkommt.
[GS.02_034,06] Ein durchsichtiges Gold könnte
auf der Erde wohl erzeugt werden; wie aber? Durch Verglasung; denn ihr wisset,
daß alle Metalle, wenn sie den höchsten Hitzegrad ausgestanden haben,
gewisserart in eben diesem Hitzegrad verbrennen. Nach dem Verbrennen bleibt
aber nichts als wie eine Art Schlacke übrig. Wenn nun diese Schlacke wieder
zermalmt wird und gemengt mit einem dieselbe auflösenden Salze, so kommt sie in
Fluß, und wenn sie dann abgekühlt wird, so ist diese durch das Salz und
natürlicherweise durch große Hitze flüssig gewordene Masse zum durchsichtigen
Glase geworden. Wenn also aus der freilich auf dem Erdkörper sehr teuer zu
stehen kommenden Goldschlacke auf oben gezeigte Weise ein Glas verfertiget
würde, so würde solch ein Glas von gelb-rötlicher Farbe das allerfeinste
durchsichtige Gold geben.
[GS.02_034,07] Aber ein flammendes Gold auf
der Erde darzustellen, wäre wohl die reinste Unmöglichkeit. Nicht einmal auf
den Planetarsonnen geht solches an, sondern allein nur auf den Zentralsonnen,
wo das Licht in für euch unmeßbarster Intensität zu Hause ist. Allda ist
demnach jeder durchsichtige Körper der beständigen Durchflammung fähig, weil er
das in sich aufgenommene Licht zufolge des ihn umgebenden Lichtes nimmer
verzehren kann. Und so geschieht durch solch einen beständigen Konflikt
zwischen Licht und Licht ein solches Flammen, welches den Anschein hat, als wäre
die Materie im fortwährend brennenden Zustande. Rührt man aber solch eine
Materie an, so ist sie vollkommen fest und nicht im geringsten irgend erhitzt,
sondern gerade im Gegenteile, je flammender etwas ist, desto kühler ist es.
[GS.02_034,08] Es steht eben darum in einer
nicht geringen Entsprechung mit denjenigen Menschen auf eurer Erde, die nach
außen hin sehr feurig sind und über alles eifern; rührt man aber ihr Herz an,
so erstaunt man über die Kälte desselben! So könnet ihr Menschen antreffen, die
sich für die Unterstützung der Armen aus lauter Feuereifer die Zunge wund reden
können; wenn ihnen aber heimlich ein Armer begegnet, da sind sie kälter als das
tausendjährige Eis eines Gletschers, welches der gewöhnliche Sonnenstrahl nicht
zu schmelzen vermag, wohl aber hie und da in kleinen Portionen ein
wohlgenährter Blitz.
[GS.02_034,09] Also sieht es auch zu
allermeist mit den berühmten Kanzelpredigern aus. Sie zünden mit ihrem
übermäßigen Feuer eine Hölle an, in welcher es kein auch dem allermächtigsten Feuer
verwandtes Wesen nur eine Sekunde lang aushalten könnte; fraget ihr sie
hernach, was ihr Herz zu einem so außerordentlich hohen höllischen Hitzegrade
sagt, so wird euch die Antwort werden: Ich befinde mich recht wohl dabei. Ein
guter Braten und ein nicht zu kleines Glas Wein auf so eine hitzige Predigt
bringt bei ihm alles wieder ins Gleichgewicht.
[GS.02_034,10] Das wäre demnach eine
Entsprechung unseres flammenden Goldes; aber diese ist eben nicht die
empfehlenswerte. Es gibt jedoch auch eine anempfehlenswerte, d.i. eine geistig
gute, und diese lautet also:
[GS.02_034,11] Menschen, die voll Liebe sind
in ihrem Herzen, gegen diese ist auch die Liebe des Herrn mächtig wirkend.
Dadurch geschieht ein Konflikt zwischen Liebe und Liebe, und diese Liebe wirkt
dann wohltätig nach außen. Sie erleuchtet und erwärmt, was sie umgibt; aber in
sich selbst bleibt sie kühl. Warum denn? Weil sie keine Eigenliebe ist. Solches
bezeigt auch das flammende Gold. – Nun wüßten wir diese Entsprechung; und so
können wir die Torflügel schon ein wenig in Augenschein nehmen.
[GS.02_034,12] Da seht nur her, welche
Erhabenheiten plastisch in diese Torflügel eingearbeitet sind! Sieht die Sache
nicht beinahe aus wie eine Bilderschrift, welche aus der Mitte der Masse, aus
welcher die Flügel angefertigt sind, in den wunderbarsten Farben durchstrahlet?
Und da sehet durch eine glatte Fläche des Torflügels in das Innere des
Gebäudes! Ihr fahret zurück; was alles habt ihr denn gesehen? Ich lese es schon
an euren Gesichtern; ihr habt Menschen entdeckt, und das von nie geahnter
Schönheit! – Ja, ja, so ist es.
[GS.02_034,13] Diesen Menschen dürfen wir uns
für jetzt noch nicht nahen, wir müssen zuvor von der stets steigenden Pracht
dieses Gebäudes gehörig abgestumpft werden, sonst könnten wir samt und sämtlich
einen kleinen Schaden an unserer geistigen Gesundheit erleiden. Denn so
vollkommen ist nie ein Geist selbst des höchsten Himmels, daß er
unvorbereitetermaßen alle Schönheit der Schöpfung des Herrn anschauen könnte,
ohne dabei eine zeitweise Beschädigung zu überkommen.
[GS.02_034,14] Damit wir aber hier nicht zu
sehr angefochten werden, so begeben wir uns nur ganz hurtig in ein solches
Säulenrondell und über die Treppe in das zweite Stockwerk, oder nach der Zahl
der Galerie gewisserart in das dritte, allda uns wieder ganz andere Dinge
erwarten.
[GS.02_034,15] Ich merke zwar noch einen
zweifelhaften Punkt in euch, und dieser besteht wieder in einem euch
unverständlichen Zahlenverhältnisse, und zwar darin, daß wir alle aus der
Entfernung her dieses ganze Hauptgebäude aus zwölf Stockwerken bestehend
erschauten, in dieser Nähe aber nur aus zehn. – Lassen wir die Sachen nur gut
sein, wenn wir uns im zehnten Stockwerke befinden werden, so wird sich die
Sache schon aufklären. Für jetzt aber gehen wir nur in unser zweites Stockwerk
oder in die dritte Galerie.
35. Kapitel – Geistiges Fortschreiten durch
Palasteinrichtungen dargestellt.
[GS.02_035,01] Sehet, es kommt nur auf eine
Vorübung an, und man steigt dann in einer höheren Sphäre mit eben der Leichtigkeit
in eine noch höhere, als man vorher von einer unteren Sphäre in eine nach ihr
folgende höhere gestiegen ist.
[GS.02_035,02] Ihr saget freilich, daß es auf
der Erde nicht eben ganz vollkommen derselbe Fall ist; denn je höher man dort
steigt, desto schwerer werden einem auch die Füße, und so braucht jeder nächste
Tritt eine etwas stärkere Anstrengung als der vorhergehende. Das ist richtig;
aber ihr müsset dabei bedenken, daß so ihr irgend natürlichermaßen in die Höhe
steigen wollet, ihr da in einem Zuge fortgehet und machet nicht
verhältnismäßige Raststationen zwischen einem und dem andern Höhepunkte.
Dadurch aber müsset ihr dann ja notwendigerweise ermüdet werden. Teilet ihr
aber eine zu besteigende Höhe ab, und zwar in solche Rastabsätze, wo ihr von einem
bis zum andern nicht müde werden könnet, da werdet ihr nach einer zweckmäßigen
Rast jeden folgenden Absatz mit gleicher Kraft und Müdlosigkeit besteigen
können.
[GS.02_035,03] Daß aber solches richtig ist,
könnet ihr sehr leicht aus eurem täglichen Leben ersehen. Ihr gehet da doch
häufig hin und her und werdet dabei nicht müde. Warum denn nicht? Weil ihr
inzwischen wieder gehörig ausruhet. Zählet aber eure Schritte zusammen, die ihr
in einem Tage hindurch machet, so werden es so viele sein, daß ihr mit
denselben in einer geraden Linie leichtlich eine Strecke von zehn Stunden
Feldweges zurücklegen würdet. Machet ihr nun aber einen Weg von zehn Stunden,
so werdet ihr bis zum Niedersinken müde werden.
[GS.02_035,04] Sehet, also ist meine Annahme
und Erklärung richtig; so jemand im Wege und im Emporsteigen desselben nicht
müde werden will, da mache er Absätze mit gehöriger Rast, und er wird am Ende
bei einer zurückgelegten Reisestrecke von zehn Stunden, ob eben oder aufwärts,
noch dieselbe Kraft in seinen Füßen haben, wie er sie gehabt hat beim ersten
Schritte, und bei einer weiter fortgesetzten Reise wird er statt müder nur
stärker werden.
[GS.02_035,05] Auf dieselbe Weise aber
verhält es sich auch mit dem geistigen Fortschreiten, wie auch mit demjenigen,
welches halb geistig und halb materiell ist. Nehmet ihr z.B. jemanden an, der
auf irgendeinem musikalischen Instrumente ein Virtuose werden wollte; was wird
aus ihm wohl werden, wenn er sein Instrument den ganzen Tag und so auch noch
dazu etwa die halbe Nacht nicht aus der Hand legt und dazwischen einige Stunden
ruht? Ich sage euch: Nicht acht Tage wird er solch eine Übung aushalten. Warum
denn nicht? Weil eine jede Bewegung sowohl des Leibes wie des Geistes eine viel
größere Anstrengung der Lebenskräfte fordert als der Zustand der Ruhe.
[GS.02_035,06] Die Anstrengung der
Lebenskräfte aber ist eine Verzehrung derselben, durch welche sie nicht
gestärkt, sondern natürlicherweise nur geschwächt werden müssen. Der Mensch
aber ist also eingerichtet, daß sich im Zustande der Ruhe seine verzehrten
Kräfte durch das beständige Einfließen des Herrn aus den Himmeln wieder
ersetzen. Und wenn so durch den öfteren zweckmäßigen Gebrauch die Lebenskräfte
zu öfteren Malen in Anspruch genommen werden, da werden eben durch diesen
Gebrauch die Gefäße zu fernerer Aufnahme der Lebenskraft nach und nach stets
mehr erweitert und gestärkt. Dadurch muß dann der Mensch bei einer stufenmäßig
geordneten Lebensweise an Kraft und Stärke notwendig zunehmen, weil er als ein
Gefäß auf diese Art und Weise stets mehr Lebenskraft in sich aufnehmen kann.
[GS.02_035,07] Sonach wird ein Wanderer durch
den zweckmäßigen Gebrauch der Kraft seiner Füße von Tag zu Tag stärker. Der auf
einem musikalischen Instrumente sich zweckmäßig Übende wird tüchtiger und
tüchtiger, und der im Geiste Fortschreitende wird ebenfalls von Periode zu
Periode fähiger und fähiger werden, ohne wahnsinnige Ermüdung des Geistes sich
in die größten Höhen und Tiefen der Weisheit emporzuschwingen.
[GS.02_035,08] Wollte aber jemand von heute
bis morgen schon das erreichen, was ein geordnet Fortschreitender im Verlaufe
von mehreren Jahren erreicht hat, so wird er ein Narr; denn er wird über das
Maß des geordneten Zufließens seine geistige Lebenskraft verzehren und dann im
Geiste zum Hinfallen schwach und ohnmächtig werden.
[GS.02_035,09] Die hungrigen Gefäße für
Lebenskraft werden dann gleich einem Polypen alles aufzusaugen anfangen, was
ihnen nur unterkommt, Unflat und Gold, Licht und Finsternis; also alles
durcheinander. Diese ungleichartigen Substanzen aber werden dann in den Gefäßen
zu gären anfangen, der Geist solcher Gärung wird bald die schwachen Gefäße
zerreißen, und der Zustand, wo ihr saget: Bei dem ist das Radel laufend
geworden, wird fertig sein.
[GS.02_035,10] Aus dem aber werdet ihr meines
Erachtens nun schon ganz klar entnehmen können, daß ein jedes zweckmäßige
Fortschreiten oder Aufsteigen in zweckmäßige Rastabsätze eingeteilt sein muß;
und man wird dann mit der größten Leichtigkeit von der Welt jedes gute Ziel
erreichen können.
[GS.02_035,11] Wer da ein großes Faß neuen
Mostes hat und zieht ihn fortwährend von einem Fasse ins andere ab, um ihn
dadurch etwa zu klären und stärker zu machen, der wird sich bei einem
hundertmaligen Abziehen sicher überaus getäuscht finden. Dadurch wird der Most
nicht nur allein nicht klar und stark werden, sondern, da in einem jeden Fasse
etwas zurückbleibt, so wird er am Ende durch lauter Hin- und Herziehen den Most
auch zum größten Teile einbüßen. Läßt er aber den Most im Fasse in der
gehörigen Ruhe, so wird dieser tätig werden, alle Unreinigkeit von selbst
hinausarbeiten, dadurch sich stets mehr und mehr klären und eben dadurch auch
stets mehr und mehr sättigen mit der geistigen Kraft.
[GS.02_035,12] Hat er einmal die erste Stufe
der Klarheit erreicht, dann wird es recht sein, ihn in ein anderes reines Faß
abzuziehen, allda keine unlauteren Treber mehr auf dem Grunde liegen, welche
die geistige Kraft des Weines schwächen; sondern er wird nun auf reinerem
Grunde mit sich selbst, also mit seiner eigenen Kraft zu tun bekommen und sich
durch diese eigene Kraftübung stets mehr und mehr stärken und kräftigen.
[GS.02_035,13] Gerade also ist es auch mit
dem Menschen; von Stufe zu Stufe muß er steigen und von Stockwerk zu Stockwerk.
So kommt er höher und höher in der Sphäre seines Lebens und aller Erkenntnisse
desselben. Und so sind wir nun auch in unser zweites Stockwerk gelangt ohne die
geringste Ermüdung und können uns nun hier in diesen herrlichen Galerien, wie
ihr zu sagen pflegt, recht breitmachen und alle diese großen Herrlichkeiten
betrachten.
[GS.02_035,14] Was die Bauart betrifft, so
gleicht sie vollkommen der der ersten zwei von uns schon gesehenen und
betretenen Galerien, nur sind die das nächste Stockwerk tragenden mächtigen
Säulenrondelle etwas tiefer zurückgesetzt als die der vorigen Galerien.
[GS.02_035,15] Das Unterschiedliche zwischen
dieser und der vorigen Galerie liegt zuerst in der ganz andern Färbung des
Baumaterials ganz besonders aber in dem, daß in der Mitte dieser Säulenrondells
statt eines Altares eine Art großer Gartenvase von der prachtvollsten und
zierlichsten Arbeit sich befindet, aus welcher ein natürliches kleines Bäumchen
wächst.
[GS.02_035,16] Ihr werdet etwa meinen, die
Wurzeln dieses Baumes werden mit der Zeit die Vase auseinandertreiben. Des seid
ohne Sorge. Die Weisheit dieser Menschen hat dagegen schon gehörig vorgesorgt;
denn wird das Bäumchen mit der Zeit stärker und stärker, so wird es dann
behutsam herausgenommen und versetzt in ein mächtiges Geschirr, das wir erst im
nächsten Stockwerke antreffen werden. Dafür aber wird in die Vase dieses
Stockwerkes wieder ein frischer Same gelegt, aus welchem ein neues ähnliches
edles Bäumchen erwächst.
[GS.02_035,17] Hat denn auch diese
gärtnerische Operation irgendeinen geistigen Grund? Allerdings, meine lieben
Freunde und Brüder! Im ersten Stockwerke haben wir nur einen Altar in der Mitte
gesehen. Dieser bezeichnete die erste gewisserart bloß nur buchstäbliche
Erkenntnis Gottes; also ein Samenkorn, welches erst ins Erdreich kommen muß, um
aus demselben zu einem Baume zu erwachsen, unter dessen Ästen dann die Vögel
des Himmels Wohnung nehmen können.
[GS.02_035,18] Und sehet, hier ist dieses im
ersten Stocke noch ledige Samenkorn schon in die Erde gelegt und aus derselben
erwachsen zu einem kleinen Bäumchen. Es bezeichnet den Zustand des Menschen,
wie er ein moralisches Wesen wird, sobald er von Gott eine Erkenntnis in sich
aufgenommen hat und dann auch schon zur künftigen Fruchttragung geeignet ist,
wie zur Wohnung der Vögel des Himmels. Und so werdet ihr im Verhältnis auch
alles andere in diesem zweiten Stockwerke finden.
[GS.02_035,19] Der Boden der Galerie sieht
aus wie ein weißglühend Erz, die Säulen sind rötlich-grün, der Boden der
Säulenrondells, auf dem die Vase steht, ist weiß wie eine Sonne. Die Vase
selbst ist aus einem Stücke Rubin geformt und ruht auf einem dreifüßigen
Gestelle, welches aus flammendem Golde verfertigt ist, und das Erdreich in der
Vase sieht aus wie Smaragdsamt. Die Treppe um die Säulen ist hier aus einem
hellblauen Material angefertigt und mit grünem, mächtig stark schimmerndem
Laubwerke verziert. Die Wand des Hauptgebäudes ist rosenrot, die Tore in das
Innere sind aus Smaragd, die Mittelsäule, an der die beiden Flügel hängen, ist
aus durchsichtigem Golde, und der Plafond in dieser Galerie samt seiner
herrlichen Verzierung ist lichtgrün und glänzt mächtiger als die Sonne durch
ein lichtgrünes Glas beschauet.
[GS.02_035,20] Nun aber begeben wir uns auch
hier zu einer Türe hin und wollen durch ihr leicht durchsichtiges Material
einen Blick ins Innere tun. Wir sind dabei; also sehet hinein! Was sehe ich?
Ihr sinket ja völlig ohnmächtig zusammen, was hat euch denn da gar so
erschüttert? Ich weiß schon, die in diesem Stockwerke noch viel schöneren
Menschengestalten.
[GS.02_035,21] Ja, ich sage euch, die
bildliche Schönheit dieser Menschen ist so groß, daß ihr auf eurer Erde nicht
imstande wäret, eine solche Schönheit anzuschauen ohne das Leben plötzlich zu
verlieren. Ich sage euch aber noch mehr: Der Glanz dieser Schönheit würde
buchstäblich sogar eure ganze Erde in wenig Augenblicken völlig auflösen. Daher
aber verlassen wir auch wieder diese Galerie und steigen somit ins dritte
Stockwerk oder auf die vierte Galerie.
36. Kapitel – III. Stockwerk. Charakter der
Verstandesbildung in entsprechenden Formen und Farben.
[GS.02_036,01] Wir hätten auch diese vierte
Galerie oder das dritte Stockwerk erreicht. Daß hier nun alles noch ums
Vielfache herrlicher und verklärter ist als in den vorigen Stockwerken, braucht
kaum besonders erwähnt zu werden.
[GS.02_036,02] Ein Blick in diese in tausend
glänzendsten Farben flammend strahlenden Galerien zeigt uns mit mehr als
sprechender Klarheit, von welch unaussprechlicher Schönheit diese vierte
Galerie ist; aber das sonderbare Gefäß im Säulenrondell verdient eine nähere
Beachtung. Beschauet es genau, und zwar von allen Seiten, und ihr werdet am
Ende sagen müssen: Fürwahr, das sieht eher einem Schiffe als irgendeinem
Gartengefäße ähnlich. Und dennoch ist dieses schiffartige Gefäß gefüllt mit
rötlich-blau schimmernder Erde, aus welcher in der Mitte des Gefäßes ein ganz
tüchtiger Baum emporgewachsen ist, dessen Stamm von blendend weißer Farbe ist
und glatt wie poliertes Silber. Die Äste und Blätter auf demselben aber
gleichen so ziemlich den Ästen und Blättern eines Feigenbaumes auf der Erde,
nur sind die Äste glänzend rot wie Korallen im Grunde des Meeres, und die
Blätter sind blau-grün, an den Rändern mit kleinen wie Gold glänzenden
Streifchen verbrämt, und über den Blättern zeigen sich im Ernste schon Knospen,
darunter einige völlig zum Aufbrechen zeitig.
[GS.02_036,03] Das schiffartige Gefäß aber
scheint aus hellrotem Golde zu sein und ist am Rande gar überaus zierlich mit
einem verhältnismäßig festen, von durchsichtigem Golde angefertigten Geländer
umfaßt, aus welchem kleine nach innen zu gebogene Röhren auslaufen und, wie es
sich zeigt, fortwährend das Erdreich im Gefäße mit Wasser tropfenweise
befeuchten. Das Wasser hat einen Wohlgeruch wie das allerfeinste Nardusöl. Der
Boden des Säulenrondells scheint aus einer ähnlichen Masse verfertigt zu sein
wie der große Hofraum zwischen der dreifachen Ringgalerie und diesem
Hauptzentralgebäude; denn man kann hinsehen, wie man mag und will, so wellet
und woget es immer auf seiner Oberfläche, und dennoch wissen wir, daß er sicher
fest ist.
[GS.02_036,04] Merkwürdig sind dazu noch die
einzelnen Säulen dieses Rondells. Ihre Farbe ist lichtgrau, aber durchsichtig,
und in der Mitte einer jeden Säule scheint es lichtrot in gewundenen Röhren
auf- und abzusteigen, wie eine rote durchsichtige Flüssigkeit, was der Säule
ein sonderbares, merkwürdig erhabenes Aussehen gibt. Noch merkwürdig ist dabei,
daß all die anderen Säulenrondells und ihre Säulen auf eine ganz haargleiche
Weise in allem gestellt sind. In ihrer Mitte ist überall ein solches
Schiffgefäß mit einem Baume, und überall entdecken wir in der Mitte der Säulen
gewundene Röhren, in welchen gleichmäßige rote Flüssigkeit auf- und absteigt.
Also sind auch die Rundtreppen innerhalb eines solchen Säulenrondells hier
scheinbar etwas steiler gehalten wie in den früheren und scheinen aus einer
Masse zu sein, welche unserem dunkelgrünen Glase gleicht, nur daß das Glas der
Erde kein Eigenlicht hat und somit auch nicht mit einer so lebendigen Farbe
förmlich in sich selbst zu glühen vermag.
[GS.02_036,05] Also ist es richtig, meine
lieben Freunde und Brüder; aber was mag dieses alles wohl besagen? Wir wollen
nicht lange herumgreifen und herumstehen, sondern die Sache gleich beim rechten
Orte anpacken.
[GS.02_036,06] Was den in diesem
schiffartigen Gefäße vorkommenden Baum betrifft, so haben wir bereits in der
vorigen Galerie erfahren, daß er aus der dortigen Vase hierher überpflanzt
wird, so er dort die gehörige Größe erhalten hat. Was geschieht denn aber hier
mit ihm, so er auch da für dieses Gefäß zu mächtig wird? Wir haben ähnliche
Alleen schon passiert. Wenn er hier die Früchte getragen hat, dann werden die
Früchte abgesammelt und der Baum wird mit leichter Mühe versetzt hinaus in die
Alleen und anderen Baumgruppen, allda er dann fortwährend blühen und Früchte
tragen kann in die große Menge. Und hat er dort einmal ausgedient, so wird sein
Holz genommen und seine Äste und sein Laubwerk und wird alles dieses auf den
Altar gelegt, den ihr zuerst gesehen habt in der Allee, dann auf diesem Altare
angezündet und somit Gott geopfert. Das wäre sonach das Schicksal des Baumes; –
aber wir haben noch das Gefäß vor uns.
[GS.02_036,07] Warum hat denn dieses solch
eine schiffähnliche Gestalt? Weil das Schiff auch hier auf diesem Weltkörper
ein tragbares Fahrzeug über der Oberfläche des Gewässers ist. Um aber
anzuzeigen, daß für den Baum hier noch keines Bleibens ist, wird ihm ein
solches Gefäß gegeben. Der wogende Boden stellt scheinbar einen noch
untüchtigen Grund vor, auf dem man kein Standquartier machen kann. Die graue
Farbe der Säulen bezeichnet die Wehmut über das noch nicht beständige Leben des
Baumes, und der rote rollende Saft in den gewundenen Röhren zeigt an, daß das
wahre Leben in der Mitte aller äußeren Festigkeit wallen muß, wenn das äußere
Leben fest und bleibend werden soll zur beständigen Tragung und freien Bewegung
des inneren Lebens. Das bedeuten sonach die Form und Beschaffenheit der Säulen
eines solchen Säulenrondells.
[GS.02_036,08] Die etwas steiler empor
gehende Treppe bezeigt, daß der Fortschritt auf einem nicht festen Grunde
schwieriger und manchesmal aufhaltender ist, als wenn man seine Schritte über
das feste Land tun kann. Noch verständlicher gesprochen bezeigt die etwas
steiler aufwärts gehende Treppe, daß der Mensch, wenn er einmal zu einer
selbständig moralischen Wesenheit geworden ist, durch die alleinigen Tropfen
der Erkenntnis schwerer vorwärts und aufwärts kommt, als wie ihm da anzeigt der
rote in der Mitte der Säule leicht auf- und absteigende Saft, durch welchen dem
freien moralisch gewordenen Menschen noch etwas verhüllt, aber doch faßlich
klar genug gezeigt wird, welcher Weg zur Erreichung der wahren Höhe des Lebens
der tauglichste und am wenigsten beschwerliche ist.
[GS.02_036,09] Durch die Röhrchen, welche vom
Geländer des schiffartigen Gefäßes sich einwärts biegen, sehen wir zur
Befeuchtung des Erdreiches Tropfen fallen; aber in der Mitte der Säulen steigt
fortwährend eine ununterbrochene Masse Saftes auf und ab. Was bezeigt denn
solches? Die Tropfen aus den Röhrchen sind die Erkenntnis von außen her und
sind gewisserart nie ein Ganzes, sondern allezeit nur ein Stückwerk. Durch sie
wird auch zumeist das äußere Formleben gebildet, aber nicht das inwendige
einfache Hauptleben.
[GS.02_036,10] Also wird auch der Mensch
durch allerlei Erkenntnisse wohl recht fein gebildet, bleibt aber bei all
seiner großgelehrten Bildung ein zerstreuter, aber kein in eins gesammelter
Mensch, und gleicht als solcher einem Baume, der in einem Schiffe wächst, wo er
nämlich keine Festigkeit hat und für ihn in dieser Art noch keines Bleibens
ist. Das Beste an ihm ist, wenn er auf den vielen und bunten Zweigen seiner
äußeren Erkenntnisse gute Früchte bringt; diese werden behalten, der Baum aber
nicht. Aber die Säule, die ein vereintes Leben wallen läßt in ihrer Mitte,
bleibt fort und fort als eine feste, herrliche Stütze zur Tragung des Reiches
Gottes.
[GS.02_036,11] Sehet, das alles bezeigt so
ein vor uns stehendes Säulenrondell in dieser vierten Galerie; und ihr könnet
von dieser Erkenntnis den sehr leichten Schluß ziehen, daß Menschen, die ihre
Gebäude in solch einer hohen Entsprechung des Lebens aufführen, sicher überaus
weise sein müssen. Solches bezeigt auch ihre strahlende Schönheit. Diese
Menschen, die in dieser vierten Galerie wohnen, haben auch Entsprechung mit
allem dem, was ihr hier sehet. Sie sind überaus weise und schön, und das mehr
als alle, die wir bisher gesehen haben.
[GS.02_036,12] Darum wollen wir sie auch
nicht ansehen, da deren Anblick euch eher einen Schaden als einen Nutzen
bringen könnte, denn, wie ich schon bemerkt habe, ihr müsset vorher von der
großen Pracht und Weisheit durch Beschauung dieses Zentralgebäudes förmlich
abgestumpft werden, dann werdet ihr erst fähig sein, auch die Menschen, welche
zu vielen Tausenden in diesem übergroßen Gebäude wohnen, in den Augenschein zu
nehmen. – Und so werden wir uns sogleich wieder höher, in das vierte Stockwerk
oder in die fünfte Galerie, begeben und dort wieder eine neue Pracht,
Herrlichkeit und Weisheit dieser Menschen erschauen. Und so denn erheben wir
uns über diese, wenn schon ein wenig steilere Treppe.
37. Kapitel – IV. Stockwerk. Der gewöhnliche
Mensch und der göttlich-geistige Mensch.
[GS.02_037,01] Hier sind wir schon auf der
fünften Galerie oder in dem vierten Stockwerke. Was erblicket ihr hier, das
euch gar stark unterschiedlich von der vorigen Galerie vorkommt? Ihr saget: Das
Unterschiedliche, das uns hier besonders auffällt, besteht in einer weißen,
ziemlich hohen Pyramide, die sich da ebenfalls wieder in der Mitte der
Säulenrondells befindet. Und die Spitze der Pyramide ist, für uns zum ersten
Male merkwürdig genug, mit einer kleinen, einen nackten Menschen vorstellenden
Statue geziert. Diese Statue hat eine rötlich-weiße Farbe und ist in ihrem verjüngten
Maßstabe so vortrefflich geformt, daß man gerade glauben möchte, sie habe
Leben. Solange wir uns bis jetzt auf diesem Weltkörper befinden, haben wir eine
ähnliche Darstellung noch nicht entdeckt.
[GS.02_037,02] Was das Übrige dieses vierten
Stockwerkes oder dieser fünften Galerie betrifft, so unterscheidet es sich im
wesentlichen eben nicht mehr so viel von der unteren Galerie, nur daß der
Fußboden dieser Galerie von flammend blauer Farbe ist, die Säulen von
rötlich-weißer wie die Statue auf der Spitze der Pyramide, und die beinahe ins
Dunkelrote gehende feste Wand des Hauptgebäudes ist das ziemlich
Unterschiedliche von der vorigen Galerie. Aber wir müssen es fürwahr bekennen,
daß wir von dem großen Glanze und von der Farbenpracht desselben schon so abgestumpft
sind, daß wir auf dergleichen Unterschiede eben nicht mehr die größte
Aufmerksamkeit verwenden. Aber was da dieses Zierakulum des Säulenrondells
betrifft, so ist es uns überaus merkwürdig, da wir dergleichen, wie gesagt, auf
diesem Weltkörper noch nicht gesehen haben. Es wird sicher nicht bloß als eine
Zierde da sein, sondern wird einen guten Sinn haben, und diesen möchten wir in
nähere Erfahrungen bringen.
[GS.02_037,03] Gut, meine lieben Freunde und
Brüder, eure Bemerkung und euer Wunsch ist recht, vollkommen und billig, und so
höret mich denn an; ich will die Bedeutung dieses Zierakulums in euch selbst
ausfindig machen. Was bedeutet wohl die Pyramide? Ich habe euch die Bedeutung
davon schon bei einer andern Gelegenheit kundgetan. Wollet ihr aber die
Bedeutung, wie sie hier gar wohl gegründet ist, herausbringen, so betrachtet,
wie eine Pyramide gestaltlich gebaut und wie da geartet ist ihr Zweck, und ihr
werdet dadurch schon einen ganz tüchtigen Wink über die Bedeutung dieses
Zierakulums in euch selbst erschauen.
[GS.02_037,04] Die Pyramide ist unten breit
und endet oben in einer Spitze; also soll auch das gerechte demütige Leben des
Menschen sein. Wie aber das Leben des Menschen sich zu arten anfängt, haben wir
in den vorigen Galerien an dem Baume gesehen, wo der Baum aus einem gar kleinen
Samenkörnchen sich stets mehr und mehr in seinen Ästen und Zweigen ausbreitet.
Also breitet sich auch der Mensch aus in seinen verschiedenen Grundanlagen und
daraus hervorgehenden mannigfaltigen Erkenntnissen, aber damit auch mit
allerlei gearteten Begierden verbunden.
[GS.02_037,05] Was ist aber mit diesem
ausgebreiteten Menschen mit der Zeit und in der Zeit? Er wird aus seinem
schwankenden Boden herausgenommen und eingegraben hinter der Stätte der Gräber,
allda die Probealleen sind. Oder verständlich gesprochen: Alles, was der
Materie gehört, wird von der Materie wieder verschlungen, und es kümmert sich
niemand um diejenigen Früchte, welche die von der Materie wieder aufgenommene
Materie noch eine Zeitlang hervorbringt. Es werden nur diejenigen Früchte als
gehaltvoll aufbewahrt, welche der Baum in den Gefäßen trug.
[GS.02_037,06] Sehet, also ist es auch mit
dem Menschen. Was er Gutes gewirkt hat in der Zeit seines Lebens, welches da
glich einem ausgebreiteten Baume, das wird aufbewahrt. Wenn aber der Mensch
stirbt, so wird sein Leib eingegraben und somit alle seine weltläufigen
Erkenntnisse mit ihm. Bleibt der Leib ohne Fruchttragung im Grabe? O nein; auf
seinen vielen Ästen und Zweigen erwächst noch eine Menge Würmer, die sich nach
und nach über ihren sie erzeugenden Baum selbst hermachen und ihn dann ebenso
nach und nach bis auf das letzte Atom aufzehren. Die Würmer selbst aber haben
schon wieder andere Gäste in sich, die sie nach und nach in den Schlamm der
Erde und endlich in die Erde selbst verwandeln.
[GS.02_037,07] Das ist das Bild eines
gewöhnlichen Weltmenschen. Durch diese Pyramide aber wird ein ungewöhnlicher
Mensch dargestellt. Aber dieser ungewöhnliche Mensch stellt gerade einen
Menschen vor, wie er vom Grunde des Grundes aus sein soll. Wie denn?
[GS.02_037,08] Der sich ausgebreitet habende
Mensch fängt an, seine Erkenntnisse und seine Begierden fortwährend mehr und
mehr auf einen Punkt zu vereinen, und dieser Punkt ist Gott in der Höhe! Je
mehr er dahin aufblickt zu Dem, der ihn erschaffen hat zu einem freien Leben,
in desto enger werdende Kreise werden seine Erkenntnisse und Begierden
getrieben und gezogen; und das so lange fort, bis der Mensch die Spitze oder
den Kulminationspunkt der Demut aus seiner völligen Selbstverleugnung in all
seinen weltlichen Begierlichkeiten erreicht hat.
[GS.02_037,09] Was wird dann die Pyramide für
den sich auf der Spitze der Demut befindlichen Menschengeist? Sie wird das, was
sie war bei den alten Ägyptern, nämlich ein Grabmal für alle seine für die Welt
gänzlich abgestorbenen Erkenntnisse, Begierlichkeiten und daraus hervorgehenden
Leidenschaften.
[GS.02_037,10] Was aber erschauen wir hier
über der Spitze der Pyramide? Eine sehr wohlgebildete kleine Gestalt eines
Menschen von rötlich-weißer Farbe. Sehet, ein gar herrliches überaus treffendes
Bild der Wiedergeburt des Menschen! Aus der Demut und der völligen
Selbstverleugnung, also aus der Spitze der Pyramide geht er hervor. Wodurch ist
er in die Spitze gelangt? Das zeigt seine Farbe; durch Glauben und Liebe zu
Gott! Und seine kleine aber vollkommene Gestalt besagt soviel, als was der Herr
einst Selbst gesagt hat zu uns, Seinen Jüngern: „So ihr nicht werdet wie die
Kindlein, da werdet ihr nicht eingehen in das Reich Gottes!“
[GS.02_037,11] Die außerordentlich weich
gehaltene Plastik bezeigt die Sanftmut; die Festigkeit des Materials, aus dem
die kleine Statue geformt ist, aber bezeigt, daß der Mensch erst in solch einer
wahren Wiedergeburt des Geistes in die unwandelbare Festigkeit des ewigen
Lebens gediehen ist.
[GS.02_037,12] Der flammende blaue Boden
bezeichnet dann ebenfalls den zwar einfachen, aber beständigen Grund zum ewigen
Leben. Die mit der Statue gleichfarbigen Säulen aber bezeichnen die tragenden
Stützen, welche da sind der wahre lebendige Glaube an Gott den Herrn und daraus
die Liebe zu Ihm.
[GS.02_037,13] Sehet, das ist die überaus
sinnige Bedeutung dieses Zierakulums. Begeben wir uns aber nun, da wir solches
wissen, sogleich in die sechste Galerie oder in das fünfte Stockwerk. Dort
werden wir wieder auf einen höheren Grad der Weisheit der Bewohner dieses
Zentralgebäudes stoßen.
[GS.02_037,14] Ihr möchtet wohl gern einen
Blick auf die anwesenden Bewohner im Inneren dieses vierten Stockwerkes machen.
Ich aber sage euch: Lasset euch solch eine Begierde vergehen, denn ihr würdet
hier noch weniger als in den früheren Galerien solch einen zu erhaben schönsten
Anblick ertragen. Zur rechten Zeit aber werden wir schon ohnehin in einen
näheren Kontakt treten mit den Bewohnern dieses Gesamtgebäudes; und so wollen
wir nicht Säumens machen, sondern uns, wie gesagt, sogleich in den fünften
Stock oder auf die sechste Galerie begeben.
38. Kapitel – V. Stockwerk. Fortgeschrittene
Stufe der Entwicklung des Menschengeistes.
[GS.02_038,01] Wir sind oben; wie gefällts
euch hier? Ihr saget: Überaus gut; aber es ist hier von diesem fünften
Stockwerke oder von der sechsten Galerie schon ganz entsetzlich hoch
hinabzuschauen! Es ist nur gut, daß da jede tiefer liegende Galerie über die
andere hervorsteht; sonst würden wir eine solche Höhe kaum ertragen. Daß sonst
alles in der früheren Art und Weise gestellt ist, läßt sich wohl auf den ersten
Augenblick erschauen; aber was die Verzierung des Säulenrondells betrifft, so
ist diese hier wirklich wieder ganz neu. Eine majestätisch große weiße
glänzende Kugel ruht auf einer in der Mitte etwas erhabenen runden grünen
Kreisplatte; auf der Kugel aber steht hier in einer wohlgehaltenen männlichen
Stellung eine überaus meisterlich gearbeitete, einen vollkommenen Mann
darstellende Statue. Die Statue blickt aufwärts; die linke Hand hält sie an der
Brust und mit der rechten deutet sie hin in die Ferne auf die Weise, wie da ein
Herrscher gestellt ist. Die Farbe der Statue geht ebenfalls ins rötlich-weiße
über; aber die Haare sind völlig weiß und so auch der Bart. Die Nägel an den
Fingern glänzen wie Sterne, der Mund ist halb geöffnet. Das ist aber auch
alles, was wir von der Form dieser merkwürdigen Zierde herauszubringen imstande
sind.
[GS.02_038,02] Auffallend ist es, daß hier
die Säulen blau sind, der Fußboden aber rot und hier nicht so stark wellend und
flammend wie ähnlichermaßen in den unteren Galerien, sondern die schwingende
Bewegung, die wir an dem Boden bemerken, gleicht mehr dem Schwingen eines
elastischen Körpers, da die Bewegungen gleichartig sind. Die Wand des inneren
Gebäudes ist hier dunkelgrün, aus welchem Grün fortwährend eine hellrote
Lichtfarbe herausvibriert.
[GS.02_038,03] Wenn man die Sache so recht in
den Augenschein nimmt, so kommt es einem vor, daß das Gebäude hier in einem
beständigen Vibrierzustande ist. Nur die Säulen lassen ihre wunderschöne blaue
Farbe ganz ruhig ausströmen; und was wir bei diesen Säulen auch noch bemerken
und bei den vorhergehenden nicht bemerkt haben, das sind die Kapitäle, welche
über einer jeden Säule wie aus durchsichtigem Golde in einer unbeschreiblich
kunstvoll schönsten Form angebracht sind. Lieber Freund und Bruder, das ist nun
alles, was uns hier sonderheitlich auffallen konnte. Was aber dieses alles etwa
besagen dürfte, dem sind wir nicht gewachsen und schon am allerwenigsten, was
das Verhältnis dieser stets merkwürdiger werdenden Säulenrondelle betrifft.
[GS.02_038,04] Liebe Freunde und Brüder! Ihr
habt das Notwendige und Zweckdienliche hinreichend gut beschaut. Was euch hier
sonderheitlich aufgefallen ist, ist eben auch dasjenige, was wir zu unserem
Zwecke brauchen können. Es hat hier zwar eine jede auch noch so kleine
Verzierung ihren höchst weisen Grund; aber dieser betrifft gewisse
Verhältnisse, die ausschließlich nur allein für diesen Weltkörper und
namentlich für dieses Kreisgebiet gang und gäbe sind.
[GS.02_038,05] Was aber die von euch
bemerkten sonderheitlichen Verzierungen betrifft, so haben sie einen
allgemeinen Sinn, welcher wie ein Licht von diesem Zentralsonnenkörper
ausgehend für die ganze Schöpfung gilt. Damit ihr aber diese Verzierung so
geschwind und so gut als möglich erkennen möget, so müssen wir einen kleinen
Blick auf die vorige Galerie werfen. Dort haben wir auf der Spitze der Pyramide
eine kleine Statue gesehen. Sie bezeichnete die „Wiedergeburt des Menschen“ in
seinem Geiste. Unter ihr war das abgeschüttelte Weltliche noch in einer
vollkommenen Pyramide ersichtlich.
[GS.02_038,06] Nun aber sehet hier die gegen
die Mitte ein wenig erhabene grüne Rundplatte. Diese ist nichts anderes als die
frühere durch das große Gewicht des groß gewachsenen wiedergebornen
Menschengeistes ganz zusammengedrückte Pyramide, oder hier ist es, wo die Berge
und Täler geebnet sind. – Das ist richtig.
[GS.02_038,07] Aber woher kam die große weiße
Kugel und was besagt sie? Die Kugel sowie der Kreis ist das Symbol der
Vollendung; zugleich aber stellt sie auch dar, daß der Geist des Menschen im
vollkommenen Siege über sein Weltliches sich selbst eine neue Welt schafft,
welche ist hervorgehend aus seiner vollendeten Weisheit. Also wird auch ein
jeder vollendete Geist einst der Schöpfer seiner eigenen Welt werden, oder er
wird die Welt bewohnen, die hervorgegangen ist aus den Werken seiner Liebe und
aus dem lebendigen Lichte seines Glaubens. Und dazu bezeigt die Kugelgestalt
die höchst mögliche Vollendung einer solchen Welt, vollendet in der Liebe,
vollendet in der Weisheit und vollendet in jeglicher Tüchtigkeit.
[GS.02_038,08] Daß aber die Kugel eine solche
Vollendung anzeigt, könnet ihr daraus zur Übergenüge ersehen, so ihr einen
Weltkörper um den andern betrachtet, welche Weltkörper der Herr als das, was
sie sind, vollendet erschuf. Wie sehen aber diese Weltkörper aus? Sehet, sie
sind vollkommene Kugeln. Warum aber drückt sich durch die Kugel das Vollendete
aus? – Messet einmal die Kugel mit einem Zirkel aus, und ihr werdet über diese
Kugel zahllose Kreise machen können vom größten bis zum kleinsten. Die
Oberfläche oder der äußere Umfang der Kugel wird nach jeder Richtung einen und
denselben Kreis geben. Ferner könnet ihr, wo ihr immer wollt, auf der Kugel
einen kleineren Kreis machen, so wird er sich überall ganz vollkommen in der
Mitte der ganzen Oberfläche der Kugel befinden. Solches ist auf einem jeden
anders geformten Körper nicht möglich, auch auf dem Kreise nicht; denn so ihr
beim Kreise oder vielmehr auf der Fläche des Kreises irgendeinen kleineren
Kreis machet, so wird er sich doch sicher nicht mehr in der Mitte der
Kreisfläche befinden, aber auf der Oberfläche einer Kugel ist er überall
vollkommen in der Mitte. Sehet, also drückt die Kugel wie kein anderer Körper
die höchst mögliche Vollendung aus, wie auch die höchst mögliche Freiheit des
geistigen Lebens.
[GS.02_038,09] Wie aber? Auf der Oberfläche
der Kugel könnet ihr, wohin ihr wollt, einen kleineren Kreis oder einen Punkt
setzen, und er wird sich vollkommen in der Mitte befinden, d.h. in der Mitte
der gesamten Oberfläche der Kugel. Und da könnet ihr tun, was ihr wollt, und
ihr könnet da unmöglich gegen dieses mathematisch richtige Gesetz je auch nur
den allerleisesten Fehler begehen.
[GS.02_038,10] Sehet, also steht es auch mit
der vollkommenen Handlungsfreiheit des vollendeten Geistes. Er kann tun, was er
nur immer mag und will, und es ist ihm eine reine Unmöglichkeit, sich je gegen
die allervollkommenste göttliche Ordnung zu verstoßen. – Und sehet, aus eben
diesem Grunde ist dieser Statue solch ein überaus vielsagendes Symbol
unterlegt.
[GS.02_038,11] Wissen wir nun solches, da
zeigt uns die vollkommen männliche Statue ja eben nichts anderes als einen im
Geiste vollendeten Menschen. Der Blick nach oben ist der unverwandte Blick zu
Gott und rechtfertigt den Satz: „Schauet unverwandt auf Mich!“ Die linke Hand,
an das Herz gelegt, bezeigt die ausschließliche Liebe zu Gott; die andere Hand,
herrschend in die Ferne hinausgestreckt, besagt, daß alles dem Gesetze der
Liebe untertan ist.
[GS.02_038,12] Daß der Mensch bildlich hier
auf der Kugel steht, bezeigt seine Erhabenheit über alle andere Schöpfung; denn
alle andere Schöpfung in ihrer Vollendung macht den Gesamtinhalt der Kugel aus.
Keine andere Erhabenheit ist auf ihrer Oberfläche zu entdecken; nur der Mensch
allein steht gleich einem mächtigen Herrscher über alle Schöpfung erhaben da
wie ein zweiter Gott über die ganze Unendlichkeit.
[GS.02_038,13] Der halb offene Mund bezeigt,
daß neben Gott kein anderes Wesen als nur allein der Mensch wortfähig ist. Die
gleich Sternen strahlenden Nägel an den Fingern aber bezeichnen die
schöpferische Macht und Kraft und Weisheit, welche da innewohnt jedem
vollendeten Geiste.
[GS.02_038,14] Daß ferner noch die blauen
Säulen die unerschütterliche Beständigkeit und deren durchsichtig goldene Kapitale
die göttliche Weisheit bezeichnen und die kleinen Schwebungen des Bodens das
ruhige, geregelte, einfache Leben, braucht kaum näher erwähnt zu werden.
[GS.02_038,15] Da wir nun dieses wichtige
Zierakulum dieses fünften Stockwerkes auf eine solch nützliche und zweckmäßige
Weise haben kennengelernt, so können wir uns schon wieder um ein Stockwerk
höher begeben. Ihr saget zwar: Wie aber werden wir da hinaufkommen; denn in
diesen Rondellen erblicken wir keine Rundtreppe? Ich aber sage euch: Sehet nur
ein wenig genauer, und ihr werdet sie schon erschauen. Sie ist hier nur aus
einem überaus durchsichtigen, sonst aber festen Materiale angefertigt, um
dadurch den reingeistigen Aufschwung oder den allermakellosesten Weg in die
Höhe zu bezeichnen, auf dem ein jeder Tritt vollkommen beobachtet werden kann.
– Da wir nun solches noch hinzuwissen, so begeben wir uns sonach nur wohlgemut
in das sechste Stockwerk oder in die siebente Galerie. –
39. Kapitel – VI. Stockwerk. Im Zustand der
Furcht zeigt der Mensch seine Schwächen.
[GS.02_039,01] Ihr saget: Lieber Freund und
Bruder! Auf dieser überaus stark durchsichtigen Rundtreppe ist es denn doch ein
wenig fatal aufwärts zu steigen, denn es kommt einem ja gerade so vor, als ob
man sich in die freie Luft erheben möchte, und das Hinabsehen auf den stets
tiefer zu liegen kommenden Boden wird im Ernste etwas schwindelerregend! Und
wenn das Hinaufgehen schon so sonderbar ist, da wird das Zurückgehen sicher
noch sonderbarer werden. Ja, ja, meine lieben Brüder und Freunde, die Sache
sieht wohl also aus und scheint eure Besorgnis zu rechtfertigen; aber dessen
ungeachtet werdet ihr am Ende erfahren, daß sich alle die jetzt geschauten
Verhältnisse also gestalten werden, daß ihr gar nicht achten werdet und nicht
im geringsten merken, mit welcher Leichtigkeit und Anmut wir da zurückkommen
werden.
[GS.02_039,02] Übrigens müßt ihr euch solches
hinzumerken, daß die Höhen nur für denjenigen schwindelerregend sind, der sich
fortwährend in der ebenen Tiefe befand; aber für ständige Bewohner der Höhen,
und für diejenigen auch, die viel auf den Höhen zu tun hatten, sind sie das
nicht im geringsten, sowohl in naturmäßiger als in staatlicher Hinsicht. So
klimmt der Gebirgsbewohner und auch so mancher andere Höhenfreund über Wände
und Steilen hinauf, deren Anblick einen ständigen Ebenlandsbewohner schon von
fernehin in einen fast fieberhaften Zustand versetzt, während doch der Gebirgs-
und Höhenbewohner jauchzend mit seinem Reise- und Steigapparate über die
furchtbarsten Abgründe hinüberblickt.
[GS.02_039,03] So auch, wenn ein Mann
geringen Standes sich etwa in einer solchen Lage befindet, vor seinem
Landesherrn zu erscheinen, und zwar an dessen prachtvollem Hofe, mit welcher
Furcht und Scheu naht er sich der Prachtwohnung seines Landesfürsten! Jede
Staffel in derselben wird ihm glühender unter den Füßen, je mehr er sich dem
Gemache nähert, in welchem gewöhnlichermaßen der Landesfürst sein Ohr leiht.
[GS.02_039,04] Betrachten wir aber dagegen
einen Minister oder einen hohen Feldherrn, besonders wenn er noch obendrauf ein
bedeutender Günstling des Landesfürsten ist, und also auch das an und für sich
unbedeutende Hofgesinde. Diese gehen sicher ohne die geringste Beklemmung zum Landesfürsten,
und letztere, dieser Höhe wie angeboren gewohnt, treiben nicht selten bübischen
Mutwillen über jene Stufen, welche unserem schlichten Landmanne gar so
schwindelerregend und heiß vorgekommen sind.
[GS.02_039,05] Ja selbst in bürgerlicher
Hinsicht mangelt es nicht an solchen Beispielen; nehmen wir an einen schlichten
wohlgebildeten jungen Mann, dessen Lebensverhältnisse ihm mit gutem Gewissen
gestatten, sich ein ihm teures Weib zu nehmen. Er kennt ein Haus, und die
Tochter des Hauses gefällt ihm überaus wohl; aber die Verhältnisse dieses
Hauses überbieten die irdischen Vorteile des seinen um ein sehr bedeutendes. Er
weiß zwar, daß der Familienvater dieses Hauses ein sehr respektabler und
geachteter, guter Mann ist; aber dessen überragende Höhe seiner Verhältnisse
flößt unserem Brautwerber so viel schwindelerregende Bedenklichkeiten ein, daß
dieser sich kaum wagt, mit guter Hilfe verläßlicher Führer und Wegweiser den
Standesunterschied seines erwählten Hauses zu übersehen.
[GS.02_039,06] Da es aber dennoch sein muß,
so muß er das Wagestück bestehen; aber wie wird es ihm, wenn er die Türschwelle
seines verhängnisvollen Hauses betritt, von dem er sein Glück erwartet? Der
Puls wird schneller wie beim Besteigen eines hohen Berges, der Atem kürzer, und
sein ganzes Wesen geht bei der Annäherung an die Türe, da der Hausvater und
zugleich der Vater seiner Braut wohnt, in eine sehr stark schwingende Bewegung
über; Furcht, Glaube, Hoffnung und Liebe sind in einem Knäuel
untereinandergemengt.
[GS.02_039,07] Anfangs bringt er kaum ein
Wort heraus, oder er mißt jede Silbe, bevor er sie ausspricht, um ja dadurch
etwa nirgends eine Blöße zu zeigen, deren sich ein jeder Mensch so insgeheim
stets mehrerer bewußt ist. Warum denn aber? Weil der Mensch in gar keinem Zustande
seine Schwächen und Blößen, auch sogar seine Fehler leichter an den Tag legt,
als wenn er sich im Zustande der Furcht befindet.
[GS.02_039,08] Nehmet an einen Virtuosen,
wenn er seiner Sache noch so gewachsen ist, aber dennoch sich einiger Stellen
in seinem vorzutragenden Stücke bewußt ist, die ihm bloß unter zwei Ohren und
Augen manchesmal ein wenig mißlungen sind, so wird er dieser Stellen wegen in
eine Furcht versetzt, in welcher er nicht selten, da er derselben nicht Meister
werden kann, eben diese etwas zweifelhaften Stellen, wie ihr zu sagen pfleget,
verhaut. Also war hier die Furcht derjenige Zustand, in welchem unser Virtuose
seine Schwächen an den Tag legte.
[GS.02_039,09] Ein guter Fußgänger auf ebenem
Lande will garnichts wissen von irgendeiner Schwäche seines Gehewerkes. Wenn es
aber einmal heißt: Freund, du mußt mit mir auf die Spitze jenes Berges; wirst
du dich solches wohl getrauen? So wird unser guter Fußgänger wohl sagen: Was
hältst du von mir? Ich sollte mich mit meinem Gehewerke über jene Bergspitze
nicht wagen, der ich doch schon mehrere hundert Meilen Feldweges gemacht habe?
Aber es kommt auf den Ernst an. Unser guter Fußgänger kommt in seinem Leben zum
ersten Male auf solch bedeutende Höhe.
[GS.02_039,10] Bei der Ersteigung einer sehr
steilen Partie fangen seine Füße an zu schlottern; wenn er einen Schritt getan
hat, so fängt er beim zweiten an zu zweifeln und mit sich sehr stark Rat zu
pflegen, ob er ihn noch wagen solle oder nicht. So aber der andere Freund ihm
erst die hohe Spitze zeigt, da fängt unser guter Fußgänger völlig an zu zagen
und läßt sich samt dem anderen den Sicherheitsstrick um den Leib schnüren.
[GS.02_039,11] Was kommt denn hier heraus?
Die Höhenfurcht hat die Schwächen in den Füßen unserem guten Fußgänger
enthüllt, darum er selbst am Sicherheitsstricke jeden Schritt, den er tut, ja
so sicher und wohl ausforscht und dabei dennoch stets in der Furcht ist, mit
der leichtesten Mühe von der Welt einen Fehltritt zu tun. Also ist auch unser
Brautwerber; er hat sich in der gewöhnlichen Lebensfläche sehr wohl
herumzutummeln verstanden; aber auf dieser ernsten Höhe, da es sich um die
Sicherheit eines jeden Trittes handelt, heißt es auch jeden Schritt, also jede
Silbe auf eine sehr genaue Waage legen, um, wie ihr zu sagen pfleget, aus der
Pastete keinen Talg zu machen.
[GS.02_039,12] Wie es sich aber mit diesen
drei beispielsweise aufgeführten irdisch menschlichen Standpunkten verhält,
also verhält es sich auch entsprechendermaßen mit den geistigen.
[GS.02_039,13] Der Schwindel als die Frucht
der Furcht bleibt nicht aus; je höher man steigt, desto furchtsamer und
behutsamer wird man in seinem Gemüte und somit auch desto glaubensscheuer.
[GS.02_039,14] Sehet, wenn ich mit euch nun
sprechen möchte in der höchsten himmlischen Weisheitsform, so würdet ihr zu
verzagen und zu verzweifeln anfangen und wäre keiner aus euch imstande, selbst
bei der beherztesten Vornahme auch nur drei Zeilen niederzuschreiben.
[GS.02_039,15] Ich aber gehe darum mit euch
und rede darum vollkommen nach eurer Art, oder ich wandle auf eurem angewohnten
Grund und Boden und erhebe euch nur kaum merklich nach und nach. Aber selbst
bei dieser kaum merklichen Erhebung fängt euch schon ein wenig an zu schwindeln
bei der Besteigung unseres sechsten Stockwerkes oder der siebenten Galerie über
diese etwas stark durchsichtige Treppe.
[GS.02_039,16] Wenn aber unser den
Landesfürsten besuchender Landmann sich eine Zeitlang mit eben dem sehr
herablassenden Fürsten besprechen wird, da wird ihm der staatliche
Höhenschwindel samt der ganzen Furcht vergehen, und er wird eine viel
behaglichere Rückreise haben über die heißen Staffeln des Palastes, als sie
zuvor hin zum Palaste des Landesfürsten war.
[GS.02_039,17] Der Höhenbesteiger wird auf
der Spitze des Berges mutiger und schwindelfester, und der Rückweg wird ihm,
wie ihr zu sagen pfleget, nicht selten einen wahren Spaß machen.
[GS.02_039,18] Also auch unser Brautwerber,
wenn er in die Erfahrung gebracht hat, daß er in seinem geliebten Hause einen
festeren Boden gefunden hat, als er erwartete, wird sicher einen ums sehr
bedeutende fröhlicheren Rückweg haben, als ihm der heiße Hinweg vorkam.
[GS.02_039,19] Und sehet, gerade so wird es
auch uns ergehen; wir werden auch bis zur Erreichung der Vollhöhe dieses
Gebäudes noch so manche Schwindelhöhe zu bestehen haben; aber die Vollhöhe wird
dann alles ins Gleichgewicht setzen, und wir werden überaus frohen Mutes die
Rückreise anzutreten imstande sein.
[GS.02_039,20] Bei dieser Gelegenheit unseres
belehrenden Gespräches haben wir auch unsere stark durchsichtige Treppe, wie
ihr selbst bemerken könnet, ganz behaglich überschritten, und uns auf diese
Weise eine jede Staffel zunutze gemacht.
[GS.02_039,21] Nun aber befinden wir uns
schon auf der siebenten Galerie, oder im sechsten Stockwerke, und somit sage
ich euch: Schauet hier alles recht behaglich und aufmerksam an; denn was ihr
hier finden werdet, wird von noch viel höherem Interesse sein als alles, was
wir bis jetzt gesehen und dann erörtert haben in der Art der Weisheit dieser
Bewohner. Also, wie gesagt, auf diesem sechsten Stockwerke oder auf der
siebenten Galerie nehmet förmlich eure Augen in die Hand, beschauet alles wohl
und gebet mir dann kund, was ihr gesehen habet; und wir werden dann die
Bedeutung sicher nicht verfehlen.
40. Kapitel – Aufstieg aus der Liebe in die
Weisheit.
[GS.02_040,01] Wie ich merke, so habt ihr
alles wohl angesehen und könnet nun auch schon kundgeben, was ihr gesehen habt;
und so saget denn, was ihr auf dieser siebenten Galerie oder auf dem sechsten
Stockwerke als besonders auffallend erblickt habt. Ich sehe es euch an, daß ihr
euch bei dieser Vorstellungsart noch nicht so recht auskennet und könnet auch
die geschaute Sache nicht gehörig bezeichnen; daher muß wohl ich euch ein wenig
zu Hilfe kommen.
[GS.02_040,02] Fürs erste, meine lieben
Freunde und Brüder, merkt man auf dieser siebenten Galerie schon ein wenig die
Rundung derselben, während man in den unteren Galerien wegen des großen Kreises
davon noch nicht etwas Merkliches hat gewahren können. Fürs zweite merket ihr,
daß hier die Säulenrondells nicht mehr von dem bedeutenden Umfange sind wie auf
den früheren Galerien; auch besteht ein Säulenrondell nicht mehr aus dreißig,
sondern nur mehr aus zwanzig Säulen, und der innere Platz ist darum auch etwas
beschränkter. Fürs dritte bemerket ihr, daß hier der Boden lichtrot, die
Säulen, die Wände und der Plafond aber lichtblau sind, die Tore durch die Wände
des Hauptgebäudes aber ins Dunkelhochrote übergehen. An dem allem bemerket ihr
keine Flammungen, obschon sonst einen überaus starken Glanz, und saget in euch
auch aus dem Grunde: Was die äußere Pracht dieser gegenwärtigen Galerie
betrifft, so steht sie offenbar den vorhergehenden etwas nach; aber was da die
äußeren Galeriegeländer und die Verzierung der Rondelle betrifft, so haben
diese wenigstens auf den ersten Anblick so manches vor den vorgehenden voraus.
[GS.02_040,03] Fürs erste bestehen die
Galerien wie aus lauter Sternen, aus denen ganze feste Zierate gebildet und
dann zu einem brauchbaren Ganzen zusammengesetzt zu sein scheinen. Die Sterne
sind von überaus hellem Glanze und strahlen in tausendfachen Färbungen
durcheinander, und die Rundtreppe innerhalb der Säulenrondelle scheint bloß aus
Sternenlinien gefügt zu sein und ist zwischen diesen Sternenlinien kein anderes
festes Material zu erschauen. Das ist jetzt aber auch alles, inwieweit unsere
Sprache zur Darstellung dessen reicht, was wir hier erblicken. Aber was da
betrifft die Mittelverzierung des Rondells, die wir wohl auch erblicken, so ist
sie ein Gegenstand, der zu hoch über unserem Sprachfähigkeits-Horizonte steht,
und wir können diesen Gegenstand auch darum durchaus nicht bezeichnen.
[GS.02_040,04] Ja, ja, meine lieben Freunde
und Brüder, das ist es aber eben auch, was ich euch schon anfangs angemerkt habe,
und habe es wohl wahrgenommen, daß euch die Beschreibung dieses Gegenstandes
ein wenig schwerfallen dürfte. Darum habe ich aber das auch gleich anfangs auf
mich genommen. Und so habet denn recht wohl acht! Wir wollen uns diesem
Ziergegenstande möglichst nahestellen und ihn mit aller Aufmerksamkeit in
Augenschein nehmen.
[GS.02_040,05] Wir sind nun in dessen
möglichst vollkommener Nähe; und da sehet hinab auf den Boden des Rondells. Was
erblicken wir denn? Einen bei sieben Klaftern im Umfange habenden Sternenkreis,
welcher aus sieben Reihen von Sternen zusammengestellt ist, und zwar in der
Ordnung der Färbung eines Regenbogens, und dieser Kreis hat eine Breite von
drei Spannen. Innerhalb dieses Kreises erhebt sich ein violetter Altar zu einer
Höhe von sechs Spannen und hat einen Umfang von etwa drei Mannsklaftern, d.h.
nach dem ausgestreckten Handmaße genommen. Der obere Rundrand ist mit einem
Reife aus ein wenig flammendem Golde umfaßt, und über dem Reife ist noch ein
eine halbe Spanne hohes, aus lauter Rundsäulchen bestehendes, glänzendweißes
Geländerchen angebracht. Über den Geländersäulchen wieder ist ein Breitreif aus
hochrotem durchsichtigem Golde angefertigt, über welchem gerade an den Stellen,
wo unter ihm die Säulchen stehen, noch mehr ins Dunkelblaue gehende vollkommen
runde kleine Kugeln angebracht sind, und jede dieser Kugeln hat um ihre Mitte
noch einen kleinen hellschimmernden Sternenkreis.
[GS.02_040,06] Aus der Mitte der
eingeländerten Fläche dieses Altares aber erhebt sich eine ganz vollkommen
lichtgrüne Säule, und über dieser Säule ist ein aus Sternen zusammengefügter
großer Kreis angefertigt. Innerhalb dieses Kreises ist dann eine große Menge
wie geometrischer Figuren aus hellroten und weißen Sternchen zusammengefügt,
welche da samt ihrer Kreisumfassung einen überaus geheimnisvoll imposanten
Anblick gewähren.
[GS.02_040,07] Vom Plafond herab aber hängt
an einer massiven Goldschnur ein anderer Kreis, welcher nicht aufrechtstehend,
sondern horizontal in gleicher Größe über den aufrechtstehenden zu stehen
kommt, d.h. über den an der grünen Mittelsäule angefertigten, sieht aber diesem
in allem vollkommen ähnlich. Sehet, das wäre die Gestalt des für euch etwas
schwer beschreibbaren Zierakulums eines solchen Säulenrondells.
[GS.02_040,08] Ihr saget: Lieber Freund und
Bruder im Herrn! Es wäre alles recht überaus erhaben, schön und gut; aber es
wird dieses Zierakulum gleich den früheren sicher auch eine tiefweise Bedeutung
haben, wie du dich darüber schon selbst ausgesprochen hast; aber welche
Bedeutung, wie lautet diese? Das ist eine andere Frage. Wenn es auf uns zur Erörterung
ankäme, so hätten wir schon genug getan, so wir mit der Beschreibung
zurechtgekommen wären und hätten die Entsprechung dann gar sicher ewig besseren
Zeiten überlassen. Aber da du uns schon aus so vielen Verlegenheiten geholfen
hast, da sind wir auch hier der festen guten Meinung, daß es dir auch in diesem
Falle eben nicht zu schwer ankommen dürfte, uns darüber so ein kleines
Lichtchen zu verschaffen.
[GS.02_040,09] Ja, meine lieben Freunde und
Brüder, wir befinden uns hier auf der ersten Stufe über die halbe Höhe dieses
Gebäudes, und da haben wir nun schon mit Gegenständen purer Weisheit zu tun.
Bisher waren wir im Grunde, d.h. in der Liebe, jetzt aber gehen wir aus der
Liebe in die Weisheit, welches ist ein gerechter Weg vor Gott. Da aber Objekte der
Weisheit ums überaus Bedeutende schwerer zu fassen sind als Objekte der Liebe,
so müssen wir uns hier auch schon ein wenig mehr zusammennehmen, um nicht, wie
ihr zu sagen pflegt, aus dem Sattel geworfen zu werden.
[GS.02_040,10] Ihr saget hier freilich: Davon
sehen wir nicht so recht den Grund ein, denn in der Liebe ist ja auch die
höchste Weisheit vorhanden; können wir sie dort vereint mit der Liebe erfassen,
so wird sie uns auch im absoluten Zustande nicht gar zu leicht durchgehen. Ja,
meine lieben Freunde und Brüder, ihr urteilet sonst ziemlich richtig; aber
diesmal muß ich euch sagen, daß ihr schon wieder einen ziemlich starken Hieb
ins Blaue gemacht habt. Damit ihr aber solches von mir nicht nur allein höret,
sondern auch bei euch so recht sonnenklar einsehet, so will ich euch ein paar
Beispielchen aufführen, die euch zur Genüge meinen Ausspruch bestätigen sollen;
und so höret denn!
[GS.02_040,11] Wenn ihr auf eurem Erdkörper
hin und her wandelt und begegnet da zahllosen Gegenständen, welche alle von der
Sonne wohl beleuchtet sind, da werdet ihr nicht einen finden, den ihr nicht mit
euren Händen anfassen und weitertragen könntet, wenn nur sein Gewicht eure
Kräfte nicht überragt; und ihr könnt bei keinem Gegenstande sagen, daß er nicht
lichtaufnahmsfähig wäre, und so ihr ihn ergreifet, ihr auch zugleich sein Licht
mit ergreifet. Nun aber versuchet einmal, euch an dem freien Lichte zu
vergreifen und traget es in Bündeln hin und her. Ich meine, solches wird ein
wenig schwer gehen.
[GS.02_040,12] Sehet, wo das Licht schon an
einen festen Körper, welcher der Liebe entspricht, gebunden ist, da könnet ihr
freilich das Licht samt dem Körper ergreifen und es dann hin und her tragen
nach eurem Belieben; aber wie schon bemerkt, das freie Licht läßt solch einen Akt
durchaus nicht zu. Das wäre ein Beispielchen. Betrachten wir noch ein anderes,
aus dem da ersichtlich werden soll, daß der Mensch das Licht genießen und sich
dasselbe leibhaftig zunutze machen kann; aber erst auf dem Wege der göttlichen
Ordnung. Wie aber das, soll sogleich nachstehendes Beispielchen zeigen.
[GS.02_040,13] Woraus und woher reift wohl
die Frucht des Baumes und des Weizenhalms? Ihr saget: Unfehlbar aus dem Lichte
und aus der mit dem Lichte verbundenen Wärme. Ihr habt gut geantwortet. Sehet
aber nun, eine Frucht ist sonach ein Produkt des Lichtes und der Wärme.
[GS.02_040,14] Das Licht aber gibt sich hier
der Wärme gefangen, und je mehr Wärme, desto mehr Licht wird sich auch
derselben gefangen geben. Und aus diesen zweien geht dann eine vollreife Frucht
hervor, die ihr genießen könnet und nehmet auf diese Weise dann mit der
genossenen Frucht mit der leichtesten Mühe von der Welt das gefangene Licht
notwendig in euch auf, und dieses gefangene Licht ist auch jener ätherische
Stoff, der eurem Organismus die belebende Nahrung gibt.
[GS.02_040,15] Könnte denn da nicht jemand
sagen: Wenn solches offenbar und sicher richtig ist, da dürfte man ja auch nur
sich der leuchtenden Sonne gegenüberstellen und das ihr entströmende Licht
fleißig in sich hineinschlürfen, und man wird da jede grobe Mahlzeit ersparen.
Ich aber sage: Es kommt da nur auf eine Probe an. Die Sonnenmahlzeit ist auch
ohnedies schon bekannt; es solle nur jemand zehn Tage lang eine reine
Sonnenmahlzeit halten, und sein Organismus wird ihm schon am zweiten Tage
kundgeben, wieviel des Nahrungsstoffes er in sich eingeschlürft hat.
[GS.02_040,16] Aus diesem Beispiele aber
könnet ihr noch klarer denn aus den vorigen erschauen, daß das Licht für sich
allein in seinem freien Zustande ungenießbar ist, und sich somit niemand an ihm
sättigen kann. Wenn es aber in der göttlichen Ordnung durch die göttliche Kraft
selbst gefangen wird, dann erst ist es genießbar und nährend. Aus diesem Grunde
soll auch der Mensch all sein Weltlicht in sein Herz gefangennehmen, allwo es
gebunden wird mit der Lebenswärme, und er wird dann aus diesem Lichte eine
rechte Nahrung für seinen Geist überkommen. Und desgleichen müssen auch wir
hier das Geschaute der reinen Formen der Weisheit in unsere Liebe zum Herrn
erst gefangennehmen, alsdann werden wir die Entwicklung derselben in uns gar
bedeutungsvoll erschauen und uns eine tüchtige Mahlzeit bereiten können. Der
Herr wird uns dann auch diesen Altar öffnen, wie Er uns geöffnet hat den in der
Allee. –
41. Kapitel – Liebe und Weisheit, deren
Verhältnis, Ordnung und Harmonie.
[GS.02_041,01] Nun sehet und habet wohl acht;
ich habe das Ausgesprochene in mir getan, und ihr habet solches getan durch
mich, und so wird es auch ein Leichtes sein. die freiere Weisheit mit der Kraft
des Herrn in uns zu erfassen und sie für uns begreiflich zu machen. Um aber die
Sache gehörig zu erfassen und zu begreifen, müsset ihr vorerst die Zahl der
Stockwerke und Galerien in Anschlag bringen.
[GS.02_041,02] Wir sind im sechsten
Stockwerke oder auf der siebenten Galerie, also in jeder Hinsicht über der
Hälfte des Gebäudes. So die untere Grund- und bei weitem größere Hälfte des
Gebäudes der Brust des Menschen und somit all dem, was der Liebe ist,
entspricht, so bedeutet diese zweite, obere Hälfte den Kopf des Menschen und
entspricht somit dem Verstande und der Weisheit desselben.
[GS.02_041,03] Hier stehen wir sonach auf der
ersten Stufe der Weisheit oder auf derjenigen Stufe, wo die reine Weisheit und
die Liebe zusammengreifen. Wenn ihr nun dieses ein wenig beachtet, so wird euch
das Zierakulum dieses Säulenrondells, wie auch gleicherweise die Verzierungen
aller Rondelle dieses Stockwerkes auseinanderzugehen anfangen.
[GS.02_041,04] Seht hier den Altar; er stellt
vermöge seiner Gestalt, Farbe und Verzierung die in die Weisheit reichende
Liebe dar. Die kleine Säule, in welche der geheimnisvolle Kreis eingefestigt
ist, stellt gewisserart den Hals der Menschen dar, entsprechendermaßen aber die
größtmöglichste Demut. Was geht aber aus der Demut hervor? Seht an den
eingefesteten Kreis. Durch diesen Kreis wird das Haupt des Menschen
dargestellt; entsprechendermaßen aber ist es das Licht der Weisheit, welches
aus der Wärme der Liebe hervorgeht.
[GS.02_041,05] Die Sternchen, aus denen er
zusammengefügt ist, samt den ebenfalls aus Sternchen zusammengesetzten Figuren,
welche seinen freien Raum ausfüllen, bezeichnen die mannigfaltigen Erkenntnisse
und Einsichten, welche natürlichermaßen alle samt und sämtlich ein Angehör der
Weisheit sind. Der Sternenkreis zu unterst am Boden um den Altar aber besagt,
daß die Liebe, ihre wahre Demut und auch ihre Weisheit göttlichen Ursprunges
sind und aus der Werktätigkeit des Menschen nach dem göttlichen Willen
hervorgehen.
[GS.02_041,06] Durch den siebenfachen Kreis
wird der göttliche Wille beschaulich dargestellt. Die einzelnen Sternchen aber,
aus denen er zusammengesetzt ist, bezeichnen die Werke, welche der Mensch
verrichtet in der göttlichen Ordnung zufolge der Erkenntnis des göttlichen
Willens. Aus dem aber geht hervor, daß niemand Gott lieben kann, so er nicht
Seinen Willen erfüllt. Wer aber Gottes Willen erfüllt, indem er seinen eigenen
Willen, sich selbst verleugnend, gefangennimmt, dem erst wird die Liebe zu Gott
zuteil. Und so sind die Werke nach dem Willen Gottes die edlen Samenkörner, aus
denen da erwächst die überaus und über alles beseligende und für ewig belebende
Liebe zu Gott!
[GS.02_041,07] So aber jemand solche Liebe
überkommen hat, der hat auch mit ihr die Weisheit überkommen, welche gleich ist
der göttlichen Weisheit, weil die Liebe selbst, aus der solche Weisheit
hervorgeht, göttlich ist. Daß die mannigfach geformten Zeichen des Kreises die
vielfachen zusammenhängenden, in der göttlichen Ordnung und Weisheit
begründeten erhabensten Erkenntnisse bezeichnen, braucht kaum näher erwähnt zu
werden.
[GS.02_041,08] Insoweit hätten wir denn auch
unser Zierakulum gelöst. Aber wir erblicken ja noch vom Plafond herabhängend
ganz frei einen ähnlichen Kreis, wie der in die kleine Säule eingefestete ist,
und dieser horizontal hängende Kreis berührt mit seinem Zentrum genau genommen
die oberste Sphäre unseres in die kleine Säule eingefesteten Kreises. Was wird
wohl dieser Kreis bezeichnen?
[GS.02_041,09] Dieser Kreis bezeichnet die
göttliche Weisheit, wie diese beständig aus den Himmeln einfließt und
fortwährend belebt und ordnet die ihr entsprechende Weisheit eines jeglichen
Menschen, der da lebt der göttlichen Ordnung gemäß.
[GS.02_041,10] Daß sich diese beiden Kreise
berühren, bezeichnet, daß der wahren göttlichen Weisheit Geist im Menschen in
die Tiefen derselben, welche durch das Zentrum dargestellt sind, eindringt. Er
kann demnach himmlische und göttliche Dinge begreifen, ja mit dem Herrn Selbst
wohl erschaulicherweise umgehen und sich mit Ihm besprechen wie ein Kind mit
seinem Vater, oder wie ein Bruder mit dem andern. – Sehet, das ist nun das
Ganze, kurz möglichst und wohlverständlich dargestellt.
[GS.02_041,11] Ihr saget und fraget hier
freilich: Lieber Freund und Bruder! Woher nehmen denn die Menschen dieses
Zentralsonnen-Weltkörpers solche Weisheit, in welcher fürwahr buchstäblich das
ganze geistige Lebenswesen eines jeden auf unserer Erde lebenden Menschen mit
der höchsten Klarheit bezeichnet wird? Wenn Menschen auf unserer Erde zufolge
geistiger Entsprechung Ähnliches errichten würden, so wäre das begreiflich,
weil, wie du es augenzeuglich weißt, der Herr und Schöpfer aller Himmel und
Welten auf dieser Erde Selbst leibhaftig gelebt, gewandelt und gelehret hat.
Aber auf diesem Weltkörper, der sicher in einer unaussprechlichen Entfernung
von unserer Erde absteht, solche Weisheit zu treffen, die ganz vollkommen der
göttlich irdischen gleicht, ist fürwahr überaus seltsam. Wie ist das möglich?
[GS.02_041,12] Meine lieben Freunde und
Brüder, diese Frage würde euch in einem Vereine himmlischer Geister einer sehr
bedeutenden Lache aussetzen. Wovon ernähren sich die Finger und Extremitäten
eures Leibes? Ihr esset doch nicht in die Extremitäten hinein; die Füße haben
keinen Mund und Schlund, um eine eigens für sie bestimmte Nahrung aufzunehmen,
die Hände und die Finger an denselben haben dergleichen auch nicht, und so hat
euer Leib noch eine zahllose Menge von großen und kleinen Teilen, welche alle
ihr nicht einzeln abzufüttern brauchet.
[GS.02_041,13] Der Mensch hat nur einen Mund
und einen Magen, was dieser aufnimmt, geht an alle anderen Teile gehörig
präpariert über; also hat er auch nicht in einem jeden Gliede ein Herz, sondern
er hat nur eines in der Brust, und dieses hat seine Adern und Gefäße durch den
ganzen Leib ausgebreitet und sendet durch dieselben sein Leben in alle Fibern
des ganzen Leibes, und das allenthalben nach der wohlberechnet zweckmäßigen
Aufnahmsfähigkeit fürs Leben.
[GS.02_041,14] Ihr habt aber gehört, daß die
ganze große Schöpfung Gottes naturgemäß wie geistig vollkommen einen Menschen
darstellt, welcher Mensch somit in der endlos großen Allgemeinheit sicher auch
nur einen Magen und ein Herz hat. Ihr kennet den großen Kostgeber und kennet
auch die Kost, mit der der große Kostgeber Seinen großen Menschen speiset; sie
heißt das Brot des Lebens, oder: sie ist die Liebe Gottes!
[GS.02_041,15] So ihr aber in allen Teilen
eures Leibes eine und dieselbe Kost findet, die ihr in euren Magen aufnehmet,
und überall dasselbe Blut, welches dem Herzen in alle eure Leibesteile entströmt,
so wird es doch auch kein Wunder sein, so ihr in diesem Teile des großen
Weltmenschen dieselbe göttliche Liebe und Weisheit findet, welche ihr auf eurer
Erde gefunden habt und auch noch allezeit findet und finden könnet.
[GS.02_041,16] Eine solche Zentralsonne ist
gewisserart ein Hauptnerv des großen Weltmenschen, und die kleineren Sonnen und
Planeten sind gleich den kleineren Nebennerven, Fibern und Fasern; und der
Hauptnerv wird doch sicher vom selben Safte ernährt, von welchem die kleineren
Nerven, Fibern und Fasern ernährt und erhalten werden. Wo ein Herr, ein
Schöpfer und ein und derselbe Gott ist, da kann es auch in Seiner unermeßlichen
Schöpfung nur eine göttliche Liebe, eine göttliche Weisheit und eine göttliche
Ordnung geben! Außer ihr möchtet noch irgendeinen zweiten Gott und Schöpfer
annehmen, vorausgesetzt, daß euer Gemüt und Verständnis einer solchen Torheit
fähig wäre; da könnte man dann auch wohl auf eine andere Ordnung der Dinge
gegründetermaßen hinblicken und allenfalls eine Frage aufwerfen, wie da die
eurige war. Aber bei obwaltenden nur vollkommenst eingöttlichen Umständen
bleibt es bei einer Kost, bei einer Weisheit und bei einer Ordnung. Da wir aber
nun solches alles doch sicher klar einsehen, so wollen wir uns auch sogleich
wieder um ein Stockwerk höher begeben, und zwar nun in das siebente oder in die
achte Galerie. – Sieht diese Rundtreppe auch so ziemlich luftig aus, so machet
euch aber dennoch nichts daraus; denn sie wird uns schon noch tragen; und so
denn wollen wir gehen. –
42. Kapitel – VII. Stockwerk. Absolute
Weisheit durchsichtig und undurchdringlich wie Diamant.
[GS.02_042,01] Sehet, unser Aufmarsch ist
besser gegangen, als ihr es euch gedacht habt. Wir sind, wie ihr sehet, sonach
auch schon im siebenten Stockwerke oder auf der achten Galerie. Wie findet ihr
diesen Platz?
[GS.02_042,02] Ihr saget: Lieber Freund, hier
sieht es schon sehr luftig aus; die Säulen der Rondelle sind wie aus dem
feinsten durchsichtigsten Glase, der Boden, auf dem wir stehen, ist ebenfalls
aus einer blau-weißlichten Materie, welche überaus stark glattglänzend ist. Die
Geländer, welche von Säulenrondell zu Säulenrondell diese Galerie umfassen,
sind ebenfalls von einem sehr durchsichtigen Materiale angefertigt, so daß man
durch dasselbe mit nur höchst unbedeutender Schwächung des Augenlichtes schauen
kann, und wenn wir aufwärts schauen zum Plafond, so ist auch dieser von einer
gleichen licht-bläulichen Masse angefertigt, welche ebenfalls ziemlich
durchsichtig zu sein scheint; denn man sieht ja stellenweise recht bequem in
die neunte Galerie hinauf.
[GS.02_042,03] Ja, meine lieben Freunde und
Brüder, das ist alles richtig also. Ihr möchtet wohl wissen, ob diese schon
sehr stark durchsichtige Materie von eben der Festigkeit ist, wie jene etwas
weniger durchsichtige der unteren Stockwerke? Ich sage euch: Dessen könnet ihr
vollkommen versichert sein; denn je durchsichtiger im harten Zustande
irgendeine Materie hier ist, desto fester ist sie auch in ihren Teilen.
[GS.02_042,04] Ihr saget: Da wäre es doch in
der Bauordnung, das Festere in den Grund zu legen, der ja doch die ganze Last
des Gebäudes zu tragen hat, und das weniger Feste, weil weniger Durchsichtige
in den oberen Teilen eines solchen Gebäudes zu verwenden, wo das Gebäude stets
leichter wird.
[GS.02_042,05] Ihr urteilet nach eurer Art
recht, und für die Bauordnung auf eurem Erdkörper wäre also auch sicher besser
gesorgt; aber eine andere Welt, eine andere Einrichtung und somit auch eine
andere Bauordnung. Solches aber wisset ihr dennoch, daß die harten Gegenstände
spröde und leicht springbar sind, während die weniger harten wohl noch immer
eine große Festigkeit haben, sind aber dabei um so mehr schmiegsam, weniger
gebrechlich und können daher unbeschädigt einen desto größeren Druck aushalten
als die ganz harten Gegenstände. Überleget einmal, was da wohl härter sei, eine
Kugel aus gediegenem Glase oder eine Kugel aus gediegenem Kupfer? Um das Kupfer
zu schneiden oder zu ritzen, bedarf es wahrlich nicht der härtesten Schneidewerkzeuge;
mit einem gewöhnlichen Brotmesser könnet ihr ohne Anstrengung ganz bedeutende
Partikel davon abschneiden oder wegschaben. Um die gläserne Kugel zu lädieren,
brauchet ihr schon überaus harte Gegenstände wie feinsten Quarz,
allerhärtesten, feinsten Stahl oder den Diamant. Nun aber nehmet die beiden
Kugeln, stellet über eine jede ein Gewicht von tausend Zentnern und gebet einer
jeden eine vollkommen harte Unterlage. Die gläserne Kugel wird zu weißem Staube
erdrückt werden, aber die kupferne wird mit einer eben nicht zu bedeutenden
Plattdrückung davonkommen.
[GS.02_042,06] Aus diesem Beispiele könnet
ihr hinreichend erschauen, warum bei diesem Gebäude die härteren Materialien zu
oberst verwendet worden sind. Zu unterst würden sie höchst wahrscheinlich das
Geschick der gläsernen Kugel unter dem Gewichte von tausend Zentnern gehabt
haben; hier aber sind sie davor vollkommen gesichert und für die Tragung der
noch über ihnen ruhenden Last hinreichend fest und stark genug, und wir haben
unterdessen durch unser Gewicht schon gar nichts zu befürchten.
[GS.02_042,07] Daß aber hier alles härter,
spröder und durchsichtiger wird, hat einen bedeutungsvollen Sinn, über den man
aber ebenfalls nicht gar zu viel sagen kann, wie man von der harten Materie
selbst durch die festesten Werkzeuge eben nie gar zu große Brocken ablösen
kann. Der Diamant bei euch auf der Erde ist sicher der härteste und zugleich
auch der allerdurchsichtigste Körper; aber die ihn schleifen, oder nach eurer
Kunstsprache „schneiden“, die werden es euch genau zu sagen wissen, was dazu
gehört, um nur atomgroße Teile von ihm abzulösen.
[GS.02_042,08] Sehet, also verhält es sich
aber auch mit der stets reiner werdenden Weisheit; ein Brocken von ihr ist
härter zu verzehren und zu zerlegen als eine ganze Welt von Liebe. Man könnte
sagen: Ein solcher Weisheitsknäuel gleicht einem Bündel Flöhe, welche, wenn das
Bündel geöffnet wird, mit der größten Hast davonhüpfen, und es gehört viel
Behendigkeit dazu, um von Tausenden irgend ein paar matt gewordene zu erhaschen.
Daher läßt sich auch, wie gesagt, über die harte und durchsichtige
Beschaffenheit des Materials dieses siebenten Stockwerkes oder dieser achten
Galerie nicht mehr gar zu viel sagen.
[GS.02_042,09] So viel aber ist gewiß und
klar, daß die Gegenstände im Lichte der Weisheit, d.h. der absoluten Weisheit
stets durchsichtiger, aber dafür stets desto undurchdringlicher werden; und je
höher sie steigen, desto durchsichtiger und härter werden sie, so zwar, daß man
am Ende auf der festen Materie steht und geht, aber man sieht sie vor lauter
Durchsichtigkeit nicht mehr. Also ist es auch mit der absoluten Weisheit der
Fall. Man hat wohl einen Grund, auf dem man sich befindet; aber das ist dann
schon auch alles, was man von dem Grunde herausbringt. Wollt ihr ihn näher
untersuchen, und zwar mit euren Augen, so werdet ihr, je länger von euch ein
solcher Körper beobachtet wird, ihn stets mehr aus dem Lichte eures Gesichtes
verlieren und werdet selbst da, wo ihr wenigstens auf den ersten Blick etwas zu
erschauen vermeintet, nichts mehr erschauen.
[GS.02_042,10] Ist es nicht eben also mit der
absoluten Weisheit? Ja, solches möget ihr schon aus so mancher Erfahrung
wissen. Sollte euch aber die Sache noch nicht hinreichend klar sein, wie sich
die absolute Weisheit entsprechend zu dem Baumateriale dieses großen
Wohngebäudes verhält, da will ich euch nur beispielsweise so ein kleines
Weisheitsbröckchen hinwerfen, und ihr könnet daran nagen, wie ihr wollet, und
schaben, wie ihr wollt, und ihr werdet nichts herausbringen. Und so höret denn:
[GS.02_042,11] Sieben Kreise sind ineinander
verschlungen; die Kreise durchdringen sich, die durchdrungenen verzehren sich
und die verzehrten erheben sich in die, so nicht verzehrt sind, und die sieben
Kreise haben kein Maß und keinen Mittelpunkt. Sie sind sieben ohne Ende; eine
Zahl, welche durchdringt den Kreis der sieben, und die sieben den einen!
[GS.02_042,12] Sehet, das ist so ein
Bröckchen absoluter Weisheit! Ich habe euch damit in wenig Worten so ungeheuer
vieles gesagt, daß ihr dasselbe mit gewöhnlichen, eurem Verstande zugänglichen
Begriffen in alle Ewigkeit nicht auseinandersetzen würdet. So ihr aber den
Weisheitssatz leset, da wird es euch auf den ersten Augenblick vorkommen, als
müßtet ihr daraus zu irgendeiner, wenn schon nicht Total-, so doch Partial-Löse
kommen. Versuchet aber nur, daran zu schaben und zu feilen und setzet das
Mikroskop eures Verstandes an diese Materie; je mehr ihr euch damit abgeben
werdet, desto luftiger wird die Materie und desto weniger ersichtlich in ihr, und
sie selbst wird stets mehr und mehr dem Augenlichte eures Verstandes
entschwinden.
[GS.02_042,13] Ich meine, ihr werdet genug
haben, um daraus zu der Einsicht zu kommen, daß für einen noch gebundenen Geist
mit der absoluten Weisheit nicht viel zu machen ist. Daher bleiben wir schon
nur hübsch bei der Kost, welche der gute heilige Vater für uns bereitet und
gesegnet hat; zu einer Zeit aber, wenn euer Geist ungebundener wird, werdet ihr
auch von der absoluten Kost mehr abzubeißen imstande sein denn jetzt. – So aber
dem Weisen das Wenige genügt, da werden auch wir bei den geringeren Brocken,
welche sich uns auf diesen Weisheitsgalerien darstellen werden, zur vollsten
Genüge bekommen. – Wir haben aber hier noch das Zierakulum des Säulenrondells
vor uns; betrachtet es, und wir wollen dann sehen, wieviel sich vom selben wird
herabzwicken lassen. – –
43. Kapitel – Absolute Weisheit nicht
tauglich für einen noch gebundenen Geist.
[GS.02_043,01] Soviel ich merke, so habt ihr
euch mit euren Augen in das Zierakulum so recht hineinverpicht und es
gewisserart von Atom zu Atom so recht intensiv betrachtet; daher wird es euch
nun nicht schwer werden, euch darüber vollkommen auszusprechen und es ebensogut
zu beschreiben, als wie gut ihr es angeschaut habt. Sonach könnet ihr sogleich
mit der Beschreibung dieses Zierakulums beginnen. Aber wie es mir vorkommt, so
werdet ihr ja mit der Beschauung nicht fertig. Was ist es denn, das euch ob
dieses Ornaments die Augen an dasselbe so sehr bindet? Ist es wohl das Ornament
selbst oder sind es dessen Teile?
[GS.02_043,02] Ich merke aber nun gar wohl,
warum ihr mit der Beschauung nicht fertig werdet. Das Ornament dieses Rondells
ist unstet, und ihr könnet ob der darin stets neu vorkommenden Formen nicht ins
klare kommen. Ja, ja, dieses Ornament ist ein wahres Kaleidoskop, in welchem
auch bei jedem Umdrehen sich andere Formen zeigen, und die früheren kommen
nicht wieder zum Vorscheine. Ich sage euch daher auch:
[GS.02_043,03] Es wird euch wenig helfen; so
ihr dieses Ornament auch eine ganze Ewigkeit hindurch betrachten möchtet, so
werdet ihr aber dennoch nimmer zu einer Schlußform kommen, sondern an der
Stelle der entschwundenen stets neue und auch sonderbarere zu Gesichte
bekommen. Daher beschreibet nur dasjenige des Ornamentes, was an demselben
stetig zu erschauen ist, und lasset den inneren Formenwechsel beiseite. Also
worin besteht denn dieses?
[GS.02_043,04] Ihr saget hier: Lieber Freund
und Bruder, das ganze Ornament an und für sich ist von höchst einfacher Art,
insoweit wir es als fertig mit unseren Augen betrachten können. In einem über
zwei Klafter im Durchmesser habenden ganz einfachen Goldreife ist eine gläserne
Kugel angebracht, etwa also, wie bei uns auf der Erde ein Himmels- oder
Erdglobus innerhalb eines messingnen beweglichen Meridians. Die Kugel dreht
sich fortwährend innerhalb dieses großen Reifes, den sie beinahe ganz ausfüllt.
Der Reif ist nicht mehr vom Boden aus irgend befestigt, sondern hängt an einer
massiven Goldschnur, welche mit Sternen eingewirkt ist, vom Plafond herab bis
zur Höhe eines Menschen reichend. Bei jeder nur etwas merklichen Drehung
ersieht man in dieser großen durchsichtigen Glaskugel fortwährend neue Formen
von ebenfalls durchsichtiger, aber dennoch buntfarbiger Beschaffenheit, und die
Formen sind nicht selten von so anziehender Art, daß man sich daran nicht genug
satt schauen kann. Aber sowie man eine Form mit seinem Auge recht fest fassen
möchte, um sie zu beurteilen, da ist sie schon nicht mehr vorhanden, und eine
andere, welche mit der vorhergehenden keine Ähnlichkeit hat, tritt an ihre
Stelle; und das geht fort und fort.
[GS.02_043,05] Und so man glaubt, daß wenn
die Kugel wieder mit ihrem Gürtel auf demselben Punkte sich befinden wird, von
welchem man bei einer frühern Drehung eine bestimmte Form erschaut hat, wieder
eben dieselbe Form zum Vorschein kommen möchte, so hat man sich gar gewaltig
getäuscht; denn von einer einmal geschauten Form ist wenigstens bis jetzt vor
unseren Augen nicht die allerleiseste Spur zum Vorschein gekommen. Das ist, lieber
Freund und Bruder, alles, was wir an diesem sonderbaren Ornamente als höchst
merkwürdig entdeckt haben.
[GS.02_043,06] Daß auch die anderen
Säulenrondelle ganz gleich beschaffene Ornamente haben, erschauen wir von
diesem Punkte recht genau. Es ist hier demnach nur die Frage: Wer treibt diese
Kugel fortwährend um ihre Achse, und was bedeutet sie wie das ganze Ornament?
[GS.02_043,07] Meine lieben Freunde und
Brüder! Sehet, da hängt denn an diesem Ornamente schon wieder so ein fataler
absoluter Weisheitsbrocken, von dem sich für eure Einsicht eben nicht gar zu
viel wird herabzwicken lassen. Was die Umdrehung dieser Kugel betrifft, so ist
sie wohl an und für sich leicht zu erklären und zu begreifen.
[GS.02_043,08] So ihr nur wisset, daß der
große, vollkommene Rundstabreif inwendig hohl ist und an der Stelle, wo die
Spindel der Kugel in den Reif hineingesteckt ist, ein überaus klug berechneter
Mechanismus angebracht ist, der als ein wahres „Perpetuum mobile“ betrachtet
werden kann, durch welches eben diese durchsichtige, aus feinstem Glase zu
bestehen scheinende Kugel in einen fortwährend gleichen Umschwung gebracht
wird, so könnet ihr dann mit dieser Beantwortung euch vollkommen zufrieden
stellen.
[GS.02_043,09] Ihr möchtet hier freilich wohl
die Triebkraft solch eines Perpetuum-mobile-Mechanismus näher kennen. Wenn ihr
solches wisset, was zu erklären eben nicht zu schwer sein wird, so werdet ihr
deswegen das Ornament noch um kein Haar besser verstehen als ohne eine solche
Erklärung.
[GS.02_043,10] Ich sehe aber, daß ihr nach
einem Perpetuum-mobile-Mechanismus sehr lüstern seid; so muß ich euch schon die
Einrichtung desselben ein wenig auseinandersetzen; nur müßt ihr euch dabei ein
unabnützbares Material denken, welches aber nur auf solchen Weltkörpern zu Hause
ist, wie da ist diese unsere Zentralsonne. Auf den Erdkörpern, wie der eurige
einer ist, kann sich solch ein Material unmöglich vorfinden, weil alle die
erdkörperlichen Materialien einem unaussprechlich viel geringeren Licht- und
Hitzegrade entstammen denn die einer solchen Zentralsonnenwelt.
[GS.02_043,11] Wenn wir dieses voraussetzen,
so ist dann die Darstellung des Mechanismus von der höchst einfachsten Art von
der Welt. Wie sieht dann dieser aus? Sehet, bis ungefähr ein Drittel zu unterst
ist der vollkommen dicht verschlossene Reif mit einer unverdunstbaren
Flüssigkeit angefüllt, etwa von der Art und Beschaffenheit, als wäre es bei
euch möglich, ein überaus gereinigtes Quecksilber in vollkommen durchsichtigem
und überaus leichtflüssigem Zustande darzustellen. Von zu oberst des Reifes
aber langt ein sogenanntes „Polyorganon“ herab in die Flüssigkeit, aber nur auf
der einen Seite.
[GS.02_043,12] Dieses Polyorganon saugt
zufolge seiner mächtigen Attraktion zu der Flüssigkeit dieselbe fortwährend
auf. – Dieses Polyorganon reicht aber auf der entgegengesetzten Seite des
Reifes bis zu einem Drittel der ganzen Reifhöhe herab, und läßt die auf der
anderen Seite eingesogene Flüssigkeit herabträufeln. Vor dem Ende des
Polyorganons ist ein trichterartiger Tropfensammler angebracht, dessen unterste
Röhre an ein wohlberechnetes löffelartiges Schaufelwerk geleitet ist. Dieses
Schaufelwerk ist unmittelbar an der Spindel befestiget, an welcher die Kugel
selbst im Kreise hängt. Wenn durch einen oder mehrere herabfallende Tropfen ein
Schäufelchen voll geworden ist, so wird das Schäufelchen natürlich schwerer,
senkt sich dann abwärts, und bringt auf diese Weise die ganze große Kugel zum
Umschwunge. Hat das Schäufelchen zu unterst seine Flüssigkeit ausgegossen, so
wird unterdessen schon wieder ein anderes gefüllt und sinkt wieder herab. Und
da das Polyorganon ebensoviel Flüssigkeit fortwährend aufsaugt, als es auf
dieses Schaufelwerk herabträufeln läßt, so ist das Perpetuum mobile unter den
vorher angegebenen Bedingungen ja überaus leicht möglich, wenn ihr noch dazu
bedenket, daß diese Materie, aus welcher die Spindel und überhaupt das ganze
Ornament besteht, keiner Abnützung und somit auch keiner Reibung fähig ist. Die
Glätte der Spindel und des Zylinders, in welchem die Spindel läuft, ist so
außerordentlich groß, daß sie sich gegenseitig zur Umdrehung nicht das leiseste
Hindernis setzt. Es ist, als möchte sich eine solche Spindel im reinsten Äther
bewegen. Und da die große glasartige Kugel auch höchst mathematisch genau
sphärisch gleichgewichtig in der Spindel hängt, so wird ihre Ruhe schon durch
das Gewicht eines kleinen Tropfens hinreichend leicht gestört. Ein solches
Fabrikat aber gehört bei diesen höchst weisen Menschen zu keinem Wunderwerke.
[GS.02_043,13] Ihr saget: Diesen
Perpetuum-mobile-Mechanismus begreifen wir jetzt ganz vollkommen; aber den
beständigen Formenwechsel in der Glaskugel, den werden wir schwerlich
begreifen. Ja, meine lieben Freunde und Brüder, da wird es freilich einen
kleinen Haken haben; aber unmöglich ist es eben nicht, darüber irgendeine
Einsicht zu erlangen. Auf eurem Erdkörper wäre so etwas darzustellen wohl eine
ziemlich reine Unmöglichkeit, weil auf dem Erdkörper die mannigfaltigsten
sogenannten imponderablen Stoffe nicht für bleibend aufgefangen werden können;
aber auf einem Zentralsonnenkörper ist solches gar leicht möglich.
[GS.02_043,14] Und so könnet ihr zu eurer
Wissenschaft erfahren, daß diese Kugel inwendig hohl ist, ist aber gefüllt mit
allerlei solchen imponderablen Grundstoffen. Bei der geringsten Drehung mischen
sich diese Stoffe fortwährend durcheinander, ohne sich vermöge ihrer
Verschiedenartigkeit vollkommen zu vermengen. Durch diese Vermischung geschieht
aber dann auch fortwährend eine neue Formbildung, welche sich bei einer stets
darauf folgenden fortwährenden Umdrehung der glasartigen Kugel notwendig
verändern muß. Ihr könnet wohl im Großen auf eurem Erdkörper Ähnliches
erschauen, wo ebenfalls die imponderablen Stoffe innerhalb der großen
Luftkugel, welche natürlich den ganzen Erdkörper einfaßt, auch fortwährend neue
Formen zur Erscheinlichkeit bringen. Aber diese imponderablen Stoffe stehen auf
einem Erdkörper auf einer viel geringer tätigen Potenz als auf einer solchen
Zentralsonne; daher ist auch ihr Gebilde gewöhnlich unausgebildet, wie ihr
solches bei den Bildungen des Gewölkes und noch mancher anderer
Lufterscheinungen erschauen könnet. In dieser Kugel hier sind aber diese Stoffe
gewisserart in ihrer konzentriertesten Potenz eingeschlossen; daher sind auch
die entwickelten Formen unbeschreiblich und gewähren dann, wenn schon in
kleinerem Maßstabe, den allerimposantesten Anblick.
[GS.02_043,15] Ich meine nun, soviel es für
eure Begriffsfähigkeit möglich und tunlich war, hätten wir auch diese
Erscheinlichkeit so ziemlich entziffert; aber was bedeutet solches alles? Das
ist eine ganz außerordentliche Frage. Es ist, wie schon am Anfang bemerkt, ein
Weisheitsbrocken, von dem sich nicht viel wird herabzwicken lassen, und wir
werden zufrieden sein müssen, darüber nur einen höchst flüchtig allgemeinen
Blick werfen zu können. Und so läßt sich die ganze Sache also zusammenfassen,
daß durch dieses Ornament die absolute Weisheit ganz allein für sich
dargestellt wird und ist unter diesem Gesichtspunkte etwas sich fortwährend
Bewegendes und Form-Wechselndes, deren Bedeutung und innerer Zusammenhang nur
dem Einen, aber sonst keinem ewig je entzifferbar ist.
[GS.02_043,16] Also ist es ja auch auf eurer
Erde der Fall. Wer kann die zahllosen Formen der Wolken verstehen? Die höchste
Weisheit sinkt bei dem fortwährend erneuten Anblicke in den Staub zurück und
muß sagen: Herr! wie gar nichts sind alle Menschen und Geister vor Dir!
Desgleichen wollen auch wir hier tun und uns dann statt einer leeren weiteren
Erörterung lieber sogleich auf die neunte Galerie oder in das achte Stockwerk
begeben. Die Treppe sieht hier wohl wie alles schon sehr luftig aus; aber uns
wird sie schon gar wohl noch tragen, und so beginnen wir unseren Weitermarsch.
–
44. Kapitel – VIII. Stockwerk. Vom Eingehen
in das Leben des Geistes.
[GS.02_044,01] Wir sind oben; sehet euch
recht gründlich um und beachtet vorzugsweise die Säulenrondell-Ornamente. Aus
diesen, wie ihr bisher schon erfahren habt, lernen wir von Stockwerk zu
Stockwerk die Weisheit der hier wohnenden Menschen kennen und zugleich die
allgemeine Menschen- und Weltordnung eines ganzen Sonnengebietes, vorzugsweise
desjenigen, auf dessen Zentralsonne wir uns gegenwärtig befinden.
[GS.02_044,02] Was das Übrige dieser Galerie
betrifft, so ist eben nicht zu viel für unsere Augen besonders Erhebliches
daran zu entdecken, denn das ganze Baumaterial bis auf die innere
kontinuierliche Wand ist schon vollkommen hell durchsichtig, so daß man also
nur mehr aus den Glanzflächen erkennen kann, daß es ein Material ist, sonst
aber ist es, wie gesagt, vollkommen durchsichtig gleich der Luft. Die innere
kontinuierliche Wand aber ist blendend weiß; die Tore in die inneren Gemächer
sind lichtblau. Jetzt sind wir mit den Farben aber auch schon fertig, was das
Bauwesen der Galerie betrifft; daher begeben wir uns sogleich in ein
Säulenrondell, um in selbem das Merkwürdige zu erschauen, was uns um eine so
ganz eigentliche geistige Galerie höher heben wird.
[GS.02_044,03] Wir sind im Rondell. Ihr saget
zwar: Lieber Freund und Bruder, hier muß man die Säulen dieses Rondells mehr
greifen als schauen. Sie glänzen wohl ungemein, wenn man so recht vor ihren
Flächenspiegel tritt; sieht man aber flüchtig hinweg, fürwahr, da könnte man
recht gut in die Säule rennen, ohne vorher gesehen zu haben, welch ein Stein
des Anstoßes auf einen harrt.
[GS.02_044,04] Du hast zwar früher gesagt,
wir sollten das Ornament dieses Säulenrondells besonders scharf ins Auge
fassen, denn es stecke gar Großes dahinter. Aber wir schauen schon jetzt hin
und her und auf und ab, und können mit Mühe nur die Säulen erschauen und
innerhalb derselben eine ganze ungemein keusche, zarte und überaus
durchsichtige Rundtreppe, versehen mit einem gleichmäßigen beiderseitigen
Geländer; doch von einem Ornamente dieses Säulenrondells können wir bei der
allerstrengsten Aufmerksamkeit auch nicht die leiseste Spur entdecken. Sollen
wir aber daraus etwas für unsere innere Wiß- und Weisheitsbegierde
Ersprießliches schöpfen, so müssen wir doch etwas Erschauliches vor uns haben;
denn aus diesem Nichts wird doch sicher unmöglich viel mehr als wieder nichts
herauskommen.
[GS.02_044,05] Ja, meine lieben Freunde und
Brüder, sehet, das Sehvermögen des Menschen ist durchgehends so eingerichtet,
daß es aus den zwei Extremen heraustretend auf eine Zeitlang unbrauchbar ist.
Ist jemand lange im heftigen Lichte gestanden und kommt dann in ein dunkles
Gemach, so wird er mit dem besten Gesichte die Gegenstände im selben nicht
unterscheiden können. Eben also ist es auch umgekehrt der Fall; hat sich jemand
längere Zeit in einem dunklen Gemache aufgehalten und tritt dann plötzlich ans
helle Licht, so wird er auch in den ersten Augenblicken vor lauter Licht nichts
mehr sehen, gleichwie die Vögel der Nacht am Tage nichts sehen. Erst nach
einigen Sekunden werden die Bilder anfangen, sich seinem Auge immer klarer und
klarer darzustellen.
[GS.02_044,06] Also geht es euch auch hier;
denn der Lichtunterschied von Galerie zu Galerie, von Stockwerk zu Stockwerk
ist groß verschieden und wird durch die Anwendung des stets heller und heller
werdenden Baumaterials bewirkt. Daher müssen wir uns hier in dieser Lichthöhe
ein wenig verweilen, um unsere Augenkraft zu üben. Und so werden dann schon
noch Sachen zum Vorschein kommen, die wir jetzt auf diesen ersten Augenblick
freilich wohl nicht erschauen mögen.
[GS.02_044,07] Ihr fraget: Wie sollen wir
denn das so ganz eigentlich anstellen? – Ich sage euch: Schauet nur hin auf die
weiße Wand, euer Auge wird vor dem großen weißen Glanze bald lichtmatt genug
werden, und ihr werdet dann alsobald die Umrisse unseres Ornamentes zu erspähen
anfangen. Ihr saget hier freilich: Lieber Freund und Bruder, wie es uns
vorkommt, so wird sich die Sache nicht recht tun lassen; denn ist das geistige
Auge homogen mit dem leiblichen, so wird es durch einen längeren Anblick in
seiner Schärfe ja nur getötet, aber unmöglich mehr belebt und gestärkt. Daher
wären wir der Meinung, das Auge eher in irgendeine Dunkelheit zu versetzen, und
es wird dann stärker werden zur Aufnahme des Lichtes.
[GS.02_044,08] Ja, meine lieben Freunde und
Brüder, dem Anscheine nach sollte es wohl so sein; aber solche Annahme taugt
nicht für diesen Platz. Wollt ihr aber davon den Grund tüchtiger erschauen, so
will ich euch durch ein faßliches Beispiel darauf aufmerksam machen.
[GS.02_044,09] Wie findet ihr die Morgen-
oder Abendsonne auf den ersten Blick, den ihr nach ihr richtet? Ihr saget:
Lieber Freund und Bruder, unerträglich stark glänzend; und wir können die runde
Form ihres Körpers nicht ausnehmen, sondern ihre Gestalt ist gleich einem
unförmigen Feuerballe. Gut, meine lieben Freunde und Brüder; was geschieht
aber, so ihr euch besieget und fanget an, konstant in diesen Feuerball zu
schauen? Ihr saget: Der Glanz verliert sich nach und nach, und vor unseren
Augen steht bloß eine schneeweiße Scheibe, die an ihrem Rande fortwährend zu
vibrieren scheint, und wenn wir recht lange hinschauen, so können wir sogar die
größten Flecken auf ihrer Oberfläche wie sehr kleine schwarze Punkte entdecken.
[GS.02_044,10] Wieder gut, meine lieben
Freunde und Brüder; warum aber könnt ihr nun solches? Ist euer Auge etwa
gestärkt worden durch den beständigen vehementen Lichtanblick der Sonne? O
nein! Euer Auge ist dadurch eigentlich geschwächt worden, was ihr sehr leicht
gewahren könnet, so ihr nun von der Sonne weg euer Auge einem anderen
Gegenstande zuwendet. Wie werdet ihr einen solchen Gegenstand erschauen? Sehet,
wie im Traum oder in einem schon erheblichen Nachtdunkel.
[GS.02_044,11] Wenn wir aber nun solches aus
der Erfahrung wissen, so werden wir wohl auch leicht verstehen, wozu der etwas
länger anhaltende Anblick der weißen kontinuierlichen Wand dieses Gebäudes gut
sein soll; nämlich wozu der längere Anblick der Sonne gut war. – Ihr habet dort
durch den längeren Anblick die reine Sonnenscheibe sogar mit ihren Flecken
erschaut; und wir werden hier in dieser Lichtmasse nach und nach anfangen, das
Ornament dieses Säulenrondells zu erschauen.
[GS.02_044,12] Ihr fraget hier noch einmal
und saget: Aber lieber Freund und Bruder, haben die Bewohner dieses Gebäudes
aller Gebäude auch so lange zu tun, um ihre Ornamente zu erschauen, mit denen
sie dieses Säulenrondell geschmückt haben, wie wir? O nein, meine lieben
Freunde und Brüder; ihr Auge erschaut alles dieses mit derselben Leichtigkeit,
wie ihr die verschiedenen Gegenstände auf eurer Erde. Aber euer Auge muß ein
wenig geübt werden, um die Dinge hier auszunehmen.
[GS.02_044,13] Ihr saget zwar: Lieber Freund
und Bruder, diese deine Augenpräparation für uns kommt uns ein wenig eitel vor,
denn wir sind ja doch auf der Erde und können von dem, was du uns durch die
Gnade des Herrn kundgibst, bei dem allerbesten Willen so viel wie nichts
erschauen. Wir schreiben wohl unsere Sache, sehen aber dabei nur das, was uns
umgibt; aber für alle diese Herrlichkeiten sind nicht unsere Augen die
Wahrnehmswerkzeuge, sondern bisher nur immer unsere Ohren.
[GS.02_044,14] Liebe Freunde und Brüder! Das
ist von der sehr stark naturmäßigen Seite aus betrachtet ganz klar und richtig,
aber von der nur einigermaßen mehr geistigen schon ganz grundfalsch. Wenn ihr
eure äußeren groben Sinne in Anschlag bringet, da wird es sich mit der
Anschauung dieser herrlichen Dinge freilich wohl etwas schwer tun; ich aber
rede hier von der Angewöhnung des geistigen Sinnes; und das Auge des Geistes
ist – euer Vorstellungsvermögen, euer Gefühl und die mit demselben lebendig
verbundene Phantasie.
[GS.02_044,15] Dieses Auge müßt ihr öffnen
und in das weiße Licht des Geistes wenden, und in solcher Wendung eine Zeitlang
euch ruhig verhalten; so werdet ihr das, was hier besprochen wird, mit eurem
geistigen Auge ebensogut zu schauen anfangen, als so ihr es schauen möchtet mit
eurem Fleischesauge.
[GS.02_044,16] Also muß ja notwendig ein
jeder, der in das Leben seines Geistes eingehen will, sich tagtäglich auf eine
Zeitlang in die vollkommene Ruhe seines Geistes begeben und muß in dieser nicht
etwa mit allerlei Gedanken umherschweifen, sondern er muß einen Gedanken nur
fassen und diesen als ein bestimmtes Objekt unverwandt betrachten.
[GS.02_044,17] Der beste Gedanke ist hier
freilich der Herr. Und wenn jemand solches mit Eifer und aller möglichen
Selbstverleugnung fort und fort tun wird, so wird dadurch die Sehe wie das
Gehör seines Geistes stets mehr und mehr an innerer Schärfe gewinnen, und nach
einer eben nicht zu langen Zeit werden diese beiden Sinneswerkzeuge des Geistes
so sehr erhöht werden, daß er mit der größten Leichtigkeit dort geistige Formen
von der wunderbarsten Art erblicken wird, wo er vorher nichts als eine formlose
Leere zu erschauen wähnte. Und so wird er auch mit eben der Leichtigkeit Töne
und Worte vernehmen, wo ihm ehedem eine ewige Stille zu sein schien. Ich meine,
ihr werdet mich verstehen, was ich euch damit habe sagen wollen und werdet
hoffentlich auch einsehen, daß euer Einwurf hinsichtlich des Schauens um ein
Bedeutendes eitler war als meine Beheißung, wie geartet ihr eure Sehe zum
ferneren Anblicke dieser Herrlichkeiten stärken sollet.
[GS.02_044,18] Beobachtet also nur meinen Rat
und beschauet die weißglänzende Wand oder in euch diejenige Gemütsseite, die da
ledig ist von eitlen Gedanken der Welt; und ihr werdet das ganz einfache aber
vielsagende Zierakulum dieses Säulenrondells gar bald und leicht erschauen.
[GS.02_044,19] Sehet nur hin; an einer
durchsichtigen weißen Schnur hängt eine ganz einfache etwa eine Klafter im
Durchmesser habende höchst rein durchsichtige Kugel, und vom Boden des
Säulenrondells geht eine vollkommen runde, sehr schmale Kegelpyramide mit der
Spitze bis zur Kugel empor und ist ebenso durchsichtig wie die Kugel selbst.
Bemerket ihr solches? Ihr saget: Wir merken solches schon wie in einem ganz
leisen Bilde in uns. Gut, sage ich euch; denket aber nun darüber selbst ein
wenig nach und sehet, ob ihr die Bedeutung dieses Ornamentes nicht annähernd
finden werdet. – In der nächsten Gelegenheit will ich dann euren Fund gehörig
beleuchten. –
45. Kapitel – Göttlich-geistige Weisheit ist
Torheit vor der Welt.
[GS.02_045,01] Ihr habt solches getan und
habt darüber ein wenig nachgedacht; und ich sage euch: Hier ist das Verhältnis
also: Ihr hättet darüber denken können, was ihr gewollt, und ihr hättet
entsprechendermaßen vollkommen richtig und wahr ein Bild innerer Bedeutung
dieses Ornamentes treffen müssen. Ihr saget hier freilich wohl mit etwas
erstauntem Gemüte:
[GS.02_045,02] Wenn sich die Sache also
verhält, da hat man es im Reiche der Geister überaus leicht. Man kann auf diese
Weise ganz gedanken- und sinnlos allerlei unzusammenhängende Phrasen
hintereinander herplaudern und das noch dazu zur erörternden Beantwortung einer
allerwichtigsten Lebensfrage, und man hat am Ende durch allerlei nichtige
Faseleien unwillkürlich die größte Weisheit hervorgebracht.
[GS.02_045,03] Wir sind aber gegenteils der
Meinung, daß man im Geiste, um wahrhaft geistig weise zu sprechen, noch ums
Unvergleichliche bündiger sprechen muß denn auf der Erde, und das aus solchem
gewiß sicheren Grunde, weil dem Geiste auch viel triftigere und bündigere
Hilfsmittel zu Gebote stehen, so er im völlig absoluten Zustande sich befindet,
als auf der zerbröckelten Außenwelt, wenn er obendrauf noch von seiner schweren
Fleischmasse gefangen und niedergedrückt ist.
[GS.02_045,04] Ja, meine lieben Freunde und
Brüder, ihr habt einerseits wohl recht, so ihr das Geistige mit irdischem
Maßstabe bemesset; bemesset ihr aber das Geistige geistig, so werdet ihr
leichtlich gewahr werden, daß eure vorliegende Schlußfolgerung auf sehr
untüchtigen Füßen basiert. Ihr habt sicher in den Briefen meines lieben Bruders
Paulus gelesen, wo er sich nicht selten darüber ausspricht, daß die Weisheit
der Weisen in Christo vor der Welt eine barste Torheit sei. Das ist sie auch
richtig; wie denn aber?
[GS.02_045,05] Sehet, wenn ihr zählet, da
meinet ihr, die Ordnung in eurem Zahlensysteme sei vollkommen und habe keine
Lücken. Ich sage euch aber, daß zwischen jeder Zahl eine unausfüllbare Kluft
vorhanden ist und diese Kluft ist nur dem höchsten Geiste erschaulich
ausgefüllt. Was werdet ihr dann für ein Urteil fällen, so ein vom höchsten
Gnadenlichte erfüllter Geist vor euch hintritt und zählt zwischen eins und zwei
zahllose Milliarden hinein und sagt am Ende: Und noch ist die Kluft zwischen
euren zwei systematischen Ordnungszahlen bei weitem nicht ausgefüllt. Und wenn
er euch da noch in tiefere und tiefere unausgefüllte Klüfte zwischen den von
ihm gezählten Milliarden führen wird, welche sich alle zwischen eurer Eins und
Zwei befinden, so werdet ihr sagen:
[GS.02_045,06] Dieses Wesen hat im höchsten
Grade überspannte Begriffe und faselt da von unendlichen Größen, wo wir nichts
als zwei knapp aneinanderstoßende Einheiten erschauen.
[GS.02_045,07] Ein anderer Geist mag zu euch
kommen und wird euch Geschichten über eure Erde erzählen, über die graue
Vorzeit wie über die jüngste Vergangenheit und Gegenwart, welche auf der Erde
eigentlich nie geschehen sind. Ja, er kann noch einen anderen Streich tun, er
kann wirkliche Taten aus der Gegenwart ins graue Altertum zurückversetzen und
umgekehrt die Taten des grauen Altertums in die gegenwärtige Zeit; so kann er
auch die Orte verwechseln, wo eine oder die andere Tat begangen ward. Also kann
er auch die Erde mit der Sonne austauschen und dergleichen noch mehr solches
für eure Urteilskraft entsetzlich widersprechendes Zeug. Er kann da tausend
setzen, wo ihr eins habt, und so auch umgekehrt. Was werdet ihr mit eurer
irdisch weise geordneten Beurteilung dazu sagen? Sicher werdet ihr nichts
anderes herausbringen als: Siehe da, der Geist faselt!
[GS.02_045,08] Ihr saget in eurer
Weltweisheit: Wenn ich bin und denke, so bin ich der, der ich bin und denke. Der
Geist wird aber zu euch sagen: Ich bin und bin nicht; ich denke und denke
nicht; ich bin, der ich nicht bin; und ich denke, wie ich nicht denke. Was
werdet ihr dazu sagen? Nichts anderes als: Siehe da, der Geist faselt schon
wieder! Denn ordnungsmäßig kann ein bestimmtes Sein ja doch nicht zu gleicher
Zeit ein Nichtsein sein.
[GS.02_045,09] Sehet, aus diesem aber könnet
ihr leicht erschauen, daß sich die geistige Weisheit niemals nach dem irdischen
Maßstabe bemessen läßt. Damit ihr aber doch davon irgendeinen leisen Begriff
bekommet, so will ich nur das Sein und Nichtsein und das Denken und Nichtdenken
nach geistiger Weisheit ein wenig erleuchten. Und so höret!
[GS.02_045,10] Wenn der Geist sagt: Ich bin
und denke, so zeigt er dadurch an, daß der Herr in ihm alles in allem ist; und
sagt er von sich aus: Ich bin nicht und denke nicht, so redet er, daß ohne den
Herrn für sich selbst kein Wesen etwas ist noch etwas vermag. Wie ists denn
aber, wenn der Herr in der tiefen Weisheit Ähnliches von Sich aussagt, der doch
ewig alles in allem ist? Sehet, dann bezeiget solches, daß der Herr Selbst in
Sich Selbst ewig vollkommen ist und denket. Wenn Er aber spricht: Ich bin nicht
und denke nicht, so besagt das soviel als: Alle Wesen sind zwar Geschöpfe von
Mir und sind Meine durch Meinen Willen festgehaltenen lebendigen Gedanken; und
es gibt kein Ding in der ganzen Unendlichkeit, das Ich nicht gedacht und
schöpferisch mit Meinem Willen gefestet hätte. Damit aber Meinen Geschöpfen die
vollkommene Freiheit werde, so gebe Ich Meine Gedanken so vollkommen frei, als
hätte Ich sie nicht gedacht und nicht geschaffen, auf daß sie nun wie aus sich
ganz frei denken, schalten und walten können, als hingen sie von Mir nicht im
geringsten ab und als wäre Ich gar nicht vorhanden.
[GS.02_045,11] Sehet, das ist dann der
Weisheitssinn in den geistigen Begriffen, welche mit irdisch geordnetem
Maßstabe in ihrer geistigen Einfachheit freilich wohl als Faseleien angesehen
werden müssen. Wie es sich aber mit diesem für euch ein wenig erhellten Weisheitsbeispiele
verhält, also verhält es sich auch mit allen den früher angeführten Rechen- und
historischen Beispielen; und ihr könnet einen Geist fragen: Wie viel ist zwei
mal vier? und der Geist gäbe euch zur Antwort: Zwei mal vier ist Judäa oder China
oder Asien oder Europa oder Jerusalem oder Bethlehem oder der König Salomo und
dergleichen noch eine zahllose Menge Mehreres, so hätte er euch allzeit die
untrüglich wahre Antwort gegeben.
[GS.02_045,12] Aber ihr werdet dazu sagen:
Daß zwei mal vier acht ist, das sehen wir ein, aber daß zwei mal vier – Länder,
Städte und Völker bezeichnen sollen, das scheint wohl eine starke Faselei zu
sein. Mit irdisch geordnetem Verstande genommen, sicher; aber mit geistigem, wo
eine jede Zahl einen unerschöpflichen entsprechenden geistigen Grundsinn hat,
wird die Antwort vollkommen richtig sein. Ich sehe aber, daß euch diese Angabe
zu sehr wißbegierlich kitzelt, und ihr möchtet gern ein leises Fünklein haben,
so will ich euch ja gleichwohl ein paar Fünklein vorspringen lassen.
[GS.02_045,13] Sehet, zwei mal vier ist acht;
wie ist es aber Jerusalem? Sehet, in der Zahl 8 ist die Zahl 7 unfehlbar
enthalten. Die Zahl 7 aber besagt die Vollmacht der sieben Geister Gottes,
welche Entsprechung haben mit den sieben Farben und sonach auch mit dem Leben
eines jeden Menschen. Aber nun haben wir bei der Zahl 7 die Zahl 1; was besagt
denn diese? Sie besagt, daß diese sieben Geister nicht sieben, sondern im
Grunde nur vollkommen ein Geist sind; und das ist gleichsam in der Zahl 8 ausgedrückt,
in welcher Zahl zu gleicher Zeit die Geister Gottes abgesondert und dann
daneben zu eins vereint entsprechend dargestellt werden; und dieses vereinte
Eins zu dem früheren wie geteilten Sieben gibt die vollkommene Zahl 8.
[GS.02_045,14] Nun aber stellt Jerusalem den
Herrn ebenfalls unter dem wirkenden Standpunkte der Liebe und Weisheit vor;
welches ihr aus der Veranlassung der Entstehung dieser Stadt und ihrer
zweckdienlichen Einrichtung gar wohl ersehen könnet. Sonach ist der Herr oder
Seine Liebe und Weisheit oder die eben das bezeichnende Stadt Jerusalem ja
vollkommen identisch; und die den Herrn als ein in eins vollendetes Wesen
darstellende Zahl 8 muß ja dann alles dasjenige ebenfalls bezeichnen, was immer
nur aus was auch für einem Standpunkte betrachtet, den Herrn in Seiner
vereinten Vollkommenheit darstellt. Jerusalem aber tut solches; also kann es
auch mit eben dem gleichen Rechte unter der Zahl 8 bezeichnet sein.
[GS.02_045,15] Wie es sich aber mit Jerusalem
verhält, so verhält es sich im Grunde des Grundes mit allem andern; indem der
Herr doch sicher überall alles in allem ist; und somit die Zahl 8 in der
bestimmten Sphäre eines so gut wie das andere vollkommen richtig bezeichnen
kann.
[GS.02_045,16] Ihr saget hier freilich: Wenn
es sich mit 8 tut, so muß es sich auch mit allen anderen Zahlen tun. Das ist
richtig und sicher; aber ihr werdet solches, solange ihr noch mit irdischen
Zahlen und Maßstäben herumspringet und der Meinung seid, daß Gott und die
reineren Geister ebenso zählen müssen wie ihr, nicht völlig in der Tiefe
begreifen können.
[GS.02_045,17] Wenn aber ein Prophet spricht:
Vor Gott sind tausend Jahre wie ein einzelner Tag, und die Zahl aller Menschen
ist gleich null vor dem Herrn; was sagt ihr denn zu diesem mathematischen
Verhältnisse? Denn im Grunde müßt ihr denn doch sagen: Gott hat die Jahre und
die Tage gestellt, und hat das Jahr zusammengesetzt aus dreihundert und
etlichen und sechzig Tagen, und mußte da ja doch die Tage und Jahre Selbst eher
wohl unterschieden haben, sonst wäre es Ihm sicher nicht möglich gewesen, Tage
und Jahre so wohlgeordnet und wohl unterscheidbar nacheinander folgen zu
machen.
[GS.02_045,18] So aber der Herr solches
ersichtlichermaßen allerhöchst klar berechnend getan hat und Selbst sicher am
besten weiß, aus wieviel Tagen ein Jahr besteht, wie kann Er denn Seiner
eigenen gestellten Ordnung gewisserart wie vergessen und dieselbe so sehr
unbeachtet überspringen wollen und tausend Jahre einem einzelnen Jahrestage
gleichstellen?
[GS.02_045,19] Sehet, solch ein Spruch kommt
euch viel natürlicher vor, weil ihr euch denselben schon mehr angewöhnt, ihn
schon zu öfteren Malen gehört und darüber euch schon mehr oder weniger passende
Vergleichungen angestellt habt. Würdet ihr aber nie etwas davon gehört haben,
so würde er euch ebenso wundersam klingen, als so ich euch sagen möchte:
Siebenhundertdreißig und vier Jahre sind gleich 27 Tagen und etlich wenigen
Stunden und einer Stunde und einer Minute für sich.
[GS.02_045,20] Aus diesem aber will ich euch
nur zeigen, daß die Zahlen, Jahre, Tage, Stunden und Minuten im Geiste durchaus
nicht das bezeichnen, als was sie dastehen, sondern die Weisheit des Geistes
ist eine andere als die des irdischen Verstandes. Und so denn werdet ihr
hoffentlich nun auch ein wenig zu begreifen anfangen, daß ich ehedem vollkommen
richtig zu euch gesprochen habe, da ich zu euch sagte: Ihr möget über die
Bedeutung dieses Zierakulums was immer für ein Entsprechungsbild aufgestellt
haben, so habt ihr dennoch vollkommen den wahren Sinn dieses Säulenrondell-Ornamentes
bezeichnet.
[GS.02_045,21] Damit ihr aber euch davon
desto lebendiger überzeugen möget, so setzet wie zufällig ein bezeichnendes
Entsprechungsbild über die Bedeutung dieses Ornamentes auf, und ich werde euch
mit der Gnade des Herrn bei der nächsten Gelegenheit zeigen, daß ich in der
aufgestellten Behauptung vollkommen recht habe. – –
46. Kapitel – Ineinanderfließen von Ewigkeit
und Zeit.
[GS.02_046,01] Ich habe vernommen und wohl
eingesehen euer vergleichend aufgestelltes Bild und muß euch noch obendrauf
hinzu bekennen, daß ihr auf eurer Erde in kurzer Zeit Besitzer von Millionen
werden könntet, so euch der Haupttreffer aus den Lotterien so sicher wäre, als
wie grundrichtig eure aufgestellte Vergleichung die innere Bedeutung unseres vorliegenden
Ornamentes darstellt. – Ihr habt den Nagel auf den Kopf getroffen. Aber das
will hier eben nicht zuviel gesagt haben; denn wo man den Nagel nirgends anders
als auf den Kopf treffen kann, da hört es dann auch auf, eine Kunst zu sein, ja
sogar ein Gelingen, einen Nagel auf den Kopf zu treffen. Denn ihr hättet auch
ebensogut sagen können: Die untere Spitzpyramide bedeutet eine „Maus“ und die
hängende Kugel eine „Katze“ – und ihr hättet die Sache ebensorichtig bezeichnet
als mit der „Zeit“ und mit der „Ewigkeit“. Daß aber solches alles richtig ist,
wird sogleich unsere nachfolgende Betrachtung zeigen.
[GS.02_046,02] Daß eine Kugel, welche
nirgends einen Anfang und nirgends ein Ende hat, am allerfüglichsten die
Ewigkeit bezeichnet wie auch die der Ewigkeit innigst verwandte Unendlichkeit,
das ist schon eine uralte sinnbildliche Wahrheit.
[GS.02_046,03] Ein Kreis bedeutet wohl auch
die Ewigkeit, aber nur so, wie sie gewisserart als eine unendliche Zeitenfolge
zu betrachten ist; aber die Ewigkeit in sich, welche gewisserart weder eine
Vergangenheit, noch eine Zukunft, sondern eine fortwährende Gegenwart all des
schon vor undenklichen Zeiten Geschehenen und des nach undenklichen Zeiten noch
zu Geschehenden wie in einem unendlichen Zeitenknäuel vollkommen gegenwärtig
darstellt, wird durch eine Kugel symbolisch bezeichnet.
[GS.02_046,04] Eine Spitzpyramide von
kreisrunder Form (Spitzkegel) aber bezeichnet allerdings die Zeitenfolge; warum
denn? Weil fürs erste die Kreisrundung der Spitzpyramide den Ausgang aus der
Ewigkeit dadurch anzeigt, daß sie eigentlich eine gestreckte Kugel beschreibt,
deren Kreise sich gegen den Streckpunkt stets mehr und mehr beengen. Schneidet
ihr eine solche nach zwei Seiten gestreckte Kugel bei der Mitte auseinander,
d.h. durch den Gürtel, so werdet ihr dann zwei Pyramiden (Kegel) bekommen, was
soviel sagt, daß durch diese Manipulation die eigentliche Ewigkeit in sich zu
einer Zeitenfolge ist ausgedehnt worden. Und da ihr die ausgestreckte Kugel
durch den Gürtel auseinander teilet, da liegen alle Fakta dazwischen; denn da
ist ihr Anfang und ihr Ende.
[GS.02_046,05] So könnet ihr euch auch keine
begrenzte Zeit denken, wohl aber eine eingeteilte. Wo ihr aber die gestreckte
Kugel als die zur Zeitenfolge ausgedehnte Ewigkeit abteilet, da steckt, wie
gesagt, irgendein Faktum von seinem Anfange bis zu seinem Ende dazwischen, ohne
das an keine Zeiteinteilung zu denken ist. Denn denket nur einmal nach, wie
lange messet ihr wohl schon die Zeit? Von eurer Geburt an bis zur gegenwärtigen
Lebensperiode. Sehet, das ist euer Durchschnitt; dieser schließt den Anfang und
das Ende eures irdischen Lebens in sich, und nach beiden Seiten hin ist eine
endlos ausgestreckte Linie, deren Ende nirgends als nur für euch bei eurem
Lebens-Durchschnitte zu finden ist, d.h. vor eurer Geburt ist eine ewig lange
Zeit vergangen, und nach eurem Übertritte wird ebenfalls wieder eine unendliche
Zeitenfolge fortwähren.
[GS.02_046,06] Nun sehet unser Ornament an;
eine Kugel, vollkommen durchsichtig, hängend an einer ebenfalls vollkommen
durchsichtig glatten Schnur. Diese Kugel berührt mit ihrer untersten Sphäre die
Spitze unserer Rundpyramide. Was will solches denn sagen?
[GS.02_046,07] Die in sich selbst komplette
Ewigkeit oder Unendlichkeit, welche durch die Kugel dargestellt wird, dehnt
sich in der Pyramide zu einer ewigen Zeitenfolge aus und fließt aus der Kugel
wie aus einem ewigen Urborne, gleichsam durch die Spitzpyramide in die taten-
und werkreichen Zeitperioden aus.
[GS.02_046,08] In diesem nun soviel als
möglich erklärenden Satze werdet ihr sicher so ziemlich klar ersehen, daß euer
Bild zur vorläufigen Erklärung dieses Ornamentes ein sicher ganz überaus
wohlgelungenes war, denn ihr möget es wenden und drehen, wie ihr wollt, so
werdet ihr allezeit dasselbe Endresultat bekommen.
[GS.02_046,09] Aber wie ginge es denn mit der
Katze und mit der Maus? – Sehet, ihr dürfet die Sache nur umkehren und das Bild
ist wieder richtig. Die Katze ist ein Tier, das fortwährend mit der Mordlust
für Mäuse und auch für andere mausähnliche Tierchen erfüllt ist; die Pyramide
stellt sonach eine Maus dar, wie schon im Anfange bezeichnet wurde, und die
Kugel die Katze.
[GS.02_046,10] Wie aber die Katze, ein
Raubtier, fortwährend die Mäuse verschlingen will, so verschlingt ja auch die
Ewigkeit fortwährend alle die aus ihr herausgetretenen Zeitfolgen und alle
Werke in denselben.
[GS.02_046,11] In der Ewigkeit könnet ihr
alles: Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges wie auf einem Punkte beisammen
treffen. Wenn es aber also anzutreffen ist, so muß es als ein Verschlungenes
anzutreffen sein.
[GS.02_046,12] Sehet auf unsere Katze;
könntet ihr sie geistig beschauen, so würdet ihr in diesem Tiere nichts anderes
als ein Aggregat von nahe zahllos vielen Mäusen und mausähnlichen Tierchen
erschauen. Daß solches richtig ist, dafür spricht die ziemlich bedeutende
Ähnlichkeit zwischen diesen beiden Tiergattungen. Bei der Katze ist alles nur
mehr abgerundet, welches die größere Inhaltskomplettheit darstellt, ähnlich mit
der Kugel. Bei der viel kleineren Maus ist alles mehr gespitzt; das bezeigt die
bei weitem geringere Inhaltskomplettheit.
[GS.02_046,13] Ihr saget hier freilich: Wenn
ein erklärendes Bild vollkommen richtig sein soll, da muß es auch den Abgang und
nicht nur allein den Auf- oder Rückgang, also das Ausbeuten ebensogut wie das
Wiederverzehren bezeichnen. Es ist wahr, die Katze verschlingt die Mäuse, wie
die Ewigkeit die Zeitenfolge und ihre Werke; aber die Zeitenfolge und ihre
Werke gehen auch aus der Ewigkeit hervor. Ob aber auch die Mäuse aus der Katze
hervorgehen? Darüber scheinen die vielen Weisen des Morgenlandes zu schweigen;
und wir sind der Meinung, daß wir solches auch mit einem zentralsonnengroßen
Steine der Weisen in der Hand kaum herausbringen werden!
[GS.02_046,14] Ja, meine lieben Freunde und
Brüder, mit eurer irdischen Weisheit dürfte es ja wohl ein wenig schwer gehen.
Aber es war dennoch bei den alten Weisen ein ganzer Wust von Sprichwörtern,
mittels deren man für einen wirklich Weisen so ziemlich dartun konnte, daß aus
den Katzen durch eine gewisse naturgemäße kreisförmige Umbildung die Mäuse am
Ende wieder aus der Katze hervorgehen. Ihr saget schon: Jedem Lappen gefällt
seine Kappen; die Alten haben gesagt: Similis simili gaudet – gleich und gleich
gesellt sich gern, und dergleichen noch eine Menge ähnlicher Sprichwörtchen.
[GS.02_046,15] Ihr wisset aber, daß bei dem
Umstehen eines Tieres dessen animalischer Nervengeist allein nur in eine höhere
Ordnung aufsteigt; der zurückgebliebene Körper als ein Aggregat von unteren
Naturpotenzen zerfällt dann wieder und kehrt durch den Kreisgang genau wieder
auf den Punkt zurück, der sein ordnungsmäßiger Vorgänger ist.
[GS.02_046,16] Die Katze nimmt das Leben
derjenigen Tierwelt, die sie verzehrt, in sich auf und befördert in sich
dasselbe zu einer höheren Stufe. Aber der Leib der Katze macht eine
Rückbewegung, und die in ihm noch vorhandenen Kräfte bilden sich durch den
Zyklus wieder zu Mäusen und darum – (jedem gefällt das Seinige) – gefällt auch
der Katze ihr Wesen, welches durch den geordneten Zyklus zurückgekehrt ist in
der Maus und in allen jenen Tierchen, die mit dieser auf einer verwandten Stufe
stehen.
[GS.02_046,17] Also sehet ihr nun, daß auch
dieses Bild richtig ist, und wir haben bei dieser Gelegenheit unser Ornament
möglichst umfassend beleuchtet und wollen uns, da hier aus der sehr
durchsichtigen Materie nicht viel mehr herauszubekommen ist, sogleich um ein
Stockwerk höher begeben, also ins neunte oder in die zehnte Galerie.
47. Kapitel – IX. Stockwerk. Unterschied
zwischen Weisheits- und Liebelicht.
[GS.02_047,01] Wir hätten uns über die
überaus zarte Rundtreppe heraufgehoben und befinden uns nun ganz wohlbehalten
im neunten Stockwerke oder auf der zehnten Galerie. So denn sehet euch nur
sogleich recht aufmerksam um und saget es mir dann nach der gewöhnlichen Art
und Weise, was alles ihr hier Neues und Denkwürdiges erschaut habt.
[GS.02_047,02] Ihr machet hier, wie ich sehe,
ein wenig große Augen und stutzet. Was ist es denn, das euch hier also zu
befremden scheint?
[GS.02_047,03] Ihr saget: Lieber Freund und
Bruder, außer einer lichtgrauweißlichen, kontinuierlichen Wand des
Hauptgebäudes entdecken wir zur Abwechslung gar nichts, außer, so wir abwärts
sehen, Teile der früheren Galerien; aber das, darauf wir stehen, können wir
nicht erschauen, also weder einen Boden, noch irgendein Säulenrondell, noch ein
Geländer und schon am allerwenigsten irgendein Säulenrondell-Ornament. Sollten
sich aber jedoch solche Dinge auch auf dieser ganz entsetzlich luftigen zehnten
Galerie vorfinden, so bitten wir dich im Ernste um eine Augensalbe, denn mit so
bestelltem Augenlichte werden wir ganz entsetzlich wenig zu Gesichte bekommen
und darnach urteilen können, was alles Wunderherrliches und Vielbedeutendes
sich etwa auf dieser zehnten Galerie vorfindet.
[GS.02_047,04] Lieber Freund und Bruder! Wenn
allfällig im Innern dieses neunten Stockwerkes auch Menschen wohnen und diese
von ebenfalls so überaus durchsichtiger Natur sind wie diese gegenwärtige
Galerie, da meinen wir, wird es für uns keine Gefahr haben, solche anzusehen;
so wenig, als es auf der Erde für die Menschen von irgendeiner sinnlich
bezaubernden Gefahr ist, wenn sie auch von den allererhabenst schönsten
himmlischen Wesen umgeben sind, aber von ihnen nicht ein Atom groß zu sehen
bekommen.
[GS.02_047,05] Wenn wir überhaupt so recht
aufmerksam auf die kontinuierliche Wand hinsehen, so entdecken wir nicht einmal
irgendeine Eingangstüre; und es hat sehr stark den Anschein, als wohneten
hierin entweder pure Geister, oder es wohne gar niemand darinnen. Fürwahr, über
diese höchst luftige Einrichtung könnte man sich im Ernste ein wenig lustig
machen, denn wo nichts zu sehen ist, da ist für das betrachtende Subjekt auch
so gut wie gar kein Objekt vorhanden. Ohne Objekt aber möchten wir denn doch
auch ein wenig wissen, wie man da zu irgendeinem anschaulichen Begriffe
desselben gelangen kann, außer man schmiedet aus seiner eigenen Phantasie ein
ganzes Regiment Hypothesen, mischt sie dann wie Spielkarten untereinander,
wirft sie in seinen Glückstopf, zieht blindlings eine aus demselben hervor und
macht dann diese zu einem Haupttreffer.
[GS.02_047,06] Fürwahr, es scheint sehr
stark, daß wir auf dieser Galerie werden zu unsichtbaren Hypothesen unsere
Zuflucht nehmen und sagen müssen, was allenfalls sich hier vorfinden kann; aber
nicht, was sich etwa im Ernste vorfindet.
[GS.02_047,07] Ja, meine lieben Freunde und
Brüder, dem Anscheine nach habt ihr freilich wohl hier in so manchen Stücken
recht; aber der Wirklichkeit nach sind eure Angaben und Mutmaßungen, wie auch
so manche witzig scheinende Phrasen noch ums Außerordentliche viel luftiger und
durchsichtiger als die Gegenstände dieser zehnten Galerie.
[GS.02_047,08] Habt ihr nie gehört auf der
Erde und nie gesehen, welches Mittels sich die Blinden statt des Augenlichtes
bedienen? Ihr saget: Diese greifen und befühlen, ob und was da ist. Nun gut;
wenn ihr hier für diese Gegenstände so gut wie blind seid, so greifet, und ihr
werdet euch dann ja wohl überzeugen, ob etwas oder ob nichts da sei.
[GS.02_047,09] Ich sage euch: Wir befinden
uns knapp an einem Säulenrondell, welches hier freilich wohl nur mehr aus zwölf
einzelnen Säulen besteht. Tastet ein wenig um euch, und euer Gefühl wird euch
gar bald sagen, wie es sich mit der Sache verhält. Sehet, da hinter euch ist
gleich eine Säule; nur hingegriffen, und ihr werdet sie sogleich sicher recht
wohl gewahren.
[GS.02_047,10] Nun, ihr habt solches getan;
habt ihr eine Säule entdeckt oder nicht? Ihr saget: Fürwahr, lieber Freund und
Bruder, wir haben noch dazu eine überaus feste Säule mit unseren Händen
entdeckt; aber was ist denn das für eine entsetzliche Materie, die bei solch
einer außerordentlichen Festigkeit also durchsichtig ist, daß von ihr auch mit
dem schärfsten Blicke keine Spur zu entdecken ist? Auf der Erde ist solch eine
Erscheinung undenklich.
[GS.02_047,11] Ja, meine lieben Freunde und
Brüder, ich sage euch hierzu nichts anderes als: Alles richtet sich nach der
Gestalt (Wesen) der Sache. Es werden sich aber dennoch Beispiele finden lassen,
durch die diese Erscheinung sich sogar auf eurer Erde recht gut wird erklären
lassen. Die Erfahrung wird es euch lehren, so sie es euch nicht schon gelehrt
hat, daß ganz gleiche Gegenstände, d.h. Gegenstände von vollkommen gleicher
Farbe, voneinander unter gewissen Bedingungen mit dem allerschärfsten Auge
nicht unterscheidbar sind.
[GS.02_047,12] Nehmet zum ersten Beispiele
eine vollkommen weiße Wand und malet dann mit eben der vollkommen weißen Farbe
eine Landschaft auf diese weiße Wand, und wenn sie fertig sein wird, dann
versuchet eure Augen, ob ihr von der Landschaft etwas entdecken werdet? Sehet,
da hätten wir schon ein Beispiel.
[GS.02_047,13] Nehmet einen geschliffenen
Diamanten und leget ihn in durch eine kleine Esse angefachte Kohlenglut. Der
Diamant wird sobald, ja im ersten Augenblicke, in die vollkommene Glühe der
Kohlen übergehen, obschon sich bei solcher Hitze nicht im geringsten
verflüchtigen. Rufet dann jemanden herbei, der die Stelle nicht weiß, dahin der
Diamant gelegt worden ist, und er kann einen ganzen Tag lang in die Glut
hineinstarren, und ihr könnet versichert sein, daß er so wenig wie ihr selbst
von dem Diamanten die allerleiseste Spur entdecken wird. Warum denn nicht? Weil
der Diamant als ein höchst durchsichtiger Körper unter ganz gleichen Licht- und
Glühumständen selbst als ein überaus fester Körper von seiner Umgebung nicht
unterscheidbar ist, indem seine Kanten unter solchen ganz gleichen Umständen
keine Abmarkung seiner Form erschaulich zulassen.
[GS.02_047,14] Sehet, das ist schon wieder
ein Beispiel auf der Erde. Gehet in eine Glasfabrik; nehmet da Glasperlen oder
sonstige Gegenstände aus Glas und werfet sie hinein in die weißglühend flüssige
Glasmasse im Schmelztigel, sehet dann recht fest hinein und beschreibet euch
gegenseitig die verschiedenen Glasperlformen, wie sie allenfalls aussehen; ihr
werdet davon so viel wie gar nichts entdecken. Sehet, da hätten wir schon
wieder ein Beispiel auf der Erde.
[GS.02_047,15] Nun ein euch gar nahes
Beispiel! Schüttet in ein ganz reines Glas ebenfalls ein ganz reines Wasser und
versuchet dann, ob ihr vom gefüllten Glase die innere Wand, an der natürlich
das Wasser liegt, entdecken könnet? – Noch mehr Beispiele: Leget ein vollkommen
reines Glas in ein ebenfalls vollkommen reines Wasser, und ihr werdet von dem
Glase eben nicht gar zu viel zu Gesicht bekommen. Ferner laßt euch von
vollkommen reinem Glase, welches auf beiden Seiten spiegelblank geschliffen
ist, eine Fensterscheibe einschneiden und versuchet vom Zimmer aus, etwas vom
Glase der Fensterscheibe zu entdecken. Ihr könnt versichert sein, ein jeder
Fremde, der in euer Zimmer kommen wird, wird zu euch sagen: Aber warum lasset
ihr denn da keine Scheibe hineinschneiden? Warum wird er denn solches sagen?
Weil er die Materie des reinen Glases von der gleich reinen Luft nicht zu
unterscheiden vermag.
[GS.02_047,16] Dann ferner gehet an einem
nebligen Tage an ein Wasser und versuchet, ob ihr vom Wasser etwas entdecken
könnet, wenn der Nebel auf desselben Oberfläche liegt. Andere Gegenstände
werdet ihr in gleicher Entfernung noch recht gut ausnehmen; aber nur die
Oberfläche des Wassers nicht, weil dieses natürlich die gleiche Färbung mit dem
über ihm schwebenden Nebel annimmt. Desgleichen werdet ihr auch auf einem Gletscher
selbst schon bei einem schwachen Nebel von den Eisformen desselben, sogar unter
euren Füßen, nichts mehr zu entdecken imstande sein. Die Ursache liegt
ebenfalls im gleichen Lichte.
[GS.02_047,17] Nehmet ihr z.B. zum Beschlusse
noch an, ihr befändet euch in einer Doppelsonnen-Weltsphäre, wo nicht selten
für die Bewohner der Planeten eine Sonne vor der andern, wenn schon in
bedeutender Entfernung, also vorüberzieht, wie bei; einer Sonnenfinsternis euer
Mond scheinbar die Sonne verdeckt. Beim Monde könnet ihr ganz genau merken, in
wie weit dessen scheinbare Scheibe über die scheinbare Scheibe der Sonne
gezogen ist. Würdet ihr wohl auf eine gleiche Art zwei übereinander gezogene
Sonnenscheiben ebensogut unterscheiden können? Ihr würdet da nichts als eine Zusammenschmelzung
der zwei Sonnen in vollkommen eine ausnehmen; aber die Abmarkung der einen
Glanzscheibe gegen die andere wird euren Augen völlig entgehen ob des gleichen
Lichtes.
[GS.02_047,18] Ich meine, wir werden der
Beispiele genug haben, aus denen ihr die Nichtsichtbarkeit der Gegenstände
dieser Galerie gar leicht erklärlich finden werdet. Der Grund liegt nämlich
darin, weil die Gegenstände in gleicher Farbe und gleicher Durchsichtigkeit mit
dem sie allenthalben umgebenden ätherischen Lichtstoffe sind.
[GS.02_047,19] Dieses ist aber nicht nur
materiell richtig, sondern auch geistig. Denket euch eine Gesellschaft von
vollkommen gleich weisen Menschen; wie werden sich die untereinander verhalten?
Ich sage euch: nicht anders als wie Blinde, Taube und Stumme, denn keiner wird
dem andern etwas zu sagen haben, weil er schon im voraus weiß, daß sein Nachbar
ganz bestimmt das weiß, was er ihm sagen möchte. Ein gleicher Fall ist ja in eurem
gewöhnlichen Leben ersichtlich vorhanden.
[GS.02_047,20] Was tun zwei Bekannte, so sie
dann und wann zusammenkommen? Sehet, alsbald fragt einer den andern: Nun, was
gibt es denn Neues? Weiß einer dem andern etwas Neues zu erzählen, so wird ihn
der andere mit großer Aufmerksamkeit anhören; wissen aber beide miteinander
nichts, so wird der Diskurs von sehr kurzer Dauer sein. Warum denn? Weil in
diesem Falle die beiderseitigen Wissenschaftslichtfarben ganz homogen sind.
Derselbe Fall wird es auch sein, wenn beide eine und dieselbe Neuigkeit schon
geraume Zeit wissen. Wie der eine dieselbe zu erzählen anfangen wird, so wird
ihm der andere sogleich sagen: O das ist ja schon etwas Altes; wenn du nichts
Besseres weißt, so haben wir schon ausgeredet.
[GS.02_047,21] Desgleichen ist es auch der
Fall, wenn ein Blinder den andern führen soll, oder ein Dummer den andern
unterrichten. Wie weit dergleichen Menschen kommen werden, ist bekannt und
braucht nicht näher erörtert zu werden.
[GS.02_047,22] Aber aus eben dem Grunde
können auch die Menschen auf dem Erdkörper die sie umgebenden Geister nicht
sehen, weil sie selbe sehen möchten mit ihren Augen, die da homogen sind mit
ihrem Verstande, und dieser homogen mit der formellen Substanz der Geister.
[GS.02_047,23] Wenn aber jemand in seine
Liebe geht, welche ein anderes Licht ist als das Licht der puren Weisheit, so
wird er auch sobald die geistigen Formen um sich zu schauen anfangen, und diese
werden sobald verschwinden, wie er sie in sein Denken aufnehmen wird. – Sehet, das
ist so ein kleiner Anfang von dem, was wir hier werden kennenlernen; fanget
daher nur recht tüchtig an, um euch umherzugreifen, und wir werden fürs nächste
Mal hinreichend Stoff zur belehrenden Erörterung bekommen. –
48. Kapitel – Die zwölf Träger des Lebens.
[GS.02_048,01] Ihr habt schon mehrere Säulen
begriffen; nun verfüget euch denn auch in die Mitte auf diese Stelle hierher,
wo ich mich befinde, und greifet da auch ein wenig nach aufwärts und saget mir,
was ihr da begriffen habt.
[GS.02_048,02] Ihr saget: Lieber Freund und
Bruder, wenn uns das Gefühl nicht täuscht, so begreifen wir Kugeln etwa von der
Größe eines Menschenkopfes. Diese sind an zwei Querstäbe gesteckt und bilden
sonach ein gleicharmiges horizontal hängendes Kreuz vom Boden gerade so weit
entfernt, daß wir es mit unseren Händen noch ziemlich leicht erreichen können.
Das ist aber auch schon alles, was wir hier zu entdecken vermögen.
[GS.02_048,03] Bei der Umfassung der Säulen
haben wir auch noch eine höher hinaufführende Treppe entdeckt, welche mit einem
flachen Geländer umfaßt ist. Wie sichs aber über solch eine nicht sichtbare
Treppe wird höher wandeln lassen, das mag wohl auf jeden Fall der nachfolgenden
Erfahrung vorbehalten sein. In dem liegt nun gar alles; was wir entdeckt haben,
und du, lieber Freund und Bruder, magst uns darüber eine Erklärung geben, wenn
darüber überhaupt eine Erklärung möglich ist.
[GS.02_048,04] Wenn es eigentlich auf uns
ankäme, so wären wir bei weitem eher geneigt, uns von dieser zu durchsichtigen
Galerie wieder um einige Stocke abwärts zu begeben als nur einige Staffeln in
eine wahrscheinlich noch durchsichtigere Galerie höher zu gehen; aber, wie
gesagt, es kommt hier allein auf dich an. Wir sind mit der Darstellung dieser
höchst unsichtbaren Denkwürdigkeiten zu Ende, mache du nun daraus, was dir gut
dünkt. – Daß wir dir ein geneigtes Ohr leihen werden, dessen brauchen wir dich
gar nicht im voraus zu versichern.
[GS.02_048,05] Gut, meine lieben Freunde und
Brüder; ihr habt die auf dieser zehnten Galerie merkwürdigen Gegenstände
richtig beschrieben, abgerechnet einige schwache Witzfloskeln, die freilich
nicht so ganz hierher taugen. Es ist zwar wohl der Witz auch ein Produkt der
Weisheit; aber er steht als solches auf der alleruntersten Stufe derselben.
Alle sogenannte Satirik ist fortwährend auf gewisse menschliche Schwachheiten
berechnet und ist daher ein schlechter Fechtmeister; denn ein Held, welcher nur
gegen Kinder zu Felde zieht und will vor diesen Schwächlingen seine Stärke
zeigen, beim Anblicke eines wirklichen Helden aber Berge über sich ruft,
verdient wahrlich diesen Namen nicht.
[GS.02_048,06] Der Löwe ist kein
Mückenfänger; der aber da Mücken fängt und sich mit dem Abwägen einer
Schafwollocke abgibt, der hat sicher die Natur des Löwen nicht. Also ist auch
die Satirik und andere ihr entstammende Witzeleien mit der eigentlichen
Tiefsinnigkeit der Weisheit des Geistes spottwenig verwandt; man könnte sie
sehr gut und am allerbezeichnendsten eine barste Schmarotzerpflanze am Baume
der tiefen inneren Erkenntnis des Lebens nennen.
[GS.02_048,07] Also, solches ist auch gut,
daß ihr es euch merket; denn die Dinge, die wir vor uns haben, sind von zu
ernster großartig erhabenster Art, als daß wir sie gewisserart mit eitlem
Laubwerke von den Schmarotzerpflanzen verzieren sollten. Wie groß und
vielbedeutend aber diese Gegenstände sind, werdet ihr sogleich aus meiner
folgenden Erörterung entnehmen; und so höret denn:
[GS.02_048,08] Die Säulen dieses Rondells
stellen die Lebenskräfte des Menschen dar. Zwölf Säulen habt ihr entdeckt. Wenn
ihr das Gebiet der Leben äußernden Kräfte durchgehet, so werdet ihr mit
leichter Mühe finden, daß dasselbe auch auf zwölf ähnlichen Trägern ruht.
[GS.02_048,09] Wie lauten aber diese Träger,
welche Namen haben sie? Wir wollen sie ganz kurz durchgehen; der erste Träger
heißt: Du sollst allein an einen Gott glauben.
[GS.02_048,10] Der zweite Träger: den Namen
Gottes, der da heilig ist, überheilig, sollst du nimmer, weder durch Worte noch
Gedanken, Begierden und Taten entheiligen.
[GS.02_048,11] Der dritte Träger heißt:
Unterlaß nie, die Ruhe des Herrn zu feiern, sondern gedenke an dieser in deinem
Herzen Gottes, deines Herrn und Schöpfers! Denn in dieser Ruhe nur wird dich
der Herr, dein Gott, ansehen und segnen dein Leben.
[GS.02_048,12] Der vierte Träger heißt: Zolle
allezeit Gehorsam, Liebe und Achtung denen, die dich durch die Kraft Gottes in
ihnen gezeugt haben, so wirst du dadurch dir das Wohlgefallen Gottes erringen;
und dieses wird sein ein mächtiger Grund aller Wohlfahrt deines Lebens!
[GS.02_048,13] Der fünfte Träger heißt: Achte
das Leben in allen deinen Brüdern, so wirst du den Wert des eigenen Lebens
erkennen; tötest du aber einen aus deinen Brüdern, so hast du dadurch deinem
eigenen Leben eine tödliche Wunde versetzt.
[GS.02_048,14] Der sechste Träger lautet und
heißt: Achte die zeugende Kraft in dir wie die aufnehmende im Weibe; denn
siehe, Gott, dein Herr, hat dieses allmächtige Fünklein aus Seiner höchsten und
tiefsten Liebe in dich gelegt. Mißbrauche daher nie diese heilige Kraft Gottes
in dir und zerstreue sie nicht vergeblich; so wirst du ein allzeitiger Mehrer
deines eigenen Lebens und des Lebens deiner gezeugten Kinder sein.
[GS.02_048,15] Der siebente Träger lautet:
Siehe, alles, was da ist, ist ein Eigentum des Herrn, deines Gottes und
Schöpfers; was Er gemacht hat, hat Er für alle gemacht. So dein Bruder aber
eine Frucht vom Baume genommen hat, so hat er sie aus der Hand Gottes genommen;
und du sollst dir dann kein eigenmächtig Recht einräumen, ihm, dem Bruder
nämlich, die einmal genommene Frucht auf was immer für eine Art wegzunehmen. Es
ist besser, nichts zu nehmen und nichts zu haben, als etwas zu nehmen und zu
haben, das zuvor schon ein anderer Bruder aus der Hand des Herrn zu eigen
empfing: denn nur der Herr ist ein allein rechtmäßiger Austeiler Seiner Dinge.
Wer daher sich die Rechte Gottes anmaßt, der ist ein Frevler an der göttlichen
Erbarmung und versteinert sein Herz, auf daß es ja nicht mehr fähig werde zur
Aufnahme des Lebens.
[GS.02_048,16] Der achte Träger heißt: Gott
ist die ewige Wahrheit. In Seiner Wahrheit sprach Er Sein ewiges Wort aus, und
das Wort selbst ist die Wahrheit Gottes. Aus diesem Worte bist du Mensch
hervorgegangen; daher sollst du diesem ewig heiligen Ursprunge getreu bleiben
und sollst alle deine Worte allezeit demjenigen gleich treu und wahr stellen,
aus dem du selbst hervorgegangen bist; wo nicht, so tötest du das Urwort in dir
und somit dein eigenes Leben.
[GS.02_048,17] Der neunte Träger lautet:
Gott, der Herr, hat dir mannigfache Sinne und Kräfte verliehen. Diese sollst du
im Zaume halten wie ein junges Bäumchen im Garten deines Lebens, damit es
mächtig heranwachse zur riesigen Kraft und Stärke eines mächtigen Baumes. Wenn
du aber solche deine Sinne, Triebe und Begierden nach allen Richtungen
herumschießen lässest, so wird dein Lebensbaum nie zur vereinten Kraft
erwachen, sondern entweder verdorren oder zu einem nichtigen Gebüsche und
Gestrüppe werden, in dem sich wohl allerlei Geschmeiß aufhalten wird, aber die
Vögel des Himmels werden nimmer da ihre Wohnung nehmen.
[GS.02_048,18] Der zehnte Träger heißt: Siehe
das Weib nicht mit begierlichen Augen an, und das Weib deines Nachbars und
deines Bruders betrachte in der Begierde deines Herzens als wäre es nicht da,
so wird dadurch deinem Geiste ein freies Gedeihen werden. Und wirst du in der
Kraft deines Geistes dich befinden, dann wird es dir ein Leichtes sein, die
Kraft des Geistes in deinem Weibe dir wahrhaft zu vermählen, welches wird sein
eine wahre Ehe vor Gott. Verbindest du dich aber mit deinem Weibe nur nach
deiner Begierde, die noch unreif ist, so wirst du durch solchen Verband deinen
Geist mit dem Geiste deines Weibes nur zusammenknebeln, wodurch dann aus zwei
Geistern ein unbehilflicher Sklave wird, und wird da nicht können ein Geist dem
andern die heilige Lebensfreiheit je verschaffen, sondern noch die
ursprüngliche in der stets mächtigeren Umstrickung verlieren.
[GS.02_048,19] Wie heißt denn der elfte
Träger? – Also heißt er: Gott ist in Sich Selbst die ewige und allerreinste
Liebe Selbst. Aus dieser unendlichen Liebe bist du Mensch hervorgegangen; also
ein Werk der Liebe bist du. Daher sollst du auch Gott, deinen Schöpfer, der
dich ganz und gar aus Seiner Liebe gebildet hat, mit aller deiner Liebe
ergreifen und Ihn lieben über alles! Tust du solches, so ergreifst du das
ewige, unvergängliche Leben und lebst ewig in selbem. Tust du es nicht, da
trennst du dich vom Leben, und das Los deiner Trennung ist der ewige Tod!
[GS.02_048,20] Der zwölfte Träger endlich
lautet: Siehe Mensch, wie du, so sind auch alle deine Brüder aus einer und
derselben unendlichen Liebe Gottes hervorgegangen. Daher kannst du Gott nicht
lieben über alles, wenn du deine Brüder nicht liebst, welche ebensogut wie du
nichts anderes als die allmächtige Liebe des Herrn wesenhaft sind. –
[GS.02_048,21] Meine lieben Brüder und
Freunde! Ich meine, unser Säulenrondell ist dadurch zur Genüge beleuchtet
worden. – Ein unsichtbares Kreuz hängt in der Mitte desselben und ist aus so
viel Kugeln quer zusammengestellt, als wie viel Säulen wir hier gezählt haben;
ist aber nur durch das Gefühl, und nicht mit dem Lichte der Augen wahrzunehmen.
[GS.02_048,22] Sehet ihr hier das Geheimnis
des Glaubens? – Nicht schauen könnet ihr, das ihr glaubet, obschon es ewig fest
vor euren Augen steht.
[GS.02_048,23] Befühlet zuvor die inneren
Lebensträger in euch und gehet dann in euer Inneres, da werdet ihr alle
Lebenskräfte vereint in diesem heiligen Zeichen erschauen. Eine jede
Lebenskraft ist eine Säule und eine Kugel am Zeichen, die Säule darstellend die
Kraft, die Kugel die Vollendung des Lebens in jedem Zweige desselben.
[GS.02_048,24] Das Kreuz, auf eurer Erde
aufgestellt, ist in seiner Zusammenfassung ein Bild des Glaubens. In seinen
Einzelheiten stellt es mit dem aufrechtstehenden Balken, der größer und länger
ist denn der Querbalken, die Liebe zu Gott, und mit dem Querbalken die Liebe
zum Nächsten dar. – Dieses horizontal hängende Kreuz hier aber bezeichnet die
Weisheit, das Licht des Geistes in seiner Vollendung, und dessen Einzelteile
die reine himmlische Liebe, welche gleich ist in Gott zu Gott wie zu dem
Nächsten. Sehet das ist schon tiefe Weisheit und liegt im großen Geheimnisse
des Kreuzes wie in den Zwölfen, die der Herr erwählet hatte. – Ihr könnet
dieses alles nun begreifen; wie aber? – Mit der Liebe! –
49. Kapitel – Vom Hauptschlüssel geistiger
Geheimnisse.
[GS.02_049,01] Wollet ihr tiefer nachdenken?
Wollet ihr mit dem Verstandeslichte dieses Geheimnis näher beleuchten? Wollet
ihr es mit euren Händen greifen? – Ich sage euch: Dies alles ist fruchtlos. So
wenig ihr die Umrisse eines weißen Gemäldes auf einer weißen Wand mit den Augen
eures Fleisches werdet unterscheiden und ausnehmen können, möchtet ihr Jahre
und Jahre dahinstarren, ebensowenig werdet ihr in solche Geheimnisse mit den
gewöhnlichen Schau- und Urteilsmitteln näher enthüllend zu dringen imstande
sein; denn es geht hier alles gleichen Schrittes.
[GS.02_049,02] Die Anschauung der Gegenstände
dieser Galerie, da ihr nichts zu erschauen vermöget, und das Erfassen innerer,
tiefster Weisheit, das geht, wie gesagt, alles gleichen Schrittes. Ich aber
sagte: Mit Liebe erfasset ihr alles, in der Liebe zum Herrn könnet ihr alles
begreifen. Die Liebe gibt den Dingen aus der Weisheit neue Form und Färbung,
und was in dem Lichte der Weisheit endlos ferne liegt, das zieht die Liebe in
einen engen Kreis zur Beschauung zusammen. Aber es muß wahre, vollkommene Liebe
sein; denn mit der halben und Viertelliebe wird da wenig gedient sein. Solches
ist auch natürlich begreiflich; ja es könnte im Grunde nichts natürlich
begreiflicher sein als das. Wir haben eine Menge Beispiele, und viele sind vor
euren Augen, von denen allen ihr dasselbe erlernen möget.
[GS.02_049,03] Nehmen wir an, jemand hätte
Lust, bei einigem Vermögenszustande sich ein Haus zu erbauen; aber zum Aufbau
des Hauses gehört ein viel- und mannigfaches Material. Es braucht viel Mühe und
Arbeit, um das Material zusammenzubringen; es braucht viel Geduld, so manche
Aufopferung, viel Aufmerksamkeit und noch so manches, bis das Haus fertig wird.
[GS.02_049,04] Mit der bloßen Lust und mit
dem freudigen Gedanken wird das Haus schwerlich je zu stehen kommen. Wenn aber
im Gemüte desjenigen, der ein Haus bauen lassen möchte, eine mächtige Liebe zum
Hause erweckt ist, so werden alle Bedingungen mit einem großen Eifer ergriffen.
Und werden diese Bedingungen näher und näher dem Bauplatze gebracht, da wird die
Liebe auch stets heftiger, zieht am Ende alles auf einen Platz zusammen und
setzt vieler Menschen Hände in tätige Bewegung durch ihr eigenes Leben. Das
Haus als ein Werk der Liebe wird bald in seiner Vollendung dastehen, und ihr
werdet dann sagen, wenn ihr das schmucke Haus ansehet: Wer hätte sich das vor
einem halben Jahre gedacht, wo das Material noch weit zerstreut herumlag, daß
es sobald zu einem schmucken Hause sollte herangebildet werden?! Nun aber hat
es der menschliche Geist geordnet, und das Haus steht da, ein Inbegriff von
verschiedenartigsten Materialien, die alle zu einem Zwecke wohl verbunden und
vereinigt sind.
[GS.02_049,05] Jetzt fraget euch aber selbst:
Wer war denn hier so ganz eigentlich der Baumeister? Wer zog die Materialen und
die Bauleute zusammen? Etwa das Geld des Bauherrn oder sein fester Wille oder
seine Einsicht? Ich sage euch: Weder das eine noch das andere, sondern die
Liebe allein ist der mächtige Grundstein zum Baue dieses Hauses. Die Liebe des
Bauherrn hat das Material zusammengezogen und rief die Bauleute herbei; ohne
diese hätte der Bauherr weder ein Geld zum Baue hergegeben, noch hätte er das
Material und die Bauleute zusammengebracht.
[GS.02_049,06] Und da das Haus auf diese
Weise fertig ist, so kann nun jedermann die zweckdienliche Form desselben
anschauen, während ohne die feste Liebe des Bauherrn das gesamte Material wie
in einem formlosen Chaos weit und breit in seinem Ursein zerstreut
liegengeblieben wäre. Ich meine, dieses Beispiel ist so recht tüchtig
handgreiflich und bedarf doch sicher keiner näheren Erörterung. Gehen wir auf
ein anderes Beispiel über. Denket euch einen Menschen, der zufolge seiner
fortbildenden Phantasie eine große Anlage zu einem bildenden Künstler hat.
Dieser Mensch hat eine recht bedeutende Lust beim Anblicke schon fertiger
Kunstwerke, wie beim Anblicke der erhabenen Natur, selbst ein solcher Künstler
zu werden; aber es fehlt ihm noch an dem eigentlichen Ernste, sich dazu zu
setzen und diese Kunst praktisch zu studieren anzufangen.
[GS.02_049,07] Was ist wohl da die Ursache,
daß dieser Mensch bei so glänzenden Anlagen noch nicht den Griffel und den
Pinsel ergriffen hat, um eifrigst die Grundrisse und Hauptelemente zu solcher
Kunst zu studieren?
[GS.02_049,08] Ich sage euch: Diesem Menschen
fehlt sonst gar nichts als die wahre Liebe zu dieser Kunst. Wenn er von der
Liebe durchdrungen wird, dann werden wir bald herrlich entworfene Formen von
unserem angehenden Bildner auf den für diese Kunst bestimmten Flächen zu
erschauen anfangen und bald gar herrliche Meisterstücke.
[GS.02_049,09] Wer ist da wohl der
eigentliche Informator? Wer verbindet die innere Phantasie mit den äußeren
Formen? Wer die so entwickelten Formen mit den Farben durch den Pinsel der
weißgrundierten Leinwand? Meinet ihr, das hänge von den guten Instruktoren oder
von den Vorzeichnern ab?
[GS.02_049,10] O ich sage euch: Alles dieses
ist null und nichtig, sondern allein die eigene große Liebe zu dieser Kunst hat
einen neuen großen Meister gebildet, der das Formlose aus der endlos weit zerstreuten
Weisheitslichtsphäre zusammenzieht und es in neuen herrlichen Formen darstellt,
die von jedermanns Augen nun gar wohl betrachtet werden können.
[GS.02_049,11] Sehet, das ist schon wieder
ein so klares Beispiel für unsere Sache, daß es keiner weiteren Erörterungen
bedarf. Wir wollen aber noch ein Beispiel hierhersetzen, und zwar eines, das
euch so recht handgreiflich auf der eigenen Nase sitzt.
[GS.02_049,12] Gehen wir auf die sehr
vielsagende Tonkunst über. Ihr werdet unter den Menschen sicher recht viele
Freunde dieser Kunst finden, die sich alle überaus ergötzt fühlen, wenn sie
eine herrliche Produktion von einem wahrhaften Künstler zu hören bekommen. Sind
sie aber darum selbst Künstler? Ich meine, das werdet ihr auch selbst recht gut
zu beurteilen imstande sein, daß da unter den sich ergötzenden Zuhörern sicher
nur äußerst wenige sich vorfinden werden, die dieses Namens einigermaßen würdig
sind.
[GS.02_049,13] Ja, aber warum sind denn alle
diese entzückten Zuhörer nicht auch selbst Künstler, sondern bloß nur Liebhaber
der Kunst? Warum ist nur ein so Vorzüglicher auf einer Tribüne vor ihnen, der
mit seinen aus den Himmeln entlehnten Tönen die Gemüter der Zuhörer so überaus
fröhlich stimmt und ihren Seelen ein anderes, höheres, vollkommeneres Leben
verkündet?
[GS.02_049,14] Könnte man da nicht sagen: Was
da einem Menschen möglich ist, das sollte ja auch den anderen Menschen
ebenfalls gerade nicht unmöglich sein. Ein jeder Mensch nach seiner Art und
nach seinen Talenten könnte bei der völligen Gewecktheit seines Geistes, der da
ein Abkömmling göttlicher Vollkommenheit ist, doch sicher auch etwas Tüchtiges
leisten. Wird es wohl anzunehmen sein, so man dagegen bemerken würde und sagen:
Ja, das hängt von den Meistern ab? Hätten dieser und jener gediegene Meister
gehabt, so wären sie auch selbst gediegene Meister geworden; aber „ex trunco
non fit Mercurius“, wie ihr zu sagen pfleget, also kann auch ein ungeschickter
Meister schwerlich je einen Meister seiner Kunst bilden. Es ist wahr, wer
selbst nichts kann, der wird einen andern auch nicht gar zu viel zu lehren
imstande sein.
[GS.02_049,15] Aber nehmen wir dagegen an,
wie viele Schüler so mancher wahrhafte Meisterkünstler nicht selten unter
seiner instruktiven Leitung hat, und betrachten dagegen, wie spott- und
blutwenig nur einigermaßen zu beachtende Künstler aus der Schule eines solchen
Meisterkünstlers hervorgehen, und wir werden bei dieser Betrachtung auf einen
Schluß kommen müssen, der uns sagen wird:
[GS.02_049,16] Weil denn aus der
bestmöglichsten Künstlerschule so wenig Künstler hervorgehen, so muß eigentlich
der wahre Grund, wodurch der Schüler ein wahrer Künstler wird, doch in etwas
ganz anderem stecken als in dem Meister, der für sich, allen Anforderungen
genügend, wohl ein vollendeter Künstler ist. Haben die Schüler etwa zu wenig
Talent, zu wenig Fleiß, oder werden sie durch manche andere Umstände
verhindert, der Kunst so recht obzuliegen?
[GS.02_049,17] Aha, ich sehe schon, was da
jemand sagen will. Dieser Meister hat nur das Unglück, unter vielen seiner
Schüler keine Genies zu besitzen. Und ich sage darauf ganz unverhohlen: Dieser
Meister hat mit geringer Ausnahme fast lauter Genies unter seinen Schülern
gehabt, und doch ist aus keinem Genie etwas geworden. Aber er hatte keinen
unter seinen Schülern, der mit der innersten, mächtigsten Liebe zur Kunst wäre
erfüllt gewesen. Daher wird auch nur derjenige ein wahrer Künstler, dessen Herz
fortwährend lichterloh auflodert von mächtiger Liebe zur Kunst.
[GS.02_049,18] Hauche Liebe, d.h. wahre
lebendige Liebe in das Herz deines Schülers, und du kannst versichert sein, daß
durch dieses Feuer alle für diese Kunst erforderlichen Organe in kürzester Zeit
so wunderbar ausgebildet werden, daß sich darob ein jeder Zuhörer wird
allerhöchst verwundern und sagen müssen: Ja, da sieht wohl ein wahrhaft großer
Künstler schon in seiner Vollendung heraus!
[GS.02_049,19] Sehet, also ist auch hier die
Liebe der eigentliche wirkliche Meister, bildet den Tonkünstler zu einer
Gefühlsgröße heran, von welcher sich ein anderer Mensch gar keinen Begriff
machen kann, und macht dieser Gefühlsgröße auch den ganzen andern Organismus in
kurzer Zeit so sehr untertänig, daß durch denselben alle sogenannten
technischen Schwierigkeiten mit einer wunderbaren Sicherheit besiegt werden
können.
[GS.02_049,20] Wie aber hier die Liebe rein
alles in allem ist, so ist sie dann erst vorzugsweise alles über alles in der
großen Kunst des Lebens! Mit der Liebe könnet ihr in Tiefen dringen, vor denen
es selbst so manchen Geistern schaudert; aber ohne die Liebe oder mit etwas zu
wenig Liebe wird nie ein vollkommener Künstler an das Tageslicht des Geistes
treten. – Darum sagte ich auch gleich anfangs: Wollet ihr tiefer in diese Dinge
hoher Weisheit schauen, da müsset ihr die Liebe vollernstlich zur Hand nehmen,
aber es darf nicht eine halbe oder eine Viertelliebe sein, sondern eine Liebe
im Vollmaße.
[GS.02_049,21] Ergreifet daher unseren
allerliebevollsten Herrn und Vater in Jesu Christo so recht kernfest in eurem
Herzen, und ihr werdet euch sodann bald überzeugen, was alles die Liebe zu Gott
vermag.
[GS.02_049,22] Fürwahr, ich sage nicht
zuviel: Wenn ihr Liebe hättet im Vollmaße, so hättet ihr auch den mächtigen,
lebendigen Glauben; und mit solcher Liebe und solchem Glaubenslichte aus ihr
könntet ihr Sterne vom Firmamente herabreißen! – Erwecket euch daher, und wir
werden noch auf dieser zehnten Galerie Wunderdinge erschauen! – –
50. Kapitel – Vom Verliebtsein und von der
Liebe zum Herrn.
[GS.02_050,01] Ihr saget: Lieber Freund und
Bruder, du magst allerdings wohl recht haben, und es ist also, wie du gesagt
hast. Aber siehe, es ist mit der plötzlichen Erweckung der Liebe eine schwere
Sache, was wir hie und da schon aus der Erfahrung wissen. Es hat sogar in
dieser Hinsicht mit dem sogenannten „Verliebtwerden“ einen Haken. Wenn man der
Sache so recht nachspürt, so bringt man gar bald in die Erfahrung, daß man die
Liebe überhaupt nicht in seiner Gewalt hat, und man kann nicht sagen, daß man in
ein Wesen, wann man nur immer will, mag verliebt werden, sondern es fügt sich
solches nach den Umständen und nach den Bedingungen, und man ist als Liebender
durchgehends kein aktives, sondern ein rein passives Wesen und muß im
buchstäblichen Sinne genommen die Liebe nicht selten als eine Zentnerlast
herumschleppen; und es gibt dann und wann durchaus kein Mittel, sich derselben
ledig zu machen wie einer andern Last.
[GS.02_050,02] Und so meinen wir denn auch
hier, wären wir wirkliche Meister der Liebe, so würde es sicher durchaus nicht
fehlen, daß wir den Herrn ergriffen mit der flammendsten Heftigkeit unserer
Herzen. Aber wir können tun, was wir wollen, können drücken unser Herz und
unser Gefühl pressen, wie die Trauben auf einer Kelter gepreßt werden, und es
kommt alles eher heraus als eine von dir beschriebene flammende Liebe.
[GS.02_050,03] Daher sind wir der Meinung,
daß entweder die Liebe zum Herrn von einer ganz andern Beschaffenheit sein muß
als etwa diejenige, die ein Mensch in der Blüte seines Lebens nicht selten zu
einer schönen Jungfrau empfindet, oder die Liebe zum Herrn, wenn sie der Liebe
zu einer Jungfrau ähnlich sein soll, muß unmittelbar vom Herrn Selbst nach
Seiner großen Erbarmung in das Herz eingegossen werden; sonst ist es beinahe
unmöglich, daß der Mensch aus seiner eigenen Kraft den Herrn allezeit mit der
heftigsten Liebe erfassen könnte, wann er nur immer wollte.
[GS.02_050,04] Und wenn es hier demnach auf
uns ankommt, allhier plötzlich die größte Liebe zum Herrn zu erwecken, so wird
es mit der Anschauung der Wunderdinge auf dieser Galerie sicher ebenfalls einen
starken Haken haben. Denn wir können wollen, wie nur immer möglich, und dennoch
können wir trotz alles intimsten Wollens unser Herz nicht also entflammen im
Momente des Wollens, als wie leicht wir in der Nacht eine Kerze anzünden. Hier
also, lieber Freund und Bruder, wird es eines guten Rates gar sehr vonnöten
haben.
[GS.02_050,05] Ja, meine lieben Freunde und
Brüder, ihr habt einerseits wohl recht, und die Liebe ist stets des Menschen
Meister, wie wir schon gestern in den Beispielen gesehen haben, weil sie so
ganz eigentlich sein Leben selbst ist. Das Leben kann aber nicht beherrscht
werden von dem, was nicht Leben ist; daher muß es schon ein anderes Mittel
geben, dem die Liebe gehorcht und willig folgt dem höheren Rate dessen, dem sie
gehorcht.
[GS.02_050,06] Worin besteht aber dieses
Mittel? Dieses Mittel besteht in der klaren Vorstellung dessen, was man so ganz
eigentlich mit der Fülle der Liebe erfassen will.
[GS.02_050,07] Versuchet einmal, ob ihr bloß
dem Namen nach, und möge er noch so majestätisch klingen, euch in irgendeine
Jungfrau verlieben möget! Ja, ihr werdet es bei solcher Bekanntschaft mit der
Liebe eben nicht gar zu weit bringen; denn was man entweder gar nicht oder viel
zu wenig kennt, das kann man ebensowenig mit der Liebe erfassen, als wie wenig
man etwas, das gar nicht da ist oder nur subtil da ist, mit den Händen
ergreifen kann.
[GS.02_050,08] Wenn ihr aber von der
vorbesagten Jungfrau eine vollkommene Beschreibung überkommen werdet, wie sie
aussieht und wie sie beschaffen ist, und wenn ihr von dieser Jungfrau selbst
noch obendrauf ein Handbilletchen gewissermaßen unbekannterweise überkommet, in
welchem sie einen oder den andern aus euch vollkommen ihrer Liebe versichert,
aus dem angegebenen Grunde, weil sie euch aus den Beschreibungen ebenfalls auf
das Vorteilhafteste hat kennen gelernt, so wird eure Liebe zu dieser Jungfrau
sobald erwachen, und ihr werdet den allersehnlichsten Drang in euch zu
verspüren anfangen, so bald als nur immer möglich sich dahin zu begeben, allda
die Jungfrau eurer in aller Liebe harret. Und eure Liebe wird heftiger und
heftiger werden, je mehr Vorteilhaftes ihr von der Jungfrau unterwegs oder im
Verlaufe der Zeit vernehmen werdet.
[GS.02_050,09] Sehet, das ist sicher aus der
Erfahrung richtig. Ich aber frage euch nun: Wie könnet ihr diese Jungfrau denn
so mächtig in eurem Herzen ergreifen, da ihr sie ja doch nie gesehen habt und
sie euch auch geflissentlich kein Porträt zukommen läßt, um euch gewisserart
keine Vorsättigung, welche die eigentliche Liebe schwächen dürfte, zu gewähren?
Die Antwort ist leicht und liegt ebenfalls in der Erfahrung: Weil ihr zu einer
wohlbegründeten Vorstellung gelangt seid, durch welche euch die besagte Jungfrau
stets mehr vielseitig auf das Vorteilhafteste dargestellt wurde.
[GS.02_050,10] Ihre Eigenschaften, ihre
Schönheit haben euch gefangen genommen, und ihr könnet nicht umhin, sie bei
solchen Vorteilen, die sie euch bietet, zu achten und zu lieben; ihr müßt sie
also lieben.
[GS.02_050,11] Sehet, in diesem natürlichen
Beispiele liegt es aber ja auch ganz offenkundig, auf welche Weise man sich der
Liebe zum Herrn bemächtigen kann.
[GS.02_050,12] Die Erkenntnis des Herrn ist
die mächtige Triebfeder, welche die Funken im Herzen zusammenzieht, und dann
durch dieselben das ganze Herz in eine helle Flamme versetzt.
[GS.02_050,13] Wer möchte wohl Gott lieben
können, so er Ihn nicht kennete? Wer Ihn aber stets mehr und mehr erkennt, der
wird Ihn auch stets mehr und mehr lieben.
[GS.02_050,14] Doch aber müsset ihr die Liebe
zum Herrn nicht platterdings mit der Liebe zu einer vorbeschriebenen Jungfrau
völlig vergleichen wollen, sondern ihr müsset sie mehr gleich stellen der
reineren Liebe zwischen Kindern und Eltern.
[GS.02_050,15] Diese Liebe aber ist nicht ein
gewisser leidenschaftlicher Brand, sondern sie ist ein sanftes Wehen, welches
den Menschen in seiner Freiheitssphäre ebensowenig beirrt, als wie wenig die
Kinderliebe die Kinder in ihrer Tätigkeit nur im geringsten beirrt. – Sie
lieben ihre Eltern sicher außerordentlich stark; natürlich sind hier die guten
Kinder zu verstehen. Ja sie wissen oft gar nicht, wie stark sie ihre Eltern
lieben.
[GS.02_050,16] Um das Maß solcher Liebe zu
erschauen, dürfet ihr nur bei einem leidigen Todesfalle entweder des Vaters
oder der Mutter solcher Kinder zugegen sein, so werden euch ihre Tränen und das
Ringen ihrer Hände so bald das sehr gewichtige Maß der Liebe der Kinder zu
ihren Eltern kundgeben. Und dennoch hättet ihr bei Lebzeiten der Eltern bei
aller sorgsamen Betrachtung solche Intensität der Liebe nicht herausgefunden. –
Sehet, also verhält es sich auch mit der Liebe zum Herrn. Sie ist, wie gesagt,
ein sanftes Wehen, ein hochachtendes Gefühl, voll erhaben zarten Nachklanges,
und beirrt niemanden in seiner Freiheitssphäre.
[GS.02_050,17] Nicht mit Leidenschaft drückt
sie das Herz des Gottliebenden, sondern mit großer Freudigkeit und genügender
lebendiger Speise erfüllt und sättigt sie fortwährend Geist, Herz und Leib des
Menschen. Daher brauchet ihr nur in eurem Herzen „Vater“ zu rufen, und ihr habt
genug getan! Und der Vater wird euer Herz allezeit, insoweit es not tut,
sättigen und kräftigen mit Seiner Liebe.
[GS.02_050,18] Ihr brauchet nicht einmal ein
Bild, sondern nur die Erkenntnis in eurem Herzen von Gott, und ihr habt genug
der Liebe, insoweit sie hier not tut, die Wunder zu erhellen, die da sind vor
unseren Augen. – Tuet also solches, und schauet dann! –
51. Kapitel – Grund aller Dinge und
Erscheinungen.
[GS.02_051,01] Ihr habt soviel als möglich
meinem Rate Folge geleistet und staunet nun schon, soviel ich merke, über die
Maßen ob des Anblickes der Wunderdinge, die sich nun hier in einem ganz anderen
Lichte klar beschaulich darstellen.
[GS.02_051,02] Ihr saget und fraget freilich
wohl: Aber lieber Freund und Bruder, wie ist solches um des Herrn willen wohl
möglich?! Siehe, als wir so in unserem Gemüte des Herrn gedachten, da
verwandelte sich allmählich das weiße Licht, von dem alle die Dinge hier
umflossen waren, in ein rötliches, und dieses rötliche Licht läßt nun die
Gegenstände in ihm ganz klar erschauen.
[GS.02_051,03] Wir sehen nun die
Säulenrondelle, die Galerie, die Türen in das innere Gebäude, das herabhängende
gleicharmige, aus Kugeln zusammengesetzte Kreuz. Der Kugeln zählen wir nun
sichtbar genau so zwölf, wie wir sie früher nur tastend gezählt haben.
[GS.02_051,04] Und da siehe, welch eine
Pracht in diesen Kugeln! Eine jede scheint eine kleine Welt zu sein, in deren
innerem Raume nahe zahllose Wunderdinge wie lebendig zu erschauen sind, und in
einer jeden Kugel etwas ganz anderes. Und soviel wir mit unseren Augen merken
können, so scheinen diese inneren förmlichen Schöpfungen genau den zwölf
Artikeln zu entsprechen, die du, lieber Freund und Bruder, uns in zwölf so
herrlichen Abschnitten vorgeführt hast.
[GS.02_051,05] Ach, welche Herrlichkeit ist
es doch, solche Wunderdinge anzusehen! Wahrlich, nimmer satt kann man werden;
immer neuen Reiz bekommt dieser Miniaturwelten-Anblick in diesen zwölf Kugeln,
aus denen das Kreuz formiert ist.
[GS.02_051,06] Und da sieh nur einmal die
Säulen an. Fürwahr, äußerlich sind sie doch so glatt poliert, daß wir uns die
Oberfläche des Äthers nicht glatter denken können; aber das Inwendige der Säule
ist ja förmlich lebendig und entspricht in gedehnterem und ausführlicherem
Maßstabe all dem wunderbar Erscheinlichen in den Kugeln. Es ist nun überaus
wundervoll anzublicken, wie die Farben der mannigfaltigsten Formen, die sich
innerhalb einer solchen Säule bewegen, fortwährend sanft abwechseln.
[GS.02_051,07] Ein sanftes Schillern reizt
das Auge immer von neuem, denn bei der leisesten Wendung treten andere Farben
zum Vorscheine, und das Merkwürdigste dabei ist, daß diese Farben, die denen
auf unserer Erde gleich sind, hier einen ganz anderen Charakter annehmen. – Wir
haben auch ein Rot, ein Grün, ein Blau, ein Violett, ein Gelb und die
verschiedensten Übergänge von diesen Farben; aber fürwahr, wer da nachdenken
will und mag, der soll es tun und eine Basis setzen für jede Farbe, und auf
dieser Basis den Grund derselben bestimmen. Ja er soll sagen, welches Rot das
Grundrot, welches Grün das Grundgrün, welches Blau das Grundblau, welches
Violett das Grundviolett und welches Gelb das Grundgelb ist, von dem dann alle
anderen Farbnuancen abgeleitet werden.
[GS.02_051,08] Welches Rot ist denn das so
ganz eigentliche Rot? Ist das Blutrot das eigentliche oder das Rosenrot oder
das Purpurrot oder das Scharlachrot oder das Carminrot? Alles ist rot, und doch
sieht ein Rot dem andern nicht gleich. Ist das Dunkelrot mehr das Grundrot oder
das Lichtrot? Und dergleichen Unterschiede hat jede Farbe; wo wohl ist der
Grund einer jeden? Siehe, lieber Freund und Bruder, das mag auf der Erde wohl
niemand bestimmen, aber hier erblicken wir im Ernste die Grundfarben, und diese
kommen uns vor, als was man von einer reifen Ananas spricht, sie habe jeglichen
Geschmack in sich, den man sich einbildet.
[GS.02_051,09] Und so sehen wir hier auch im
Ernste Farben, die nicht selten wie aus dem Hintergrunde hervorstrahlen. Diese Farben
haben ein so sonderbares Schillern, daß man in Rot alle seine Nuancen auf
einmal erschaut, und es richtet sich dieses Schillern beinahe nach dem Wunsche
des Beschauers; das Rot, welches man sich am stärksten vorstellt, dasselbe
sticht auch im Augenblicke am stärksten hervor, ohne jedoch das eigentliche
Grundfarbenwesen des Rot zugrunde zu richten. Ja fürwahr, von ähnlichen Farben
läßt sich ein armer Sünder auf der Erde wohl nie etwas träumen.
[GS.02_051,10] Also haben wir auf der Erde
wohl lauter geteilte und gebrochene Farben; aber von einer Grundfarbe, die da
alle ihre Nuancen in sich fassete, haben wir durchaus nichts. Es gibt bei uns
wohl auch Schillerungen in dem Wesen der Farbe, aber bei diesen Schillerungen
kommt bei jeder Wendung eine ganz andere Farbe zum Vorschein. Bei diesem
Schillern hier schillern in der Farbe nur alle Nuancen von Rot in der grünen
alle Nuancen von Grün, und so weiter durch alle Farbenabstufungen hindurch.
[GS.02_051,11] Daneben aber entdecken wir
wunderbarer Weise noch ganz neue fremde Farben, die uns auf unserer mageren
Erde noch nie vorgekommen sind. Ja fürwahr, so ist auf der Erde alles nur ein
Stückwerk, alles nur ein matter, höchst gebrochener Schimmer von der Herrlichkeit,
die wir hier in solcher Grundüberfülle erschauen!
[GS.02_051,12] O lieber Freund und Bruder!
Sage uns doch, wie wir diese Sache nehmen sollen? Warum konnten wir ehedem im
weißen Lichte nichts, nun in diesem rötlichen aber gar so endlos vieles
erschauen?
[GS.02_051,13] Ja, meine lieben Freunde und
Brüder! Sehet, das bewirkt alles die Liebe und ihr Licht. Ich habe es euch ja
gleich im Anfange gesagt: Im absoluten Lichte der Weisheit ist für einen
beschränkten Geist nichts oder wenig zu erschauen. Aber im Lichte der Liebe
wird das Licht der Weisheit in Formen gezwängt und kann aus der einmal
gestellten Form nicht wieder entweichen, solange das Licht der Liebe, oder
besser, das Feuer der Liebe es wie mit tausend mächtigen Armen gefangen hält.
Im absoluten Lichte der Weisheit gleicht der Mensch einer vom Weinstock
abgetrennten Rebe, welche verdorrt, sich mit der Zeit verflüchtigt und nimmer
irgendeine Frucht bringt. Aber im Lichte der Liebe bleibt sie am Weinstocke und
bringt tausendfältige Frucht. Daß solches durchaus buchstäblich richtig ist,
möget ihr auch schon mit der leichtesten Mühe von der Welt an euren sogenannten
kalten Weltweisen in die klarste Erfahrung bringen. Diese Menschen verachten
die Liebe, erklären sie sogar für eine Torheit und schwärmen fortwährend in
lauter übersinnlichen Spekulationen herum, bauen Grundsätze über Grundsätze,
machen Hypothesen über Hypothesen und verlieren sich aus den Grundsätzen und
Hypothesen in zahllose ebenso nichtige Schlüsse, als wie nichtig da sind ihre Grundsätze
und Hypothesen selbst. Und wenn ihr sie am Ende aller ihrer Grundsätze,
Hypothesen und Schlüsse über eines oder das andere fraget, so werden sie euch
bei allem eine solche Antwort geben, die sie erstens selbst nicht im geringsten
verstehen und ihr sie somit noch weniger verstehen werdet, und der
allerweiseste Schluß, den die Allerweisesten am Ende herausbringen, ist der,
daß sie als die Allerweisesten nichts wissen, nichts haben, und nichts sind!
[GS.02_051,14] Um aber dieses noch besser
einzusehen, kann ich euch gleichwohl ein paar solcher Weltweisen aus der alten
und neuen Zeit anführen. – Ihr werdet sicher von Sokrates, Aristoteles und
Plato gehört und gelesen haben. Diese drei Weisen, obschon man sie zu den
besseren zu rechnen hat, haben mit all ihrer Weisheit bei weitem nicht den
millionsten Teil von dem herausgebracht, was ein ganz einfaches, noch kaum
lesen könnendes Kind herausbringt, so es den Herrn zum ersten Male gläubig den
lieben guten Himmelsvater nennt!
[GS.02_051,15] Sie haschten nach
Erscheinungen und Erfahrungen; aber wozu nützten ihnen diese, da sie von keiner
den Grund erfassen konnten, welcher da allein in der Liebe zum Herrn liegt?
[GS.02_051,16] Wer möchte wohl die zahllosen
Erscheinungen im Ernste zählen wollen, wer in der Unendlichkeit auf ihren Grund
dringen? Denn wo er immer glauben wird, einen zu haben, da wird er sich gerade
in dem trüglichen Mittelpunkte der Unendlichkeit befinden, von dem aus es
natürlichermaßen wieder nach allen Seiten hin unendlich fortgeht.
[GS.02_051,17] Wer aber die Liebe hat, der
hat den Grund aller Dinge und aller Erscheinungen in sich, weil er den Herrn in
sich hat, und kann daher auch allenthalben mit der leichtesten Mühe von der
Welt auf den Grund kommen; aber der Weisheits- oder Unendlichkeitsjäger, der
wird in der Unendlichkeit wohl schwerlich irgendein Ziel finden, dahin er sein
flüchtiges und nichtiges Weisheitswurfgeschoß richten möchte.
[GS.02_051,18] Ich meine, aus diesen wenigen
Beispielen dürfte euch die Sache wohl so ziemlich klar sein, besonders wenn ihr
dazu noch ein paar Blicke auf die Weltweisen eurer Zeit werfet, die alle ihr
Wurfgeschoß auf den Herrn hin richteten, und wollten Ihn fangen und messen mit
der Elle und mit der Meßrute. Was aber haben sie mit all ihrer Weisheit am Ende
errungen? Nichts als den Verlust des Herrn!
[GS.02_051,19] Den sie suchten im
Unendlichen, im Unzugänglichen, den fanden sie nicht und waren am Ende
genötigt, aus ihrer eigenen Nichtigkeit einen Gott zu kreieren, der aber
freilich dann erst Gott ist, so es ihnen als Obergöttern beliebt, solch einen
Begriff in ihre Vorstellung aufzunehmen. Ich meine, um diese allereklatanteste
Dummheit auf den ersten Blick einzusehen, bedarf es durchaus nicht mehr als
eines höchstens fünf bis sieben Jahre alten Kinderverstandes. Der einfachste
Mensch, dem sogar das Wort „Weltweisheit“ oder „Philosophie“ ebenso fremd ist
wie die beiden Erdpole, wird bei einer solchen Gottheits-Vorstellung auf den
ersten Augenblick die zwar höchst einfache, aber desto treffendere Entgegnung zum
Vorscheine bringen und sagen:
[GS.02_051,20] He! Freund, wie kann denn das
sein? Wenn Gott erst dann Gott wäre, wenn ihr Ihn denket, da möchte ich denn
doch auch wissen, wer euch erschaffen hat, und daß ihr eben einen Gott denken
könnet, wer hat euch diese Fähigkeit gegeben? Denn das, was ihr von Gott
aussaget, ist ja noch viel dümmer, als so da jemand ganz ernstlich behaupten
möchte, daß ein Haus von sich selbst gebaut wird, ohne Baumeister, und ein
Mensch erst dann ein Baumeister wird, wenn ihn allenfalls ein von sich selbst
entstandenes Haus dafür annehmen will.
[GS.02_051,21] Sehet, hat der schlichte
Mensch in seinem ganz einfachen Ausspruch nicht ums Unbegreifliche weiser
gesprochen als das ganze hochweise philosophische Gremium zusammengenommen? Ja,
bei dem kann man sagen: Der hat das Zentrum des Nagels getroffen und hat mit
einem Schlage eine ganze Butte voll weiß glänzender Schmeißfliegen erschlagen,
denn eine Schmeißfliege ist doch unstreitig das treffendste Bild und Symbolum
für einen absoluten Philosophen; diese glänzt auch, als wäre sie mit lauter
Gold überzogen. Wenn man diese Fliege im Freien sieht, da sollte man doch
glauben, dieses Tier müsse die allerköstlichste Lichtäthernahrung in sich
aufnehmen, durch welche es zu einer solchen äußeren Glanzpracht gelangt. Aber
nur einen Haufen Exkremente, gleich ob menschliche oder tierische,
irgendwohingestellt, und man wird sogleich ins klare kommen, welch Geistes Kind
und von welcher Kost genährt dieses Tierchen ist. Findet es einen
Schmeißhaufen, da saugt es so lange herum, bis es allen Succus demselben
entwunden hat. In die Überreste legt es dann noch eine Menge Würmer, welche
nach kurzer Zeit in dieser eben nicht zu ästhetischen Wohnstätte zu neuen
Fliegen derselben Art ausgeboren werden.
[GS.02_051,22] Tun eure Philosophen nicht auf
ein Haar dasselbe? Wenn ihr sie äußerlich betrachtet, da haben sie ein Ansehen,
als strotzeten sie vom gediegendsten Golde der echten Weisheit, und ihre
Beschäftigung nennen sie eine rein geistige. Fragt ihr sie aber im Ernste nach
etwas rein Geistigem, so werdet ihr bei diesen Menschen sogleich auf den
allergröbsten Materialismus stoßen, demzufolge sie euch sogleich dartun werden,
daß ohne Materie durchgehends nichts Geistiges gedacht werden kann, und das
Geistige somit erst von der Materie abstrahiert werden muß und nicht und
nirgends als absolut bestehen kann, sondern zu seiner Äußerung allenthalben
einen materiellen Organismus haben muß. Fällt dieser hinweg, so fällt auch alle
geistige Wirkung und Äußerung hinweg. Die menschliche Gedankenfähigkeit ist
dann nichts anderes als die Wirkung des materiellen Organismus, in dem sich die
Kräfte wie in einer chemischen Retorte erst entwickeln müssen, um dann so lange
zu wirken, solange die Retorte nicht zerschlagen wird. Ist die Retorte aber
durch einen unglücklichen Stoß um ihr Dasein gekommen, dann ist es auch mit den
in ihr entwickelten und wirkenden chemischen Kräften zu Ende.
[GS.02_051,23] Sehet, gerade also
philosophiert ja unsere Schmeißfliege auch und sagt gewisserart durch ihre
Handlung: Ich lebe nur aus dem Unrate und lebe so lange, als ich irgendeinen
Unrat finde. Nehmt ihr mir den Unrat weg, so ist mein Leben dahin, denn meine
Lebenskraft sauge ich nur aus dem Unrate und bin daher in allen meinen Teilen
selbst nichts als ein glänzender Unrat. Nehmt diesen hinweg, und ich glänzende
Schmeißfliege habe aufgehört zu sein! Wohl mir, daß ich noch eine
Reproduktionskraft besitze; sonst ginge mit der Wegnahme des Unrates nicht nur
ich für mich, sondern mit mir mein ganzes Geschlecht auf einen Hieb völlig
zugrunde.
[GS.02_051,24] Also absolute Philosophen
kleben sich an die Materie, weil sie in ihr ein Zentrum oder einen eigentlichen
Standpunkt gefunden zu haben glauben.
[GS.02_051,25] Warum aber halten sie sich an
die Materie? Weil sie sich gleich einer Schmeißfliege fortwährend im
unhaltbaren luftigen alleinigen Weisheitslichte herumbewegen. Weil sie aber da
nichts finden, so muß es ihnen ja wohltun, wenn sie auf irgendeinen materiellen
Brocken aufsitzen können und da mit ihren wissenschaftlichen Saugrüsseln den
geistigen Lebensstoff herauszupumpen versuchen. Wenn aber dieser gar bald
ausgepumpt sein wird, da bleibt ihnen am Ende nichts anderes übrig, als sich
entweder in ihren Schülern oder wenigstens in ihren hinterlassenen Schriften zu
reproduzieren, damit durch dieselben noch die letzten Reste der Exkremente
aufgezehrt werden und von ihnen am Ende nichts Gültiges mehr übrigbleibt als
ihre Namen und daß sie mit all ihren geistigen Arbeiten durchaus nichts
Geistiges gefunden haben.
[GS.02_051,26] Sehet, solches alles lehrt und
zeigt uns wesenhaft das rötliche Licht; daher wollen wir in diesem Licht uns
auch sogleich in das zehnte Stockwerk oder auf die elfte Galerie begeben. –
Hier ist die Treppe; also nur mutig darauf losgeschritten! –
52. Kapitel – X. Stockwerk. Wesen von Frage
und Antwort.
[GS.02_052,01] Wir wären an Ort und Stelle.
Sehet euch daher nur recht wacker um und gebet mir dann kund, was alles ihr
hier sehet; aber wohlgemerkt, so ihr die Gegenstände hier sehen wollet, da
müsset ihr in dem roten Lichte verbleiben. Im weißen Lichte würdet ihr da
ebensowenig ausnehmen wie auf der vorhergehenden Galerie.
[GS.02_052,02] Ich merke zwar eine Frage in
euch, die etwas sonderlich klingt. Sie paßt freilich nicht so ganz wohlgemessen
hierher; aber weil sie schon einmal da ist, so wollen wir auch um eine
genügende Antwort besorgt sein. Also aber lautet die Frage, und also fraget ihr
in euch und saget:
[GS.02_052,03] Lieber Freund und Bruder! Es
ist alles erhaben, schön, wahr und gut, was wir hier sehen, und ganz besonders,
was wir aus deinem Munde vernehmen. Aber eine Sache ist fortwährend dabei, der
wir nicht so ganz eigentlich auf den Grund kommen können, und diese Sache gibt
sich soeben durch diese unsere, aber dennoch von dir uns bekanntgegebene Frage
kund.
[GS.02_052,04] Siehe, wir eigentlich fragen
und reden und werden ebenfalls als persönlich redend und fragend angeführt; und
dennoch reden und fragen nicht wir, sondern du bist allzeit derselbe, der
sowohl für sich, aus sich, wie für uns ebenfalls aus sich spricht. So siehst du
nicht selten eine Frage in uns, von der wir noch keine Ahnung haben. Ebenso
gestaltet gibst du uns unsere eigenen Erörterungen und Urteile kund, von denen
uns noch eben gar nicht zu viel geträumt hat. Du fragst uns, und wir antworten
dir aus deinem eigenen Munde; denn wenn es im Ernste auf uns zur Beantwortung
ankäme, da würde es sehr viel Stummheit absetzen, und wir wüßten auf gar viele
deiner Fragen keine Silbe zu antworten.
[GS.02_052,05] Sage uns daher, lieber Freund
und Bruder, wie wir uns solches zusammenreimen sollen? Wie reden wir aus dir,
und wie haben wir dir jetzt selbst diese gegenwärtige Frage gestellt, von der
wir vor einigen Augenblicken noch nicht eine allerleiseste Regung in uns
verspürt hatten?
[GS.02_052,06] Meine lieben Freunde und
Brüder! Da will ich euch bald aus eurem Traume helfen. Wenn ihr einem sehr
erfahrenen und geschickten Botaniker die Wurzel einer Pflanze zeiget, so wird
er euch sogleich die Gestalt der Pflanze beschreiben oder sie aufzeichnen von
Punkt zu Punkt. Und wenn die Pflanze dann vor euren Augen gebildet sein wird,
so werdet ihr sie auch alsbald für eine schon gar wohl bekannte erkennen.
[GS.02_052,07] Wenn ihr irgendein Gerippe,
also ein bloßes Knochenskelett einem geschickten Anatomen gebet, so wird er aus
der Gestaltung der Knochen euch ganz wohltreffend die Gestalt der einstigen
Person anzugeben imstande sein; denn solches kennt er aus der Lage und aus der
Verbindung der Knochen. Wenn er ein geschickter Wachsbildner ist, so wird er
die Knochen mit dem Wachse so geschickt zu überziehen imstande sein, daß ihr
die völlig lebende Person, die euch bekannt war, wie neu auferstanden vor euch
werdet zu erblicken vermeinen.
[GS.02_052,08] Ein geschickter Chemiker, dem
ihr eine zusammengesetzte Flüssigkeit zeiget, da ihr nicht wisset, woraus sie
zusammengesetzt ist, wird euch mit der leichtesten Mühe von der Welt die
Flüssigkeit in ihre früheren Teile zerlegen, und ihr werdet dann die Teile bald
erkennen, wessen Geistes Kinder sie sind, ob Schwefel, ob Kalk u.a.m.
[GS.02_052,09] Wenn ihr ein Samenkorn irgend
findet und wisset nicht, von welcher Pflanze es ist, da möget ihr zu einem sehr
geschickten Gärtner hingehen und ihm das Samenkorn zeigen, und er wird es euch
auf den ersten Augenblick zu sagen wissen, von welcher Pflanze es herrührt, und
wird euch auch eine allfällig vorrätige ähnliche Pflanze zeigen, welche solchen
Samen trägt.
[GS.02_052,10] Könntet ihr bei all diesem
nicht auch fragen und sagen: Ja, wie ist denn das? Wie kann man sich so höchst
geringe Merkmale merken und dann aus selben auf das Vorhergehende oder
Nachfolgende mit Bestimmtheit schließen?
[GS.02_052,11] Sehet, meine lieben Freunde
und Brüder, das geht alles gewisserart von der Wurzel aus. Daß ich eure Fragen
weiß und kundgebe wie auch eure Antworten, liegt darin, weil ich als ein purer
Geist ein geistiger Botaniker, ein geistiger Anatom, ein geistiger Chemiker und
ein geistiger Gärtner bin und erkenne dann aus den euch noch unbekannten
Wurzeln in euch, welche Frage mit der Zeit aus denselben zum Vorschein kommen
würde. Als Anatom durchschaue ich euer inneres Gebäude und erschaue mit großer
Leichtigkeit die Wechselwirkungen eurer Gefühle und die aus ihnen
hervorgehenden Urteile und Schlüsse. Als Chemiker verstehe ich diejenigen
Urteile in euch, die noch chaotisch und verworren untereinandergemengt sind,
sobald klassisch zu sondern und kann sie euch dann schon in der gerechten
Ordnung vorführen. Als Gärtner kenne ich allen Samen in euch, welcher da
besteht in den verschiedenartigen Worten und Begriffen. Ihr wißt es noch nicht,
was aus ihnen hervorwachsen wird, wenn sie dem inneren lebendigen Boden des
Geistes entkeimen werden. Ich aber bin ein Gärtner und kann euch im voraus alle
eure geistigen Pflanzenarten zeigen, welche aus diesem oder jenem Samen
hervorgehen müssen, die ihr bei weitem noch nicht erkennet.
[GS.02_052,12] Daher kann ich wohl für euch
fragen und antworten also, wie ihr im Grunde selbst fragen und antworten
würdet. Eigentlich tut ihr aber auf der Erde ja beinahe immer dasselbe.
[GS.02_052,13] Wenn ihr jemanden um etwas
fraget, so tut ihr solches darum, weil ihr in euch wohl den Keim, aber nicht
die erwachsene Pflanze der Antwort gewahret; und wenn euch dann der Gefragte
eine Antwort gibt, so ist das nicht etwa seine Antwort, sondern eure eigene aus
des andern Munde. Bei dem Gefragten war sie schon ausgewachsen; aber bei euch
war sie es noch nicht. Nach der Erteilung der Antwort von seiten des Gefragten
aber habt ihr sie bald verstanden und von ihr das Gefühl überkommen, als wäre
sie auf eurem Grund und Boden gewachsen.
[GS.02_052,14] Desgleichen ist es auch der
Fall, so euch jemand um etwas fragt oder euch auch bei gewissen Gelegenheiten
eine Frage in den Mund legt, wie ihr zu sagen pfleget. Da werdet ihr dann auch
sobald antworten und fragen; aber nicht, als wäre die Antwort euer oder die
Frage, sondern als wäre sie dessen, der sie euch gab. Denn das wird doch etwa
sicher sein, daß ihr niemanden um etwas fragen werdet, was ihr ehedem wisset,
und werdet auch niemandem eine Antwort geben, der euch um nichts fragt.
[GS.02_052,15] Die Frage ist ein Bedürfnis,
welches wie ein Sprosse der Antwort vorangeht. Wenn aber die Frage ein Sprosse
ist, wäre es da nicht der größte Unsinn zu behaupten, die dem Sprossen folgende
Blüte und Frucht, wenn sie durch die von außen einwirkende Wärme entwickelt und
gereift wird, gehöre darum einem andern Baume an als dem nur, auf dem der
Sprosse zum Vorschein kam?
[GS.02_052,16] Ich meine aber, ein jedweder,
der da fragt, fragt aus dem Bedürfnisse, um eine ihm genügende Antwort zu
erhalten. Wenn aber die Antwort für ihn ein Bedürfnis ist, so gehört sie doch
sicher in seine Lebenssphäre und nicht in die eines andern, dem sie kein
Bedürfnis mehr sein kann, weil er sie schon hat.
[GS.02_052,17] Aus diesem werdet ihr wohl mit
leichter Mühe zu entnehmen imstande sein, wie es zwischen uns geistig zugeht,
daß ich für euch frage, als wenn ihr fragen würdet, und also auch für euch
antworte, als wenn ihr selbst antworten würdet.
[GS.02_052,18] Ihr würdet auch selbst so
fragen und antworten, wie ich aus euch für euch frage und antworte, so eure
Fragen und Antworten schon reif wären. Da sie aber noch nicht reif sind, und
wir jetzt nicht Zeit haben, auf deren Reife in euch zu warten, so muß ich ja
gleichwohl aus euren Wurzeln, aus eurem noch mannigfaltigen Chaos und aus euren
Sämereien im voraus fragen und antworten, gerade also, als tätet ihr solches
selbst.
[GS.02_052,19] Ich meine, daß wir auch mit
diesem freilich wohl etwas kitzligen Punkte klärlich zu Ende sein möchten,
daher sollt ihr euch ob künftiger ähnlicher Erscheinungen nicht mehr stoßen,
sondern ganz wohlgemut weiterhin auf alles acht geben; denn hier bin ich ja,
wie schon im Anfange bemerkt, euer Gast, daher mag ich wohl von dem eurigen
nehmen und es euch vorführen. Klingt euch solches auf eurer Erde noch ein wenig
sonderbar, so machet euch im Ernste nichts daraus, denn im Geiste ist das die
gewöhnliche Art der Unterhaltung. Da besteht keine Sprache in Fragen und
Antworten, sondern im gegenseitigen vollkommenen Erkennen, und so redet da
immerwährend einer aus dem andern, wie auch einer aus allem und alle aus einem.
Wenn ich denn auf diese Weise aus euch antworte und frage, so tue ich nichts
geistig Ungewöhnliches, oder wie ihr saget „Unnatürliches.“ Sehet euch daher
auf dieser elften Galerie oder in diesem zehnten Stockwerke nur recht um, und
es wird da schon wieder so manches zu fragen und zu antworten geben.
53. Kapitel – XI. Galerie. Liebe zum Herrn
und daraus zum Nächsten führt zur Vollkommenheit des Lebens.
[GS.02_053,01] Da ihr euch nun so ziemlich
umgesehen, so könnet ihr auch schon anzugeben anfangen, was alles ihr gesehen
habt. – Ihr saget: Lieber Freund und Bruder! Wir haben der wunderbarsten Dinge
hier eine Menge gesehen; aber wer mag sie mit unserem beschränkten Begriffs-
und Wortreichtume so vollkommen schildern, daß jemand daraus klug werden könnte
und aus der Schilderung klärlich entnehmen, was das für Dinge sind?! Daher
meinen wir, hier wäre es wohl recht gut, so du gewissermaßen den Dolmetscher
machen möchtest.
[GS.02_053,02] Ja, meine lieben Freunde und
Brüder, eure bedenkliche Aussage von Beschränktheit eures Begriffs- und
Wortreichtums ist allerdings wahr, aber dessen ungeachtet sollet ihr von all
dem Geschauten dennoch so viel aussagen, als wieviel ihr davon mit euren
Begriffen und Worten zu bezeichnen vermöget; denn ihr müsset das hier immer vor
Augen haben, daß ihr euch hier so ganz eigentlich auf eurem eigenen Grund und
Boden befindet, soll euch meine Erörterung darüber geistlich zunutze kommen.
Sage ich es euch ohne irgend eure Vorkundgabe dessen, was ihr geschaut habt, so
mache ich euch dadurch eures Grundes ledig, und es besteht dann sogleich und
sofort kein Anknüpfungspunkt mehr zwischen meiner an euch gerichteten
Erörterung und eurer inneren Aufnahmsfähigkeit.
[GS.02_053,03] Die Sache verhält sich beinahe
also, als so sich zwei Freunde durch die Handreichung begrüßen möchten, von
denen der eine in seinem Hause den andern empfängt. In der Regel der
Freundschaft muß doch der Hausherr dem ihn besuchenden Freunde zuerst die Hand
reichen, sodann erst kommt die Reihe an den Besucher.
[GS.02_053,04] Ihr möchtet hier freilich
denken und sagen: Mit dergleichen Regeln nehmen wir es aber nie so genau; daher
können sie für uns nicht als ein völlig normaler Beweis angesehen werden, aus
dem wir folglichermaßen zuerst eine Vorangabe des hier Geschauten kundtun
sollen.
[GS.02_053,05] Ich aber sage euch, meine
lieben Freunde und Brüder, wenn euch dieses freundliche Haus-Beispiel zu wenig
triftig zu sein scheint, so kann ich euch schon mit einem überzeugenderen
aufwarten.
[GS.02_053,06] Sehet an das Verhältnis eurer
Erde zur Sonne; die Erde ist bei sich selbst doch sicher zu Hause, und die
Sonne ist ihr gegenüber nur als ein sie stets besuchender Gastfreund anzusehen.
Was muß aber die Erde zuerst tun, wenn sie von der Sonne Strahlen erleuchtet
werden will?
[GS.02_053,07] Ihr saget: Die Erde muß da
eine Fläche um die andere zuerst der Sonne zuwenden, sodann fallen sobald die
Strahlen der Sonne auf den zugewandten Teil.
[GS.02_053,08] Gut, meine lieben Freunde und
Brüder; sehet die Erde zur Nachtzeit an, ist sie da nicht eben so voll von den
mannigfaltigsten Dingen wie am Tage? Aber ihr könnet nur das wenigste davon so
recht ausnehmen, was und wie es ist; daß aber etwas da ist, solches ist
bestimmt, sicher und wahr. Wenn aber die Erde stehen bliebe und möchte warten, bis
die Sonne über ihren unerleuchteten Teil sich erheben wird, fürwahr, da wird
sie fürs erste ganz entsetzlich lange zu warten haben und ihre Dinge werden nie
in ihrer Vollzahl und in ihrer formellen Beschaffenheit ersichtlich werden. So
aber die Erde fortwährend sich dreht und eine Fläche um die andere unter die
Sonne hinschiebt, so werden die Dinge auf derselben sobald in ihrer
Vollkommenheit ersichtlich werden, die man zur Nachtzeit nur mit genauer Not
wahrgenommen hat.
[GS.02_053,09] Sehet, so müsset auch ihr als
Hauseigentümer von euch selbst euch zuerst zu mir herüberwenden, der ich nun
völlig im Namen des Herrn bei euch bin; und der Teil, den ihr mir zuwenden
werdet, wird dann ebenfalls sogleich beleuchtet werden, daß ihr ihn klarer zu
erkennen und richtiger zu bezeichnen vermöget.
[GS.02_053,10] Und so denn fanget nur an,
wenigstens das euch möglicherweise Bekanntere kundzugeben. Zählet einmal die
Säulen eines Säulenrondells; wie viele findet ihr deren hier im zehnten
Stockwerke?
[GS.02_053,11] Ihr saget: Lieber Freund und
Bruder! So wir uns nicht irren bei dem Rundherumzählen, so sind ihrer hier nun
zwei weniger denn in der vorigen Galerie, also nur zehn. Dafür aber bemerken
wir hier in der Mitte des Säulenrondells statt irgendeiner anderen Verzierung
zwei gar mächtig starke, fest aneinandergestellte Säulen, welche gleich den
anderen zehn den Plafond des Säulenrondells wie auch den der ganzen Galerie
tragen helfen und eine höher leitende Treppe geht hier nicht mehr innerhalb der
Runde der zehn Säulen, sondern in der Mitte auf diesen zwei Säulen aufwärts.
Übrigens erscheint hier alles vollkommen glatt und wir mögen schauen, wie wir
wollen, so ist aber nirgends etwas von einer Verzierung zu entdecken; auch ist,
soviel wir ausnehmen können, der Plafond dieser elften Galerie nicht mehr wie
gewölbt, sondern ganz flach hinlaufend. Alles ist von gleicher überschneeweißer
Farbe und durchsichtig; nur die innere kontinuierliche Wand scheint etwas ins
Rötlichbläuliche überzugehen, und die Tore sind, als wären sie von
durchsichtigem Silber.
[GS.02_053,12] Jetzt, lieber Freund und
Bruder, sind wir aber auch schon fertig, insoweit die Dinge hier für uns
möglichermaßen zu bezeichnen sind. Die flüchtigen Formen aber, welche sich
sowohl in der festen Masse der Säulen wie der anderen Teile dieser Galerie
fortwährend abwechselnd darstellen, können wir unmöglich bezeichnen. Fürs erste
sind sie zu flüchtig und zu schnell wechselnd, und fürs zweite sind ihre Formen
zu wenig intensiv, und unser Auge vermag da nicht viel mehr als nur wie ein
sich stets durcheinandermengendes Chaos zu entdecken, und somit wären wir so
ganz und gar zu Ende mit all dem hier Geschauten. Was es aber bedeutet, das
lassen wir, lieber Freund, dir über.
[GS.02_053,13] Nun gut, meine lieben Freunde
und Brüder. Ich bin mit eurer Kundgabe ja vollkommen zufrieden, und es wäre
auch gar überaus töricht von mir, von euch mehr zu verlangen, als ihr zu geben
imstande seid. Habt aber nun acht, wir wollen sogleich das von euch Geschaute
ein wenig näher beleuchten.
[GS.02_053,14] Die zehn Säulen dieses
Rondells sind in ihrer Bedeutung mit den Händen zu greifen; denn sie bezeichnen
ja augenscheinlichst das Zehngesetzliche, welches eigentlich aus der göttlichen
Weisheit hervorgeht. Denn die Liebe gibt keine Gesetze, sondern nur die
göttliche Weisheit, welche da ist der Grund der göttlichen Ordnung; denn die
Gesetze sind ein vorgezeichneter Weg, den man wandeln soll, um ans Ziel des
Lebens zu gelangen, und sie sind auch zugleich die Grundfesten, auf denen das
Leben zufolge der göttlichen Ordnung ruht.
[GS.02_053,15] Was aber würde wohl jemandem
der Weg in der stockfinstersten Nacht dienen, so er auch noch so gerne auf
demselben wandeln möchte? Ebensowenig würde jemandem ein irgend gestellter
Stützpunkt nützen, wenn er ihn erst in der stockfinstersten Nacht suchen
sollte.
[GS.02_053,16] Daher müssen die Gesetze, die
der sonstigen Nacht der Liebe gegeben sind, als Weg und als Stützpunkt
leuchtend sein, damit der Wanderer sich auf dem Wege nicht verirren mag und den
ordnungsmäßigen Stützpunkt des Lebens allezeit finden kann.
[GS.02_053,17] Also ist es hier ja leicht
ersichtlich, wie diese zehn weiß strahlenden Säulen handgreiflich das
Zehngesetzliche der Lebensordnung aus Gott bezeichnen. In der unteren Galerie
haben wir die zwei Säulen der Liebe noch in der äußeren Reihe eingeteilt
gesehen. Aber dafür war in der Mitte das merkwürdige Kreuz, welches ebenfalls
die leidende Liebe darstellt.
[GS.02_053,18] Hier aber erblicken wir die
zwei Säulen der Liebe an der Stelle des Kreuzes in der Mitte unseres
Säulenrondells. Sie sind fest aneinandergereiht und die Treppe, die nach oben
führt, ist von den äußeren zehn Säulen weggenommen und allein um die zwei
mittleren Säulen gewunden.
[GS.02_053,19] Ich meine, die Bedeutung
solcher Stellung wird ebenfalls nicht schwer zu erraten sein. Ihr dürfet nur
das Evangelium des Herrn zur Hand nehmen, und ihr werdet da finden, daß Er das
ganze Mosaische Gesetz wie auch alle Propheten in das alleinige Zweigesetz der
Liebe übertrug, nämlich: „Liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie dich
selbst!“ – Diese beiden Gesetze hat der Herr Selbst als gleichlautend
bezeichnet, aus dem Grunde sind die zwei Säulen in dieser Mitte sich fürs erste
ganz gleich, und fürs zweite noch dazu fest aneinandergereiht und sind die
alleinigen Träger des Weges nach oben. – Ich meine, solches verstehet ihr.
[GS.02_053,20] Was aber den euch so wunderbar
vorkommenden chaotischen Formenwechsel in den Säulen betrifft, so bezeichnet
dieser das Wandelbare des menschlichen Gemütes, welches sich innerhalb der
Gesetze befindet. Woher aber rührt in diesen Säulen solch beständiges wallendes
chaotisches Formenwechseln? Was ist wohl der Grund solcher Erscheinung?
[GS.02_053,21] Der Grund davon liegt in dem
von außen einwirkenden heftigen Lichte, durch welches diese Luft in ein
fortwährendes Schwingen versetzt wird. Da aber das Material dieser Säulen
überaus spiegelblank poliert und dazu noch überaus durchsichtig und
strahlenbrechungsfähig ist, so spiegeln sich diese Luftwellchen oder
Luftschwingungen darin ziemlich lebhaft ab, und wir vermeinen dadurch gewisse
Formen in den Säulen hin und her und auf und ab wallend zu erblicken. Nun
stellen wir einen Menschen hierher, der sich unter Gesetzen befindet. Er
befindet sich dadurch im hellen Lichte des Gesetzes, welches von innen stets
lebendig in ihn einwirkt, und dann befindet sich dieser Mensch seinem Äußeren
nach im Lichte der Welt, welches aber von außen her ebenfalls stets wie wogend
einwirkt.
[GS.02_053,22] Was entsteht aber dadurch im
Menschen? Ein fortwährender Ideenwechsel; bald beschleichen ihn die Formen der
Welt, bald wieder die Formen seines inneren Lichtes. Wirkt das äußere Licht
stark auf den Menschen ein, so werden die Formen des inneren Lichtes verdunkelt
und haben keine Klarheit mehr; im Gegenteil aber werden die Formen des äußeren
Lichtes stets nichtiger und schwächer ausnehmbar, je mehr das innere Licht zu
reagieren anfängt.
[GS.02_053,23] Wenn dann jemand die Formen
des inneren Lichtes ergreift und sie mit seinem Geiste stets mehr und mehr
fixiert, so wird aus der ehemaligen stets wechselnden Flexibilität der
Lichtformen eine konstante Form, welche fortwährend dem von außen einwirkenden
Lichte einen dieses Licht demütigenden Widerstand leistet; und der Mensch ist
dadurch zur erschaulich bestimmten Idee des inneren ewigen Lebens des Geistes
gelangt.
[GS.02_053,24] Das entsprechende Bild zeigen
euch die zwei mittleren Säulen, in und an denen ihr keinen solchen Formentanz
mehr entdecket. Wenn ihr aber genauer nach denselben blicket, so werdet ihr in
einer jeden eine ganz gleiche vollkommene, alleredelst ausgebildete
Menschengestalt erschauen, welche in all ihren Teilen klar und gleich
durchleuchtet ist.
[GS.02_053,25] Sehet, solches zeigt, daß der
Mensch einzig und allein nur durch die Liebe zum Herrn und aus dieser heraus
zum Nächsten zu der Vollkommenheit des Lebens in seinem Urfundamente gelangen
kann. Ich meine, ihr werdet nun so ziemlich im reinen sein. Was die übrigen
Teile der Galerie betrifft, so besagen sie nichts anderes als das vollkommen
Ordnungsmäßige der wahren Weisheit, welche da ist die Grundwahrheit im Geiste
und ein Licht ohne andere Verzierung und Ausschmückung und ist das, was ihr die
nackte Wahrheit nennet. Da wir aber solches wissen, so wollen wir uns auch
sogleich wieder über die Treppe um die zwei Säulen höher hinauf auf den großen
freien Platz begeben.
54. Kapitel – XII. Galerie. Das Fortschreiten
des Geistes.
[GS.02_054,01] Ihr fraget und saget hier: Wir
kommen somit aufs eigentliche Dach dieses Gebäudes, wo du von einem großen,
freien Platze gesprochen hast. Das wäre alles gut und richtig, lieber Freund
und Bruder. Auf diesem freien Platze wären wir somit auf dem elften Stockwerke
oder auf der zwölften Galerie? Da aber das Dach doch unmöglich weder als eine
Galerie noch als ein Stockwerk betrachtet werden kann, so können wir uns jene
Fernsicht von dem wohlbekannten Gebirge nicht erklären, wo wir so ganz
eigentlich zwölf Stockwerke erschaut haben. Waren diese zwölf Stockwerke bloß
eine optische Täuschung oder hat es damit eine andere Bewandtnis? Wir haben in
Verlaufe der Besteigung dieses wundervollen Gebäudes zwar schon einmal dieses
Nichtübereinstimmen erwähnt, jedoch damals hast du uns auf bessere Gelegenheiten
verwiesen und sagtest, was es damit für eine Bewandtnis habe, werden wir am
rechten Orte und an rechter Stelle erfahren. Und so möchten wir von dir ein
wenig im voraus erfahren, ob nun an diesem freien Platze solcher rechte Ort und
solche rechte Stelle sein wird, da wir solches erfahren möchten?
[GS.02_054,02] Meine lieben Freunde und
Brüder! Ich sage euch: Steiget nur mutig aufwärts, und oben in glänzender Freie
werdet ihr schon ohnehin ersehen, was alles ihr erfahren werdet.
[GS.02_054,03] Die Sache, die euch so sehr am
Herzen liegt, ist nicht von so großer Bedeutung, als ihr sie euch vorstellet,
sondern ist von der Art, daß sie sich ohnehin beim ersten Anblicke in der
oberen Freie von selbst erklären wird. Wir aber werden in dieser Freie mit ganz
anderen Dingen zusammenstoßen, die von bei weitem größerer Wichtigkeit und
höherem geistigem Interesse sein werden, als das euch noch abgängige zwölfte
Stockwerk. Und so gehet denn nun munter und hurtig aufwärts, damit wir
ehemöglichst unsere Freie erreichen.
[GS.02_054,04] Sehet, wenn man seine Schritte
beschleunigt, so kommt man eher ans Ziel, als so man dieselben verzögert.
Solches ist sicher und richtig und braucht keinen mathematischen Beweis; aber
der Geist ist auch des Fortschreitens fähig, und das bei weitem mehr als der
formelle Leib. Wie aber kann der Geist seine Schritte beschleunigen und wie
verzögern? Sehet, daß läßt sich nicht so geschwind ganz klar begreifen; daher
wird es wohl notwendig sein, noch vor dem völligen Eintritte auf den obersten freien
Platz ein paar Wörtlein darüber zu verlieren, und so höret mich denn an!
[GS.02_054,05] Ihr wisset, daß das
Fortschreiten des Geistes nicht etwa in einem stets mehr und mehr Weiserwerden,
sondern lediglich nur in einem stets mehr mit Liebe zum Herrn Erfülltwerden
besteht, aus welcher stets größeren Liebesfülle ohnehin alle anderen
Vollkommenheiten und Fähigkeiten des Geistes erwachsen. Wenn aber solches klar
und ersichtlich ist, so fragt es sich: Wie aber soll da der Mensch es
anstellen, daß er ehemöglichst zur Liebefülle zum Herrn gelangt? Denn es ist ja
bekannt, wie so manche Menschen sich den Herrn recht tiefst angelegen sein
lassen. Fragt man sie aber um ihre geistige Vervollkommnung, da sagen sie:
[GS.02_054,06] Was unsere geistige
Vervollkommnung betrifft, so wird es der liebe Gott wissen, was es damit etwa
für eine Bewandtnis hat. Wir halten Seine Gebote so viel, als es uns nur immer
möglich ist; wir beobachten alle anderen Regeln, wir halten die tägliche
Sabbatsruhe und beten viel zu Gott dem Herrn und bitten Ihn auch zu jeder Zeit
um die baldmöglichste Vollendung unseres Geistes. Aber dessen ungeachtet
gewahren wir nur kaum merkliche Fortschritte, und wenn wir nicht sehr auf uns
acht geben, so kommt es uns noch überdies vor, als hätte unser Geist nicht nur
keinen Fortschritt, sondern eher einen Rückschritt gemacht, so daß wir uns
darüber schon so manchmal ganz leisen Zweifeln überlassen und uns so heimlich
gedacht haben: Entweder sind wir für solch einen geistigen Fortschritt gar
nicht berufen oder die ganze Behauptung von der Vervollkommnung des Geistes ist
wenigstens im irdischen Leben nichts anderes als eine fromme Fabel oder doch
wenigstens eine Hypothese.
[GS.02_054,07] Sehet nun, meine lieben Brüder
und Freunde, das ist so die gewöhnliche Antwort auf die Frage über den
zögernden Fortschritt des Geistes, welcher bei den Menschen auf der Erde wohl
zu allermeist gang und gäbe ist.
[GS.02_054,08] Sollte es denn in solchem
Fortschreiten keine wahre Beschleunigung geben können? Sollte es denn keine Korneliusse
mehr geben, über welche der Geist Gottes eher kommt, bevor sie vom Petrus
getauft werden? Sehet, das ist eine ganz andere Frage, und ihre Beantwortung
ist sicher von der größten praktischen Wichtigkeit. Wie aber werden wir solche
Frage, die von einer so großen Wichtigkeit ist, auf die befriedigendste Weise
zu jedermanns klarer Einsicht beantworten können? Das soll uns so schwer nicht
werden; denn wo es für eine Sache genug anschauliche Beispiele gibt, da darf
man sie bloß als Evangelisten betrachten, und die Antwort gibt sich dann von
selbst. Wir wollen uns daher nicht länger mit Einleitungen aufhalten, sondern
sogleich nach dem nächsten besten Beispiele greifen.
[GS.02_054,09] Nehmen wir an, in irgendeiner
Hauptstadt lernen Tausende z.B. die Musik. Unter diesen Tausenden sind
wenigstens einige Hundert mit wirklich ausgezeichneten Musiktalenten begabt;
wie viele aber werden aus all diesen Schülern wohl als wirkliche Künstler und
Virtuosen hervorgehen? Vielleicht einer, vielleicht aber auch gar keiner; und
es wird einer Stadt am Ende zu gratulieren sein, wenn aus zehn Jahrgängen einer
oder höchstens zwei hervorwachsen werden, die sich den Namen „Künstler“ und
„Virtuose“ im Vollmaße zu eigen gemacht haben. Ist aber das nicht ein barster
Schimpf für die Menschheit, da doch ein jeder sagen kann: Ich habe ja auch
einen unsterblichen Geist in mir, ein Ebenbild Gottes! Wie steht es aber mit
solchen Ebenbildern der allerhöchsten Vollkommenheit, so sich die wenigsten nur
kaum über die Mittelmäßigkeit emporzuarbeiten imstande sind? Die größte Anzahl
aber bleibt schon ohnehin unter dem Gefrierpunkte stehen, obschon sie auch aus
Ebenbildern Gottes bestehen. Warum solches sich also gestaltet, werden wir
sogleich in den Studierzimmern unserer Musikschüler erschauen.
[GS.02_054,10] Sehet, da ist gleich eine
Gasse, bestehend aus hundert Häusern, da wohnen wenigstens tausend
Musikschüler. Gehen wir in Nr. 1 hinein. Sehet, da schläft soeben der Schüler
recht sanft und das noch hübsch weit weg von seinem Instrumente; wird er wohl
ein Künstler? Ich meine, im Schlafe lernt man die Kunst nicht. – Gehen wir ins
Haus Nr. 2; sehet, da zieht sich der Schüler gerade an, um vom schönen Tage zu
profitieren und eine kleine Landpartie zu machen, davon er ein großer Freund
ist. Wird er wohl ein Künstler? Ich meine, auf den Straßen, am Felde und im
Walde lernt man die Kunst nicht. – Gehen wir ins Haus Nr. 3; sehet, da sitzt
doch ein Schüler bei seinem Instrumente und übt gähnend seine Aufgabe. Wird er
wohl ein Künstler? Ich meine, für die Kunst ist ein gähnender Eifer zu gering.
[GS.02_054,11] Aber gehen wir wieder ins
nächste Haus. Sehet, da treffen wir gar keinen Schüler an, und die liederlich
durcheinander liegenden Musikalien, welche sonst ganz wohl erhalten aussehen,
geben uns einen hinreichenden Beweis vom Eifer unseres Schülers. Wird etwa aus
diesem ein Künstler herauswachsen? Ich meine, da könnte eher das ganze
Instrument zu Gold werden, als der Schüler zu einem Künstler. – Gehen wir ins
nächste Haus; vielleicht finden wir da so einen angehenden Künstlerheros.
Höret, es übt sich ja einer; aber sehet ihn an, seine Augen sind voll Tränen,
denn er ist von seinem Vater, der sichs für seinen Sohn viel kosten läßt,
soeben dazu geprügelt worden. Wird aus diesem ein Künstler? Da saget ihr schon:
Ex trunco non fit Mercurius; welches ebensoviel sagen will als: Aus der
geprügelten Liebe zur Kunst wird nicht sehr viel Künstlerschaft zum Vorschein
kommen. Sollen wir in noch mehrere Häuser hineingehen, um ähnliche Kunstjünger
zu besuchen? Ich meine, solches wird nicht vonnöten sein.
[GS.02_054,12] Aber sehet, ganz am Ende der
Gasse in einer ganz unansehnlichen Kneipe wohnt eine ärmliche Familie; da
wollen wir hineingehen und sehen, wie dort die Kunst betrieben wird, weil auch
ein Kind dieses ärmlichen Vaters die Musik lernt. Sehet, der Knabe hat an
diesem Tage wenigstens schon seine acht Stunden studiert; abends nun aber will
der Vater des Knaben Gesundheit wegen ihn mitnehmen auf einen kleinen
Spaziergang. Aber sehet nur den Knaben an, wie er sein Instrument ans Herz
drückt und es liebkoset, als wäre es sein größter Lebensfreund! Nur mit
bedeutender Mühe und großer Beredung von seiten des Vaters trennt sich unser
Kunstjünger mit Tränen im Auge von seinem Lieblinge und spricht: Du mein
teuerstes Kleinod! In kurzer Zeit, ja in sehr kurzer Zeit gehöre ich wieder
ganz dir an! Ich frage nun: Wird aus diesem ein Künstler? Gehet hin, höret
seine Töne, die er in kurzer Zeit aus seinem Instrumente zu ziehen gelernt hat,
und ihr werdet sagen: Ach, das sind Wundertöne! Man glaubt, sie kommen von
überirdischen Räumen herab. Ja, ja, meine lieben Freunde und Brüder, dieser
Jünger wird sicher ein großer Künstler; denn dieser hat schon den rechten
Lehrmeister in seiner Brust, und dieser Meister lehrt ihn, alles der Kunst zum
Opfer zu bringen und läßt ihn nirgends ein größeres Vergnügen treffen und
finden, als eben in seiner zu erlernenden Kunst.
[GS.02_054,13] Alle früheren waren wohl auch
Jünger der Kunst, aber sie hatten keine Liebe zu ihr und werden es daher ohne diesen
Meister auch nie weiterbringen. Warum aber hatten sie keine Liebe? Weil ihnen
die Weltzottelei lieber war als die Selbstverleugnung und ein vollernstliches
Ergreifen der Liebe zur Kunst. Aus diesem Grunde aber werden sie auch nur die
Früchte ihrer Weltzottelei, aber nie die der herrlichen Kunst ernten.
[GS.02_054,14] Nun sehet, dieses Beispiel
gibt uns einen genügenden Aufschluß, worin die Beschleunigung der geistigen
Fortschritte den Grund hat.
[GS.02_054,15] Wird man wohl zu der inneren
Vollendung gelangen auf Spaziergängen, in Theatern oder bei geselligen
Freundschaftszirkeln oder bei anderen weltlichen Geschäften von was immer für
einer Art? O nein; aus all dieser Weltzottelei wachsen durchaus keine
Korneliusse heraus, wie solches auch der Herr Selbst gar deutlich gezeigt hat,
als Er in einem Gleichnisse mehrere Freunde zu einem Gastmahle lud, und die
Freunde aber sich mit allerlei entschuldigten, darum sie der Einladung nicht
folgen mögen. Der eine hat mit ein Paar Ochsen etwas zu tun; ein anderer ist in
Heiratsangelegenheiten; ein dritter kauft einen Grund, und so kann keiner
kommen. – Sehet, das sind Weltzottler, die die Fortschritte des Geistes sicher
nicht beschleunigen. Sie sind zwar sonst sehr respektable Freunde des Herrn,
sonst hätte Er sie nicht laden lassen; aber nur die Zeit fehlt ihnen, zu
kommen.
[GS.02_054,16] Der Herr aber spricht zum
reichen Jünglinge: Gib alles hintan und folge Mir nach, so wirst du einen
Schatz im Himmel dir bereiten, oder mit andern Worten: Du wirst die Vollendung
deines Geistes überkommen!
[GS.02_054,17] Wer diesem Rufe nicht so
folgt, wie ihr von meinen Brüdern, den Aposteln wisset, wie diese dem Herrn auf
den ersten Ruf gefolgt sind, der muß sich denn auch gefallen lassen, daß der
Herr mit ihm ebenso herumzottelt, wie der Gerufene es zu tun pflegt mit dem
Herrn. Daraus aber können wir folgende ganz kurze Regel ziehen:
[GS.02_054,18] Je mehr Weltzottelei, desto
weniger geistigen Fortschrittes; je weniger Weltzottelei, desto beschleunigter
die Fortschritte des Geistes. Mit gar keiner Weltzottelei aber kann aus jedem
Menschen ein Kornelius herauswachsen. – Mehr brauchet ihr nicht; daher öffnet
das Pförtlein und steiget in die lichte Freie! –
55. Kapitel – Beschreibung des höchsten
Standpunktes.
[GS.02_055,01] Wir sind an Ort und Stelle;
was saget ihr denn zu diesem Anblicke? Hat das Auge eines auf der Erde lebenden
Menschen, ich meine, das Auge seiner Seele, je in seiner allertiefsten
Phantasie etwas Ähnliches auch nur geahnt?! Sehet, der noch außerordentlich
große Rundplatz, auf dem wir uns befinden, ist hellgrünstrahlend, und dieses
Strahlen ist kein wogendes, sondern ein ruhiges Strahlen. Womit wäre wohl
dieser Boden zu vergleichen? Etwa mit einem überaus wohl polierten Smaragde? O
welch ein matter Vergleich wäre das. Sollte man etwa den Boden mit dem
allerfeinsten Seidensamt vergleichen, der da strahlet, als wären die Fäden, aus
denen er bereitet ist, aus grünem Golde angefertigt? Ich sage, auch dieser
Vergleich ist matt und paßt nicht hierher. Ja, mit irdischen Vergleichen werden
wir da durchaus nicht weiterkommen. Wir werden daher etwas höher greifen
müssen; unsere Hände werden wir weit hinaus in den endlosen Raum strecken und
in selbem einzelne Planetarsonnen treffen, die mit einem solchen grünen Lichte
ihre sie umgebenden Weltkörper erleuchten. Ja, eine Sonne muß es sein, und
diese muß als eine flache Scheibe hiehergelegt werden; dann ist der Vergleich
richtig.
[GS.02_055,02] Also das wäre der Boden, auf
dem wir jetzt stehen; er ist wie eine mächtig strahlende Ätherfläche einer
Sonne, und dennoch ist er fest wie ein Diamant. Was saget ihr zu dieser
endlosen Pracht? Ihr seid stumm und möget kein Wörtlein hervorbringen. Ja,
meine lieben Freunde und Brüder, das ist auch vollkommen begreiflich; denn wo
es uns lichtgewohnten Geistern des Himmels schwer wird zu reden, da wird es
auch euch sicher um so schwerer werden, indem ihr von dergleichen
Lichterhabenheiten in solcher unermeßlichen Fülle noch nie in eurem Gemüte
etwas zu sehen bekommen habt.
[GS.02_055,03] Lassen wir aber dieses; den
Boden hätten wir angeschaut, wenden wir unsere Blicke nun auf die
unaussprechlich prachtvolle Umfassung dieses großen freien Platzes. Sehet, ein
weißes Geländer umgibt zuerst diesen ganzen großen freien Platz. Von zehn zu
zehn Klaftern aber steigt vom Geländer aus ein über hundert Klafter hoher
Obelisk. Seine strahlende Farbe ist ebenfalls blendend weiß; zu oberst aber,
sehet, ziert einen jeden solchen Obelisk eine bald rot, bald grün, bald blau,
bald violett, bald gelb, und so noch durch mehrere Farbnuancen hindurch gar
mächtig strahlende ziemlich große Kugel. Es nimmt sich dieses so aus, als
stünde zu oberst eines jeden solchen Obelisken, deren es um diesen großen
freien Platz noch immer viele Hunderte gibt, eine allerbarste Sonne, die da gar
mächtig diesen freien Platz erleuchtet.
[GS.02_055,04] Man könnte hier freilich
sagen: Wozu auf einer solchen Zentralsonne noch so viel leuchtende Körper? Es
wäre wohl fürs Auge wohltuender, eher auf eine Verminderung als auf eine solche
Verstärkung des Lichtes anzutragen. Ich sage euch: Dafür ist eben durch die
Aufstellung solcher mächtig leuchtenden Körper gesorgt. Solches, saget ihr, ist
eben nicht leicht zu begreifen. Ich aber sage euch, daß solches ganz natürlich
und leicht begriffen werden kann. Wieso denn, auf welche Weise? Dafür, meine
lieben Freunde, gibt es auch wohl schon auf der Erde eine Menge recht
handgreiflicher Beispiele, und das naturmäßig und geistig genommen.
[GS.02_055,05] Sehet, wenn bei euch zur
Sommerszeit alle Vegetation in weißer Farbe zum Vorschein käme, und zwar
sogestaltig weiß, wie da ist der Schnee des Winters, da kann ich euch ganz
bestimmt versichern, ihr könntet zur Tageszeit nicht möglicherweise ins Freie
treten, ohne ehestens von der überaus starken Macht des Lichtes gänzlich
geschmolzen und aufgelöst zu werden; denn die Strahlen der Sonne fallen zur
Zeit des Sommers zu intensiv auf die Oberfläche desjenigen Teiles der Erde, den
ihr bewohnet. Zur Winterszeit aber ist die weiße Farbe von guter Wirkung; denn
ohne diese würde das Licht zu wenig Wirkung haben; und es würde mit der Zeit
die Kälte so sehr zunehmen, daß ihr unmöglich es in der freien Luft aushalten
könntet. Aber die weiße Farbe des Schnees wirft das Licht wieder zurück und
erwärmt dadurch nachträglichermaßen die Luft.
[GS.02_055,06] Zur Sommerszeit aber muß die
Vegetation die Oberfläche der Erde buntfarbig überdecken; durch diese weise
Vorrichtung wird der Sonne intensiver Strahl in seinem wirksamsten Teile
verzehrt, und nur der sanfte Teil desselben bricht sich aus der buntfarbigen
Oberfläche des Erdbodens wieder zurück. Ihr könntet auch ein ähnliches Phänomen
künstlich im Kleinen versuchen, und da gebe ich euch solches an.
[GS.02_055,07] Stellet zur Nachtzeit auf die
Mitte eines Tisches eine stark leuchtende argandische Lampe. Wenn ihr sie
einzeln dastehend betrachtet, so wird ihr Licht euer Auge beleidigen; nehmet
aber mehrere Lampen, stellet sie um diese weißflammende herum, und stecket über
ihre weißen Flammen verschieden gefärbte Glaszylinder. Dadurch werdet ihr ein
Licht von allerlei Farben bekommen, d.h. eine jede dieser umstehenden Lampen
wird ein anders gefärbtes Licht ausstrahlen. Was wird aber davon der Effekt
sein? Der Effekt wird folgender sein, daß ihr das Licht der mittleren weißen
Lampe ohne den allergeringsten Anstand werdet ganz bequem anschauen können, und
es wird euch vorkommen, daß es dadurch in eurem Gemach dunkler geworden ist
beim Brande von wenigstens zehn Lampen, als es ehedem bei dem Brande der einen
weißen der Fall war. Daß solches richtig ist, zeigt euch tagtäglich die ganze
Natur wie auch die aus ihr geschöpfte Erfahrung, nach der Weise angestellt, wie
ich es euch nun kundgegeben habe.
[GS.02_055,08] Geistig muß aber die Sache
auch richtig sein; warum denn? Weil sie im Geiste eher als in der Natur
vorhanden sein muß. Ist sie aber geistig richtig, dann ist auch schon für die
naturmäßige Richtigkeit der unumstößliche Beweis geliefert. Wird solch ein
Beweis für die geistige Richtigkeit wohl schwer zu liefern sein? O nein! Ihr
selbst habt dafür schon ein recht gutes Sprichwort, welches diesfalls unsere
Sache allergenügendst erklärt; und dieses Sprichwort lautet: Ex omnibus aliquid
et in toto nihil. – Ein Mensch, der in allen Fächern des menschlichen Wissens
bewandert sein will, in dessen seelischer Leuchtkammer wird es gewiß sehr
buntstrahlig aussehen. Fasset aber alle diese Strahlen zusammen, so werden sie
kaum so viel Stärke haben, um zur Nachtzeit ein Gemach allenfalls so zu
beleuchten wie Sonnenkäferchen, und im Geiste wird sich solcher Effekt auch auf
das Deutlichste aussprechen; denn solche vielwissenschaftlich gebildete
Menschen sind weder im einzelnen, noch im ganzen tüchtig, um über eines oder
das andere eine allen Anforderungen genügende Ansicht von sich zu geben.
[GS.02_055,09] Ich meine, dieses ist so
deutlich gegeben, daß wir darüber kein Wort mehr zu verlieren brauchen und
können uns daher wohlunterrichtet wieder auf unsere herrliche freie Fläche
wenden und da genügend erkennen, zu welchem Zwecke hier solche Lichtwechslungen
angebracht sind. Und so hätten wir den Boden dieses Platzes und seine Umfassung
hinreichend betrachtet.
[GS.02_055,10] Nun aber schauet noch in die
Mitte dieses großen freien Platzes hin; dort erhebt sich noch ein mächtig
großes Säulenrondell, welches zu oberst mit einer dunkelrot strahlenden Krone
überdeckt ist. Der Säulen, die diese Krone tragen, gibt es dreißig; eine jede
ist von der andern zwei Klafter entfernt. In der Mitte dieses Säulenrondells
entdecket ihr einen karminroten Altar, auf dem unser bekanntes Querholz liegt.
Dahin wollen wir uns auch sogleich begeben und dann wohl acht haben, was alles
sich noch auf dieser herrlichen freien Fläche zutragen wird. Zugleich aber
mache ich euch auch darauf aufmerksam, daß eben dieses mächtige Säulenrondell,
dessen Säulen von hellichtblauer Farbe sind, den von euch bisher vermißten
zwölften Stock dieses Gebäudes von der Ferne her gesehen, bildet. Da wir nun
mit diesem Anstande zurecht sind, so begeben wir uns sogleich in das Rondell
und warten dort ab, was alles sich noch unseren Blicken darstellen wird. – Und
so denn gehen wir.
56. Kapitel – Warum ist man inmitten aller
Pracht so allein?
[GS.02_056,01] Wir sind in dem Rondell und am
Altare; wie ihr sehet, so sind wir auch hier noch, wie ihr zu sagen pflegt,
mutterseelenallein. Ihr saget hier freilich wohl: Das ist aber auch sonderbar
genug auf dieser Welt, wohin wir nur immer kommen, entdecken wir wohl die
größte Pracht, und in der Pracht spricht sich auch die größtdenkbarste Weisheit
aus; aber Menschen scheinen hier fortwährend einen ewigen Feiertag zu haben und
sitzen neben ihrer größten Pracht in ihren Kammern. – Es wäre ja doch angenehm
und überaus erheiternd, auch nur ein Paar miteinander wandeln zu sehen; aber so
sieht man nichts als die tote Pracht, der das Leben fast gänzlich zu mangeln
scheint. Also sind wir auch hier auf diesem freien Platze von lauter Wundern
menschlicher Kühnheit und Weisheit umfangen; aber die Baumeister sind, Gott
weiß es wo, verborgen.
[GS.02_056,02] Fürwahr, dieses Hauptgebäude
in seinem Gesamtumfange ist etwas so Großartiges und erhaben Prachtvollstes,
daß wir es gar nicht zu denken vermögen, als sei es ein Menschenwerk; denn so
etwas ist nur Gott möglich zu erbauen, aber Geschöpfen scheint es kaum möglich
zu sein. Und wenn es im Ernste Geschöpfe dieser Welt erbaut haben sollen, so
müssen sie fürs erste Riesenkräfte besitzen, fürs zweite müssen sie eine
Ausdauer und einen Mut haben, wovon sich noch kein menschlicher Geist einen
Begriff machen kann, und fürs dritte muß ihr vollendeter Sinn so sehr weise
ästhetisch sein, daß sich über denselben hinaus ebenfalls kein Atom mehr denken
läßt. Und dennoch ist von all diesen wunderbaren Menschen in der Freie nirgends
etwas zu erblicken. Warum denn nicht?
[GS.02_056,03] Sind diese Menschen so
schüchtern, so eingezogen oder haben sie, wie schon bemerkt, gerade zu der
Zeit, so wir irgend anlangen, Feiertag oder, weil es hier keine Tage gibt, eine
gemessene Ruhezeit?
[GS.02_056,04] Liebe Freunde und Brüder, bei
dem letzten Ausspruche verbleibet, und ihr habt den richtigen Grund gefunden,
vermöge welchem gerade zu der Zeit, wo wir uns an irgendeinem Orte befinden,
diese Menschen eine gewisse Rast oder Ruhe halten. Ist diese zu Ende, dann
dürfet ihr glauben, daß es bei euch auf der Erde in der allerbelebtesten
Weltstadt nicht so lebendig zugeht, wie an einem solchen Orte.
[GS.02_056,05] Denn nicht leichtlich würdet
ihr auch auf der Erde einen volkreicheren Ort antreffen als dieser da ist, auf
dem wir uns gegenwärtig befinden. Und ihr könnet es wohl glauben, daß sich in
diesem Gebäude über zehn Millionen Menschen aufhalten; denn wie groß dieses
Gebäude ist, davon habt ihr euch von der Entfernung her schon einen kleinen
Begriff machen können.
[GS.02_056,06] Betrachtet nur einmal diesen
Platz, auf dem wir uns noch befinden, und ihr müßt euch gestehen, daß er groß
genug wäre, eine der größten Städte von eurem Europa aufzunehmen; und dennoch
beträgt er kaum ein Viertel des ebenerdigen Durchmessers dieses großen
Gebäudes. Dazu können wir solche Größe auch nur mit unseren geistigen Augen
leicht überschauen, und sie wird uns so gestaltet erträglich.
[GS.02_056,07] Mit euren leiblichen Augen
würdet ihr da nur sehr kleine Partien auf einmal zu überschauen imstande sein;
denn der Maßstab ist zu groß für die Pupille eines fleischlichen Auges und
würde sich nach allen Seiten hin verengen und sich auch etwas ins Blaue zu
verlieren anfangen. Aus diesem aber könnet ihr sicher den Schluß ziehen, daß es
in den freien Zeiten in all diesen Räumen und in der ganzen weiten Gegend sehr
lebendig zugeht.
[GS.02_056,08] Zudem ist es besonders hier
auch notwendig, daß ihr mit diesen überaus schönen Menschen nicht eher eine
sichtbare Bekanntschaft machet, als bis ihr euch an den so sehr erhabenen
Dingen, welche voll der tiefsten Bedeutung sind, ein wenig abgestoßen habt.
Denn würden wir sogleich mit diesen allerwunderbarst schönen Menschen in eine
Verbindung treten, bevor ihr alles andere Wichtige angeschaut und gehörig
nutzbringend betrachtet habt, so würdet ihr euch in die Menschen so sehr
vergaffen, daß euch alles andere noch so erhaben Pracht und Bedeutungsvollste
um eine hohle Nuß feil wäre! – Aus eben dieser Ursache aber muß ich euch auch
an einen Ort zu einer solchen Zeit hinbringen, in der die Bewohner dieses Ortes
gerade ihre Ruhe zu halten pflegen.
[GS.02_056,09] Daß es aber hier überaus
lebendig vor sich geht, davon werdet ihr euch bald überzeugen. Wir werden durch
unsere bekannte Manipulation dieses Holz auf dem Altare brennend machen, und
sobald werden sich die Räume dieses weiten Platzes von allen Seiten her zu
füllen anfangen.
[GS.02_056,10] Ihr möchtet wohl wissen, ob
diese Menschen hier von unserer Gegenwart irgendeine Ahnung haben oder uns etwa
wohl gar zu sehen imstande sind? – Ich sage euch: Vorderhand ist weder das eine
noch das andere der Fall. Aber wir werden uns hier ihnen zeigen und uns mit
ihnen auch in eine Zwiesprache einlassen und das darum, damit ihr alles
kennenlernet, wie es hier zugeht; denn wir werden uns nach diesem Orte sobald
von dieser Welt hinwegbegeben und noch der Glanzoberfläche eurer Sonne eine
kleine Visite abstatten.
[GS.02_056,11] Daher wollen wir uns denn hier
auch den Bewohnern zeigen und uns mit ihnen über manches besprechen, damit ihr
dadurch selbst erfahret, wessen Geistes Kinder sie sind.
[GS.02_056,12] Ich mache euch aber zum voraus
aufmerksam, daß ihr euch ja niemandem nähert und ihn anrührt, denn solches
würde euch vor der Zeit von dieser Welt hinwegbringen, und ihr könntet den zu
mächtig reizbaren Eindruck nicht ertragen. Solches muß sogar ich beachten, der
ich doch schon gar lange alles Naturmäßigen ledig bin, und darf ebenfalls
keinen hier noch in seinem Leibe lebenden Menschen anrühren.
[GS.02_056,13] Ihr fraget freilich, warum
denn ich solches nicht dürfe. Bei mir ist es wieder der umgekehrte Fall. Diese
Menschen haben einen zu entsetzlich großen Begriff von den Kindern des Herrn;
und ihre Achtung und Liebe zu diesen Kindern des Herrn ist zu unbeschreiblich
heftig und stark, daß sie sich darob durch eine Berührung von mir alsbald aus
lauter Liebe verzehren und am Ende gänzlich auflösen würden.
[GS.02_056,14] Daher wird es euch auch gar
nicht wundernehmen dürfen, so ihr mich schroff ernstlich werdet mit diesen
Menschen reden sehen und hören; denn solches muß ich tun aus Liebe zu ihnen.
Desgleichen müsset auch ihr beobachten.
[GS.02_056,15] Durch eine äußerlich liebevoll
scheinende Behandlung würdet ihr ihnen bei weitem mehr schaden als nützen; denn
also ist alles in der Ordnung des Herrn bestellt.
[GS.02_056,16] Der Leib des Menschen hat
ebenfalls verschiedene Teile, die zwar zu einem gemeinsamen Lebenszwecke tätig
sind und auch sein müssen; möchte sich aber jemand irgendein Glied abschneiden
und es etwa aus lauter Liebe zu diesem Gliede in sein Herz hineinarbeiten wollen,
so wird er dadurch nicht nur das Glied, sondern auch das Herz töten.
[GS.02_056,17] Also bleibt aber auch dieselbe
Ordnung unter den mannigfaltigen Dingen und Geschöpfen in dem unermeßlichen
Schöpfungsgebiete des Herrn. Sie sind alle füreinander gegenseitig da und
dienen sich gegenseitig zu ein und demselben Lebenszwecke; aber nur müssen sie
sich nicht selbst versetzen und verwechseln, was durch eine ungeregelte und
unzeitige Liebe geschehen kann, wollen sie sich nicht gegenseitig verderben.
[GS.02_056,18] Unter einer gerechten,
ordnungsmäßigen, weisen Beschränkung können wir uns allen Geschöpfen nahen und
uns mit ihnen in einen gerechten wechselseitigen Rapport setzen auf die Weise,
wie da alle Glieder eines Leibes im beständigen Rapporte stehen; was darüber
ist, das ist verderblich. – Und so denn machet euch gefaßt; ich werde meine
Hand an den Altar legen, die Flamme wird das Holz ergreifen, und von hundert
und aber hundert Seiten her werdet ihr sobald Menschen herzueilend erschauen.
[GS.02_056,19] Ich lege nun meinen Finger an
den Altar; sehet, das Holz ist von Flammen ergriffen, – und nun sehet hinaus,
wie sich die Pförtlein zu öffnen anfangen!
57. Kapitel – Jede Welt hat ihre Ordnung und
Gesetze des Bestehens.
[GS.02_057,01] Und sehet ferner! Schon
entströmen den hundert und aber hundert Pförtlein ernstheitere Scharen und
eilen behende hierher. Sehet einmal die herrlichen Menschen an; wie
unbeschreiblich schön sind ihre Formen; welche Weichheit und welche harmonische
Zartheit in allen Teilen! Der Mann unterscheidet sich von dem Weibe nur durch
einen mäßigen Bart und durch die flache Brust, in allem übrigen ist er
ebenfalls von großer Weich- und Zartheit und stellt in aller Fülle eine
vollkommen männliche Gestalt dar. Seine ganze Kleidung ist, wie ihr sehet, ein
einziges Hemd, ein wenig bis unter seine Knie hinabreichend. Das Hemd des
Mannes ist von lichtblauer Farbe und hat den Glanz wie das Gefieder am Halse
eines Pfauen bei euch. – Das Weib hat eine rosenrote Schürze nur um die Hüfte
gehangen, so daß diese Schürze ihren Bauch bis hinab zu den Waden, also auch
ihre Schenkel und ihr Gesäß bedeckt. Der obere Leib ist teilweise frei, nur mit
den reichlichen lichtgoldstrahlenden Haaren bedeckt.
[GS.02_057,02] Betrachtet nun eine solche
weibliche Gestalt in der Nähe; sehet die unbeschreibliche Feinheit ihrer Haut
an; könnt ihr euch erinnern, auf der Erde je irgendeine so zarte Oberfläche
eines Gegenstandes gesehen zu haben? Seht ihr auf diesem Leibe irgendeine
allergeringste Falte oder irgendein Hervortreten der Haut, genötigt durch einen
Knochen oder einen Knorpel des inwendigen Leibes?
[GS.02_057,03] Sehet, so blank und flach eine
allerfeinst gedrehte und polierte Kugel ist, da nirgends eine das ästhetische
Auge störende Erhöhung zu ersehen ist, also blank flach abgerundet ist auch
allenthalben der Leib eines solchen Weibes; und da ist kein Unterschied
zwischen Jung und Alt, im Gegenteile, je älter hier ein Weib wie auch ein Mann
wird, desto vollendeter bilden sich ihre Formen aus; ja im hohen Alter von
manchmal mehr denn tausend Jahren werden diese Menschen so außerordentlich
vollkommen schön, daß da ihre wahrhaft ätherisch seelische Schönheit durch
keines Wortes Kraft und Macht dargestellt werden kann.
[GS.02_057,04] Ja, die Schönheit eines solchen
hochbejahrten Menschenpaares hier ist nicht selten so außerordentlich groß, daß
sie, so sie irgend auf eurer Erde sich befände, im Ernste gesprochen die
härtesten Steine wie Wachs zerfließen machen würde.
[GS.02_057,05] Ja, eure ganze Erde wäre nicht
imstande, solch eine glänzendste Schönheit einer menschlichen Form zu tragen
und daneben zu bestehen. Würde die Erde gleichwohl Meister der schönen Form, so
aber könnte sie dennoch das für einen Erdbewohner unaussprechlich und
unbegreiflich intensive Licht eines solchen Menschen nicht ertragen; denn ihr
könnt es mit Bestimmtheit annehmen, daß ein solcher Mensch hier eine größere
Masse Licht aus sich herausströmen läßt als nicht selten eine ganze
Planetarsonne zur Erleuchtung und Erwärmung ihres ganzen Planetargebietes.
[GS.02_057,06] Ihr saget hier freilich und
fraget: Wenn solches also der Fall ist, so fragt es sich, welchen Stoffes wohl
der Leib dieser Menschen ist, der da bestehen kann in solch einer endlos und
unberechenbar allermächtigsten Lichtfülle. Denn wir auf der Erde wissen es, daß
selbst der Diamant in einer durch die Hohlspiegel bewirkten und auf einen Punkt
zusammengedrängten Strahlenmasse aus der Sonne nicht bestehen kann, sondern
sich sobald verflüchtigt; und doch ist solch ein Strahlenpunkt vielleicht nicht
der äonste Teil der gesamten Lichtstärke der Sonne. Hier aber soll ein
einzelner nicht viel größerer Mensch, als wir es sind, eine so intensive
Lichtmasse in sich und um sich fassen, daß mit solcher Lichtfülle eine ganze
Planetarsonne für all ihre Planeten mit einem vollkommen hinreichend starken
Lichtgrade über alle ihre weit gedehnten Gebiete könnte gesättiget werden.
[GS.02_057,07] Sonach läßt sich bei solcher
vergleichenden Betrachtung, lieber Freund und Bruder, wohl gar sehr die Frage
stellen, aus welchem Stoffe solche Menschen wohl erschaffen sein müssen, um
solch einen unaussprechlich mächtigen Grad des Lichtes zu ertragen?
[GS.02_057,08] Meine lieben Freunde und
Brüder! Wenn ihr hier auf dieser Sonne nach rein irdischen Begriffen und Verhältnissen
urteilet, da werdet ihr wohl schwerlich je zu einem richtigen Resultate
gelangen; wenn ihr aber euch das zu einem Grundsatze machet und saget: Eine
jede Welt und eine jede Sonne hat ihre eigentümlichen Gesetze, unter denen sie
besteht, – so werdet ihr der Wahrheit und der Grundursache solch eines
Bestehens im Lichte um ein sehr Bedeutendes näher gerückt sein.
[GS.02_057,09] Zudem habt ihr ja ähnliche
Verhältnisse schon auf eurer Erde. Gehet von einem Lande ins andere, von einem
Weltteile in den andern und von einer Insel auf die andere, und ihr werdet da
schon so bedeutende Verschiedenheiten in den Lebensverhältnissen finden, daß
ihr euch darüber nicht genug zu verwundern imstande sein werdet. Betrachtet ihr
dazu noch, wie es in allen Elementen noch lebende Wesen in zahlloser Menge
gibt, so werdet ihr noch mehr darüber zur Klarheit gelangen, daß das Leben sich
unter den verschiedenartigsten äußeren Verhältnissen aussprechen und erhalten
kann. Wenn aber solches schon auf der Erde materiell genommen bei euch klarst
bemerkbar wird, um wieviel mehr gilt dann solche Regel für verschiedene
Weltkörper.
[GS.02_057,10] Es gibt bei euch Tiere in
zahlloser Menge, die außer dem Wasser keine Minute lang zu leben imstande sind;
dann aber gibt es Tiere und Wesen, die nur unter der Erde im dichtesten
Schlamme und selbst in den Steinen einzig und allein ihr Leben zu fristen
imstande sind. Solche Schlammtiere in den Tiefen unterirdischer Schlünde sind
euch wohl bisher noch gänzlich unbekannt; aber Steintiere, als z.B.
Steinfliege, Steinspinne, Steinbiene, Steinkröten u. d. m. sind von den
Naturforschern der Erde schon hier und da aufgefunden worden; aber nur wissen
es die Naturforscher nicht, daß sich dergleichen Tiere in den Steingattungen
selbst produzieren, indem die auch den Stein durchwaltenden Lebenskräfte sich
ergreifen und als Intelligenzen sich natürlicherweise in einer Form ausbilden,
nach der in sie vom Herrn gelegten Ordnung.
[GS.02_057,11] Ja, wenn ihr die Sache so
recht beim scharfen Lichte betrachten würdet, so würdet ihr finden, daß alle
Steine, ja das gesamte Wesen eurer Erde nichts als sich mächtig ergriffen
habende Klumpen von lauter abgelegten tierischen Leibern oder Lebenslarven
sind, und daß diese Lebenslarven noch immer einige, freilich wohl hart gebundene
Grundlebenskraft in sich fassen, welche sich hier und da bei leichterem
Flottwerden wieder ergreift, aus der leichteren sie umgebenden Materie sich in
eine neue mitlebende Form ausbildet und dann in derselben sich eine Zeitlang
aufhält zur mächtigeren Stärkung des ersten in dieser neuen Form sich ergriffen
habenden Grundlebens.
[GS.02_057,12] Sehet, ein solches Wesen kann
dann in solch einer Materie wohl existieren; bringet ihr es aber von da in die
freie atmosphärische Luft, so wird es in wenigen Minuten dahin sein.
Umgekehrtermaßen aber wird es auch denjenigen Wesen ergehen, deren
Lebenselement nur die freie atmosphärische Luft ist. Wenn aber ihr, die ihr nur
in der atmosphärischen Luft zu leben vermöget, euch in den überaus leichten
Äther begeben möchtet, so wird es euch da geradeso ergehen wie einem Fische, so
ihr ihn vom Wasser in die freie Luft emporhebet.
[GS.02_057,13] Desgleichen gibt es aber auch
eine zahllose Menge für euch nicht sichtbar lebender Wesen in der Region des
Äthers; diese können nur im Äther und nicht mehr in der Luft und noch weniger
in einer dichteren Materie leben. – Wesen aber, welche im Äther zu leben
imstande sind, sind auch imstande stets mehr und mehr im Lichte zu leben. Sie
haben freilich für euch nicht sichtbare Leiber; aber deswegen existieren sie
dennoch, und zwar in einer solchen unendlichen Zahlfülle, daß ihr euch davon
ewig nie werdet einen hinreichenden Begriff machen können.
[GS.02_057,14] So denn müsset ihr euch auch
diese Menschen nicht als grobmateriell-körperlich denken, sondern überaus
ätherisch-zart und feinmateriell, welcher Beschaffenheit aber dann das Licht in
seiner größten Intensität auch nichts mehr anhaben kann.
[GS.02_057,15] Solche Verhältnisse gibt es ja
auch im reinen Geisterreiche, wo es Geister gibt, die überaus schwerfällig und
finster sind und daher ihr Leben auch nur in den dichtesten innersten Teilen
der Erde fristen können; – und wieder gibt es Geister, welche etwas leichter
sind und daher die oberen Teile der Erde wie auch die Gewässer bewohnen, allda
ihr Leben fristen und ihr Wesen treiben; – und wieder gibt es Geister, die in
der halben unteren Luftregion leben und in derselben ihr Wesen treiben; und
wieder gibt es Geister, natürlich von vollkommenerer Art, welche die oberen
reineren Luftregionen, etwa von der Gegend der Gletscher angefangen, bewohnen;
– und wieder gibt es Geister, welche die erste Region des Äthers, und dann
Geister, welche die höchsten und freiesten Ätherregionen und weiten freien
Räume zwischen den Weltkörpern bewohnen; – und endlich gibt es
allervollkommenste Geister, welche die obersten Sphären der Sonnen bewohnen,
die da sind ein ewiges Licht. Und die Geister von unten bis nach oben können
einander nicht erschauen, d.h. deutlicher gesprochen: die Geister einer unteren
Stufe können die einer höheren Stufe nicht erschauen; wohl aber ist solches
umgekehrt möglich und auch in der Ordnung gangbar.
[GS.02_057,16] Solches aber ist auch
notwendig, denn würden die unteren unvollkommeneren Geister die oberen
vollkommeneren zu erschauen imstande sein, so würden sie dadurch in ihrer
Freiheit beeinträchtigt werden; die vollkommeneren aber müssen die
unvollkommeneren sehen, damit sie dieselben allezeit in der gehörigen Hut haben
können.
[GS.02_057,17] Aus dieser Betrachtung, meine
ich, sollte euch wohl klar werden, wie diese Menschen hier in solcher
Lichtintensität gar wohl bestehen können.
[GS.02_057,18] Ihr habt zwar ehedem die
Strahlenwirkung der Sonne durch einen Hohlspiegel bewirkt angeführt; ich aber
sage euch: Es ist wahr, daß der höchst intensive Lichtpunkt, der da aus dem
Hohlspiegel ausgeht, solch große Kraft der Auflösung in sich hat; aber woher
kommt denn dieser Strahl? Von nirgendwo anders her, als von dem vom Hohlspiegel
aufgenommenen Bilde der Sonne, also endlich doch vom Hohlspiegel her. Da ließe
sich denn doch wohl fragen: Wie mag dessen Strahl wohl den Diamant zerstören,
während doch die viel leichter zerstörbare Materie des Hohlspiegels selbst
nicht den allergeringsten Schaden leidet?
[GS.02_057,19] Eine noch größere Frage wäre
diese: Nach der auflösbaren Lichtstärke eines Brennpunktes aus dem Hohlspiegel
zu urteilen, muß die Sonne auf ihrer ätherischen Lichtoberfläche ja eine so
außerordentlich auflösende Kraft besitzen, daß ein noch bei weitem größerer
Weltkörper, als da eure Erde ist, wie ein Wassertropfen am weiß glühenden Eisen
im Augenblicke aufgelöst würde, sowie er sich solcher Sonnenlichtglanzfläche
nur auf etliche tausend Meilen nähern würde.
[GS.02_057,20] Die Sonne selbst aber ist auch
ein dichter materieller, freilich wohl immens großer Klumpen; wie ist es denn,
daß dieser Klumpen von der unendlichen auflösenden Kraft nicht auch sobald
zerstört wird? Sehet, warum die Sonne in sich selbst gar wohl bestehen kann und
noch andere Wesen auf ihr, findet ihr gründlich dargestellt in der ersten
Einleitung zur Sonne, welche euch vom Herrn Selbst mitgeteilt ist; und ich sage
euch demnach hier nur so viel, daß das Licht allezeit von einem leuchtenden
Körper nach außen, aber nie nach dem leuchtenden Körper zurück in solcher
zerstörenden Heftigkeit wirkend ist.
[GS.02_057,21] Ihr wisset aber, daß wir uns
hier auf einer Zentralsonne befinden, auf welcher das Licht in unmeßbarer
Intensität zu Hause ist. Aus diesem Grunde ist hier auch alles so höchst
glanzvoll poliert, damit dadurch alles auf die Gegenstände einwirkende Licht
trotz seiner immensen Intensität nahe bis auf den letzten Tropfen
zurückgeworfen wird und darum mit den Körpern nicht zerstörend in
Wechselwirkung treten kann.
[GS.02_057,22] Und nun sehet, aus eben diesem
Grunde ist auch die Haut dieser Menschen so unaussprechlich zart und ihre Form
so vollkommen als möglich abgerundet. Dadurch wird das auf sie einfallende
Licht schnell zurückgeworfen und kann auf sie unmöglich zerstörend einwirken,
ebensowenig als das vom Hohlspiegel ausstrahlende Licht auf den Hohlspiegel
selbst zerstörend wirken kann, weil es von seiner stark glänzend polierten
Oberfläche zurückgeworfen wird. Freilich muß sich die Glanzoberfläche eines
Körpers nach dem Grade der auf ihn einfallenden Lichtstärke richten.
[GS.02_057,23] Aus dem aber geht dann hervor,
daß auf einer jeden Welt das in Formen gehüllte Leben unter den dazu
erforderlichen Gesetzen ganz wohl denkbar ist.
[GS.02_057,24] Ich meine, wir brauchen über
diesen Punkt nicht viele Worte mehr zu machen, denn ihr könnet aus dem schon
hinreichend entnehmen, daß fürs erste selbst eine Zentralsonne trotz aller
ihrer Lichtintensität noch gar wohl zur Tragung frei lebender Wesen tauglich
ist, und fürs zweite könnet ihr daraus auch fast mit den Händen greifen, daß
die auf solch einer Welt lebenden menschlichen Wesen notwendig von solcher
Zartheit und Schönheit sein müssen, ohne die sie nicht auf solch einer Welt zu
existieren vermöchten. – Da wir aber nun solches wissen, so können wir uns mit
diesen überaus schönen Menschen schon in eine nähere Begegnung einlassen. –
58. Kapitel – Begegnung mit den Bewohnern
dieser Zentralsonne.
[GS.02_058,01] Wie sollen wir aber solches
tun? Zunächst hängt ein solcher Effekt vom Herrn ab, dann aber von unserem
festen Willen; mit diesem müssen wir uns selbst gewisserart fixieren, und haben
wir das getan, so wird unsere Wesenheit alsbald sichtbar vor diesen Menschen in
die Erscheinlichkeit treten.
[GS.02_058,02] Also tun wir denn auch das,
und ihr werdet euch überzeugen in eurem inwendigen Schauvermögen, daß uns diese
Menschen als vollkommen anwesend erschauen.
[GS.02_058,03] Wir haben das getan. Und nun
sehet, wie diese Menschen ganz große Augen zu machen anfangen, drei ganz
weltfremde Gäste unter ihnen zu erblicken! Einigen wird ganz unheimlich zumute,
daher ziehen sie sich auch zurück, die andern wissen nicht, was sie aus uns
machen sollen.
[GS.02_058,04] Daher geht auch schon eine
Deputation an den Ältesten dieses Palastes ab, auf daß er herbeikommen, sein
Urteil über uns abgeben und bestimmen solle, wer wir sind.
[GS.02_058,05] Es beraten sich zwar einige
Altweise über uns; aber wie wir leicht merken, so hat keiner den Mut, sich uns
zu nahen und uns selbst über unsere Wesenheit zu befragen. Es ließe sich hier
wohl fragen, woran es so ganz eigentlich liege, daß diese sonst so weisen
Menschen den Mut nicht haben, sich uns zu nahen und uns selbst zu fragen. Die
Ursache ist eben nicht so schwer zu finden, als man es auf den ersten
Augenblick glauben möchte, und so höret denn!
[GS.02_058,06] Zu manchen Gelegenheiten
erscheinen diesen Menschen hier Geister. Aber auf diesem Platze ist es durch
Ihre Weisheit nicht bekannt, daß sich allda je ein Geist gezeigt hätte noch
zeigen möchte, und da sie die Geister nur an bestimmten Plätzen zu sehen
gewohnt sind, so fällt es ihnen um so mehr auf, hier auf diesem für alle
Geister verpönten Orte nun Wesen zu erschauen, die sie für nichts anderes als
Geister erkennen. Dieser Grund klingt freilich wohl, als wäre er ein wenig
hohl, aber er ist das mitnichten und läßt sich sogar mit ähnlichen
Erscheinungen auf der Erde in ein ziemliches Gleichgewicht bringen.
[GS.02_058,07] Nehmen wir an, es gibt auf der
Erde so manche Menschen, welche das Vermögen haben, Geister zu sehen; manche
aber, dieselben wenigstens wahrzunehmen. Wenn dergleichen Menschen z.B. in
alten Burgen, auf Friedhöfen oder in anderen berüchtigten Gegenden zur nächtlichen
Zeit irgend ein oder das andere Geistwesen erschauen, so wird es ihnen weniger
als ungewöhnlich auffallen. So es sich aber ereignen sollte, daß sie
dergleichen Wesen an einem ganz ungewöhnlichen Orte erblicken, z.B. auf einer
öffentlichen Landstraße, auf einem allgemeinen Belustigungsorte oder bei einem
öffentlichen Volksfeste, so wird eine solche Erscheinung einen sicher äußerst
betrübenden Eindruck auf diejenigen machen, die ihrer ansichtig geworden sind.
[GS.02_058,08] Und sehet, ungefähr einen
ähnlichen Eindruck macht unsere Erscheinung auf diese Menschen auf diesem
Platze; und das darum um so mehr, weil es bei diesen Menschen für eine Regel
und Ordnung gilt, hier nie ein geistiges Wesen zu erblicken, da hier ein
Freiplatz ist, von dem alle Geister verpönt bleiben sollen.
[GS.02_058,09] Was aber diese Sache noch für
einen ferneren Ausgang nehmen wird, werden wir sogleich erfahren, denn der
Älteste naht sich uns schon mit einer Menge Geisterprobungs- und
Geisterbannungs-Requisiten.
[GS.02_058,10] Sehet einen langen mit
allerlei glänzenden Streifen umwundenen Stab in seiner Hand; ein anderer trägt
ein siebeneckiges Tischchen, auf einer jeden Ecke ein anderes geheimnisvolles
Zeichen eingegraben. Das zeigt uns, daß es hier auf eine Geisterprobung ausgeht.
Ein anderer neben dem Ältesten trägt einen großen goldenen Kreis, welcher
freilich von innen hohl ist; aber in dieser Höhlung ist künstlichermaßen ein
Band gespannt und ist gewisserart von einer ähnlich magischen Wirkung für den
Glauben dieser Menschen, als von welcher Wirkung bei euch sind die sogenannten
Amulette oder Skapuliere. Ein dritter trägt hinter dem Weisesten und Ältesten
wie ein einstiger römischer Liktor ein ganzes Bündel rotschimmernder Stäbe.
Noch ein vierter trägt einen großen Knaul übereinandergewundener Schnüre. Was
wohl möchten diese Requisiten alles bezeichnen?
[GS.02_058,11] Die Erfahrung wird es sogleich
zeigen. Ihr müsset aber ja nicht erwarten, daß uns sobald jemand anreden wird
und fragen, wer wir seien. Solches wird alles durch diese Instrumente
geschehen; und so habet nur acht! –
[GS.02_058,12] Sehet, schon hat der Älteste
den Kreis auf den Boden niedergelegt und läßt sich von zwei andern Weisen in
denselben hineinheben; denn selbst gehen darf er nicht, sonst wäre er nicht hinreichend
isoliert von dem Geiste und könnte demselben nicht den gehörigen Willenstrotz
bieten. – Nun steht er im Kreise, hebt seinen Stab empor und macht Miene, als
wollte er einen gewaltigen Hieb über uns führen. Allein dadurch zeigt er uns
nur die Macht seines Willens und die entschlossene Festigkeit seiner Herrschaft
über uns Geisterwesen. Wären wir so ganz gewöhnliche Geister dieser Welt, so
müßten wir, wie ihr zu sagen pflegt, Reißaus nehmen. Da wir aber nicht Geister
von dieser Welt sind, so bleiben wir stehen. – Was wird aber jetzt geschehen?
[GS.02_058,13] Sehet, jetzt wird der
geheimnisvolle Tisch auch in den Kreis hineingestellt, und der Älteste haucht
die Eckzeichen an, bestreicht darauf den Tisch mit dem Stabe und führt ihn nun
an unsere Gesichter. Wären wir Geister von dieser Welt und dazu etwas
hartnäckiger Natur, so müßten wir uns jetzt ebenfalls sobald davonmachen,
wollten wir nicht am Haupte in den Brand übergehen.
[GS.02_058,14] Da uns aber auch diese
Manipulation nicht angegriffen hat, so wird nun der Schnurknäul hineingereicht.
Das eine Ende wird an dem Stabe befestigt, den der Älteste in seiner Hand hält
und ihn zugleich auf den geheimnisvollen Tisch stützt, der Knaul aber wird dann
hinausgegeben. Und sehet, alle Anwesenden nehmen diesen Knaul von Hand zu Hand,
stets abwindend, und ein jeder behält die Schnur in der Hand. Was soll denn das
bedeuten? Das bedeutet die Verstärkung des Willens; man könnte diese Schnur
eine magnetische nennen. Durch diesen allgemeinen Willensrapport sollen wir
ganz bestimmt weichen, sobald der Stab über uns gesenkt wird; – allein wir
weichen nicht.
[GS.02_058,15] Daher machen unsere schönen
Geisterbannungs-Manipulanten beiderlei Geschlechts ganz verzweifelte
erschrockene Mienen, und es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als zu den
exorzistisch mächtigen Stäben zu greifen. Sehet, die Stäbe werden schnell
verteilt, und der Älteste im Kreise nimmt drei, während ein jeder andere nur
einen empfängt. Der Älteste schlägt sich nun dreimal auf die Achseln;
desgleichen tun auch die andern. Das solle uns ganz bestimmt zum Weichen
bringen, so wir Geister wären. Weil wir aber nicht weichen und uns bei all
dieser verhängnisvollen Manipulation ganz wohl befinden, so werden wir nun
nicht mehr für Geister, sondern für Wesen ihresgleichen gehalten; freilich wohl
nicht für solche, die in einem solchen Palaste geboren sind, sondern für ganz
gewöhnliche Landstreicher, die sich unbefugtermaßen die große Keckheit genommen
haben, dieses außerordentliche Heiligtum der allervornehmsten und weisesten
Menschen dieses großen Kreisgebietes zu betreten, welches freilich wohl mehr
Flächenraum hat als einmalhunderttausend eurer Erden. – Was wird aber in dieser
Hinsicht nun mit uns geschehen?
[GS.02_058,16] Sehet, der Kreis wird
aufgehoben, das Tischchen weggetragen und der Exorzismus körperlichermaßen auf
uns angewendet.
[GS.02_058,17] Aber nun sehet, der Älteste
hat soeben mit seinen drei Stäbchen auf meine Achsel einen Hieb geführt, und
seine Stäbchen sind gewisserart ganz leicht durch meinen erscheinlichen Leib
gefahren. Das war aber auch genug, um diese gesamte Menschenmasse in einen
verzweifelten Schreck zu versetzen.
[GS.02_058,18] Was werden denn diese
erschreckten Menschen jetzt tun? Einige entferntere, die sich den Pförtlein
näher befanden und glücklicherweise an dem Schnur-Exorzismus wegen ihres
Fernestehens nicht teilnehmen konnten, haben es schon getan, das heißt, sie
haben das sogenannte schnelle Consilium abeundi genommen. Die an der Schnur
Teilhabenden samt dem Ältesten möchten auch desgleichen tun. Aber der Älteste
will doch vor seinen Kindern keinen unweisen Feigfuß machen; daher hat er sich
bereits entschlossen, nicht an uns, sondern vorerst an die Seinen eine zu
beherzigende Anrede zu richten. – Sehet, er deutet ihnen an, aufmerksam zu
sein, und richtet soeben diese Worte an sie:
[GS.02_058,19] Höret, ihr meine Kinder und
Kinder der Kinder! Ich habe gegen diese drei geheimnisvollen Wesen alles in
Anwendung gebracht, was seit undenklichen Zeiten der Zeiten allezeit mächtig
gewirkt hat auf dergleichen Gäste, wo immer sich dieselben gezeigt haben. Waren
sie guter Art, wie wir es sind, so offenbarten sie sich uns sogleich und gaben
uns treulich an, wes Grundes sie erschienen sind. – Waren sie aber listiger
Art, als da gewöhnlich sind Geister derjenigen aus den Landgebieten, denen es
nie gestattet war, zufolge ihrer unausgezeichneten Lebensweise, sich diesem
heiligen Wohnorte zu nahen, so mußten sie selbst bei ihrer größten listigen
Hartnäckigkeit wenigstens bei der letzten Stäbe-Manipulation und bei der
vollsten Konföderation unseres Willens sobald weichen.
[GS.02_058,20] Wären sie natürliche Wesen, so
wären sie vor meinem Dreistabhieb sicher sobald gewichen; allein, wie ihr alle
gesehen habt, mein Hieb fuhr durch das ganze mittlere Wesen und dasselbe rührte
sich nicht. Also ist solches ein Zeichen, daß diese Wesen höherer Art sein
müssen.
[GS.02_058,21] Daher habe ich mich mit meinem
ganzen Leben entschlossen, mich diesen Wesen zu nähern und mich allerdemütigst
zu erkundigen, was da wohl der Grund solch einer gänzlich ungewöhnlichen
Erscheinung sein dürfte. Haltet aber dessen ungeachtet fest an der Schnur,
damit wir dadurch ja mit einem Herzen und mit einem Willen uns diesen
geheimnisvollen Wesen wirksam zu nähern vermögen. –
[GS.02_058,22] Sehet, nach diesem Aufrufe
bewegt sich unser Ältester, der seinem Aussehen nach gleichwohl der Jüngste
heißen könnte, zu uns mit der größten hier sittlichen Ehrfurcht, welche darin
besteht, daß er seine beiden Hände über die Stirn legt, um dadurch anzuzeigen,
daß seine Weisheit vor uns null und nichtig ist, und dann mit freier Brust uns
entgegentretend, um anzuzeigen, daß er alle seine Liebe und sein Leben uns zum
Opfer zu bringen bereit ist.
[GS.02_058,23] Nun steht er vor uns; welch
ein Adel, welch eine allererhabenste Schönheit in seiner Form! Läßt sich etwas
Zarteres und Weicheres auch nur ahnen? – Ich meine, solches wird wohl von euch
keinem möglich sein. Nun aber macht dieser unbeschreiblich schöne Mensch Miene,
mit uns zu reden, und so denn wollen wir ihn anhören! –
59. Kapitel – Bedingungen zur Erlangung der
Gotteskindschaft.
[GS.02_059,01] Höret ihn an denn er beginnt
Worte an uns zu richten, und die Worte lauten:
[GS.02_059,02] (Der Älteste:) Höret mich an,
ihr überaus geheimnisvollen Wesen! Ich habe nach unserer weisen Art unsere von
alters her allezeit sicher wirkenden Schutzmittel angewendet; sie halfen aber
nichts. Ihr seid Geister; denn solches erkannte ich mittels eines Stabhiebes,
und ihr müsset gar überaus mächtige Geister sein, da euch alle meine
Schutzmittel nicht hintanzutreiben vermochten. Gebet mir aber doch kund, wer
und woher ihr seid, auf daß ich mit meinem ganzen großen Hause mich zu einem
würdigen Empfang eurer Wesenheit vorbereite.
[GS.02_059,03] Wir haben wohl Kenntnisse in
unserer tiefsten Weisheit, daß Gott der Herr, der allmächtige Erschaffer aller
Dinge, unserer großen Welt und anderer Welten und aller hohen Geister, einst
auf irgendeiner Welt Sich niedergelassen und die Kinder solcher Welt zu den
Seinigen gemacht hat. Und diese Kinder, als Kinder des unendlichen Gottes,
sollen von einer unendlichen Vollmacht und Stärke sein, und das in jeder
Beziehung, sowohl in der wirkenden Kraft als auch in der dazu erforderlichen
Weisheit.
[GS.02_059,04] Saget mir, seid ihr etwa von
dort her? Denn seid ihr von dort her, dann wehe uns allen armmächtigen
Bewohnern dieser Welt! Denn wir wissen aus unserer tiefsten Weisheit, daß
dergleichen Kindergottesgeister nicht nur eine solche Welt, wie da die unsrige
ist, sondern ganze Heere solcher Welten mit einem leisen Hauche zu vernichten
imstande sind.
[GS.02_059,05] Seid ihr demnach Geister
solcher Art und sind wir grobe Sünder vor euch, so fordert Opfer zur Sühnung;
aber nur verderbet uns unsere Welt nicht!
[GS.02_059,06] Nun rede ich: Höre mich an, du
weiser Ältester dieses Ortes! Wir sind das, als was zu sein du uns bezeichnet
hast. Aber wir sind nicht im geringsten darum hier, um etwa eure Welt und euch
zu vernichten, ja nicht einmal ein Haar soll euch gekrümmt werden, und nicht
das geringste Opfer sollet ihr uns darbringen; denn solches gebührt allein
Gott, dem Herrn, unserem allerliebevollsten Vater, der da lebet, schaffet und
regieret von Ewigkeit zu Ewigkeit!
[GS.02_059,07] Aber solches möchten wir uns
von euch erbitten, daß ihr uns für eine sehr kurze Dauer mit derselben Liebe
aufnehmen sollet, mit welcher wir zu euch gekommen sind, nämlich mit der Liebe
Gottes in euren Herzen.
[GS.02_059,08] Der Zweck unseres
Hiererscheinens aber ist, nach dem Willen des Herrn einen belehrenden Blick in
eure Welt zu tun und euch bei solcher Gelegenheit auch zu verkündigen die große
und unendliche Liebe und Erbarmung Gottes zu all Seinen geistig lebendigen
Geschöpfen!
[GS.02_059,09] Daher fürchtet euch nicht vor
uns; sondern seid fröhlich und voll heiteren Mutes; denn Gott, unser Herr und
Vater, hat alle Seine Geschöpfe für Freude und Seligkeit nur, aber nie für
Schrecknisse, Traurigkeiten, Qualen und Schmerzen erschaffen!
[GS.02_059,10] Nun spricht der Älteste: Eine
überaus große Ehre und ein ebenmäßig großes Lob sei dem heiligen Erschaffer
aller Dinge, daß Er uns so gnädig heimgesucht hat in Seinen endlos
großmächtigen Kindern. Wir sind nun überzeugt, daß ihr nicht zu unserem
Untergange, sondern nur zu unserer großen Wohlfahrt hierhergekommen seid; daher
aber seid uns auch wie kein Ding auf dieser Welt und kein Geschöpf in der
größten Volliebe unserer Herzen willkommen!
[GS.02_059,11] Hier wendet sich der Älteste
zu seinen Kindern und spricht zu ihnen: Sehet hierher, alle Kinder meines
Hauses! Der große Gott hat uns gar lieblich heimgesucht, um uns zu zeigen die
Nichtigkeit unserer Weisheit und die Schwäche unserer Liebe. Sehet, diese, die
da unüberwindbar, gar höchst schlicht und einfach vor uns stehen, ohne Glanz
und Prunk, sind wahrhaftige Kinder des ewig allmächtigen, großen Gottes. Was
ist all unser Glanz und all unsre Pracht gegen die unbegreifliche Erhabenheit
solcher glanzlosen Schlichtheit, welche aber dennoch erfüllt ist mit aller
Fülle der göttlichen Kraft!? Fallet nieder und lobet und betet an den großen
Gott, der uns in solcher Erscheinung eine unendlich große Gnade und Erbarmung
erwiesen hat!
[GS.02_059,12] Sehet, schon einige Male
brannte das Holz auf dem Altare, und keiner aus uns hatte den Mut, die Hände
auf denselben zu legen, um dadurch in jene Welt zu gelangen, die Gott der Herr
für Seine Kinder erschaffen hat, um auf derselben eben auch die Kindschaft
Gottes zu überkommen, entweder in einem neuen Leibe oder in einer
schutzgeistigen Stellung. Jetzt aber haben wir die Gelegenheit vor uns, die
gründlichen Bedingungen zu erfahren, welche dazu erforderlich sind. Bisher
wußten wir wohl aus den Zeichen der Flamme, was alles der große Gott von jenen
fordert, die da in Seine Kindschaft übergehen wollen. Die Zeichen waren sicher
richtig; aber nicht also unsere Erkenntnis und unser Glaube. Diese werden uns
sagen, was man so ganz eigentlich zu tun hat, um zu solcher unendlichen Gnade
zu gelangen, – und so habet denn acht, denn der hohe Geist in der Mitte hat mich
verstanden, und er wird es uns allen kundtun, was da ist der reine Wille Gottes
und was wir tun sollen zur Erreichung des Wohlgefallens Gottes.
[GS.02_059,13] Nun rede ich: Höre, du
achtbarer Ältester dieses Hauses! Eure Zeremonie, eure Flammenzeichen-Deuterei
ist zur Erreichung eures vorgesteckten Zweckes gänzlich überflüssig; diese
Zeremonie ist kaum nur ein äußeres Bild dessen, das ihr innerlich in euch tun
sollet. Ich aber will euch, und namentlich dir für euch alle, in der Fülle der
Wahrheit zeigen, was da allein ist der rechte Weg; und so wolle mich denn
vernehmen:
[GS.02_059,14] Weißt du, was da ist die Liebe
zu Gott? Willst du ein Kind des Herrn sein, so mußt du nicht sein wollen der
Erste und der Vornehmste, sondern mußt sein gleich einem geringsten Knechte
gegen alle diejenigen, die du führest. Du mußt sie nicht lehren die Weisheit in
sich, sondern die Demut und Liebe in sich, dann wirst du und die Deinigen erst
diejenige wahre Weisheit überkommen, in welcher da zugrunde liegt alle wirkende
Kraft. Die ganze Regel ist demnach diese:
[GS.02_059,15] Sei von ganzem Herzen demütig!
Liebe Gott aus all deinen Lebenskräften über alles und erfülle in dem Seinen
Willen, daß du deine Brüder und Schwestern liebest und achtest mehr denn dich
selbst! – Wenn du solches tust, so bist du ein Kind Gottes und brauchst deine
Hand nicht an den Altar zu legen; denn darin ist der Unterschied zwischen den
Kindern und sonstigen vernünftigweisen Geschöpfen Gottes, daß die Kinder ihr
Herz, die Geschöpfe aber nur ihre Hand an den Altar legen. Gott aber sieht nie
auf die Werke und Zeichen der Hand, sondern allein nur auf die Werke und
Zeichen des Herzens.
[GS.02_059,16] Was nützt es dir, so du mit
der erlernten Weisheit und Kraft deiner Kinder noch größere Werke aufführen
ließest, als da ist dieses Gebäude, das uns trägt? Siehe, solches vermag der
Herr mit einem allerleisesten Gedanken, und Seine Kinder vermögen es auch durch
seine Kräfte in ihnen; ja sie vermögen nicht nur dergleichen Werke im
Augenblicke, sondern ganze Schöpfungen mit einem einzigen Gedanken ins Dasein
zu rufen. Und wenn du dagegen deiner Kinder Hände-Werke betrachtest, die sie
mühsam aufführen mußten, sage mir, was sind sie dagegen? – Nichts als ein
eitles Mühen nach dem, was auf diese Art unerreichbar ist.
[GS.02_059,17] Daher beachte das, was ich dir
nun angezeigt habe, und bei euch allen wird ein anderes Lebenslicht aufgehen;
denn Wesen, wie ihr seid, hat die unendliche Liebe Gottes nicht zur
Knechtschaft, sondern für die ewige Freiheit erschaffen! Diese Freiheit könnet
ihr aber nimmer durch eure Weisheit erlangen, sondern allein nur durch Demut
und Liebe zu Gott. – Du fragst mich, wie man es denn anstellen soll, um Gott
über alles zu lieben?
[GS.02_059,18] Ich sage dir: Gerade also, als
wie du es anstellest, wenn dein Herz für irgendein großes darzustellendes Werk
erbrennt. Allda ist dir alles sonstige, als wäre es nicht da, und du lebst
allein für dein Werk. Kehre die Sache um, und betrachte alles deiner Welt für
wertlos, und setze den Herrn über alles in deinem Herzen, so liebst du Gott
über alles; und in dieser Liebe wird der Geist Gottes in deinem Herzen Wohnung
nehmen, und du wirst von diesem Augenblicke an sein ein wahrhaftiges Kind
Gottes! – Nun weißt du alles.
[GS.02_059,19] Willst du darnach handeln, so
wirst du auch das erlangen, was du erlangen möchtest. Denn siehe, Gott der
Herr, der gute Vater aller Seiner Kinder, hat keine Freude an der Pracht und
dem Glanze; darum sind auch wir, Seine Kinder, ganz einfach und schlicht; und
Er Selbst als Vater ist der Einfachste und Schlichteste unter Seinen Kindern!
[GS.02_059,20] Daher wirst du Ihn mit all
dieser großen Pracht nimmer bestechen, denn dergleichen zu erzeugen vermag Er
mit einem Gedanken, wie Er diese übergroße Welt und noch zahllose andere ebenso
große und noch größere Welten erschaffen hat.
[GS.02_059,21] Aber mit einem reinen
liebeerfüllten Herzen wirst du Ihn bestechen, und Er wird dir in einem
Augenblicke mehr geben, als du mit all deiner Weisheit nach undenklichen Zeiten
und Zeiten erlangen magst.
[GS.02_059,22] Nun weißt du auch, wie Gott
der Herr beschaffen ist und wie man Ihn lieben muß; darum magst du handeln
darnach, und du wirst nicht notwendig haben, dich auf eine andere Welt zu
übersetzen.
[GS.02_059,23] Besinne dich aber nun, fasse
diese meine Worte zusammen und gib mir dann kund, wie du sie aufgefaßt hast,
und ich werde dir dann noch faßlicher zeigen, wie du es anzustellen hast, um
zur wahrhaftigen Liebe zu Gott zu gelangen.
[GS.02_059,24] Sehet, unser Ältester legt
seine Hände auf die Brust und fängt an nachzudenken. – Wir aber wollen harren
und dann vernehmen, mit welchen Resultaten er zum Vorscheine kommen wird. –
60. Kapitel – Von der Menschwerdung des
Herrn.
[GS.02_060,01] Nun spricht der Älteste, und
wir wollen ihn hören, denn er hat sich die Sache weise überlegt, und ihr werdet
euch verwundern, mit welcher tiefen Weisheit unser Mann zum Vorschein kommen
wird. Seine Worte aber lauten also:
[GS.02_060,02] Hoher Abgesandter Dessen, der
da allmächtig ist und erschaffen hat alles Licht und alle Masse der Welt! Dein
Rat ist so überaus gut, triftig und allerinnerst weise, daß sich darüber von
mir, als dem Weisesten dieses Ortes, nicht die allerleiseste Einwendung machen
läßt.
[GS.02_060,03] Wahr ist es, daß die Liebe
oder der Drang im Herzen zu seinem Schöpfer alles vermag; denn wenn ich mit
meinem Herzen als dem Grunde meines Lebens den Schöpfer ergriffen habe, so habe
ich mich auch sicher vollkommen mit Ihm verbunden und somit in eins gestellt,
und da ich dadurch mit dem Grunde meines Lebens auch meinen Willen vollkommen
dem allmächtigen Willen des Schöpfers unterworfen habe, so ist es auch nicht
anders denkbar, als daß ich fürder nur das wollen kann, was da ist der Wille
des allmächtigen Gottes.
[GS.02_060,04] Bis hierher, erhabener Gesandter,
wäre alles in der vollkommensten Ordnung und läßt sich nicht im geringsten
irgendeine Einwendung machen; aber nun kommt etwas anderes. Wenn sich dieses
mit dem obigen Grundsatze vereinen läßt, dann ist freilich wohl alles gewonnen;
läßt sich aber solches nicht tun, so bleibt, wie bisher, die Erlangung der
Kindschaft Gottes ein überaus fragliches Problem, und wir können höchstens den
frommen Wunsch in uns darnach tragen, aber ungeachtet dessen dennoch nie die
Kindschaft Gottes überkommen. Dieser Punkt, der dem oberen Grundsatze
zuwiderläuft, ist aber folgender.
[GS.02_060,05] Mir ist es bekannt, daß alle
Weltkörper samt ihren Bewohnern mit einem vollkommenen Menschen in
vollkommener, unabänderlicher Korrespondenz stehen, und zwar also, daß eine
Welt entspricht einem Gliedteile, eine andere wieder einem anderen; und so
korrespondieren zahllose Welten mit den zahllosen Einzelheiten, aus denen ein
vollkommener Mensch durch die Macht der göttlichen Weisheit geschaffen ist.
[GS.02_060,06] Nun aber wissen wir auch, daß
die Glieder und alle die Teile eines Menschen wohl zu einem und demselben
Lebenszweck dienlich sind; aber die Erfahrung lehrt es nur zu augenscheinlich,
daß aus dem Fuße nie eine Hand, aus der Hand nie ein Kopf, aus dem Munde kein
Ohr, aus der Zunge kein Auge, aus der Nase keine Brust u.d.m. werden kann. Also
hat der Mensch ein lebendiges Herz in sich, und dieses liegt wirkend in seiner
Brust. Von diesem Herzen lebt zwar der ganze Leib, und es ist nicht zu
behaupten, daß an und für sich irgendein Teil des Leibes zufolge der göttlichen
Ordnung weniger wichtig ist als der andere; aber dessen ungeachtet hat alles
Leben doch nur im Herzen seinen Grundsitz, und die Glieder des ganzen Leibes
können nie das Herz ersetzen, so dasselbe vernichtet würde. –
[GS.02_060,07] Wenn aber solches
unwiderlegbar wahr ist, wie möglich können dann diejenigen, wenn auch in ihrer
Art vollkommenen Geschöpfe die Kindschaft Gottes überkommen, welche in ihrer
Art nicht eben auch dem Herzen des großen Gottes entsprechen, da sie nicht auf
einer Welt sind, die von Gott Selbst aus korrespondierend gestellt ist mit
Seinem Herzen? Was nützte es einem Gliede, so es auch den größten Drang in sich
empfände, in ein Herz umwandelt zu werden? Wird solches je geschehen?
[GS.02_060,08] Also bin ich der Meinung, da
wir Bewohner dieser Welt nach unserer Wissenschaft nur mit dem Auge des Herrn
korrespondieren, daß wir darum nimmer können Korrespondenten Seines Herzens
werden, oder wir können nimmer die volle Kindschaft Gottes überkommen, außer wir
müßten eher gänzlich zunichte gemacht werden. Alsdann erst ließe sich eine neue
Umgestaltung unserer Bestandsordnung denken. – Solches aber geschieht sichtbar
durch die Händeauflegung der Mutigsten auf den flammenden Altar, allda sie dann
im Augenblicke zu sein aufhören und von ihnen nichts übrigbleibt, als jenes
stumme Fluidum, welches in einem jeden Wesen, sei es eine Welt, ein Stein, eine
Pflanze oder ein anderes lebendiges Geschöpf, mit dem Herzen des Schöpfers
unbewußtermaßen in der Entsprechung steht.
[GS.02_060,09] Siehe nun, erhabenster
Gesandter, dies ist der zweite Grundsatz, der für uns Bewohner dieser Welt den
ersten von dir ausgesprochenen wenigstens für meine bisherige Erkenntnis
notwendigerweise gänzlich zunichte macht.
[GS.02_060,10] Weißt du mir dagegen ein
anderes Licht zu zeigen, durch welches diese meine gegründete Erkenntnis
widerstrahlet wird, so gib es mir gnädigst kund, und ich will dasselbe also
aufnehmen und es mir zueigen machen, als hätte nie ein anderes Licht die
inneren Gemächer meines Lebens erhellt. –
[GS.02_060,11] Nun spreche wieder ich: Höre,
mein achtbarer Ältester dieses Hauses! Du hast weise gesprochen in deiner Art;
aber deine Weisheit ist nicht geschmeidig und nicht flüssig, weil sie stets von
der schroffen äußeren Form ausgeht. Du treibst dich fortwährend in lauter
Entsprechungen herum und bleibst daher auch gleich einem Gliede am Leibe haften
und kannst nicht verlassen deine Stelle.
[GS.02_060,12] Siehe, das ist aber ja nur das
Eigentümliche der äußeren gerichteten Form; aber der reine freie Geist hat kein
Gericht und kann daher in Seiner Ganzheit allezeit vollkommen mit der Liebe
Gottes in der Entsprechung stehen. Denn es gibt in der ganzen Unendlichkeit
kein anderes Leben, als das Leben, welches ausgeht aus der Kraft der Liebe in
Gott.
[GS.02_060,13] Korrespondierst du schon
deiner wesentlichen äußeren Form nach nicht mit dem Herzen Gottes, so aber
korrespondierst du deinem Leben nach so gut wie ich vollkommen mit dem Herzen
Gottes; und wäre solches nicht der Fall, so hättest du ewig kein Leben und dein
Geist wäre kein Geist, wenn er nicht wäre eine Kraft mit der unendlichen Kraft
der ewig lebendigen Liebe im Herzen Gottes.
[GS.02_060,14] Deinem formellen Wesen nach,
welches in harte Entsprechungen eingeschichtet ist, kannst du freilich wohl nie
die Kindschaft Gottes überkommen, aber in deinem Geiste so gut wie ich, wenn du
durch die Liebe zu Gott denselben deiner schroffen Wesenheit entbinden kannst.
[GS.02_060,15] Solches aber ist nur möglich,
wenn du dich in deiner inneren Begierlichkeit gänzlich aller deiner Weltpracht
und Herrlichkeit völlig frei machen kannst und dann mit der gesamten Kraft
deines Lebens nichts als allein das Wesen der Liebe Gottes ergreifst.
[GS.02_060,16] Dieses Wesen aber ist das
Göttlich-Menschliche, oder es ist der dir undenkbare Gott in Seiner Wesenheit
ein vollkommener Mensch, der da auf einer Welt, „Erde“ genannt, Selbst das
Fleisch angenommen hat und ward ein Mensch vollkommen also, wie alle von Ihm
geschaffenen Menschen es sind.
[GS.02_060,17] Und dieser vollkommene Mensch
aller Menschen hat sogar einen schmerzlichsten Tod Seines Fleisches aus
unendlicher Liebe zu all Seinen Geschöpfen erleiden wollen, um ihnen dadurch
die endlos heilige Pforte zu öffnen, durch welche sie als Seine Kinder also zu
Ihm gelangen und Ihn sehen und sprechen können wie ihresgleichen, als wären sie
ebenfalls Götter also, wie Er Gott ist von Ewigkeit.
[GS.02_060,18] Der Name dieses Menschen aller
Menschen, der da ist Gott von Ewigkeit und hat erschaffen alle Dinge, heißet
nunmehr Jesus, welcher Name besagt, daß Er ist ein Heiland aller Seiner
Geschöpfe. Sein Wort, das Er geredet hat, ward gerichtet an alle Kreatur, und
somit hat Er auch alle Seine Kreatur zum Heile Seiner Liebe berufen, und du
bist davon so wenig ausgeschlossen als ich, Sein Zeitgenosse auf Erden, es war.
[GS.02_060,19] Er Selbst sagte: „Ich aber
habe noch viele Schafe, die nicht in diesem Schafstalle sind; und diese will
ich auch hierherführen, damit da ein Hirt und eine Herde werde!“
[GS.02_060,20] Siehe, unter solche Schafe
oder Geschöpfe, die nicht von jener Erde sind, gehörst auch du, wie alle
Bewohner dieser ganzen Welt; ergreifet diesen Gottmenschen Jesus in eurem
Herzen und leget keinen Wert auf eure Welt, so seid ihr schon „Kinder Gottes“,
wie ihr da lebet und webet.
[GS.02_060,21] Ich sage dir nicht, als
solltest du darob dein großes überprachtvollstes Haus niederreißen und an
dessen Stelle unansehnliche Wohnhütten setzen; aber reiße es in deinem Herzen
nieder, und besitze es also, als besäßest du es gar nicht. Gib alles dem Herrn
zu eigen und wandle in aller Demut und Liebe zu Ihm wie zu deinen Kindern,
Brüdern und Schwestern, so wird der Geist des Herrn Selbst über dich kommen und
dich leiten in alle Weisheit der Himmel! Siehe, das tut not; alles andere aber
ist null und nichtig vor dem Herrn.
[GS.02_060,22] Denke dir einmal, wie groß die
Liebe des Gottmenschen sein muß, da Er, der ewige alleinige Herr und Schöpfer
der Unendlichkeit, Selbst völlig arm sein will, damit alle Seine Kinder desto
reicher würden!
[GS.02_060,23] Wenn du aber nun solches aus
der Tiefe der rein göttlichen Weisheit und Liebe in mir erfahren hast, so suche
du allen Reichtum zu fliehen; gib alles mit der größten Liebe der unendlichen
Liebe des Herrn wieder zurück und suche im Besitze Seiner Selbst, und nichts
anderem dazu, den allerhöchsten Reichtum, dann wirst du das allerhöchste Gut
besitzen in unendlicher Fülle!
[GS.02_060,24] Suche nicht die Kraft und die
Macht des Herrn dir zu eigen zu machen, sondern suche vielmehr ein
Allerschwächster und Allergeringster in Seinem Reiche zu werden und nichts zu
besitzen als Seine Liebe und nichts zu wünschen, als nur bei Ihm zu sein, dann
wirst du ewig wohnen wie ein zartes, vielgeliebtes Kindlein auf den heiligsten
Armen des ewig allerliebevollsten Vaters! –
[GS.02_060,25] Siehe, das ist der wahre
Grundsatz; nach diesem lebe und du wirst nicht brauchen samt den Deinen auch
nur mit einem Finger den Altar anzurühren und wirst dennoch ganz vollkommen die
Kindschaft Gottes auf dieser deiner Welt zu überkommen vermögen.
[GS.02_060,26] Stoße dich aber nicht an
meiner nun bei weitem weniger schönen Form, als da ist die deinige; denn an der
Form ist nichts gelegen. Eure endlos schöne Form ist nur ein äußeres Bedürfnis
für diese Welt, welche vom Herrn gestellt ist, zu erleuchten mit ihrem
mächtigen Lichte nahe zahllose andere kleinere Welten, welche nicht also, wie
diese, mit dem Lichte umhüllt sind. Also ist für diese Welt solche Zartheit der
äußeren Form deines Wesens ein Bedürfnis, da ihr mit einer andern unmöglich auf
dieser Welt bestehen würdet; aber ganz anders verhält es sich mit der Schönheit
des Geistes. Diese richtet sich nimmer nach der äußeren Form, sondern lediglich
nur nach der alleinigen Liebe zum Herrn; denn diese ist die wahre und
allerhöchste Schönheit des Lebens!
[GS.02_060,27] Nun überdenke du, mein
achtbarer Ältester, diese meine Worte, und sage mir dann, inwieweit du sie
verstanden hast und inwieweit nicht, und ich werde dir dann sobald jeden dir
möglich aufstoßenden Zweifel aus dem Grunde deines Lichtes also erhellen, daß
du mit leichter Mühe auf den wahren Grund der ewigen Wahrheit Gottes schauen
sollest – und also tue das!
[GS.02_060,28] Sehet, unser Ältester und alle
seine Kinder fallen auf ihr Angesicht und fangen an, in ihren Herzen sich zu
regen. Wir aber wollen abwarten, was da herauskommen wird.
61. Kapitel – Demut und Gotteskindschaft.
[GS.02_061,01] Der Älteste erhebt sich nun
wieder, und wie ihr in eurem Gemüte leicht bemerken könnet, so schickt er sich
wieder an, mit mir zu reden. Es sei! Ich habe ihm solches gestattet; also soll
er auch reden und so spricht er denn:
[GS.02_061,02] Allererhabenster unter den
Gesandten des großen Gottes! – darum du ein Zeitgenosse nach deinem Zeugnisse
warst auf jener Erde, auf welcher es dem großen Gott gefallen hat, gleich
Seinen Geschöpfen ein Mensch zu sein, um dadurch aller Kreatur die Pforten zum
ewigen Leben zu öffnen, – dir sage ich, daß ich deinen Worten auf den möglichen
Grund des Grundes nachgespürt, sie sämtlich als recht befunden und meine
Weisheit angestrengt habe, um irgendeinen Widerspruch zu finden. Allein ich
vermochte auch nicht auf einen Punkt zu stoßen, der mir die große Wahrheit
deiner Aussage nur im geringsten hätte verdächtigen können.
[GS.02_061,03] Ich sehe es nun klar ein, daß
man nach deiner Lehre auf jeder Welt die Kindschaft Gottes überkommen kann, so
man nur darnach handelt und sein inneres Leben in dem Namen des Gottmenschen
freizumachen sucht. Ich sehe auch ein, daß das Handauflegen auf den flammenden
Altar gleichsam nur ein äußeres Bild dessen ist, was das menschliche Geschöpf
im Grunde des Grundes geistig in sich tun soll.
[GS.02_061,04] In dem also wäre nirgends auch
nur ein allerleisester Zweifel vorhanden; aber ein ganz anderes Ding steckt
hier im Hintergrunde, und in dieser Hinsicht bin ich noch trotz dieser lichten
Welt in einer bedeutenden Dunkelheit, und dieser mir dunkle Punkt lautet also:
[GS.02_061,05] Du hast gesagt, die Demut ist
die Grundbedingung zur Erlangung der Kindschaft Gottes; da aus dieser
ausschließlich die Liebe zum alleinigen Gott hervorgeht. Nun aber kann doch
niemand ewig je in Abrede stellen, daß da „ein Kind Gottes sein“ doch sicher
unendlich mehr sagen will, als wenn man hier auf dieser Welt auch das
allerhöchste und allervollkommenste geistige Wesen ist. – Hier weiß ich mir
nicht Bescheid und aufzuklären, ob beim „unter was immer für einer
Handlungsbedingung mehr werden wollen“ irgend von einer wahren Demut die Rede
sein kann.
[GS.02_061,06] Ich setze den Fall, ich will
als Kind Gottes auf der allergeringsten und allerletzten Stufe stehen und will
durchaus keine Kraft und keine Macht, sondern allein nur die selige Fähigkeit,
Gott den Allmächtigen stets mehr und mehr zu lieben aus allen Kräften eines
geistigen Lebens, das wäre doch sicher die geringstmögliche Forderung im
Zustande der Kindschaft Gottes.
[GS.02_061,07] Wenn ich aber dagegen bedenke,
daß ich in meinem gegenwärtigen Zustande auch nicht ein Atom gegen die sichere
Größe solch eines allergeringsten Kindes Gottes ausmache, so will ich ja doch
offenbar in der Erlangung solcher geringsten Kindschaft Gottes notwendigerweise
mehr werden. Bei uns heißt eine solche Demut, durch welche ein Mensch irgend
mehr werden will, eine schmähliche Kriecherei. Wie ist dann solche geistige
Demut vor Gott zu nehmen, wo man doch notgedrungenermaßen entweder im
schlimmeren Falle mehr werden will, als man vom Urbeginn der göttlichen Ordnung
her war, oder wo man im besseren Falle wenigstens alleroffenbarlichst mehr
werden muß. Wenn das „Mehrwerden“ nicht voranstünde, so wäre dein mir
vorgezeichneter Weg in jedem Punkte als vollgültig anzunehmen. Da sich aber
dieses verhängnisvolle „Mehr“ weder auf die eine, noch auf die andere Art
hinwegschaffen läßt, so kann ich diese Demut nicht als diejenige Tugend
betrachten, welche zur Erlangung der Kindschaft notwendig sein soll, da sie,
nämlich diese Tugend, am Ende zufolge des Mehrwerdens doch nur als eine
Gleißnerei, Kriecherei und Heuchelei betrachtet werden kann.
[GS.02_061,08] Zu diesem Punkte gesellt sich
aber noch eine andere Fraglichkeit und diese besteht darin: Hat irgendein
freidenkendes, sich selbst bewußtes und freitätiges Geschöpf das Recht, unter
irgendeinem Vorwande mit der Stellung unzufrieden zu sein, welche ihm die
allerhöchste Güte und Weisheit Gottes von Uranbeginn zuerteilt hat? Was ist die
Unzufriedenheit? Sie ist fürs erste die Ungenügsamkeit an dem Gegebenen und
eben darum auch der Undank für das Gegebene.
[GS.02_061,09] Nun fragt es sich: Wenn ich
durch Liebe und Demut ein Kind Gottes, also ums Unaussprechliche mehr werden
will, als ich jetzt bin, wie sieht es da mit meiner Zufriedenheit und
Dankbarkeit für das aus, was ich durch die unendliche Gnade Gottes allhier bin?
[GS.02_061,10] Sind die Demut und die Liebe
unter Anbetracht dessen wohl genügend, solchem Undanke als Äquivalent
entgegenzustehen, besonders wenn nicht einmal Gott Selbst mir das
unaussprechliche Mehr im Zustande der Kindschaft Gottes hinwegräumen kann? –
[GS.02_061,11] Ich meine, du erhabenster
Gesandter wirst mich wohl verstehen, was ich damit, wenn schon abgerissen, im
klaren Ideengange habe sagen wollen. Ja, wenn du sagst, ich werde als Kind
Gottes ums Außerordentliche geringer, schwächer, unvollkommener, als ich hier
bin, so ist die Demut ein rechter Weg, die Kindschaft Gottes zu erlangen; aber
mit dem Bewußtsein, mehr zu werden in jeder Hinsicht, ist die Demut offenbar,
wenigstens für diesen meinen gegenwärtigen Begriffszustand, der unpassendste
Weg.
[GS.02_061,12] Denn siehe, bei uns, wie du es
sicher aus der Weisheitskraft des Herrn wissen wirst, ist solche unwandelbare
Sitte, daß da nie ein Mensch dem andern um irgendein Entgelt etwas tun darf,
sondern das gegenseitige Bedürfnis und die gegenseitige gleiche Bruderliebe
müssen für alle Zeiten der Zeiten der alleinige Beweggrund zu handeln bleiben.
Wenn ich aber meinen Bruder liebe, auf daß er mir dann einen Dienst erweisen
möchte oder mich wenigstens auch lieben solle, wenn ich also durch meine
Bruderliebe auch nichts als bloß nur die Gegenliebe verlange oder für eine
geleistete Handlung auch nur den kürzesten Dank, so ist das bei uns eine grobe
Untugend.
[GS.02_061,13] Wenn ich mich vor jemandem
demütige und ihm eine große Ehre bezeige, auf daß er mir nur ein freundliches
Gesicht zeigen möchte, so bin ich schon ein Heuchler im ersten geringeren
Grade. Kurz und gut, wir kennen kein anderes Handlungsmotiv als das
gegenseitige Bedürfnis. Wo es nottut, da wird gehandelt, ob darauf Dank oder
Undank erfolgt; ohne Not aber wird keine Hand gerührt und kein Fuß um eine
Linie vorwärtsgesetzt. Darum bleibt ein jeder Mensch fortwährend gleich in
seinem Range, und keiner kann auf eine andere Weise den andern überbieten, als
allein nur durch eine tiefere Weisheit, durch welche er in den Stand gesetzt
wird, alle möglichen Bedürfnisse in seinen Brüdern zu erkennen und nachher also
auch die Handlungen einzurichten, daß sie seinen Brüdern ohne das
allergeringste Entgelt zugute kommen. Wenn nach solchen Handlungen die
bewohltätigten Brüder dem Handelnden entgegenkommen und erweisen ihm da
Dankbarkeit und Liebe, so kann er diese der Seligkeit seiner Brüder wegen wohl
annehmen; aber ja nicht im geringsten darum, als möchte er selbst darin
irgendeinen Lohn für seine Handlung überkommen wollen. Wenn du nun diese unsere
Sitte ein wenig durchdenkst, so wirst du, und stündest du noch endlos höher als
du stehst, sicher finden, daß sichs mit der Demut und Liebe zur Erlangung der
Kindschaft Gottes durchaus nicht tut.
[GS.02_061,14] Laß mich nichts erlangen, und
ich will dir im nächsten Augenblicke all diese großen Herrlichkeiten hier
zerstören und in einem Loche, das ich mir in das Erdreich bohren werde, gleich
einem Wurme wohnen, der da auf unserer Welt geschaffen ist, das Erdreich bis zu
einer bestimmten Tiefe zu lockern. Aber um mehr zu werden, will ich gerade den
entgegengesetzten Weg einschlagen, und will nicht scheinbar abwärtssteigen, um
aufwärts zu kommen, sondern ich will aufwärts steigen. Und es soll vor Gott ein
jeder Schritt, den ich tue, ein vollkommen wahrer, aber nie auch nur dem
Anscheine nach ein gleißnerischer sein.
[GS.02_061,15] Wer zu mir kommt und will mehr
werden, den prüfe ich, ob er für das Mehr Fähigkeiten besitzt; besitzt er sie,
so werde ich ihm eine höhere Stelle einräumen, darum er mit aufrichtigem Herzen
zu mir gekommen ist. Wer aber zu mir kommt, fällt sogleich auf sein Angesicht
nieder und spricht: Höre mich an, Ältester! Ich will glückselig sein, so du
mich nur draußen in den entlegensten Baumreihen als den letzten Platzreiniger
anstellst. Da spreche ich zu ihm: Hebe dich hinweg! Du bist eines schleichenden
und kriechenden Gemütes; als Letzter wolltest du hier angestellt werden, um
dich nach und nach hereinzuschleichen bis ins oberste Stockwerk. Hier aber kann
kein kriechendes Gemüt seine Stelle finden, daher demütige dich ganz und
verlasse ohne je eine Aussicht, hier eine Stelle zu bekommen, sogleich diesen
meinen Wohnort. Denn warum wolltest du nicht aufrichtig und der Wahrheit gemäß
handeln? Hättest du dies getan, so hätte ich dich geprüft; also aber sei dir,
solange du ein Gleißner bleiben wirst, jeder Zutritt zu diesem meinem Wohnhause
untersagt.
[GS.02_061,16] Ich meine, gegen diese
Handlungsmaxime kann der vollkommenste Weise nichts einwenden, denn die
Wahrheit ist der Grund aller göttlichen Ordnung, und wider diese soll kein
freitätiges Wesen sich verstoßen, solange es seines Gottes würdig bleiben soll.
[GS.02_061,17] Ich will aber mit diesen für
mich klaren Ansichten dir freilich wohl nicht vorgreifen; aber das Recht hat
aus dem Grunde der innern Wahrheit ein jedes von Gott freidenkend und
freiwollend erschaffene Wesen, demjenigen seine innere Ordnung aufzuschließen,
der es auf den Weg einer anderen Ordnung zu verbringen und zu übersetzen den
guten Willen hat. Daher wirst du denn mir diese meine Äußerung sicher zugute
halten und wirst mir darüber, wie ich es erwarte, auch sicher einen genügenden
Bescheid geben.
[GS.02_061,18] Es ist möglich, daß ich das
Wesen der Kindschaft Gottes noch zu wenig aufgefaßt habe. Ohne dem aber, meine
ich, dürfte es wohl schwer halten, hier einen billigen Mittelweg zu finden;
denn die Wahrheit ist überall nur eine, und diese ist der sich selbstbewußte
Grund eines jeden geschaffenen Menschen. Zwei Wahrheiten aber können ewig nie
nebeneinander bestehen, da die eine die andere aufheben würde; daher können
auch nicht du und ich zugleich recht haben. Soll aber dies der Fall sein, so
ist nur mein Unverstand noch dazwischen, daß ich deine Wahrheit nicht
allsogleich als die meinige anzuerkennen vermag. Daher wird es für mich
notwendig sein, daß du dich deutlicher ausdrückst, und zwar fürs erste, was da
im Grunde des Grundes ist die Demut, dann die wahre Liebe und die dadurch zu
erlangende Kindschaft Gottes. Solches aber tue mir kund, und ich werde nach
vollkommen erkannter Wahrheit ein jedes Häkchen deines Wortes allertreust in
diesem meinem ganzen Hause beobachten, darum bitte ich dich für mich und für
mein ganzes Haus! –
62. Kapitel – Die wahre Demut, die wahre
Liebe, die wahre Gotteskindschaft.
[GS.02_062,01] Nun rede ich und sage: Höre
du, mein achtbarer Ältester dieses Ortes und oberster Leiter dieses ganzen
großen Kreisgebietes! Das, was du Demut nennst, das ist auch bei uns, so wie du
es bezeichnet hast, nichts weniger als irgendeine Demut, sondern ist bloß ein
Trug, wo der also Demütige sich selbst betrügt, weil er durch einen ihm gar
nicht eigenen Grad des Lebens will in eine höhere Stufe desselben aufgenommen
werden.
[GS.02_062,02] Da du aber meinst, daß man bei
der Erlangung der Kindschaft Gottes auch bei dem allerbesten Willen das
Mehrwerden unmöglich vermeiden kann, da auch sage ich dir, daß du dich in
dieser Hinsicht am meisten geirrt hast. Wie wahr aber dieser mein Ausspruch
ist, will ich dir aus dem alleruntrüglichsten Worte, welches der Herr, Gott und
Schöpfer Himmels und der Erden Selbst zu uns geredet hat, in das hellste Licht
führen.
[GS.02_062,03] Das Wort aber lautete also:
„Lasset die Kleinen zu Mir kommen und wehret es ihnen nicht; denn ihrer ist das
Himmelreich!“ – Weiter sprach der Herr: „So ihr nicht werdet wie die Kindlein,
so werdet ihr nicht eingehen in das Reich Gottes!“ – Und noch weiter sprach Er:
„Wer aus euch der Erste und Größte sein will, der sei der Geringste und der
Knecht aller!“
[GS.02_062,04] Siehe, darin liegt das Wesen
der Kindschaft Gottes. Wenn du meinst, in der Kindschaft des Herrn wirst du
mehr sein, wirst eine größere Kraft haben und wirst reicher sein an aller
Pracht und Macht, da sage ich dir: Bleibe, was du bist; denn von einem
Mehrwerden in jeder Hinsicht ist da gar ewig keine Rede. Hier bist du leiblich,
wie geistig, ein vollendeter Herr. Solange du lebst in deinem Leibe, muß sich
alle Materie der Oberfläche dieser deiner Welt gehorsamst fügen unter die Macht
deiner Weisheit, bist du aber im Geiste, so muß dir diese deine Welt von ihrem
Zentrum aus untertänig sein, und so einem jeden Geiste deinesgleichen, da ihr
alle Bewohner dieser Welt im Geiste einer Weisheit und eines Willens seid, wie
solches schon auf den ersten Blick aus eurer sittlichen und staatlichen
Einrichtung zu ersehen ist.
[GS.02_062,05] Da aber von dieser Welt, die
du bewohnst, zahllose andere Welten bestandlich abhängen, so bedenke, welch
eine Herrschermacht dir im Geiste eigen ist, indem von der Leitung deiner Welt,
die dir im Geiste völlig anvertraut ist, die Ordnung und Erhaltung zahlloser
anderer Weltkörper samt ihren Bewohnern abhängt.
[GS.02_062,06] Betrachten wir dagegen aber
ein Kind Gottes; was hat denn dieses für eine Macht, was für einen
Herrschbezirk? Siehe, ich kann es dir mit der größten Bestimmtheit sagen: Ein
Kind Gottes darf, solange es im Leibe lebt, sich auf der Welt nicht einmal ein
Stäubchen zueignen, nicht einmal seinen Leib, auch nicht sein Leben, sondern es
muß alles hintanzugeben und allezeit in der Fülle der Wahrheit zu sagen und zu
bekennen bereit sein: Mir gehört nichts, ich bin nichts; selbst das Leben, das
ich habe, ist lediglich des Herrn. Das ist also das weltliche Verhältnis; ist
etwa das geistige glänzender? O mitnichten! Das geistige muß erst recht in einer
Zentralarmut bestehen.
[GS.02_062,07] Auf der Welt darf man sich
doch wenigstens ein Stück Brot selbst nehmen, und man darf auch hinundhergehen,
wie es einem beliebt; aber im Geiste hört auch diese Freiheit auf. Man ist
allda ein ewiger „Gast des Vaters“, und die Kinder dürfen nur das Brot
genießen, das sie unmittelbar aus der Hand des Vaters empfangen. Sie dürfen nur
dahin gehen, wohin es der Vater will. Sie dürfen nicht in glänzenden Gebäuden
wohnen, sondern in höchst einfachen Hütten.
[GS.02_062,08] Die Kinder dürfen nie müßig
sein und müssen, sooft es der Vater will, mit Fleiß Seine Felder bearbeiten und
die Ernte getreu und emsig einbringen in Seine Scheuern. Und wenn sie alle ihre
Arbeit noch so emsig und getreu verrichtet haben, so müssen sie aber dennoch
nach verrichteter Arbeit hingehen zum Vater und vor Ihm statt einer
auszeichnenden Belohnung allerdemütigst wahr bekennen, daß sie völlig unnütze
und faule Knechte waren.
[GS.02_062,09] Du darfst, wie bemerkt, mit
glänzender Macht und Kraft in deinem Geiste Weltengebiete und endlose Räume zu
deinem großbeseligenden Vergnügen nach deinem eigenen Willen bereisen, wir
Kinder Gottes dagegen (ohne Seinen Willen) nicht einmal den Fuß über die
Schwelle setzen. Du darfst reden, was du willst; wir Kinder nur, was uns in den
Mund gelegt wird.
[GS.02_062,10] Siehe, das und anderes mehr
sind in etwa die Unterschiede zwischen euch erhabenen und mächtigen, alle
Schöpfung Gottes lenkenden Geistern, und uns, den Kindern Gottes.
[GS.02_062,11] Ihr vermöget aus euch alles,
was ihr wollet; wir aber vermögen aus uns nichts, sondern nur allein dann, wenn
es der Herr will, und dann selbst nicht um ein Kleines mehr, als was der Herr
will!
[GS.02_062,12] Wir sind in bezug auf den
Herrn zwar also gestellt, wie da sind die Glieder eines Leibes. Diese Glieder
machen zwar wohl mit dem inwendigen Leben des Leibes ein Wesen aus; aber nicht
ein Glied am ganzen Leibe kann für sich tun, was es will, sondern jede seiner
Handlungen und alle Tatkraft geht nicht vom Gliede, sondern nur von der im
Leibe herrschenden Grundkraft aus. Also können sich auch die Glieder nicht
selbst ernähren, wenn sie auch allerfleißigst arbeiten, sondern müssen all
ihren Erwerb zuerst in die Hauptkammer des innern Lebens abliefern; dann erst
verteilt die lebende Kraft die gebührende Nahrung an die Glieder, die da
gearbeitet haben. –
[GS.02_062,13] Ganz anders aber verhält es
sich mit dem Verhältnisse der äußeren freien Menschen, welche nicht als Glieder
an einen Leib gebunden sind, sondern für sich selbst als vollkommen freie Wesen
dastehen. Siehe, diesen kann ich wohl auch sagen: Habet die Güte und verrichtet
mir diese Arbeit, und die freundschaftlich gesinnten Menschen werden die Arbeit
auch verrichten. Aber nach beendigter Arbeit sind sie völlig frei von meinem
Willen und können für sich tun, was sie wollen.
[GS.02_062,14] Ich aber frage dich: Verhält
sich dieses auch so mit den Gliedern meines eigenen Leibes? O mitnichten! Diese
hängen fortwährend in all ihren Teilen von meiner inneren Willenskraft ab und
können sich derselben nie widersetzen; denn sie müssen ja mit der inneren
lebenden Kraft vollkommen ein Wille sein, sonst ginge doch sicher das ganze
menschliche Wesen zugrunde.
[GS.02_062,15] Siehe, wenn du dieses von mir
nun Gesagte nur ein wenig durchdenkst, so wird es dir sicher ganz klar werden,
was es mit deinem scharf bedingten „Mehrwerden“ der Kinder Gottes für eine
Bewandtnis hat.
[GS.02_062,16] Wenn du daher die Kindschaft
Gottes überkommen willst, so mußt du des Gedankens, etwas dabei zu gewinnen,
vollkommen ledig werden. Du mußt dich dann nicht als Kind Gottes in einer
endlos vollkommenen Stellung erschauen, sondern gerade umgekehrt mußt du die
Sache nehmen. Und hast du solches getan, so wird sich dann daraus schon von
selbst zeigen, ob zur Erlangung der Kindschaft Gottes die wahre Demut und Liebe
zu Gott ein vollkommen gerechter oder ein trüglicher Weg sei.
[GS.02_062,17] Denn das kannst du dir von
Gott wohl vorstellen, der die unendliche allerhöchste Wahrheit Selbst ist, daß
Er nicht durch ein gegebenes Mittel einen ganz anderen Zweck wird erreicht
haben wollen, als wie gestaltet das Mittel selbst bestellt ist.
[GS.02_062,18] Wer in der Demut seines
Herzens sich stets verringert und verkleinert, wird der wohl darauf rechnen
können, daß der Herr ihn darum ganz entgegengesetzt vergrößern wird? Ja, Er
wird ihn zwar vergrößern, aber nicht in deiner vermeintlichen Mehrwerdung,
sondern allein nur in der größeren Demut und in der größeren Liebe. Und das ist
also eine rechte Vergrößerung im Geiste, weil man als Kind Gottes dasjenige,
wonach man strebt, also die Geringheit im vollkommensten Maße überkommt.
[GS.02_062,19] Also ist auch die Liebe eines
Kindes Gottes zu Gott durchaus nicht irgendeine Schmeichelei, durch welche sich
dasselbe in irgendeine allmächtige Gunst Gottes zu versetzen imstande wäre,
sondern die wahre Liebe muß ein innerer Trieb sein, Gott über alles, als den
alleinigen vollkommensten Herrn anzuerkennen, sich selbst aber als ein
vollkommenes Nichts Ihm gegenüber zu betrachten. Man muß die höchste
Glückseligkeit darin suchen, Gott den Vater zu lieben über alles, darum Er ist
Gott und Vater. Und für solche Liebe darf man ewig keines Entgeltes gedenken,
als allein der Gnade, Gott den Vater also lieben zu dürfen.
[GS.02_062,20] Siehe, mein achtbarer
Ältester, so stehen die Sachen. Denke nur darüber ein wenig nach und sage mir
dann, wie du nun den von mir dir vorher vorgezeichneten Weg zur Erlangung der
Kindschaft Gottes findest. Nur mußt du dabei immer vor Augen haben, daß mit
deinem Mehrwerden als Kind Gottes es ewig nie eine Realität hat. – Solches
verstehe wohl und gib mir dann deine Meinung kund!
63. Kapitel – Vom Wesen der Kindschaft
Gottes.
[GS.02_063,00] Höret! unser Ältester spricht:
[GS.02_063,01] Hoher Gesandter des großen
Gottes! Jetzt bin ich ganz im klaren, und die Sache der Kindschaft Gottes
bekommt jetzt ein ganz anderes Gesicht. Da sich aber die Sache sicher also und
nicht anders verhält, da mußt du mir vergeben, daß es, von meiner Seite
betrachtet, nicht nur gewisserart wider die göttliche Ordnung wäre, nach der
sogenannten ganz eigentlichen Kindschaft Gottes zu trachten, an der nach deiner
gegenwärtigen Aussage fürwahr wenig, wo nicht gar nichts gelegen ist. Es wäre
sogar eine offenbare Torheit, für nichts das Gute und Reichliche, das man
besitzt, fahrenzulassen. Da sage ich: Gott und Vater hin oder her, und ich als
das Kind Gottes hin oder her, wenn ich dabei gänzlich gewinnlos mich verhalten
müßte.
[GS.02_063,02] Es ist einerseits nicht zu
leugnen, daß der Gedanke, Gott zum Vater zu haben, und das durch die
allerintimste gegenseitige Liebe, jeden andern Gedanken rein zugrunde richtet;
denn ein größeres Verhältnis kann sich kein geschaffenes Wesen denken. Aber
wenn man auf der anderen Seite betrachtet, daß man in Rücksicht dieses großen
Gedankens und großen Namens an und für sich dennoch gar nichts ist und sein
darf, ja, daß man sogar zum letzten Dienste für alle Geschöpfe stets bereit
dastehen muß, so ficht einen, wie wir da sind auf dieser Welt, dieser Gedanke
und dieser große Name gar nicht mehr an.
[GS.02_063,03] Wenn wir hier alles haben
können, was unser Herz verlangt, zeitlich und ganz besonders im Geiste ewig,
als „Kinder“ aber uns nicht einmal nach eigenem Willen über die Schwelle rühren
dürften, höre, da bleiben wir doch sicher, was wir sind; denn um nichts zu
werden, bedürfte es nie eines Daseins! Ist ein Wesen aber einmal da, so setzt
dieses sein Dasein schon eine fortwährend höhere Entwicklung seiner Kräfte
voraus; nicht aber – (wenn man bedenkt, daß man hier fortwährend in den
Erkenntnissen und Kräften zunimmt) – daß man hernach, wo man die höchste
Vollendung erwartet, nichts als eine völlige Vernichtung aller Kräfte und
Erkenntnisse, die man sich hier zu dem Behufe zu eigen gemacht hat, erwarten
solle.
[GS.02_063,04] Ich meine, du wirst mich
gründlich verstanden haben, denn ich habe hier also geredet, wie da ein jedes
nur einigermaßen weise denkende Wesen notwendig hätte reden müssen, so es die
Verhältnisse der Kindschaft Gottes von dir auf die obige Weise erörtert
vernommen hätte. –
[GS.02_063,05] Meines Teiles aber bin ich
über die Kindschaft Gottes einer ganz anderen Meinung und behaupte ganz
festweg, daß hinter der Kindschaft Gottes ganz außerordentlich mehr verborgen
ist, als du es mir kundgegeben hast. Es mag schon immerhin sein, daß man als
Kind sicher aus der höchsten Liebe zum Vater freiwillig alles hintan gibt.
Solches ist ganz eigentümlich im Charakter der Liebe: – daß man aber andererseits
für solch ein geringes Opfer etwas Unaussprechliches zu erwarten hat, das kann
mir die ganze Ewigkeit nicht absprechen!
[GS.02_063,06] Wir haben hier zwar nach
unserer geistigen Lehre die große Fähigkeit zugute, als Geister alle Tiefen der
Schöpfungen Gottes zu bereisen und uns unaussprechlich zu erlustigen an Seinen
ewig zahllosen allermannigfaltigsten Wunderwerken; aber wie es mir so tief
ahnend vorkommt, so können die Kinder Gottes das mit einem Blicke übersehen,
wozu wir Ewigkeiten brauchen. Wir haben wohl Macht, als Geister die Dinge
unserer Welt und wie ausfließend auch noch anderer von dieser abhängenden
Welten zu ordnen; aber die Kinder Gottes, als mit Gott allernächst und intimst
vereint, sind sicher Mitschöpfer. Und während wir doch immer nur Materielles zu
ordnen haben, so haben aber „die Kinder aus Gott“, ihrem Vater, die Macht nicht
nur über die gesamte endlose materielle Schöpfung, sondern auch über alle
geistige Kreatur.
[GS.02_063,07] Siehe, das ist meine Meinung,
für deren Wahrheit ich alles zum Pfande biete, was immer ich nur auf dieser
Welt mein nennen darf. Du hast freilich wohl gesagt, daß ein Kind ohne den
Willen des Vaters sich nicht über die Schwelle bewegen darf, darf sich selbst
keine Speisen nehmen und muß wohnen in einfachen Hütten. Das lasse ich alles
recht gerne zu. Aber wenn man als Kind Gottes mit einem Blicke alle endlosen
Herrlichkeiten Gottes überschauen kann, da möchte ich doch wohl wissen, wozu
man seine Füße über die Schwelle setzen sollte? Wenn man ferner in der vollkommenen
schöpferischen Fähigkeit mit Gott Selbst im ewigen Zentrum steht, von wo aus
alle zahllosen Geschöpfe ernährt werden, da möchte ich auch den Grund wissen,
der einen nötigen würde, sich selbst eine Kost zu nehmen, so man im Zentrum
alles Lebens steht. Und eben also, denke ich, steht es mit der Einfachheit der
Wohnung der Kinder Gottes. Ob jetzt eine Hütte oder ein Palast, das wird doch
etwa alles eins sein, so man in sich selbst alle Herrlichkeiten Gottes
anschaulich vereinigt.
[GS.02_063,08] Wenn man in der Herrlichkeit
über alle Unendlichkeit und Ewigkeit sich befindet, welche einem alle Geschöpfe
in der Unendlichkeit nicht im geringsten zu schmälern vermögen, da kann man
gleichwohl ein allergeringster Diener sein und ein Knecht aller Knechte; denn
was verliert ein solcher dadurch? Muß ihm darum nicht, wenn es sein muß,
dennoch die ganze Schöpfung auf einen allerleisesten Wink den pünktlichsten
Gehorsam leisten?
[GS.02_063,09] Es ist wahr, unsere Geister
haben auch Kraft und Gewalt, zu beherrschen die eigene Welt, aber sind sie
darum Herren derselben? O nein! Sie tun zwar, was sie wollen, aber sie können
nicht wollen, was sie wollen. Unser Wille liegt in eurem Grunde, ihr aber seid
frei in dem Wollen Dessen, der euer Vater ist!
[GS.02_063,10] Hoher Gesandter des Herrn! Ich
glaube, daß ich die Sache richtig bemessen habe; dessen ungeachtet aber bitte
ich dich, du möchtest mir darüber noch einige Wörtlein schenken, damit ich aus
denselben erkennen möchte, inwieweit mein Urteil mit der allerhöchsten Wahrheit
verwandt ist. –
[GS.02_063,11] Nun spreche ich und sage:
Höre, mein achtbarer Ältester dieses Ortes! Ich wußte es ja, daß du in dir das
rechte Licht finden wirst, so ich dir dazu nur den rechten Weg gezeigt habe.
Dein Urteil ist richtig; du hast diesmal das Wesen der Kindschaft Gottes genau
erkannt. Wie du die Sache bezeichnet hast, also ist es auch; aber mit der Demut
und mit der Liebe bist du dadurch denn doch wieder genötigt, das von dir so
verurteilte „Mehr“ und nicht das von dir früher so gerühmte „Weniger“ zu
erlangen.
[GS.02_063,12] Was aber wird sich da machen
lassen? Denn siehe, du bist weder mit dem einen noch mit dem andern zufrieden.
Beim Mehrerlangen ist dir die Demut und die Liebe ein schlechtes Mittel, also
keine Tugend; das Wenigererlangen für solche Tugend kommt dir als eine Torheit
vor. Wie soll die Sache demnach bestellt sein, daß du zufriedengestellt werden
möchtest? Ich will dir dieses Rätsel lösen.
[GS.02_063,13] Siehe, du bist noch in dem
Begriffe, daß man nur dann mehr bekommen müsse, wenn man mehr verlangt, und
weniger, wenn man wenig verlangt. Ich aber sage dir: Das ist ein geschöpflicher
Maßstab; aber beim Schöpfer ist da ein ganz umgekehrter Fall. Der viel
verlangt, wird wenig empfangen; der wenig verlangt, wird viel empfangen; wer
nichts verlangt, dem wird alles zuteil werden!
[GS.02_063,14] Diese Sache möchtest du wohl
ein wenig unnatürlich finden; aber siehe, es gibt ja auch bei dir ähnliche
Verhältnisse, und du handelst in dieser Hinsicht durchgehends nicht anders, als
da handelt der Herr. Wenn dir z.B. jemand einen Dienst erweiset, verlangt dafür
aber einen großen Lohn, wie wird er in deinem Herzen empfangen sein? Du sagst:
Da wird er gering empfangen sein. Wenn er aber dir einen großen Dienst erwiesen
hat, und verlangt wenig dafür, wie wird der in deinem Herzen empfangen sein? Du
sprichst: Der wird groß empfangen sein. Wenn dir aber jemand alles getan hat,
was du nur immer wünschest, und verlangt am Ende nichts von dir, denn er tat
alles ja aus Liebe zu dir, sage, wie wird der in deinem Herzen empfangen sein?
Du sprichst: Diesen werde ich zu meiner Rechten setzen, und er soll in allem
mit mir im gleichen Besitze stehen; denn solcher hat sich mein Herz in der
Fülle zinspflichtig gemacht!
[GS.02_063,15] Siehe, mein achtbarer Ältester,
das ist auf ein Haar das Verhältnis Gottes zu Seinen Geschöpfen; und tust du
das letzte, so bist du ein Kind Gottes und wirst ebenfalls von Ihm zu Seiner
Rechten gestellt werden. Solches bewirkt die Liebe, denn Gott sieht nicht auf
das alleinige Werk, sondern allein auf die Liebe. Geht das Werk aus der Liebe
hervor, dann hat es vor Gott einen Wert; geht es aber nur aus der alleinigen
Weisheit hervor, dann hat es entweder keinen Wert, oder nur insoweit einen,
inwieweit die Liebe damit im Spiele war. – Nun weißt du alles, und ich habe dir
nichts mehr zu sagen. Willst du den dir klarst bezeichneten Weg wandeln, so
weißt du nun recht wohl, welch ein Ziel du erlangen kannst; bleibst du aber,
wie du bist, so wirst du ebenfalls dein gutes Ziel erreichen, aber nur das der
so ganz eigentlichen Kindschaft Gottes nicht!
[GS.02_063,16] Nun sehet, unser Ältester wird
ganz demütig und überdenkt wohl meine Worte. Er wird sobald eine Anrede an
seine Kinder zu machen anfangen; diese wollen wir noch anhören, sodann dieses
Volk segnen und uns dann gleich von dannen begeben. –
64. Kapitel – Sonnenbewohner auf dem Wege der
Kindschaft Gottes.
[GS.02_064,00] Der Älteste öffnet soeben
seinen Mund, und so wollen wir ihn auch sogleich anhören. Seine Worte lauten
also:
[GS.02_064,01] So höret mich denn an, ihr
alle meine Kinder, die ihr hier gegenwärtig seid, und gebet es auch kund denen,
die nicht hier sind, was ich zu euch reden werde! Ihr wisset, daß wir bei
ähnlichen Gelegenheiten, so das Holz am Altare durch eine höhere Macht brennend
wurde, aus der Flamme des brennenden Holzes die überschweren Bedingungen
gelesen haben, durch deren Erfüllung allein nur die Erlangung der hohen
Kindschaft Gottes möglich ist. Nie ward uns das außerordentliche Glück zuteil,
aus dem Munde eines Kindes Gottes zu vernehmen, wie man fürs erste auf dem
natürlich kürzesten Wege die Kindschaft Gottes erlangen kann, und was so ganz
eigentlich hinter der Kindschaft Gottes verborgen liegt.
[GS.02_064,02] Dieser hocherhabene Gast mit
seinen zwei Beigästen aber hat uns aus der Urquelle und aus dem Urgrunde
gezeigt, was all unsere Weisheit nimmer erreicht haben würde. Wir wissen nun,
daß Gott, der allmächtige Schöpfer aller Dinge, Selbst ein vollkommener Mensch
ist und allezeit wohnet unter denjenigen als Vater, die Seine Kinder sind.
[GS.02_064,03] Dann haben wir
allergründlichst und genauest erfahren, was ein Kind Gottes ist und warum es
als solches erkannt werden muß. Dann haben wir als den dritten Punkt gar hell
erleuchtet überkommen, wie da alle freien Geschöpfe, die ihrer selbst bewußt
sind und Gott als ihren Schöpfer erkennen, auf die allereinfachste und sicher
allerzweckmäßigste Weise zu Kindern Gottes werden.
[GS.02_064,04] Daß solches alles richtig ist,
bedarf keines weiteren Beweises; denn fürs erste steht der Bürge für die Fülle
solcher Wahrheit noch unter uns, und fürs zweite bürgt meine eigene Weisheit,
aus welcher ich, wie ihr alle gar wohl habt vernehmen können, dem hohen Boten sicher
alle erdenklichen Einwürfe gemacht habe, um daraus zu ersehen, ob seine
Aussagen auch vor der strengsten Prüfung der Weisheit bestehen mögen.
[GS.02_064,05] Ihr habt aber auch alle wieder
vernommen, mit welch einer ehernen Festigkeit mir der hohe Gast allezeit
entgegenkam, und mich durch der Wahrheit Macht seiner Worte hinausleitete aus
dem Irrsale meiner Erkenntnisse nahe völlig geraden Weges. Wenn wir nun solche
handgreifliche Beweise für die große Triftigkeit der Aussage dieses Boten
haben, was wollen wir da noch mehr?
[GS.02_064,06] Es fragt sich demnach hier nur
einzig und allein das, ob wir die vorgezeichneten Wege ernstlich wandeln wollen
oder nicht – wollen wir den Weg der Demut, der Liebe und aller
Selbstverleugnung im Geiste und in der Wahrheit betreten, oder wollen wir
solches nicht? Welche Frage ebensoviel sagen will als:
[GS.02_064,07] Wollen wir nach der Ablegung
dieses unseres flüchtigen Leibes als Geister ewige Wächter dieser unserer, wenn
schon großen Welt bleiben, oder wollen wir nach der Ablegung dieses Leibes im
Geiste sofort zu Kindern Gottes werden und dahin kommen, da Er, der ewig und
endlos allein über alles mächtige Gott und Herr wohnt unter seinen Kindern und
sie liebt mit all der unendlichen Liebeskraft Seines Herzens?
[GS.02_064,08] Sehet, meine lieben Kinder,
das ist eine außerordentliche großwichtige Frage, welche sich nur durch die
Tat, aber nie durch die selbst allerweisesten Worte beantworten läßt. Zugleich
aber mache ich euch alle darauf aufmerksam, daß unser Zustand nach der Ablegung
des Leibes im Geiste ebenfalls ein überaus herrlicher ist, der an äußerer
Pracht und Herrlichkeit sicher alles andere Erdenkliche bei weitem übertrifft.
Wir sind hier schon im Leibe so ungemein schön geformt, daß unsere Form sogar,
wie ich gar wohl bemerkt habe, den Kindern Gottes eine große Bewunderung
abnötigte; und doch ist diese leibliche Schönheit kaum ein flüchtiger
Schattenriß gegen die, welche da ein Eigentum ist unseres unsterblichen
Geistes. Also sind auch unsere äußeren leiblichen Wohnungen schon von solch
einer Glanzpracht, daß Bewohner anderer kleinerer Welten darob sicher beim
ersten Anblicke das Leben einbüßen würden. Und dennoch kostet uns ihre Erbauung
eine geringe Mühe; denn mit der Macht unseres vereinigten Willens sind wir ja vollkommene
Herren der Materie, welche sich fügen, schmiegen und heben muß nach unserem
Willen.
[GS.02_064,09] Aber was ist selbst die
allererhabenste und großartigste materielle Gebäudepracht gegen diejenige
unserer Geister, die da jene ferne Lichthülle bewohnen, welche unsere nahe
unbegrenzt große Welt überaus weit räumlich umgibt.
[GS.02_064,10] Sehet, solches alles wissen
wir schon aus vielfacher Erfahrung; denn es gibt ja mehrere unter uns, denen es
schon zu öfteren Malen vergönnt war, die geistigen Dinge unserer Welt
allerklarst zu schauen. Alsonach ist unser Los durchgehends ein unberechenbar
herrliches, denn wir sind als Geister ja wahrhaftige Großherren, denen nicht
nur ihre ganze nahe endlose Welt zur allerklarsten Beschauung zu Gebote steht,
sondern noch zahllose andere Welten, welche alle von dieser unserer großen Welt
mehr oder weniger abhängen. Das alles, meine Kinder, unter einem Gesichtspunkte
vereinigt, kann uns nichts anderes sagen als:
[GS.02_064,11] Was wollet ihr denn noch, ihr
allerglücklichsten Kinder einer Welt, die da ist eine Lichtträgerin für
Myriaden und Myriaden anderer Welten? Also ist es auch wahr, wer so viel hat
wie wir, wer so glücklich ist wie wir, bei dem spricht sich doch sicher ein
hoher Grad von Torheit aus, wenn er noch mehr erlangen und noch glücklicher
werden will.
[GS.02_064,12] Sehet, diese sicher weise
Schlußfolgerung habe ich auch diesem hohen Gaste dargestellt, und er hat sie
mir ebenso vorteilhaft bestätigend erwidert. Aber höret mich nun an, meine
Kinder! Es handelt sich bei der Erlangung der Kindschaft Gottes durchgehends
nicht um das Mehr- oder Glücklicherwerden, sondern ums Vollkommener- und
Lebendigerwerden in der Liebe Gottes. Ihr wisset aber alle aus eigener
Erfahrung, daß hier unser größtes Glück wie auch unsere größte Glückseligkeit
nichts so sehr als nahe ganz allein unsere gegenseitige Liebe bedingt. Je mehr
wir uns lieben, je inniger wir uns in der Liebe körperlich wie geistig
vereinen, desto glückseliger sind wir auch!
[GS.02_064,13] Sind nicht diejenigen Zeitmaße
für uns die glücklichsten, wenn wir innerhalb der Wände unseres Wohnhauses uns
in der gegenseitigen Liebe vereinen und die ganze wunderbar schöne Außenwelt
keines Blickes würdigen? Ihr alle könnet auf diese Frage aus eurer lebendigen
Erfahrung nichts anderes erwidern als: Das ist in der Fülle die lebendige
Wahrheit!
[GS.02_064,14] Nun wohl denn; sehet, darin
liegt auch der große Unterschied zwischen unserer allergrößten, aber dabei
dennoch immer äußeren Glückseligkeit und der allerinwendigsten Seligkeit der
Kinder Gottes. Wenn uns aber schon unsere gegenseitige geschöpfliche Liebe also
beglückt, wie endlos beglückend muß da erst diejenige Liebe sein, wo Geschöpfe
als Kinder Gottes ihren Schöpfer als Vater sichtbar in der allerhöchsten Liebe
ergreifen können und von Ihm wieder endlos allmächtig liebend ergriffen
werden?! Wo auf dieser ganzen großen Welt lebt wohl ein Wesen, welches nur ein
Atom von der Größe solcher Seligkeit zu erfassen imstande wäre, wo das Geschöpf
als Kind seinem Schöpfer, seinem Gott gegenübersteht und Ihn mit aller Liebe
erfassen kann und von Ihm wieder mit der allergrößten Liebe erfaßt wird?!
[GS.02_064,15] Sehet, meine lieben Kinder,
das ist der unendliche Unterschied zwischen uns und den Kindern Gottes! Denket,
wie endlos klein muß das uns beseligende Fünklein der Liebe sein gegen die
endlose Fülle der Liebe, welche da wohnet in Gott! Und doch macht dieses endlos
kleinste Fünklein unsere größte Seligkeit aus! Wie groß aber muß demnach die
Seligkeit derjenigen Wesen sein, welche mit der ganzen unendlichen Fülle der
Liebe ihres göttlichen Vaters spielen können?!
[GS.02_064,16] Was wollen wir demnach tun?
Wollen wir bleiben, was wir sind, oder wollen wir mit neuen Lebenskräften als
Kinder in die Arme des allmächtigen, heiligen, ewigen Vaters eilen?
[GS.02_064,17] Ich lese nun in euren
Angesichtern, daß ihr alle alles verlassen wollet, um zum Vater zu gelangen!
Ja, das ist auch mein allervollkommenster Sinn; lieben wollen wir Ihn, als
hätten wir tausend Herzen, und demütig wollen wir sein also, als hätten wir gar
kein Dasein, um nur nach diesem äußeren Leben hinüberzugelangen, wo dieser
heilige Vater wohnt!
[GS.02_064,18] Und du, hoch erhabener Bote,
nehme in der Fülle der Wahrheit diese unsere Versicherung an, daß wir nun alle
eines Sinnes sind und wandeln wollen die von dir uns gezeigten Wege. – Segne
uns auf dieser neuen Bahn, auf daß wir ja glücklich dahin gelangen möchten, wo
du dich schon sicher lange allerseligst befindest in der Wohnung Gottes, deines
endlos heiligen Vaters! –
[GS.02_064,19] Sehet, nach diesen Worten
fällt der Älteste auf sein Angesicht, und seine Kinder folgen seinem Beispiele.
Nun aber segnen wir sie, und da wir sie gesegnet haben, so lasset euch von mir
ein wenig erheben. – Nun sehet, wir haben uns erhoben, und unsere schöne Welt
schwebt schon als ein winziges Sternchen wieder in einer endlosen Tiefe. – Aber
sehet da hinab; es ist eure Sonne. Nicht mehr ferne sind wir ihr, aber dennoch
wollen wir nicht zu eilig, sondern mehr sachte uns ihrer geheiligten Oberfläche
nähern. Doch diesmal nicht der materiellen, sondern der geistigen, welche da
eben der materiellen an gleichem Orte und an gleicher Stelle völlig entspricht.
– Und so denn lassen wir uns sanft hinab! –
65. Kapitel – Die Erscheinung unserer „geistigen
Sonne“. – Andere Erscheinlichkeit derselben als in der Sphäre des Herrn.
[GS.02_065,01] Sehet, wir sind bereits auf
der geistigen Oberfläche eurer Sonne angelangt. Wie gefällt es euch hier?
Soviel ich merke, so machet ihr höchst verwunderte Gesichter und saget:
Fürwahr, auch hier ist es unbegreiflich herrlich und anmutig zu sein. Es ist
zwar von jener nahe schaudererregenden Glanzpracht der früheren Sonnenwelt
keine Spur zu entdecken; aber dessen ungeachtet sind hier die gar lieblichen
Gärten und überaus herrlichen blumigen Auen, bebaut mit kleinen niedlichen
Häuschen, auch überaus wonnig anzusehen. Was aber hier den wonnigen Anblick
noch mehr erhöht, ist, daß wir hier in den Gärten und in den Auen und ganz
besonders um die Häuschen eine Menge Kinderchen erschauen und auch größere
Menschengeister, welche sich mit diesen Kinderchen gar freundlich abgeben.
[GS.02_065,02] Aber nur eines kommt uns hier
überaus sonderbar vor. Siehe, lieber Freund, es hat uns der Herr Selbst nach
der Beschauung der naturmäßigen Sonne eben auch auf die geistige Sonne gesetzt.
Da aber haben wir von alledem, was wir jetzt sehen, nicht das allergeringste
gesehen, sondern wir sahen bloß nur eine endlos weitgedehnte Fläche, welche
wohl mit einer Art Gras und hier und da auch mit kleinen Bäumchen allenthalben
gleich verziert war. Dann sahen wir auch über dieser unermeßlich weiten
Oberfläche Geister hin und her und auf und ab ziehen, nahe wie die Ephemeriden
auf der Erde beim Sonnenauf- oder nahen Niedergange. Das war aber auch alles. Wollten
wir mehr sehen, da war uns die Sphäre eines Geistes vonnöten.
[GS.02_065,03] Daraus aber gehen für uns nun
drei wichtige Fragepunkte hervor. Der erste lautet also: War diejenige
„geistige Sonne“, die wir in der Gegenwart des Herrn so ganz einfach erschauten,
identisch mit dieser, die wir jetzt sehen? Der zweite Punkt lautet: Wenn diese
Sonne identisch ist mit der ersten von uns betretenen, so fragt es sich, ob auf
ihrer Oberfläche das eine ganz andere Stelle ist, als da war diejenige, die wir
zuerst gesehen haben? Der dritte Fragepunkt aber lautet also: Falls dies
diejenige Sonne ist und wir auf ihrer Oberfläche das nicht erschauen, was wir
in der Gegenwart des Herrn beim ersten Erschauen der geistigen Sonne gesehen
haben, ob wir solches dann deiner Sphäre zu verdanken haben? –
[GS.02_065,04] Du hast uns freilich gleich
anfangs kundgegeben, daß wir nicht in deiner, sondern du dich nur in unserer
Sphäre befindest. Es kann freilich leicht für uns unbewußtermaßen ein
Sphärentausch vor sich gegangen sein; darum aber fragten wir dich denn nun
auch, wie sich diese Sache verhält? –
[GS.02_065,05] Meine lieben Freunde und
Brüder! Ich muß euch hier schon gleich im voraus melden, daß euch hier auf
sämtliche drei Fragepunkte keine passende Antwort wird gegeben werden können;
und das einfach aus dem Grunde, weil ihr um das nicht gefragt habt, welches
beantwortlich das Verhältnis dieser gegenwärtigen Erscheinung enthielte.
[GS.02_065,06] Als ihr in der Gegenwart des
Herrn die Oberfläche der geistigen Sonne betreten habt, da habt ihr die
Oberfläche der Sonne nicht speziell, sondern in der unendlichen Sphäre des
Herrn höchst allgemein betreten, denn in der Sphäre des Herrn ist nimmer ein
endlich spezieller Anblick allein für sich denkbar. In Seiner Sphäre enthält
jedes speziell Erscheinliche sogleich an und für sich Unbegrenztes,
Unendliches, und der einfache Boden, den ihr damals betreten habt, war ein
Boden der unendlichen geistigen Sonne des Herrn, in welcher alle unendlichen
Sphären begriffen sind.
[GS.02_065,07] Die Geister, die ihr dort hin
und her wandeln sahet, sind nicht etwa einzelne Geister, sondern ein jeder
solche einzelne Geist, den ihr auf jener Oberfläche geschaut habt, ist ein
ganzer Verein von zahllosen Geistern, in dem an und für sich wieder noch zahllose
kleinere Vereine vorhanden sind, die da ebenfalls bestehen aus seligen Geistern
spezieller Art also, wie wir jetzt da beisammen sind. Aus dem, daß ihr erst in
der Sphäre eines solchen Großgeistes zu der spezielleren Anschauung der
geistigen und himmlischen Dinge gelangt seid, könnet ihr solches gar leicht als
vollkommen überzeugend erschauen.
[GS.02_065,08] Ihr machet hier freilich ein
ganz verdutztes Gesicht und saget: Aber höre, lieber Freund, wie geht denn das
zu? Fürwahr, diese deine Aussage kommt uns ein wenig unsinnig vor, denn der
Herr hat uns ja die Namen der einzelnen sich uns nahenden Geister kundgegeben,
worunter auch sogar einige uns irdisch nahe Anverwandte sich befanden, diese
aber können doch an und für sich einen solchen allgemeinen Himmelvereinsengel
nicht darstellen. Zudem haben wir sie auch nach dem Eintritte in ihre Sphäre
also gesehen wie zuvor, und sie haben mit uns geredet wie du und haben uns
geführt; wie wäre demnach solches zu verstehen?
[GS.02_065,09] Ich sage euch, meine lieben Brüder
und Freunde, es wird wohl ziemlich schwer halten, daß ihr die Verhältnisse der
Himmel so ganz klar zu durchblicken vermöget. Was ich aber zu eurer geistigen
Berichtigung tun kann, will ich ja tun und will euch wieder allerlei Stößchen
versetzen, durch welche ihr wenigstens der großen Wahrheit näher auf die Spur
gelangen könnet, und so höret denn! – Was sprach der Herr, als Er einmal ein
Zeugnis gab über Johannes den Täufer? Seine Worte lauteten: „Von allen, die
bisher aus den Weibern geboren wurden, war keiner größer als er; der Kleinste
aber im Reiche Gottes ist größer als er!“ – Was will denn das sagen? Nichts
anderes als: Von allen speziellen Menschen ist keiner an und für sich größer
denn Johannes; aber die da nach der Lehre des Herrn in das neue Reich der
Himmel aufgenommen werden zu reinen Kindern Gottes, von denen werden die
Geringsten schon größer sein als der größte spezielle Mensch an und für sich es
ist.
[GS.02_065,10] Warum denn? Weil sie nicht nur
an und für sich durch ihre Liebe zum Herrn groß werden, sondern da ihre Liebe
zum Herrn Unendliches erfaßt, so werden sie zu Vorstehern der himmlischen
Vereine, und im Angesichte des Herrn dehnt sich da die Liebessphäre eines
solchen seligen Geistes wie zu einem zweiten großen Menschen aus. Und diese
Sphäre ist an und für sich so ganz eigentlich ein solcher Himmelsverein, in
welchen alle diejenigen guten Geister aufgenommen werden, die mit dem Vorsteher
und somit auch Schöpfer des Vereins in gleicher Liebe zum Herrn sind.
[GS.02_065,11] Ähnliche Beispiele sind ja
auch auf der Erde vorhanden. Die Staatenvereine sind schon ein äußeres Bild
davon, und ein jeder Bürger des Staates trägt gewisserart den Namen des obersten
Staatsvorstehers, welcher da entweder ist ein Kaiser, König, Herzog, Fürst usw.
Engere Vereine sind Städte, Märkte, Dörfer und Gemeinden, da ein jeder
Einwohner gewisserart auch den Namen seines Vereines trägt und man sagt: das
ist ein Pariser, das ist ein Londoner, das wieder ein Wiener usw. Unsere Sache
aber näher bezeichnend sind die Religionsvereine, die man freilich wohl
unpassend genug „Sekten“ nennt. Nehmen wir aber die Sekte an, so werden wir
finden, daß eine jede ihren Hauptgründer hat. Was ist da ein solcher
Hauptgründer zu der von ihm gegründeten Sekte? Er ist der Vorsteher einer
solchen Sekte oder eines solchen Vereines, welcher geistig genommen sich zu
einer allgemeinen Form ausbildet, die vollkommen ähnlich ist der speziellen des
Gründers.
[GS.02_065,12] Wer demnach z.B. den
lutherischen Glauben völlig angenommen hat, der wohnt geistig genommen schon in
der allgemeinen geistigen Form des Luther oder er ist ein Bewohner des
lutherischen Vereines. Solch ein Verein ist schon ein großer, der in sich schon
wieder eine Menge kleinerer Vereine hat, welche alle samt und sämtlich ihre
Vorsteher haben, welche man „Gemeinden“ nennen kann; und eine solche Gemeinde
hat ihren allzeitigen Vorsteher und Leiter, der gewisserart ein allgemeiner
geistiger Leib oder ein zu bewohnender kleinerer Verein für alle diejenigen
ist, die seines Glaubens und seiner Liebe sind.
[GS.02_065,13] Also verhält es sich auch mit
den ersten Ausbreitern der Lehre des Herrn wie auch mit Swedenborg, den ihr
auch habt kennengelernt. Eure Weltlich-Anverwandten aber sind einesteiles
freilich nur Bewohner eines solchen Vereines. Da sie aber doch durch die Werke
ihrer Liebe so gar manche Menschen ihren Herzen nähergezogen haben, so haben
sie dadurch auch einen Verein gebildet und sind daher auch in ihrer Art kleine
Vorsteher ihrer Vereine, aus welchem Grunde ihr sie auch auf dem Gemeinplatze
in der Sphäre des Herrn als einzelne Vereinsgeister erschauen mochtet.
[GS.02_065,14] Ich meine, durch dieses
Stößchen dürftet ihr schon so ziemlich ins klare gekommen sein. Daß sich aber
solches wirklich also verhält, könnet ihr auch aus dem klar entnehmen, wie der
Herr zu den Aposteln sagte, als sie Ihn fragten, was sie dafür wohl dereinst
empfangen werden, daß sie Seinetwegen alles verlassen haben. „Ihr werdet auf
zwölf Stühlen sitzen und richten die zwölf Geschlechter Israels!“ – Welches
ebensoviel sagen will als: Aus dem Wort, das ihr in Meinem Namen und aus Meinem
Geiste predigen werdet allen Völkern, werden errichtet werden nach eurer Anzahl
ebensoviele Hauptvereine, darinnen ihr nach eurer Art werdet Hauptleiter und
Vorsteher sein. – Ich meine, solches ist nahe mit den Händen zu greifen. Damit
euch aber die Sache gleichfort klarer wird, wollen wir nächstens noch zu einem
„Stößchen“ unsere Zuflucht nehmen.
66. Kapitel – Gemeingeist und zugleich
spezieller Geist. Warum ist die allgemeine Form eines himmlischen Vereins die
menschliche?
[GS.02_066,01] Wie man aber noch gewisserart
ein Gemeingeist sein kann, während man an und für sich nur ein spezieller Geist
ist, das wollen wir, wie gesagt, aus noch ein paar Stößchen erproben. Ein
Stößchen liegt offenbar am allerklarsten in einem Worte des Herrn Selbst, allda
Er spricht:
[GS.02_066,02] „Ich bin der Weinstock, und
ihr seid die Reben.“ – Was will denn das sagen? Wie taugt es zu unserem
Begriffe? Der Herr ist der allereigentlichste „Gemeingeist“, da gewisserart ein
jeder einzelne Menschen- und Engelsgeist vollkommen Seines Ebenmaßes ist, und
dann alle zahllosen Geister zusammengenommen wieder vollkommen ähnlich sind wie
in Eins dem Einen Geiste Gottes. Wie es aber vom Herrn gegen jeden einzelnen
Geist und gegen alle Geister in einen zusammengefaßt der Fall ist, also ist es
auch gleichermaßen der Fall zwischen den Menschengeistern.
[GS.02_066,03] Derjenige Menschengeist, der
durch seine Liebe, Demut und Weisheit dem Herrn am nächsten ist, der ist schon
stets mehr und mehr ein Gemeingeist, weil seine Liebe, Demut und Weisheit gar
viele andere Geister in seine Sphäre gezogen haben, und bei manchen noch weiterhin
fortwährend ziehen, wenn solche Gemeingeistmenschen auch schon lange nicht mehr
leiblich auf der Erde leben. Solches aber stellt sich in der geistigen Welt als
ein Verein dar, der also ausgebildet ist, gewisserart in weitester Umfassung,
wie der spezielle Gemeingeist für sich selbst ein einzeln persönlich
Dastehendes ist.
[GS.02_066,04] Es wäre hier freilich zu
fragen: Wie aber bekommt denn ein solcher Verein gerade die Gestalt eines
solchen gemeingeistigen Menschen? Er könnte ja gar wohl auch also aussehen, wie
eine bewohnbare Welt aussieht. Warum muß denn gerade die Gestalt eines Menschen
im hohen Reiche der Geister das formelle Substrat eines für himmlische Wesen
bewohnbaren Vereines sein?
[GS.02_066,05] Um diese Frage gehörig
verständlich zu beantworten, muß ich euch darauf aufmerksam machen, daß die für
euch naturmäßig bewohnbaren Welten an und für sich eigentlich nichts anderes
sind als gewisserart, wenigstens für euer Auge, chaotische Konglomerate von
Seelen zu Seelen, welche in der Urzeit der Zeiten als ordnungsmäßige Gefäße der
Geister aus Gott bei dem allgemeinen Falle des einen großen Gemeingeistes
notwendigerweise mitfallen mußten. Aus diesen Seelen oder geistigen Gefäßen
sind dann erst durch die erbarmende und endlose Willensmacht des Herrn die
Welten, wie sie sind, geschaffen worden, und sind nun darum da, daß diese
Seelen mit ihren Geistern nach einer weise vorgezeichneten Stufenfolge wieder
vereint werden sollen.
[GS.02_066,06] Sehet aber an all die kaum
zählbaren Vorgangsstufen und fraget euch zufolge eurer Vorkenntnisse: Was ist
das Ziel solches gradativen Fortschreitens? Und die Antwort wird euch die
nächstbeste Anschauung eines jeden Menschen geben.
[GS.02_066,07] Was ist ein Mensch sonach? Er
ist in seiner vollendeten gottähnlichen Form gewisserart ein Gemeinleben von
zahllosen vorangegangenen speziellen Leben, welches beim Steinmoose die ersten
Lebensäußerungen zu entwickeln begann, sich dann durch alle Pflanzenwelt
durchwand, von der Pflanzenwelt in die Tierwelt überging und von der gemeinsamen
Tierwelt sich erst zu der vollendeten Form des Menschen ausbildete.
[GS.02_066,08] Im Menschen also fängt zuerst
alle frühere zerrissene Seelen- und Geistes-Wesenheit an, ihre Urform zu
gewinnen; so ist es dann ja doch nur natürlich, daß im Reiche der vollendeten
Geister es im Grunde des Grundes keine anderen Formen geben kann als eben die
Urgrundform des gottähnlichen Menschen.
[GS.02_066,09] Also ist denn ein Verein in
der Gestalt eines Menschen ja eben die rechte Form und ist im wahren und vollkommensten
Sinne eine herrliche bewohnbare Welt für Geister zu nennen, weil diese Form in
sich selbst jedem Einzelteile des Menschen entspricht und somit kein Bewohner
solch einer Welt vonnöten hat, zu säen und dann zu ernten. Er findet in solch
einer vollkommenen Welt seinen bestimmten Platz, der ihm alles gibt, was der
Bewohner nur immer vonnöten hat, so wie auch kein Nerv im menschlichen Leibe zu
säen und zu ernten braucht für sich, um sich aus solcher Ernte zu ernähren,
sondern auf dem Platze des Leibes, wo er sich befindet, auf eben dem Platze ist
für ihn schon für alles gesorgt, und er braucht nichts anderes als zu leben und
zu genießen.
[GS.02_066,10] Ich meine, dieses ziemlich
ausgedehnte Stößchen sollte euch doch vieles klar machen. Nur ein Umstand ist
noch dabei, nämlich in der Hinsicht, was da betrifft die Anschauung des
Gemeingeistigen in einer Person aus der Sphäre des Herrn, und für diesen
Umstand werden wir noch so ein Stößchen anbringen. Es läßt sich nämlich fragen:
Wie möglich kann ein Spezialgeist in seiner Einheit auf den Standpunkt erhoben
werden, daß er als solcher eine ganze geistige Vielheit nur als eine
Persönlichkeit vor sich erschaut?
[GS.02_066,11] Das ist ein ziemlich
schwieriger Punkt; aber wie gesagt, ein wohlgenährtes Stößchen wird ihn schon
wieder ins rechte Gleichgewicht bringen. Um aber dieses Stößchen so wirksam als
möglich zu machen, wollen wir zuerst einen Griff in die naturmäßige Welt tun;
und so höret!
[GS.02_066,12] Könnet ihr eure ganze Erde
überschauen? Ihr saget: Mitnichten, denn ihre Oberfläche ist zu ausgedehnt, als
daß es möglich wäre, sie zu überschauen. Gut, sage ich; warum aber könnet ihr
die viel größere Sonne überschauen? Ihr saget: Weil sie von unseren Augen so
weit absteht, daß von ihrer ganzen Oberfläche alle ausgehenden Strahlen in
einem solchen Winkel auf unser Auge fallen, den dasselbe zufolge seiner
Gestaltung bequem aufnehmen kann. Nun gut, wir haben unsere Sache schon so
vollkommen als nur immer möglich vorbeleuchtet.
[GS.02_066,13] Sehet, wie es in der naturmäßigen
Welt Erscheinungen gibt, wo man sagen kann: Diese Sache ist nahe, diese aber
räumlich weit entlegen, so gibt es auch in der geistigen Welt erscheinliche
Zustände, durch welche ein Objekt in eine große Entfernung zurücktritt. Und
wäre dieses an und für sich noch so groß und aus einer unzähligen geistigen
Vielheit bestehend, so wird es in der geistigen Entfernung dennoch als ein
einzelnes konkretes Wesen leichtlich übersehbar sein
[GS.02_066,14] Aber die geistige Entfernung
ist erscheinlichermaßen nicht also beschaffen wie die naturmäßige, in welcher
jene Gegenstände wirklich dem Raume nach weit entfernt sind, die das Auge als
weit entfernt erblickt. Im Geiste sind diejenigen Dinge, welche scheinbar
räumlich weit abzustehen kommen, nicht weit vom Auge des Betrachters entfernt,
sondern können ebensonahe wie die allernächst erscheinlichen sein, da für den
Geist ohnehin keine scheinbare Entfernung etwas ausmacht. Aber im Gegenteile
können oft scheinbar überaus nahe liegende Dinge auch überaus entfernt sein,
und dann sieht man sie zwar wie in der tastbaren Nähe; aber dessen ungeachtet
sind sie, wie gesagt, geistig überaus weit entfernt.
[GS.02_066,15] Ihr saget: Das klingt ein
wenig rätselhaft. Ich aber sage: Nichts weniger als das; ein kleiner Wink noch
hinzugefügt, und ihr werdet dieses Rätsel ganz gelöst vor euch haben. Es fragt
sich:
[GS.02_066,16] Wann ist man im Geiste von
jeder anderen Wesenheit wohl am entferntesten? Sicher nur dann, wenn man sich
in der unmittelbaren Nähe des Herrn befindet; denn zwischen Ihm und jeder
anderen Wesenheit ist fortwährend eine ewige unübersteigliche Kluft vorhanden,
und dennoch ist man wieder umgekehrt in der sphärischen Nähe des Herrn allen
Dingen in ihrer Gemeinsamkeit am nächsten, weil der Herr in ihnen alles in allem
ist.
[GS.02_066,17] Ihr aber waret auf eurer
ersten geistigen Sonne unmittelbar in der Sphäre des Herrn. Wie mußten sich
demnach alle Vereine der himmlischen Geister zu euch verhalten? Ganz klar
begreiflichermaßen unmöglich anders als wie sehr entfernte. Dennoch habt ihr
sie auch wie in eurer völligen Nähe geschaut.
[GS.02_066,18] Das kommt daher, weil der Herr
fürs erste alles in allem ist, und das Auge eines jeden Geistes in der Sphäre
des Herrn dem der unmündigen Kindlein ähnlich ist, welche da nicht selten nach
dem Monde und nach den Sternen greifen, als wären sie im Ernste in ihrer
völligen Nähe, während sie doch, wie ihr wißt, in stets gleich großer
Entfernung sich befinden.
[GS.02_066,19] Ich meine, nun sollte euch die
Sache über die von euch in der Sphäre des Herrn zuerst geschaute geistige Sonne
klar sein. Und so wollen wir uns denn wieder in den Hainen, Fluren und Gärten
dieser eurer Sonne entsprechenden eigentlichen geistigen Sonne näher umsehen
und mit ihren sehr jugendlichen Bewohnern eine ebenfalls nähere Bekanntschaft
machen. Der nächste Garten, den wir vor uns sehen, soll uns zu dem Behufe auch
zuerst aufnehmen.
67. Kapitel – Eintritt ins Kinderreich.
Praktische Methode zur Selbstentwicklung der Kinder.
[GS.02_067,01] Hier vor uns ist schon die
Pforte; also nur mutig eingetreten! Wir sind in dem Garten. Sehet, wie niedlich
und in der schönsten Ordnung alles gestellt ist! Kleine Baumalleen durchkreuzen
den großen Garten, und bei jeder Kreuzung entdecken wir ein kleines
Baumrondell, welches in der Mitte mit einem kleinen Tempel geziert ist. Die
Wege sind mit dem schönsten Rasen überdeckt und geben auf diese Weise einen
überaus sanft zu wandelnden Weg ab. Zwischen den Alleen entdecken wir freie
Räume, auf denen eine Menge der schönsten Blümchen wachsen, ungefähr in der Art
wie allenfalls in einem guten Frühjahre auf den Wiesen eurer Erde.
[GS.02_067,02] Ihr saget hier, wie es wohl
kommt, daß diese Blumen nicht nach gärtnerischer Kunst geordnet sind, sondern
einfach bunt durcheinandergemischt dem Boden entwachsen? Das kommt daher, weil
hier eine schon vollkommene Welt ist, und somit alles Wachstum auf einer jeden
Stelle vollkommen entsprechend ist mit den geistigen Begriffsfähigkeiten,
welche die Bewohner einer solchen Stelle zu eigen haben.
[GS.02_067,03] Hier wohnen aber eben gerade
die (Seelen der) jüngsten Kinderchen, welche auf der Erde bald nach ihrer
Geburt dem Leibe nach gestorben sind. Diese Kinderchen können doch unmöglich
schon irgend geordnete Begriffe und Vorstellungen vom Herrn und Seinem Worte
haben; daher sehet ihr hier auch alles jung, klein und bunt durcheinander.
[GS.02_067,04] Sehet einmal nach vorne. Dort
in der Mitte dieses großen Gartens werdet ihr ein Gebäude entdecken, das fast
die Gestalt eines großen Treibhauses bei euch hat. Was ist es wohl? Nur zu, wir
wollen hingehen, und wir werden gleich sehen, was es ist.
[GS.02_067,05] Sehet, wir sind schon dabei;
lasset uns eintreten durch die Türe, die vor uns geöffnet ist, und es wird sich
sogleich zeigen, was darin anzutreffen sein wird. Wir sind darin; sehet, eine
beinahe unabsehbar lange Kleinbettenreihe befindet sich fortlaufend wie auf
einer Terrasse etwa drei Schuh über den Boden gestellt. Sehet weiter! Hinter
der vorderen Reihe läßt sich wie durch eine Gasse getrennt auch schon eine
zweite, dann eine dritte, vierte, fünfte, usf. bis zehnte erschauen. Und sehet,
in einem jeden dieser kleinen Bettchen sehen wir ein Kindlein ruhen, und in
einer jeden solchen Gasse gehen fortwährend mehrere hundert Wärter und auch
Wärterinnen auf und ab und sehen sorgfältigst nach, ob einem oder dem andern
Kindlein etwas vonnöten ist.
[GS.02_067,06] Wieviel solcher Bettchen
dürften wohl hier in diesem Raume vorhanden sein? Solches können wir leicht
berechnen; auf einer Reihe befinden sich zehntausend solcher Bettlein, und zehn
Reihen haben wir in dieser Abteilung gezählt, das wären sonach hunderttausend.
Wieviel solcher Abteilungen gibt es aber wohl in diesem Gebäude? Es gibt deren
zehn; und so werden im ganzen Gebäude eine Million solcher Bettchen vorhanden
sein. Jede Abteilung aber steigt hier von Tag zu Tag nach eurer Rechnung; und
die Kindlein, die heute in dieser Abteilung in diesen wunderbaren
Lebensbettchen ausgereift werden, die werden sobald in die nächste Abteilung
gebracht.
[GS.02_067,07] Wenn auf diese Weise die
Kindlein in allen den zehn Abteilungen dieses Gebäudes aus- und durchgereift
sind, so kommen sie dann schon in ein anderes Gebäude, wo sie nicht mehr in
solchen Bettchen ruhen dürfen, sondern da sind für sie gewisse sanfte
Geländerreihen errichtet, in denen sie stehen und gehen lernen. Auch dieses
Gebäude hat ebenfalls zehn Abteilungen, in welchen das Gehen fortwährend
ausgebildet wird. Sind die Kindlein des Gehens vollkommen kundig, da ist schon
ein anderes Gebäude von wieder zehn Abteilungen; in diesem Gebäude wird für das
Sprechen der Kindlein gesorgt, welche Sorge also klug eingeleitet ist, daß es
sich fürwahr der Mühe lohnt, dahin zu gehen und diese Unterrichtsanstalt näher
in den Augenschein zu nehmen.
[GS.02_067,08] In diesem Gebäude haben wir
ohnehin nicht mehr viel zu lernen; denn das läßt sich von selbst denken, daß diese
ganz unzeitig von der Welt herübergebrachten Kindlein lediglich durch die Liebe
des Herrn ausgereift werden, und daß die Aufseher darin solche Engelsgeister
sind, welche auf der Erde ähnlichermaßen große Kinderfreunde waren. – Und da
wir nun dieses wissen, so begeben wir uns ins dritte Gebäude.
[GS.02_067,09] Sehet, dort mehr gegen Mittag
steht es in einer schon ziemlich großgedehnten Form; gehen wir also nur hin und
sogleich hinein! Wir sind schon in der einen Abteilung, und zwar in der ersten;
merket ihr nicht, wie es da wimmelt von den kleinen Schülern und unter ihnen
von freundlichen und geduldigen Lehrern und Lehrerinnen? Und sehet, wie diese
Kinderchen mit einer allerverschiedenartigsten und buntesten Menge von allerlei
Spielereien versehen sind. Wozu dienen ihnen denn diese? Fürs erste zur stummen
Begriffssammlung in ihrer Seele, welche hier eigentlich ihr Wesen ist. Hier
hören wir noch nichts reden; aber gehen wir in eine zweite Abteilung.
[GS.02_067,10] Sehet, da sind die Kindlein
nicht mehr so bunt durcheinander, sondern sitzen auf weichen langgedehnten
niederen Bankreihen. Vor je zehn Kinderchen sehen wir einen Lehrer, der einen
Gegenstand in der Hand hält, ihn benennt und von den Kinderchen, so gut es nur
immer geht, freiwillig nachsprechen läßt. Die Gegenstände sind allezeit also
gewählt, daß sie die Aufmerksamkeit der Kindlein an sich ziehen.
[GS.02_067,11] Zudem werdet ihr hier auch
bemerken, daß die langen Bankreihen durch aufsteigende Querwände von zehn zu
zehn Kinderchen abgeteilt sind. Das ist darum also gestellt, damit bei der
Vorweisung eines Gegenstandes die nächste anstoßende Zehnkinderchenreihe bei
der Aufweisung eines Gegenstandes in der Aufmerksamkeit nicht gestört wird.
[GS.02_067,12] In dieser Abteilung lernen die
Kinderchen bloß die einfachen Gegenstände benennen. In der nächsten Abteilung
werden sie schon auf die Benennung zusammengesetzter Begriffe geleitet, wo
nämlich ein Begriff zum Grunde und der andere zur Bestimmung liegt. In der
vierten Abteilung lernen sie schon von selbst die Begriffe verbinden und auch
diejenigen Worte kennen, durch welche Handlungen und Tätigkeiten, wie auch
Zustände, Beschaffenheiten und Eigenschaften ausgedrückt werden.
[GS.02_067,13] In der fünften Abteilung geht
schon ein förmliches Plaudern an. Solches wird also bewerkstelligt, daß die
Lehrer mittels allerlei Gegenständen gewisse Tafeln zum Anschauungs-Unterricht
zeigen und kleine Theater aufführen und lassen sich dann von den Kindlein
erzählen, was sie jetzt gesehen haben und was da geschehen ist.
[GS.02_067,14] In der sechsten Abteilung wird
dieser Lehrzweig in einem schon etwas größeren und sinnumfassenderen Maßstabe
fortgesetzt. Da werden schon etwas größere Bilder-Tafeln gezeigt und Theater in
der Art aufgeführt, daß sie auf den Herrn einen Bezug haben; nur wird den
Kinderchen hier noch nicht Weiteres davon kundgegeben als bloß nur das äußere
Bild, und sie müssen dann dasselbe wieder in der bestimmten Lehrzeit also
nacherzählen, wie sie es gesehen haben.
[GS.02_067,15] In der siebenten Abteilung, wo
die Kinder schon ganz förmlich reden können und ihre Auffassungsfähigkeit einen
merklich höheren Grad erreicht hat, werden bereits bedeutend große, allgemeine,
auf den Herrn Bezug habende geschichtliche Darstellungen, nicht nur allein in
der Form der Bildertafeln, sondern schon dramatisch gegeben, und das gewöhnlich
auf eine für die Kinder so anziehende Weise, daß sich diese förmlich vergaffen
und verhören, und eben dadurch sich alles das Geschaute und Gehörte desto
tiefer einprägen.
[GS.02_067,16] In der achten Abteilung lassen
die Lehrer schon von den Kinderchen selbst kleine Stücke aufführen und sich
dann wieder erzählen, was durch solch ein lebendiges Bild dargestellt war.
[GS.02_067,17] Dadurch werden die Kinderchen
auf die zweckmäßigste Art zur Selbsttätigkeit und zum Selbstdenken angeleitet.
[GS.02_067,18] In der neunten Abteilung
müssen die Kinderchen schon selbst neue Darstellungen zu erfinden anfangen,
natürlich unter der Leitung ihrer weisen Lehrer, und die erfundenen müssen sie
dann auch darstellen, zuerst bloß stumm, dann aber auch redend.
[GS.02_067,19] In der zehnten Abteilung
werden wir schon eine Menge Schauspieler und Dramatiker erschauen, und ihre
Sprache wird so wohl gebildet sein, daß ihr dazu werdet sagen müssen: Fürwahr,
also kann mancher auf der Erde nicht reden, wenn er auch schon eine Universität
durchlaufen hat. Man muß hier freilich wohl sagen:
[GS.02_067,20] Im Geiste lernt es sich
schneller denn im materiellen Leibe, welcher nicht selten mit großen Schwächen
und Unbehilflichkeiten behaftet ist. Das ist allerdings wahr. Aber würde auf
der Erde auch eine ähnliche Lehrmethode beobachtet werden, so würden die dort
lebenden und wachsenden Kinder ebenfalls ums Unvergleichliche schneller zum
geistig entwickelten Ziele gelangen denn also, wo das Kind zuerst mit allerlei
Unrat angestopft wird, welcher hernach bei der gründlicheren Bildung des Kindes
erst mühsam hinausgeschafft werden muß, bevor das Kind zu etwas Reinerem
aufnahmsfähig wird.
[GS.02_067,21] Um euch ein Bild des näheren
Verständnisses wegen zu geben, will ich euch nur darauf aufmerksam machen, was
ihr selbst schon öfter erfahren habt. Nehmet ihr ein für die Musik talentiertes
Kind an, was könnte ein solches in der frühesten Zeit unter einer wahren und
schulgerechten Leitung leisten? Wenn man aber solch einem Kinde statt eines
gründlichen Lehrers einen barsten Pfuscher gibt, der gewisserart selbst alles
andere besser versteht als gerade das, worin er Unterricht erteilt, gibt dem
Schüler dazu noch ein schlechtes Instrument, welches entweder wenig oder gar
keinen Ton hat und dazu regelmäßig fortwährend verstimmt ist und das alles
unter dem Vorwande: Für den ersten Anfang ist es gut genug! Wird aus solch
einem talentierten Musikschüler wohl je etwas werden? Wir wollen sehen.
[GS.02_067,22] Nach drei unnütz
verschwendeten Jahren wird endlich unserem Schüler ein etwas besserer Meister
gegeben. Dieser aber hat wenigstens drei Jahre zu tun, um allen seither
angewöhnten Unflat aus seinem Schüler zu bringen. Nun sind sechs Jahre verstrichen,
und unser Schüler kann noch nichts. Man will aber nun den ersten Fehler dadurch
gut machen, daß man, um aus dem Kinde etwas zu machen, demselben sogleich einen
hervorragenden Meister gibt. Dieser Meister hat aber keine Geduld und der
Schüler keine große Freude mehr. Also vergehen wieder drei Jahre, und unser
talentvoller Schüler hat es kaum zu einem höchst mittelmäßigen Stümper
gebracht, während er bei einer gerechten Grundleitung schon in den ersten drei
Jahren hätte etwas Bedeutendes leisten können.
[GS.02_067,23] Sehet, also geht es mit allem
Unterrichte auf der Erde; darum auch die Fortschritte der Bildung so langsam
vor sich gehen. Hier aber ist alles auf das Zweckmäßigste geordnet, darum geht
auch jede Bildung mit Riesenschritten vorwärts. – Die Fortsetzung wird uns noch
glänzendere Resultate zeigen. –
68. Kapitel – Anschauungsunterricht in
stufenweisen Abteilungen.
[GS.02_068,01] Ihr habt jetzt gesehen, wie
allda die unmündigen Kindlein sprechen lernen; was folgt aber auf das Sprechen?
Sehet, da vor uns ist schon ein anderes Gebäude. In dieses werden wir
hineintreten, und es wird sich da sofort zeigen, was mit diesen Kindern ferner
geschieht. Wir sind schon im Gebäude, welches gar herrlich gebaut ist, und
entdecken hier nicht mehr die früheren Abteilungen, sondern das ganze Gebäude
stellt einen sehr großen Saal vor, der Raum genug hat, wie ihr euch mit der
inneren Sehe überzeugen könnet, um eine Million solcher Schüler zu fassen, und
dazu noch auf je zehn zu zehn einen Lehrer obendrauf.
[GS.02_068,02] Was geschieht aber hier?
Sehet, da vor uns ist solch ein Schöckchen, ihr sehet mitten einen runden
Tisch, um welchen zehn kleine Schüler mit einem Lehrer bequem logiert sind. Was
haben die Schüler vor sich auf dem Tische liegen? Wir erblicken Bücher, deren
Blätter etwas steif sind, und auf den Blättern sind der Reihe nach kleine, aber
überaus meisterhafte Bilderchen.
[GS.02_068,03] Was tun die Schüler mit diesen
Bilderchen? Sie sehen sie an und reden hernach oder sagen gewisserart dem
Lehrer ihr angeschautes Bild auf. Das ist der erste Anfang zum Lesen; hier
werden bloß ausgearbeitete Bilder gelesen.
[GS.02_068,04] Sehet eine Menge Tische hier
im Vordergrunde, welche in einer geraden Linie über die Breite des Saales
hinlaufen; da befinden sich, wie ihr sehet, lauter Anfänger im Lesen. Ihr saget
hier freilich und fraget: Das ist alles recht, richtig und schön, wenn es sich
bloß um das Lesen einer reinen Bilderschrift handelt; aber wenn hier auch das
Lesen mittels stummer Zeichen oder sogenannter Buchstaben gang und gäbe ist, so
sehen wir noch nicht recht ein, wie möglich diese stummen einlautigen Zeichen
aus diesen niedlichen Bilderchen hervorgehen werden.
[GS.02_068,05] Laßt es nur gut sein, meine
lieben Brüder und Freunde! Wie solches hier vor sich geht, wird euch schon bei
den nächsten Tischreihen klar werden; und ihr werdet euch überzeugen, daß man
hier auf ganz natürlichem Wege ohne das vorhergehende Buchstabieren und
Syllabieren ganz vortrefflich lesen lernen kann.
[GS.02_068,06] Seht, da ist schon die zweite
Reihe; was erblicket ihr hier? Ihr saget: Nichts anderes als im Grunde
dieselben Bücher, nur sind die Bilder nicht mehr völlig ausgearbeitet, sondern
bloß nur mit den sogenannten Konturlinien gegeben. Sehet, da gehört schon mehr
Denken dazu, um aus der Verbindung der Linien das früher gut ausgearbeitete
Bild wieder herauszufinden. Zugleich aber werdet ihr daraus ersehen, daß
dadurch das innere Gemüt mehr zur Tätigkeit angeleitet wird, je mehr für die
äußere Beschauung von einem Bilde hinwegfällt; oder das innere Gemüt wird
angeleitet, die abgängige Ausführung selbst hinzuzuschaffen. Was die Schüler
bei dieser zweiten Reihe tun, haben wir bereits gesehen.
[GS.02_068,07] Gehen wir zur dritten; wir
sind hier. Was sehet ihr hier? Ihr saget: Wieder Bücher wie früher; aber hier
sehen wir nur Grundlinien, um welche die anderen Konturlinien bloß durch
Pünktchen ausgedrückt sind. Sehet, hier ist es schon schwerer, das eigentliche
Bild herauszufinden; aber daß man dabei schon mehr zu der eigentlichen
Grundbedeutung, gewisserart zum Fundamente des Bildes zurückgeführt wird, ist
ersichtlich. Zugleich wird hier die Bedeutung der Bilder schon gründlicher
gelesen, und die Linien fangen an, für sich selbst mehr Bedeutung zu gewinnen.
[GS.02_068,08] Es wird auch zugleich erklärt,
was da eine gerade, eine krumme und eine kreisförmige Linie ist.
[GS.02_068,09] Gehen wir zur vierten Reihe;
was erblicket ihr da? Ebenfalls wieder Bücher, wo zwar auch noch die
Grundlinien vorkommen; aber sie sind mehr mit den Konturpunkten umfaßt. Da aber
die vorkommenden Bilder eine Menge historischer, meistens auf den Herrn Bezug
habende Situationen darstellen, und somit bei jedem Bilde eine oder auch
mehrere menschliche Figuren vorkommen, so werden durch diese Grundlinien alle
Teile und Gliederungen des Menschen ersichtlich dargestellt, daraus die Schüler
gar leicht ersehen, wie die Teile des Menschen geordnet sind, und was für
Bedeutung da die einfachen Linien in bezug auf die verschiedenen Teile und Gliederungen
des Menschen haben.
[GS.02_068,10] Was geht aber aus dem hervor?
Das werden wir sogleich bei der nächsten Reihe sehen.
[GS.02_068,11] Sehet, wir sind schon bei ihr.
Da sehen wir dieselben Linien kleiner aneinandergereiht und hie und da die
Endteile der Linien in gewisse Punkte auslaufend. Was besagt denn solches? Es
ist noch immer das erste Bild; aber die Linien gehen schon mehr in eine stumme
Zeichenform über, und die Schüler müssen diese stummen Zeichen also erkennen,
als hätten sie das komplette Bild vor sich.
[GS.02_068,12] Gehen wir aber wieder zur
nächsten Reihe. Da erblicket ihr in den Büchern bloß eine, zwei oder drei
Hauptlinien, und zwar in viel kleinerem Maßstabe gegeben. Diese einzelnen
Hauptlinien werden hie und da mit kleinen Bögchen zusammengehängt, um dadurch
anzuzeigen, daß sie zusammengehören. Die Nebenlinien werden nur hie und da mit
wenigen kurzen Strichelchen und Punkten angezeigt.
[GS.02_068,13] Sehet, ist das nicht schon
eine förmliche Schrift? Ja sicher ist sie es; und sie ist die so ganz
eigentliche rechte (oder Ur-)Schrift, welche mit dem ganzen Wesen des Menschen
korrespondiert. Ihr saget: Das ist richtig; aber wie sieht es denn mit den
einzelnen Lauten oder mit dem sogenannten A. B. C. aus? Ich sage euch: Das
liegt schon alles darin; denn die sogenannten Selbstlaute sind durch die Punkte
und kleinen Strichelchen angezeigt, die Mitlaute aber werden durch die
Hauptlinien und deren Verbindungen dargestellt. Dann liest man hier nie nach
den einzelnen Buchstaben und lernt sie auch darum nicht im voraus des Lesens
wegen kennen, sondern da ist der Weg gerade umgekehrt. Man lernt hier zuerst
aus den allgemeinen Zeichen lesen, wie ihr gesehen habt, und aus diesen
allgemeinen Zeichen lernt man erst nachher die einzelnen Grundlautzeichen
erkennen und zusammensetzen und aus den zusammengesetzten wieder die
allgemeinen Zeichen herausfinden.
[GS.02_068,14] Sehet, das ist hier die Art
und Weise, auf die allerkürzeste und allerzweckmäßigste Art den Schülern das
Lesen beizubringen.
[GS.02_068,15] Daß zu der Erlernung des
Lesens schon die frühere Erlernung des Sprechens ungemein viel beiträgt,
braucht kaum erwähnt zu werden, indem solches ohnehin mit den Händen gegriffen
werden kann. Denn der Unterschied zwischen den Mitteln besteht bloß darin, daß
sie bei der Erlernung des Sprechens plastisch und dramatisch sind, beim
Erlernen des Lesens aber sind sie flach gezeichnet und in kleinen Maßstäben
dargestellt.
[GS.02_068,16] Wir erblicken aber hier noch
mehrere Reihen; was geschieht wohl da? Es wird noch fortwährend vollkommener
lesen gelehrt; und dieses besteht darin, daß die Schüler aus der Gestalt dieser
inneren Schrift, welche geistig ist, durch Entsprechungen am Ende auch alle
weltlichen, äußeren Schriften finden und erkennen lernen; und mit nichts sonst
als bloß mit dem Lesen gibt man sich in diesem Gebäude ab. Daß dabei die
Schüler auch gewisserart schon von selbst das Schreiben lernen, braucht kaum
erwähnt zu werden; denn nach dieser Methode werden, wie ihr zu sagen pflegt,
mit einem Streiche zwei Fliegen erschlagen.
[GS.02_068,17] Ihr fraget hier freilich und
saget: Ja, wenn diese vielleicht kaum fünf- bis siebenjährigen Kinderchen, nach
irdischem Maßstabe genommen, solches alles erlernen, was bleibt ihnen denn dann
noch zu erlernen übrig? Denn wie wir gesehen haben, so haben sie während des
Sprechenlernens durch die zahllos mannigfaltigen Bildertafeln sich ja ohnehin
schon fast alles zu eigen gemacht, was der Mensch in seinem Geiste sich nur
vorzustellen vermag. Und noch bei weitem mehreres hat ihnen die Erlernung des
Lesens geboten, denn in ihren Bildern kamen ja doch so außerordentlich viele
und mannigfaltige Situationen vor, daß man mit ihrer Verwirklichung eine ganze
Unendlichkeit ausfüllen könnte. Da ist es fürwahr nicht leicht einzusehen, was
für höhere Schulen es hier noch geben sollte.
[GS.02_068,18] Laßt es nur gut sein; die
Folge wird es euch zeigen, was man hier noch alles zu erlernen hat. Ihr müßt ja
nicht denken, daß man im Reiche der Geister als selbst Geist schon gewisserart,
wie ihr zu sagen pfleget, alle Weisheit der Himmel mit dem Löffel gefressen
hat, und das noch etwa auf einen Schluck obendrauf. Denn das wäre fürwahr eine
außerordentliche Einförmigkeit des Lebens, wenn man sich in einer solchen
Stellung befände, die keiner Vollkommenheit mehr fähig wäre. Wenn aber der Herr
Selbst immer, was ihr freilich wohl nicht recht begreifen werdet, in der
Entwicklung Seiner unendlichen Kraft fortschreitet, was ihr leicht aus der
Fortschöpfung und Fortpflanzung aller Dinge erschauen könnet, wie sollte es da
für Seine Kinder je irgendeinen Stillstand geben? – Wie aber solche
Fortschreitungen geschehen, wird die Folge zeigen. –
69. Kapitel – Himmlisches Schulhaus für
Erdkunde und Weltgeschichte.
[GS.02_069,01] Sehet, hier vor uns steht schon
wieder ein anderes und bei weitem größeres Haus; was wird denn hier gelehrt?
Wir werden gleich dahinterkommen. Ihr wisset, daß diese Kindlein ihren
Geburtsort, die Erde, nie haben vermocht kennenzulernen aus dem Grunde, weil
sie zu frühzeitig, und zwar gleich nach ihrer Geburt, dem Leibe nach verstorben
sind. Da es aber zur Erkenntnis des Herrn auch notwendig ist, den Ort näher zu
kennen, den Er zum Hauptplatze Seiner Erbarmungen erwählt hat, so müssen auch
diese Kindlein eben diesen Ort darum näher kennenlernen, um daraus zu ersehen,
wie der Herr und wo der Herr ein Mensch geworden ist, um das gesamte
menschliche Geschlecht zu erlösen und die Erde für eine Lehrstube Seiner Kinder
einzurichten. – Also wird hier im ganz eigentlichen Sinne die Geographie der
Erde gelehrt, und das sicher auf eine zweckmäßigere Weise, als solches bei euch
der Fall ist.
[GS.02_069,02] Wie aber diese Geographie der
Erde hier vorgetragen wird, davon wollen wir uns sogleich überzeugen. In der
Mitte des großen Saales, in dem wir uns nun befinden, befindet sich auf einem
großen, prachtvollen Gestelle ein Erdglobus fast auf die Art, wie bei euch auf
der Erde. Ihr müsset das nicht etwa bloß annehmen, sondern unter der
überzeugenden Bedingung, daß auf der Erde sich in keinem Fache etwas vorfindet,
das nicht entsprechendermaßen schon lange vorher im Geiste vorhanden gewesen
wäre. Somit ist auch ein Erdglobus auf der Erde durchaus keine solche
Erfindung, die da nicht zuvor im reinen Gebiete des Geistes schon lange, ja
ewig lange vorhanden gewesen wäre.
[GS.02_069,03] Solches könnt ihr auch aus dem
ganz vollkommen erschauen, so ihr euch selbst fraget: Was war wohl eher
vorhanden, die Erde oder ein von Menschen verfertigter Globus, der die
gegenwärtige Gestalt der Erde nur höchst mangelhaft und dürftig abbildend
darstellt?
[GS.02_069,04] Ich meine aber, da im Geiste
des Herrn die Erde sicher schon gar lange bestanden hat, so wird es wohl auch
mit dem Bestehen des Abbildes der Erde seine guten, geweisten Wege haben.
Sonach kann dieser Globus hier ja auch ganz wohl geistig genommen in seiner
Ordnung sein und ist in der Fülle der Wahrheit auch in einer bedeutend größeren
Ordnung, als er es bei euch auf der Erde je wird sein können.
[GS.02_069,05] Gehet nur näher hin und
betrachtet ihn. Er ist auf seiner Oberfläche nicht also gezeichnet, wie solches
bei euch auf der Erde zu sein pflegt, sondern er ist eine förmliche plastische
Strahlentypik, gleich euren sogenannten Lichtbildern, welche ebenfalls den
allerunscheinbarsten Gegenstand im kleinsten Maßstabe wieder zum Vorscheine
bringen. Der große Unterschied aber zwischen der irdischen äußeren
Strahlentypik und dieser inneren geistigen ist unberechenbar groß; denn hier
darf bei der genauesten Beobachtung auch nicht ein Atom fehlen und muß die
ganze Natur der Erde vollkommen genau dargestellt sein.
[GS.02_069,06] Daß aber solches hier
bewerkstelligt ist, könnet ihr beim ersten Anblicke in der vollen Nähe hier
erkennen; denn sehet, die Bächlein, Flüsse, Ströme und Meere sind hier ganz
natürlich; die Bäche, Flüsse und Ströme fließen und das Meer nimmt sie auf.
[GS.02_069,07] Sehet weiter an! Die Gebirge,
die ganz getreu in kleinem Maßstabe die der Erde vorstellen, sind ersichtlich
aus denselben Stoffen. Die Gletscher haben ihren Schnee und Eis, die Kalkgebirge
ihren Kalk, die niederen Alpen ihre Weiden und tiefer hinab ihre Waldungen. Und
sehet nur genau, eine jede Stadt ein jedes Dorf ist genau abgebildet.
[GS.02_069,08] Da ist z.B. eben eure
Wohnstadt. Betrachtet sie, und ihr werdet finden, daß da nicht das geringste
abgeht. Sehet aber auch, wie sogar Wolken und Nebel umherziehen gerade nach den
Richtungen und in denselben Formen, wie sie gleichzeitig allzeit auf der
wirklichen Erde sich befinden. Sehet, das ist sicher ein vollkommenster Globus.
Er ist freilich wohl ziemlich groß; sein Durchmesser dürfte nach eurem Maßstabe
bei zwanzig Klaftern haben.
[GS.02_069,09] Wie aber kann er da wohl nach
allen Seiten übersehen werden? Sehr leicht; denn sehet, fürs erste hängt oder
ruht er vielmehr auf dem großen Gestelle mittels einer mächtigen (horizontalen)
Spindel ganz parallel mit einer Rundgalerie, welche gerade die Höhe der Pole
erreicht. Auf dieser Galerie befinden sich unsere Schüler, unter ihnen ihre
Lehrer, und besichtigen gründlich einen ganzen Meridian. Haben sie diesen gut
inne, so wird der Globus um einen Meridian weitergerückt und so fort, bis auf
diese Weise die ganze Erde durchstudiert ist.
[GS.02_069,10] Ist aber das der einzige
Globus, und haben die Schüler mit dessen Studium das geographische Lehrfach
beendet? O nein! Sehet, da weiter vor uns ist schon wieder ein großer Saal; in
dem befindet sich ein ähnlicher Globus, die Erde um tausend Jahre früher
darstellend, und wieder in einem anstoßenden großen Saale einer, die Erde
wieder um tausend Jahre früher darstellend, und das geht so fort bis zu Adam.
[GS.02_069,11] Auf diese Weise erlernen diese
Schüler mit der Geographie auch zugleich die Weltgeschichte; nur gehen sie
allezeit den umgekehrten Weg. Sie fangen bei der Gegenwart an, und gehen somit
von den Erscheinungen auf die Ursache; welches ebensoviel sagen will als von
außen nach innen gehen.
[GS.02_069,12] Ihr fraget hier und saget: Auf
der Erde aber geschehen ja von Jahr zu Jahr nicht selten ganz gewaltige
Veränderungen; wie lassen sich diese wohl auf den großen, allezeit tausend
Jahre in sich fassenden Globen erlernen? Da sage ich nichts anderes als: Sehet
euch nur ein wenig um und betrachtet, was alles in solch einem überaus großen
Saale enthalten ist. Sehet, in einer ziemlichen Entfernung stehen in einem
jeden Saale noch zehn etwas kleinere Globen. Diese stellen die Erde von hundert
zu hundert Jahren dar, und zwar ebenso lebendig genau, wie solches auf den
großen zu ersehen ist. Hinter diesen zehn Globen werdet ihr wieder eine noch
große Menge in guter Ordnung entdecken, auf denen die Erde von Jahr zu Jahr
verändert dargestellt wird, und hinter diesen die letzte weiteste Reihe, in der
ihr ganz kleine, kaum drei Schuh im Durchmesser habende Globen findet, daran
die Veränderung der Erde von Tag zu Tag dargestellt wird.
[GS.02_069,13] Im ersten Saale könnet ihr
bemerken, daß in dieser letzten Reihe nach eurer Berechnung von Tag zu Tag ein
neuer Globus hinzugefügt wird, d.h. im Saale, der euer gegenwärtiges
Jahrtausend vorstellt. Damit aber die Schüler nicht so viel mit den kleinen
Globen herumzuschaffen haben, so wird ihnen von den Lehrern auf dem großen
Globus schon alles vorangedeutet, welche Veränderungen sich hier und da auf der
Erde zugetragen haben. Dadurch erfahren die Schüler schon alles und können sich
hernach zur eigenen Bekräftigung auf den kleinen Globen selbst überzeugen.
[GS.02_069,14] Am Ende des letzten Saales,
darin die Erde zu Zeiten Adams dargestellt wird, befindet sich auch eine
Öffnung, durch welche unsere Schüler die wirkliche Erde wie durch einen Tubus
erschauen können, um sich dadurch die völlige Überzeugung von allem dem zu
verschaffen, was sie in diesen Sälen über die Erde gelernt haben.
[GS.02_069,15] Wie lange dauert aber nach
eurer Zeitrechnung ein solcher Lehrkurs? Höchstens sechs bis sieben Tage; denn
ihr müßt hier bei weitem größere und ungehindertere reingeistige
Auffassungsfähigkeit in Anspruch nehmen, derzufolge ein solches gewecktes
geistiges Kind in einer Minute mehr faßt als ihr auf der Erde in einem Jahre.
Im Gegenteile gibt es freilich wohl wieder im Reiche der Geister, die da
unvollkommen sind, Situationen, wo ein Geist in hundert Jahren geringere
Fortschritte macht als ein Mensch auf der Erde in einer Minute.
[GS.02_069,16] Also gibt es auch auf eurer
entsprechenden Erde und besonders auch auf dem Monde Lehr- oder
Besserungsanstalten für Geister, in denen sie ganz erbärmlich schlechte
Fortschritte machen. Aber diese gehören nicht hierher, allda die Geister sich
in ihrer Vollkommenheit und ursprünglichen Reinheit befinden.
[GS.02_069,17] Was lernen aber die Kinder
nach diesem Kurse? Sehet, vor uns, weiter gegen Mittag, steht ja schon wieder
ein enorm großes Gebäude. Was wird wohl in diesem gelehrt? Ich sage euch:
Nichts anderes, als was natürlich die Unterlage des äußeren Erdwesens ist, also
die natürliche Geologie und die Entstehung der Erde. Ist dieses erst alles
anschaulich und gründlich aufgefaßt, so wird dann zur geschichtlichen und von
dieser zur geistigen Erde übergegangen. Wie aber solches alles vorgetragen
wird, davon werdet ihr euch an Ort und Stelle ebensogut überzeugen, als wie ihr
euch von allem bisher überzeugt habt. –
70. Kapitel – Belehrung über das Wesen und die
Entstehung der Erde.
[GS.02_070,01] Das neue Gebäude steht vor uns
und wir treten hinein. Was sehet ihr hier in dem großen Saale? Ihr sehet
offenbar nichts anderes als schon wieder einen aufgestellten Globus, welcher
sich von einem früheren gar nicht unterscheidet. Wie sollte aber auf diesem
Globus die Geologie studiert werden? Gehen wir nur näher, und es wird sich die
Sache auch gleich näher zeigen.
[GS.02_070,02] Sehet, dieser Globus geht fürs
erste gerade in der Mitte von Pol zu Pol in zwei Teile auseinander. Es kostet
nur einen Druck und die ganze innere Gestalt der Erde ist von Pol zu Pol
sichtbar. Das Gefüge und der Bau sind genau nach der wirklichen Erde
dargestellt; ja sogar das Mineral, wie es sich hier zeigt, ist ganz vollkommen
dasselbe! Wenn ihr die nun geteilte Kugel betrachtet, so werdet ihr ersehen,
wie die Erde gewisserart in sich noch eine Erde im kleineren Maße enthält,
welche aber dennoch mit der äußeren Erde durch feste organische Bande
zusammenhängt.
[GS.02_070,03] In dieser kleineren Erde sehet
ihr mehr gegen den Nordpol zu noch eine etwas längliche, hier freilich
mittengeteilte Kugel; diese ist in ihrem Innern voll Geäder und Kanäle. Gerade
unter dem Äquator seht ihr einen großen, hohlen Raum, der hier scheinbarermaßen
mit einer feuerähnlichen Masse durchwebt ist. Von dieser Feuermasse sehet ihr
in zahllosen Organen das Feuer nach dem Äußeren der Erde hinaussteigen, und von
dieser inneren Feuerhöhlung sehet ihr auch besonders gegen den Südpol hin
mehrere große gewundene Röhren, durch welche ihr eine Menge brennender Dämpfe
durchströmend erschauet, welche durch das Einströmen des Wassers von der
Oberfläche der Erde in diesen Feuerraum fortwährend gebildet werden und durch
ihr gewaltiges Hinausströmen gegen den Südpol den täglichen Umschwung der Erde
bewirken.
[GS.02_070,04] Es ist nicht an der Zeit, euch
hier das ganze Erdwesen zu zerlegen, sondern bloß nur zu zeigen, auf welche Art
und Weise unsere vorgerückteren geistigen Schüler allhier das innere Wesen der
Erde erkennen lernen. Ich meine, es braucht kaum mehr darüber erwähnt zu
werden, da doch sicher ein jeder aus euch auf den ersten Blick ersehen kann,
daß die Geologie oder der Bau des ganzen Erdwesens auf keine weisere und
sinnigere Weise könnte gelehrt und von den Schülern erkannt werden, als eben
auf diese.
[GS.02_070,05] Zugleich aber wird hier nebst
der materiellen Geologie noch darauf hingedeutet, wie alle die Stoffe und die
aus ihnen gebildeten Organe im Grunde nichts als geistig entsprechende Formen
sind, in denen ein gefangenes geistiges Leben zu seiner Löse vorbereitet wird.
Es wird ihnen auch der Stufengang gezeigt, wie das gefangene Leben, vom Zentrum
der Erde ausgehend, durch zahllose Stufen aufwärtssteigt und sich da auf der
Oberfläche der Erde wieder in zahllosen neuen Formen kundgibt und fortbildet. –
Sehet, das alles erlernen die Schüler in diesem Saale.
[GS.02_070,06] Ihr fraget freilich: Bei gar
so viel geistigen Schülern wird ein solcher Globus doch zu wenig sein? O sehet
euch nur ein wenig um in diesem Saale, und ihr werdet noch eine gar große Menge
ähnlicher Apparate erschauen, teils in gleich großer Form und teils in
kleineren Formen. Und alle diese Globen sind so eingerichtet, daß sie in alle
möglichen Teile zerlegt werden können. Nachdem wir auch dieses gesehen haben,
so können wir uns schon wieder um einen Saal weiter bewegen.
[GS.02_070,07] Wir sind im zweiten
anstoßenden Saale. Sehet, dieser hat die Form einer überaus weiten und hohen
Rotunde, welche ringsum in tausend bedeutend große und ziemlich tiefe Säulennischen
oder gewisserart Kapellen eingeteilt ist. Hier sehet ihr in der Mitte dieser
Rotunde nichts als über einem großen Tische ein flüchtiges weißlichtgraues
Gewölk.
[GS.02_070,08] Was bedeutet dieses? Sehet nur
nach allen Richtungen auf die runden Fenster, von denen aus einer jeden Kapelle
ein jedes das Licht gerade auf diesen Tisch her wirft.
[GS.02_070,09] Durch das Zusammenstoßen der
Strahlen wird eben dies scheinbare Gewölk erzeugt. Was sollen aber die Schüler
daraus lernen? Nichts anderes als die geordnete Entstehung einer Welt. Wie aber
aus solchem Strahlen-Konflikte nach dem Willen des Herrn eine Welt entstehen
muß, das läßt sich in diesen ringsum angebrachten tausend Kapellen ersehen.
[GS.02_070,10] In der ersten Kapelle ersehen
wir in etwas kleinerem Maßstabe dasselbe Phänomen, das wir schon in der Mitte
des Saales gesehen haben. In der nächsten Kapelle hat das früher noch
unordentliche Gewölk schon mehr eine länglichrunde Form, welche aber noch
überaus schwankend ist.
[GS.02_070,11] In einer jeden darauffolgenden
Kapelle wird die Form stets beständiger und gewisserart auch solider. Also
gehen wir hundert Kapellen durch. Nach der hundertsten erblicken wir durch den
leicht durchsichtigen Nebelball schon einen kristallreinen Wassertropfen
schweben. Und wenn wir wieder ein paar hundert Kapellen durchgegangen sind, so
werden wir in einer jeden den Wasserball größer erblicken, bis er endlich schon
die Größe des früheren Nebelballes bekommt.
[GS.02_070,12] Von da an erblicken wir in der
Mitte des Wasserballes kleine durchsichtige Kristallchen, nicht unähnlich jenen
glatten gefrornen Schneeflocken, welche bei bedeutender Kälte nicht selten wie
kleine Diamanttäfelchen herumfliegen.
[GS.02_070,13] In den nächsten
darauffolgenden Kapellen erschauen wir stets mehr solcher Kristalle, um welche
sich gegen das Zentrum zu eine Art bläulichen Geflechtes herumzuwinden anfängt
und auf diese Weise die vorher losen Kristallchen miteinander verbindet.
[GS.02_070,14] In dem weiteren Fortgange
dieser Kapellen erschauen wir in der Mitte des Wasserballes schon stets mehr
einen graulichen und undurchsichtigen Klumpen, um den sich wie um einen Baumast
im kalten Winter wieder neue klare Kristalle ansetzen und wie Diamanten durch
den Wasserball hindurchschimmern.
[GS.02_070,15] Gehen wir weiter, so sehen wir
auch schon wieder diese neu angesetzten Kristalle durch ein neues bläuliches
Gewebe wie angebunden, und aus dem stets dunkler werdenden Klumpen erschauen
wir auch schon wieder eine Menge runder Luftbläschen nach allen Seiten aufsteigen,
durch welche über dem Wasserballe sich schon eine Art atmosphärischer Luft zu
bilden anfängt. Und ihr sehet, daß diese Aktion, je weiter vorwärts wir gehen,
desto größer und ersichtlicher wird.
[GS.02_070,16] Nachdem wir bei dieser
langsamen Fortbildung wieder einige hundert Kapellen durchgegangen sind, stellt
sich uns hier in der nächstanstoßenden schon ein gewaltig brausender Klumpen in
der Mitte eines ziemlich großen Wasserballes vor. Bedeutende Blasen entsteigen
fortwährend demselben und sind hier schon Träger einer Art dunstiger
Substanzen, welche sich über die Oberfläche des Wasserballs beim Zerplatzen der
aufsteigenden Blasen wie leichte Nebel über die Oberfläche des Wassers
ausbreiten. Und sehet, diese Aktionen werden von Kapelle zu Kapelle heftiger.
Bei der hundertsten Kapelle erblicken wir bereits hier und da durch den schon
stark verkristallisierten Wasserball glühende Stellen, von denen fortwährend
wie bei einem siedenden Wasser Dämpfe aufsteigen, und das in zahllosen Blasen
und Bläschen.
[GS.02_070,17] Weiter vorwärts entdecken wir
schon bedeutende Kristallspitzen über die Oberfläche des Wassers hinausragen
und den Wasserball nur hier und da von den über ihm schwebenden Dämpfen
befreit.
[GS.02_070,18] Noch weiter vorne sehen wir
schon bedeutende Feuerstrahlen aus dem Innern heraus die Oberfläche des Wassers
zerreißen, das Wasser gewaltig wogen, durch dieses Wogen neugebildete kleine
Kristallchen in die inneren Fugen hineinschwemmen und auf diese Weise den
inneren undurchsichtigen Ball stets der Oberfläche des Wassers gleich runder
und in sich fester werden.
[GS.02_070,19] Wieder weiter von Kapelle zu
Kapelle fortschreitend, begegnen wir schon Blitzen, welche sich freilich in
kleinem Maßstabe in den Dämpfen erzeugen, die den eigentlichen Ball schon so
sehr einnehmen, daß man durch sie nur mit Mühe denselben noch erschauen kann.
[GS.02_070,20] Gegen das Ende dieses
Weltbildungsmuseums sehen wir ganz gewaltige feurige Eruptionen, welche den
innersten festesten Grund über die Oberfläche des Wassers erheben, und dadurch
Berge und anderes festes trockenes Land bilden. In dem Fortschreiten entdecken
wir hie und da das kahle, feste Gestein schon mit Moos überzogen und in den
tieferen Gegenden ein weicheres Erdreich, welches sich durch das Vermoosen des
Gesteines und durch das Auflösen desselben durchs Feuer gebildet hat.
[GS.02_070,21] Im weiteren Verfolge entdecken
wir das Wasser schon, wie ihr zu sagen pfleget, infusorisch belebt, und die
Bildung des vegetativen Erdreiches geht rascher vor sich. Bei einer nächsten
Kapelle entdecken wir schon eine Art Gewürm im Wasser. Wieder weiter wird die
tierische Bildung im Wasser stets potenzierter und reichlicher; und so seht ihr
durch solches Fortschreiten von Kapelle zu Kapelle die Erde endlich bis zu dem
Zustande gediehen, in welchem die Schöpfung des Menschen ihren Anfang nimmt.
Diese ist jedoch nicht mehr hier, sondern in einem nächsten Saal zu sehen.
[GS.02_070,22] Wie aber werden etwa diese
Kapellen zeiträumlich voneinander unterschieden sein? – Ich sage euch: Obschon
diese Zeiträume gewisserart sich nicht völlig gleichen, so könnet ihr aber doch
von Kapelle zu Kapelle wohl Millionen von Jahren annehmen, und ihr werdet euch
eben nicht zuviel irren. Denn wenn ihr die Größe der Erde betrachtet, so werdet
ihr es auch begreifen können, welche Zeiten-Multiplikation dazu erfordert wird,
um aus dem völlig nichtigen Lichtäther einen Tautropfen zu gewinnen und diesen
hernach freilich wohl durch steten und stets mehr potenzierten Zuwachs bis zur
gegenwärtigen Größe der Erde sich ausdehnen und endlich verfesten zu sehen. –
Mehr brauche ich euch kaum zu sagen.
[GS.02_070,23] Daß die Schüler auf diese
Weise die Entstehung einer Welt und hier namentlich der Erde am meisten
praktisch erlernen auf dem Wege solcher belehrenden Anschauung, versteht sich
von selbst. Und so denn können wir in den nächsten Saal übertreten, wo die
Schöpfung des Menschen dargestellt wird und somit auch die geschichtliche und
geistige Erde ihren Anfang nimmt. –
71. Kapitel – Von der heiligen Schule des
Lebens.
[GS.02_071,01] Es ist hier natürlicherweise
nicht der Platz, daß wir die ganze Schöpfungsgeschichte des Menschen, wie auch
dessen Geschichte bis in die gegenwärtige Zeit gewisserart von Punkt zu Punkt
darstellen sollen, sondern wir erschauen hier nur die Art und Weise, wie
solches alles unseren kleinen geistigen Zöglingen beigebracht wird.
[GS.02_071,02] Solches könnt ihr im voraus
als zur Genüge bekannt annehmen, daß hier im Reiche der vollkommenen Geister in
entsprechender Weise alles ums Unberechenbare weiser und klüger angestellt
wird, um irgendeinen guten Zweck zu erreichen, als auf der Erde. Das geschieht
schon aus diesem sehr einfachen Grunde, weil man hier nicht bei eins bis ins
Infinitum zu zählen anfängt, sondern man fängt hier gewisserart beim Infinitum
an und zählt von da bis auf eins zurück, oder was ebendasselbe ist, man geht
hier nicht von innen nach außen, sondern von außen nach innen; was freilich
wohl auch auf der Erde der beste Weg wäre, wenn die Menschen nicht so eitel
töricht und dumm wären.
[GS.02_071,03] Aber da die Menschen auf der
Erde nur nach den nichtigsten und eitelsten Dingen streben, so glauben und
vertrauen sie dem Herrn nur so lange (wohlgemerkt beim besten Maßstabe der
Menschen), solange ihnen leiblichermaßen nichts abgeht. Kommt aber eine geringe
Versuchung, da fallen sie sobald in ihre alten Zweifel zurück und werfen sich
statt dem Herrn nur einer wenig nützenden und sehr schlecht helfenden Welt in
die Arme. Also sind schon die besten Menschen beschaffen; woraus aber erhellet,
daß ihr Sinn durchaus nicht nach innen, sondern nur nach außen gekehrt ist.
[GS.02_071,04] Wo aber der Glaube, das
Vertrauen und die Liebe zum Herrn so überaus höchst dürftig bestellt sind, da
läßt sich freilich wohl keine ähnliche geistige Bildung erwarten, in welcher
der Mensch in einer Minute einen größeren Fortschritt machen würde als auf die
gewöhnliche, höchst elende weltliche Weise in zwanzig Jahren, ja manchmal sogar
kaum in hundert, wenn das menschliche Leben überhaupt so lange dauern würde.
[GS.02_071,05] Es sind zwar alle Menschen vom
Herrn aus darauf angewiesen, keine andere als diese nur alleinige Bildung
anzunehmen. Aber sie lassen die heilige Schule des Lebens ruhen, wissen
überhaupt nicht, was sie aus ihr machen sollen, und plagen sich dafür lieber
ihr ganzes Leben lang mit nichtigen Erkenntnissen der toten Natur und ihrer
Verhältnisse. Und wenn sie sich dann am Ende ihres Lebens fragen: Was Wichtiges
und Großes haben wir nun wohl erreicht durch unser mühsames Studium? so wird
ihnen ihr eigenes Gefühl die Antwort geben: Wir haben es so weit gebracht, daß
wir jetzt im allerwichtigsten Momente unseres Lebens im Ernste nicht einmal
wissen, ob wir Männlein oder Weiblein sind; und wissen nicht, ob wir jetzt noch
ein Leben zu erwarten haben oder keines.
[GS.02_071,06] Sind Himmel, Hölle und
Geisterwelt Märchen, erfunden von arbeitsscheuen Klosterhockern; oder sollte
wohl etwas daran sein? Ist nichts daran, was ist dann und was wird dann mit
uns? Ist aber etwas daran, wo kommen wir dann hin, aufwärts oder abwärts?
[GS.02_071,07] Sehet, das sind die sicheren
Früchte weltlicher äußerer Gelehrtheit. Man wird freilich sagen: Wenn das schon
der Gelehrtheit Früchte sind, welche Früchte werden dann diejenigen Menschen
haben, die sowohl auf dem Lande wie auch in den Städten nicht viel vernünftiger
emporwachsen als das Vieh auf der Weide und das Getier in den Wäldern? Hier
sage ich euch nichts, als was der Herr Selbst gesprochen hat:
[GS.02_071,08] „Wer da nicht wiedergeboren
wird in seinem Geiste, der wird nicht in das Reich der Himmel oder des ewigen
Lebens eingehen!“
[GS.02_071,09] Zur Erlangung der Wiedergeburt
des Geistes aber ist die Beobachtung derjenigen heiligen Schule des Lebens in
all ihren Teilen notwendig, welche der große heilige Meister alles Lebens aus
Seinem eigenen heiligen Munde den Menschen der Erde gepredigt hat und sie
besiegelt hat mit Seinem eigenen Blute!
[GS.02_071,10] Wer diese Schule nicht zur
Hand nehmen will also werktätig, wie es in der Schule angezeigt ist, der muß
sich nur selbst zuschreiben, wenn er dadurch das Leben seines Geistes verwirkt.
[GS.02_071,11] Das ist aber doch wohl sicher,
daß ein jeder noch so einfache Besitzer irgendeines Gutes wissen muß und auch
wissen wird, daß er fürs erste ein Besitzer eines wie immer gestalteten Gutes
ist, und wird fürs zweite wissen, was für ein Gut und von welchem Werte er
besitzt.
[GS.02_071,12] So ihm jemand wird wollen sein
Besitztum streitig machen, dem wird er sicher einen derben Prozeß an den Hals
hängen; warum denn? Weil er ganz bestimmt weiß, daß er ein Besitzer ist, und
weiß, was er besitzt.
[GS.02_071,13] So aber daneben jemand ist
Besitzer des ewigen Lebens im Geiste, saget, kann dieser wohl fragen, ob seine
Seele und Geist mit dem Leben des Leibes vergehen werden oder nicht? Wer da
fragt: Wie, wann und was, woher und wohin? der ist sicher kein Besitzer des
ewigen Lebens, sondern ist nichts als ein feiler Lohnknecht der Welt und
fürchtet sich über alles, das Leben seines Leibes zu verlieren; warum denn?
Weil er kein anderes kennt.
[GS.02_071,14] Diejenigen aber, welche da
sind und ehedem waren wahre Schüler aus der Schule des Herrn zum ewigen Leben,
verachteten den Tod des Leibes und harrten mit großer Freude und Wonne nur der
völligen Auflösung der schweren äußeren Lebensbande der Welt. Sie bezeugten die
Wahrheit der Schule des Lebens aus dem Herrn – als Märtyrer mit ihrem Blute.
[GS.02_071,15] Suchet in der gegenwärtigen
Zeit die Märtyrer! – Es gibt wohl hie und da recht wackere Verteidiger der
heiligen Schule des Lebens aus Christo, dem Herrn. Aber diese Verteidiger
gleichen den Hühnern auf dem Baume, die sich über den unter ihnen
herumtanzenden Fuchs lustig machen, weil ihnen ihr Instinkt sagt, daß ihr Feind
ihnen also nicht auf die Haut kommen kann. Sind aber die Hühner am Boden und
der Fuchs kommt unter sie, da ist es mit dem „Sichlustigmachen“ über den Feind
gar, und die Todesangst nötigt unsere tapferen befiederten Helden zur
schleunigsten Flucht.
[GS.02_071,16] Also ist es heutzutage auch
der Fall mit der Glaubensstärke. Solange sich jemand in irgendeinem Erdwinkel
sicher weiß vor den Krallen herrsch- und habsüchtiger Großen der Welt, so lange
auch redet er gleich einem Moses auf Sinai. Haben aber diese großen und
mächtigen Freunde der Welt und Feinde der Wahrheit unseren Moses aufgespürt und
machen Miene, ihn auf eine weltlich höchst unangenehme Weise in Empfang zu
nehmen, dann sieht sich unser Wahrheitsprediger um, ob nicht irgendein
Pförtchen zum Entwischen noch offensteht. Sollte dieses verrammt sein, dann
wird bei strenger weltlicher Prüfung von seiten des stark bedrohten Propheten
diejenige mutige Maßregel ergriffen, welche eurer Wissenschaft nach der
sternkundige Kopernicus ergriffen hatte, als er vor sich den Scheiterhaufen zu
seinem nicht geringen Troste erblickte; oder wie auch manche wirklich fromme
Menschen in Spanien zu den löblichen Zeiten der Inquisition getan haben, da sie
auch lieber wollten so manche vom Herrn Selbst ihnen mitgeteilte Lehren
verbrennen, als über sich selbst eine bedeutende Unannehmlichkeit kommen
lassen.
[GS.02_071,17] Jedoch das sind immer noch an
und für sich lobens- und achtenswerte Menschen, denn in sich selbst sind sie
dennoch von der Wahrheit überzeugt, nur nach außen hin haben sie nicht Mut, dieselbe
zu bekennen.
[GS.02_071,18] Der Herr hat aber da freilich
wohl gesagt: „Wer Mich bekennen wird vor der Welt, den werde auch Ich bekennen
vor Meinem Vater!“ oder anders gesagt: Wer mich wahrhaft in seinem Geiste wird
aufgenommen haben, der wird Mich auch bekennen in der Fülle der Kraft der
Wahrheit in ihm vor aller Welt; Ich aber werde ihn darum auch erkennen in der
Fülle Meiner Liebe als Vater.
[GS.02_071,19] Wenn aber die Sache sich also
ausspricht, so wird daraus sicher nichts anderes zum Vorschein kommen, als fürs
erste, wie es da lautet im Worte des Herrn: „Viele sind berufen, aber wenige
auserwählt!“ – oder verdeutlicht gesprochen: Es werden zwar viele jenseits das
ewige Leben erlangen, aber nur ganz wenigen wird das große Glück zuteil werden,
als Kinder ins eigentliche Vaterhaus aufgenommen zu werden. Denn die Erlangung
dieser Gnade kostet Gewalt; und die es nicht mit Gewalt an sich reißen, die
werden es nicht bekommen.
[GS.02_071,20] Aber auf einer andern Seite
heißt es wohl auch: „Mein Joch ist sanft und Meine Bürde ist leicht.“ – Diese
Stelle mag denjenigen zum Troste gereichen, welche die Wahrheit wohl in sich
überzeugend haben, aber dabei dennoch auch so viel Welt, daß sie ihnen den Mut
benimmt, die Wahrheit offen vor der Welt zu bekennen. Diese haben dann wirklich
an der in ihnen vorhanden seienden Wahrheit des ewigen Lebens ein sanftes Joch
und eine leichte Bürde. Diejenigen wenigen aber, welche alles Weltliche aus
sich verbannt haben überkommen dann den Geist der Kraft und Stärke, fürchten
keine Welt mehr, bekennen die ewig lebendige Wahrheit in ihnen offen und reißen
durch die Gewalt ihres Glaubens und ihrer Liebe zum Herrn das Haus des Vaters
an sich.
[GS.02_071,21] Solches aber möget ihr auch
daraus ersehen, wenn da irgendein Familienvater hätte sein Gut auf dem Lande
und hätte dabei auch mehrere recht brave Dienstboten nebst seinen Kindern. Wenn
aber Diebe und Räuber in das Haus einbrechen, da werden die Dienstboten sich
vor Furcht und Angst verkriechen; aber die erwachsenen Söhne werden mit aller
Kraft, mit allem Mute die frevelnden Räuber und Diebe ergreifen und das Leben
des Vaters und der Mutter mit ihrem Mute und mit ihrer Kraft schützen.
[GS.02_071,22] Sind die Dienstboten darum
schlecht, weil sie sich verkrochen haben? Nein, das sind sie eben nicht; aber
sie sind schwache, wenig belebte und somit mutlose Wesen. Aber die Kinder haben
das Leben des Vaters in ihrem Grunde; daher ist ihnen auch nichts so heilig als
dasselbe. Sollten sie aber, die Dienstboten nämlich, fürs Verkriechen belohnt
werden? Ich meine, man braucht kein Jurist zu sein, um einzusehen, daß man in
diesem Falle fürs ängstliche Verkriechen sich keines Lohnes wert gemacht hat.
[GS.02_071,23] Solches aber steht ja auch im
Worte des Lebens: „Wer viel säen wird, der wird auch viel ernten, und wer wenig
säen wird, wird auch wenig ernten.“
[GS.02_071,24] Ich meine, daß aus diesem
bisher Gesagten es eben nicht so schwer zu erkennen sein wird, daß sich die
Menschen auf dem Wege ihrer jetzigen Weltschulen eben nicht zu viel des ewigen
Lebens werden zu eigen gemacht haben; und die überaus magere Aussaat wird auch
eine ebenso überaus magere Ernte zur Folge haben.
[GS.02_071,25] Darum aber zeige ich euch auch
nach dem Willen des Herrn die lebendigen Kinderschulen in der Sonne, auf daß
ihr daraus entnehmen möchtet, wie man eigentlich auch auf der Erde die Schule
des Lebens handhaben sollte! – Wir stehen nun in dem Saale, wo wir nächstens
die Schöpfungsgeschichte des Menschen und seine weitere Geschichte auf der Erde
und den geistigen Zustand derselben werden erkennen lernen. –
72. Kapitel – Lehrsaal der
Schöpfungsgeschichte des Menschen.
[GS.02_072,01] Sehet, auch in dieses überaus
großen Saales Mitte befindet sich ein enorm großer Globus, um den eine Galerie
angebracht ist. Und da auch dieser Saal eine große Rotunde ist, deren Rundwand
mit vielen bedeutend großen Kapellen versehen ist, so erblicken wir in diesen
Kapellen auch noch eine Menge kleinere Globen, welche da zu dem vorbestimmten
Zwecke dienen.
[GS.02_072,02] Gehen wir aber hin auf die
Galerie und besichtigen dort den großen aufgestellten Globus; allda werden wir
die Schöpfungsgeschichte des Menschen erschauen. – Wir sind auf der Galerie; so
habet denn acht, wie ein hier anwesender Lehrer solches seinen Schülern kundtun
wird.
[GS.02_072,03] Sehet, er neigt sich über die
große Kugel und rührt sie an. Und sehet, an der Stelle, wo er sie angerührt
hatte, geht sobald ein starkes Licht auf, das Licht ergreift sich, bildet sich
aus zu einer Form und die Form ist gleich einem Menschen. – Und sehet weiter:
der Lehrer rührt die Kugel abermals an, und ein feiner Staub entsteigt der
berührten Stelle, umhüllt die frühere Lichtgestalt, und das Licht gibt nun
keinen Schein mehr von sich und ist schon umfaßt in gleicher Form mit einer
irdischen Hülle.
[GS.02_072,04] Und nun sehet, der Lehrer
beugt sich abermals hin und haucht die noch unbelebte Form an und sie wird
lebendig, bewegt sich auf dem Platze von selbst und betrachtet die Dinge um
sich. Und sehet wieder weiter: die Form wird des Betrachtens müde, sie fällt
dahin und geht in einen Schlafzustand über.
[GS.02_072,05] Aber nun beugt sich der Lehrer
wieder hin und rührt die schlafende Form an der Seite an, und ihr sehet von der
Seite dieser Form wieder ein Licht aufsteigen, das Licht ergreift sich zu einer
zweiten menschlichen Form und steht unbeweglich vor der noch schlafenden ersten
Form. Aber der Lehrer berührt wieder die erste Form, und ein wenig nasse
schweißige Masse, wie ein trüber Tropfen, entwindet sich der ersten Form, löst
sich in einen kleinen Nebel auf und umhüllt als solcher die zweite Lichtform. –
Das Licht verschwindet, und die zweite Form ist ähnlich der ersten, aber sie
ist noch nicht belebt; darum rührt sie der Lehrer abermals an – und sehet, sie
lebt und bewegt sich munter hin und her.
[GS.02_072,06] Aber nun rührt der Lehrer auch
die erste Figur wieder an; sehet, sie erhebt sich, und da sie eine zweite
erblickt, die ihr ähnlich ist, so hat sie eine sichtbar große Freude daran und
führt schon eine Mienensprache mit derselben. – Der Lehrer stellt hier
gewisserart den Herrn vor und bewirkt nun scheinbar dasselbe mit der ihm vom
Herrn dazu verliehenen Kraft, was der Herr in der großen Wirklichkeit
verrichtet hat. Er spricht auch ganz dieselben Worte, die der Herr gesprochen
hat und die Schüler merken auch die große Macht solcher Worte.
[GS.02_072,07] Nun aber seht hin, wie sich
der Lehrer diesem erstgeschaffenen Menschenpaare offenbart und wie er dieses
Menschenpaar lehrt.
[GS.02_072,08] Sehet, der Lehrer rührt sich
an an der Brust. Alsbald geht ein heller Strahl aus der angerührten Stelle hin
zu dem neugeschaffenen Menschenpaare und stellt sich vor demselben ebenso auf
als ein dritter Lichtmensch. Und was der Lehrer nun nach den euch bekannten Worten
des Herrn vor den Schülern spricht, dasselbe spricht auch der aus dem Strahle
aus des Lehrers Brust dargestellte dritte Mensch zu dem erstgeschaffenen
Menschenpaare.
[GS.02_072,09] Es ist nicht weiter nötig,
euch den Verlauf der ferneren Darstellung weiter mit ansehen zu lassen, denn es
geht nun alles, was ihr aus dem Alten und Neuen Worte wisset, buchstäblich vor
sich, nur werden dabei die Zeugungsmomente verhüllt. Denn dafür ist noch eine
andere gewisserart geistige Zeit, in der unsere Schüler bei größerer Reife
ihres Wesens davon auf eine höchst erbauliche Weise unterrichtet werden.
[GS.02_072,10] Ich mache euch aber darauf
aufmerksam, daß die Lehrer auf dieselbe Weise ihren Schülern die ganze fernere
Führung des menschlichen Geschlechtes auf eine allerzweckmäßigste Art
darstellen und am Ende die ganze Erdoberfläche bevölkern und diese Völker auf
der Erdoberfläche selbst handeln lassen. Diese erbauen Hütten und Städte,
bändigen Tiere zu ihrem Gebrauche, führen Kriege und verfolgen sich genau so,
wie es auf der Erde in Wirklichkeit der Fall war. Und sehet, solches geschieht
bis zur gegenwärtigen Zeit.
[GS.02_072,11] Die besonderen Momente in der
großen Weltgeschichte, als da ist zuerst die Schöpfung des Menschen, dann die
Sündflut Noahs, dann die Bundschließung mit Abraham, Isaak und Jakob, dann die
große Führung des israelitischen Volkes unter Moses und dessen Nachfolger, dann
die Geschichte unter David und Salomo, dann die Geburt des Herrn und von da an
die wichtigsten Momente der Ausbreitung Seiner Lehre bilden Hauptabschnitte des
Unterrichtes.
[GS.02_072,12] Ist ein solcher Hauptabschnitt
vollendet, so werden die Schüler zu den kleinen, in den Kapellen stehenden
Globen geführt und müssen da ihren Lehrern in selbstschöpferischer Art
wiederholen, was ihnen die Lehrer auf dem großen Globus gezeigt haben. Dadurch
wird das Ganze des Unterrichtes selbst lebendig, und die Schüler wissen dann
die Begebenheiten der Erde von Punkt zu Punkt genau so lebendig, als wären sie
auf der wirklichen Erde von allem selbst mittätige Zeugen gewesen.
[GS.02_072,13] Wenn die Schüler diesen
wichtigen Lehrzweig sich zu eigen gemacht haben, dann erst werden sie wieder
zum großen Globus geführt und die Lehrer zeigen ihnen dann zugleich die
geistige Erde und wie sich diese bildet aus dem Menschengeschlechte.
[GS.02_072,14] Sie zeigen ihnen die Sphären,
wie sich diese stets reiner und heller über der eigentlichen materiellen Erde
gestalten, und wie eben diese Sphären dann eine landschaftliche Gestaltung
bekommen, sobald der Geist eines verstorbenen Menschen in irgendeine Sphäre
aufsteigt und von derselben den ihm zusagenden Besitz nimmt.
[GS.02_072,15] Aber zugleich zeigen die
Lehrer den Schülern die unterirdischen stets finsterer werdenden Sphären, und
wie die Seelen böser verstorbener Menschen hinabsinken in solche finstere
Sphären. Wo sie irgendeinen zusagenden Besitz nehmen, dahin drängen sich auch
bald mehrere, fangen an sich zu drücken und, dadurch in Zorn übergehend, sich
auch zu entzünden, und haben sie sich entzündet, so erschauen die Schüler, wie
solche finstere Seelen dann entsprechendermaßen in die verschiedenartigsten
scheußlichsten Gestalten übergehen und sich in diesen in stets tiefere und
finsterere Sphären versenken.
[GS.02_072,16] Bei dieser Gelegenheit wird
den Schülern auch erklärt, was die Sünde ist und wie ein freies Wesen auf der
Erde lebend sich versündigen kann.
[GS.02_072,17] Haben die Schüler dieses alles
wohl begriffen, dann werden sie aus diesem Saale hinausgeführt und in einen
anderen größeren Garten geleitet, wo sich schon höhere Lehranstalten befinden.
Daß die Schüler in diesem ersten Garten natürlicherweise nicht in einem Atem
fortlernen, sondern dazwischen gar wohlgeordnete Spielstunden haben, das
versteht sich von selbst. Denn auch der Geist hat ordnungsmäßig zu seiner
Stärkung ruhender Perioden vonnöten, was der Herr schon bei der ersten
Schöpfungsgeschichte dadurch anzeigte, daß Er nach den bekannten sechs
Schöpfungswerktagen einen siebenten Ruhetag bestimmt hat.
[GS.02_072,18] Und zu den Zeiten Christi hat
der Herr Selbst gezeigt, daß Er nach getaner Arbeit gleich einem jeden andern
Menschen geruht hat. Also müssen auch die Geister hier Ruheperioden haben, in
denen sie sich wieder zum neuen Unterrichte stärken; und so tritt auch,
besonders beim Übertritte von einem Lehrgarten in den andern, eine bedeutende
Ruheperiode ein. In dieser wird den Schülern gegönnt, mit ihren Lehrern, wenn
sie darnach eine Lust haben, sogar Besuche bei ihren Anverwandten auf dem
wirklichen Erdkörper abzustatten, welches aber gewöhnlich allezeit nur dann
geschieht, wenn ihre verwandten Erdbewohner im tiefen Schlafe sind und im
wachen Zustande nur höchst selten etwas davon wissen; besonders dann schon gar
nicht, wenn sie mehr irdisch denn geistig gesinnt sind.
[GS.02_072,19] Manche solcher Schüler, da sie
vom Herrn schon gar vieles wissen, haben den Wunsch, den Herrn zu sehen.
Solcher Wunsch aber wird nur selten erfüllt und das aus dem Grunde, weil sie
als Geister noch zu schwach sind, um dem ewigen, allmächtigen Geiste Gottes
gegenüber beständig zu bleiben und solche Nähe auszuhalten. Ihre größte
Lieblings-Erholung aber besteht darin, so sie Maria, als ihre allgemeine
geistige Obervorsteherin und Mutter, besuchen dürfen. Maria besucht gar oft
alle diese großen Lehranstalten; aber nicht allezeit sichtbar den kleinen
Geistern, wohl aber den Lehrern.
[GS.02_072,20] Ihr fraget, ob alle
verstorbenen Kinder von der Geburt an bis in ihr zwölftes Jahr diese Schulen
durchmachen müssen? Allerdings, aber nicht in einem und demselben Garten; denn da
gibt es für jedes Alter einen eigenen Anfangsgarten. Aber was den zweiten
Garten betrifft, da kommen sie schon alle zusammen. – Wie und was aber dort die
nahe zahllos vielen Kindergeister erlernen und in was für einen Zustand sie
übergehen, wird euch die Folge zeigen. –
73. Kapitel – Schulhaus der 12 göttlichen
Gebote. Erster Saal – Erläuterung des 1. Gebotes.
[GS.02_073,01] Wir dürfen von hier keine gar
große und weite Reise machen, der nächste Garten wird sogleich vor unseren
Augen stehen. Sehet hin, in einer mäßigen Entfernung begrüßen uns schon
unabsehbar weit gedehnte Baumreihen, hinter denen wir einen überaus großen und
ebenmäßig prachtvollen Palast erblicken. Das ist schon der Garten, in welchen
wir zu kommen haben, in diesem werdet ihr sogar auch diejenigen Kinder
antreffen, die euch der Herr auf der Erde genommen hat.
[GS.02_073,02] Ob ihr sie aber sogleich
erkennen werdet, das ist freilich wohl eine andere Frage; denn im Geiste haben
die Kinder nicht mehr das Anähnelnde der Gestalt ihrer irdischen Eltern,
sondern nur das Anähnelnde in entsprechendem Maße nach der Aufnahmsfähigkeit
für das Liebegute und Glaubenswahre aus dem Herrn mit dem Herrn. – Dessen
ungeachtet aber können sie auch bei gewissen Gelegenheiten das irdisch
Anähnelnde, welches in ihrer Seele haftet, annehmen und sich dadurch der Form
nach denjenigen kennbar machen, welche von der Erde hier anlangen und von den
geistigen Verhältnissen noch eben nicht gar zuviel wissen.
[GS.02_073,03] Wir wollen aber vorderhand
nicht zu lange davon sprechen, sondern uns lieber sogleich in den Garten
begeben, um uns allda von allem dem mit den eigenen geistigen Augen zu
überzeugen, was wir sonst nur mit dem Munde hier ausfechten müßten.
[GS.02_073,04] An den Baumreihen oder Alleen
sind wir schon, in denen ihr die schönsten blumigen Wege entdecket und auch
hier und da die Kinder munter auf denselben wandeln sehet. Gehen wir aber nur
tiefer hinein, und wir werden uns sobald bei dem erst geschauten Palaste
befinden.
[GS.02_073,05] Sehet, da steht er schon vor
uns, und das in einer nahe unabsehbar weit gedehnten Länge. Tausendmal tausend
Fenster laufen in einer Reihe fort. Ein jedes ist bei sieben Klafter hoch. Über
der Höhe der Fenster entdecken wir noch eine kleinere Fensterreihe, welche
jedoch überall genau über den unteren großen Fenstern zu stehen kommen.
[GS.02_073,06] Ihr saget und fraget hier:
Aber um des Herrn willen, ist dieses ganze Gebäude, dieser unabsehbar lange
Palast, nur ein einziger Saal? – Ich sage euch: Solches ist er mitnichten,
sondern er besteht aus zwölf Abteilungen. In der Höhe aber, wo ihr die zweite
Reihe der kleinen Fenster bemerket, läuft ununterbrochen eine herrliche und
breite Galerie um den ganzen Saal, von welcher Galerie aus man, ohne die
Schüler zu ebener Erde irgendwie zu stören, alle die zwölf Abteilungen
nacheinander übersehen und sich da überzeugen kann, was alles in ihnen
vorkommt. – Gehen wir aber nun hinein, damit euch alles klar werde.
[GS.02_073,07] Sehet, da sind wir schon am
Eingange. Wir brauchen aber nicht auf die Galerie hinaufzugehen, da wir diesen
kleinen Kindergeistern ohnehin zum größten Teile unsichtbar bleiben müssen.
Bemerkbar werden wir nur den Lehrern; diese aber sind schon unterrichtet, warum
wir hier sind.
[GS.02_073,08] Nun sehet, hier sind wir schon
im ersten Saale. Was sehet ihr in der Mitte dieses großen Saales auf einer
weißen Tafel, welche auf einer Säule aufrecht stehend angebracht ist,
geschrieben? Ihr saget: Zuoberst die uns wohlbekannte Zahl 1, die sicher die
Nummer des Saales sein wird, und unterhalb: Weg zur Freiheit des Geistes! – Das
eins bedeutet, sage ich euch, nicht die Nummer des Saales, sondern es
bezeichnet das erste Gesetz Gottes durch Moses.
[GS.02_073,09] Ihr fraget: Was sollen aber
die vielen Kinder, die wir hier schon ziemlich erwachsen erschauen, mit dem
irdischen Gesetze Mosis, welches wohl für sterbliche, irdisch ungläubige
Menschen gilt, aber doch sicher nicht für Kinder, welche als reine Geister hier
schon lange die lebendigste Überzeugung von dem Dasein des einen Gottes haben,
indem ihnen solches doch schon bei dem ersten Elementarunterrichte, wie wir
gesehen haben, zur Übergenüge lebendigst anschaulich bei jeder Gelegenheit
gezeigt wird?
[GS.02_073,10] Meine lieben Freunde und
Brüder, die Sache verhält sich ganz anders, als ihr meinet. Ähnliches findet
ihr aber auch auf der Erde, allda ihr auch die Kinder fragen und betrachten
könnet, wo ihr wollet, und ihr werdet bei ihnen überall einen wirklich
lebendigen Glauben an einen Gott antreffen. Denn niemand ist gläubiger als die
Kinder, und es gibt doch nicht leichtlich irgendein so böswilliges Elternpaar,
das seinen Kindern, wenigstens zu Anfang ihres Seins, verweigern möchte, einen
Gott zu erkennen, da dies jede Religion vorschreibt und den Eltern wenigstens
aus politisch-moralischen Gründen zur Pflicht gemacht wird, solches ihre Kinder
erlernen und erkennen zu lassen.
[GS.02_073,11] Sollte man da nicht eben auch
glauben, daß solchen von Gott unterrichteten Kindern nach der Zeit kein
fernerer Unterricht über Gott not tut? – Ihr müßt da selbst bekennen und sagen:
Ja, ein solcher Unterricht tut jedermann bis an sein letztes Lebensende not;
denn nur gar zu leicht werden die ersten Eindrücke in den Kinderjahren
verwischt, und dann stehen die den Kinderschuhen entwachsenen Menschen da, als
hätten sie nie etwas von Gott gehört. Ich sage euch: ein solches Verwischen ist
hier freilich wohl nicht leichtlich möglich; aber das müsset ihr doch annehmen,
daß diese Kinder, zufolge ihrer frühen Hieherkunft, auf der Erde keine
Gelegenheit hatten, die Freiheitsprobe für ihren Geist, welche die eigentliche
Lebensprobe ist, zu bestehen. Daher muß diese überaus wichtige Aktion für das
Leben des Geistes, hier ins vollste Werk gesetzt werden. Bisher waren diese
Kindergeister nur gewisserart geistige lebendige Maschinen. Hier aber handelt
es sich ums Lebendigwerden aus ihnen selbst, und darum müssen sie auch alle die
Gebote kennenlernen, dieselben dann werktätig an sich selbst erproben und
erfahren, wie sich ihr selbst lebendiges geistiges Wesen unter einem gegebenen
Gesetze verhält.
[GS.02_073,12] Und so denn ist auch hier das
erste Gebot gegeben, welches da lautet: „Du sollst an einen Gott glauben und
dir nie denken, es gäbe entweder keinen Gott, oder es gäbe zwei, drei oder
mehrere Götter.“
[GS.02_073,13] Hier fragt es sich dann
freilich wieder weiter: Wie kann man denn demjenigen an einen Gott zu glauben
gebieten, der ohnehin an einen Gott lebendig glaubt und keinen Zweifel darüber
hat? Das ist fürwahr eine gute Bemerkung; darum aber werden eben hier die
Kinder von ihren Lehrern durch allerlei Lehre und Taten in einen solchen
Zustand versetzt, in welchem sie von allerlei Zweifeln über das Dasein Gottes
behaftet werden, welche Unterrichtsweise man hier die Abödung des eigenen
Geistes nennt.
[GS.02_073,14] Um aber solches bei diesen
Kindern zu bewirken, lassen die Lehrer nicht selten die merkwürdigsten Dinge
wie zufällig vor den Augen ihrer Schüler entstehen, lassen sie dieselben
betrachten und fragen sie dann, ob dazu Gott vonnöten war, den sie doch dabei
nicht als handelnd gesehen haben. Sagen da die Kinder, Gott kann solches bloß
durch Seinen Willen bewirken, ohne dabei wesenhaft notwendig gegenwärtig zu
sein, da lassen die Lehrer ihre Schüler selbst verschiedene Dinge denken, und
was da gedacht wird von den Kindern, das steht schon fertig da. Dabei fragen
dann die Lehrer die Kinder wieder, wer nun solches getan habe?
[GS.02_073,15] Dadurch werden schon mehrere
ins Zwielicht gebracht. Einige sagen, solches hätten sie selbst getan, andere
wieder meinen, es haben solches die Lehrer nach dem Erkennen der Gedanken in
den Schülern getan. Einige aber sagen, sie hätten sich solches wohl gedacht;
aber es müßte doch ein allmächtiger Gott es zugelassen haben, darum das von
ihnen Gedachte als ein vollendetes Werk vor ihnen erschien.
[GS.02_073,16] Wenn die Schüler so ziemlich
noch immer beim festen Glauben an einen Gott verbleiben, da fragen sie dann die
Lehrer, woher sie denn das wüßten, daß es einen Gott gebe? Die Schüler
antworten ihnen da gewöhnlich: Solches haben uns die ersten weisen Lehrer
gelehrt. Nun fragen aber diese Lehrer weiter und sagen: Was würdet ihr denn
dann sagen, so wir als die offenbar weiseren Lehrer sagen und lehren, daß es
keinen Gott gibt, und daß das alles, was ihr sehet, von uns gemacht und
errichtet ist? Und was werdet ihr sagen, wenn wir von uns aussagen, daß wir die
eigentlichen Götter sind?
[GS.02_073,17] Sehet, hier stutzen die Kinder
ganz gewaltig und fragen dann die Lehrer, was sie denn nun in diesem Falle tun
sollen?
[GS.02_073,18] Diese Lehrer aber sagen zu
ihnen: Suchet in euch, was ihr da tun müßt; gibt es einen Gott, so müsset ihr
Ihn in euch finden, und gibt es keinen, so werdet ihr auch ewig keinen finden.
[GS.02_073,19] Wenn dann die Kinder fragen,
wie sie in sich ein solches Suchen anstellen sollten, da sagen die Lehrer:
Versuchet, den Gott, den ihr meinet, daß Er ist, in euren Herzen also zu
lieben, als wäre Er einer. Nehmet in solcher Liebe zu, und wenn es einen Gott
gibt, so wird Er euch in eurer Liebe antworten, gibt es aber keinen, da werdet
ihr in euren Herzen keine Antwort bekommen.
[GS.02_073,20] Sehet, hier fangen die Schüler
an, in ihr Inneres zu gehen und fangen an, den früher bloß nur kindlich
geglaubten Gott im Ernste zu lieben. Aber da geschieht es, daß Sich Gott der
Herr nicht sobald meldet, und unsere Kinder dadurch in nicht geringe Zweifel
kommen. – Wie sie aber aus diesen gebracht werden, wird der Verfolg zeigen. –
74. Kapitel – Wie soll man Gott suchen?
[GS.02_074,01] Sehet, da sind schon einige,
die sich soeben an ihren Lehrer wenden und ihm die Bemerkung machen, daß sie
nun im Ernste zu glauben genötigt seien, es gäbe keinen Gott außer den Lehrern,
die vor ihnen Wunderdinge leisten, indem sich Gott trotz der Heftigkeit ihrer
Liebe, mit der sie Ihn in ihren Herzen erfaßt haben, auch nicht einem unter
ihnen zu einer allergeringsten Wahrnehmung gezeigt habe.
[GS.02_074,02] Was tun aber die Lehrer auf
die Äußerung ihrer Schüler? Höret nur den an, an den solcher Bericht ergangen
ist: er (der Lehrer) spricht zu seinen Schülern:
[GS.02_074,03] Meine geliebten Kinder! Es mag
wohl sein, daß sich bei euch Gott noch nicht gemeldet hat; es kann aber auch
sein, daß er sich gemeldet hat, ihr aber waret zu unaufmerksam und habt eine
solche Anmeldung nicht wahrgenommen.
[GS.02_074,04] Saget mir daher: Wo waret ihr,
als ihr Gott in euren Herzen erfaßt habt? Waret ihr draußen unter den Bäumen
des Gartens oder auf den Galerien des Saales, oder waret ihr auf dem großen
Söller des Saalgebäudes oder in irgendeiner Kammer, oder waret ihr in euren
Wohnstuben, welche da außerhalb dieses großen Lehrgebäudes reichlich erbaut
sind? Und saget mir auch, was alles ihr hier und da gesehen, bemerkt und empfunden
habt.
[GS.02_074,05] Die Kinder sprechen: Wir waren
draußen unter den Bäumen und betrachteten da die Herrlichkeiten der Schöpfungen
Gottes, an den wir glauben sollen, und lobten Ihn darob, daß Er so herrliche
Dinge gemacht hat. Wir stellten Ihn uns vor als einen recht lieben Vater, der
gern zu Seinen Kindern kommt, und haben dadurch auch in unseren Herzen eine
große Sehnsucht gefaßt, Ihn zu erschauen und Ihm dann mit all unserer
kindlichen Liebe entgegenzueilen, Ihn zu erfassen und nach all unserer möglichen
Kraft zu liebkosen.
[GS.02_074,06] Allein es kam von keiner Seite
irgendein Vater zu uns. Wir befragten uns auch sorgfältig untereinander, ob
einer oder der andere noch nichts merke vom Vater. Doch ein jeder aus uns
bekannte offenherzig, daß er nicht von fernher auch nur etwas Allerleisestes
merke.
[GS.02_074,07] Wir verließen dann den Platz,
eilten auf die Söller des Lehrsaalgebäudes und taten da dasselbe. Allein der
Erfolg war ganz derselbe wie unter den Bäumen. Wir gingen von da in unsere
Wohnstuben, in der Meinung, hier würde uns der Vater am ehesten besuchen, denn
wir beteten da viel, und baten Ihn inbrünstig, daß Er Sich uns zeigen möchte.
Aber es war alles umsonst! Da wir sonach deinen Rat vergeblich befolgt haben,
so sehen wir uns nun genötigt, deiner Lehre beizupflichten, nämlich daß es eher
keinen als einen Gott gäbe. Und so haben wir unter uns beschlossen: Wenn es
schon irgendeinen Gott gibt, so gibt es aber dennoch keinen ganzen, sondern
einen geteilten in all den lebenden und freitätigen Wesen, wie ihr und wir da
sind. Gott ist demnach nur ein Inbegriff der lebendigen Kraft, welche aber erst
in den Wesen, wie ihr es seid, freitätig sich und andere erkennend und dadurch
auch mächtig wirkend auftritt.
[GS.02_074,08] Sehet hier die kleinen Philosophen,
und erkennet aber auch zugleich den Grund oder das falsche Samenkorn, von dem
alle diese schlüpfrigen Vernunftsspekulationen die Frucht sind!
[GS.02_074,09] Was spricht unser Lehrer zu
diesen Philosophemen seiner Schüler? Höret, also lauten seine Worte: Meine
lieben Kinderchen! Nun habe ich den Grund in euch recht klar erschaut, warum
sich euch kein Gott gezeigt hat, weder unter den Bäumen, noch auf dem Söller,
noch in den Wohnstuben (das heißt: weder im Forschen in der Natur durch
Erfahrungen und Zergliederungen derselben, noch auf dem Wege höherer Vernunft-
und Verstandesspekulation, noch in eurem nicht viel besseren als einem
Alltagsgemüte), weil ihr schon mit den Zweifeln hinausgegangen seid.
[GS.02_074,10] Ihr habt Gott nicht bestimmt,
sondern allenfalls möglicherweise erwartet. Gott aber, so einer ist, muß ja
doch in Sich Selbst die höchste abgeschlossene Bestimmtheit sein. Wenn ihr aber
mit der Unbestimmtheit eures Denkens, Glaubens und Wollens die höchste
göttliche Bestimmtheit suchtet, wie hätte sich da euch solche wohl offenbaren
können? Merket euch demnach wohl, was ich euch nun sagen werde:
[GS.02_074,11] Wenn ihr Gott suchen wollet
und wollet Ihn auch erschaulich finden, da müsset ihr mit der größten
Bestimmtheit hinaustreten und Ihn auch so suchen. Ihr müsset ohne den
allergeringsten Zweifel fort glauben, daß Er ist, und wenn ihr Ihn auch noch so
lange nicht irgend zu Gesichte bekommen solltet, und müsset dann auch mit eurer
Liebe Ihn ebenso, bestimmt ergreifen, als wie bestimmt ihr an Ihn glaubet.
Sodann wird es sich erst zeigen, ob ihr in eurem Denken, Glauben, Wollen und
Lieben die größtmöglichste Bestimmtheit erlangt habt.
[GS.02_074,12] Habt ihr dieselbe erlangt,
wird sich Gott euch auch sicher zeigen, so Er einer ist. Habt ihr aber diese
Bestimmtheit nicht erlangt, so werdet ihr ebenso unverrichteter Dinge wieder zu
mir zurückkehren, wie es diesmal der Fall war. –
[GS.02_074,13] Sehet, die Kinder überdenken
die Lehre des Lehrers wohl, und eines, scheinbar das schwächste aus ihnen, tritt
hin zum Lehrer und spricht: Höre mich an, du lieber weiser Lehrer! Meinst du
denn nicht, wenn ich ganz allein in mein Wohnstübchen ginge und möchte da Gott
den Herrn als den allerliebevollsten Vater allein mit meiner Liebe recht
bestimmt ergreifen, indem ich ohnehin noch nie recht daran habe zweifeln
können, ob es einen oder keinen Gott gäbe, sondern in mir – aller Gegenbeweise
ungeachtet – fortwährend bei einem Gott stehengeblieben bin. Meinst du demnach
nicht, Er würde Sich mir zeigen, wenn ich Ihn allein lieben möchte? Denn das
viele Denken und Glauben darnach kommt mir ohnehin etwas mühselig vor.
[GS.02_074,14] Der Lehrer spricht zum Kinde:
Gehe hin, mein liebes Kindlein, und tue, was dir gut dünkt; wer weiß
vorderhand, ob du nicht recht habest? – Ich kann dir nun weder ein Ja noch ein
Nein geben, sondern sage zu dir: Gehe hin und erfahre, was alles die Liebe
vermag!
[GS.02_074,15] Nun sehet, das Kindlein läuft
aus dem Saale in seine Wohnstube, und die anderen Schüler befragen den Lehrer,
ob er die Unternehmung des einen Kindes, das sich jetzt in seine Wohnstube
entfernte, dem vorziehe, was sie nun nach seinem Rate zu tun gedenken, nämlich
mit aller Bestimmtheit hinauszugehen und nach Gott zu forschen.
[GS.02_074,16] Der Lehrer aber spricht: Ihr
habt gehört, was ich zu dem einen eurer Mitschüler gesagt habe, nämlich weder
ein Ja noch ein Nein; eben dasselbe sage ich auch zu euch. Gehet hin oder
hinaus; tut, was euch am besten dünkt, und die Erfahrung wird es zeigen,
welcher Weg der bessere und der kürzere ist, oder ob der eine falsch oder der
andere richtig, oder ob beide falsch oder beide richtig seien.
[GS.02_074,17] Nun sehet, ein Teil der Kinder
erfaßt die Bestimmtheit, ein anderer aber die Liebe allein. Die die
Bestimmtheit Erfassenden gehen voll tiefen Denkens, Wollens und festen Glaubens
hinaus in den Garten; ein Teil aber begibt sich in die Wohnstuben, um Gott zu
suchen. –
[GS.02_074,18] Aber da sehet hin, soeben
kommt das zuerst mit der Liebe zu Gott hinausgeeilte Kind, geleitet von einem
schlichten Manne, in den Saal herein und geht geradewegs auf den Lehrer zu. Was
etwa wird es wohl vorbringen?
[GS.02_074,19] Höret, es (das Kind) spricht:
Lieber, weiser Lehrer, da sieh einmal her! Als ich in meinem Wohnstübchen den
lieben großen Himmelsvater so recht zu lieben anfing, da kam dieser einfache
Mann zu mir und fragte mich, ob ich den Vater im Himmel wohl im Ernste so lieb
hätte? Ich aber sprach zu ihm: O lieber Mann, das kannst du mir ja aus meinem Angesichte
lesen. – Dann aber fragte mich der Mann, wie ich mir den großen Himmelsvater in
meinem Gemüte vorstellte. Und ich sagte zu ihm: Ich stelle Ihn mir so wie einen
Menschen vor; aber nur muß Er sehr groß und stark sein und auch sicher einen
großen Glanz um sich haben, weil schon diese Welt und die Sonne, die ihr
scheint, so überaus herrlich und glänzend ist.
[GS.02_074,20] Hier hob mich der schlichte
Mann auf, drückte mich an sein Herz, gab mir einen Kuß und sprach dann zu mir:
Führe mich hinüber in den Lehrsaal zu deinem Lehrer; dort wollen wir das
Weitere ausmachen und recht gründlich ersehen, wie der Himmelsvater aussieht,
wenn Er einer ist, und wie Er alles aus Sich erschafft, leitet und regiert. Und
nun siehe, lieber weiser Lehrer, da bin ich nun mit dem schlichten Manne. Was
dünkt dir wohl, wer dieser Mann sein möchte, weil er gar so lieb mit mir
umgegangen ist?
[GS.02_074,21] Und der Lehrer spricht in
sichtbar allerhöchster Liebe und Achtung: O überglückliches Kind, du hast schon
den Rechten gefunden; siehe das ist Gott, unser allerliebevollster Vater! Und
der Herr beugt sich nun nieder, nimmt das Kind auf Seinen Arm und fragt es: Bin
Ich wohl Der, als den mich dein Lehrer dir angekündigt hat? Und das Kind
spricht in großer Aufregung: O ja, Du bist es, das erkenne ich ja an Deiner
unendlichen Güte, denn wer sonst ist so gut wie Du, daß er mich auf seine Arme
nähme und möchte mich also herzen und kosen wie Du?! Ich liebe Dich aber nun
auch so unbegreiflich, daß ich mich ewig nimmer von Dir trennen kann; mußt mich
darum nicht mehr hier lassen, lieber heiliger Vater! Denn solche Güte und Liebe
habe ich noch nie empfunden wie jetzt auf Deinen Armen! – Und der Herr spricht:
Fürchte dich nicht, Mein Kindlein! Wer Mich einmal wie du gefunden hat, der
verliert Mich ewig nimmer. Aber nun mußt du ganz stille sein von Mir; denn es
kommen auch die anderen Kindlein, die Mich suchten, aber noch nicht gefunden
haben. Diese wollen wir auf eine kleine Probe setzen, auf daß sie Mich auch
finden sollen; daher sei nun ruhig, bis Ich dir winken werde! –
75. Kapitel – Sehnsucht nach Gott – ein
Zeugnis für Sein Dasein.
[GS.02_075,01] Nun sehet, soeben kommen auch
die anderen suchenden Kinder herein. Aus ihren Gesichtern läßt sich klar
entnehmen, daß sie weder auf die eine noch auf die andere Art Den gefunden
haben, den zu suchen sie ausgegangen sind. Sie nähern sich darum zum zweiten
Male, ganz schüchtern, ihrem Lehrer, und der Lehrer fragt sie: Nun, meine
lieben Kinder, wie sieht es denn aus mit dem Suchen unter den Bäumen oder auf
dem Söller oder auf den Galerien oder mit dem Suchen desjenigen Teiles aus
euch, die sich vorgenommen haben, den Herrn im Wohnstübchen zu suchen? Wie ich
sehe, so zucket ihr alle mit den Achseln; habt ihr denn den guten lieben Vater,
den einigen Gott aller Himmel und aller Welten noch nicht gefunden und gesehen?
– Wie ist nun euer Glaube bestellt? Habt ihr noch Zweifel über das Dasein
Gottes?
[GS.02_075,02] Die Kinder sprechen: Ach
lieber, erhabener Lehrer, was die Zweifel betrifft, so haben wir jetzt deren
mehr als ehedem; denn siehe, weder unser festes Wollen, noch unser
allerlebendigster Glaube, noch alle unsere gegründetsten Gedanken auf Gott den
Herrn, noch unser fester Liebewille haben etwas vermocht. Wenn es irgendeinen
Gott und Herrn gäbe, so müßte Er Sich uns doch auf eine oder die andere Art
geoffenbart haben; denn siehe, am Ende haben wir uns alle vereint und den
festen Glauben gefaßt, daß es einen heiligen, guten, lieben Gott und Vater
geben müsse. Wir haben Ihn mit all unserer Liebe erfaßt und bei Seinem von dir
uns kundgegebenen Namen gerufen, indem wir sagten: Ach liebster, heiliger Vater
Jesus, komme, komme doch zu uns, erhöre unser kindlich Flehen und zeige uns,
daß Du einer bist und uns auch lieb hast, wie wir Dich lieb haben! – Und siehe,
lieber erhabener Lehrer, also riefen wir eine geraume Zeit hindurch; aber keine
Spur ließ sich von irgendeinem himmlischen Vater vernehmen. Es war alles
umsonst; daher sind wir nun unserer Sache völlig gewiß, daß es außer euch
erhabenen Lehrern keinen anderen höheren Lehrer oder Gott gibt.
[GS.02_075,03] Wir wollen zwar dadurch noch
nicht behaupten und sagen: Unsere Zweifel sind geradewegs auf festen Grund
gestellt. Aber das können wir sicher annehmen, daß nach solcher unwirksamer
Forschungsmühe über das Dasein Gottes sich eher Zweifel als ein fester Glaube
daran erheben können.
[GS.02_075,04] Aber wir sehen auch den einen,
der sich von uns abgesondert hat, mit der alleinigen Liebe den Herrn suchend;
hat auch dieser nichts gefunden?
[GS.02_075,05] Der Lehrer spricht: Meine
lieben Kinderchen, darüber kann ich euch vorderhand weder ja noch nein sagen.
Die Kinder aber fragen den Lehrer weiter: Lieber erhabener Lehrer! Wer ist denn
jener fremde einfache Mann dort, um den sich der eine aus uns herumtut und
sieht ihn gar so verliebt an? Ist vielleicht dessen Vater von der Erde hier
angekommen?
[GS.02_075,06] Der Lehrer spricht: Meine
lieben Kinderchen, das ist schon wieder etwas, was ich euch nicht sagen kann.
So viel aber möget ihr vorderhand zur Kenntnis nehmen, daß jener schlichte Mann
gar außerordentlich weise ist, daher müsset ihr euch wohl recht zusammennehmen,
so er sich etwa mit euch über dies oder jenes besprechen möchte.
[GS.02_075,07] Die Kinder sagen: Ach lieber
erhabener Lehrer, können denn so ganz einfache Menschen auch weise sein? Denn
siehe, wir haben bis jetzt erfahren, daß die Lehrer, bis auf dich, je weiser
sie wurden, auch stets erhabener und glänzender ausgesehen haben. Jener Mann
aber sieht gar nicht so erhaben und glänzend aus, sondern ist um gar vieles
einfacher und schlichter als du. Da kommt es uns dann etwas sonderbar vor, daß
er gar außerordentlich weise sein soll.
[GS.02_075,08] Der Lehrer spricht: Ja, meine
lieben Kinderchen, bei der inneren allertiefsten Weisheit kommt es durchaus
nicht auf das äußere Glänzen an, sondern da heißt es: Je mehr Glanz von außen,
desto weniger Licht von innen, je mehr Licht aber von innen, desto weniger
Glanz dem außen nach. – Gehet aber nur hin und fraget ihn einmal um etwas, und
ihr werdet euch gleich überzeugen, wie weise er ist.
[GS.02_075,09] Nun gehen die Kinderchen hin
zum Herrn und fragen Ihn noch unbekannterweise: Du lieber schlichter, einfacher
Mann! Möchtest du uns denn nicht gestatten, daß wir dich um etwas fragen
dürften?
[GS.02_075,10] Der Herr spricht: O von ganzem
Herzen gern, Meine geliebten Kinderchen! Fraget nur zu, und Ich werde Mich mit
der Antwort schon zurechtfinden. Die Kinder fragen den Herrn: Da du uns dich zu
fragen erlaubt hast, so fragen wir dich gerade um das, was uns allen am meisten
am Herzen liegt. Siehe, wir suchen und beweisen schon eine geraume Zeit hin und
her, für und dagegen, ob es einen Gott gibt, der da wäre ein überaus guter
Vater im Himmel aller Menschen, die nur je irgendwo leben. Wir können aber
diesem Vater nirgends auf die Spur kommen, und unser Lehrer selbst will oder
kann uns in dieser Sache auch nichts Gegründetes sagen. Das aber hat er uns
gesagt, daß du gar überaus weise sein sollst; daher möchten wir wohl von dir
erfahren, ob es einen solchen Gott und Vater gibt oder nicht? Wenn du davon
irgend etwas weißt, so sage es uns doch. Wir werden dich gar aufmerksam
anhören, und es soll deinem Munde kein Wort entschlüpfen, das wir nicht mit der
größten Aufmerksamkeit gar sehr beachten möchten.
[GS.02_075,11] Der Herr spricht: Ja, Meine
lieben Kinderchen, da habt ihr Mir freilich eine sehr schwere Frage gegeben,
die Ich euch kaum werde beantworten können; denn sage Ich euch, es gibt einen
solchen Gott und Vater, da werdet ihr sagen, das genügt uns nicht, solange wir
Ihn nicht sehen. Und wenn ihr dann saget, laß uns den Vater sehen, was werde
Ich dann zu euch sagen? Ich könnte euch mit dem Finger dahin oder dorthin
zeigen, und ihr würdet nichts erblicken; denn wohin Ich auch immer zeigen
möchte, würdet ihr dennoch nie euren Gott und Vater finden. Möchte Ich aber zu
euch sagen: Kinder, der Vater ist hier unter euch! Werdet ihr es wohl glauben?
[GS.02_075,12] Würdet ihr nicht fragen: Wo
ist Er denn? Ist Er einer aus den Lehrern dieses großen Saales? Und wenn Ich
dann zu euch sage: O nein, Meine geliebten Kinder! Was wendet ihr dann tun? Ihr
werdet Mich ganz groß ansehen und sagen: Siehe, der Mann hat uns zum besten.
Wenn es nicht einer aus den vielen Lehrern ist, wer ist es dann? Du wirst es
doch nicht sein? Denn so einfach, schlicht und glanzlos wie du da bist, kann
doch der allererhabenste Himmelsvater nicht aussehen!
[GS.02_075,13] Und wenn ihr Mir dann eine
solche Antwort gegeben habt, was wohl soll Ich euch darauf erwidern? Daher
solltet ihr Mich gerade um etwas anderes fragen; denn mit der Beantwortung
dieser eurer Frage scheint es sich nicht so recht tun zu wollen.
[GS.02_075,14] Die Kinder sprechen: O lieber,
weiser Mann! Siehe, das geht nicht also. An der Beantwortung einer anderen
Frage ist uns nichts gelegen; aber daran, ob es einen oder keinen himmlischen
Vater gibt, liegt unser ganzes Wohl. Denn gibt es einen Vater im Himmel, so
sind wir alle überselig, gibt es aber keinen, so sind wir da, als wären wir
alle ohne Grund und wissen nicht, wofür, wodurch und für was? Daher, wenn es
dir möglich ist, mache dich nur an die Beantwortung der ersten Frage; darum
bitten wir alle dich recht inständigst.
[GS.02_075,15] Denn daß du ein sehr weiser
Mann bist, das haben wir schon aus deiner ausweichenden Antwort entnommen. Daher
führe uns dem einen Vater wenigstens nur um ein paar Schritte näher, denn es
muß sicher einen geben. Das merken wir daraus, daß wir nach eben diesem
himmlischen Vater eine stets größere Sehnsucht bekommen, je mehr Er sich hinter
unseren kindlichen Zweifeln verbergen will.
[GS.02_075,16] Wenn Er schon durchaus nicht
wäre, woher käme denn da diese Sehnsucht in uns, die doch auch ebenso lebendig
ist wie wir selbst? Mit der Sehnsucht also muß ja auch die Gewißheit über das
Dasein eines himmlischen Vaters wachsen!
[GS.02_075,17] Der Herr spricht: Nun, Meine
lieben Kinderchen, ihr nehmet Mir ja gerade das Wort aus dem Munde! Fürwahr, in
der Sehnsucht liegt ein gar großer Beweis; was aber ist wohl die Folge der
Sehnsucht? Nicht wahr, meine lieben Kinderchen, die Folge wird das sein, daß
man sich dessen vergewissern möchte, darnach man sich sehnt. Ihr saget, das sei
eine gute Antwort. Ich aber frage euch nun: Was ist denn der Grund der
Sehnsucht? – Ihr sagt es Mir, es ist die Liebe zu dem, nach dem man sich sehnt.
[GS.02_075,18] Wenn man aber etwas im Grunde
und in der Fülle der Wahrheit erschauen will, genügt es da wohl, nur bei der
Sehnsucht und ihrer Folge zu verbleiben? Ihr saget Mir: O nein, lieber Mann von
gar großer Weisheit! Da muß man auf den Grund selbst zurückgehen. Kündet sich
da die große Wahrheit nicht an, dann ist alles falsch; kündet sie sich aber da
an, so ist man zu der lebendigen Überzeugung gekommen, daß sie ewig nirgendwo
anders als nur in ihrem Grunde selbst zu erkennen und zu erschauen ist.
[GS.02_075,19] Sehet aber nun her, ihr
Kinderchen! Dieser eine Bruder aus euch ging diesen Weg; und er hat den Vater
gefunden! Fraget ihn, wo Er ist, und er wird mit dem Finger auf den Vater
zeigen!
[GS.02_075,20] Nun fallen die andern über den
einen her und verlangen das von ihm. Und dieser eine spricht: O meine lieben
Brüder! Da sehet her, den ihr für schlicht und einfach haltet, Der ist es
Selbst, den ihr so lange vergeblich gesucht habt, der ist der gute, liebe
himmlische Vater – heilig, überheilig ist Sein Name! Glaubet es mir, denn ich
habe Seine Herrlichkeit schon gesehen. Glaubet aber nicht darum, weil ich es
euch sage, sondern nähert euch alle Ihm mit euren Herzen, und ihr werdet Ihn
also wahr und herrlich finden, wie ich Ihn gefunden habe!
[GS.02_075,21] Sehet, diese Kinder tun nun
alle einen Ruf, da sie den Vater erkennen: O Vater, Vater, Vater!!! Du bist es,
ja, Du bist es! Denn wir ahnten es mächtig in Deiner Nähe! Da wir Dich aber
gefunden haben, so wolle Dich ja nimmer vor uns verbergen, auf daß wir Dich
nicht wieder so schwer suchen müssen!
[GS.02_075,22] Und der Herr spricht: Amen!
Kindlein, von nun an sollen eure Gesichter nimmer von Mir abgewendet werden!
Werde Ich Mich auch nicht stets also, wie jetzt, unter euch aufhalten, so werde
Ich aber doch in jener Sonne dort, die euch leuchtet, zugegen sein! – Das
Weitere wird euch euer Lehrer von Mir kundtun. –
76. Kapitel – Zweiter und dritter Saal,
Belehrung über das 2. und 3. Gebot.
[GS.02_076,01] Wir brauchen aber nun nicht
weiter zu verfolgen, was diese Kinder hier noch von ihren Lehrern über den
Herrn empfangen; denn die Epoche oder den Zustand, in dem sie den Herrn wie
völlig verloren haben, haben sie überstanden, und somit auch den ersten
Lehrsaal, deren es in dieser Abteilung, wie ihr schon früher gesehen habt,
zwölf gibt. – Es wäre zu langwierig, in all den folgenden Lehrsälen den
fortschreitenden Unterricht mit diesen Kindern mitzumachen. Damit ihr aber doch
wisset, was in diesen Sälen gelehrt wird und auf welche Weise, so sage ich
euch, daß ihr das schon aus der ersten Tafel in der Mitte des ersten Lehrsaales
habt entnehmen können, um was es sich in diesem großen Lehrgebäude handelt – um
nichts anderes als um die zehn Gebote Mosis und endlich um die zwei Gebote der
Liebe.
[GS.02_076,02] In einem jeden darauffolgenden
Saale wird ein neues Gebot praktisch gelehrt und geübt, und das durchgehends
auf dieselbe Weise, wie ihr es mit dem ersten Gebote hier in dem ersten Saale
zu beobachten hinreichend Gelegenheit gehabt habet.
[GS.02_076,03] So wird sogleich in dem
nächsten Saale das Gebot: „Du sollst den Namen Gottes nicht eitel nennen“ –
behandelt. Solches verstehet auch ihr freilich wohl nicht, was dieses Gebot im
Grunde besagt, darum will ich auch euch in die rechte Bedeutung dieser Gebote
durch kleine Stupfer und Stößchen versetzen.
[GS.02_076,04] Demnach wird hier in diesem
zweiten Saale dieses Gebot nicht etwa also ausgelegt, als solle da niemand bei
unwichtigen Gelegenheiten ohne gebührende Hochachtung und Ehrfurcht den wie
immer lautenden Namen des Herrn aussprechen, welches Verbot gewisserart soviel
als garnichts heißen würde. Denn so jemand der Meinung ist, er müsse den Namen
des Herrn nur im äußersten Notfalle und da allezeit mit der allerhöchsten
Ehrfurcht und Ehrerbietung aussprechen, so will das nicht mehr und nicht
weniger gesagt haben als: man soll den Namen Gottes gewisserart gar nie
aussprechen, indem hier zwei Bedingungen vorausgesetzt sind, unter denen der
Name Gottes ausgesprochen werden soll. Diese Bedingungen sind aber fürs erste
selbst auf solche Schrauben basiert, daß von ihnen aus sicher kein Mensch in
sich zu jener Überzeugung gelangen kann, bei welcher Gelegenheit solch ein
äußerster Notfall zum Vorschein kommt, bei dem man würdigermaßen den
allerheiligsten Namen aussprechen dürfte. Fürs zweite, wenn auch ein solcher Fall
sich ereignen möchte, wie z.B. eine alleraugenscheinlichste Lebensgefahr,
welche unter verschiedenen Zuständen den Menschen heimsuchen kann, so fragt
sich aber dann dabei, ob wohl irgendein Mensch in solch einem äußerst
bedenklichen Zustande die Geistesgegenwart und die Fassungskraft besitzen wird,
in der er würdigstermaßen den wie immer gestalteten Namen des Herrn
auszusprechen vermöchte?
[GS.02_076,05] Wenn ihr also die Erklärung
dieses zweiten Gebotes betrachtet, wie sie gewöhnlich auf der Erde vorkommt, so
müsset ihr notwendig zu diesem Endurteile gelangen, daß der Name des Herrn
eigentlich gar nie ausgesprochen werden solle, und das aus dem einfachen
Grunde, weil die zwei gegebenen Bedingungen wohl kaum denkbar je miteinander
übereinstimmen können. Ich möchte wohl denjenigen Menschen auf der Erde kennen,
der in seiner höchsten Bedrängnis sich in jenen ruhig erhabenst ehrerbietigen
und andächtigen Zustand versetzen möchte, in welchem er würdigermaßen den Namen
des Herrn aussprechen dürfte.
[GS.02_076,06] Wenn solches richtig wäre, so
dürfte auch kein Mensch beten, denn im Gebete nennt er ja auch den Namen des
Herrn. Der Mensch aber soll doch tagtäglich beten und Gott die Ehre geben und
soll das Gebet nicht auf den äußersten Notfall beschränken.
[GS.02_076,07] Es geht aus alledem hervor,
daß dieses Gebot unrichtig aufgefaßt ist. Um aber aller Grübelei darüber mit
einem Hiebe ein Ende zu machen, sage ich euch in aller Kürze, wie dieses Gebot
im Grunde des Grundes aufgefaßt werden soll. Und so heißt: „Du sollst den Namen
Gottes nicht eitel nennen“ soviel als:
[GS.02_076,08] Du sollst den Namen Gottes
nicht bloß mit dem Munde nennen, nicht bloß nur den artikulierten Laut von ein
paar Silben aussprechen, sondern, da Gott der Grund deines Lebens ist, so
sollst du Ihn auch allezeit im Grunde deines Lebens aussprechen, das heißt, du
sollst Ihn nicht mechanisch, sondern allezeit lebendig werktätig in allen
deinen Handlungen aussprechen; denn was immer du tust, das tust du mit der von
Gott dir verliehenen Kraft. Verwendest du diese Kraft zu argem Handeln, so
entheiligst du offenbar das Göttliche in dir; und dieses ist deine Kraft, der
lebendige Name Gottes!
[GS.02_076,09] Sehet, so viel also sagt
dieses Gebot, daß man den Namen Gottes fürs erste erkennen soll, was Er ist,
und worin Er besteht; und soll dann denselben nicht eitel mit äußeren Worten
nur aussprechen wie einen anderen Namen, sondern allezeit tatkräftig, weil der
Name Gottes die Tatkraft des Menschen ist. Daher soll der Mensch auch alles,
was er tut, in diesem Namen tun. Tut er das, so ist er einer, der den Namen
Gottes nicht eitel mit äußeren Worten, sondern tatkräftig und lebendig in sich
ausspricht.
[GS.02_076,10] Und sehet, auf diese Weise,
also praktisch, wird dieses zweite Gebot in diesem zweiten Saale den Schülern
gelehrt, und so lange bei jedem durchgeübt, bis er darin eine gerechte
Fertigkeit erreicht hat. Hat er das, so geht es dann in den dritten Saal zum
dritten Gebote über, welches; wie ihr wißt, lautet:
[GS.02_076,11] „Du sollst den Sabbat heiligen.“
– Was will aber das sagen, besonders hier, wo keine Nacht mehr mit dem Tage
wechselt, und somit nur ein ewiger Tag fortwährt? Wann ist da wohl Sabbat? Ist
das Gebot aber göttlicher Abkunft, so muß es eine ewige und nicht nur zeitliche
Regel sein und muß im Reiche der Geister jene vollgültige Bedeutung haben wie
auf der Erde.
[GS.02_076,12] Bei euch heißt es, man soll an
dem als Sabbat gebotenen Feiertage keine knechtliche Arbeit verrichten,
worunter nämlich alle Erwerbstätigkeit verstanden wird. Wohl aber ist es
erlaubt, Spektakel aufzuführen, zu spielen, gleich den Heiden zu tanzen. Einen
Tag vor dem Sabbat zu fasten ist geboten, um an dem Sabbat desto besser und
mehr fressen zu können. Also ist auch den Wirten erlaubt, ihre Speisen zu
verkaufen und ihre Gäste an einem Feiertage mehr als an einem sonstigen zu
betrügen. Das heißt demnach rechtlichermaßen den Sabbat heiligen; nur keine
mehr gesegnete Arbeit auf dem Felde und auf dem Acker darf verrichtet werden,
alles andere aber ist für den Sabbat tauglich.
[GS.02_076,13] Der Herr aber hat auf der Welt
gezeigt, daß man auch am Sabbat gar füglich arbeiten und Gutes wirken kann.
Wenn aber der Herr Selbst am Sabbat gearbeitet hat, da meine ich, solle jeder
Mensch des Beweises genug haben, daß unter „Heiligung des Sabbates“ etwas ganz
anderes verstanden werden soll als nicht zu arbeiten, noch in die Hände zu
nehmen, was nützlich und ersprießlich ist.
[GS.02_076,14] Was aber wird demnach unter
der Heiligung des Sabbats verstanden? Was ist der Sabbat? Ich will euch ganz
kurz sagen:
[GS.02_076,15] Der Sabbat ist weder der
Samstag, noch der Sonntag, noch der Oster- und der Pfingstsonntag, noch
irgendein anderer Tag in der Woche oder im Jahre, sondern er ist nichts anderes
als der Tag des Geistes im Menschen, das göttliche Licht im menschlichen
Geiste, die aufgehende Sonne des Lebens in der menschlichen Seele. Das ist der
lebendige Tag des Herrn im Menschen, den er fortwährend mehr erkennen und durch
alle seine Handlungen heiligen soll, die er aus Liebe zu Gott und daraus aus
Liebe zu seinem Nächsten verrichten soll.
[GS.02_076,16] Da aber der Mensch diesen
heiligen Ruhetag des Herrn im Gewühle der Welt nimmer finden kann und mag,
daher soll er sich von der Welt zurückziehen und diesen Tag des Lebens der
heiligen Ruhe Gottes in sich suchen.
[GS.02_076,17] Darum war auch dem Volke der
Israeliten geboten, wenigstens einen Tag in der Woche zu bestimmen, an welchem
es sich von weltlichen Geschäften zurückziehen und allein diesen Tag des Lebens
in sich suchen sollte. Aber man beobachtete das Gesetz bloß äußerlich materiell
und brachte es auf diesem Wege am Ende so weit, daß man nicht einmal den Herrn
des Sabbats erkannte, Ihn den heiligen Vater, als Er von unendlicher Liebe
getrieben zu Seinen Kindern auf die Erde kam!
[GS.02_076,18] Ich meine, aus diesen Worten
dürfte es euch völlig begreiflich sein, was unter der Heiligung des Sabbats
verstanden und wie diese gehandhabt werden sollte.
[GS.02_076,19] Zugleich aber dürfte euch auch
die Frage begreiflich sein, ob sich eure Sonntagsheiligung wohl als eine
Sabbatsheiligung in der Wahrheit ausnimmt, ob man durch eine Stunde kirchlichen
Andachtsdienstes, dann aber durch lauter Weltunterhaltungen wohl zum innern,
ewig lebendigen Ruhetag des Herrn gelangen kann?
[GS.02_076,20] Wenn ich mit euch auf der Erde
wäre, da möchte ich wohl einen sehr hohen Preis auf den Beweis setzen, ob sich
durch das Kirchenlaufen, dann durchs tüchtige Fressen, endlich durchs
Spazierengehen, Fahren oder Reiten, mitunter auch durchs Tanzen, Spielen und Saufen,
nicht selten durch Lügen und Betrügen, durchs gewöhnlich ehrabschneiderische
Visitemachen und dergleichen mehr Unternehmungen der wahre Sabbat im Geiste
finden und heiligen läßt. Wer weiß, ob es nicht Philosophen gibt, die solchen
Beweis zu liefern imstande wären; – bei uns möchte er sich freilich ausnehmen
wie eine falsche Münze.
[GS.02_076,21] Daß hier den Kindern auf
praktische Weise nur die lebendige Sabbatsheiligung gelehrt und eingeübt wird,
braucht kaum näher erwähnt zu werden. Und ihr könnet euch daraus einen
gründlichen Begriff machen, wie im Grunde des Grundes diese Gebote des Herrn
tatsächlich verstanden werden sollen.
[GS.02_076,22] Also aber, wie diese zwei
Gebote und vorhin das erste wollen wir in aller Kürze auch noch die anderen
durchgehen, damit ihr einen gehörigen Begriff bekommt, in welchem Sinne alle
die Gebote hier den Kindern beigebracht werden. Und so wollen wir fürs Nächste
sogleich das vierte Gebot im vierten Saale in aller Kürze betrachten. –
77. Kapitel – Das 4. Gebot im vierten Saale
(im geistigen Sinn).
[GS.02_077,01] Das vierte Gebot, wie ihr es
auf der Erde habt, lautet: „Ehre Vater und Mutter, auf daß du lange lebest und
es dir wohlgehe auf Erden“. – Dieses Gebot ist so gut göttlichen Ursprunges wie
die ersten drei. Was gebietet es aber und was verheißt es? Nichts anderes als
den Gehorsam der Kinder gegen ihre Eltern und für diesen Gehorsam eine
zeitliche Vergünstigung.
[GS.02_077,02] Kann da nicht jedermann fragen
und sagen: Wie, ein göttliches Gebot sanktioniert sich bloß durch zeitliche
Verheißungen und hat nichts Ersichtliches im Hintergrunde, darin ewige geistige
Vorteile geboten würden? Was liegt wohl an solch einer zeitlichen
Vergünstigung? Was liegt am Wohlleben, was am langen Leben, wenn nach demselben
nichts Höheres folgt?
[GS.02_077,03] Es ist wahr: gut und lange
leben ist besser als kurz und schlecht. Wenn aber am Ende des Lebensabschnitts
der unwirtliche Tod erscheint, welchen Vorzug hat das gute und lange Leben vor
dem schlechten und kurzen? Ich meine, dazu braucht man eben kein
Fundamental-Mathematiker zu sein, um sagen zu können: der Unterschied läuft
überall in eine reine Null aus; denn der erste überkommt so gut wie der zweite
ein barstes Nichts, und es fragt sich dann wenig, wie der Weg zu diesem
Empfange beschaffen war, ob gut oder schlecht.
[GS.02_077,04] Also wäre denn, nach diesem
Maßstabe betrachtet, das vierte Gebot auf einem sehr schlüpfrigen Grunde
basiert, und die Eltern wären fürwahr übel daran, so ihre Kinder mit solcher
Philosophie schon auf die Welt geboren würden, und die Kinder selbst würden bei
solcher Betrachtung wenig Grund finden, ihren Eltern zu gehorchen. – Ferner
läßt sich über dieses Gebot noch folgende kritische Betrachtung anstellen. Wie
das Gebot klingt, so hat es nur eine zeitliche Basis, also bloß die Pflicht der
Kinder gegen ihre Eltern darstellend.
[GS.02_077,05] Es fragt sich demnach: Was
soll es denn mit diesem Gebote hier im Geisterreiche, wo die Kinder ihren
Eltern auf ewig enthoben sind? Sind sie aber ihrer Eltern enthoben, da werden sie
doch sicher auch der irdischen Pflicht gegen sie enthoben sein. Dennoch
bemerken wir hier in diesem vierten Saale dieses Gebot auf der Tafel
gezeichnet. Soll es etwa für diese Kinder auf den Herrn bezogen werden? Das
ließe sich allerdings hören, wenn darunter nur nicht der Verheißungssatz
stände: „Auf daß du lange lebest und es dir wohl gehe auf Erden“. – Stünde da:
„Auf daß du ewig lebest und es dir wohl gehe im Himmel“, da wäre eine solche
Transversion des Gesetzes gar leicht zu verstehen; aber eine zeitliche
Verheißung im ewigen Reiche der Geister klingt denn doch etwas sonderbar.
[GS.02_077,06] Was meinet ihr wohl, was sich
hier wird tun lassen, um diesem Gesetze ein vollgegründetes göttliches Ansehen
zu verschaffen? Ihr zucket da freilich mit den Achseln und saget ganz leise in
euch: Lieber Freund und Bruder! Wenn es hier auf unsere Erörterung ankommt, da
wird es mit der reingeistiggöttlichen Sphäre dieses Gesetzes einen bedeutenden
Haken haben; denn nach obiger Betrachtung läßt sich da mit leichter Mühe so,
wie man glaubt, eben nicht gar zuviel Geistiges herausfinden.
[GS.02_077,07] Ich sage euch aber, daß eben
dieses Gebot, wie beinahe kein anderes, rein geistig ist. Ihr machet nun zwar
große Augen; aber darum ist die Sache doch nicht anders. Damit ihr aber solches
auf einen Hieb erschauet, so will ich nichts anderes tun, als dieses Gesetz mit
etwas umgeänderten Worten sagen, wie es auch hier in diesem Lehrsaale
vorgetragen wird, und ihr werdet die Fülle der Wahrheit sogleich erschauen. Wie
aber lautet es hier? – Höret!
[GS.02_077,08] Kinder! Gehorchet der Ordnung
Gottes, welche ausgeht aus Seiner Liebe und Weisheit (d.i. Vater und Mutter),
auf daß ihr lange lebet auf Erden unter Wohlergehen. Was ist langes Leben, und
was ist dagegen ewiges Leben? Das „lange Leben“ bezeichnet das Leben in der
Weisheit; und es wird „lang“ nicht als Dauer, sondern als Ausbreitung und stets
größere Mächtigwerdung des Lebens verstanden; denn das Wort oder der Begriff
„Leben“ schließt ja schon für sich die ewige Dauer ein. Aber das Wort „lang“
bedeutet durchaus keine Dauer, sondern nur eine Ausbreitung der Lebenskraft,
mit welcher das lebende Wesen stets mehr in die Tiefen des göttlichen Lebens
gelanget, und eben dadurch sein eigenes Leben stets vollkommener, fester und
wirksamer macht.
[GS.02_077,09] Dieses hätten wir; aber das
„Wohlergehen auf Erden“ – was besagt denn das? Nichts anderes als das
Sich-zu-eigen-machen des göttlichen Lebens, denn unter der „Erde“ wird hier das
Eigenwesen verstanden, und das Wohlergehen in diesem Wesen ist nichts anderes
als das freie Sein in sich selbst nach der völlig sich zu eigen gemachten
göttlichen Ordnung.
[GS.02_077,10] Diese kurze Erklärung genügt,
um einzusehen, daß eben dieses Gesetz völlig rein geistiger Art ist. Wenn ihr
es bei Muße genauer nachprüfen wollet, so werdet ihr es auf eigener Erde
finden, daß es also ist. Also aber wird es auch hier praktisch den Kindern
beigebracht, und das mit dem größten Nutzen. – Da wir aber nun solches wissen,
so begeben wir uns sogleich in den fünften Saal. –
78. Kapitel – Das 5. Gebot im fünften Saal –
geistig beleuchtet.
[GS.02_078,01] Ihr sehet in diesem fünften
Saale abermals eine Tafel angebracht, und auf dieser steht mit wohlleserlicher
Schrift geschrieben: „Du sollst nicht töten“. – Wenn ihr dieses Gebot nur
einigermaßen beim Lichte betrachtet und dazu die Geschichte des israelitischen
Volkes mit in Augenschein nehmet, so müßten eure Augen mit mehr als dreifachem
Stare behaftet sein, wenn ihr es nicht auf den ersten Augenblick ersehen würdet,
daß es mit diesem Gebote einen sonderbaren Haken hat. „Du sollst nicht töten!“
Wie, wo, wann und was denn?
[GS.02_078,02] Was heißt „töten“ überhaupt?
Heißt töten bloß den Leib lebensuntätig machen oder heißt es den Geist seiner
himmlischen Lebenskraft berauben? Ist das Töten bloß auf den Leib des Menschen
gesetzlich beschränkt, da kann die Tötung des Geistes doch unmöglich darunter
gemeint sein; denn es heißt ja eben, daß gewissenart ein jeder Mensch sein
Fleisch töten solle, um den Geist zu beleben, wie da auch der Herr Selbst
spricht: „Wer sein Leben, d.h. das Leben des Fleisches, liebt, der wird es
verlieren; wer es aber flieht um Meinetwillen, der wird es erhalten“.
[GS.02_078,03] Gleichermaßen zeigt sich dies
auch in der Natur der Dinge. Wird bei einer Frucht die äußere Rinde oder Hülse
nicht zum Sterben gebracht, so wird die Frucht zu keinem lebendigen Keime
kommen. Also geht aber aus all dem hervor, daß eine Tötung des Fleisches nicht
zugleich auch eine Tötung des Geistes sein kann. Wird aber unter diesem Gesetze
bloß die Tötung des Geistes verstanden, wer ist dann wohl seines Leibeslebens
sicher?
[GS.02_078,04] Im Gegenteil aber ist es auch
zugleich jedermann bekannt, daß die besonders in gegenwärtiger Zeit vielfach
vorkommenden Belebungen des Fleisches nichts als „Tötungen des Geistes“ sind.
Betrachtet ihr gleich daneben die Geschichte des israelitischen Volkes, dem da
gewisserart, wie ihr zu sagen pfleget, diese Gesetze frisch gebacken gegeben
wurden, so findet ihr den merkwürdigen Kontrast, daß der Gesetzbringer Moses
selbst zuerst eine Menge Israeliten hat töten lassen; und seine Nachfolger
mußten mit den am Gesetze Schuldiggewordenen das Gleiche tun.
[GS.02_078,05] „Du sollst nicht töten“ –
dieses Gesetz lag so gut wie alle anderen in der Bundeslade. Was tat aber das
ganze israelitische Heer, als es ins Gelobte Land einzog, mit den früheren
Bewohnern dieses Landes? Was tat selbst David, der Mann nach dem Herzen Gottes?
Was der größte Prophet Elias? – Sehet, sie alle töteten, und das sehr vielfach und
sogar oft auf ziemlich grausame Weise.
[GS.02_078,06] Wer da aus euch nüchternen und
unbefangenen Geistes ist, muß der nicht in sich selbst das Urteil aussprechen
und sagen: Was ist das für ein Gebot, wider das, wie sonst wider keines, selbst
die ersten von Gott gestellten Propheten zu handeln genötigt waren?
[GS.02_078,07] Ein solches Gebot ist ja doch
so gut wie gar keines. Auch in unseren Zeiten ist das Töten der Brüder im
Kriege sogar eine Ehrensache! Ja, der Herr Selbst tötet Tag für Tag Legionen
von Menschen dem Leibe nach; und doch heißt es: „Du sollst nicht töten!“ Und
David mußte sogar einen Heerführer umbringen lassen, da er sich gegen einen zu
vernichtenden Ort, freilich wohl meineidig, schonend benommen hatte.
[GS.02_078,08] Gut, sage ich, also steht es
mit dem Gebote auf der Erde. Hier aber sehen wir es im Reiche der Himmel, wo
kein Wesen mehr das andere töten kann, und auch sicher nie jemand auch nur den
allerleisesten Gedanken in sich fassen wird, jemanden zu töten. Wozu steht es
also hier auf der Tafel geschrieben? Etwa aus rein historischer Rücksicht,
damit die Schüler hier erlernen sollen, was es auf der Erde für Gebote gibt und
gegeben hat? Oder sollen etwa diese allergutmütigsten Kindergeister dieses
Gebotes wegen auf eine Zeitlang in eine Mordlust versetzt werden und diese dann
gegenüber dem Gesetze in sich selbst bekämpfen? Das könnte man zwar annehmen;
aber welchen Schluß oder welches Endresultat wird man daraus bekommen? Ich sage
euch nichts anderes als: Wenn die Mordlust den Kindern am Ende doch wieder
genommen werden muß, so sie sich als Mordlustige dem Gesetze gegenüber genügend
bewährt haben, muß man ja auch annehmen, daß sie dabei weder etwas gewonnen
noch verloren haben würden, so sie nie mit der Mordlust erfüllt gewesen wären.
[GS.02_078,09] Ich sehe aber, daß bei dieser
gründlichen Darstellung der Sache ihr nun selbst nicht wisset, was ihr so ganz
eigentlich aus diesem Gebote machen sollet. Sorget euch nicht; wenige Worte
werden genügen, um euch alles bisher Zweifelhafte ins klarste Licht zu stellen,
und das Gesetz wird gleich würdig wie auf der Erde also auch im Himmel wie eine
Sonne am Himmel strahlen!
[GS.02_078,10] Damit ihr aber die
nachfolgende Erklärung leicht und gründlich fasset, so mache ich euch nur
darauf aufmerksam, daß in Gott die ewige Erhaltung der geschaffenen Geister die
unwandelbare Grundbedingung aller göttlichen Ordnung ist. – Wisset ihr nun das,
so blicket auf das Gegenteil, nämlich auf die Zerstörung; und ihr habt das
Gebot geistig und körperlich bedeutungsvoll vor euch.
[GS.02_078,11] Saget demnach anstatt: Du
sollst nicht töten – du sollst nicht zerstören, weder dich selbst, noch alles
das, was deines Bruders ist; denn die Erhaltung ist das ewige Grundgesetz in
Gott Selbst, demzufolge Er ewig ist und unendlich in Seiner Macht. Da aber auf
der Erde auch des Menschen Leib bis zur von Gott bestimmten Zeit für die ewig
dauernde Ausbildung des Geistes notwendig ist, so hat ohne ein ausdrückliches
Gebot Gottes niemand das Recht, eigenwillig weder seinen eigenen Leib noch den
seines Bruders zu zerstören.
[GS.02_078,12] Wenn hier also von der
gebotenen Erhaltung die Rede ist, da versteht es sich aber dann auch von
selbst, daß jedermann noch weniger berechtigt ist, den Geist seines Bruders wie
auch seinen eigenen durch was immer für Mittel zu zerstören und für die
Erlangung des ewigen Lebens untüchtig zu machen. Gott tötet freilich tagtäglich
der Menschen Leiber; aber zur rechten Zeit, wenn der Geist entweder auf die
eine oder die andere Weise irgendeine Reife erlangt hat. Auch die Engel des
Himmels, als fortwährende Diener Gottes, erwürgen in einem fort der Menschen
Leiber auf Erden; aber nicht eher, als bis sie vom Herrn den Auftrag haben, und
dann nur auf diejenige Art und Weise, wie es der Herr haben will.
[GS.02_078,13] Sonach aber erlernen auch die
Kinder hier auf geistig praktischem Wege, worin die Erhaltung der geschaffenen
Dinge besteht und wie sie vereint mit dem Willen des Herrn stets auf das
Allersorglichste gehandhabt werden muß. Und wenn ihr dieses nun nur einigermaßen
begriffen habt, so wird es sicher einleuchtend sein, fürs erste die große Würde
dieses Gesetzes selbst zu erschauen, und fürs zweite, warum es auch hier im
Reiche der himmlischen Kindergeister vorkommt. – Da wir aber solches wissen, so
können wir uns auch sogleich in den sechsten Saal begeben. –
79. Kapitel – Das 6. Gebot im sechsten Saale
– Was ist Unkeuschheit?
[GS.02_079,01] Hier erblicken wir wieder eine
Tafel in der Mitte des sechsten Saales. Auf der Tafel steht mit deutlich
leserlicher Schrift geschrieben: „Du sollst nicht Unkeuschheit treiben, nicht
ehebrechen“. – Unverkennbar ist dies das sechste Gebot, welches der Herr durch
Moses dem israelitischen Volke gegeben hat. Dieses Gebot ist sicher eines der
schwierigsten, um es in seiner Grundbedingung zu erfassen und dann auch genau
im Lebensgrunde zu beobachten.
[GS.02_079,02] Was wird eigentlich durch
dieses Gebot verboten? – Und wen geht dieses Gebot überhaupt an, den Geist, die
Seele oder den Leib? Wer soll da aus diesen drei Lebenspotenzen nicht
Unkeuschheit treiben? Das wäre eine Frage. Was aber ist so ganz eigentlich die
Unkeuschheit und was der Ehebruch? Ist die Unkeuschheit der gegenseitige
Begattungsakt? Wenn das der Fall ist, so ist durch dieses Gebot auf jede
Zeugung Beschlag gelegt; denn wir finden in dem einfachen Gebote durchaus keine
bedingnisweise Ausnahme gestellt; es heißt einmal: „Du sollst nicht
Unkeuschheit treiben“.
[GS.02_079,03] Wenn also der Akt der
Begattung gewisserart als der Kulminationspunkt der Unkeuschheit angesehen
wird, so möchte ich selbst denjenigen kennen, der unter der gegenwärtigen
Gestalt der Dinge auf der Erde eine Zeugung ohne diesen verbotenen Akt
bewerkstelligen könnte. Ob jetzt in der Ehe oder außer der Ehe, der Akt ist
derselbe. Ob er wirklich in kinderzeugender Absicht begangen wird oder nicht,
er ist derselbe. Zudem hat das Gebot selbst keine Bedingung in sich, durch
welche eine geregelte Ehe von der Unkeuschheit ausgenommen wäre.
[GS.02_079,04] Andererseits betrachtet aber
muß doch jedem Menschen einleuchtend sein, daß es dem Herrn an der
Fortpflanzung des menschlichen Geschlechtes vorzugsweise gelegen ist und an
einer weisen Erziehung desselben. Auf welchem Wege aber sollte sich das
Menschengeschlecht fortpflanzen, wenn ihm der Zeugungsakt bei Strafe des ewigen
Todes verboten ist? Ich meine, das kann ein jeder Mensch mit den Händen
greifen, daß es hier offenbar einen Haken hat.
[GS.02_079,05] Dazu aber muß noch ein jeder
sich notgedrungen selbst das Zeugnis geben, daß sicher bei keinem zu haltenden
Gebote die Natur dem Menschen allgemein so mächtige Prügel unter die Füße
wirft, über die er stolpern muß, als eben bei diesem. – Ein jeder Mensch, wenn
seine Erziehung einigermaßen geordnet war, findet keinen Anstand, oder
höchstens einen nur sehr geringen, in der Haltung der übrigen Gebote; aber bei
diesem Gebote macht die Natur allezeit einen kräftigen Strich selbst durch die
Rechnung eines Apostels Paulus!
[GS.02_079,06] Offenbar sehen wir eine
Untersagung der fleischlichen Lust, welche mit dem Zeugungsakte unzertrennlich
verbunden ist. Liegt also das Verbot nur an der fleischlichen Lust und nicht
zugleich auch an dem Zeugungsakte, so fragt es sich, ob von dem ordnungsmäßigen
Zeugungsakte die fleischliche Lust zu trennen ist? Wer aus euch kann solches
erweisen und behaupten, die beiden gesetzlich geordneten Ehegatten empfänden
beim Zeugungsakte nicht auch die zeitliche Lust? Oder wo ist dasjenige
Gattenpaar, das da nicht wenigstens zur Hälfte durch die bevorstehende
fleischliche Lust zum Zeugungsakte aufgefordert worden wäre?
[GS.02_079,07] Wir sehen aber nun daraus, daß
wir mit diesem Gebote hinsichtlich der Unkeuschheit in Anwendung auf den
leiblichen Zeugungsakt durchaus nicht aufkommen können. Entweder muß es einen
reinen Zeugungsakt geben, der mit der Fleischeslust nichts zu tun hat, oder,
wenn sich ein solcher Akt nicht erweisen läßt, muß der fleischliche Zeugungsakt
nicht unter diesem Gesetze stehen und als eine freiwillkürliche, straflose
Handlung des Menschen angesehen werden. – Denn solches ist schon bemerkt, daß
sich das Gesetz schonungslos und jeder ausnahmsweisen Bedingung ledig
ausspricht.
[GS.02_079,08] Das notwendige Bestehen der
Menschen aber spricht sich laut gegen das Verbot dieses Aktes aus, sowie die
allezeit schonungslos begehrende Natur. Denn da mag jemand sein, wes Standes er
will, so wird er davon nicht freigesprochen, wenn er zu seiner Reife gelangt
ist. Er müßte sich denn verstümmeln lassen und seine Natur töten, sonst tut es
sich wenigstens in seiner Begierlichkeit dazu auf keinen Fall, wenn er auch
durch äußere Umstände von der Aktivität abgehalten wird.
[GS.02_079,09] Also mit dem Fleische tut es
sich auf keinen Fall. Vielleicht geht dieses Gesetz allein die Seele an? Ich
meine, da die Seele durchaus das lebende Prinzip des Leibes ist und die freie
Aktion desselben rein von der Seele abhängt, ohne welche das Fleisch tot ist,
so dürfte es denn doch wohl schwerlich irgendwo einen Supergelehrten geben, der
da im Ernste behaupten könnte, die Seele habe mit den freien Handlungen des
Leibes nichts zu tun.
[GS.02_079,10] Der Leib ist ja doch nur das
Werkzeug der Seele, künstlich eingerichtet zu ihrem Gebrauche; was soll es
demnach mit einem Gebote allein für den Leib, der an und für sich eine tote
Maschine ist? Wenn jemand mit einer Hacke einen ungeschickten Hieb gemacht hat,
war da wohl die Hacke schuld oder seine Hand? Ich meine, solches wird doch
niemand behaupten wollen, daß hier der Hacke der ungeschickte Hieb
zuzuschreiben sei.
[GS.02_079,11] Ebensowenig kann man auch den
Zeugungsakt als eine sündige Handlung dem Leibe zuschreiben, sondern allein nur
dem handelnden Prinzip, das hier die lebendige Seele ist. Also muß auch unsere
bisherige kritische Beleuchtung dieses Gebotes bloß der Seele gelten, welche im
Fleische denkt, will und handelt; und so ist eben die Seele nach dem
verlaufenden Kriterium notwendig frei von diesem Gebote. Also mit der Seele
geht es auch nicht; so wird es doch mit dem Geiste gehen? Wir wollen sehen, was
sich da der Geist wird abgewinnen lassen.
[GS.02_079,12] Was ist denn der Geist? Der
Geist ist das eigentliche Lebensprinzip der Seele, und die Seele ist ohne den
Geist nichts als ein substantiell ätherisches Organ, welches wohl zur Aufnahme
des Lebens alle Fähigkeit besitzt, aber ohne den Geist nichts ist als ein
substantiell-geistig-ätherischer Polyp, der seine Arme fortwährend nach dem
Leben ausbreitet und alles einsaugt, was seiner Natur entspricht.
[GS.02_079,13] Die Seele ohne den Geist ist
also eine bloß stumme polarische Kraft, welche den stumpfen Sinn nach Sättigung
in sich trägt, selbst aber keine Urteilskraft besitzt, daraus ihr klar würde,
womit sie sich sättigt und wozu ihr die Sättigung dient. Sie ist zu vergleichen
mit einem Erzkretin, der keine andere Begierde in sich verspürt als diejenige,
sich zu sättigen. Womit und warum? Davon hat er keinen Begriff. Wenn er einen
großen Hunger verspürt, so frißt er, was ihm unterkommt, ob Unrat oder ob Brot
oder eine barste Kost für Schweine, das ist ihm gleich.
[GS.02_079,14] Sehet, dasselbe ist die Seele
ohne den Geist. Und diese angeführten Kretins haben eben auch bloß ein
seelisches Leben, das heißt, in deren Seele ist entweder ein zu schwacher Geist
oder oft auch gar kein Geist vorhanden. Daß aber solches der Fall ist, dazu
brauchet ihr nichts als nur einen Blick in die Welt der finsteren Geister zu
werfen; was sind diese? Sie sind nach dem Tode fortlebende Seelen, die bei
Leibesleben auf die leichtsinnigste und oft böswilligste Weise ihren Geist in
sich so sehr geschwächt und niedergedrückt haben, daß er ihnen in solchem
Zustand kaum die kargst zugemessene Lebenserregung zu verschaffen imstande ist,
bei der aber alle Lebensvorteile nicht selten im ewigen Hintergrund bleiben
müssen!
[GS.02_079,15] Wie aber gebärden sich solche
Wesen jenseits gegenüber den seligen lebendigen Geistern? Nicht anders als pure
Trottel, also geistige Kretins, in aller Weise noch mißgestaltet, so daß nicht
selten von einer menschlichen Gestalt nicht die leiseste Spur mehr zu entdecken
ist. Diese Wesen sind in der Geisterwelt in ihrer Handlungsweise so wenig mehr
zurechnungsfähig wie die Trottel bei euch auf der Erde. Daraus aber geht nun
hervor, daß nicht die Seele an und für sich, sondern nur im Besitze des
Geistes, dem allein das freie Wollen innewohnt, zurechnungsfähig ist, im Grunde
also nur der Geist.
[GS.02_079,16] Wenn aber das nun evident
erwiesen ist, so fragt sich: Wie und auf welche Weise kann denn der absolute
Geist Unkeuschheit treiben? Kann der Geist fleischliche Begierden haben? Ich
meine, einen größeren Widerspruch dürfte es kaum geben als den, so sich jemand
wollte im Ernste einen „fleischlichen Geist“ denken, der notgedrungenermaßen
materiell sein müßte, um selbst grobmaterielle Begierden in sich zu haben.
[GS.02_079,17] Wenn aber schon ein Arrestant
an seinem Arreste sicher nicht das größte Wohlbehagen findet, so wird umsomehr
der absolute Geist noch eine geringere Passion haben, sich mit seinem freiesten
Wesen mit der groben Materie auf immer zu verbinden und an derselben seine Lust
zu finden. In diesem Sinne ist also ein Unkeuschheit treibender Geist doch
sicher der größte Unsinn, den je ein Mensch aussprechen kann. Nun fragt sich
demnach: Was ist also die Unkeuschheit, und wer soll dieselbe nicht treiben,
indem wir gesehen haben, daß sowohl der Leib als auch die Seele und der Geist
für sich nicht Unkeuschheit treiben können, so wie wir sie bisher kennen? –
80. Kapitel – Über zweierlei Liebe.
[GS.02_080,01] Es dürften zwar einige sagen:
Moses hat sich später darüber näher ausgesprochen, indem er den Zeugungsakt
ordnungsmäßig nur zwischen den gesegneten Ehegatten erlaubt, anderartig aber
verboten hat, und hat auf die anderartige Zeugung, besonders wenn ein
verheirateter Mann mit dem Weibe eines anderen Mannes diesen Akt begehen
möchte, verordnet, daß solch eine Tat als Ehebruch zu betrachten sei und die
Ehebrecher sich beiderseits des Todes schuldig machen. Solches ist richtig,
aber nachträgliche Verordnungen geben dem einfach im Anfange gegebenen Gesetze
dennoch keine andere Gestalt. Wer sich daran binden will, muß im ersten Gesetze
seinen Prozeß behaupten; denn weder die Unkeuschheit noch der Ehebruch sind
darin auf eine bestimmte Art verboten.
[GS.02_080,02] Wir haben bisher klar
erläutert, was man allenfalls unter der Unkeuschheit verstehen könnte. Nachdem
aber alles das auf den Zeugungsakt hinweist, so kann man auch die von uns
bisher als bekannt angenommene Art der Unkeuschheit unmöglich durch dieses
Gesetz als verboten ansehen.
[GS.02_080,03] Nun aber meldet sich ein in
der Sache Wohlerfahrener, dieser spricht: Unter Unkeuschheit, die da verboten
ist, wird bloß die leere Befriedigung des sinnlichen Triebes verstanden. Gut,
sage ich; wenn aber ein Mann mit eines anderen Mannes Weibe, die von ihrem
Manne nicht befruchtet werden kann, im Ernste ein Kind zeugt, frage, kann ihm
das als sündiger Ehebruch angerechnet werden? Ich frage weiter: Wenn ein
Jüngling, von seiner Natur getrieben, mit einem Mädchen ein Kind gezeugt hat,
kann ihm das zur Sünde der Unkeuschheit angerechnet werden?
[GS.02_080,04] Ich frage weiter: Wenn ein
Mann aus der Erfahrung weiß, daß sein Weib nicht befruchtungsfähig ist, er
beschläft sie aber dennoch, weil sie ein üppiges Fleisch hat, das ihn reizt, er
also doch offenbar seinen sinnlichen Trieb leer befriedigt; kann ihm dieser Akt
zur Sünde der Unkeuschheit angerechnet werden?
[GS.02_080,05] Ich frage weiter: Es gibt
besonders in dieser Zeit, wie es sie auch zu allen Zeiten gegeben hat, eine
Unzahl Menschen beiderlei Geschlechtes, welche gar wohl zeugungsfähig sind und
eine sie mächtig drängende Natur besitzen; aber sie sind vermöge politischer
und dürftiger Verhältnisse nicht imstande, sich zu verehelichen. Wenn nun
solche doppelt bedrängte Menschen den Akt der Zeugung begehen, sündigen sie
wider dieses sechste Gebot?
[GS.02_080,06] Man wird sagen: Sie sollen
ihren Trieb Gott aufopfern und sich nicht begatten, so werden sie nicht
sündigen. Ich aber sage: Welch ein Richter kann solch einen Fehler als eine
wirkliche Sünde erklären? Was hat denn der Reiche darum für ein Verdienst, daß
er sich ein ordentliches Weib nehmen kann, vor dem Armen, der dieser
Glückseligkeit entbehren muß? Soll somit der Bemittelte ein größeres Recht auf
die Zeugung seinesgleichen haben als der Arme? Heiligt also das Geld die
Zeugung darum, weil sich der Reiche in den ordentlichen Besitz eines Weibes
setzen kann, was tausend Unbemittelten unmöglich ist?
[GS.02_080,07] Dazu läßt sich noch fragen:
Wer ist denn so ganz eigentlich schuld an der vielfachen Verarmung der
Menschen? Sicher niemand anderer als der glückliche Reiche, der durch seine
eigennützige Spekulation viele Schätze an sich zieht, durch welche nicht selten
tausend Menschen sich für den ordentlichen Ehestand hinreichend befähigen
könnten. Und dennoch sollte da der reiche Ehemann allein von der Sünde der
Unkeuschheit frei sein, so er mit seinem ordentlichen Weibe Kinder zeugt, und
der Arme allein sollte der Sündenbock sein, weil er sich eben kein Weib nehmen
kann? Wäre das nicht geradeso geurteilt, als so man auf der Erde irgendeinen
Wallfahrtsort bestimmen möchte und dazu ein Gebot gäbe, demzufolge niemand zu
Fuß diesen Ort besuchen darf, um dort irgendeine sein sollende Gnade zu
empfangen, sondern ein jeder, der diesen Ort besucht und eine Gnade empfangen
will, muß in einer höchst eleganten Equipage dahin gefahren kommen?
[GS.02_080,08] Wer ein solches Gebot für
gerecht finden sollte, der müßte doch sicher im Ernste von einer solchen Welt
sein, von welcher der Schöpfer Himmels und der Erde selbst nichts weiß, das
heißt von einer Welt, die nirgends existiert; oder er müßte ein Abgeordneter
des Satans sein!
[GS.02_080,09] Wir sehen aber nun aus diesen
Betrachtungen, daß es sich mit der Erklärung unseres sechsten Gebotes durchaus
nicht tut. Was werden wir denn anfangen, um diesem Gebote einen vollgültigen
Sinn abzugewinnen? Ich sage euch im voraus: Es ist die Sache nicht so leicht,
als es sich jemand vorstellen möchte. Ja, ich sage:
[GS.02_080,10] Um den richtigen Sinn dieses
Gebotes zu gewinnen, muß man ganz tief greifen und die Sache in der Grundwurzel
fassen; sonst wird man sich dabei immer in der zweifelhaften Lage befinden, in
der man leichtlich das, was nicht im entferntesten Sinne eine Sünde ist, als Sünde
betrachten wird, und was wirklich eine Sünde ist, kaum der Mühe wert halten, es
als eine Sünde zu betrachten.
[GS.02_080,11] Wo aber ist diese Wurzel? Wir
werden sie sogleich haben. Ihr wisset, daß die Liebe der Urgrund und die
Grundbedingung aller Dinge ist. Ohne Liebe wäre nie ein Ding erschaffen worden,
und ohne die Liebe wäre so wenig irgendein Dasein denkbar, als wie wenig sich
je ohne die wechselseitige Anziehungskraft eine Welt nach dem Willen des
Schöpfers gebildet hätte. Wer das etwa nicht fassen sollte, der denke sich nur
von einer Welt die wechselseitige Anziehungskraft hinweg, und sobald wird er
sehen, wie sich alle Atome einer Welt plötzlich voneinander trennen und sich
verflüchtigen werden wie ins Nichts.
[GS.02_080,12] Also ist die Liebe der Grund
von allem und ist zugleich der Schlüssel zu allen Geheimnissen.
[GS.02_080,13] Wie aber läßt sich eben die
Liebe mit unserem sechsten Gebot in eine erklärende Verbindung bringen? Ich
sage euch, nichts leichter als das, indem bei keinem Akte in der Welt die Liebe
so innig verwoben ist wie gerade bei dem, den wir zu den unkeuschsündigen
rechnen.
[GS.02_080,14] Wir wissen aber, daß der
Mensch einer zweifachen Liebe fähig ist, nämlich der göttlichen, welche aller
Selbstliebe entgegen, und der Selbstliebe, welche aller göttlichen Liebe
entgegen ist.
[GS.02_080,15] Nun fragt es sich: So jemand
den Akt der Zeugung begeht, welche Liebe war da der Beweggrund, die Eigenliebe,
unter deren Botmäßigkeit auch jegliche Genußsucht steht, oder die göttliche
Liebe, welche nur mitteilen will, was sie hat, ihrer selbst gänzlich
vergessend? Sehet, wir sind jetzt schon ziemlich dem eigentlichen Hauptkerne
auf der Spur.
[GS.02_080,16] Setzen wir nun zwei Menschen:
der eine begeht den Akt aus selbstsüchtiger Genußsucht, der andere aber in
dankbarer Andacht für die Zeugungsfähigkeit, seinen Samen einem Weibe
mitzuteilen, um in ihr eine Frucht zu erwecken. Welcher von den beiden hat denn
gesündigt? Ich glaube, hier einen Richter zu machen und ein rechtes Urteil zu
fällen, wird eben nicht schwer sein.
[GS.02_080,17] Damit uns aber die Sache
völlig klar wird, müssen wir uns auch mit dem Begriffe „Unkeuschheit“ näher
vertraut machen. Was ist Keuschheit und was ist Unkeuschheit? Keuschheit ist
derjenige Gemütszustand des Menschen, in welchem er aller Selbstsucht ledig
ist, oder in dem er rein ist von allen Makeln der Eigenliebe. Unkeuschheit ist
derjenige Gemütszustand, in welchem der Mensch nur sich selbst berücksichtigt,
für sich selbst handelt und seines Nebenmenschen, besonders in Berücksichtigung
des Weibes, gänzlich vergißt.
[GS.02_080,18] Die Selbstsucht aber ist
nirgends schmählicher, als wie gerade bei dem Akte, wo es sich um die
Fortzeugung eines Menschen handelt. Warum denn? Die Ursache liegt am Tage. Wie
der Grund, wie der Same, so auch wird die Frucht. Ist göttliche Liebe, also die
Keuschheit der Same, so wird auch eine göttliche Frucht zum Vorschein kommen;
ist aber Eigenliebe, Selbst- und Genußsucht, also der unkeusche Zustand des
Gemütes der Same, welch eine Frucht wird da hervorgehen?
[GS.02_080,19] Sehet, in dem liegt es, was
durch das sechste Gebot verboten ist. Wäre dieses Gebot beobachtet worden, so
wäre die Erde noch ein Himmel, denn es gäbe auf ihr keinen selbstsüchtigen und
herrschsüchtigen Menschen! Aber dieses Gebot ist schon im Anbeginne der
Menschen übertreten worden, und die Frucht dieser Übertretung war der
eigennützige und selbstsüchtige Kain.
[GS.02_080,20] Aus dem aber geht hervor, daß
nicht nur die sogenannte fälschlich bezeichnete „Unzucht“, welche man besser
„Genußsucht“ nennen sollte, in die Reihe unserer zu behandelnden Sünde gehört,
sondern jegliche Genußsucht, wie gestaltet sie auch immer sein mag, besonders
aber, wenn ein Mann das ohnehin schwache Weib sich eigennützig zum
genußsüchtigen Nutzen macht, ist als Sünde der Unkeuschheit zu betrachten. –
Ein kurzer Verfolg wird uns die Sache noch klarer vor die Augen bringen. –
81. Kapitel – Was ist Hurerei?
[GS.02_081,01] Man könnte hier sagen, indem
es im sechsten Gebote nur heißt: „Du sollst nicht Unkeuschheit treiben“, daß da
die Hurerei nicht als verboten angesehen werden kann, da es im sechsten Gebote
nirgends heißt: Du sollst nicht Hurerei treiben. – Ich aber sage: Was ist die
Hurerei, welcher Art sie auch sein mag, geistig oder fleischlich? Sie ist eine
sichere Anbequemung des Lasters, und zwar auf folgende Weise: Man philosophiert
sich über die sündige Möglichkeit hinweg, setzt alle Erscheinungen in das
Gebiet „natürlicher Bedürfnisse“. Wenn jemandem seine eigene Wesenheit die
Forderung kundgibt, sie zu befriedigen, so tut der Mensch zufolge seines
Verstandes und seiner Erfindungskraft ja nur etwas Lobenswertes und
Ersprießliches, so er für alle zu fordernden Bedürfnisse seiner Natur Mittel
zustande bringt, durch welche denselben Genüge geleistet werden kann. Das Tier
muß zwar seine Bedürfnisse in der rohesten instinktmäßigen Art befriedigen,
weil es keinen Verstand, keine Vernunft und keinen Erfindungsgeist hat. Dadurch
aber erhebt sich ja eben der Mensch über das gemein naturmäßig Tierische, daß
er allein den Anforderungen seiner Art auf eine raffinierte Weise Genüge
leisten kann. Daher sagt der Verstand des Kulturmenschen:
[GS.02_081,02] Wer kann einem Menschen zur
Sünde rechnen, so er sich mit Hilfe seines Verstandes ein stattliches Haus zur
Bewohnung erbaut, und somit ein ehemaliges Erdloch oder einen hohlen Baum mit
demselben vertauscht? Wer kann einem Menschen zur Sünde anrechnen, so er die
Baumfrüchte veredelt, aus den sauren Äpfeln und Birnen süße und wohlschmeckende
erzeugt? Wer kann einem Menschen zur Sünde anrechnen, wenn er sich einen Wagen
erbaut, das Pferd zähmt, und dann viel bequemer eine Reise macht als mit seinen
eigenen schwachen, leidigen Füßen? Wer ferner kann noch dem Menschen zum Fehler
anrechnen, so er sich die Naturfrüchte zu seiner Nahrung kocht und würzt und
sie ihm wohlschmeckender macht? Oder sind die Dinge in der Welt für einen
anderen als für den Menschen erschaffen worden, damit er sie zweckdienlich
benützen sollte? –
[GS.02_081,03] Wie viel Schönes und
Nützliches hat der Mensch zu seiner Bequemlichkeit und zu seiner Erheiterung!
Sollte ihm das zum Fehler angerechnet werden, so er durch seinen Verstand
seinem Schöpfer Ehre macht, ohne den der Weltkörper so unkultiviert dastände
wie eine barste Wüste, auf der alles durcheinanderwüchse in chaotischer
Unordnung wie Kraut, Rüben und Brennesseln?
[GS.02_081,04] Wenn aber dem Menschen die
verschiedenartige Kultivierung des Erdbodens doch unmöglich zu einem Fehler
angerechnet werden kann, obschon sie in sich durchaus kein anderes
Zweckdienliches enthält als den angenehmeren und bequemeren Genuß der Dinge in
der Welt; so wird doch andererseits auch ein raffinierter Zeugungsgenuß dem
Menschen mitnichten können zum Fehler angerechnet werden, indem sich sonst
selbst der gebildetste Mensch in diesem Akte am wenigsten von dem Tiere
unterschieden hat. Also auch dieser Trieb des Menschen muß auf eine veredeltere
und raffiniertere Weise befriedigt werden können, und das aus demselben Grunde,
aus welchem man sich bequeme Wohnhäuser erbaut, weiche Kleider verfertigt,
geschmackvolle Speisen bereitet, u. dgl. Annehmlichkeiten mehr.
[GS.02_081,05] Man nehme nur den Fall, ein
Mensch gebildeten Standes hat zu seiner Befriedigung die Wahl zwischen zwei
Weibspersonen, die eine ist eine schmutzige, gemeine Bauernmagd, die andere
aber als die Tochter eines ansehnlichen Hauses ist ein wohlerzogenes, sehr nett
gekleidetes, am ganzen Leibe makelloses und sonst üppiges und reizendes
Mädchen. Frage: Wonach wird der gebildete Mann greifen? Die Antwort wird hier
kein Kopfzerbrechen brauchen; sicher nach Nr. 2, denn vor Nr. 1 wird es ihm
ekeln. Also ist auch hier eine Verfeinerung sicher am zweckdienlichsten Platze,
weil der Mensch durch sie beurkundet, daß er ein höheres Wesen ist, welches
alles Unangenehme und Schmutzige zu reinigen und angenehmer darzustellen die
volle Macht und Kraft in sich hat.
[GS.02_081,06] Da aber der Mann wie das Weib
in dieser Hinsicht ein öfteres Bedürfnis sich zu befriedigen in sich stark
wahrnehmen, wobei man doch nicht allezeit die Anforderung machen kann, ein Kind
zu erzeugen, wird es da wider die Gebühr der Ausübung seiner Verstandeskräfte
sein, wenn er die Mittel aufstellt, durch welche die Befriedigung dieses
Triebes zuwege gebracht werden kann, sei es nur durch den blinden Beischlaf mit
den Weibern oder durch Selbstbefriedigung oder im Notfalle durch die sogenannte
Knabenschändung? Denn dadurch unterscheidet sich ja eben auch der Mensch von
dem Tiere, daß er diesen am meisten naturmäßigen Trieb auf anderen Wegen
befriedigen kann als gerade auf jenen nur, auf die er von der rohen Natur
angewiesen wurde. Und sonach sind ja ganz besonders wohlkonditionierte
Bordellhäuser und dergleichen Anstalten mehr zu billigen, und können dem
Verstande des Menschen keineswegs zur Unehre, sondern nur zur Ehre gereichen!?
[GS.02_081,07] Sehet, was läßt sich,
naturmäßig betrachtet, allem dem entgegen einwenden? Denn das ist richtig, daß
das Tier dergleichen Kultivierungen und allerlei Nuancierungen in der
Befriedigung seines Geschlechtstriebes nimmer zuwege bringen kann; und so ist
darin gewisserart eine Meisterschaft des menschlichen Verstandes unleugbar zu
entdecken. Das alles ist richtig, das Tier hat in allem dem seine Zeit, außer
welcher es stumpf für die Befriedigung dieses Triebes bleibt.
[GS.02_081,08] Aber was ist alle diese
Raffinesse? Das ist eine kurze Frage, aber ihre Beantwortung ist groß und
gewichtig. – Diese Raffinesse hat doch sicher nichts anderes zum Grundmotive
als die entsetzlich leidige Genußsucht. Die Genußsucht aber, wissen wir, ist
ein unverkennbares Kind der Eigenliebe, welche mit der Herrschliebe ganz
identisch einhergeht.
[GS.02_081,09] Es ist wahr, in einem
stattlichen Hause läßt sich angenehmer wohnen denn in einer niedrigen Erdhütte.
Betrachten wir aber die Einwohner! Wie stolz und hochtrabend sehen wir den
Bewohner eines Palastes einhergehen, und wie zerknirscht beugt sich der
schlichte Hüttenbewohner vor einem solchen glänzenden Palastherrn!
[GS.02_081,10] Betrachten wir die Bewohner
einer großen Stadt und dagegen die eines kleinen Bauerndorfes. Die Bewohner der
großen Stadt wissen sich vor lauter Genußsucht nicht zu helfen, alle wollen
angenehm leben, alle sich unterhalten, alle glänzen und womöglich ein bißchen
herrschen. Kommt ein armer Landbewohner in die große Stadt, so muß er
wenigstens einen jeden Stiefelputzer usw. „Euer Gnaden“ anreden, will er sich
nicht irgendeiner Grobheit aussetzen.
[GS.02_081,11] Gehen wir aber ins Dorf, da
werden wir noch Hausväter antreffen, nicht selten friedliche Nachbarn, welche
sich nicht „Euer Gnaden“ und „Herrn von“ titulieren. Was ist da wohl
vorzuziehen, wenn ein Bauer zum andern spricht: „Bruder!“ oder wenn in der
Stadt ein nur wenig Bemittelter einen etwas mehr Bemittelten „Euer Gnaden“ und
„Herr von“ und dgl. mehr anspricht?
[GS.02_081,12] Ich meine, es wird kaum nötig
sein, dergleichen unsinnige Ausgeburten der Raffinesse des menschlichen
Verstandes noch weiter zu verfolgen, sondern wir können sogleich den
Hauptspruch machen: Alle derartige genußsüchtige Verfeinerungen sind nach
vorangehender Betrachtung nichts als Abgöttereien; denn sie sind Opfer des
menschlichen Geistes an die äußere tote Naturmäßigkeit.
[GS.02_081,13] Sind sie aber Abgöttereien, so
sind sie auch die barste Hurerei, und daß sie nicht in die Sphäre der
Keuschheit aufgenommen werden können, beweist ihre Tendenz.
[GS.02_081,14] Warum wurde Babel eine „Hure“
genannt? Weil dort jede erdenkliche Raffinerie zu Hause war. Also heißt auch
„die Hurerei treiben“ im eigentlichen Sinne: der Unkeuschheit dienen nach aller
Lebenskraft. So ist ein reicher Ehemann, der sich des alleinigen Genusses wegen
ein üppiges und geiles Weib genommen hat, nichts als ein barster Hurer und das
Weib eine barste Hure. Und eben also wird auch hier diesen Kindern die
Unkeuschheit in ihrem Fundamente gezeigt, wie sie nämlich eine allerbarste Selbst-
und Genußsucht ist.
[GS.02_081,15] Es war notwendig, dieses Gebot
für euch gründlicher zu beleuchten, weil sich der Mensch über kein Gebot so
leicht hinwegsetzt wie über dieses. – Ich meine daher, daß ihr nun auch diesen
Vortrag verstehet; und so wollen wir uns denn auch sogleich in den siebenten
Saal begeben. –
82. Kapitel – Siebenter Saal – 7. Gebot.
[GS.02_082,01] Wir sind im siebenten Saale.
Sehet, in dessen Mitte auf einer an einer lichten weißen Säule befindlichen
Tafel steht mit deutlich leserlicher Schrift geschrieben: „Du sollst nicht
stehlen!“ – Hier drängt sich beim ersten Anblicke dieser Gesetzestafel doch
sicher einem jeden sogleich die Frage auf:
[GS.02_082,02] Was sollte hier gestohlen
werden können, da niemand ein Eigentum besitzt, sondern ein jeder nur ein
Fruchtnießer ist von dem, was der Herr gibt? Diese Frage ist natürlich und hat
ihren guten Sinn, kann aber auch mit demselben Recht auf dem Weltkörper
gestellt werden; denn auch auf dem Weltkörper gibt alles, was da ist, der Herr,
und doch können die Menschen einander bestehlen auf alle mögliche Art.
[GS.02_082,03] Könnte man da nicht auch
fragen und sagen: Hat der Herr die Welt nicht für alle Menschen gleich
geschaffen, und hat nicht jeder Mensch das gleiche Recht auf alles, was die
geschaffene Welt zum verschiedenartigen Genusse bietet? So aber der Herr sicher
die Welt nicht nur für einzelne, sondern für alle geschaffen hat, und sonach
ein jeder das Recht besitzt, die Produkte der Welt nach seinem Bedürfnisse zu
genießen, – wozu war denn hernach dieses Gebot gut, durch welches den Menschen
offenbar irgendein Eigentumsrecht eingeräumt ward und wodurch erst ein
Diebstahl möglich geworden ist? Denn wo kein Mein und kein Dein ist, sondern
bloß ein allgemeines Unser aller, da möchte ich doch den sehen, der da bei
allem Wollen seinem Nächsten etwas zu stehlen vermöchte.
[GS.02_082,04] Wäre es demnach nicht klüger
gewesen, statt dieses Gebotes, durch welches ein abgesondertes Eigentumsrecht
gefährlichermaßen eingeräumt wird, jedes Eigentumsrecht für alle Zeiten
aufzuheben? Dadurch würde dieses Gebot dann vollkommen entbehrlich, alle
Eigentumsgerichte der Welt wären nie entstanden, und die Menschen könnten auf
die leichteste Weise untereinander als wahrhafte Brüder leben.
[GS.02_082,05] Dazu muß man noch bedenken,
daß der Herr dieses Gebot durch Moses gerade zu einer Zeit gegeben hat, wo auch
nicht ein Mensch aus allen den zahlreichen Israelskindern irgendein eigenes
Vermögen hatte; denn das aus Ägypten mitgenommene Gold und Silber war Eigentum
des ganzen Volkes unter der Aufsicht ihres Anführers.
[GS.02_082,06] Was aber die Kleidung
betrifft, so war sie höchst einfach und dabei so armselig, daß ein einziges
Kleidungsstück in eurer gegenwärtigen Zeit den Wert von einigen schlechten
Groschen sicher nicht übersteigen würde. Dazu hatte nicht einer aus den
Israeliten einen Kleidungsvorrat, sondern was er am Leibe trug war alles, was
er besaß.
[GS.02_082,07] Da kam hernach dieses Gebot.
Sicher mußte das israelitische Volk sich untereinander mit großen Augen fragen:
Was sollen wir einander wohl stehlen? Etwa unsere Kinder, da doch ein jeder
froh ist in dieser gegenwärtigen bedrängten Lage, wenn er so kinderarm als
möglich ist? Sollten wir uns gegenseitig etwa unsere Töpfe stehlen? Was sollten
wir aber dabei gewinnen? Denn wer da keinen Topf hat, der hat ohnedies das
Recht, sich im Topfe seines Nachbarn, so er etwas Kochbares hat, mitzukochen.
Hat er aber einen Topf, da wird er es nicht notwendig haben, sich noch eines
zweiten zu bemächtigen, um dadurch noch mehr zum Hin- und Herschleppen zu
haben. Es ist fürwahr nicht einzusehen, was wir hier einander stehlen könnten.
Etwa die Ehre? Wir sind alle Diener und Knechte eines und desselben Herrn, der
den Wert eines jeden Menschen gar wohl kennt. So wir einander auch gegenseitig
verkleinern wollten, was würden wir dadurch bezwecken im Angesichte dessen, der
uns allezeit durch und durch schauet? Wir wissen also durchaus nicht, was wir
aus diesem Gebote machen sollen. Soll dieses Gebot für künftige Zeiten gelten,
falls uns der Herr einmal ein gesondertes Eigentum einräumen wollte? Wenn das,
da lasse Er uns lieber so, wie wir sind, und das Gebot hebt sich von selbst
auf.
[GS.02_082,08] Sehet, also räsonierte im
Ernste auch hie und da das israelitische Volk, und solches war ihm in seiner
Lage in der Wüste auch nicht zu verdenken; denn da war jeder gleich reich und
gleich groß in seinem Ansehen.
[GS.02_082,09] Könnte aber nun nicht auch das
gegenwärtige, neutestamentlich gläubige Volk vor dem Herrn räsonierend
aufbegehren und sagen: O Herr! warum hast du denn dereinst ein solches Gebot
gegeben, durch welches mit der Zeit den Menschen auf der Erde ein gesondertes
Eigentumsrecht eingeräumt ward und eben zufolge dieses Eigentumsrechtes sich
eine zahllose Menge von Dieben, Straßenräubern und Mördern gebildet hat? Hebe
daher dieses Gebot auf, damit das Heer der Diebe, Mörder und Räuber und
allerlei Betrüger und ein zweites Heer der Weltrichter aufhören möchte,
jegliches in seiner Art aller Nächstenliebe ledig, tätig zu sein!
[GS.02_082,10] Ich sage hier: Der Aufruf läßt
sich hören und erscheint unter dieser kritischen Beleuchtung als vollkommen
billig. Wie und warum denn? Fürs erste kann man von Gott als dem allerhöchst
liebevollsten Vater doch sicher nichts anderes als nur das allerhöchst Beste
erwarten. Wie sollte man da wohl denken können, Gott, als der allerbeste Vater
der Menschen, habe ihnen da eine Verfassung geben wollen, welche sie offenbar
unglücklich machen muß, und zwar zeitlich und ewig?
[GS.02_082,11] Wenn man aber Gott die
allerhöchste Güte, die allerhöchste Weisheit und somit die Allwissenheit
notwendig zuschreiben muß, derzufolge Er doch wissen mußte, welche Früchte ein
solches Gebot unfehlbar tragen wird, da kann man doch nicht umhin zu fragen:
Herr! warum hast Du uns ein solches Gebot gegeben, warum uns durch dasselbe
nicht selten namenlos unglücklich gemacht? War es im Ernste also Dein Wille,
oder hast Du dieses Gebot nicht gegeben, sondern die Menschen haben es erst
nachträglich eingeschoben ihres Eigennutzes wegen, indem sie sich etwa
vorgenommen haben, sich von der allgemeinen Zahl ihrer Brüder abzusondern und
sich in solchem Zustande dann berechtigtermaßen eigentümliche Schätze zu
sammeln, um durch ihre Hilfe sich desto leichter als Herrscher über ihre
gesamten armen Brüder zu erheben? Sehet, das alles läßt sich hören, und niemand
kann solches in Abrede stellen. Man muß noch obendrauf einem menschlichen
Verstande einige Körner echten Weihrauchs streuen, so er es in dieser Zeit
wenigstens der Mühe wert gefunden hat, die Gesetze Mosis auf diese Weise
kritisch zu beleuchten. Aber wer hat bei dieser Kritik etwas gewonnen? Die
Menschen nicht und der Herr sicher auch nicht, denn es spricht sich in dieser
Kritik die göttliche Liebe und Weisheit offenbar nicht aus.
[GS.02_082,12] Wie aber soll denn dieses
Gesetz genommen und betrachtet werden, damit es als vollkommen geheiligt vor
Gott und allen Menschen erscheint, daß es die höchste göttliche Liebe und
Weisheit ausspreche und in sich die weiseste Fürsorge des Herrn zum zeitlichen
und ewigen Glückseligkeitsgewinne trage? Also, wie es bis jetzt erklärt ward,
besonders in der gegenwärtigen Zeit, hat es freilich nur Unheil verbreiten
müssen. Daher wollen wir nach der Erbarmung des Herrn die wahre Bedeutung
dieses Gebotes enthüllen, auf daß die Menschen darin fürder ihr Heil, aber
nicht ihr Unheil finden sollen. Um aber das zu bewerkstelligen, werden wir
vorerst betrachten, was unter dem Stehlen verstanden werden muß. –
83. Kapitel – Was heißt „Stehlen“?
[GS.02_083,01] Daß anfänglich unter dem
Begriffe „Stehlen“ unmöglich die eigenmächtige Wegnahme der materiellen Güter
eines andern verstanden werden konnte, erhellt klar daraus, daß besonders zur
Zeit der Gesetzgebung niemand aus dem israelitischen Volke ein Eigentum besaß.
Selbst als das Volk ins Gelobte Land gezogen war, war seine staatliche
Verfassung so bestellt, daß niemand in diesem Lande ein vollrechtliches
Eigentum besitzen konnte. Sondern es war dabei soviel als möglich auf eine
Gütergemeinschaft abgesehen, und ein jeder dürftige Israelit, wenn er im
übrigen in der göttlichen Ordnung lebte, mußte allenthalben die
gastfreundlichste Aufnahme und Unterkunft finden.
[GS.02_083,02] Wäre aber in diesem Gebote
unter dem Stehlen die willkürliche und eigenmächtige Wegnahme des Gutes eines
andern verstanden worden, so fiele, wie es im Verlaufe dieser Darstellung
hinreichend klar gezeigt wurde, unfehlbar der Tadel auf den Gesetzgeber, indem
Er dadurch gewisserart stillschweigend dem Erwerbe, der Industrie und somit
auch dem Wucher das Wort gesprochen hätte. Denn das muß doch jedem Menschen auf
den ersten Blick in die Augen fallen, so er nur eines etwas helleren Denkens
fähig ist, daß das Eigentumsrecht dann als vollkommen sanktioniert und
bestätigt eingeführt ist, sobald man ein Gesetz gibt, durch welches das
Eigentum eines jeden als vollkommen gesichert erscheinen muß.
[GS.02_083,03] Wie könnte man aber auf der
andern Seite ein solches Gesetz von jenem Gesetzgeber erwarten, der mit Seinem
eigenen Munde zu Seinen Schülern gesprochen hat: „Sorget euch nicht, was ihr
essen und trinken werdet und womit euren Leib bekleiden, denn das alles ist
Sache der Heiden. Suchet vor allem das Reich Gottes; alles andere wird euch
schon von selbst hinzufallen.“
[GS.02_083,04] Weiter spricht derselbe
Gesetzgeber: „Die Vögel haben ihre Nester und die Füchse ihre Löcher, aber des
Menschen Sohn hat nicht einen Stein, den Er unter sein Haupt lege!“
Andererseits wieder sehen wir Seine Schüler sogar an einem Sabbate Ähren
raufen, also offenbar stehlen. Als sich aber die Eigentümer des Ackers darüber
beschwerten, saget: wer bekam da von dem großen Gesetzgeber den Verweis und
eine recht empfindliche Zurechtweisung? Ihr brauchet nur im Buche nachzusehen
und es wird euch alles klar sein.
[GS.02_083,05] Weiter sehen wir denselben
Gesetzgeber einmal in der Lage, einen Mautzins entrichten zu müssen. Hat Er in
Seine eigene Tasche gegriffen? O nein, sondern Er wußte, daß im nahen See ein
Fisch einen verlornen Stater verschluckt hatte. Der Petrus mußte hingehen, dem
durch die Kraft des Herrn gehaltenen Fische die Münze aus dem Rachen nehmen und
mit derselben den Mautzins bezahlen.
[GS.02_083,06] Ich frage aber: Hat nach euren
Eigentumsrechten der Finder auf ein auf was immer für eine Weise gefundenes Gut
das verfügbare Eigentumsrecht? Mußte der große Gesetzgeber nicht wissen – oder
wollte Er es nicht wissen –, daß Er von diesem im Fische gefundenen Gute nur
auf ein Dritteil das verfügbare Eigentumsrecht hatte, und zwar erst nach
vorausgegangener öffentlicher oder amtlicher Bekanntgebung seines Fundes? Er
hat solches nicht getan. Sonach hat Er offenbar einen zweidritteiligen
Diebstahl oder, was ebensoviel ist, eine Veruntreuung begangen.
[GS.02_083,07] Ferner ließe sich nach den
Rechtsprinzipien fragen – wenn man voraussetzt, daß nur wenige Juden es in der
Fülle wußten, wer eigentlich Christus war –, wer Ihm das Recht eingeräumt hat,
die bewußte Eselin ihrem Eigentümer abnehmen zu lassen und sie dann Selbst nach
Seinem Gutdünken zu gebrauchen.
[GS.02_083,08] Man wird hier sagen: Er war ja
der Herr der ganzen Natur und Ihm gehörte ja ohnehin alles. Das ist richtig,
aber wie spricht Er denn in weltlicher Hinsicht, daß des Menschen Sohn keinen
Stein habe, und auf der andern Seite spricht Er, daß Er nicht gekommen ist, das
Gesetz aufzuheben, sondern es zu erfüllen bis auf ein Häkchen.
[GS.02_083,09] Wenn wir Seine Geschichte
verfolgen wollten, so würden wir noch manches finden, wo der große Gesetzgeber
nach den gegenwärtigen Eigentumsrechtsprinzipien und nach der umfassenden
juridischen Erklärung des siebenten Gebotes gegen eben diese Rechtsprinzipien
sich offenbar vergriffen hat. Was würde hier dem geschehen, der einem
Eigentümer einen Baum zerstörte oder der eine große Herde von Schweinen
vernichtete und dem mehr? Ich meine, wir haben der Beispiele genug, aus denen
sich mehr als klar ersehen läßt, daß der große Gesetzgeber mit diesem siebenten
Gebote einen ganz anderen Sinn verbunden hat, als er nach der Zeit von der
habsüchtigen und eigennützigen Menschheit ausgeheckt worden ist.
[GS.02_083,10] Man wird sagen: Das ist nun
ganz klar und ersichtlich; aber welchen Sinn Er damit verbunden hat, das liegt
noch hinter einem dichten Schleier! Ich aber sage: Nur Geduld! Haben wir bis
jetzt die falsche Auffassung dieses Gebotes gehörig beleuchtet, so wird die
rechte Bedeutung dieses Gebotes sich sicher auch leicht finden lassen; denn
jemand, der die Nacht zu durchblicken vermag, dem darf es doch wohl nicht bange
sein, daß er am Tage zu wenig Licht haben wird.
[GS.02_083,11] Was heißt denn hernach im
eigentlichen wahren Sinne: „Du sollst nicht stehlen?“ – Im eigentlichen Sinne
heißt das so viel:
[GS.02_083,12] Du sollst nimmer die göttliche
Ordnung verlassen, dich nicht außer dieselbe stellen und der Rechte Gottes dich
bemächtigen wollen. –
[GS.02_083,13] Was aber sind diese Rechte und
worin bestehen sie? Gott allein ist heilig und Ihm allein kommt alle Macht zu!
Wen Gott selbst heiliget und ihm die Macht erteilt, der besitzt sie rechtmäßig;
wer sich aber selbst heiligt und die göttliche Macht an sich reißt, um im
Glanze derselben eigennützig und habsüchtig zu herrschen, der ist im
wahrhaftigen Sinne ein Dieb, ein Räuber und ein Mörder!
[GS.02_083,14] Wer also eigenmächtig und
selbstliebig durch was immer für äußere Schein- und Trugmittel, seien sie
irdischer oder geistiger Art, sich über seine Brüder erhebt, der ist's, der
dieses Gebot übertritt. In diesem Sinne wird es auch diese Kinder hier gelehrt,
und ihnen auf praktischem Wege gezeigt, daß da kein Geist je die ihm innewohnende
Kraft und Macht eigenmächtig gebrauchen soll, sondern allzeit nur in der
göttlichen Ordnung.
[GS.02_083,15] Man wird aber jetzt sagen:
Wenn dem so ist, da ist das bekannte Stehlen und Rauben ja erlaubt. Ich aber
sage: Nur Geduld, die nächste Folge soll alles ins klare Licht bringen. – Für
jetzt aber wollen wir uns mit dem zufriedenstellen, indem wir einmal wissen,
was unter dem Stehlen zu verstehen ist, und daß der Herr durch dieses Gebot nie
ein Eigentumsrecht eingeführt hat. –
84. Kapitel – Winke über die soziale Frage.
[GS.02_084,01] Es läßt sich nun fragen, da
der Herr nie ein Eigentumsrecht eingeführt und daher auch unmöglich je ein
Gebot gegeben hat, durch welches man besonders ein erwuchertes Vermögen so
vieler geiziger Wucherer respektieren soll, und das gegenüber einer Unzahl der
allerärmsten Menschen, – ob man dann wohl stehlen dürfte, das nämlich, was sich
solche „Wucherer“, dem göttlichen Gesetze zuwider, zusammengescharrt haben?
Denn man nimmt doch einem Diebe nach den irdischen Gesetzen, sobald man ihn
ertappt, seine gestohlenen Sachen weg. Sollte man denn nicht umso mehr das
Recht haben, den allerbarsten Dieben und Räubern gegenüber dem göttlichen
Gesetze ihre zusammengeraubten Reichtümer wegzunehmen und sie unter die
Bedürftigen zu verteilen?
[GS.02_084,02] Nach dem Verstandesschlusse
könnte man gegen diese Forderung gerade nichts einwenden; aber der rechte
Mensch hat noch höhere Kräfte in sich als seinen Verstand. Was werden aber
diese zu dieser Verstandesbilligung sagen?
[GS.02_084,03] Fragen wir unsere
Nächstenliebe und unsere Gottesliebe. Was spricht sie in ihrem inwendigsten,
ewig lebendigen Geiste aus Gott? Sie spricht nichts anderes, als was der Herr
Selbst gesprochen hat, nämlich: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt!“ – Und
wer sein äußeres Leben liebt, der wird das innere verlieren; wer aber sein
äußeres Leben flieht und gering achtet, der wird das innere behalten. Das
spricht alsdann der innere Geist.
[GS.02_084,04] Wir sehen nirgends eine
Aufforderung, daß wir uns über die Güter der Reichen hermachen sollen. Der Herr
Selbst spricht: „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist.“ So befiehlt Er auch
nicht dem reichen Jünglinge, seine Güter zu verkaufen, sondern erteilt ihm nur
den freundschaftlichen Rat nebst der Verheißung des ewigen Lebens.
[GS.02_084,05] Da wir sonach nirgends auf ein
Gebot vom Herrn stoßen, durch welches Er ausdrücklich befohlen hätte, sich
irgendwie des Reichtums der Wucherer zu bemächtigen, so liegt es auch sicher
klar am Tage, daß ein wahrhaftiger Christenmensch nicht das Recht hat, sich
über die Güter der Reichen herzumachen. – Selbst derjenige, der in der größten
Not ist, hat vom Herrn aus kein irgend nachzuweisendes Recht, sich der Güter
selbst eines barsten Diebes zu bemächtigen; wohl aber hat bei einem großen
Notzustande ein ganzes Volk das Recht dazu.
[GS.02_084,06] Warum denn? Weil dann der Herr
Selbst im Volke waltend auftritt und bewirkt dadurch für die nimmersatten
Wucherer ein gerechtes Gericht. – Nur sollte sich da niemand, außer im höchsten
Notfalle, erlauben, die Wucherer und die reichen Hartherzigen zu ermorden,
sondern ihnen nur so viel von ihren höchst überflüssigen Schätzen wegzunehmen,
als das Volk zu seiner Unterstützung nötigst bedarf, um sich wieder auf die
Füße des friedlichen Erwerbes stellen zu können.
[GS.02_084,07] Dem reichen Wucherer aber
solle noch immer so viel gelassen werden, daß er auf der Welt keine Not leide;
denn das ist ja sein einziger Lohn für seine Arbeit. Der Herr aber will
niemanden strafen, sondern jedermann nur belohnen nach der Art seiner
Tätigkeit.
[GS.02_084,08] Da der Reiche und Wucherer
aber nach diesem Erdenleben nichts mehr zu erwarten hat, da ist es ja recht und
billig, daß er für sein Talent dort seinen Lohn findet, wo er gearbeitet hat.
[GS.02_084,09] Zudem will der Herr auch
keinen Menschen auf dieser Welt völlig richten, damit da für einen jeden die
Möglichkeit noch vorhanden bleibe, sich freiwillig von der Welt abzuwenden und
zum Herrn zurückzukehren. Würde nun solch einem reichen Wucherer alles weggenommen
werden, so erscheint er schon als völlig gerichtet; denn Verzweiflung wird sich
seiner bemächtigen und eine endlose Zornwut, in der er unmöglich je den Weg des
Heils betreten kann. Ist ihm aber noch ein genügendes Vermögen gelassen worden,
so ist er fürs erste keiner irdischen Not ausgesetzt und erscheint auch nicht
als völlig unbelohnt für sein Spartalent; fürs zweite aber kann er in diesem
Zustande als nicht völlig gerichtet ja auch noch den Rat befolgen, den der Herr
dem reichen Jünglinge gegeben hat, und kann dadurch zum ewigen Leben gelangen.
[GS.02_084,10] Am wenigsten aber sollen bei
solchen äußersten Unternehmungen von seiten eines tiefverarmten Volkes blutige
Grausamkeiten ausgeübt werden; denn sobald solches geschieht, da wirkt nicht
mehr der Herr mit dem Volke und das Volk wird seine Tat nicht gesegnet sehen!
Denn wenn es heute siegen wird, so wird es morgen wieder geschlagen, und da
wird ein Blut wider das andere fließen! Nie soll der Mensch vergessen, daß alle
Menschen seine Brüder sind. Was er unternimmt, das soll er stets mit einem
liebeerfüllten Herzen unternehmen; niemandem soll er je etwas Böses tun wollen,
sondern allezeit nur etwas Gutes, besonders im geistigen Teile zum ewigen Leben
Wirkendes.
[GS.02_084,11] Ist so sein Sinn beschaffen,
dann wird der Herr seine Handlung segnen, im Gegenteile aber verfluchen! Denn
so der Herr Selbst niemandem ein ewig tödlicher Richter sein will, dem doch
alle Gewalt im Himmel und auf Erden eigen ist, und Er niemanden zu fragen hat,
was Er tun oder nicht tun soll, um so weniger soll ein Mensch auf der Erde
etwas nach seinem argen Willen tun.
[GS.02_084,12] Wehe aber dem Volke, welches
ohne die äußerste Notwendigkeit sich gegen die Reichen und Mächtigen erhebt!
Das wird für seine Tat bitterst gezüchtigt werden; denn die Armut ist des
Herrn. Wer den Herrn liebt, der liebt auch die Armut; der Reichtum und das
Wohlleben aber ist der Welt und des Satans! Wer nach diesem trachtet, was der
Welt ist, und es liebt, der hat sich vom Scheitel bis zur Zehe dem Satan
einverleibt!
[GS.02_084,13] Solange also irgendein Volk
sich des Tages nur einmal halbwegs sättigen und noch das Leben erhalten kann,
so lange auch soll es sich nicht erheben. Wenn aber die Reichen und Wucherer
beinahe alles an sich gerissen haben, so daß Tausenden von armen Menschen
augenscheinlichst der Hungertod droht, dann ist es Zeit, sich zu erheben und
die überflüssigen Güter der Reichen untereinander zu teilen; denn dann will es
der Herr, daß die Reichen bis zu einem großen Teile für ihre schändliche
Eigenliebe und Habsucht gezüchtigt werden sollen.
[GS.02_084,14] Zum Schlusse der Abhandlung
über dieses Gebot dürfte vielleicht noch jemand fragen, ob die Zinsnahme für
geliehene Kapitalien nicht gewisserart auch wider das siebente Gebot ist? Da sage
ich: Wenn in einem Staate der Zinsfuß gesetzlich bestimmt ist, so ist es auch
erlaubt, nach diesem Zinsfuße von den Reichen die Interessen zu nehmen; hat
aber jemand einem Bedürftigen ein erforderliches Kapital geliehen, so soll er
dafür keine Zinsen verlangen.
[GS.02_084,15] Hat sich dieser Notdürftige
mit diesem Kapital insoweit geholfen, daß er sich nun in seiner
Gewerbshantierung bürgerlich wohl befindet, so soll er darauf bedacht sein, das
geliehene Kapital seinem Freunde wieder zurückzuerstatten. Will er aus
Dankbarkeit die gesetzlichen Zinsen zahlen, so soll sie der Ausleiher nicht
annehmen, wohl aber den Rückzahler erinnern, solche an seine ärmeren Brüder zu
verabfolgen nach seiner Kraft.
[GS.02_084,16] Ganz Armen aber soll niemand
ein Kapital leihen, sondern was einer ihnen gibt, das soll er ihnen ganz geben.
Das ist in dieser Hinsicht der Wille des Herrn. Wer ihn befolgt, der wird des
Herrn Liebe haben. – Da wir somit alles berührt haben, was dieses Gebot
betrifft, so können wir uns sogleich in den achten Saal begeben, allda wir ein
Gebot kennen lernen werden, das diesem siebenten in vieler Hinsicht gleichen
wird. –
85. Kapitel – Achter Saal – 8. Gebot. Die
materielle Hülle – das Mittel zum Lügen.
[GS.02_085,01] Wir sind im achten Saale und
sehen da auf der uns aus allen früheren Sälen wohlbekannten Rundtafel mit
deutlicher Schrift gezeichnet: „Du sollst kein falsches Zeugnis geben“ – oder
was ebensoviel sagt: Du sollst nicht lügen! –
[GS.02_085,02] Es klingt dieses Gebot im
Reiche der reinen Geister wohl sonderbar, indem ein Geist in seinem reinen
Zustande aller Lüge unfähig ist. Ein Geist kann unmöglich anders sprechen, als
wie er denkt, da der Gedanke schon sein Wort ist. Der Geist im reinen Zustande
kann darum auch keine Unwahrheit über seine Lippen bringen, weil er ein
einfaches Wesen ist und in sich keinen Hinterhalt haben kann.
[GS.02_085,03] Der Lüge ist sonach nur ein
unreiner Geist fähig, wenn er sich mit einer Materie umhüllt. Ist aber ein
Geist, auch von unreiner Beschaffenheit, seiner gröberen Umhüllung ledig, so
kann er auch keine Unwahrheit aussprechen.
[GS.02_085,04] Aus diesem Grunde umhüllen
sich denn auch die argen Geister mit allerlei groben Truggestalten, um in
dieser Umhüllung lügen zu können.
[GS.02_085,05] Also mußte sich auch der
bekannte „Satan“ im Paradiese vor dem ersten Menschenpaare mit der materiellen
Gestalt einer Schlange umhüllen, auf daß er dadurch in sich einen Hinterhalt
bekam und hernach anders denken und anders sprechen konnte.
[GS.02_085,06] Aus diesem alleinigen Grunde
sind auch die Menschen auf Erden imstande zu lügen so oft sie wollen, weil sie
in ihrem Leibe einen Hinterhalt haben und können von diesem aus die Maschine
des Leibes gerade in entgegengesetzter Richtung von dem bewegen, was sie
denken.
[GS.02_085,07] Solches jedoch, wie bemerkt,
ist den reinen Geistern nicht möglich. Sie können sich zwar, so sie sich
irdischen Menschen gegenüber äußern, in Entsprechungen kundgeben und sagen dann
auch nicht selten etwas ganz anderes, als was der innere Sinn ihrer Rede
darstellt. Aber das heißt nicht lügen, sondern die geistige Wahrheit in
irdische Bilder legen, welche dieser Wahrheit genau entsprechen.
[GS.02_085,08] Wir sehen aber aus dem, daß
dieses Gebot für die Geister gar nicht taugt, indem sie der Fähigkeit zu lügen
gänzlich ermangeln.
[GS.02_085,09] Für wen aber gilt hernach
dieses Gebot? – Ich weiß, man wird mit der Antwort bald fertig werden und
sagen: Es gilt für die mit Materie umhüllten Geister und gebietet ihnen, ihre
Umhüllung nicht anders zu gebrauchen, als wie in ihnen ihr Denken und aus
demselben hervorgehendes Wollen im reingeistigen Zustande beschaffen ist.
[GS.02_085,10] Wir wissen aber, daß dieses
Gebot, so gut wie alle früheren, von Gott, als dem Urgrunde alles Geistigen,
ausgeht. Als solches aber kann es unmöglich nur eine materielle und nicht
zugleich auch eine geistige Geltung haben.
[GS.02_085,11] Um der Sache aber so recht auf
den Grund zu kommen, müssen wir erörtern, was unter „Lügen“ oder „falsches
Zeugnis geben“ eigentlich zu verstehen ist. Was ist denn die Lüge oder ein
falsches Zeugnis in sich selbst? Ihr werdet sagen: Eine jegliche Unwahrheit.
Aber ich frage: Was ist denn eine Unwahrheit? Da dürfte wohl auch jemand mit
der Antwort bald fertig werden und sagen: Jeder Satz, welchen der Mensch
ausspricht, um dadurch jemanden zu täuschen, ist eine Unwahrheit, eine Lüge,
„ein falsches Zeugnis“. Es ist dem außen nach alles gut, aber nicht also dem
innen nach. Wir wollen dafür eine kleine Probe aufstellen.
[GS.02_085,12] Frage: Kann der Wille denken?
Ein jeder Mensch muß solches verneinen, indem er offenbar sagen muß: Der Wille
verhält sich zum Menschen wie das Zugvieh zum Wagen. Dieses zieht denselben
wohl kräftig; aber wo wird es den Wagen hinbringen ohne den denkenden Fuhrmann?
[GS.02_085,13] Weiter frage ich: Kann der
Gedanke wollen? Kehren wir zum Fuhrwerk zurück. Kann der Fuhrmann bei dem
besten Verstande ohne Zugkraft der Lasttiere den schweren Wagen von der Stelle
bringen? Ein jeder wird hier sagen: Da können tausend der gescheitesten Fuhrleute
neben dem schwer belasteten Wagen alle möglichen philosophischen Grundsätze
aufstellen, und dennoch werden sie mit all diesen Prachtgedanken den Wagen so
lange nicht von der Stelle bringen, als bis sie in ihren Gedanken darin
übereinkommen, daß vor dem Wagen eine demgemäße Zugkraft angebracht werden muß.
[GS.02_085,14] Aus diesem Beispiele haben wir
nun gesehen, daß der Wille nicht denken, und daß der Gedanke nicht wollen kann.
Sind aber Gedanke und Wille vereint, so kann der Wille doch nur das tun, wozu
ihn der Gedanke leitet.
[GS.02_085,15] Nun aber frage ich weiter:
Wenn es sich mit der Sache also verhält, wer kann dann lügen aus dem Menschen?
Der Wille sicher nicht, denn dieser ist ein Etwas, das sich allezeit nach dem
Lichte des Gedankens richtet. Kann der Gedanke lügen? Sicher nicht, er ist
einfach und kann sich nicht teilen. Wird der Leib etwa lügen können im
Menschen? Wie der Leib lügen könnte als eine für sich tote Maschine, welche nur
durch den Gedanken und Willen des Geistes durch die Seele zur Tätigkeit
angeregt wird, das wäre wirklich überaus merkwürdig in Erfahrung zu bringen.
[GS.02_085,16] Ich entdecke aber soeben einen
Psychologen, und zwar aus der Klasse der geistigen Dualisten, dieser spricht:
Die Seele des Menschen ist auch ein sich selbst bewußtes denkendes Wesen und
denkt zum Teil aus den naturmäßigen und zum Teil aus den geistigen Bildern. So
können sich in ihr gar wohl zweierlei Arten von Gedanken bilden, nämlich
naturmäßige und geistige. Sie kann daher wohl die geistigen in sich denken, da
ihr aber auch der Wille des Geistes zur Disposition steht, so kann sie anstatt
der auszusprechenden Wahrheit oder des geistigen Gedankens den naturmäßigen,
der geistigen Wahrheit ganz entgegengesetzten Gedanken aussprechen. Und tut sie
das, so lügt sie oder gibt ein falsches Zeugnis. Was meinet ihr wohl, ist
dieser Schluß richtig?
[GS.02_085,17] Den Anschein von Richtigkeit
hat er, für den äußeren Menschen genommen betrachtet, wohl, aber im Grunde des
Grundes ist er dennoch falsch; denn was für eine Tätigkeit würde da wohl zum
Vorscheine kommen, wenn man zur Fortschaffung etwa eines Wagens vorne sowie
rückwärts gleich viele und gleich starke Zugpferde und daneben auch Fuhrleute
zur Leitung der Pferde anspannen und anstellen möchte?
[GS.02_085,18] Wie der Wagen nie von der
Stelle gebracht würde, also möchte es doch wohl auch mit dem Leben eines
Menschen aussehen, wenn dasselbe sich auf zwei entgegengesetzte lebendige
Prinzipien gründen möchte. Das wäre gerade so viel wie plus 1 und minus 1,
welches addiert null gibt.
[GS.02_085,19] Es muß also nur ein lebendes
Prinzip sein; wie aber kann dieses lügen und falsches Zeugnis geben?
[GS.02_085,20] Entweder kann dieses eine
Prinzip, wie erwiesen, gar nicht lügen und falsches Zeugnis geben, oder unter
dem Begriffe „lügen“ und „falsches Zeugnis geben“ muß grundsätzlich etwas
anderes verstanden werden, als was bisher verstanden wurde.
[GS.02_085,21] Da sagt freilich jemand: Wenn
die Sache so zu nehmen ist, so ist eine jede uns bekannte Lüge, jeder falsche
Eid, wie auch jeder Wortbetrug als unsündhaft und frei gang und gäbe zu
betrachten. Gut, sage ich, die Einwendung wäre so übel nicht, aber nach eurem
Sprichworte: „Wer zuletzt lacht, der lacht am besten“ werden wir uns ein
ähnliches Vergnügen auf den Schluß vorbehalten. –
86. Kapitel – Was ist ein falsches Zeugnis?
[GS.02_086,01] Damit wir aber diesen
gordischen Knoten auch gewisserart mit einem Hiebe zu entwirren vermögen, so
wollen wir gleich an die Erörterung des Hauptbegriffes in diesem achten Gebote
gehen.
[GS.02_086,02] Wir wissen, daß vom Herrn aus
einem jeden Geiste ein freier Wille und also auch ein freier Gedanke zur
Beleuchtung des freien Willens gegeben ward. Dieser Gedanke im Geiste ist
eigentlich die Sehe und das Licht des Geistes, durch welches er die Dinge in
ihrer naturmäßigen Sphäre erschauen kann.
[GS.02_086,03] Neben diesem Lichte, das jeder
Geist eigentümlich von Gott wesenhaft erhalten hat, hat er auch noch eine
zweite Fähigkeit, ein innerstes, allerheiligstes Licht von Gott aufzunehmen;
aber nicht durch sein Auge, sondern durch das Ohr, welches eigentlich auch ein
Auge ist. Wohl kein Auge zur Aufnahme äußerer Erscheinlichkeiten, welche
hervorgebracht werden durch den allmächtigen Willen des Herrn, sondern es ist
ein Auge zur Aufnahme des reingeistigen Lichtes aus Gott, nämlich des Wortes
Gottes.
[GS.02_086,04] Solches möget ihr schon aus
eurer noch naturmäßigen Beschaffenheit erkennen, wenn ihr nur einigermaßen
darauf achtet, wie sehr verschieden das ist, was ihr durch eure Augen erschauet
und daneben durch eure Ohren erhorchet. Durch eure Augen könnt ihr nur
naturmäßige Bilder erschauen, mit euren Ohren aber könnt ihr Strahlen aus der
innersten göttlichen Tiefe aufnehmen.
[GS.02_086,05] Ihr könnt die Sprache der
Geister in der Harmonie der Töne vernehmen oder besser gesagt: ihr könnet die
geheimen Formen der innersten geistigen Schöpfung schon äußerlich materiell
durch eure fleischlichen Ohren vernehmen. Wie tief zurück steht da das Auge
gegen das Ohr!
[GS.02_086,06] Sehet, also ist es auch bei
dem Geist. Er ist vermöge solcher Einrichtung befähigt, Zweifaches aufzunehmen,
nämlich das äußere Bildliche und das innere wesenhaft Wahre.
[GS.02_086,07] In diesem Doppelschauen liegt
das Geheimnis des freien Willens zugrunde.
[GS.02_086,08] Ein jeder Mensch, sei er rein
geistig oder noch mit der Materie umhüllt, hängt durch diese Fähigkeit ganz
natürlichermaßen zwischen einem Äußeren und zwischen einem Inneren. Er kann
sonach allezeit eine zahllose Menge von Außenformen erschauen, kann aber auch
zu gleicher Zeit ebensoviel der inneren, rein göttlichen Wahrheit in sich
aufnehmen.
[GS.02_086,09] Mit dem Lichte von außen faßt
er nichts von all dem Geschauten als bloß die äußere Form und kann dadurch in
sich selbst eben durch die Aufnahme dieser Formen der Schöpfer seiner Gedanken
sein.
[GS.02_086,10] Mit diesen Gedanken kann er
auch seinen frei disponiblen Willen in Bewegung setzen, wie und wann er will.
[GS.02_086,11] Gebraucht er das andere Auge
des inneren göttlichen Lichtes nicht, sondern begnügt und beschäftigt er sich
bloß mit den Formen, so ist er ein Mensch, der sich offenbar selbst betrügt;
denn die Formen sind für ihn so lange leere Erscheinungen, solange er sie nicht
in ihrer Tiefe erfassen kann.
[GS.02_086,12] Wenn aber ein Mensch auch
zugleich vom Herrn aus das innere Licht hat und erschaut, so er nur will, das
Innere der Formen, verstellt sich aber selbst dabei und zeugt von den
Außenformen anders, als er ihre hohe Bedeutung mit dem inneren geistigen Auge,
welches das Ohr ist, erschaut, so gibt er den äußerlich erschauten Formen doch
offenbar ein falsches Zeugnis.
[GS.02_086,13] Hier haben wir das nun schon
aus der Wurzel erörtert, was im Grunde des Grundes „ein falsches Zeugnis geben“
heißt. In der Hauptsache aber kommt es wieder darauf an, daß der Mensch von der
göttlichen Wahrheit in sich nicht anders reden soll, als er sie in sich
gewahrt.
[GS.02_086,14] Im Allerinwendigsten aber
verhält sich die Sache also: Die Liebe ist gleich dem inwendigst erschauten
Wahrheitslichte unmittelbar aus Gott, und die Weisheit ist gleich dem
ausstrahlenden Lichte aus Gott durch alle unendlichen ewigen Räume.
[GS.02_086,15] So aber jemand die Liebe hat,
wendet sie aber nicht an, sondern ergreift nur mit seinem äußeren Lichte und
seinem von diesem Lichte geteilten Willen die nach außen fortwährend mehr und
mehr ins Unendliche gehenden Strahlen, so wird er immer schwächer, aber zufolge
seines Ausfluges nach allen Seiten geistig genommen stets aufgeblähter und auch
stets weniger empfänglich für das inwendige Liebewahrheitslicht aus Gott.
[GS.02_086,16] Wenn das der Fall ist, so wird
ein solcher Mensch Gott stets unähnlicher und gibt dadurch mit jedem Atome
seines Seins der göttlichen Wesenheit, deren vollkommenes Ebenmaß er sein
sollte, ein vom Grunde aus falsches Zeugnis.
[GS.02_086,17] Wer demnach das göttliche Wort
vernimmt, folgt aber demselben nicht, sondern folgt nur dem, was seine äußeren
Augen besticht und dadurch seinen sinnlichen Willen reizt, der gibt mit einem
jeden Tritte, den er macht, mit einem jeden Worte, das er spricht, mit einer
jeden Bewegung der Hand, die er macht, ein falsches Zeugnis. Wenn er auch die
reinste göttliche Wahrheit, das reine Wort des Evangeliums reden möchte, so
lügt er aber doch und gibt dem Herrn ein falsches Zeugnis, weil er nicht nach
dem Worte und nach der Wahrheit handelt.
[GS.02_086,18] So jemand betet und verrichtet
seine Andacht zu Gott, lebt aber nicht nach dem Worte des Herrn, der ist ein
Lügner, soweit er warm und lebendig ist. Sein Gebet ist da nur eine äußere
Formel, deren innerer Wert gänzlich verlorengeht, weil das innere göttliche
Licht nicht dazu verwendet wird, das Inwendige dieser äußeren Form zu
beleuchten und zu beleben.
[GS.02_086,19] Es ist geradeso, als wenn
jemand mit der größten Entzückung einen Stern betrachtet. Was nützt ihm all
diese Entzückung und Betrachtung, wenn er den Stern nicht in seiner völligen
Nähe als eine wundervolle Welt betrachten kann? Er gleicht da einem Hungernden
vor einem versperrten Brotschranke. Er mag diesen Brotschrank noch so
sehnsüchtig und noch so verehrend betrachten, wird er aber davon gesättigt?
Sicher nicht. Denn solange er nicht in das Innere des Brotes beißen und
dasselbe aufnehmen kann in seinen Magen, wird ihm alle Betrachtung, Verehrung
und Entzückung vor dem Brotschranke nichts nützen.
[GS.02_086,20] Wie aber kann man den
Brotschrank der wahren Gottähnlichkeit wohl in sich eröffnen und sich sättigen?
Sicher nicht anders, als indem man das inwendigste Mittel in sich gebraucht und
sich sogestalt nach der von Gott vernommenen Wahrheit richtet. Daß man ferner
von den nach außenhin geschauten Formen nur das zum tätigen Gebrauche aufnimmt,
was und wie weit man dasselbe mit dem innersten Lichte als völlig in der
Entsprechung übereinstimmend und sonach göttlich wahr gefunden hat. Sobald das
nicht der Fall ist, ist alles, was der Mensch tut und unternimmt, ein falsches
Zeugnis über die innere göttliche Wahrheit und somit eine bare Lüge gegenüber
einem jeden Nebenmenschen.
[GS.02_086,21] Darum spricht der Herr: „Wer
da betet, der bete im Geiste und in der Wahrheit“, und: „So ihr betet, da gehet
in euer Kämmerlein“, und weiter: „Denket nicht, was ihr reden werdet, sondern
zur Stunde wird es euch in den Mund gelegt werden.“
[GS.02_086,22] Hier sind offenbar die äußeren
Gedanken angezeigt, welche schon darum an und für sich keine Wahrheit sind,
weil sie Gedanken sind; denn die Wahrheit ist inwendigst, ist das Motiv zur
Handlung nach dem Worte Gottes und gibt sich allezeit eher kund als eine darauf
folgende leere Gedankenflut.
[GS.02_086,23] Demnach soll sich auch ein
jeder nach dieser inneren Wahrheit richten und danach tätig sein. Er wird so
stets mehr und mehr seine Gedanken mit diesem inneren Lichte werktätig
verbinden und dadurch in sich zur Einheit und somit zur göttlichen Ähnlichkeit
gelangen, in welcher es ihm dann für ewig unmöglich wird, einen Lügner zu
machen.
[GS.02_086,24] Daß aber dann auch ein jeder,
der anders spricht, als er denkt, und anders handelt, als er spricht und denkt,
ein Lügner ist, versteht sich von selbst; denn ein solcher ist schon ganz in
der alleräußersten, gröbsten Materie begraben und hat seinem Geiste die ganze
göttliche Form genommen. – Also wird auch diesen Schülern hier dieses Gebot
seinem inwendigsten Gehalte nach erläutert. Da wir solches wissen, so können
wir uns sogleich weiter in den neunten Saal begeben. –
87. Kapitel – Neunter Saal – 9. Gebot.
[GS.02_087,01] Wir sind bereits im neunten
Saale und erschauen allda wieder unsere Rundtafel, auf welcher geschrieben
steht:
[GS.02_087,02] „Du sollst nicht nach dem
verlangen, was deines Nächsten ist, weder nach seinem Hause, nach seinem
Ochsen, nach seinem Esel und nach seinem Grunde, noch nach allem dem, was auf
demselben wächst.“ –
[GS.02_087,03] Wenn wir dieses Gebot
betrachten, so müssen wir offenbar uns in die nämlichen Urteile verlieren und
die nämliche Kritik durchmachen, die wir bereits im siebenten Gebote
kennengelernt haben. Denn auch hier ist abermals vom Eigentum die Rede, und daß
man nach dem kein Verlangen haben soll, was da einer oder der andere sich nach
außenhin rechtlich zueignete.
[GS.02_087,04] Wer sollte da nicht sogleich
wieder auf die Frage kommen und sagen: Wie konnte wohl dieses Gebot dem
israelitischen Volk in der Wüste gegeben werden, wo daselbst doch niemand weder
ein Haus, noch einen Ochsen, noch einen Esel, noch einen Grund und eine Saat
auf demselben hatte? Man müßte sich dieses Eigentum bei dem israelitischen
Volke gegenseitig nur eingebildet haben. Und da könnte es allenfalls heißen:
Wenn sich dein Nächster irgendetwas Ähnliches zu besitzen einbildet, so sollst
du dir nicht auch einbilden, etwas Ähnliches oder gar die Einbildung deines
Nächsten selbst dir also eigentümlich einzubilden, als wäre sie im Ernste dein
Eigentum oder als möchtest du sie wenigstens eigentümlich besitzen.
[GS.02_087,05] Ich meine, es werden hier
nicht viele kritische Urteile vonnöten sein, um das überaus Luftige eines
solchen Gebotes auf den ersten Blick einzusehen. Ein Gebot muß ja allezeit nur
zu irgendeiner Sicherung einer festen Realität da sein, an deren Verlust einem
jeden etwas gelegen sein muß. Was aber ein Luftschlösserarchitekt gegen einen
andern Luftschlösserarchitekten verliert, so dieser sich im Ernste die
gesetzwidrige Dreistigkeit nehmen sollte, seinem Gefährten ähnliche
Luftschlösser zu bauen, ich meine, solch einen enormen Schaden abzuwägen, dazu
würde wohl eine überaus feine, ja geradezu ätherisch geisterhafte Haarwaage
vonnöten sein. Sollte auch nach der Meinung einer gewissen Sekte auf der Erde
der Erzengel Michael mit dergleichen Instrumenten im Ernste zum Überflusse
versehen sein, so bin ich aber doch fest überzeugt: ein so überaus
zartfühlendes Gewicht-Maßinstrument fehlt ihm sicher.
[GS.02_087,06] Ich zeigte aber hier solches
nur an, um dadurch das völlig Nichtige eines rein eingebildeten Besitztumes so
klar als möglich vor die Augen zu stellen. Wenn sich die Sache aber also
verhält, wozu dann ein solches Gebot, das durchaus keine Sicherung des
Eigentums eines andern im Schilde führen kann, wo niemand ein ähnliches
Eigentum besitzt, nach dem man zufolge dieses Gebotes kein Verlangen tragen
soll?
[GS.02_087,07] Man wird aber hier einwenden
und sagen: Der Herr hat das vorausgesehen, daß sich die Menschen mit der Zeit
untereinander ein Eigentumsrecht schaffen werden, und hat in dieser Hinsicht
bei dieser Gelegenheit schon im voraus ein Gebot erlassen, durch welches ein
künftiges Eigentum der Menschen gesichert sein sollte und niemand ein
gegenseitiges Recht habe, sich das Eigentum seines Nächsten auf was immer für
eine Art zueignen zu dürfen. Das wäre ein schöner Schluß! Ich meine, man könnte
der göttlichen Liebe und Weisheit nicht leichtlich eine größere Entehrung
zufügen als durch ein solches Urteil.
[GS.02_087,08] Der Herr, der es doch sicher
vor allem einem jeden Menschen abraten wird, sich auf der Erde etwas
anzueignen, der Herr, vor dem jeder irdische Reichtum ein Greuel ist, sollte
ein Gebot erlassen haben zum Behufe und zur Begünstigung der Habsucht, der
Eigenliebe, des Wuchers und des Geizes, ein Gebot zur sicheren Erweckung des
gegenseitigen Neides?
[GS.02_087,09] Ich glaube, es wird hier nicht
vonnöten sein, noch mehr Worte zu verlieren; denn das Widersinnige solch einer
Exegese liegt zu offen vor jedermanns Augen, als daß es nötig wäre, ihn durch
ein langes und breites daraufzuführen.
[GS.02_087,10] Um aber die Sache doch auch
für den Blindesten handgreiflich zu machen, frage ich einen jeden
grundgelehrten Juristen: Worauf gründet sich denn ursprünglich das
Eigentumsrecht? Wer hat denn dem ersten Menschen das Eigentumsrecht einer Sache
eingeräumt? Nehmen wir ein Dutzend Auswanderer in einem noch unbewohnten
Erdstriche an. Sie finden ihn und siedeln sich dort an. Laut welcher Eigentums-
und Besitzrechts-Urkunde können sie sich denn eines solchen Landes als
Eigentümer bemächtigen und sich dort als rechtmäßige Besitzer seßhaft machen?
[GS.02_087,11] Ich weiß schon, was man hier
sagen wird: Wer zuerst kommt, hat das Grundrecht. Gut, sage ich, wer aber hat
demnach von den zwölf Auswanderern mehr oder weniger Recht auf das gefundene
Land? Man wird sagen: Streng genommen hat der erste Veranlasser zu der
Auswanderung, oder der, der allenfalls vom Verdeck eines Schiffes dieses Land
zuerst erschaut hatte, mehr Recht. Gut, was hat aber der Veranlasser vor den
andern voraus? Wären sie nicht mit ihm gezogen, so wäre er sicher auch daheim
geblieben. Was hat denn der erste Erschauer vor den übrigen voraus? Daß er
vielleicht schärfere Augen als die anderen hat? Sollen dann dieses nur ihm
zugute kommenden Vorzuges wegen die anderen benachteiligt sein? Das wäre doch etwas
zu unbillig geurteilt. Also müssen doch sicher alle zwölf ein gleiches
Eigentumsrecht auf dieses vorgefundene Land haben.
[GS.02_087,12] Was werden sie aber tun
müssen, um ihr gleiches Besitztumsrecht auf dieses Land zu realisieren? Sie
werden es teilen müssen in zwölf gleiche Teile. Wer aber sieht bei dieser
Teilung nicht auf den ersten Wurf die kommenden Zwistigkeiten? Denn sicher wird
der A zum B sagen: Warum muß denn gerade ich diesen Teil des Landes in Besitz
nehmen, der nach meiner Beurteilung offenbar schlechter ist als der deinige?
Und der B wird aus demselben Grunde erwidern: Ich sehe nicht ein, warum ich
meinen Landteil gegen den deinigen vertauschen soll. Und so können wir unsere
zwölf Kolonisten zehn Jahre lang das Land teilen lassen, und wir werden es
nicht erleben, daß die Teilung allen vollkommen recht sein wird.
[GS.02_087,13] Werden aber diese Zwölf
untereinander übereinkommen und das Land zu einem Gemeingute machen; kann da
unter den Zwölfen ein das Eigentum sicherndes Gebot erlassen werden? Kann einer
dem andern etwas wegnehmen, wenn das ganze Land allen gleich gehört und somit
auch dessen Produkte, von denen ein jeder nach seinem Bedarf nehmen kann, ohne
dem andern dafür eine Rechnung zu legen?
[GS.02_087,14] Man ersieht hier im ersten Falle,
daß ursprünglich eine Eigentumsrechtsschaffung nicht leichtlich denkbar ist. Um
zu sehen, daß solches wirklich der Fall ist, dürfet ihr nur auf die ersten
Ansiedler gewisser Gegenden eures eigenen Landes hinblicken, z.B. auf die
sogenannten Herren-Kloster-Geistlichen, die gewisserart die ersten Kolonisten
einer Gegend waren. Wären sie mit der Teilung zurechtgekommen und hätten sie
selbe als gut befunden, so würden sie sicher kein Gemeingut gebildet haben.
[GS.02_087,15] Kurz und gut, wir können tun,
was wir wollen, so können wir nirgends ein ursprüngliches Eigentumsrecht
finden. Und wenn da jemand mit seinem Grundrecht kommt, da frage ich, ob man
den Nachkömmling bei seinem Auftreten in der Welt entweder gleich töten oder
ihn langsam verhungern lassen solle? Oder soll man ihn aus diesem Lande
treiben; oder ihn auf die Barmherzigkeit der Grundbesitzer anweisen, ihn
daneben aber sogleich gegen diese mit dem neuesten Gebote belegen?
[GS.02_087,16] Ich meine, da ließe sich doch
wohl fragen, aus welchem Grunde ein solcher Nachkömmling gegen die
Grundrechtbesitzer sogleich bei seinem ersten Auftreten, für das er nicht kann,
zu einem Sündenbocke gemacht werden sollte, während die ersten sich gegenseitig
in dieser Art nie versündigen können? Welcher Jurist kann mir wohl ein solches
Benehmen als rechtskräftig beweisen? Ich meine, man müßte hier nur einen Satan
zum Advokaten machen, der solches zu erweisen imstande wäre; denn einem jeden
nur einigermaßen recht und billig denkenden Menschen dürfte ein solcher Rechtsbeweis
unmöglich sein.
[GS.02_087,17] Ich sehe aber schon, man wird
sagen: Bei den ersten Kolonisierungen eines Landes kann zwischen den Kolonisten
freilich kein wechselseitiges Eigentumsrecht statthaben, besonders wenn sie
sich untereinander einvernehmlich für das Gemeingut ausgeglichen haben. Aber
zwischen Kolonisationen, welche die ersten Staatenbildungen sind, tritt doch
sicher das Eigentumsrecht ein, sobald sie sich gegenseitig als bestehend
festgestellt haben.
[GS.02_087,18] Gut, sage ich, ist das der
Fall, so muß sich eine jede Kolonie mit einem ursprünglichen Eigentumsrechte
ausweisen. Wie aber kann sie das, nachdem sie nur ein Nutzungsrecht vom Herrn
aus hat, aber kein Besitzrecht?
[GS.02_087,19] Das Nutzungsrecht hat seine
Urkunde in dem Magen und auf der Haut. Wo aber spricht sich das Besitzrecht
aus, besonders wenn man erwägt, daß ein jeder Mensch, sei er einheimisch oder
ein Fremdling, in seinem Magen und auf seiner Haut dieselbe göttliche
vollgültige Nutzungsrechtsurkunde mit sich bringt, wie sie der Einheimische
hat? Wenn man sagt: Das Besitzrecht hat seinen Grund ursprünglich im
Nutzungsrechte, so hebt dieser Satz sicher jedes spezielle Besitztum auf, weil
jeder das gleiche Nutzungsrecht hat. Kehrt man aber die Sache um und sagt: Das
Besitzrecht verschafft einem erst das Nutzungsrecht, da kann man dagegen nichts
anderes sagen als das alte Rechtswort: „Potiori jus“, was mit anderen Worten so
viel sagen will als: Schlage so viel Nutzungsrechtsbesitzende tot, daß du dir
allein einen Strich Landes durch die Gewalt deiner Faust völlig zueignen
kannst.
[GS.02_087,20] Sollte etwa noch einigen
fremden Nutzungsrechtsbesitzern der Appetit kommen, dir dein erkämpftes
Besitztum laut ihres göttlichen Nutzungsrechtes streitig zu machen, so schlage
sie alle tot oder setze sie wenigstens im besseren Falle als steuerpflichtige
Untertanen ein, damit sie in deinem erkämpften Besitztume im Schweiße ihres
Angesichtes für dich arbeiten und du ihnen dann ihr Nutzungsrecht nach deinem
Wohlgefallen bemessen kannst.
[GS.02_087,21] Wer kann, von göttlicher Seite
betrachtet, den Krieg rechtfertigen? Was ist er? Nichts als ein grausamster
Gewaltstreich, das Nutzungsrecht den Menschen zu nehmen und dafür ein
Besitzrecht gewaltsam einzuführen, das heißt, das göttliche Recht zu vertilgen
und an dessen Stelle ein höllisches einzuführen.
[GS.02_087,22] Wer könnte demnach wohl von
Gott aus ein Gesetz erwarten, welches das ursprüngliche, in jedermanns Wesen
sich deutlich beurkundende göttliche Nutzungsrechtsgesetz aufheben und an dessen
Stelle mit göttlicher Macht und Autorität ein höllisches Besitztumsgesetz
rechtskräftigen sollte? – Ich meine, das Widersinnige dieser Behauptung ist für
einen Einzelblinden sogar sonnenhell und klar ersichtlich und mit
behandschuhten Händen zu greifen.
[GS.02_087,23] Daraus geht aber hervor, daß
dieses Gesetz sicher eine andere Bedeutung haben muß, als es die Menschen
darstellen, wo es nur das Besitztum sichert. Als göttliches Gesetz muß es ja
auch in allen Himmeln aus der Tiefe der göttlichen Ordnung gültig sein. Wo aber
besitzt jemand im Himmel Häuser, Ochsen, Esel und Äcker? Im Himmel sind lauter
Nutzungsrechtige, und der Herr allein besitzungsrechtig. – Wir wollen daher
sogleich zu der rechten Bedeutung dieses Gesetzes übergehen. –
88. Kapitel – Betrachtungen zum 9. Gebot.
[GS.02_088,01] Bevor wir jedoch die volle
Löse aussprechen wollen, wird es notwendig sein, noch einige Bemerkungen
voranzuschicken, durch welche so manchen juridischen Vielfraßen und
übergelehrten Völkerrechts-Verkündigern der Mund gestopft werden soll. Denn
diese könnten etwa das Besitzrecht vom Sammelrechte ableiten, wodurch sie uns
wenigstens scheinbar schlagen könnten. Daher wollen wir uns auch in diesem
Punkte verschanzen.
[GS.02_088,02] Es ist allerdings nicht in
Abrede zu stellen, daß jedermann vor dem Nutzungsrechte das Sammelrecht haben
muß. Denn bevor sich jemand nicht mit seinen Händen und mit seiner Kraft etwas
holt und zubereitet, kann er sein Nutzungsrecht nicht geltend machen. Das ist
einmal richtig, bevor jemand einen Apfel in den Mund stecken will, muß er ihn
vom Baume oder vom Boden lesen.
[GS.02_088,03] Für das „Sammelrecht“ hat er
ebenfalls mehrere göttliche Urkunden aufzuweisen. Urkunde Nr. 1 sind die Augen.
Mit diesen muß er schauen, wo etwas ist. Urkunde Nr. 2 sind die Füße. Mit
diesen muß er sich dahin bewegen, wo etwas ist. Urkunde Nr. 3 sind die Hände.
Mit denen muß er dahin greifen und nehmen, wo etwas ist. Also laut dieser
Urkunde hat der Mensch vom Herrn aus das Sammelrecht als urrechtlich zu seinem
unbestreitbaren Eigentume.
[GS.02_088,04] Könnte man aber hier nicht
sagen: Ist das Gesammelte dann nicht vollkommen ein Eigentum dessen, der es
laut seines göttlichen Sammelrechtes zu seiner Nutzung gesammelt hat? Hat nun
ein anderer das Recht, seine Hände oder sein Verlangen darnach zu richten, was
sich sein Nächster gesammelt hat? Denn offenbar bedingt ein Recht das andere.
Habe ich vom Schöpfer aus das natürliche Nutzungsrecht, das im Magen und auf
der Haut geschrieben ist, so muß ich auch das Sammelrecht haben, weil ich ohne
das Sammelrecht das Nutzungsrecht nicht befriedigen kann.
[GS.02_088,05] Was nützt mir aber das
Sammelrecht, wenn es mir den Bissen nicht sichert, den ich zum Munde führe?
Denn so da jedermann das Recht hat, mir den Apfel, den ich mit meiner Hand laut
meines Sammelrechtes aufgeklaubt habe, aus der Hand zu nehmen, weil er etwa zu
bequem ist, sich selbst einen aufzuklauben, so gehe ich offenbar mit meinem
Nutzungsrechte ein und muß wohl oder übel verhungern.
[GS.02_088,06] Es ist somit notwendig, daß
das Sammelrecht wenigstens auf das ein Eigentumsrecht fordern kann, was es sich
gesammelt hat, weil sonst an kein Nutzungsrecht ehrlichermaßen zu denken ist.
[GS.02_088,07] Mit dem Sammelrecht verbindet
sich das Bereitungs- und Verfertigungsrecht. Ist es mir aber nicht gestattet,
auf das von mir Bereitete und Verfertigte ein vollkommenes Eigentumsrecht
geltend zu machen, so ist alle Tätigkeitskraft umsonst, und ich bin genötigt,
erstens alle eßbaren Dinge heimlich roh zu verzehren und zweitens stets nackt
umherzugehen. Denn so ich mir ein Kleid verfertige und ein anderer, der zu
diesem Geschäft zu faul ist, nimmt es mir laut seines Nutzungsrechtes weg,
Frage, was sollte denn da mein eigenes Nutzungsrecht dazu für eine Miene
machen?
[GS.02_088,08] Wenn ich mir in einer kälteren
Gegend ein Haus erbaue und habe laut des Sammel- und Verfertigungsrechtes dabei
kein Eigentumsrecht, da kann mich die nächstbeste Gesellschaft aus dem Hause
treiben und selbst davon an meiner Statt ihr Nutzrecht ausüben.
[GS.02_088,09] Daraus aber ist ja
ersichtlich, daß mit dem natürlichen Erwerbsrechte ein gewisses prärogatives
(urrechtliches) Eigentumsrecht für den gewerbstätigen Menschen eingeräumt sein
muß, ohne ein solches Eigentumsrecht, rein genommen und betrachtet, keine
menschliche Gesellschaft als bestehend möglich auch nur gedacht werden kann.
[GS.02_088,10] Ist aber nun das Sammel- und
das Bereitungsrecht als vollkommen gültig eingeräumt, so muß auch ein Fleck
Grundes, auf dem ich eine Saat angebaut, wie ein Baum, den ich gepflanzt und
veredelt habe, mir prärogativ als Eigentum eingeantwortet sein.
[GS.02_088,11] Frage aber weiter: Wer
antwortet mir solches ein bei Beginn einer Kolonie? Die Sache läßt sich leicht
erklären. Die Kolonisten wählen aus ihrer Mitte einen von jeder Habsucht
ledigen und zugleich weisesten Chef. Diesem räumen sie die Austeilungs- und
somit auch die Einantwortungsrechte ein, unter der gegenseitigen eidlichen
Schutzversicherung zur Aufrechthaltung und Befolgung seines Spruches. Dieser
Versicherung zufolge wird ein oder der andere sich Widersetzende von den
Ordnungsliebenden in die Schranken des Spruches von seiten des Oberhauptes
zurückgewiesen. Auf die Mittel, wie oder wodurch, kommt es nicht an, denn diese
können und müssen erst nach dem Grade der Widerspenstigkeit bestimmt und dann
gehandhabt werden.
[GS.02_088,12] Wer sieht hier nicht auf den
ersten Augenblick die Unterwürfigkeit und die erste monarchische Gründung eines
Staates? Wer aber sieht auch nicht zugleich ein, daß, sobald das Sammel-, das
Erwerbs- und Bereitungsrecht mit einem prärogativen Eigentumsrecht systematisch
verbunden ist, niemandem auf seinem ihm zuerkannten Eigentum das Sammel-,
Erwerbs- und Bereitungsrecht beschränkt werden kann. Im Gegenteile muß dem
leitenden Chef ja nur vorzugsweise daran gelegen sein, seine Leitlinge soviel
als möglich zum Sammel- und Bereitungsfleiße auf ihren eigentümlich
eingeräumten Besitzungen anzuspornen. Und je mehr sich jemand auf seinem
Besitztume durch Fleiß erwirbt, in eine desto angenehmere Lage versetzt er
sich, seinem Nutzungsrechte die unbeschränkte Gewähr zu leisten.
[GS.02_088,13] Ist aber einmal dieses
Eigentumsrecht zur Sicherung des Sammel-, Erwerbs- und Nutzrechtes notwendig
festgestellt, so zieht dieses Recht zwangsläufig das Hutrecht nach sich; denn
ohne dieses Recht ist keiner ein eigentumsberechtigter Besitzer des ihm vom
Chef eingeantworteten Eigentums.
[GS.02_088,14] Dieses Hutrecht aber setzt
zuerst eine genaue Vermessung des Besitztumes voraus. Sind die Grenzen einmal
fest gezogen, dann erst kann ein jeder Besitzer von dem Hutrechte oder dem
Rechte der Verteidigung seines Eigentums Gebrauch machen.
[GS.02_088,15] Dieses Hutrecht ist aber ohne
bevollmächtigte Hüter nicht durchführbar. Es müssen also Wehrmänner aufgestellt
werden, welche das unbeschränkte Recht haben, die Grenzen eines jeden zu
sichern. Sie müssen daher das Exekutionsrecht haben, also ein Straf- oder
Züchtigungsrecht. Wer aber sollte diese Wehrmänner leiten? Sicher niemand
anderer als der die ganze Kolonie leitende Chef.
[GS.02_088,16] Hier haben wir also notwendig
die Entstehung des Militärstandes, zugleich aber auch die Feststellung einer
unbeschränkten Macht des Chefs, der nun schon durch die Wehrmänner gebieten und
seine Gebote sanktionieren kann.
[GS.02_088,17] Haben wir es so weit gebracht,
wer kann da noch auftreten und sagen: Die gegenwärtigen Staatsverfassungen sind
nicht auf diesem göttlichen Rechte basiert? Ja, es ist einem Kritiker alles
recht, nur kann er das Obereigentumsrecht des Monarchen noch nicht begreifen.
Ich aber sage: Hat man das Frühere so erwiesen, was bei weitem schwieriger war,
so läßt sich das Obereigentumsrecht eines Monarchen daneben mit einer
Schlafmütze beweisen. – Wir wollen sehen.
[GS.02_088,18] Wenn nun von seiten der
Weisheit des leitenden Chefs, alles eigentumsberechtigt ist und dem Chef zur
Bewachung des Besitztums der Kolonisten allzeit einsatzfähige Wehrmänner an die
Seite gestellt sind, hat da der Chef nicht ein zweifaches Recht, die durch
seine Weisheit beglückten Kolonisten zu fragen und zu sagen: Ich bin in eurer
Mitte, habe durch meine Weisheit für euch gesorgt, und ihr habt mich eben darum
zum leitenden Chef gemacht, weil ihr mich als den am wenigsten habsüchtigen
Mann unter euch wohl erkannt habt.
[GS.02_088,19] Ich habe sonach das Land unter
euch gerecht verteilt und schütze nun mit meiner Weisheit und mit den weise
geleiteten Wehrmännern euer Eigentum. Aber bei der Verteilung habe ich zufolge
meiner Habsuchtslosigkeit mich selbst ganz vergessen. Ihr werdet aber sicher einsehen,
so euch an meiner ferneren weisen Leitung notwendig etwas gelegen sein muß, daß
ich von der Luft nicht leben kann. Was soll ich denn hernach zu meinem
Unterhalt haben, um leben zu können? Zeit zum Sammeln habe ich keine, denn ich
muß meine Zeit zum steten Nachdenken verwenden, wie sich euer Besitztum
fortwährend sichern lassen möchte.
[GS.02_088,20] Ihr werdet also einsehen, daß
ein treuer Arbeiter auch seines Lohnes wert ist. Daher verordne ich, daß ihr
miteinander darüber übereinkommet, mir aus eurem eigentümlich gesicherten
Vorrate einen Unterhalt zu verschaffen. Ich kann das von euch mit um so
größerem Rechte beanspruchen, als die Erhaltung eures gegenseitigen
Eigentumsrechts lediglich von meiner Erhaltung abhängt. Neben meiner Erhaltung
aber ist noch die andere euer Eigentum sichernde Erhaltung der Wehrmannschaft
vonnöten, denn auch sie hat nicht Zeit zum Arbeiten, indem sie eure Grenzen in
guter Ordnung bewachen muß.
[GS.02_088,21] Euer eigenes Heil und Wohl
müssen es euch sonach vor die Augen stellen, daß ich und die Wehrmannschaft
euch gegenüber erwerbslos dastehen, und daß darum ein jeder aus euch zur festen
Gründung seines eigenen Wohles sich zu einer bestimmten Steuerung an mich wird
bequemen müssen.
[GS.02_088,22] Diese ausgesprochene Forderung
erscheint allen Kolonisten vollkommen rechtlich und billig, und sie bequemen
sich zur Steuerung. Auf diese Weise hat der leitende Chef schon sein erstes
natürliches, wenn schon nicht Ober-, so doch Miteigentumsrecht bei allen
Kolonisten geltend gemacht.
[GS.02_088,23] Zwischen dem Miteigentumsrecht
und dem Obereigentumsrecht aber ist eine so kleine Kluft, daß über sie sogar
das kleinste Kind dem andern in den Sack greifen kann. Der Chef braucht hier
bloß zu sagen: Meine lieben Kolonisten! Es kann euch nicht unbekannt sein, daß
sich uns gegenüber noch eine andere Kolonie uns gleichermaßen seßhaft gemacht
hat. Um uns aber vor ihr zu schützen, müsset ihr mir das uneingeschränkte Recht
in allem einantworten, so daß ich im Notfalle als euer Chef gewisserart als
Obereigentümer eures Eigentumes dastehe und in einem solchen Falle die
Außengrenzen nach meiner weisen Einsicht befestigen kann. Ich muß das Recht
haben, in euer aller Namen zu eurem Wohle mit einer fremden Nation, falls sie
mächtiger sein sollte als wir, zweckmäßig zu unterhandeln.
[GS.02_088,24] Ferner müsset ihr als die
meiner Leitung bedürftigen Kolonisten aus dem leichtverständlichen Grunde auch
einsehen, daß ich als euer Haupt in eurer Mitte einen festen Ort erbaut haben
muß, in dem ich mich vor allem zu eurer Erhaltung notwendig schützen und
erhalten kann. Aber es ist zu meiner für euer Wohl berechneten Sicherheit nicht
genug, daß ihr mir ein Wohnhaus errichtet, sondern um mein Wohnhaus her müssen
in gerechter Anzahl noch andere Wohnhäuser zur Aufnahme der lediglich von
meiner Leitung abhängigen Wehr- und Hutmannschaft errichtet werden. Das heißt
mit andern Worten: Ihr müßt mir in eurer Mitte eine feste Wohnstätte (Residenz)
erbauen, in welcher ich völlig gesichert bin, sowohl vor fremden als auch vor
euren möglicherweise eigenen Angriffen.
[GS.02_088,25] Wir sehen hier mit klarem
Augenlichte, wie der Monarch sich notwendigerweise zum Obereigentümer eines
Landes stempelt. Aber das sei nicht hinreichend. Wir wollen noch andere Gründe
vernehmen, und zwar aus dem Munde des Gründers selbst, denn er spricht ferner:
[GS.02_088,26] Meine lieben Kolonisten, den
unumstößlichen Grund für die Errichtung eines festen Wohnplatzes für mich in
eurer Mitte habe ich zu eurer Einsicht dargetan. Also hättet ihr den ersten
Grund. Höret mich aber weiter an: Das Land ist weitgedehnt; es ist unmöglich,
daß ich überall selbst sein kann. Daher will ich mit euch eine Prüfung halten
und werde aus euch die Weiseren als meine Amtsführer und Stellvertreter im
Lande verteilen. Diesen Stellvertretern ist dann jedermann zu seinem eigenen
Wohle denselben Gehorsam schuldig wie mir selbst.
[GS.02_088,27] Sollte jedoch einem oder dem
andern Untertanen meiner weisen Leitung von diesen meinen erwählten Amtleuten
ein vermeintliches Unrecht zugefügt worden sein, so hat in diesem Falle ein
jeder das Recht, seine Beschwerde bei mir anzubringen, wo er dann versichert
sein kann, daß ihm nach Umstand der Sache das vollkommene Recht zuteil wird.
Dagegen müsset ihr mir aber eben zu eurem eigenen Wohle, damit allen
Streitigkeiten vorgebeugt werde, die treueste und gewissenhafteste Versicherung
geben, euch ohne die geringste fernere Widerrede meinem Endurteil willig zu
fügen. Im entgegengesetzten Falle muß mir zum Wohle aller ebenfalls das
unbestreitbare Recht von allen zugesichert werden, einen gegen mein Endurteil
Widerspenstigen mit züchtigender Gewalt zur Befolgung meines Willens zu
nötigen. Wenn dieses alles in der Ordnung errichtet und gehandhabt wird, dann
erst werdet ihr ein wahrhaft glückliches Volk sein!
[GS.02_088,28] Wir sehen hier einen zweiten
von allem Früheren abgeleiteten Schritt: Nr. 1 zur Alleinherrschaft und Nr. 2
zum obereigentümlichen Besitze des ganzen Landes. Und also hätten wir den
ersten vollkommen in der Natur der Sache begründeten Grund auf diese Weise
unwiderlegbar zur Schau gestellt. Dieser Grund kann der natürliche, von der menschlichen
Gesellschaft abgeleitete notwendige genannt werden. Aber es wird da jemand
sagen: Solches alles ist an und für sich ebenso naturgerecht richtig, als wie
sicher und gewiß der Mensch der Augen zum Sehen und der Ohren zum Hören bedarf.
Wir sehen diese an sich noch ganz rohen Kolonisten an und erblicken sie im
Ernste allertätigst und voll Gehorsam gegen ihren Leiter.
[GS.02_088,29] Aber aus eben diesem Gehorsam
fangen die Kolonisten an, sich mit der Zeit vor ihrem Leiter mehr und mehr zu
fürchten. Und in dieser Furcht fragen bald der eine, bald der andere sich
gegenseitig: Woran liegt es denn, daß unter uns allein dieser Mensch so
außerordentlich gescheit ist und wir alle gegen ihn als wahrhafte Tölpel zu
betrachten sind? Diese Frage, so gering und unscheinbar sie im Anfange
erscheint, ist von außerordentlicher Wichtigkeit und drückt in ihrer
Beantwortung erst dem Umstand der Alleinherrschaft und des Obereigentums eines
Monarchen das unverletzbare Amtssigill auf. Das klingt sonderbar, dürfte so
mancher im voraus sagen, allein nur eine kleine Geduld, und wir werden die
Sache sogleich in einem anderen Lichte erschauen! –
89. Kapitel – Der innere Sinn des 9. Gebotes.
[GS.02_089,01] Sehet, bis jetzt haben wir
alles das aus dem Naturgrunde sich entwickeln gesehen; aber es fehlte bisher
noch jedem Grunde eine höhere göttliche Sanktion, durch die allein der Mensch
auf der Erde, besonders in seinem einfachen Naturzustande, zur unverbrüchlichen
Beobachtung alles dessen geleitet wird, was ihm von seinem Oberhaupte als
Pflicht auferlegt wurde.
[GS.02_089,02] Je mehr im Anfange ein solcher
Primitivmonarch sein Volk weise leitet, und je mehr das Volk durch die Erfolge
davon überzeugt wird, daß der Leiter wirklich weise ist, desto mehr wird es
sich auch gegenseitig zu fragen anfangen: Woher hat dieser seine Weisheit und
woher wir unsere Dummheit? Das Volk weiß noch außerordentlich wenig oder nichts
von Gott, der Leiter aber hat davon schon mehr oder weniger gute Begriffe.
[GS.02_089,03] Was braucht er nun, wenn das
Volk in naturmäßiger Hinsicht so viel als möglich geordnet dasteht, zu tun,
besonders wenn er solche Fragen von vielen Seiten her in Erfahrung bringt? Er
beruft die Fassungsfähigeren zusammen, verkündigt ihnen ein höchstes Wesen,
welches alles geschaffen hat und alles leitet. Sagt ihnen dann zur Beantwortung
ihrer vielseitigen Frage, daß er zu ihrem Wohle die leitende Weisheit
unmittelbar von diesem höchsten Wesen habe. Er zeigt ihnen als einem überaus
gläubigen Volke auch mit der größten Leichtigkeit die unleugbare Existenz einer
allerhöchsten, alles erschaffenden, erhaltenden und leitenden Gottheit, und daß
eben von dieser Gottheit nur derjenige mit tiefer Weisheit begabt wird, den sie
zur beseligenden Leitung der Völker bestimmt hat.
[GS.02_089,04] Das will dann so viel sagen
als: „Von Gottes Gnaden“, oder wie bei den Römern: „Favente Jove“. Ist dieser
Schritt gemacht, so ist der Alleinherrscher und Obereigentümer fix und fertig
und sitzt nun vollkommen sicher in seiner Herrsch-Mitte, unterstützt von
naturmäßig mächtiger und von geistig noch mächtigerer Notwendigkeit.
[GS.02_089,05] Ein jeder, der nun alles
dieses gründlich durchgegangen hat, muß endlich sagen: Fürwahr, allem dem läßt
sich nicht ein Atom groß einwenden, denn es hängt ja alles mit den ersten naturrechtlichen
Urkunden eines jeden Menschen so enge zusammen, daß man daran nicht den
kleinsten Faden entzweischneiden darf, um nicht eine glückliche menschliche
Gesellschaft bis in ihre innersten Fundamente zu zerstören. Denn man nehme da
hinweg, was man will, so wird sich der Defekt sobald in den ersten
Naturprinzipien eines jeden Menschen wahrnehmen lassen.
[GS.02_089,06] Wenn aber demnach die Sache
sich also verhält, so folgt ja doch sonnenklar daraus, daß der Herr Himmels und
der Erde durch dieses neunte Gebot nichts als die vollkommene Sicherung des
bestimmten Eigentums zur Aufrechthaltung der ersten Naturrechtsprinzipien
aufgestellt hat. Und so kann da kein anderer Sinn hinter dem Gebote stecken,
als den seine Worte bezeichnen.
[GS.02_089,07] Denn so man diesem Gebote
irgendeinen anderen Sinn unterlegen will oder kann, so hebt man dadurch den von
einem höchsten Wesen sanktionierten Hauptgrund des ersten naturrechtlichen
bürgerlichen Verbandes auf. Das Eigentumsrecht, wenn es aufgehoben ist, hebt
notwendigerweise die früheren Urdokumente eines jeden Menschen auf, und niemand
kann da mehr etwas sammeln und verfertigen. Kann er das nicht, so gehen sein
Magen und seine Haut unter, und der Mensch wird mit seiner Existenz schlimmer
daran sein als jedes Tier. Mit der Wegnahme des Wortsinnes dieses Gebotes nimmt
man ja schon im voraus jedes leitende Oberhaupt hinweg, und die Menschheit
steht in ihrem ersten unter das Tierreich gesunkenen wildesten chaotischen
Naturzustande da.
[GS.02_089,08] Das ist richtig, meine lieben
Freunde und Brüder. Wir haben bis jetzt gesehen, daß durch die Darstellung des
innern geistigen Sinnes der äußere naturmäßige Sinn in seiner gerechten
Außenwirkung nirgends verletzt worden ist. Wir haben auch gesehen, daß durch
die Unkenntnis des inneren Sinnes ein gegebenes Gebot entweder nur sehr schwer
oder nicht selten kaum zum dritten Teile, manchmal aber auch garnicht
beobachtet wird und beobachtet ward.
[GS.02_089,09] Wird aber ein Gebot dem
inneren Sinne nach erkannt, dann ergibt sich die naturmäßige Beobachtung von
selbst, gerade also, als so jemand einen guten Samen in das Erdreich legt. Da
wird sich dann aus ihm die fruchttragende Pflanze von selbst entwickeln, ohne
daß dabei der Mensch eine ohnehin zu nichts führende Manipulation anwendet.
[GS.02_089,10] Und so ist es auch bei diesem
Gebote der Fall. Wird es innerlich erkannt und beachtet, so fällt alles Äußere,
was der Buchstabensinn berührt, von selbst der guten göttlichen Ordnung zufolge
aus. Ist aber das nicht der Fall, klebt man bloß am äußeren Sinne, so hebt man
eben dadurch alle urrechtlichen Dokumente des Menschen auf. Die Herrscher
werden zu Tyrannen und die Untertanen zu Geizhälsen und Wucherern. Die Haut der
Sanften wird über die Militärtrommel gespannt oder die gutmütigen Esel von
Untertanen werden zum arglistigen Spielwerkzeug der Mächtigen und Wucherer.
[GS.02_089,11] Die Folgen davon sind
Volksaufstände, Revolutionen, Staatenumwälzungen und Zerstörungen, gegenseitige
Volkserbitterungen, dann darauffolgende langwierige blutige Kriege, Hungersnot,
Pestilenz und Tod.
[GS.02_089,12] Wie lautet aber demnach
derjenige Sinn, durch dessen Beobachtung alle Völker ihr unzerstörbares
zeitliches und ewiges Glück finden müssen? Er lautet ganz kurz also:
[GS.02_089,13] Achtet euch untereinander aus
gegenseitiger wahrhaftiger Bruderliebe, und keiner beneide den andern, so er
von Mir, dem Schöpfer, seiner größeren Liebe wegen mehr begnadigt wurde. Der
Begnadigtere aber lasse seine daraus hervorgehenden Vorteile allen seinen
Brüdern als Bruder so viel als möglich zugute kommen, so werdet ihr dadurch
unter euch einen ewigen Lebensverband gründen, den keine Macht ewig je zu
zerstören imstande sein wird!
[GS.02_089,14] Wer sieht aus dieser
Darstellung des Gebotes nicht auf den ersten Augenblick ein, daß durch seine
Beobachtung nicht ein Häkchen des Buchstabensinnes gekrümmt wird. Und wie
leicht ist dann dieses Gebot naturmäßig zu beobachten, wenn man es also geistig
beobachtet. Denn wer seinen Bruder achtet in seinem Herzen, der wird auch seine
Sammlungen und Einrichtungen achten. Durch die geistige Beobachtung dieses
Gebotes wird allem Wucher und aller übertriebenen Erwerbssucht vorgebeugt,
welche aber nur im alleinigen Buchstabensinne ihren sanktionierten Vertreter
oder Advokaten finden. – Eine kleine Nachbetrachtung wird uns dieses alles noch
ins klarste Licht setzen. –
90. Kapitel – Vom Segen der weisen
Beschränkung.
[GS.02_090,01] Es ist in diesem allem, wie in
dem Gebote, geistig und naturmäßig durchaus nicht als sünd- oder fehlerhaft
bezeichnet, daß jemand das mit seinen Händen für seine Notdurft Gesammelte und
Verfertige sich aneigne, und zwar in einem solchen Grade, daß sein Nachbar
durchaus nicht das Recht haben soll, ihm ein solches Eigentumsrecht auf was
immer für eine Weise streitig zu machen. Im Gegenteile findet ein jeder darin
nur eine vollkommene Sicherstellung seines rechtlich erworbenen Eigentums.
[GS.02_090,02] Wohl aber ist in allem dem
Gesagten, wie im Gebote selbst, eine weise Beschränkung in dem Rechte, zu
sammeln, einem jeden geboten. Daß das Gebot aber solches im naturmäßigen Sinne
sogar aus der göttlichen Ordnung heraus bezweckt haben will, läßt sich aus den
ersten jedem Menschen angeborenen Ureigentums-Dokumenten auf das Sonnenklarste
beweisen. Wie aber? Das wollen wir sogleich sehen.
[GS.02_090,03] Wieviel bedarf der erste
Rechtskompetent im Menschen, der Magen nämlich, nach gerechtem Maße? Solches
kann ein jeder mäßige Esser sicher genauest bestimmen. Nehmen wir an, ein
mäßiger Esser braucht für den Tag drei Pfund Speise, was sich auf
dreihundertfünfundsechzig Tage leicht berechnen läßt. Das ist sonach ein
naturgerechtes Bedürfnis eines Menschen. Dieses Quantum darf er für sich
alljährlich ersammeln. Hat er Weib und Kinder, so kann er für jede Person
dasselbe Quantum zusammenbringen, und er hat da vollkommen seinem Naturrechte
gemäß gehandelt. Einem starken Esser, der besonders schwere Arbeiten verrichten
muß, sei das Doppelte zu ersammeln frei gestattet.
[GS.02_090,04] Wenn dieses allgemein
beobachtet wird, da wird die Erde nimmer von einer Not zu sagen haben. Denn vom
Herrn aus ist ihr fruchtbarer Flächenraum so gestellt, daß bei gehöriger
Bearbeitung und Verteilung des Bodens zwölftausend Millionen Menschen völlig
genügend ihren Lebensunterhalt finden können. Gegenwärtig aber leben kaum etwas
über eintausend Millionen Menschen auf der Erde, und darunter gibt es bei
siebenhundert Millionen Notleidende.
[GS.02_090,05] Worin liegt der Grund davon?
Weil eben die Bedingungen dieses göttlichen Gesetzes, welches in der Natur
eines jeden Menschen gegründet ist, nicht in die lebendige Ausübung gebracht
werden.
[GS.02_090,06] Gehen wir aber weiter. Wie
groß da ein Mensch ist, und wieviel er zur Bedeckung seiner Haut bedarf, läßt
sich ebenfalls leicht bemessen. Es sei aber einem jeden Menschen gestattet,
sich nach Beschaffenheit der Jahreszeit eine vierfache Hautbedeckung zu
verschaffen. Das ist der naturgerechte Maßstab für die Ansammlung der
Kleiderstoffe und Bereitung derselben. Ich will aber noch einmal so viel
hinzufügen, was die Oberkleidung betrifft, und viermal so viel für die
Unterkleidung, und das des reinlichen Wechsels wegen.
[GS.02_090,07] Wenn dieser Maßstab beobachtet
wird, da wird es auf der ganzen Erdoberfläche keinen nackten Menschen geben.
Aber wenn auf der Erde ungeheure Kleiderstoff-Fabriken errichtet sind, welche
die Rohstoffe um erzwungene Schandpreise ankaufen, daraus dann eine zahllose
Menge bei weitem mehr luxuriöser als nützlicher Kleidungszeuge fabrizieren,
dieselben zumeist um himmelschreiende Preise an die dürftige Menschheit
verkaufen, dann aber auch viele wohlhabende Menschen sich im Verlaufe von zehn
Jahren, besonders weiblicherseits, mit mehr als hundertfachem Kleiderwechsel
versehen – da wird dieses naturgerechte Ebenmaß auf das Allergewaltigste
gestört. Gehen wir aber weiter.
[GS.02_090,08] Wie groß braucht denn ein Haus
zu sein, um ein Paar Menschen mit Familie und der nötigen Dienerschaft ehrlich
und bequem zu beherbergen? Gehet aufs Land und überzeugt euch, und ihr werdet
sicher darüber ins klare kommen, daß zu einer gerechten und bequemen
Beherbergung keine hundert Zimmer fassende Schlösser und Paläste erforderlich
sind.
[GS.02_090,09] Was über ein solches
Verhältnis ist, ist wider die Ordnung Gottes und somit wider Sein Gebot.
[GS.02_090,10] Wie groß muß denn ein
Grundstück sein? Nehmen wir ein mittelerträgliches Land. Auf diesem kann bei
mäßiger Bearbeitung, und zwar auf einem Flächenraume von tausend eurer
Quadratklaftern, für einen Menschen selbst in Mitteljahren ein völlig hinreichender,
ein Jahr dauernder Lebensbedarf erbeutet werden. Bei einem guten Boden genügt
die Hälfte, bei einem schlechten Boden lassen wir das Doppelte vom Mittelboden
für eine Person gelten. Soviel Personen sonach ein Familienhaus zählt, so
oftmal darf es naturrechtlich diesen bestimmten Grundboden-Flächenraum in den
Besitz nehmen. Wir wollen aber in unserem Ausmaße recht freigebig sein und
geben für die Person das Doppelte und bestimmen solches auch vollkommen als
naturrechtlich von Gott aus gebilligt. Wenn die Gründe so verteilt würden, so
könnten ebenfalls über siebentausend Millionen Familien auf der Erdoberfläche
ihr vollkommen gesichertes Grundbesitztum finden.
[GS.02_090,11] Wie es aber jetzt auf der Erde
mit der Grundverteilung aussieht, so gehört der Grund und Boden den wenigen
Grundbesitzern zu eigen. Alles übrige Volk ist entweder nur im Mit-, Unter-
oder Pachtbesitze, und der noch bei weitem größte Teil des Volkes auf der Erde
hat nicht einen Stein, den er seinem Haupte unterlegen könnte.
[GS.02_090,12] Wer sonach in was immer für
einer Hinsicht über dieses jetzt gegebene Maß besitzt, der besitzt es gegen das
göttliche und gegen das Naturgesetz widerrechtlich und trägt als solcher
Besitzer die fortwährende Versündigung an diesem Gebote an sich. Diese
Versündigung ist er nur dadurch zu tilgen imstande, daß er den möglichst
größten Grad der Freigebigkeit besitzt und sich gewisserart nur als einen
Sachwalter ansieht, seinen zu großen Besitz für eine gerechte Anzahl
Nichtshabender zu bearbeiten. – Wie aber solches in diesem Gebote zugrunde
liegt, wollen wir im zweiten Punkte dieser Nachbetrachtung ersehen. –
91. Kapitel – Wer sündigt gegen die göttliche
Urordnung des 9. Gebotes?
[GS.02_091,01] Fürs zweite drückt das Gebot
selbst die weise Beschränkung des Sammel- und Verfertigungsrechtes offenkundig
und handgreiflich aus. Wenn wir das im ersten Punkte bezeichnete
verhältnismäßige Urgrundeigentümliche daneben zur Beschauung aufstellen, so
deutet das 9. Gebot ja genau darauf hin, indem es ausdrücklich untersagt, ein
Verlangen nach dem zu haben, was des andern ist.
[GS.02_091,02] Was ist also des andern? Des
andern ist auf dem vom Herrn zum allgemeinen Unterhalte der Menschen
geschaffenen Erdboden gerade so viel, als ihm sein naturrechtliches, von seinem
Bedürfnisse abgeleitetes Maß gibt. Wer demnach über dieses Maß sammelt und
verfertigt, der versündigt sich schon im ersten Grade tatsächlich wider dieses
Gebot, indem in diesem Gebote sogar die verlangende Begierde schon als
sträflich dargestellt ist.
[GS.02_091,03] Im zweiten Grade versündigt
sich der Träge gegen dieses Gebot, der zu faul ist, sein ursprünglich gerechtes
Sammelrecht auszuüben, dafür nur stets mit der Begierde umhergeht, sich dessen
zu bemächtigen, was ein anderer urnaturrechtlich gesammelt und verfertigt hat.
[GS.02_091,04] Wir sehen daraus, daß man sich
sonach gegen dieses Gebot auf eine zweifache Weise verfänglich machen kann,
nämlich erstens durch eine übertriebene Sammel- und Verfertigungsgier, zweitens
durch gänzliche Unterlassung derselben. Für beide Fälle aber steht das Gebot
gleichlautend mit der weisen Beschränkung da. Im ersten Falle beschränkt es die
übertriebene Sammel- und Verfertigungsgier, im zweiten Falle die Faulheit und
beabsichtigt dadurch die gerechte Mitte; denn es drückt nichts anderes aus als
die Achtung mit Liebe vereint für das naturgerechte Bedürfnis des
Nebenmenschen.
[GS.02_091,05] Man wird aber hier
entgegentreten und sagen: Es gibt in der gegenwärtigen Zeit überaus reiche und
wohlhabende Menschen, welche bei all ihrem Reichtume und ihrer Wohlhabenheit
nicht eine Quadratspanne Grundeigentum besitzen. Sie haben sich durch
glückliche Handelsspekulationen oder Erbschaft in einen großen Geldreichtum
versetzt und leben nun von ihren rechtlichen Zinsen. Was soll es mit diesen?
Ist ihr Vermögen nach dem göttlichen Urrecht naturgesetzlich oder nicht? Denn
sie beschränken durch ihren Geldbesitz keines Menschen Grundeigentum, indem sie
sich nirgends etwas ankaufen wollen, sondern sie leihen ihr Geld auf gute
Posten zu den gesetzlichen Zinsen aus; oder sie machen anderweitige erlaubte
Wechselgeschäfte und vermehren dadurch ihr Stammkapital jährlich um viele
tausend Gulden, wo sie nach dem Rechte des Naturbedürfnisses nicht den
hundertsten Teil ihres jährlichen Einkommens zu ihrer guten Verpflegung
bedürfen. Sie sind aber dabei nicht selten im übrigen sehr rechtliche, mitunter
auch wohltätige Menschen. Verfehlen sich auch diese gegen unser neuntes Gebot?
[GS.02_091,06] Ich sage hier: Es ist das
einerlei, ob jemand auf was immer für eine Art über sein Bedürfnis hinaus
zuviel Geldschätze oder zuviel Grund besitzt. Das alles ist gleichwertig. Denn
wenn ich so viel Geld habe, daß ich mir damit mehrere Quadratmeilen Grund und
Boden als staatsgesetzlich eigentümlich ankaufen kann, so ist das ebensoviel,
als wenn ich mir für dieses Geld wirklich so viel Grund und Boden zu eigen
gemacht hätte. Im Gegenteil ist es sogar schlechter und der göttlichen Ordnung
viel mehr zuwiderlaufend. Denn wer da so viel Grundeigentum besäße, der müßte
dabei doch notwendigerweise einige tausend Menschen einen Lebensunterhalt sich
mit verschaffen lassen, indem er für sich persönlich doch unmöglich einen so
großen Grundbesitz zu bearbeiten imstande wäre.
[GS.02_091,07] Betrachten wir aber einen
Menschen, der zwar keinen Grundbesitz hat, aber so viel Geld, daß er sich damit
nahezu ein Königreich ankaufen könnte. Er kann dieses Geld im strengsten Falle
allein nutzbringend verwalten, oder er braucht dazu höchstens einige wenige
Berechnungsgehilfen, die von ihm einen im Verhältnis zu seinem Einkommen sehr
mäßigen Gehalt haben, welcher oft kaum hinreicht, ihre Bedürfnisse, besonders
wenn sie Familie haben, zu befriedigen.
[GS.02_091,08] Kein solcher Geldbesitzer aber
kann sich mit der Art und Weise, wie er zu dem Gelde gekommen ist,
entschuldigen, ob durch Spekulation, ob durch eine gewonnene Lotterie oder ob
durch eine Erbschaft. In jedem Falle steht er vor Gott geradeso da wie ein
Hehler neben dem Diebe. Wieso denn, dürfte jemand fragen?
[GS.02_091,09] Was heißt reich werden durch
glückliche Spekulation? Das ist und heißt nichts anderes als einen rechtmäßigen
Verdienst vieler wucherisch an sich reißen, dadurch vielen den rechtmäßigen
Verdienst entziehen und ihn sich allein zueignen. In diesem Falle ist ein durch
glückliche Spekulation reich gewordener Mensch ein barster Dieb. Bei einem
Lotteriegewinne ist er es auf gleiche Weise, weil ihm der Einsatz von vielen
allein zugute kommt. Bei einer Erbschaft aber ist er ein Hehler, der das
widerrechtliche Gut seiner Vorfahren, die nur auf die zwei vorerwähnten Arten
es sich haben zueigen machen können, ebenso für sich in Besitz nimmt. –
92. Kapitel – Wuchersinn – das Verdammlichste
vor dem Herrn.
[GS.02_092,01] Aber man wird sagen: Diese
Bestimmung klingt sonderbar; denn was kann der Erbe dafür, wenn er das Vermögen
entweder seiner Eltern oder sonstiger reicher Anverwandten staatsgesetzlich
rechtlich überkommen hat? Sollte er für sich bei solcher Übereignung den
naturgerechten Anteil berechnen, von dem Erbe nur so viel nehmen, als dieser
Anteil ausmacht, und dann den anderen Teil an wen immer verschenken? Oder
sollte er das ganze Vermögen zwar übernehmen, davon aber nur den ihm
gebührenden Naturteil als Eigentum annehmen, den großen Überschuß aber entweder
zur Unterstützung dürftig gewordener Faulenzer selbst verwalten oder solchen
Überschuß sogleich zum Behufe wohltätiger Anstalten an die Vorsteher eben
dieser Anstalten abtreten?
[GS.02_092,02] Diese Frage ist hier so gut
wie eine, der man gewöhnlich entweder keine oder im höchsten Falle eine nur
einsilbige Antwort schuldig ist. Sind denn das göttliche Gesetz und das
Staatsgesetz oder die göttliche Weisheit und Fürsorge und die
weltlichstaatliche Politik und sogenannte Diplomatik eines und dasselbe? Was
spricht denn der Herr? Er spricht: „Alles, was vor der Welt groß ist, ist vor
Gott ein Greuel!“
[GS.02_092,03] Was Größeres aber gibt es wohl
auf der Welt als eine usurpierte Staatsgewalt, welche, von göttlicher Seite aus
betrachtet, nimmer nach dem göttlichen Rate, sondern nur nach ihrer weltlichen
Staatsklugheit, welche in der Politik und Diplomatie besteht, die Völker
unterjocht, und ihre Kräfte zur eigenen prasserisch ausbeuterischen und
konsumtiven Wohlfahrt benutzt?
[GS.02_092,04] Wenn es aber schon greuelhaft
und schändlich ist, so irgendein Mensch nur einen, zwei oder drei seiner Brüder
hintergeht, um wieviel greuelhafter vor Gott muß es sein, wenn sich Menschen
mit aller Gewalt zu krönen und zu salben wissen, um sodann unter solcher
Krönung und Salbung ganze Völker zu ihrem eigenen schwelgerischen Vorteile auf
alle erdenkliche Art und Weise zu hintergehen, entweder durch die sogenannte
Staatsklugheit, oder, so sich's mit dieser nicht tun sollte, mit grausamer
offener Gewalt! –
[GS.02_092,05] Ich meine, aus diesem Sätzlein
läßt sich ungefähr mit Händen greifen, wie sehr die Rechte der meisten
gegenwärtigen Staaten dem göttlichen gerade entgegenlaufen. Ich meine auch
ferner, wenn der Herr zum reichen Jünglinge spricht: „Verkaufe alle deine Güter
und verteile sie unter die Armen, du aber folge Mir nach, so wirst du dir einen
Schatz im Himmel bereiten“, so wird dieser Ausspruch doch hoffentlich
hinreichend sein, um daraus zu ersehen, welche Verteilung der irdisch reiche
Mensch, wenn er das Reich Gottes ernten will, mit seinem Reichtume machen
sollte. Tut er das nicht, so muß er es sich selbst zuschreiben, wenn ihn das
nämliche Urteil treffen wird, welches der Herr über den traurig gewordenen
Jüngling ausgesprochen hat, daß nämlich ein Kamel leichter durch ein Nadelöhr
durchkäme denn ein solcher Reicher in das Himmelreich! Wobei freilich wohl
verdächtigermaßen der Umstand zu berücksichtigen ist, daß der Herr hier ein so
höchst bedauerndes Urteil über einen Jüngling, also sicher über einen Erben
ausgesprochen hat.
[GS.02_092,06] Man könnte hier füglich
fragen: Warum mußte denn hier gerade „ein reicher Jüngling“, und warum nicht
irgendein schon bejahrter Spekulant auftreten, an dem der Herr Sein ewiges
Mißfallen an allem irdischen Reichtume kundgegeben hätte? Die Antwort liegt
ganz nahe: der Jüngling war noch kein eingefleischter Reichtumsverwalter,
sondern er war noch auf dem Punkte, von welchem aus solche Jugend gewöhnlich
den irdischen Reichtum noch nicht gehörig zu würdigen versteht. Aus eben dem
Grunde konnte er sich dem Herrn wenigstens auf eine kurze Zeit nähern, um von
Ihm die rechte Weisung und den rechten Gebrauch seines Reichtums zu vernehmen.
Erst bei der Erkenntnis des göttlichen Willens fällt er dann vom Herrn ab und
kehrt zu seinen Reichtümern heim.
[GS.02_092,07] Also hatte der Jüngling doch
dieses Vorrecht, eben als Jüngling, der noch nicht zurechnungsfähig war, sich
dem Herrn zu nahen. Aber der schon eingefleischte, mehr betagte reiche Wirt,
Spekulant und Wucherer stehen als Kamele hinter dem Nadelöhre, durch das sie erst
schlüpfen müßten, um gleich dem Jünglinge zum Herrn zu gelangen. Also ist es
einem solchen Reichen gar nicht mehr gegönnt und gegeben, gleich dem Jünglinge
sich beim Herrn einzufinden. Für diese aber hat der Herr leider ein anderes
sehr zu beachtendes Beispiel angeführt in der Erzählung vom „reichen Prasser“.
Mehr brauche ich euch nicht zu sagen.
[GS.02_092,08] Wer von euch aber nur ein
wenig denken kann, der wird aus allem dem mit größter Leichtigkeit finden, daß
dem Herrn Himmels und aller Welten kein menschliches Laster so greuelhaft
verächtlich war wie der Wucherreichtum und dessen gewöhnliche Folgen. Für kein
anderes Laster sehen wir den Herrn über Leben und Tod allerklarst den Abgrund
der Hölle erschaulich auftun als gerade bei diesem.
[GS.02_092,09] Sei es Totschlag, Ehebruch,
Hurerei und dergleichen mehr, bei allem dem hat niemand vom Herrn auf der Erde
erlebt, daß Er ihn darum zur Hölle verdammt hätte. Aber dieses Wucherlaster hat
Er allenthalben sowohl beim Priesterstande wie auch bei jedem andern
Privatstande auf das Allerdringlichste mit Wort und Tat gezüchtigt!
[GS.02_092,10] Wer kann gegenüber allen
anderen menschlichen Vergehen dem Herrn nachweisen, daß Er über einen solchen
Sünder Seine allmächtige Hand züchtigend erhoben hätte? Aber die Wechsler,
Taubenkrämer und dergleichen mehr Spekuliergesindel mußten sich gefallen
lassen, von der allmächtigen Hand des Herrn Selbst mit einem gewundenen Stricke
aus dem Tempel geprügelt und gezüchtigt zu werden!
[GS.02_092,11] Wisset ihr aber, was das sagen
will? Dies wahre evangelische Begebnis will nicht mehr und nicht weniger sagen,
als daß der Herr im Himmel und aller Welten der abgesagteste Feind dieses
Lasters ist. Bei jedem andern spricht Seine göttliche Liebe von Geduld,
Nachsicht und Erbarmen, aber über dieses Laster spricht Sein Zorn und Grimm!
[GS.02_092,12] Denn hier verrammt Er den
Zutritt zu Ihm durch das bekannte Nadelöhr, eröffnet ersichtlich den Abgrund
der Hölle und zeigt in demselben einen wirklich Verdammten, spricht sich
gegenüber den herrsch- und habsüchtigen Pharisäern also entsetzlich aus, daß Er
ihnen deutlich zu erkennen gibt, wie da Hurer, Ehebrecher, Diebe und noch
andere Sünder eher in das Reich Gottes eingehen werden denn sie.
[GS.02_092,13] Endlich ergreift Er im Tempel
sogar eine züchtigende Waffe und treibt schonungslos alle die wie immer
gearteten Spekulanten hinaus und bezeichnet sie als Mörder des göttlichen
Reiches, indem sie den Tempel, der eben das göttliche Reich vorstellt, zu einer
Mördergrube gemacht haben.
[GS.02_092,14] Wir könnten dergleichen
Beispiele noch mehrere anführen, aus all denen sich entnehmen ließe, ein wie
überaus abgesagter Feind dieses Lasters der Herr ist. Aber wer nur einigermaßen
zu denken vermag, dem wird dieses genügen. – Bei eben dieser Gelegenheit können
wir noch einen kurzen Blick auf unser neuntes Gebot machen, und wir werden aus
diesem Blicke ersehen, daß der Herr bei keinem anderen menschlichen Verhältnis,
bei keiner andern selbst verbotenen Gelegenheit und Tätigkeit sogar das
Verlangen beschränkt hat wie eben bei dieser Ihm mißfälligsten wucherischen
Gelegenheit.
[GS.02_092,15] Überall verbietet Er
ausdrücklich nur die Tätigkeit, hier aber schon das Verlangen, weil die Gefahr,
welche daraus für den Geist erwächst, zu groß ist. Es zieht den Geist völlig
von Gott ab und kehrt ihn gänzlich zur Hölle. Das könnt ihr auch daraus
ersehen, daß ein jeder andere Sünder nach einer sündigen Tat eine Reue
empfindet, während der reiche Spekulant über eine glücklich gelungene
Spekulation hoch aufjubelt und triumphiert!
[GS.02_092,16] Das ist der rechte Triumph der
Hölle, und der Fürst der Hölle sucht daher die Menschen vorzugsweise auf jede
mögliche Art mit Liebe für den Weltreichtum zu erfüllen, weil er wohl weiß, daß
sie mit dieser Liebe erfüllt vor dem Herrn am abscheulichsten sind und Er Sich
ihrer darum am wenigsten erbarmt! – Mehr brauche ich euch darüber nicht zu
sagen.
[GS.02_092,17] Wohl jedem, der diese Worte
tief beherzigen wird, denn sie sind die ewige unumstößliche göttliche Wahrheit!
Und ihr könnet es über alles für wahr halten und glauben, denn nicht eine Silbe
darin ist zu viel, eher könnt ihr annehmen, daß hier noch bei weitem zu wenig
gesagt ist. Solches aber merke sich ein jeder: Der Herr wird bei jeder anderen
Gelegenheit eher alles Erdenkliche aufbieten, bevor er jemanden wird zugrunde
gehen lassen, aber gegenüber diesem Laster wird Er nichts tun, außer den
Abgrund der Hölle offen halten, wie Er es im Evangelium gezeigt hat. Dieses
alles ist gewiß und wahr, und wir haben dadurch den wahren Sinn dieses Gebotes
kennengelernt. Und ich sage noch einmal: Beherzige ein jeder dies Gesagte wohl!
– Und nun nichts mehr weiter. Hier ist der zehnte Saal, und so treten wir in
denselben ein! –
93. Kapitel – Zehnter Saal – 10. Gebot.
[GS.02_093,01] Wir sind darin und erblicken
auf der Tafel mit deutlicher Schrift geschrieben: „Du sollst nicht begehren
deines Nächsten Weib!“
[GS.02_093,02] Daß dieses Gebot hier im
reinen Reiche des Geistes und ganz besonders im Reiche der Kinder sicher einem
jeden Denker etwas sonderbar klingt, braucht kaum erwähnt zu werden. Fürs erste
wissen diese Kinder noch nicht im geringsten, was da etwa ist ein ehelich Weib,
und fürs zweite ist hier auch das Verehelichen beider Geschlechter
untereinander durchaus nicht gang und gäbe, besonders im Reiche der Kinder. Im
Geisterreiche findet dieses Gebot, dieser Betrachtung zufolge, also offenbar
keine Anwendung.
[GS.02_093,03] Man wird aber sagen: Warum
sollte denn der Herr unter zehn Geboten nicht eines gegeben haben, welches
allein den irdischen Verhältnissen entspricht? Denn auf der Erde ist die
Verbindung zwischen Mann und Weib gang und gäbe und ist daher ein
altbegründetes, auf der göttlichen Ordnung beruhendes Verhältnis, welches ohne
ein Gebot nicht in der göttlichen Ordnung verbleiben kann. Also kann man hier
ja annehmen, daß der Herr unter den zehn Geboten eines bloß für die
Aufrechterhaltung der Ordnung eines äußeren, irdischen Verhältnisses wegen
gegeben hat, damit durch die Aufrechterhaltung dieser Ordnung eine geistige,
innere, höher stehende nicht gestört wird.
[GS.02_093,04] Gut, wenn dem also ist, da
sage ich: Dieses Gebot ist dann nichts als eine höchst überflüssige
Wiederholung des ohnehin ganz dasselbe gebietenden sechsten Gebotes. Denn auch
in diesem wird in seinem völligen Verlaufe alles als verboten dargestellt, was
auf die Unzucht, Hurerei und den Ehebruch nur irgendeine Beziehung hat, sowohl
in leiblicher, wie ganz besonders in geistiger Hinsicht.
[GS.02_093,05] Wenn wir nun dieses ein wenig
gegeneinander abwägen, so ergibt sich daraus, daß dieses Gebot für den Himmel
gar nicht taugt, und daß es neben dem sechsten Gebote rein überflüssig ist.
[GS.02_093,06] Ich sehe aber jemanden, der da
kommt und spricht: He! lieber Freund, du irrst dich. Dieses Gebot, wenn schon
an und für sich nahe dasselbe verbietend, was da verbietet das sechste Gebot,
ist dennoch für sich ganz eigen und höher stehend und tiefer greifend, als da
ist das sechste Gebot. Beim sechsten Gebot wird offenbar nur die wirkliche
grobe Handlung, in diesem zehnten aber das Verlangen und die Begierde als die
allzeitigen Grundursachen zur Tat verboten. Denn man sieht es ja leicht ein,
daß besonders junge Ehemänner auch gewöhnlich junge schöne Weiber haben. Wie leicht
ist es einem andern Manne, daß er seines vielleicht nicht schönen Weibes
vergißt, sich in das schöne Weib seines Nächsten vergafft, in sich dann einen
stets größeren Trieb und ein stets größeres Verlangen erweckt, seines Nächsten
Weib zu begehren und mit ihr seine geile Sache zu pflegen.
[GS.02_093,07] Gut, sage ich, wenn man dieses
Gebot von diesem Standpunkte zunächst betrachtet, so ergeben sich daraus nicht
mehr als eine halbe Legion Lächerlichkeiten und Narrheiten, durch welche das
Göttliche eines solchen erhabenen Gebotes in den schmutzigsten Staub und in die
stinkendste Kloake des weltlichen Witzes und Verstandes der Menschen
herabgezogen werden muß. Wir wollen beispiels- und erläuterungshalber
geflissentlich einige Lächerlichkeiten anführen, damit dadurch jedermann klar
werde, wie seicht und rein äußerlich dieses Gebot über acht Jahrhunderte
hindurch aufgefaßt, erklärt und zu beobachten befohlen ward.
[GS.02_093,08] Ein Mann soll also kein
Verlangen nach dem Weibe seines Nächsten haben. Hier läßt sich fragen: Was für
ein Verlangen oder Begehren? Denn es gibt ja eine Menge redlicher und
wohlerlaubter Verlangen und Begehrungen, die ein Nachbar an das Weib seines
Nächsten richten kann. Aber im Gebote heißt es unbedingt, „kein Verlangen
haben“. Dadurch dürfen nur die beiden Nachbarn miteinander in der Konversation
stehen, die Weiber aber müssen sich gegenseitig stets mit Verachtung ansehen.
Das ist nicht mehr und nicht weniger als eine geradezu türkische Auffassung
dieses mosaischen Gebotes.
[GS.02_093,09] Ferner, betrachtet man die
Sache buchstäblich und materiell, so muß man doch gewiß alles buchstäblich
nehmen und nicht ein paar Worte buchstäblich und ein paar Worte geistig; was
sich geradeso ausnähme, als so jemand an einem Bein ein schwarzes und an dem
andern ein ganz subtil durchsichtiges weißes Beinkleid trüge. Oder als wolle
jemand behaupten, ein Baum müsse so wachsen, daß die eine Hälfte seines Stammes
mit Rinde, die andere ohne Rinde zum Vorschein käme. Dieser Betrachtung zufolge
verbietet das zehnte Gebot nur das Verlangen nach dem Weibe des „Nächsten“. Wer
kann das im buchstäblichen Sinne sein? Niemand anderer als entweder die
nächsten Nachbarn oder auch nahe Blutsverwandte. Buchstäblich dürfte man also
nur nach den Weibern dieser beiden Nächsten kein Verlangen haben, die Weiber
entfernter Bewohner eines Bezirks, besonders aber die Weiber der Ausländer, die
sicher keine Nächsten sind, könnten daher ohne weiteres verlangt werden. Denn
solches wird doch ein jeder ohne Mathematik und Geometrie begreifen, daß man im
Vergleiche zum nächsten Nachbarn einen andern, einige Stunden entfernten oder
gar einen Ausländer für einen Nächsten oder Nächstseienden nicht anerkennen
kann. Sehet, auch das ist türkisch, denn diese halten dieses Gebot nur
gegenüber Türken, gegen fremde Nationen haben sie da kein Gesetz. – Gehen wir
aber weiter.
[GS.02_093,10] Ich frage: Ist das Weib meines
Nächsten denn von der Haltung des göttlichen Gesetzes ausgenommen? Denn im
Gesetze steht nur, daß ein Mann nach dem Weibe seines Nächsten kein Verlangen
haben solle. Aber von dem, daß etwa ein geiles Weib nach ihrem nächsten
Nachbarn kein Verlangen haben solle, davon steht im Gebote keine Silbe. Man
gibt auf diese Weise den Weibern offenbar ein Privilegium, die ihnen zu Gesicht
stehenden Männer ohne Bedenken zu verführen. Und wer wird es ihnen verbieten,
solches zu tun, da für diesen Fall vom Herrn aus kein Gebot vorhanden ist? Auch
das ist aus der türkischen Philosophie; denn die Türken wissen aus dem
Buchstabensinne, daß die Weiber von solchem Gesetze frei sind. Daher sperren
sie dieselben ein, damit sie nicht ins Freie kommen und andere Männer nach
ihnen lüstern machen möchten. Gestattet schon ein Türke einem seiner Weiber
einen Ausgang, so muß sie sich so unvorteilhaft für ihre körperlichen Reize
vermummen, daß sie sogar einem ihr begegnenden Bären einigen Respekt einflößen
würde. Ihre Reize darf sie allein nur vor ihrem Manne entfalten. Wer kann da
auftreten und dagegen behaupten, als wäre solches nicht aus dem Buchstabensinne
des Gebotes zu erkennen? Offenbar hat diese Lächerlichkeit ihren unleugbaren
Grund eben im Gebote selbst. Gehen wir aber weiter.
[GS.02_093,11] Können die nächsten Nachbarn
nicht etwa schon erwachsene Töchter haben oder andere recht hübsche
Dienstmädchen? Ist es nach dem zehnten Gebote erlaubt oder nicht, nach den
Töchtern oder anderen Mädchen des Nächsten ein Verlangen zu haben, selbst als
Ehemann? Offenbar ist solches gestattet, denn im sechsten Gebote ist vom
Verlangen keine Rede, sondern nur von der Tat. – Das zehnte Gebot verbietet
aber nur das Verlangen nach dem Weibe, also ist das Verlangen nach den Töchtern
und allfälligen anderen hübschen Mädchen des Nächsten ohne Widerrede erlaubt.
(?) – Sehet, da haben wir wieder eine türkische Auslegung des Gesetzes mehr. Um
die Sache aber sonnenklar anschaulich zu machen, wollen wir noch einige solcher
Lächerlichkeiten anführen. –
94. Kapitel – Wer ist der „Du“ im 10. Gebote?
[GS.02_094,01] Im Gesetze heißt es: „Du
sollst nicht verlangen deines Nächsten Weib“. – Läßt sich da nicht fragen: Wer
ist denn eigentlich der Du? Ist er ein Verheirateter, ein Witwer, ein
unverheirateter junger Mann, ein Jüngling, oder ist es etwa auch ein Weib, zu
dem man doch auch sagen kann: Du sollst dies oder jenes nicht tun? Man wird hier
sagen: Das ist vorzugsweise für das männliche Geschlecht bestimmt, ohne
Unterschied, ob ledig oder verheiratet, und daß die Weiber beiläufig auch
miteinbegriffen werden können und nicht das Recht haben sollen, andere Männer
zu verlocken und zu begehren, das alles versteht sich von selbst.
[GS.02_094,02] Ich aber sage dagegen: Wenn
schon die Menschen ihre Satzungen gar fein zu bestimmen imstande sind und in
eben ihren Satzungen für jeden möglichen Fall gar feine und kluge Sonderungen
machen, so wird man dem Herrn doch nicht den Vorwurf machen können, als hätte
Er gar aus Unkunde unbestimmt ausgedrückte Gesetze gegeben, oder Er hätte
gleich einem pfiffigen Advokaten Seine Gesetze also auf Schrauben gestellt, daß
die Menschen darüber unvermeidlich sich so oder so versündigen müssen.
[GS.02_094,03] Ich meine, eine solche
Folgerung aus der näheren Betrachtung des freilich unbestimmt gegeben
scheinenden Gesetzes zu machen, wäre denn doch etwas zu arg. Man kann daher
viel leichter schließen, daß dieses Gesetz, wie alle übrigen, ein höchst
bestimmtes ist. Es ist nur mit der Zeit und ganz besonders in der Zeit des
entstandenen Hierarchentums sogestalt verdreht und fälschlich ausgelegt worden,
daß nun kein Mensch mehr den eigentlichen wahren Sinn dieses Gesetzes kennt.
Und das ist geschehen aus purer Habsucht. Im eigentlichen reinen Sinne hätte
dieses Gesetz dem Priesterstande nie einen Pfennig eingetragen, in seinem
verdeckten Sinne aber gab es Anlaß zu allerlei taxierten Vermittlungen,
Dispensen und Ehescheidungen, und das natürlich in der früheren Zeit bei weitem
mehr als jetzt. Denn da war die Sache also gestellt, daß zwei oder mehrere
Nachbarn sich gegen die Versündigung an diesem Gesetze durchaus nicht verwahren
konnten. Wieso denn?
[GS.02_094,04] Sie mußten natürlicherweise
mehrere Male im Jahre aus übergroßer Furcht vor der Hölle gewissenhaft
beichten. Da wurden sie in diesem Punkte gar emsig examiniert, und es war, im
Falle irgendein Nachbar ein schönes junges Weib hatte, schon sogar ein Gedanke,
ein Blick, etwa gar eine Unterredung von seiten der anderen männlichen
Nachbarn, als eine ehebrecherische Sünde gegen dieses Gebot erklärt, welche
meist mit einer Opferbuße belegt wurde. Geschah gar eine etwas stärkere
Annäherung, so war auch schon die volle Verdammnis fertig, und der einmal auf
der einen Waagschale St. Michaels in die Hölle Hinabgesunkene mußte in die
andere leere Waagschale sehr bedeutende Opfer werfen, damit diese die
Überschwere bekamen und den armen verdammten Sünder wieder glücklich aus der
Hölle zogen. Die Gottes Macht innehabenden Priester gehörten da durchaus nicht
unter diejenigen, welche nur sehr vieles verlangen, sondern sie wollten im
Ernste lieber alles!
[GS.02_094,05] Auf diese Weise mußten einst
viele sehr wohlhabende Ritter und Grafen ins Gras beißen und noch obendrauf als
aus der Hölle erlösende Buße ihre Güter der Kirche vermachen. Ihre allenfalls
zurückgebliebenen Weiber wurden zur Sühnung der Strafe für ihren ungetreuen
Mann in ein Kloster aufgenommen. Auch die allfälligen Kinder sowohl männlicher
als weiblicherseits sind dann gewöhnlich in solche Klöster eingeteilt worden,
in denen man keine irdischen Reichtümer besitzen darf.
[GS.02_094,06] Ich meine, es dürfte genug
sein, um all das wirklich Schmähliche einzusehen, das aus der Verdrehung dieses
Gesetzes zum Vorschein kam. Das unbestimmte „Du“ des Gesetzes war die Urquelle
zu Dispensen, welche gewöhnlich am meisten eingetragen haben. Hatte jemand ein
großes Opfer gebracht, so konnte man das Du so modifizieren, daß der Sünder
wenigstens nicht in die Hölle kam. Im Gegenteil aber konnte dieses Du auch so
verdammlich bestimmt werden, und zwar zufolge der angemaßten Löse- und
Bindegewalt, daß dem Sünder nur sehr bedeutende Opfer in der Erlösung aus der
Hölle behilflich sein konnten.
[GS.02_094,07] Wir haben jetzt gesehen, zu
welchen Abirrungen das unbestimmte Du Gelegenheit gegeben hat. Wir wollen uns
aber damit noch nicht begnügen, sondern noch einige solche lächerliche
Auslegungen betrachten, damit es jedem umso klarer wird, wie für jedermann
notwendig die Bekanntschaft mit dem reinen Sinne des Gesetzes ist, ohne den man
nie frei werden kann, sondern sklavisch unter dem Fluche des Gesetzes
verbleiben muß! – Und so gehen wir weiter! –
95. Kapitel – Beispiele verkehrter Auffassung
des 10. Gebotes.
[GS.02_095,01] Wie das Gesetz lautet, wissen
wir: es untersagt ein Verlangen oder ein Begehren. Nun aber fragt es sich:
Irgendein Mann ist verarmt, während sein Nachbar ein reicher Mann ist. Das Weib
des Nachbarn als des Nächsten unseres armen Menschen, hat, wie ihm bekannt ist,
ein mitleidiges und mildtätiges Herz. Unser Armer bekommt nun offenbar ein
Verlangen nach dem mildtätigen Weibe seines Nachbarn und begehrt, daß sie ihm
den Hunger stille. Frage, hat dieser gesündigt oder nicht? Er hat offenbar ein Verlangen
und Begehren nach dem Weibe seines Nachbarn gestellt. Nachdem es aber heißt: Du
sollst kein Verlangen nach dem Weibe deines Nächsten haben – wer kann hier
begründetermaßen dieses billige Verlangen des Armen als unsündhaft erklären?
Denn unter „kein Verlangen, kein Begehren haben“ muß doch sicher jedes
Verlangen und jedes Begehren untersagt sein, da in dem Wort „kein“ durchaus
keine Ausnahme erweislich ist. So muß denn auch dadurch ein wie immer geartetes
Verlangen untersagt sein.
[GS.02_095,02] Leuchtet aus dieser Erklärung
nicht augenscheinlich hervor, als habe der Herr dadurch das weibliche
Geschlecht offenbar von der Liebtätigkeit abwendig machen wollen, wonach dann
sicher eine jede Wohltat, die eine Hausfrau einem armen Menschen erteilt, als eine
dem göttlichen Gebote vollkommen zuwiderlaufende Sünde anzusehen ist?
[GS.02_095,03] Läßt sich aber ein so
unsinniges Gebot von seiten der allerhöchsten Liebe des Herrn wohl denken? Man
wird hier freilich sagen: Das Gebot beschränkt sich nur auf das fleischlich
wollüstige Verlangen. Ich aber sage: Es ist gut, lassen wir es also bei dem
bewendet sein, nur muß man mir dabei erlauben, einige Bemerkungen zu machen.
Stoßen diese Bemerkungen das Bewendet-sein-lassen um, dann muß es sich ein
jeder Einwender gefallen lassen, bei der Bestimmung dieses Gebotes einen
anderen Weg zu ergreifen. Und so vernehme man die Bemerkungen.
[GS.02_095,04] Das Gebot soll also lediglich
ein sinnlich fleischliches Verlangen untersagen. Gut, sage ich, frage aber
dabei: Ist im Gebot ein bestimmtes Weib angegeben oder sind im Gebote alle
Weiber verstanden oder finden gewisse natürliche Ausnahmen statt?
[GS.02_095,05] Nehmen wir an, mehrere sich
gegenüberstehende Nachbarn haben alte, nicht mehr reizende Weiber. Da können
wir versichert sein, daß diese Nachbarn hinsichtlich ihrer gegenseitigen Weiber
durchaus kein fleischliches Verlangen mehr haben. Demnach müßten nur die jungen
Weiber verstanden sein und auch nur dann, wenn sie schön und reizend sind.
Sicher werden auch alte und abgelebte Männer nicht mehr viel von fleischlich
sinnlichen Begierden gequält sein gegenüber was immer für Weibern ihrer
Nachbarn.
[GS.02_095,06] Daraus aber sehen wir, daß
dieses Gesetz nur unter gewissen Bedingungen geltend ist. Also hat das Gesetz
Lücken und hat somit keine allgemeine Geltung. Denn wo schon die Natur
Ausnahmen macht und ein Gesetz so nicht einmal die volle naturmäßige Geltung
hat, wie soll es sich da ins Geistige erstrecken? Wer solches nicht begreifen
kann, der breche nur einen Baum ab und sehe, ob er dann noch wachsen wird und
Früchte tragen.
[GS.02_095,07] Ein göttliches Gesetz aber muß
doch sicher so gestellt sein, daß dessen beseligende Geltung für alle
Ewigkeiten „gesetzt“ ist. Wenn es demnach aber schon im Verlaufe des kurzen
irdischen Daseins unter gewissen Umständen natürlicherweise über die geltenden
Schranken hinausgedrängt wird, also schon im Naturzustande des Menschen als
wirkend zu sein aufhört, was soll es dann für die Ewigkeit sein? Ist nicht
jedes Gesetz Gottes in Seiner unendlichen Liebe gegründet? Was ist es denn aber
hernach, wenn ein solches Gesetz außer Geltung tritt? Ist das etwas anderes,
als so man behaupten möchte, die göttliche Liebe tritt ebenfalls unter gewissen
Umständen außer Geltung für den Menschen?
[GS.02_095,08] Darauf aber beruht auch der
traurige Glaube eurer heidnisch-christlichen Seite, demzufolge die Liebe Gottes
nur so lange dauert, solange der Mensch auf dieser Welt lebt. Ist er einmal dem
Leibe nach gestorben und steht lediglich seelisch und geistig da, so fängt
sogleich die unwandelbare, schrecklichst gestrenge, strafende Zorngerechtigkeit
Gottes an, bei der von einer Liebe und Erbarmung ewig keine Rede mehr ist.
[GS.02_095,09] Hat der Mensch durch seine
Lebensweise den Himmel verdient, so kommt er nicht etwa zufolge der göttlichen
Liebe, sondern nur zufolge der göttlichen Gerechtigkeit in den Himmel,
natürlich durch das eigene, Gott dienliche und wohlgefällige Verdienst. Hat
aber der Mensch nicht also gelebt, so ist die ewige Verdammnis augenblicklich
vorhanden, aus der nimmer eine Erlösung zu erwarten ist. Mit anderen Worten
will dies sagen, es gäbe irgendeinen törichten Vater, der da in seinem
Haushalte ein Gesetz aufstellte, und das gegen seine Kinder, welches also
lauten möchte:
[GS.02_095,10] Ich gebe allen meinen Kindern
von der Geburt an bis in ihr siebentes Jahr vollkommene Freiheit. In dieser
Zeit sollen sie alle meine Liebe ohne Unterschied genießen. Nach Verlauf des
siebenten Jahres aber ziehe ich bei allen Kindern meine Liebe zurück und will
sie von da an entweder richten oder beseligen. Die als unmündige Kinder meine
schweren Gesetze gehalten haben, die sollen nach dem siebenten Jahre sich
fortan meines höchsten Wohlgefallens zu erfreuen haben. Welche sich aber im
Verlaufe der sieben Jahre nicht völlig bis auf ein Atom nach meinem schweren
Gesetze gebessert haben, diese sollen fortan für alle Zeiten aus meinem
väterlichen Hause verflucht und verworfen werden. – Saget, was würdet ihr zu
einem so grausamen Esel von einem Vater sagen? Wäre das nicht ungeheuer mehr
als die schändlichste Tyrannei aller Tyrannen?
[GS.02_095,11] Wenn ihr aber solches schon
bei einem Menschen unbeschreiblich töricht, arg und böse finden würdet, wie
entsetzlich unsinnig müssen da die Menschen sein, die noch weit Ärgeres Gott,
der die allerhöchste Liebe und Weisheit Selbst ist, ansinnen und zuschreiben
können!
[GS.02_095,12] Was tat der Herr am Kreuze als
die alleinige göttliche Weisheit, da Sie gewisserart dem Außen nach wie
geschieden war von der ewigen Liebe? – Er, als die Weisheit, und als solche der
Grund aller Gerechtigkeit, wandte Sich Selbst an den Vater oder an die ewige
Liebe, forderte diese nicht gewisserart gerechtermaßen um Rache auf, sondern Er
bat die Liebe, daß Sie allen diesen Missetätern, also auch allen den Hohepriestern
und Pharisäern alle ihre Tat vergeben möchte, indem sie nicht wissen, was sie
tun! –
[GS.02_095,13] Solches tut also hier schon
die göttliche Gerechtigkeit für Sich. Soll dann die unendliche göttliche Liebe
da zu verdammen anfangen, wo die göttliche Gerechtigkeit die noch endlos
barmherzigere Liebe um Erbarmung anfleht?
[GS.02_095,14] Wenn man das nicht gelten
läßt, daß es dem Herrn wirklich Ernst war mit Seiner Bitte, und sagt, solches
habe Er nur beispielsweise getan, macht man da den Herrn nicht zu einem
Heuchler, indem man Ihn nur scheinhalber am Kreuze um Vergebung bitten läßt,
heimlich aber sieht man in Ihm doch die unvertilgbare Rache, derzufolge Er in
Sich dennoch alle diese Übeltäter schon lange in das allerschärfste höllische
Feuer verdammt hat?
[GS.02_095,15] O Welt! O Menschen! O
schrecklichster Unsinn, der je irgend in der ganzen Unendlichkeit und Ewigkeit
erdacht werden könnte! Kann man sich wohl etwas Schändlicheres denken, als so
man zur falschen, freilich zeitlich einträglichen Autoritätsbegründung der
Hölle den Herrn am Kreuze zu einem Lügner, Scheinprediger, Verräter und somit
zum allgemeinen Weltenbetrüger macht? Aus wessen Munde als nur allein aus dem
des Erzsatans kann solche Lehre und können solche Worte kommen?
[GS.02_095,16] Ich meine, es genügt auch hier
wieder, um euch zu der Einsicht zu bringen, welche Greuel aus einer höchst
verkehrten Deutung und Auslegung eines göttlichen Gesetzes hervorgehen können.
Daß es bei euch auf der Welt also ist, das könnt ihr wohl schon selbst bereits
mit den Händen greifen. Aber warum es also ist, aus welchem Grunde, das wußtet
ihr nicht und konntet es auch nicht wissen; denn zu verwirrt war der
Gesetzesknoten, und nimmer hätte jemand diesem Knoten die volle Lösung geben
können. –
[GS.02_095,17] Daher hat sich der Herr euer
erbarmt und läßt euch in der Sonne, da es doch sicher licht genug ist, die
wahre Lösung dieses Knotens verkünden, auf daß ihr den allgemeinen Grund aller
Bosheit und Finsternis erschauen möchtet.
[GS.02_095,18] Man wird freilich sagen: Ja,
wie kann denn so viel Übel von dem Mißverstehen der zehn Gebote Mosis abhängen?
[GS.02_095,19] Da meine ich: Weil diese zehn
Gebote von Gott gegeben sind und in sich tragen die ganze unendliche Ordnung
Gottes selbst.
[GS.02_095,20] Wer sonach in einem oder dem
andern Punkte auf was immer für eine Art aus der göttlichen Ordnung tritt, der
bleibt in keinem Punkte mehr in der göttlichen Ordnung, indem diese gleich ist
einem geraden Wege. So jemand wo immer von diesem Wege abweicht, kann er da
sagen: Ich bin nur ein Viertel; Fünftel, Siebentel oder Zehntel des Weges
abgewichen? Sicher nicht. Denn so wie er nur im geringsten den Weg verläßt, ist
er schon abseits vom ganzen Wege. Will er nicht auf den Weg zurückkehren, da
wird man doch gewiß behaupten können, daß derjenige einzelne Punkt am Wege, wo
der Wanderer von selbem abwich, den Wanderer vom ganzen Wege entfernt hatte.
[GS.02_095,21] Und eben also verhält es sich
auch mit jedem einzelnen Punkte des göttlichen Gesetzes. Es kann nicht leichtlich
jemanden geben, der sich am ganzen Gesetze gewaltigst versündigt hätte, indem
solches nahezu unmöglich ist. Aber es ist genug, wenn sich jemand in einem
Punkte versündigt und dann dabei beharrt. Er kommt auf diese Weise doch vom
ganzen Gesetze hinweg, und wenn er es nicht will und der Herr ihm nicht
behilflich sein möchte, so käme er nimmer auf den Weg des Gesetzes oder der
göttlichen Ordnung zurück. Und so könnt ihr auch versichert sein, daß die
meisten Übel der Welt vom freilich wohl leider anfänglich eigen- und
böswilligen Unverstande oder vielmehr von der böswilligen Verdrehung des Sinnes
dieser beiden letzten göttlichen Gebote herrühren. –
[GS.02_095,22] Wir haben nun aber auch der
Lächerlichkeiten und falschen Auslegungen dieses Gebotes zur Genüge kundgegeben;
daher wollen wir denn zur rechten Bedeutung dieses Gesetzes schreiten, in deren
Lichte ihr alle die Albernheiten noch ums Unvergleichliche heller erleuchtet
erschauen werdet. –
96. Kapitel – Grund des Verdecktseins des
eigentlichen Sinnes des 10. Gebotes.
[GS.02_096,01] Es werden hier so manche, die
das Vorhergehende gelesen haben, sagen: Darauf sind wir im Ernste sehr
neugierig, was dieses Gebot für einen eigentlichen beständigen Sinn hat,
nachdem jeder Sinn, den wir ehedem diesem Gebote beigelegt haben, unwiderlegbar
ins unsinnigst Lächerliche gezogen und dargestellt wurde. Wir möchten im Ernste
schon sehr gern erfahren, wer demnach der Du, der Nächste und dessen Weib ist?
Denn aus dem Gebote läßt sich mit Bestimmtheit nichts aufstellen. Der Du kann
wohl jedermann sein, ob aber darunter auch ein Weib verstanden sein kann, das
steht noch in weitem Felde. Der Nächste ließe sich wohl allenfalls etwas näher
bestimmen, besonders wenn man dieses Wort in einem umfassenderen Sinne nimmt,
wodurch dann jedermann unser Nächster ist, der irgend unserer Hilfe bedarf. Mit
dem Weibe aber hat es sicherlich den größten Anstand; denn man weiß nicht, wird
darunter nur ein verheiratetes Weib oder auch das ledige weibliche Geschlecht
verstanden. Es ist hier freilich mehr in der einfachen als in der vielfachen
Zahl; aber das macht die Sache eben auch um kein Haar bestimmter. Denn wenn man
in irgendeinem Erdteile die Polygamie annimmt, so hätte es da mit der einfachen
Zahl offenbar wieder einen neuen Haken. Aus allem diesem sind wir um so
neugieriger auf den eigentlichen Sinn dieses Gebotes, indem der Buchstabensinn
allenthalben ganz gewaltig unstichhaltig ist.
[GS.02_096,02] Und ich sage hinzu: Also ist
es bestimmt und klar, daß sich mit der Annahme des puren äußeren
Buchstabensinnes nur der größte Unsinn, nie aber irgendeine gegründete Wahrheit
darstellen läßt.
[GS.02_096,03] Man wird hier freilich sagen:
Ja warum hat denn der Herr das Gesetz nicht sogleich also gegeben, daß es für
jedermann nicht verdeckt, sondern ganz offen erschien, in was für einem Sinne
es eigentlich gegeben und wie es nach eben diesem Sinne zu beobachten ist?
[GS.02_096,04] Diese Einwendung läßt sich dem
außen nach wohl hören und gilt als eine ziemlich weise gestaltete Gegenphrase;
aber beim Lichte betrachtet ist sie so dumm, daß man sich nicht leichtlich
etwas Dümmeres vorstellen kann. Damit aber die außerordentliche Albernheit
dieser Einwendung einem jeden gleich so in die Augen fällt, als stünde er nur
wenige Meilen von der Sonne entfernt und würde diese plötzlich mit seinen Augen
wahrnehmen – oder damit es einem dabei wird, wie dem, der in einem Walde den
Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, so will ich für diese Gelegenheit einige
natürliche, ganz kurz gefaßte Betrachtungen aufstellen.
[GS.02_096,05] Nehmen wir an, einem
sogenannten Naturforscher und Botaniker möchte es der Bequemlichkeit seiner
Untersuchung wegen einfallen zu fragen: Warum hat denn die schöpfende Kraft des
schaffenden allerhöchsten Wesens die Bäume und Pflanzen nicht so erschaffen,
daß der Kern auswendig und die Rinde inwendig ist, so daß man mit leichter Mühe
durch Mikroskope das Aufsteigen des Saftes in die Äste und Zweige und dessen
Reaktionen und andere Wirkungen genau beobachten könnte? Denn es kann doch
nicht des Schöpfers Absicht gewesen sein, den denkenden Menschen sogestaltet
auf die Erde zu setzen, daß er nie in das Geheimnis der Wunderwirkungen in der
Natur eindringen sollte. – Was sagt ihr zu diesem Verlangen? Ist es nicht im
höchsten Grade dumm?
[GS.02_096,06] Nehmen wir aber an, der Herr
möchte Sich von einer solchen Aufforderung bestechen lassen und die Bäume also
umkehren samt den Pflanzen – werden da nicht gleich wieder andere Naturforscher
hinzukommen und sagen: Was nützt uns die Betrachtung des auswendigen Kerns,
wenn wir dabei nicht die wunderbare Bildung der inneren Rinde entdecken können?
– Was folgt nun hieraus? Der Herr müßte Sich auch jetzt wieder fügen und auf
eine mir fürwahr nicht begreifliche Art Rinde und Kern auswendig am Baume anbringen.
Nehmen wir aber an, der Herr hätte solches im Ernste zuwege gebracht und das
Inwendige des Baumes besteht nun bloß im Holze. Wird da nicht ein anderer
Naturforscher sobald ein neues Bedürfnis kundgeben und sagen: Durch die Rinde
und auf einer Seite durch den Kern ist nun die ganze wunderbare Bildung des
Holzes verdeckt. Könnte denn ein Baum nicht so gestaltet sein, daß alles, Kern,
Holz und Rinde auswendig wäre oder wenigstens so durchsichtig wie die Luft?
[GS.02_096,07] Ob man einen aus notwendig zahllos
vielen Organen zusammengefügten Baum so durchsichtig wie die Luft oder
wenigstens wie ein reines Wasser gestalten kann, das sollen Optiker und
Mathematiker entscheiden. Was aber übrigens auf vollkommen luftigen Bäumen für
Früchte wachsen werden, das dürfte einer ungefähr in den Gegenden des Nordpols
oder Südpols in gute Erfahrung bringen. Denn dort geschehen manchmal solche
Phänomene, daß zufolge der großen Kälte, auf die Weise wie bei euch im Winter
auf den Glasfenstern, dort aber in der Luft kristallinische Eisbäume
aufschießen. Ob auf diesen Bäumen auch Feigen und Datteln zum Vorscheine
kommen, ist bis jetzt noch nicht ermittelt worden.
[GS.02_096,08] Was aber andererseits die
Bäume betrifft, wo alles, Kern, Holz und Rinde, auswendig sein sollte, so
könnet ihr dessen vollkommen versichert sein, daß es ebensoleicht wäre, eine
viereckige Kugel zu machen als einen solchen Baum. Ich meine, durch diese
Betrachtung sollte die Dummheit obiger Einwendung schon so ziemlich sonnenhaft
vor den Augen liegen. Aber um die Sache, wie gewöhnlich, wahrhaft überflüssig
klar zu machen, wollen wir noch ein paar Betrachtungen hinzufügen.
[GS.02_096,09] Nehmen wir an, wenn ein Arzt,
der sehr viel studieren muß und schon einen ganzen schweren Wagen voll
Gelehrsamkeit gleich einem Polypen in sich eingeschlürft hat, zu einem
bedenklich kranken Patienten verlangt wird, so steht er nicht selten am
Krankenlager, wie ein Paar neueingespannte Ochsen an einem steilen Berge. Der
Arzt wird von den Umstehenden gefragt: Wie finden Sie den Kranken, was fehlt
ihm denn? Wird ihm wohl zu helfen sein?
[GS.02_096,10] Ob dieser Fragen macht der
Arzt ein zwar gelehrtes, aber dennoch sehr bedenklich verlegenes Gesicht und
spricht: Meine Lieben! Jetzt läßt sich noch nichts bestimmen, ich muß erst
durch eine Medizin die Krankheit prüfen. Werden sich da Reaktionen so oder so
ergeben, so werde ich schon wissen, wie ich daran bin. Treten aber hier keine
Reaktionen auf, da müßt ihr selbst einsehen, daß unsereiner in den Leib nicht
hineinschauen kann, um den Sitz der Krankheit nebst ihrer Beschaffenheit
ausfindig zu machen.
[GS.02_096,11] Da spricht aber jemand etwas
lakonisch: Herr Arzt, da hätte unser Herrgott wohl besser getan, wenn er den
Menschen entweder so erschaffen hätte wie der Schreiner einen Schrank, den man
aufsperren und hineinsehen kann, was darinnen ist. Oder der Schöpfer hätte
sollen bei dem Menschen die heikleren Teile, zu denen man auf diese Weise so
schwer gelangen kann, gleich den Fingern, Ohren, Augen und Nase außerhalb
stellen, damit man diesem Teil sogleich leicht entweder mit einem Pflaster, mit
einer Salbe oder mit einem Umschlage zu Hilfe kommen könnte. Am besten aber
wäre es offenbar, Er hätte entweder den Menschen durchsichtig wie das Wasser
erschaffen oder Er hätte ihn überhaupt nicht aus so lebensgefährlichen Teilen
zusammen setzen und ihn überhaupt mehr wie einen Stein gestalten sollen.
[GS.02_096,12] Der Arzt rümpft hier etwas die
Nase, spricht aber dennoch: Ja, mein lieber Freund, das wäre freilich gut und
besser, aber es ist einmal nicht so, wie du soeben den Wunsch geäußert hast. So
müssen wir uns schon damit zufriedenstellen, wenn wir nur auf dem Wege der
Erfahrungen etwas genauer auf den inneren Gesundheits- und Krankheitszustand
eines Menschen zu schließen imstande sind. Denn wäre der Mensch auch wie ein
Kasten aufzumachen, so wäre das für jeden Menschen noch um vieles
lebensgefährlicher, als es so ist, denn nur ein ein wenig ungeschickter Griff
in das Innere könnte plötzlich das Leben kosten. Und könnte man auch durch ein
solches Öffnen die Eingeweide beschauen, so würde einem das noch sehr wenig
nützen. Die Eingeweide und ihre feinen Organe müßten doch verschlossen bleiben,
nachdem bei der Öffnung auf der Stelle alle Lebenssäfte und jede
Lebenstätigkeit flott würden. Was aber die auswendige Stellung der inwendigen
Leibesteile betrifft, fürwahr, mein Lieber, das gäbe der menschlichen Gestalt
einen höchst unästhetischen Anblick. Und wenn der Mensch erst völlig
durchsichtig wäre, so würde sich ein jeder gegenseitig vor dem andern
erschrecken, denn er würde da den Hautmenschen, dann den Muskelmenschen, den
Gefäßmenschen, den Nervenmenschen und endlich den Knochenmenschen zu gleicher
Zeit erschauen. Daß ein solcher Anblick nicht einladend wäre, das kannst du dir
wohl von selbst einbilden.
[GS.02_096,13] Ich meine, bei dieser
Betrachtung wird einem das Törichte der obigen Einwendung noch klarer in die
Augen springen.
[GS.02_096,14] Aber es ist noch jemand, der
da spricht: Es ist bei natürlichen, materiellen Dingen freilich widersinnig zu
denken, daß ihr Inwendiges auch zugleich ihr Äußeres ausmachen sollte. Aber das
Wort für sich ist ja doch weder ein Baum, noch ein Tier, noch ein Mensch,
sondern es ist schon an und für sich geistig, indem es nichts Materielles an
sich trägt. Warum sollte das hernach gleich einem Baume oder Menschen noch
irgendeinen unbegreiflichen inneren Sinn haben? Oder wie sollte dieser möglich
sein, wenn man die ohnehin außerordentliche Einfachheit und Flachheit des
Wortes betrachtet?
[GS.02_096,15] Gut, sage ich, nehmen wir das
Wort Vater. Was bezeichnet es? Ist das Wort schon der Vater selbst oder
bezeichnet das Wort einen wirklich wesenhaften Vater, von dem dieses Wort eben
bloß ein äußerer Merkmalstypus ist? Man wird sagen: Offenbar ist hier das Wort
nicht der Vater selbst, sondern nur eine äußere Bezeichnung dessen. Gut, sage
ich, frage aber dabei: Was muß man dann alles unter dem Worte verstehen, auf
daß man eben dieses Wort als einen äußeren richtig bezeichnenden Typus
anerkennt? Antwort: Das Wort muß einen Menschen darstellen, der ein
entsprechendes Alter hat, verheiratet ist, mit seinem Weibe lebendige Kinder
erzeugt hat und dieselben dann wahrhaft väterlich leiblich und geistig
versorgt.
[GS.02_096,16] Wer kann hier nur im
geringsten in Abrede stellen, daß diese ziemlich gedehnte und überaus
wesentliche Bedeutung im einfachen Worte „Vater“ stecken muß, ohne welche
dieses Wort gar kein Wort wäre?
[GS.02_096,17] Wenn aber schon in äußeren
Beziehungen ein jedes einfache Wort eine mehr inwendige Erklärung und
Zergliederung zulassen muß, um wie viel mehr muß demnach ein jedes äußere Wort
auch einen inwendigen geistigen Sinn haben, indem doch alles, was durch äußere
Worte bezeichnet wird, selbst ein inwendiges Geistiges, also Kraftvolles und
Wirkendes haben muß. Ein Vater hat sicher auch Seele und Geist. Wird das Wort
den Begriff „Vater“ wohl richtig bezeichnen, wenn es sein Seelisches und
Geistiges ausschließt? Sicher nicht, denn der wesenhafte Vater besteht aus
Leib, Seele und Geist, also aus Auswendigem, Innerem und Inwendigstem. Wenn
sonach der wesenhafte Vater lebendig also beschaffen ist, muß solches dann
nicht auch wie in einem Spiegel im Worte, durch das der wesenhafte Vater als
Vater bezeichnet wird, ebensogut vollkommen bezeichnend zugrunde liegen?
[GS.02_096,18] Ich meine, deutlicher und
klarer läßt sich ein notwendiger innerer Sinn des Wortes nicht darstellen.
Daraus aber kann auch ersichtlich sein, daß der Herr, so Er auf der Welt Seinen
Willen kundgibt, Er ihn für äußere Menschen nach Seiner ewigen göttlichen
Ordnung nicht anders kundgeben kann, als eben nur durch äußere, bildliche
Darstellungen, in denen dann offenbar ein innerer und ein innerster Sinn
zugrunde liegt. Dadurch ist dann der ganze Mensch von seinem Inwendigsten bis
zu seinem Äußersten nach der göttlichen Liebe versorgt.
[GS.02_096,19] Da wir aber nun die
Notwendigkeit und die Gewißheit solcher Einrichtung mehr als handgreiflich
dargetan haben, so wird es nun auch ein gar Leichtes sein, den inneren, wahren
Sinn unseres Gesetzes beinahe von selbst zu finden, und so er von mir
dargestellt wird, wenigstens als den unumstößlichen, einzig wahren und
allgemein geltenden zu erkennen. – Und so gehen wir sogleich zu solcher
Darstellung über! –
97. Kapitel – Der innere, eigentliche Sinn
des 10. Gebotes.
[GS.02_097,01] Das Gesetz lautet sonach, wie
wir es bereits auswendig wissen: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten
Weib“ – oder: Du sollst kein Verlangen haben nach deines Nächsten Weib, was
eines und dasselbe ist. – Wer ist denn „das Weib“ und wer ist der „Nächste“?
[GS.02_097,02] Das Weib ist eines jeden
Menschen Liebe und der Nächste ist jeder Mensch, mit dem ich irgend in
Berührung komme oder der irgend, wo es sein kann, möglich und notwendig ist,
meiner Hilfe bedarf. Wenn wir das wissen, so wissen wir im Grunde schon alles.
[GS.02_097,03] Was besagt demnach das Gebot?
Nichts anderes als: Ein jeder Mensch soll nicht eigenliebig die Liebe seines
Nächsten fordernd zu seinem Besten verlangen; denn Eigenliebe ist an und für
sich nichts anderes, als sich die Liebe des andern zuziehen zum eigenen
Genusse, aber ihm selbst keinen andern Funken Liebe mehr wiederzuspenden.
[GS.02_097,04] Also lautet demnach das Gesetz
in seinem geistigen Ursinne. Man sagt aber:
[GS.02_097,05] Hier ist es offenbar im Sinne
des Buchstabens wiedergegeben, den man im Anfange ebensogut wie jetzt hätte
aussprechen können, wodurch vielen Abirrungen vorgebeugt gewesen wäre. – Ich
aber sage: Das ist allerdings richtig. Wenn man einen Baum in der Mitte
auseinanderspaltet, so kommt der Kern auch nach außen, und man kann ihn dann
ebenso bequem beschauen wie ehedem die Rinde.
[GS.02_097,06] Der Herr aber hat den inneren
Sinn darum geflissentlich weise in ein äußeres naturmäßiges Bild verhüllt,
damit dieser heilige, inwendige, lebendige Sinn nicht sollte von irgend
böswilligen Menschen angegriffen und zerstört werden, wodurch dann alle Himmel
und Welten in den größten Schaden gebracht werden könnten. Aus diesem Grunde
hat auch der Herr gesagt: „Vor den großen und mächtigen Weisen der Welt soll es
verborgen bleiben und nur den Kleinen, Schwachen und Unmündigen geoffenbart
werden“.
[GS.02_097,07] Es verhält sich so ja schon
mit den Dingen der Natur. Nehmen wir an, der Herr hätte die Bäume sogestalt
erschaffen, daß ihr Kern und ihre Hauptlebensorgane zu äußerst des Stammes
lägen – saget selbst, wie vielen Gefahren wäre da ein Baum zu jeder Sekunde
ausgesetzt?
[GS.02_097,08] Ihr wisset, wenn man eines
Baumes inneren Kern geflissentlich oder mutwillig durchbohrt, so ist es um den
Baum geschehen. Wenn irgendein böser Wurm die Hauptstammwurzel, welche mit dem
Kerne des Baumes in engster Verbindung ist, durchnagt, so stirbt der Baum ab.
Wem ist nicht der bösartige sogenannte „Borkenkäfer“ bekannt? Was tut dieser
den Bäumen? Er nagt zuerst am Holze und frißt sich hier und da in die
Hauptorgane des Baumes ein und der Baum stirbt ab. Wenn der Baum auf diese
wohlverwahrte Weise schon so manchen Lebensgefahren ausgesetzt ist, wie vielen
wäre er erst dann ausgesetzt, so seine Hauptlebensorgane zu äußerst des Stammes
lägen?
[GS.02_097,09] Sehet, gerade so und noch ums
Unaussprechliche heikler verhält es sich mit dem Worte des Herrn. Würde da
gleich anfänglich der innere Sinn nach außen gegeben, so bestände schon lange
keine Religion mehr unter den Menschen. Sie hätten diesen inneren heiligen Sinn
in seinem Lebensteile ebensogut zernagt und zerkratzt, wie sie es mit der
äußeren Rinde am Baume des Lebens getan haben. Schon lange wäre so die innere
heilige Stadt Gottes ebenso zerstört, daß da kein Stein auf dem andern
geblieben wäre, wie sie es mit dem alten Jerusalem getan haben und wie sie es
getan haben mit dem äußeren, allein Buchstabensinn innehabenden Worte.
[GS.02_097,10] Denn das Wort Gottes in seinem
äußeren Buchstabensinne, wie ihr es in der Heiligen Schrift vor euch habt, ist
von dem Urtext so sehr verschieden, wie das heutige höchst elende Städtchen
Jerusalem von der alten Weltstadt Jerusalem verschieden ist.
[GS.02_097,11] Diese ganze Versetzung und
Zerstückung und auch Abkürzung im alleinigen äußeren Buchstabensinne ist aber
dennoch dem inneren Sinne nicht nachteilig, weil der Herr durch Seine weise
Vorsehung schon von Ewigkeit her die Ordnung so getroffen hat, daß eine und
dieselbe geistige Wahrheit unter den verschiedenartigsten äußeren Bildern unbeschadet
erhalten und gegeben werden kann.
[GS.02_097,12] Ganz anders aber läge der
Fall, wenn der Herr sogleich die nackte innere geistige Wahrheit ohne
schützende äußere Umhüllung gegeben hätte. Sie hätten diese heilige, lebendige
Wahrheit zernagt und zerstört nach ihrem Gutdünken, und es wäre eben dadurch um
alles Leben geschehen gewesen.
[GS.02_097,13] Weil aber der innere Sinn so
verdeckt ist, daß ihn die Welt unmöglich je ausfindig machen kann, bleibt das
Leben gesichert, wenn auch dessen äußeres Gewand in tausend Stücke zerrissen
wird. Und so klingt dann freilich der innere Sinn des Wortes, wenn er
geoffenbart wird, als wäre er gleich dem Außensinne des Wortes, und kann
ebenfalls durch artikulierte Laute oder Worte ausgedrückt werden. Aber das beirrt
die Sache nicht im geringsten. Deswegen bleibt er dennoch ein innerer,
lebendiger, geistiger Sinn und ist als solcher dadurch erkennbar, daß er die
gesamte göttliche Ordnung umfaßt, während das ihn enthaltende Bild nur ein
spezielles Verhältnis ausdrückt, welches, wie wir gesehen haben, nie von einer
allgemeinen Geltung sein kann.
[GS.02_097,14] Wie aber das soeben
abgehandelte Gebot im Bilde nur ein äußeres Hüllwerk ist, und wie der euch nun
bekannt gegebene innere Sinn ein wahrhaft innerer, geistiger und lebendiger
ist, das wollen wir sogleich durch eine kleine Nachbetrachtung in ein klares
Licht setzen.
[GS.02_097,15] Das äußere bildliche Gebot ist
bekannt, innerlich heißt es: Habe kein Verlangen nach der Liebe deines Bruders
oder deiner Schwester!
[GS.02_097,16] Warum wird denn hier dieses
inhalts- und lebensschwere Gebot in das Bild des nicht zu begehrenden Weibes
gehüllt?
[GS.02_097,17] Ich mache euch bei dieser
Gelegenheit nur auf einen Ausspruch des Herrn Selbst aufmerksam, in dem Er Sich
über die Liebe des Mannes zum Weibe also äußert, da Er spricht: „Also wird ein
Sohn seinen Vater und seine Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen“.
[GS.02_097,18] Was will der Herr dadurch
anzeigen? Nichts anderes als: des Menschen mächtigste Liebe auf dieser Welt ist
die zu seinem Weibe. Denn was liebt der Mensch in seiner Ordnung mehr auf der
Welt als sein liebes braves, gutes Weib? Im Weibe steckt somit des Mannes ganze
Liebe, wie umgekehrt das Weib in seiner Ordnung sicher nichts mächtiger liebt
als einen ihrem Herzen entsprechenden Mann.
[GS.02_097,19] So wird denn auch in diesem
Gebote unter dem Bilde des Weibes die ganze Liebe des Mannes oder des Menschen
überhaupt gesetzt, weil das Weib im Ernste nichts anderes als eine äußere,
zarte Umhüllung der Liebe des Mannes ist.
[GS.02_097,20] Wem kann nun bei dieser
Erklärung entgehen, daß unter dem Bilde: „Du sollst nicht begehren deines
Nächsten Weib“ ebensoviel gesagt ist als: Du sollst nicht zu deinem Vorteil die
Liebe deines Nächsten verlangen, und zwar die ganze Liebe, weil das Weib auf
der Welt ebenfalls die ganze Liebe des Mannes in sich begreift.
[GS.02_097,21] Wenn ihr dieses nur
einigermaßen genau betrachtet, so werdet ihr es sogar mit den Händen greifen,
daß alle äußeren, uns bekannten Unbestimmtheiten des äußeren bildlichen
Gesetzes nichts als lauter innere allgemeine Bestimmtheiten sind. Wie, wollen
wir sogleich sehen.
[GS.02_097,22] Sehet, das „Du“ ist
unbestimmt. Warum? Weil dadurch im inneren Sinne jedermann verstanden wird,
einerlei ob männlichen oder weiblichen Geschlechtes. Ebenso ist das Weib
unbestimmt, denn es ist nicht gesagt, ob ein altes oder ein junges, ob eines
oder mehrere, ob ein Mädchen oder eine Witwe. Warum ist solches unbestimmt?
Weil die Liebe des Menschen nur eine ist, und ist weder ein altes noch ein
junges Weib, noch eine Witwe, noch ein lediges Mädchen, sondern sie als die
Liebe ist in jedem Menschen nur eine. Nach dieser soll der Nebenmensch kein
Verlangen haben, weil sie eines jeden Menschen eigenstes Leben ist. Ein jeder,
der nach dieser Liebe ein habsüchtiges, neidisches oder geiziges Verlangen hat,
erscheint gewisserart als ein Mordlustiger neben seinem Nächsten, indem er sich
dessen Liebe oder Leben zu seinem Vorteil bemächtigen möchte. Also ist auch der
Nächste unbestimmt. Warum? Weil darunter im geistigen Sinne jeder Mensch ohne
Unterschied des Geschlechtes verstanden wird.
[GS.02_097,23] Ich meine, daraus sollte euch
schon ziemlich klar sein, daß der von mir euch kundgegebene innere Sinn der
allein rechte ist, weil er alles umfaßt.
[GS.02_097,24] Es wird hier vielleicht
mancher, aus seinem Mondviertellichte sich brüstend, einwenden und sagen: Wenn
die Sache sich so verhält, da ist es ja keine Sünde, wenn jemand seines
Nächsten Weib oder Töchter beschläft oder sie dazu verlangt. Da sage ich: Oho,
mein lieber Freund! Mit diesem Einwurfe hast du stark ins Blaue gedroschen.
Wird unter dem, daß du die Liebe deines Nächsten nicht begehren sollst, und
zwar seine ganze Liebe, nicht alles das verstanden, was er als lebensteuer in
seinem Herzen trägt? Siehe, also sind auch im Ernste nicht nur das Weib und die
Töchter deines Nächsten in dem Gebote deinem Verlangen vorenthalten, sondern
alles, was die Liebe deines Bruders umfaßt.
[GS.02_097,25] Aus diesem Grunde auch wurden
uranfänglich die zwei letzten Gebote als ein Gebot zusammen gegeben. Sie sind
nur dadurch unterschieden, daß im neunten Gebote des Nächsten Liebe mehr
sonderheitlich zu respektieren dargestellt ist, im zehnten Gebote aber wird
eben dasselbe im inwendigsten Sinne ganz allgemein zur respektierenden
Beobachtung zusammengefaßt dargestellt.
[GS.02_097,26] Daß sonach auch das Begehren
des Weibes und der Töchter des Nächsten verboten ist, kann sicher ein jeder
Mensch mit seinen Händen greifen. Es verhält sich mit der Sache gerade also,
als so man jemandem einen ganzen Ochsen gibt, man damit auch seine Extremitäten,
seinen Schweif, Hörner, Ohren und Füße usw. mitgibt. Oder so der Herr jemandem
eine Welt schenken würde, da wird er ihm doch alles, was auf derselben ist,
mitgeben und nicht sagen: Nur das Innere der Welt ist dein, die Oberfläche aber
gehört mir.
[GS.02_097,27] Ich meine, klarer kann die
Sache zum Verständnisse des Menschen nicht gegeben werden. Wir haben nun den
inneren, wahren Sinn dieses Gebotes, wie er in allen Himmeln ewig geltend ist
und die Glückseligkeit aller Engel bedingt, vollkommen kennengelernt und sind
jedem möglichen Einwurfe begegnet. Also sind wir damit auch zu Ende und wollen
uns daher sogleich in den elften glänzenden Saal vor uns begeben. Allda werden
wir erst alles bisher Gesagte im klarsten Lichte wie auf einem Punkte zusammengefaßt
und bestätigt finden. – Also treten wir hinein! –
98. Kapitel – Elfter Saal – 11. Gebot: Die
Gottesliebe.
[GS.02_098,01] Wir sind bereits in diesem
Saale und ersehen hier in der Mitte des Saales ebenfalls an einer großen,
weißen, glänzenden Säule eine runde Tafel. Sie glänzt wie die Sonne, und in
ihrer Mitte steht mit rubinrot leuchtender Schrift geschrieben:
[GS.02_098,02] „Du sollst Gott deinen Herrn
lieben über alles, aus deinem ganzen Gemüte und aus allen deinen von Gott dir
verliehenen Lebenskräften“. –
[GS.02_098,03] Nebst dieser inhaltsschweren,
prachtvollen Sonnentafel erblicken wir auch, mehr als sonst in irgendeinem
Saale, eine Menge schon groß gewachsener Kinder, welche, wie ihr bemerken
könnet, bald die Tafel anblicken, bald sich wieder mit ihren Lehrern besprechen
und bald ganz in sich versunken, die Hände kreuzweise auf die Brust legend,
gleich Statuen dastehen. Der ganze Anblick sagt schon, daß es sich hier um
etwas außerordentlich Wichtiges handelt.
[GS.02_098,04] Es dürfte vielleicht mancher
fragen und sagen: Solches stünde wohl offenbar zu erwarten. Aber wenn man die
Sache beim Lichte recht betrachtet, so will dieses auf der Sonnentafel
geschriebene Gebot ja doch nichts anderes sagen, als was im Grunde alle
früheren Gebote zusammen gesagt haben. Warum muß denn gerade diese Tafel hier
also glänzen, während alle vorhergehenden zehn Tafeln nur einfach weiß und wie
gewöhnlich mit einer dunklen Substanz beschrieben waren? – Diese Bemerkung ist
nicht ganz ohne Gehalt. Dessen ungeachtet verliert sie hier ihren Wert, so wie
alle anderen Lehren und Behauptungen gegen ein einziges Wort aus dem Munde des
Herrn ihren Schein notwendig verlieren müssen.
[GS.02_098,05] Es verhält sich mit der Sache
gerade so, wie es sich auf der Welt in der großen Natur tagtäglich beinahe
handgreiflich beurkundet. Nehmen wir an, wie viele tausend und tausendmal
tausend kleinere und mitunter auch stärkere und etwas größere Lichter strahlen
in jeder Nacht aus den hohen Himmeln zur finsteren Erde herab. Der Mond selbst
ist nicht selten die ganze Nacht hindurch tätig. Neben diesen herrlichen
Lichtern zünden zur Nachtzeit die Menschen auf der Erde beinahe ebensoviele
künstliche Lichter an.
[GS.02_098,06] Bei dieser Fülle von Lichtern
und Lichtern sollte man meinen, es müsse in der Nachtzeit auf der Erde vor
lauter Licht nicht auszuhalten sein. Allein die Erfahrung hat noch allezeit
gezeigt, daß es auf der Erde nach dem Untergange der Sonne trotz der stets mehr
und mehr auftauchenden Lichter am Himmel stets finsterer wird, je tiefer sich
die Sonne unter den Horizont hinabsenkt.
[GS.02_098,07] Wer kann sagen, diese Lichter
seien nicht herrlich? Ja, ein nur mittelmäßiger Verehrer der Wunder Gottes muß
beim Anblicke des gestirnten Himmels zur Nachtzeit sich auf die Brust klopfen und
sagen: O Herr, ich bin nicht würdig, in diesem Deinem Heiligtume, in diesem
Deinem unendlichen Allmachtstempel zu wandeln! Ja fürwahr, man kann in jeder
Nacht mit vollem Rechte ausrufen: O Herr! Wer Deine Werke betrachtet, hat eine
eitle Lust daran!
[GS.02_098,08] Warum denn eine eitle? Weil
ein jeder Mensch für sich im Ernste hinreichend Grund hat, aus lauter Lust und
Wonnegefühl darum fromm-eitel zu sein, weil Derjenige, der solche Wunderwerke
erschuf, sein Vater ist!! – Es hat also ein jeder billigermaßen ein heiliges
Recht darauf, sich zu freuen, wenn er in einer Nacht mehr in sich gekehrt die
großen Wunderwerke seines allmächtigen Vaters betrachtet. Und fürwahr, die
Flamme einer Lampe und die am Herde ist nicht minder ein Wunderwerk des
allmächtigen Vaters, als das glanzvoll strahlende Licht der zahllosen Sterne
des Himmels!
[GS.02_098,09] Und sehet nun, aller dieser
hoch zu bewundernden Wunderpracht gleicht das Alte Testamentswort in allen
seinen Teilen.
[GS.02_098,10] Wir erblicken an diesem alten,
aber immer noch nächtlichen Himmel eine kaum zählbare Menge von größeren und
kleineren Lichtern. Sie strahlen herrlich, und wer sie betrachtet, wird
allezeit mit einer geheimen, heiligen Ehrfurcht erfüllt. Warum? Weil sein Geist
Großes ahnt hinter diesen Lichtern. Aber sie sind noch zu weit entfernt von
ihm. Er kann schauen und greifen und fühlen, aber die kleinen Lichter wollen
mit ihrem großen Inhalte seinem forschenden Geiste nicht näherrücken.
[GS.02_098,11] Wer sind aber diese
Himmelslichter in dem alten Himmel des Geistes?
[GS.02_098,12] Sehet, es sind alle die euch
bekannten vom Geiste Gottes erfüllten Patriarchen, Väter, Propheten, Lehrer und
Führer des Volkes. – Aber auf der Erde gibt es ja auch eine Menge künstlicher
Lichter, wer sollen denn diese sein im Alten Testamente? Das sind diejenigen
achtenswerten Menschen, die nach dem Worte, welches aus dem gottbegeistigten
Menschen kam, treulich lebten und durch ihren Lebenswandel ihre Nachbarn
erleuchteten und erquickten.
[GS.02_098,13] Also haben wir diese herrliche
Nachtszene vor uns. Wohl werden durch manche nächtliche Partialstürme hie und
da die Strahlen des Himmels mit schnell dahineilenden Wolken flüchtig verdeckt.
Aber derselbe Sturm, der ehedem eine lichtfeindliche Wolke über das prachtvolle
Sternengezelt brachte, eben dieser Sturm treibt diese Wolke über den Horizont
hinab, und nach ihm wird das Firmament reiner, als es zuvor war. Alles wird
ängstlich ob eines solchen kurzwährenden Sturmes und wünscht sich wieder die
ruhige, herrliche, von so vielen tausend Lichtern durchleuchtete Nacht. Aber
ein Naturkundiger spricht: Solche Stürme sind nichts als gewöhnliche Vorboten
des nahen Tages, daher solle man nicht ängstlich sein.
[GS.02_098,14] Also ist es auch fürwahr. Denn
wo große Kräfte in Bewegung gesetzt werden, da kann man doch mit Recht
schließen und sagen: Hier kann eine noch größere, ja die allergrößte Urkraft
nicht fern sein, denn kleine Winde sind nichts als Seitenströmungen eines nicht
sehr fernen großen Orkans. Also hat unser Naturkundiger ja recht, und wir
erquicken uns noch immer an der herrlichen Pracht der Wundernacht. –
[GS.02_098,15] Wir schwärmen gleich den
Verliebten unter den vielen Fenstern des großen Prachthauses umher, und blicken
mit phantasie- und sehnsuchtsvoller Brust hinauf zu den durch eine Nachtlampe
schwach erleuchteten Lichtöffnungen des Hauses, hinter denen wir den Gegenstand
unserer Liebe wittern.
[GS.02_098,16] Viele Ahnungen, tausend
inhaltsschwere Gedanken zucken da gleich Sternschnuppen über unsern
Liebehimmel, aber kein solch flüchtiges ephemeres Licht will dem Durste unserer
Liebe eine genügende Labung reichen.
[GS.02_098,17] Also geht es den Menschen auch
in dem alten nächtlichen Sternenhimmel des Geistes. Aber was geschieht? Durch
den Aufgang der Sonne fängt der Horizont an sich zu röten. Heller und heller
wird es über dem Horizont des Aufganges. Noch einen Blick nach dem ehemals so
herrlichen Himmel, und was ersieht man? – Nichts als einen Stern um den anderen
verschwinden. –
[GS.02_098,18] Die Sonne, die herrliche, geht
mit ihrem urewigen Tagesglanze auf und kein Sternchen am Himmel ist mehr zu
erschauen, denn die eine Sonne hat jedes Himmelsatomchen heller gemacht mit dem
einen Lichte, als in der Nacht all die zahllosen Sterne zusammen so etwas zu
bewirken imstande gewesen wären.
[GS.02_098,19] Dem harrenden Verliebten, der
die ganze Nacht hindurch vergeblich geschwärmt hatte, geht am für ihn
inhaltsschweren Hause nur ein Fenster auf. Und von diesem einen Fenster begrüßt
ihn der ersehnte Gegenstand seines Herzens und sagt ihm mit einem wohlwollenden
Blicke mehr als ehedem die Nacht hindurch seine zahllosen Phantasien und
Gedanken!
[GS.02_098,20] So sehen wir in der großen
Natur tagtäglich eine Szene, die unserer geistigen vollkommen entspricht.
[GS.02_098,21] Den Mond, gleich dem Moses,
sehen wir mit abnehmendem und erblaßtem Lichte hinter das abendliche Gebirge
untertauchen, wenn die mächtige Sonne am Morgen über den Horizont emporsteigt.
Was auch immer ehedem in der Nacht in ein noch so geheimnisvolles Dunkel
gehüllt war, steht jetzt hell erleuchtet vor jedermanns Augen!
[GS.02_098,22] Das alles ist die Wirkung der
Sonne. Und am geistigen Himmel alles die Wirkung des Einen Herrn, des Einen Jesus,
der da ist der alleinige Einige Gott Himmels und aller Welten!
[GS.02_098,23] Was Er Selbst in Sich ist als
die göttliche Sonne aller Sonnen, das ist auch ein jedes einzelne Wort aus
Seinem Munde gesprochen gegen alle zahllosen Worte aus dem Munde begeisterter
Patriarchen, Väter und Propheten. Zahllose Ermahnungen, Gesetze und
Vorschriften ersehen wir im Verlaufe des Alten Testamentes. Das sind Sterne und
auch künstliche Lichter der Nacht. Dann aber kommt der Herr, spricht nur ein
Wort – und dieses Wort wiegt das ganze Alte Testament auf. –
[GS.02_098,24] Und sehet, aus eben diesem
Grunde erscheint auch dieses eine erste Wort hier in diesem elften Saale als
eine selbstleuchtende Sonne, deren Licht zahllose Sterne wohl erleuchtet, es
aber dagegen ewig nimmer vonnöten hat, sich des Gegenschimmers der Sterne zu
bedienen. Denn es ist ja das Urlicht, aus dem alle die zahllosen Sterne ihr
teilweises Licht genommen haben.
[GS.02_098,25] Und so wird es auch hier in
dieser Erscheinlichkeit sicher begreiflich sein, warum die vormaligen zehn
Tafeln nur weiß, also mattschimmernd, aufgerichtet sind, wogegen wir hier das
urewige Sonnenlicht dargestellt erschauen, das keines Vor- und Nachtlichtes
bedarf, sondern schon in sich alles Licht faßt.
[GS.02_098,26] Wer dieses nur einigermaßen
beherzigt, der wird es vollkommen einsehen, warum der Herr gesagt hat: „In
diesem Gebote der Liebe sind Moses und alle Propheten enthalten“. Es ist sicher
ebensoviel gesagt, als so man natürlichermaßen sagen möchte: Am Tage erblickt
man darum die Sterne nicht mehr und hat deren Licht auch nicht mehr vonnöten,
weil all ihr Licht in dem einen Lichte der Sonne zahllos aufgewogen wird. – Wie
aber durch solches hier die volle Wahrheit sich handgreiflich darbietet, werdet
ihr in der Folge ersehen. –
99. Kapitel – Die Liebe Gottes – der
Urgrundstoff aller Geschöpfe.
[GS.02_099,01] Die Liebe Gottes ist der
Urgrundstoff aller Geschöpfe, denn ohne diese hätte ewig nie etwas erschaffen
werden können. Diese Liebe entspricht der allbelebenden und zeugenden Wärme,
und nur durch die Wärme sehet ihr die Erde unter euren Füßen grünen.
[GS.02_099,02] Durch die Wärme wird der
starre Baum belaubt, blühend, und die Wärme in ihrem Wesen ist es, die die
Frucht am Baume reift. Es gibt überhaupt auf der ganzen Erdoberfläche kein
Wesen oder Ding, das seinen Ursprung im gänzlichen Wärmemangel nehmen könnte.
[GS.02_099,03] Man wird hier etwa sagen und
einwenden: Das Eis ermangelt doch sicher aller Wärme, und besonders das
Polareis. Mit dem wird die Wärme doch nicht gar zu viel zu schaffen haben, denn
bei nahe vierzig Grad Kälte möchte man wohl dasjenige Wärmemessungsinstrument
kennen, das dort noch irgendeine Wärme heraustüpfeln könnte. Ich aber sage
hierzu nichts anderes, als daß die Gelehrten dieser Erde das Instrument noch
nicht erfunden haben, mit dem sie den eigentlichen Wärmestoff vom eigentlichen
Kaltstoffe wohl ausmeßlich absondern und gewissenhaft bestimmen können. Bei
uns, die wir im inwendigen reinen Wissen sind, ist ein ganz anderes Maß
eingeführt und gebräuchlich.
[GS.02_099,04] Die Gelehrten der Erde fangen
da mit der Messung der Kälte an, wo das Wasser gefriert. Wenn beim
Gefrierpunkte schon die eigentliche Kälte anfängt, da möchte ich denn doch den
Grund wissen, nach welchen Gesetzen oder auf welche Art und Weise dann die
Kälte zunehmen kann? Warum empfindet man bei euch eine Temperatur von etwa vier
bis fünf Graden unter dem sogenannten Eispunkte noch leidlich erträglich? Wenn
aber das Thermometer bis auf achtzehn Grade gesunken ist, da wird ein jeder die
Kälte schon sehr schmerzlich empfinden. Kann man hier nicht sagen, und das mit
vollem Rechte: Achtzehn Grad Kälte sind darum empfindlicher als vier Grade,
weil bei vier Graden offenbar noch mehr Wärme als bei achtzehn Graden
vorherrschend ist? Kann man nun achtzehn Grade schon als komplette Kälte
annehmen? O nein, denn man hat schon dreißig Grad Kälte erlebt. Diese war noch
viel schmerzlicher als die mit achtzehn Graden. Warum? Weil sie wieder bei
weitem weniger Wärme in sich enthielt als die mit achtzehn Graden. Aber vierzig
Grade werden noch schmerzlicher sein als dreißig. Ist man aber darum schon
berechtigt, die vierzig Grade als vollkommen wärmelos zu erklären?
[GS.02_099,05] Ich aber will euch sagen, daß
das nichts als Übergänge von der Wärme zur Kälte und also auch umgekehrt sind.
Daher kann man diesen viel richtigeren Maßstab annehmen:
[GS.02_099,06] Jedes Ding, jeder Körper, der
noch erwärmungsfähig ist, kann nicht völlig kalt genannt werden, sondern er hat
ebensoviel Wärme in sich, als wie groß und dicht er ist. Ein Eisklumpen vom
höchsten Norden kann am Feuer geschmolzen und das Wasser dann bis zum Sieden
gebracht werden. Hätte dieses Eis nicht gebundene Wärme in sich, nimmer könnte
es erwärmt werden.
[GS.02_099,07] Kälte ist demnach diejenige
Eigenschaft eines Wesens, in der durchaus keine Erwärmungsfähigkeit mehr
vorhanden ist. So kann man mit Recht selbst die Bildung des Eises am Nordpole
einzig und allein der Reaktion der Wärme zuschreiben, wo sie von der Kälte
bedroht ihre Körper ergreift, zusammenzieht und festet, damit sie der
eigentlichen Kälte den festesten Widerstand leisten können.
[GS.02_099,08] Die Wärme ist demnach gleich
der Liebe, die eigentliche Kälte aber gleicht der eigentlichen höllischen
Liebelosigkeit. Wo diese herrschend auftreten will, da bewaffnet sich ihr
gegenüber die alles belebende und erhaltende Liebe, und die eigentliche alles
ertötende Kälte vermag der so bewaffneten Liebe keinen Sieg abzugewinnen.
[GS.02_099,09] Was heißt denn hernach: „Liebe
Gott über alles“? – Natürlicherweise betrachtet kann es unmöglich etwas anderes
heißen als:
[GS.02_099,10] Verbinde deine dir von Gott
gegebene Lebenswärme mit der dich erschaffenden und erhaltenden Urwärme deines
Schöpfers, so wirst du das Leben ewig nimmer verlieren.
[GS.02_099,11] Wirst du aber deine Liebe oder
deine Lebenswärme freiwillig von der göttlichen Urlebenswärme trennen und
gewisserart als ein selbständig herrschendes Wesen dasein wollen, so wird deine
Wärme keine Nahrung mehr haben.
[GS.02_099,12] Du wirst dadurch in einen
stets größeren Kältegrad übergehen. Und je tiefer du hinabsinken wirst in die
stets mächtiger kaltwerdenden Grade, desto schwerer wird es halten, dich wieder
zu erwärmen. Bist du aber in die vollkommene Kälte übergegangen, dann bist du
dem Satan ganz anheimgefallen, wo du als rein kalt keiner Erwärmung mehr fähig
bist!
[GS.02_099,13] Was da mit dir weiter
geschieht, davon weiß kein Engel des Himmels dir eine Silbe zu sagen.
[GS.02_099,14] In Gott sind freilich
unendliche Tiefen. Wer aber wird diese ergründen und dabei das Leben behalten?
–
[GS.02_099,15] Ich meine, aus dieser kurzen
Vorerwähnung wird man schon ziemlich klar anfangen können, sich einen Begriff
zu machen, warum dieses Gebot, dieses eine Wort des Herrn, der Inbegriff, ja
eine Sonne aller Sonnen und ein Wort aller Worte ist. – In der Folge wollen wir
noch mehreres davon sprechen. –
100. Kapitel – Was heißt: Gott über alles
lieben?
[GS.02_100,01] Ich sehe einen, der da kommt
und spricht: Es wäre schon alles recht, aber wie sollte man dieses eine
göttliche Wort an Gott Selbst realisieren? Wie sollte man denn so ganz
eigentlich Gott lieben, und das über alles? Sollte man in Gott etwa also
verliebt sein, wie ein junger Bräutigam in seine schöne und reiche Braut? Oder
sollte man in Gott also verliebt sein, wie ein Mathematiker in eine
mathematische Berechnung oder ein Astronom in seine Sterne? Oder sollte man
also verliebt sein wie ein Spekulant in seine Ware oder ein Kapitalist in sein
Geld oder wie ein Herrschaftsbesitzer in seine Herrschaften oder auch wie ein
herrschender Monarch in seinen Thron? Das sind die einzig möglichen Maßstäbe
ernster menschlicher Liebe, denn der Kinder Liebe zu ihren Eltern kann man
nicht füglich als einen ernsten Maßstab der Liebe aufstellen, indem das
Beispiel lehrt, daß Kinder ihre Eltern verlassen können, um entweder irgendeine
gute Heirat zu machen oder viel Geld zu gewinnen oder eine hohe Ehrenstelle
einzunehmen. Bei all dem tritt die Liebe der Kinder zu ihren Eltern zurück und
muß notwendig einer mächtigeren Platz machen. Daher sind hier nur die mächtigsten
Maßstäbe der menschlichen Liebe angeführt, und da fragt es sich, nach welchem
soll man so eigentlich die Liebe zu Gott bemessen?
[GS.02_100,02] Wenn aber nun jemand kommt und
spricht: Nach diesem oder jenem, da sage ich einwendend: Freund! Das kann nicht
sein.
[GS.02_100,03] Es ist wahr, die von mir
angeführten mächtigsten Liebemaßstäbe sind wohl die einzigen, wonach des
Menschen größte Liebekraft bemessen werden kann; aber es heißt ja, man solle
Gott über alles lieben, was so viel sagen will als: mehr, als alles in der
Welt.
[GS.02_100,04] Da fragt es sich, wie es
anfangen, wie die Liebe zu einer Potenz erheben, von der sich kein menschlicher
Geist irgendeinen meßbaren oder vergleichbaren Begriff machen kann? Man wird
etwa sagen: Man solle Gott noch mehr lieben als sein eigenes Leben. Da sage
ich, der Einwender: Mit der Liebe des eigenen Lebens hält die allerhöchste
Liebe zu Gott noch weniger irgendeinen Vergleich aus als mit der Liebe der
Kinder zu ihren Eltern. Denn es gehört schon viel dazu, daß die Kinder ihr
Leben aus Liebe zu ihren Eltern aufs Spiel setzen, im Gegenteil haben sie es
lieber, so die Eltern für sie auf Leben und Tod kämpfen.
[GS.02_100,05] Alsonach erscheint die
Eigenliebe der Kinder gegenüber der Liebe zu ihren Eltern nicht selten bei
weitem mächtiger. Aber wir sehen andererseits, daß die Kinder der Menschen für
andere Vorteile häufig ihr Leben beinahe verachtend aufs Spiel setzen. Der eine
segelt in stürmischen Nächten über den Ozean, ein anderer stellt sich vor die
feuernde Front der feindlichen Armee, ein dritter begibt sich nicht selten in
lockere Abgründe der Erde, um sich da metallene Schätze zu holen. Und so sehen
wir, daß diese äußeren weltlich-ernsten Maßstäbe menschlicher Liebe sicher
kräftiger sind und eine allgemeinere Geltung haben als die Liebe der Kinder zu
ihren Eltern und die Liebe zum eigenen Leben.
[GS.02_100,06] Aber was nützen alle diese
Maßstäbe, wenn weit über sie hinaus die Liebe zu Gott auf einer solchen Potenz
stehen soll, gegen die alle anderen Liebemaßstäbe ins reine Nichts zurücksinken
sollen? Sehet, meine lieben Freunde und Brüder, unser Einwender hat uns scharf
angegriffen, und wir werden uns recht kräftig auf die Beine stellen müssen, um
gegen den Einwender das Übergewicht zu gewinnen.
[GS.02_100,07] Aber ich sehe soeben wieder
einen sehr ernstlich aussehenden Gegenkämpfer. Dieser tritt seines Sieges ganz
sicher auf und spricht: Oh, mit diesem Einwender werden wir bald fertig werden,
denn der Herr hat uns ja selbst den ausdrücklichen Maßstab gegeben, wie man
Gott lieben soll. Ich brauche daher nichts anderes zu sagen, als was der Herr
Selbst gesagt hat, nämlich: „Wer Meine Gebote hält, der ist es, der Mich
liebt“. – Das ist somit der eigentliche Maßstab, wie man Gott lieben soll.
[GS.02_100,08] Wenn der Einwender genug
scharfe und starke Zähne hat, so soll er noch versuchen, irgendeine andere
unübertreffliche Liebeswaage aufzustellen. Gut, sage ich, der Einwender ist
noch zur Seite und macht Miene, diesen Einwurf ein wenig zu zerbeißen. Wir
wollen ihn daher anhören und sehen, was er alles vorbringen wird. Er spricht:
[GS.02_100,09] Gut, mein lieber, freundlicher
Gegner! In der Aufstellung deiner Einwendung hast du mir gegenüber zum Maßstabe
der höchsten Liebe zu Gott nicht viel mehr bewiesen als ein ziemlich gutes
Gedächtnis, dem du so manche Texte aus der hl. Schrift zu danken hast. Aber
siehe, wer aus all den Texten einen lebendigen Nutzen ziehen will, der muß
nicht nur wissen, wie sie lauten, sondern er muß in sich lebendig verstehen,
was sie sagen wollen.
[GS.02_100,10] Was würdest du denn sagen, so
ich dir eben aus dem Munde des Herrn Selbst gesprochen nicht nur einen, sondern
mehrere Gegensätze dazu aufstellen würde, laut denen der Herr Selbst die Liebe
aus der Erfüllung des Gesetzes als nicht genügend darstellt? Du machst zwar
jetzt ein Gesicht, als möchtest du sagen: Dergleichen Texte dürften in der
Schrift doch wohl etwas karg ausgestreut sein. Ich aber erwidere dir: Lieber
Freund, durchaus nicht. Höre mich nur an, ich will dir gleich mit einem halben
Dutzend, so du es willst, aufwarten.
[GS.02_100,11] Ist dir das Gespräch des Herrn
mit dem reichen Jünglinge bekannt? Fragt nicht dieser: „Meister, was soll ich
tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ Was antwortet ihm da der Herr? Du
sprichst triumphierend: Der Herr spricht: „Halte die Gebote und liebe Gott, so
wirst du leben!“ Gut, sage ich, was spricht aber der Jüngling? Er spricht:
„Meister, das habe ich von meiner Kindheit an gehalten“.
[GS.02_100,12] Das ist alles richtig. Warum
aber, frage ich, hat der Jüngling diese Antwort dem Herrn gegeben? Er wollte
Ihm dadurch sagen: Trotzdem ich das alles von meiner Kindheit an gehalten habe,
verspüre ich dennoch nichts von dem wunderbaren ewigen Leben in mir.
[GS.02_100,13] Warum erklärt der Herr nun
darauf dem Jünglinge die Haltung der Gebote zur Erreichung des ewigen Lebens
nicht als genügend, sondern macht sogleich einen sehr gewaltigen Zusatz, indem
Er spricht: „So verkaufe alle deine Güter, verteile sie unter die Armen und
folge Mir nach!“
[GS.02_100,14] Frage, wenn der Herr also
Selbst einen solchen Zusatz macht, genügen da als höchste Liebe zu Gott die
beobachteten Gesetze? Siehe, da hat es schon einen Haken, gehen wir aber
weiter!
[GS.02_100,15] Was spricht einmal der Herr zu
Seinen Aposteln und Jüngern, als Er ihnen die zu erfüllenden Pflichten
vorstellt und anpreist? Er spricht nichts anderes als bloß die einfachen, sehr
bedeutungsvollen Worte: „Wenn ihr aber alles getan habt, da bekennet, daß ihr
faule und unnütze Knechte seid“.
[GS.02_100,16] Ich frage dich nun: Erklärt
hier der Herr die Haltung der Gebote als genügend, indem Er doch offenbar
erklärt, daß ein jeder das Gesetz vollkommen erfüllende Mensch sich als völlig
unnütz betrachten solle? Siehe, da wäre der zweite schon etwas gewaltigere
Haken. Aber nur weiter!
[GS.02_100,17] Kennst du das Gleichnis von
dem Pharisäer und Zöllner im Tempel? Der Pharisäer gibt sich frohen Gewissens
vor dem Heiligtume selbst das treue Zeugnis, daß er, wie gar viele nicht, das
Gesetz Mosis in seinem ganzen Umfange allezeit genauest, also vollkommen
buchstäblich erfüllt habe. Der arme Zöllner rückwärts in einem Winkel des
Tempels aber gibt durch seine ungemein demütige Stellung jedem Beobachter
getreu zu erkennen, daß er eben mit der Haltung des Mosaischen Gesetzes nicht gar
viel muß zu schaffen gehabt haben, denn seiner Sünden gar wohl inne, getraut er
sich nicht einmal zum Heiligtume Gottes hinaufzublicken, sondern bekennt selbst
seine Wertlosigkeit vor Gott und bittet Ihn um Gnade und Erbarmen.
[GS.02_100,18] Da möchte ich denn doch wohl
wissen von dir, du mein lieber textkundiger Freund, warum, wenn das Gesetz
genügt, der Herr hier den das ganze Gesetz streng beobachtenden Pharisäer als
ungerechtfertigt und den armen sündigen Zöllner als gerechtfertigt aus dem
Tempel gehen läßt?
[GS.02_100,19] Siehe, wenn man das so recht
beim Lichte betrachtet, so scheint es, als hätte der Herr da mit der alleinigen
Haltung des Gesetzes schon wieder Selbst einen dritten sehr bedeutenden Haken
gemacht. Du zuckst nun schon mit den Achseln und weißt nicht mehr, wie du daran
bist. Mache dir aber nichts daraus, es soll schon noch besser kommen! Also nur
weiter.
[GS.02_100,20] Was möchtest du denn sagen,
wenn ich dir aus der Schrift, und zwar aus dem Munde des Herrn Selbst einen
Text anführen möchte, laut welchem Er das ganze Gesetz indirekt als ungültig
erklärt und dafür ein ganz anderes Hilfsmittel setzt, durch welches Er Selbst
einzig und allein die Gewinnung des ewigen Lebens verbürgt?
[GS.02_100,21] Du sprichst nun: Guter Freund,
diesen Text möchte ich auch hören. Sollst ihn gleich haben, mein lieber Freund!
Was spricht einmal der Herr, als Er ein Kind am Wege fand, es aufnahm, herzte
und kosete? Er spricht: „So ihr nicht werdet wie dieses Kind, so werdet ihr
nicht in das Himmelreich eingehen!“
[GS.02_100,22] Frage: Hat dieses Kind, das
noch kaum einige Worte zu lallen imstande war, die Gesetze Mosis je studiert
und dann sein Leben streng darnach gerichtet? Auf der ganzen Welt gibt es
sicher keinen so dummen Menschen, der so etwas behaupten könnte. Frage demnach:
Wie konnte der Herr hier als höchstes Motiv zur Gewinnung des ewigen Lebens ein
Kind bezeichnen, das mit dem ganzen Gesetze Mosis noch nie ein Jota zu tun
hatte? Freund, ich sage hier nichts weiter als: So es dir beliebt, so mache mir
darüber eine einwendliche Erörterung. Du schweigst. So ersehe ich, daß du mit
deiner Aufstellung dich bei diesem vierten Haken schon ziemlich tief in den
Hintergrund zurückgezogen hast. –
101. Kapitel – Worin besteht die Liebe zu
Gott?
[GS.02_101,01] Du hast in diesen vier Punkten
gesehen, daß der Herr einesteils die alleinige Haltung des Gesetzes zur
Erlangung des eigentlichen ewigen Lebens nicht als hinreichend darstellt und in
dem vierten Punkte dasselbe sogar indirekt aufhebt.
[GS.02_101,02] Was möchtest du aber sagen, so
ich dir ein paar Punkte anführen möchte, wo der Herr sich über die Haltung des
Gesetzes sogar tadelnd ausspricht? Du sagst hier: Das wird wohl nicht möglich
sein! Dafür kann ich dir sogleich nicht nur mit einem, sondern, so du es willst,
mit mehreren Beispielen aufwarten. Höre!
[GS.02_101,03] Jeder, der das Mosaische
Gesetz in seinem Umfange nur einigermaßen durchblättert hat, dem muß es bekannt
sein, wie sehr Moses die Gastfreundschaft dem jüdischen Volke anbefohlen hat.
Wer sich gegen die Gastfreundschaft versündigte, war vor Gott und vor den
Menschen für strafwürdig erklärt. Das Gesetz der Gastfreundschaft ward dem
jüdischen Volke, welches sehr zur Habsucht geneigt war, um so mehr
eingeschärft, um dieses Volk dadurch vor der Eigenliebe und Habsucht zu
verwahren und es zur Nächstenliebe zu leiten.
[GS.02_101,04] Gesetz war es daher, einen
fremden Gast, besonders wenn er der jüdischen Nation angehörte, mit aller
Aufmerksamkeit zu empfangen und zu bedienen; und dieses Gesetz rührte von Gott
her, denn Gott, und nicht Moses, war der Gesetzgeber.
[GS.02_101,05] Als aber eben derselbe Herr,
der einst durch Moses die Gesetze gegeben hatte, zu Bethania in das Haus des
Lazarus kommt, da ist Martha gesetzesbeflissenst und bietet alle ihre Kräfte
auf, um diesen allerwürdigsten Gast gebührendst zu bedienen. Maria, ihre
Schwester, vergißt vor lauter Freude über den erhabenen Gast des Gesetzes,
setzt sich untätig zu Seinen Füßen hin und hört mit der größten Aufmerksamkeit
die Erzählungen und Gleichnisse des Herrn an. Martha, über ihrer Schwester
Untätigkeit und Gesetzesvergessenheit bei dieser Gelegenheit ein wenig erregt,
wendet sich selbst eifrig zum Herrn und spricht: „Herr! ich habe so viel zu
tun, beheiße Du doch meine Schwester, daß sie mir ein wenig helfe!“ – Oder noch
deutlicher gesprochen: Herr, Du Gründer des Mosaischen Gesetzes, erinnere doch
meine Schwester an die Haltung desselben.
[GS.02_101,06] Was spricht aber der Herr
hier? „Martha, Martha!“ spricht Er, „du machst dir viel zu schaffen um
Weltliches! Maria aber hat sich den besseren Teil erwählt, welcher ewig nimmer
wird von ihr genommen werden.“
[GS.02_101,07] Sage du mir nun, mein lieber
Freund, ob das nicht ein offenbarer Tadel vom Herrn gegen die gar emsige und
genaue Haltung des Gesetzes ist, wie im Gegenteil eine außerordentliche
Belobung derjenigen Person, die sich gewisserart um das ganze Gesetz nicht
kümmert, sondern nur durch ihre Handlungsweise also spricht (Maria):
[GS.02_101,08] Herr, so ich nur Dich habe, da
ist mir die ganze Welt um den schlechtesten Stater feil! – Zeigt hier der Herr
nicht wieder, daß die alleinige Haltung des Gesetzes niemandem den bessern, ja
besten Teil gibt, der ewig nimmer von ihm genommen wird? Siehe, das ist demnach
ein fünfter Haken. Aber nur weiter!
[GS.02_101,09] Was spricht der Herr Selbst bei
Moses, und zwar im dritten Gebot: „Du sollst den Sabbat heiligen!“? Frage, was
tut aber der Herr Selbst im Angesichte Seiner buchstäblichen Erfüller des
Gesetzes? Siehe, Er geht her und entheiligt Selbst den Sabbat, offenbar nach
dem Buchstabensinne des Gesetzes, und erlaubt sogar Seinen Jüngern, an einem
Sabbat Ähren zu lesen und sich mit den Körnern zu sättigen. Wie gefällt dir
diese Haltung des Gesetzes Mosis, wo der Herr Selbst nicht nur allein für Sich,
sondern zum größten Ärgernisse der buchstäblichen Gesetzeserfüller den ganzen
Sabbat sozusagen über den Haufen wirft? Du wirst sagen, das konnte der Herr ja
wohl tun, denn Er ist auch ein Herr des Sabbates.
[GS.02_101,10] Gut, aber ich frage: Wußten
die sich ärgernden Pharisäer, daß des Zimmermanns Sohn ein Herr des Sabbats
ist? – Du meinst, sie hätten solches an Seinen Wunderwerken erkennen sollen. Da
aber sage ich: Bei diesem Volke waren Wunderwerke nicht hinreichend, um die
vollkommene Göttlichkeit in Christo zu erkennen, denn Wunderwerke haben alle
Propheten gewirkt zu allen Zeiten, die echten wie auch mitunter die falschen.
Man kann also das nicht voraussetzen, daß die Wunder Christi die Pharisäer von
Seiner Göttlichkeit und Herrlichkeit hätten überzeugen sollen.
[GS.02_101,11] Alle Propheten aber bis auf
Ihn haben den Sabbat geheiligt, Er allein warf ihn über den Haufen. Mußte das
nicht den Buchstabenerfüllern ein Ärgernis sein? Allerdings, und dennoch ließ
der Herr nicht mit Sich handeln.
[GS.02_101,12] Was geht aber aus dem hervor?
Nichts anderes, als daß der Herr die Haltung des Gebotes allein für sich
betrachtet ganz unten ansetzt. Warum? Ein kleines Gleichnis aus deiner eigenen
Sphäre wie aus der Sphäre eines jeden Menschen, der je in der Welt gelebt hat,
soll dir die Antwort bringen:
[GS.02_101,13] Ein Vater hat zwei Kinder. Er
hat diesen Kindern seinen Willen wie gesetzlich bekanntgegeben. Einen Acker und
Weingarten zeigte er ihnen und sprach: Ihr seid kräftig geworden, und so
verlange ich von euch, daß ihr für mich nun den Weingarten und den Acker
fleißig bearbeitet. Aus eurem Fleiße werde ich erkennen, welcher von euch
beiden mich am meisten liebt. Nun, das ist das Gesetz, laut welchem natürlich
demjenigen Sohne, der den Vater am meisten liebt, des Vaters Herrlichkeit
zuteil wird.
[GS.02_101,14] Was tun aber die beiden Söhne?
Der eine nimmt den Spaten und sticht den ganzen Tag fleißig die Erde um und
bestellt den Acker und den Weingarten. Der andere läßt sich bei der Arbeit
mehr, wie man zu sagen pflegt, gut geschehen. Warum? Er spricht: Wenn ich auf
dem Acker oder in dem Weingarten bin, da muß ich stets meinen lieben Vater
entbehren, zudem bin ich nicht so herrlichkeitssüchtig wie mein Bruder. Habe
ich nur meinen lieben Vater, kann ich nur um Ihn sein, der meinem Herzen alles
ist, da frage ich wenig um eine oder die andere Zuteilung einer Herrlichkeit.
[GS.02_101,15] Der Vater sagt diesem zweiten
Sohne auch dann und wann: Aber siehe, wie dein Bruder fleißig arbeitet und
sucht sich meine Liebe zu verdienen. Der Sohn aber spricht: O lieber Vater!
Wenn ich am Felde bin, da bin ich dir fern, und mein Herz läßt mich nicht
ruhen, sondern spricht immer laut zu mir: Die Liebe wohnt nicht in der Hand,
sondern im Herzen, daher will sie auch nicht mit der Hand, sondern mit dem
Herzen verdient sein! Gib Du, Vater, meinem Bruder, der so emsig arbeitet, den
Acker und den Weingarten. Ich aber bin von dir hinreichend beteilt, wenn du mir
nur erlaubst, daß ich dich nach meiner Herzenslust allezeit lieben darf, wie
ich dich lieben will und muß, weil du mein Vater, mein Alles bist.
[GS.02_101,16] Was wird nun da wohl der Vater
sagen, und das aus dem innersten Grunde seines Herzens? Sicher nichts anderes
als:
[GS.02_101,17] Ja, du mein geliebtester Sohn,
dein Herz hat dir das meinige enthüllt; das Gesetz ist nur eine Prüfung. Aber
mein Sohn, die Liebe steckt nicht im Gesetze, denn jeder, der das Gesetz allein
hält, hält dasselbe aus Eigenliebe, um sich dadurch mit seiner Tatkraft Meine
Liebe und Meine Herrlichkeit zu verdienen. Der aber also das Gesetz hält, der
ist noch fern von Meiner Liebe, denn seine Liebe hängt nicht an Mir, sondern am
Lohne.
[GS.02_101,18] Du aber hast dich umgekehrt,
hast das Gesetz zwar nicht verschmäht, weil es dein Vater gegeben hat, aber du
hast dich erhoben über das Gesetz, und deine Liebe führte dich über demselben
zu deinem Vater zurück. Also soll denn auch dein Bruder den Acker und den
Weingarten überkommen und in meine Herrlichkeit treten; du aber, mein
geliebtester Sohn, sollst haben, was du gesucht hast, nämlich den Vater Selbst
und alle Seine Liebe!
[GS.02_101,19] Ich meine, mein lieber Freund,
aus diesem Gleichnisse wird es etwa doch handgreiflich klar sein, was da mehr
ist, die allein trockene Gesetzhaltung oder deren Übergehung und das Ergreifen
der alleinigen Liebe.
[GS.02_101,20] Sollte dir die Sache noch
nicht völlig klar sein, da frage ich dich: So du Gelegenheit hättest, dir aus
zwei Jungfrauen eine Braut zu wählen, von denen du zwar überzeugt wärest, daß
dich beide lieben, aber noch nicht dessen völlig gewiß, welche dich am meisten
liebt. Würdest du nicht sehr wünschen, zu erfahren, welche dich am meisten
liebt, um sonach die dich am meisten Liebende zu wählen? Du sprichst: Das ist
ganz klar; aber wie es anstellen, um das zu erfahren? Das wollen wir sogleich
haben.
[GS.02_101,21] Siehe, zu der ersten kommst du
hin. Sie ist emsig und tätig. Aus Liebe zu dir weiß sie sich aus lauter Arbeit
nicht aus, und zwar aus lauter Arbeit für dich, denn sie macht für dich Hemden,
Strümpfe, Nachtleibchen und noch mehr dergleichen Kleidungsstücke. Sie hat
damit so vollauf zu tun, daß sie nicht selten aus lauter Arbeit kaum gewahr
wird, wenn du zu ihr kommst. Siehe, das ist die erste. – Die zweite arbeitet
sehr lässig. Sie arbeitet zwar auch für dich, aber ihr Herz ist zu sehr mit dir
beschäftigt, als daß sie ihre Aufmerksamkeit der Arbeit spenden könnte.
Besuchst du sie, und sie erblickt dich von weitem zu ihr kommend, da ist von
einer Arbeit keine Rede mehr; denn da kennt sie nichts Höheres, nichts
Verdienstlicheres als dich allein! Du allein bist ihr alles in allem, für dich
gibt sie alle Welt! Sage mir, welche der beiden wirst du dir wählen?
[GS.02_101,22] Du sprichst: Lieber Freund! Um
eine ganze Trillion ist mir die zweite lieber, denn was liegt mir an den paar
Hemden und Strümpfen? Offenbar ist hier ersichtlich, daß mich die erste ja nur
dadurch zu verdienen sucht, daß sie von mir die Anerkennung ihres Verdienstes
erzwingen will. Die andere aber sucht mich zu erlieben. Sie ist über alle
Verdienstlichkeit hinaus und kennt nichts Höheres als mich und meine Liebe.
Diese würde ich auch zu meinem Weibe nehmen.
[GS.02_101,23] Gut, sage ich dir, mein lieber
Freund, siehst du hier nicht deutlich das Wesen der Martha und der Maria?
Siehst du, was der Herr zu der gesetzesbeschäftigten Martha spricht und was zu
der müßigen Maria?
[GS.02_101,24] Aus dem aber kannst du auch
ersehen, was der Herr über das Gesetz hinaus von jedem Menschen verlangt, und
zugleich handgreiflich zu erkennen gibt, worin die Liebe des Menschen zu Gott
besteht. – Aus eben dem Grunde verflucht der Herr sogar, erregt in Seinem
Herzen, die Buchstabenerfüller des Gesetzes (die Pharisäer und Schriftgelehrten
nämlich), lobt den sündigen Zöllner und macht den Dieben, Hurern und
Ehebrechern das Himmelreich eher zugänglich als den trockenen Buchstabendreschern.
[GS.02_101,25] Daher frage ich, der
Einwender, nun mit vollstem Rechte noch einmal, nach welchem Maßstabe man Gott
über alles lieben soll? Habe ich den Maßstab, dann habe ich alles, habe ich
aber den Maßstab nicht, dann liebe ich wie einer, der nicht weiß, was die Liebe
ist. Daher noch einmal die Frage:
[GS.02_101,26] Wie soll man Gott über alles
lieben? – Und ich, Johannes, sage: Gott über alles lieben heißt:
[GS.02_101,27] Gott über alles Gesetz hinaus
lieben! – Wie das, soll die Folge zeigen. –
102. Kapitel – Wie man Gott über alles liebt.
[GS.02_102,01] Um aber gründlich zu erfahren
und einzusehen, wie man Gott über das Gesetz hinaus lieben soll, muß man
wissen, daß das Gesetz an und für sich nichts anderes als der trockene Weg zur
eigentlichen Liebe Gottes ist.
[GS.02_102,02] Wer Gott in seinem Herzen zu
lieben anfängt, der hat den Weg schon zurückgelegt; wer aber Gott nur durch die
Haltung des Gesetzes liebt, der ist mit seiner Liebe noch immer ein Reisender
auf dem Wege, allda keine Früchte wachsen und nicht selten Räuber und Diebe des
Wanderers harren.
[GS.02_102,03] Wer aber Gott rein liebt, der
liebt Ihn schon über alles! Denn Gott über alles lieben heißt ja: Gott über
alles Gesetz hinaus lieben. Wer draußen am Wege ist, der muß fortwährend
Schritt um Schritt weiterschreiten, um so auf die mühevollste Weise das
vorgesteckte Ziel zu erreichen. Wer aber Gott alsogleich liebt, der überspringt
den ganzen Weg, also das ganze Gesetz, und er liebt sogestalt Gott über alles.
[GS.02_102,04] Man dürfte hier vielleicht
sagen: Das klingt sonderbar, denn nach unseren Begriffen heißt „Gott über alles
lieben“: Gott mehr lieben als alles in der Welt. – Gut, sage ich und frage aber
zugleich: Welchen Maßstab hat aber der Mensch dafür, um solch eine Liebe zu
bemessen? Der Einwender hat diese Maßstäbe der für den Menschen höchst
möglichen Liebe auf der Welt deutlich genug auseinandergesetzt und gezeigt, daß
der Mensch auf diese Weise für die Über-alles-Liebe zu Gott durchaus keinen
Maßstab hat.
[GS.02_102,05] Ich aber sage: Ist durch das
gegebene Gesetz nicht alles dargetan, wie sich der Mensch in seiner Begierde zu
den weltlichen Dingen zu verhalten hat? Im Gesetze sind sonach alle Dinge
dargestellt, und daneben für die Liebe des Menschen die gerechte Beschränkung
gegeben, nach der sich ein jeder Mensch zu den weltlichen Dingen zu verhalten
hat.
[GS.02_102,06] Wenn aber nun jemand Gott über
das Gesetz hinaus liebt, der liebt Ihn sicher auch über alle weltlichen Dinge
hinaus, weil, wie gesagt, eben durch das Gesetz die Benutzung der weltlichen
Dinge und das Verhalten zu denselben nach der göttlichen Ordnung dargestellt
wird. Ein kurzer Nachtrag in vergleichender Stellung wird die ganze Sache
sonnenklar machen.
[GS.02_102,07] Der Herr spricht zum reichen
Jünglinge: „Verkaufe alles, teile es unter die Armen, und folge Mir!“ – Was
heißt das? Mit anderen Worten nichts anderes als: So du, Jüngling, das Gesetz
beobachtet hast, so erhebe dich nun über dasselbe, gib der Welt alle Gesetze
und alle ihre Dinge zurück, und du bleibe bei Mir, so hast du das Leben!
[GS.02_102,08] Wer wird hier nicht erkennen,
was Gott über das Gesetz hinaus lieben heißt?
[GS.02_102,09] Weiter spricht der Herr zu den
Jüngern: „So ihr nicht werdet wie dies Kindlein, so werdet ihr nicht in das
Reich Gottes eingehen.“ Was will denn das sagen? Nichts anderes als:
[GS.02_102,10] So ihr nicht wie dieses
Kindlein, alles in der Welt nicht achtend, weder das Gesetz, noch die Dinge der
Welt, zu Mir kommet und Mich wie dieses Kind mit aller Liebe ergreifet, so
werdet ihr nicht in das Reich Gottes eingehen! Warum denn nicht? Weil der Herr
Selbst wieder spricht: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!“ Wer also
zu Mir, der Ich vollkommen eins bin mit dem Vater, kommen will, der muß durch
Mich in den Stall oder das Reich Gottes eingehen.
[GS.02_102,11] Solange sonach jemand nicht
den Herrn Selbst ergreift, so lange kann er nicht zu Ihm kommen, und wenn er
gleich wie ein Fels tausend Gesetze unveränderlich beobachtet hätte. Denn wer
am Wege noch ist, der ist noch nicht beim Herrn, wer aber beim Herrn ist, was
sollte der noch mit dem Wege zu schaffen haben?
[GS.02_102,12] Aber hier unter euch gibt es
Toren, und das zu vielen Hunderttausenden, die den Weg viel höher halten als
den Herrn. Und wenn sie schon beim Herrn sind, so kehren sie wieder um und
entfernen sich von Ihm, um nur am elenden Wege zu sein! Solche haben mehr
Freude an der Knechtschaft, an der Sklaverei, an dem harten Joche als an dem
Herrn, der jeden Menschen frei macht. Sein Joch ist überaus leicht und sanft
Seine Bürde. Leicht das Joch, auf daß es im Zuge des Lebens nicht drücke am
Nacken der Liebe zum Herrn und gar sanft die Bürde, welche ist das alleinige
Gesetz der Liebe! – Weiter sehen wir ein Beispiel.
[GS.02_102,13] Der gerechte Pharisäer lobt
sich selbst am Wege; aber der Zöllner findet den ganzen Weg überaus
beschwerlich. Denn nimmer vermag er dessen Ziel zu überschauen. Er beugt sich
daher zutiefst vor dem Herrn in seinem Herzen, erkennt seine Schwäche und
Unfähigkeit, den Weg genau zu gehen. Dafür aber erfaßt er Gott den Herrn mit
seinem Herzen und macht dadurch einen Riesensprung über den ganzen
beschwerlichen Weg und erreicht dadurch sein Ziel!
[GS.02_102,14] Wer wird hier nicht mit den
Händen greifen, was „den Herrn über alles lieben“ heißt? – Also gehen wir
weiter. Die Martha ist am Wege, die Maria am Ziele! Hier braucht man kaum mehr
darüber zu sagen, denn zu klar und deutlich zeigt sich hier, was „den Herrn
über alles lieben“ heißt.
[GS.02_102,15] Wollen wir aber die Sache zum
Überflusse noch klarer haben, da betrachten wir noch die Szene, wo der Herr den
Petrus dreimal fragt, ob er Ihn liebe? – Warum fragt Er ihn denn dreimal? Denn
der Herr wußte ja ohnehin, daß Ihn Petrus lieb hatte, und wußte auch, daß Ihm
Petrus die drei gleichen Fragen alle mit demselben Herzen und demselben Munde
gleichbedeutend beantworten wird. Das wußte der Herr. Nicht darum auch hat Er
diese Frage an den Petrus gestellt, sondern darum, daß der Petrus bekennen
sollte, daß er frei ist und den Herrn über alles Gesetz hinaus liebe. Und so
bedeutet die erste Frage: „Petrus, liebst du Mich?“ – Petrus, hast du Mich
gefunden auf dem Wege? – Solches bejaht Petrus, und der Herr spricht: „Weide
Meine Schafe“, das heißt: Lehre auch die Brüder Mich also finden! – Die zweite
Frage: Petrus, liebst du Mich? heißt: Petrus, bist du bei Mir, bist du an der
Türe? – Der Petrus bejaht solches, und der Herr spricht: „Also weide Meine
Schafe!“ oder: Also bringe auch die Brüder, daß sie bei Mir seien an der Türe
zum Leben! – Und zum dritten Male fragt der Herr den Petrus: „Liebst du Mich?“
Das heißt so viel als: Petrus, bist du über alles Gesetz hinaus? Bist du in Mir
wie Ich in dir? – Ängstlich bejaht Petrus solches, und der Herr spricht
abermals: „Also weide Meine Schafe und folge Mir!“ Das heißt so viel als: Also
bringe du auch die Brüder, daß sie in Mir seien und in Meiner Ordnung und Liebe
wohnen gleich wie du.
[GS.02_102,16] Denn dem Herrn folgen heißt:
in der Liebe des Herrn wohnen. Ich meine, mehr noch zu sagen, was Gott über
alles lieben heißt, wäre überflüssig. Und da wir nun solches wissen und das
Licht des Lichtes erkannt haben, so wollen wir uns sogleich in den zwölften und
letzten Saal begeben.
103. Kapitel – Zwölfter Saal – 12. Gebot: Die
Nächstenliebe.
[GS.02_103,01] Wir sind darin und erblicken
hier in der Mitte dieses großen und prachtvollen Saales ebenfalls wieder eine
Sonnentafel und in deren Mitte mit rotleuchtender Schrift geschrieben: „Dies
ist dem ersten gleich, daß du deinen Nächsten liebest wie dich selbst; darinnen
ist das Gesetz und die Propheten.“ – Da dürfte sogleich jemand aufstehen und
sagen: Wie soll das zu verstehen sein: den Nächsten wie sich selbst lieben? Die
Sichselbst- oder Eigenliebe ist ein Laster, somit kann die gleichförmige
Nächstenliebe doch auch nichts anderes als ein Laster sein, indem die
Nächstenliebe auf diese Weise die Selbst- oder Eigenliebe ja offenbar als Grund
aufstellt. Will ich als ein tugendhafter Mensch leben, so darf ich mich nicht
selbst lieben. Wenn ich mich aber nicht selbst lieben darf, so darf ich ja auch
den Nächsten nicht lieben, indem das Liebeverhältnis zum Nächsten dem
Eigenliebeverhältnisse als vollkommen gleichlautend entsprechen soll. Demnach
hieße ja „den Nächsten wie sich selbst lieben“ den Nächsten gar nicht lieben,
weil man sich selbst auch nicht lieben soll.
[GS.02_103,02] Sehet, das wäre schon so ein
gewöhnlicher Einwurf, dem zu begegnen freilich nicht gar zu schwer fallen
dürfte. Indem eines jeden Menschen Eigenliebe so viel als sein eigenes Leben
selbst ausmacht, so versteht sich in diesem Grade die natürliche Eigenliebe von
selbst, denn keine Eigenliebe haben, hieße so viel als kein Leben haben!
[GS.02_103,03] Es handelt sich hier demnach
darum, den Unterschied zwischen der gerechten und ungerechten Eigenliebe zu
erkennen.
[GS.02_103,04] „Gerecht“ ist die Eigenliebe,
wenn sie nach den Dingen der Welt kein größeres Verlangen hat, als was ihr das
rechte Maß der göttlichen Ordnung zugeteilt hat, welches Maß in dem siebenten,
neunten und zehnten Gebote hinreichend gezeigt wurde. Verlangt die Eigenliebe
über dieses Maß hinaus, so überschreitet sie die bestimmten Grenzen der
göttlichen Ordnung und ist beim ersten Übertritte schon als Sünde zu
betrachten. Nach diesem Maßstabe ist demnach auch die Nächstenliebe
einzuteilen; denn so jemand einen Bruder oder eine Schwester über dieses Maß
hinaus liebt, so treibt er mit seinem Bruder oder mit seiner Schwester
Abgötterei und macht ihn dadurch nicht besser, sondern schlechter.
[GS.02_103,05] Früchte solcher übermäßigen
Nächstenliebe sind zumeist alle die heutigen und allzeitigen Beherrscher der
Völker. Wieso denn? – Irgendein Volk hat einen aus seiner Mitte wegen seiner
mehr glänzenden Talente über das gerechte Maß hinaus geliebt, machte ihn zum
Herrscher über sich und mußte es sich hernach gefallen lassen, von ihm oder von
seinen Nachkommen für diese Untugend empfindlich gestraft zu werden.
[GS.02_103,06] Man wird hier sagen: Aber
Könige und Fürsten müssen ja doch sein, um die Völker zu leiten, und sie seien
von Gott Selbst eingesetzt. – Ich will dagegen nicht gerade verneinend
auftreten, aber die Sache beleuchten, wie sie ist und wie sie sein sollte, will
ich hier bei dieser Gelegenheit.
[GS.02_103,07] Was spricht der Herr zum
israelitischen Volke, als es einen König verlangte? Nichts anderes als: „Zu
allen Sünden, die dieses Volk vor Mir begangen hat, hat es auch die größte
hinzugefügt, daß es, mit Meiner Leitung unzufrieden, einen König verlangt“. –
Aus diesem Satze läßt sich, meine ich, hinreichend erschauen, daß die Könige
von Gott aus dem Volke nicht als Segen, sondern als ein Gericht gegeben werden.
[GS.02_103,08] Frage: Sind Könige notwendig
an der Seite Gottes zur Leitung der Menschheit? Diese Frage kann mit derselben
Antwort beantwortet werden wie eine andere Frage, welche also lautet: Hat der
Herr bei der Erschaffung der Welt und bei der Erschaffung des Menschen
irgendeines Helfers vonnöten gehabt?
[GS.02_103,09] Frage weiter: Welche Könige
und Fürsten, zu jeder Zeit wie gegenwärtig helfen dem Herrn, die Welten in
ihrer Ordnung zu erhalten und sie auf ihren Bahnen zu führen? Welchen Herzog
braucht Er für die Winde, welchen Fürsten für die Ausspendung des Lichtes und
welchen König zur Überwachung des unendlichen Welten- und Sonnenraumes? Vermag
aber der Herr ohne menschlich fürstliche und königliche Beihilfe den Orion zu
gürten, dem Großen Hunde seine Nahrung zu reichen und das große Welten- und
Sonnenvolk in unverrücktester Ordnung zu erhalten, sollte Er da wohl vonnöten
haben, bei den Menschen dieser Erde Könige und Fürsten einzusetzen, die Ihm in
seinem Geschäfte helfen sollten?
[GS.02_103,10] Gehen wir auf die Urgeschichte
eines jeden Volkes zurück, und wir werden finden, daß ein jedes Volk
uranfänglich eine rein theokratische Verfassung hatte, das heißt, sie hatten
keinen andern Herrn über sich als Gott allein. Erst mit der Zeit, als hie und
da Völker mit der höchst freien und liberalsten Regierung Gottes unzufrieden
wurden, weil es ihnen unter solcher zu gut ging, da fingen sie an, sich
gegenseitig übermäßig zu lieben. Und gewöhnlich ward irgendein Mensch
besonderer Talente halber der allgemeinen Liebe zum Preise. Man verlangte ihn
zum Führer. Aber beim Führer blieb es nicht, denn der Führer mußte Gesetze
geben, die Gesetze mußten sanktioniert werden, und so ward aus dem Führer ein
Herr, ein Gebieter, ein Patriarch, dann ein Fürst, ein König und ein Kaiser.
[GS.02_103,11] Also sind Kaiser, Könige und
Fürsten von Gott aus nie erwählt worden, sondern nur bestätigt zum Gerichte für
diejenigen Menschen, die zufolge ihres freien Willens solche Kaiser, Könige und
Fürsten aus ihrer Mitte erwählt hatten und ihnen alle Gewalt über sich
eingeräumt haben.
[GS.02_103,12] Ich meine, es wird diese
Beleuchtung hinreichen, um einzusehen, daß jedes Übermaß sowohl der Eigen- als
der Nächstenliebe vor Gott ein Greuel ist.
[GS.02_103,13] Den Nächsten sonach wie sich
selbst lieben heißt: den Nächsten in der gegebenen göttlichen Ordnung lieben,
also in jenem gerechten Maße, welches von Gott aus einem jeden Menschen von
Urbeginn an zugeteilt ist. Wer solches noch nicht gründlich einsehen möchte,
dem will ich noch ein paar Beispiele hinzufügen, aus denen er klar ersehen
kann, welche Folgen das eine wie das andere Übermaß mit sich bringt.
[GS.02_103,14] Nehmen wir an, in irgendeinem
Dorfe lebt ein Millionär. Wird dieser das Dorf beglücken, oder wird er es ins
Unglück stürzen? Wir wollen sehen. Der Millionär sieht, daß es mit den
öffentlichen Geldbanken schwankt; was tut er? Er verkauft seine Obligationen
und kauft dafür Realitäten, Güter. Die Herrschaft, zu der er früher nur ein
Untertan war, befindet sich wie gewöhnlich in großen Geldnöten. Unser Millionär
wird angegangen, der Herrschaft Kapitalien zu leihen. Er tut es gegen gute
Prozente und auf die sichere Hypothek der Herrschaft selbst. Seine Nachbarn,
die anderen Dorfbewohner, brauchen auch Geld. Er leiht es ihnen ohne Anstand
auf Grundbuch-Eintrag. Die Sache geht etliche Jahre fort. Die Herrschaft wird
immer unvermögender und die Dorfnachbarn nicht wohlhabender. Was geschieht?
Unser Millionär packt zuerst die Herrschaft, und diese, nicht im Besitz eines
Groschen Geldes mehr, muß sich auf Gnade und Ungnade ergeben, bekommt höchstens
aus lauter Großmut ein Reisegeld, und unser Millionär wird Herrschaftsinhaber
und zugleich Herr über seine ihm schuldenden Nachbarn. Diese, weil sie ihm
weder Kapital noch Interessen zu zahlen imstande sind, werden bald abgeschätzt
und gepfändet.
[GS.02_103,15] Hier haben wir die ganz
natürliche Folge des Glückes, welches ein Millionär oder ein Besitzer des
Übermaßes der Eigenliebe den Dorfbewohnern bereitet hat. Mehr braucht man
darüber nicht zu sagen. – Gehen wir aber auf den zweiten Fall über.
[GS.02_103,16] Es lebt irgendwo eine überaus
dürftige Familie. Sie hat kaum so viel, um ihr tägliches Leben kümmerlichst zu
fristen. Ein überaus reicher und auch selten wohltätiger Mann lernt diese arme,
aber sonst brave und schätzenswerte Familie kennen. Er, im Besitze von mehreren
Millionen, erbarmt sich dieser Familie und denkt bei sich: Ich will diese
Familie auf einmal wahrhaft zum Schlagtreffen glücklich machen. Ich will ihr
eine Herrschaft schenken und noch dazu ein ansehnliches Vermögen von einer
halben Million. Dabei will ich die Freude haben, zu sehen, wie sich die
Gesichter dieser armen Familie sonderlich aufheitern werden. – Er tut es, wie
er beschlossen. Eine ganze Woche lang werden in der Familie nichts als
Freudentränen vergossen, auch dem lieben Herrgott wird manches „Gott sei Dank“
entgegengesprochen.
[GS.02_103,17] Betrachten wir diese beglückte
Familie aber nur ungefähr ein Jahr später, und wir werden an ihr allen Luxus so
gut entdecken, als er nur immer in den Häusern der Reichen zu Hause ist. Diese
Familie wird zugleich auch hartherziger und wird sich nun an allen jenen geheim
zu rächen bemüht sein, die sie in ihrer Not nicht haben ansehen wollen. Das
„Gott sei Dank“ wird verschwinden, aber dafür werden Equipage, livrierte
Bediente u. dgl. m. eingeführt.
[GS.02_103,18] Frage: Hat dieses große
Übermaß der Nächstenliebe dieser armen Familie genützt oder geschadet? Ich
meine, hier braucht man nicht viel Worte, sondern nur mit den Händen nach all
dem Luxus zu greifen, und man wird es auf ein Haar finden, welchen Nutzen diese
Familie fürs ewige Leben durch ein an ihr verübtes Übermaß der Nächstenliebe
empfangen hat. Aus dem aber wird ersichtlich, daß die Nächstenliebe sowie die
Eigenliebe stets in den Schranken des gerechten göttlichen Ordnungsmaßes zu
verbleiben hat.
[GS.02_103,19] Wenn der Mann sein Weib über
die Gebühr liebt, da wird er sie verderben. Sie wird eitel, wird sich
hochschätzen und wird daraus eine sogenannte Kokette. Der Mann wird kaum Hände
genug haben, um überall hinzugreifen, daß er die Anforderungen seines Weibes
befriedigt.
[GS.02_103,20] Auch ein Bräutigam, wenn er
seine Braut zu sehr liebt, wird sie dreist und am Ende untreu machen.
[GS.02_103,21] Also ist das gerechte Maß der
Liebe allenthalben vonnöten. Dennoch aber besteht die Nächstenliebe in etwas
ganz anderem, als wir bis jetzt haben kennengelernt. – Worin aber innerer
geistiger Weise die Nächstenliebe besteht, das wollen wir im Verfolge dieser
Mitteilung klar erkennen lernen. –
104. Kapitel – Worin besteht die eigentliche
wahre Nächstenliebe?
[GS.02_104,01] Um gründlich zu wissen, worin
die eigentliche wahre „Nächstenliebe“ besteht, muß man zuvor wissen und
gründlich verstehen, wer so ganz eigentlich ein Nächster ist. Darin liegt der
Hauptknoten begraben. Man wird sagen: Woher sollte man das nehmen? Denn der
Herr Selbst, als der alleinige Aufsteller der Nächstenliebe, hat da nirgends
nähere Bestimmungen gemacht. Als Ihn die Schriftgelehrten fragten, wer der
Nächste sei, da zeigte Er ihnen bloß in einem Gleichnisse, wer ein Nächster zum
bekannten verunglückten Samaritan war, nämlich ein Samaritan selbst, der ihn in
die Herberge brachte und zuvor Öl und Wein in seine Wunden goß.
[GS.02_104,02] Aus dem aber geht hervor, daß
nur unter gewissen Umständen die verunglückten Menschen „Nächste“ an ihren
Wohltätern haben und sind somit auch umgekehrt die „Nächsten“ zu ihren
Wohltätern. Wenn es also nur unter diesen Umständen „Nächste“ gibt, was für
Nächste haben dann die gewöhnlichen Menschen, welche weder selbst ein Unglück
zu bestehen haben, noch irgend einmal in die Lage kommen, einem Verunglückten
beizuspringen? Gibt es denn keinen allgemeineren Text, der die Nächsten näher
bezeichnet? Denn bei diesem ist nur die höchste Not und auf der andern Seite
eine große Wohlhabenheit, gepaart mit einem guten Herzen, als Nächstentum
einander gegenübergestellt.
[GS.02_104,03] Wir wollen daher sehen, ob
sich nicht solche ausgedehntere Texte vorfinden. Hier wäre einer, und dieser
lautet also:
[GS.02_104,04] „Segnet, die euch fluchen, und
tuet Gutes euren Feinden!“ – Das wäre ein Text, aus welchem klar zu ersehen
ist, daß der Herr die Nächstenliebe sehr weit ausgedehnt hat, indem Er sogar
die Feinde und Flucher nicht ausgenommen hat.
[GS.02_104,05] Ferner lautet ein anderer
Text: „Machet euch Freunde mit dem ungerechten Mammon“. Was will der Herr damit
anzeigen? Nichts anderes, als daß der Mensch keine Gelegenheit vorübergehen
lassen soll, um dem Nächsten Gutes zu tun. Er gestattet sogar, in äußerer
Hinsicht genommen, eine offenbare Veruntreuung am Gute eines Reichen, wenn
dadurch, freilich nur im höchsten Notfalle, vielen oder wenigstens mehreren
Bedürftigen geholfen werden kann.
[GS.02_104,06] Weiter finden wir einen Text,
wo der Herr spricht: „Was ihr immer einem aus diesen Armen Gutes tut in Meinem
Namen, das habt ihr Mir getan“. – Diesen Satz bestätigt der Herr bei der
Darstellung des „jüngsten“ oder geistigen Gerichtes, da Er zu den Auserwählten
spricht: „Ich kam nackt, hungrig, durstig, krank, gefangen und ohne Dach und
Fach zu euch, und ihr habt Mich aufgenommen, gepflegt, bekleidet, gesättigt und
getränkt“ – und desgleichen zu den Verworfenen, wie sie solches nicht getan
haben. Die Guten entschuldigen sich, als hätten sie solches nie getan, und die
Schlechten, als möchten sie solches wohl getan haben, so Er zu ihnen gekommen
wäre. Und der Herr deutet dann deutlich an:
[GS.02_104,07] „Was immer ihr den Armen in
Meinem Namen getan oder nicht getan habt, das galt Mir.“ –
[GS.02_104,08] Aus diesem Texte wird die
eigentliche Nächstenliebe schon ziemlich klar herausgehoben, und es wird
gezeigt, wer demnach die eigentlichen Nächsten sind.
[GS.02_104,09] Wir wollen aber noch einen
Text betrachten. Dieser lautet also: „So ihr Gastmähler bereitet, da ladet
nicht solche dazu, die es euch mit einem Gegengastmahle vergelten können. Dafür
werdet ihr keinen Lohn im Himmel haben, denn solchen habt ihr auf der Welt
empfangen. Ladet aber Dürftige, Lahme, Bresthafte, in jeder Hinsicht arme
Menschen, die es euch nicht wieder vergelten können, so werdet ihr euren Lohn
im Himmel haben. Also leihet auch denen euer Geld, die es euch nicht wieder
zurückerstatten können, so werdet ihr damit für den Himmel wuchern. Leihet ihr
aber euer Geld denen, die es euch zurückerstatten können samt Interessen, so
habt ihr euren Lohn dahin. Wenn ihr Almosen gebet, da tut solches im stillen,
und eure rechte Hand soll nicht wissen, was die linke tut. Und euer Vater im
Himmel, der im Verborgenen sieht, wird euch darum segnen und belohnen im
Himmel!“
[GS.02_104,10] Ich meine, aus diesen Texten
sollte man schon fast mit den Händen greifen, wer vom Herrn aus als der
eigentliche Nächste bezeichnet ist. Wir wollen darum sehen, was für ein Sinn
dahintersteckt.
[GS.02_104,11] Überall sehen wir vom Herrn
aus nur Arme den Wohlhabenden gegenübergestellt. Was folgt daraus? Nichts
anderes, als daß die Armen den Wohlhabenden gegenüber als die eigentlichen
Nächsten vom Herrn aus bezeichnet und gestellt sind, und nicht Reiche gegen
Reiche und Arme gegen Arme. Reiche gegen Reiche können sich nur dann als
Nächste betrachten, wenn sie sich zu gleich guten, Gott wohlgefälligen Zwecken
vereinen. Arme aber sind sich ebenfalls nur dann als Nächste gegenüberstehend,
so sie sich ebenfalls nach Möglichkeit in der Geduld und in der Liebe zum Herrn
wie unter sich brüderlich vereinen.
[GS.02_104,12] Der erste Grad der
Nächstenliebe bleibt demnach immer zwischen den Wohlhabenden und Armen, und
zwischen den Starken und Schwachen, und steht in gleichem Verhältnisse mit dem
zwischen Eltern und Kindern.
[GS.02_104,13] Warum aber sollen die Armen
gegenüber den Wohlhabenden, die Schwachen gegenüber den Starken, wie die Kinder
gegenüber den Eltern als die Allernächsten betrachtet und behandelt werden? Aus
keinem andern als aus folgendem ganz einfachen Grunde, weil der Herr, als zu
einem jeden Menschen der Allernächste, Sich nach Seinem eigenen Ausspruche
vorzugsweise in den Armen und Schwachen wie in den Kindern auf dieser Welt
repräsentiert. Denn Er spricht ja Selbst: „Was immer ihr den Armen tut, das
habt ihr Mir getan!“ – Werdet ihr Mich schon nicht immer wesenhaft persönlich
unter euch haben, so werdet ihr aber dennoch allezeit Arme als gewisserart
(wollte der Herr sagen) Meine vollkommenen Repräsentanten unter euch haben.
[GS.02_104,14] Also spricht der Herr auch von
einem Kinde: „Wer ein solches Kind in Meinem Namen aufnimmt, der nimmt Mich
auf“.
[GS.02_104,15] Aus allem dem geht aber
hervor, daß die Menschen gegenseitig sich nach dem Grade mehr oder weniger als
„Nächste“ zu betrachten haben, je mehr oder weniger sie erfüllt sind vom Geiste
des Herrn. Der Herr aber spendet seinen Geist nicht den Reichen der Welt,
sondern allezeit nur den Armen, Schwachen und weltlich Unmündigen. Der Arme ist
dadurch schon mehr und mehr vom Geiste des Herrn erfüllt, weil er ein Armer
ist, denn die Armut ist ja ein Hauptanteil des Geistes des Herrn.
[GS.02_104,16] Wer arm ist, hat in seiner
Armut Ähnlichkeit mit dem Herrn, während der Reiche keine hat. Diese kennt der
Herr nicht. Aber die Armen kennt Er. Daher sollen die Armen den Reichen die
Nächsten sein, zu denen sie, die Reichen, kommen müssen, wenn sie sich dem
Herrn nahen wollen; denn die Reichen können sich unmöglich als die dem Herrn
Nächsten betrachten. Der Herr Selbst hat bei der Erzählung vom reichen Prasser
die unendliche Kluft zwischen Ihm und ihnen gezeigt. Nur den armen Lazarus
stellt Er in den Schoß Abrahams, also als Ihm, dem Herrn, am nächsten.
[GS.02_104,17] So zeigte der Herr auch bei
der Gelegenheit des reichen Jünglings, wer zuvor seine Nächsten sein sollten,
bevor er wieder kommen möchte zum Herrn und Ihm folgen. Und allenthalben stellt
der Herr so die Armen wie die Kinder als Ihm die Nächsten oder auch als Seine
förmlichen Repräsentanten dar. Diese soll der Wohlhabende lieben wie sich
selbst, nicht aber auch zugleich die seinesgleichen. Denn darum sprach der
Herr, daß dieses Gebot der Nächstenliebe dem ersten gleich ist, womit Er nichts
anderes sagen wollte als: Was ihr den Armen tuet, das tut ihr Mir!
[GS.02_104,18] Daß sich aber die Reichen
nicht gegenseitig als die Nächsten betrachten sollen, erhellt daraus, wie der
Herr spricht, daß die Reichen nicht wieder Reiche zu Gaste laden und ihr Geld
nicht wieder den Reichen leihen sollen, wie auch daraus, daß Er dem reichen
Jünglinge nicht geboten hat, seine Güter an die Reichen, sondern an die Armen
zu verteilen.
[GS.02_104,19] Wenn aber irgendein Reicher
sagen möchte: Meine Allernächsten sind doch meine Kinder, da sage ich:
Mitnichten! Denn der Herr nahm nur ein armes Kind, das am Wege bettelte, auf
und sprach: wer ein solches Kind in Meinem Namen aufnimmt, der nimmt Mich auf!
Mit Kindern der Reichen hat der Herr nie etwas zu tun gehabt.
[GS.02_104,20] Aus dem Grunde begeht der
Reiche, wenn er ängstlich für seine Kinder sorgt, eine gar starke Sünde gegen
die Nächstenliebe. Der Reiche sorgt dadurch für seine Kinder am besten, wenn er
für eine dem Herrn wohlgefällige Erziehung sorgt und sein Vermögen nicht für
seine Kinder spart, sondern es zum allergrößten Teile den Armen zuwendet. Tut
er das, so wird der Herr seine Kinder ergreifen und sie führen den besten Weg.
Tut er das nicht, so wendet der Herr Sein Angesicht weg von Ihnen, zieht Seine Hände
zurück und überläßt schon ihre zarteste Jugend den Händen der Welt, das heißt
aber den Händen des Teufels, damit dann aus ihnen Weltkinder, Weltmenschen, was
so viel sagen will als selbst Teufel werden.
[GS.02_104,21] Wüßtet ihr, wie bis in den
untersten, dritten Grad der Hölle alle die Stammkapitalien und besonders die
Fideikommisse vom Herrn auf das Erschrecklichste verflucht sind, ihr würdet da
vor Schreck und Angst zur Härte eines Diamanten erstarren!
[GS.02_104,22] Daher sollen ja alle Reichen,
wo immer sie sein mögen, dieses soviel als möglich beherzigen, ihr Herz soviel
als möglich von ihren Reichtümern abwenden und damit, nämlich mit den
Reichtümern, soviel als möglich Gutes tun, wollen sie der ewigen Selchküche
entgehen. Denn es gibt jenseits eine zweifache Selchanstalt, eine langwierige
in düsteren Örtern, von denen aus nur unbegreiflich eingeschmälerte Pfade
führen, auf denen es den Wanderern nicht viel besser ergeht wie den Kamelen vor
den Nadelöhren. Es gibt aber auch eine ewige Selchanstalt, aus der meines
Wissens bis jetzt noch keine Pfade führen. – Das also zur Beherzigung für
Reiche wie auch für jedermann, der irgend so viel besitzt, daß er den Armen
noch immer etwas tun kann. Daraus aber ist nun dargetan, worin die eigentliche
Nächstenliebe besteht. Also auch wird sie hier in der Sonne gelehrt und
fortwährend ausgeübt. – Wie aber solches geschieht, wollen wir in der Folge
näher betrachten. –
105. Kapitel – Praktischer Unterricht der
jenseitigen Schüler in der Nächstenliebe.
[GS.02_105,01] Ihr wißt, daß mit dem bloß
theoretischen Wissen und Glauben nirgends etwas getan ist. Was nützt es
jemanden, wenn er seinen Kopf mit tausend noch so richtigen Theorien angestopft
hat? Was nützt es jemanden, wenn er alles für unbedingt wahr hält, was in dem
Buche des Lebens geschrieben steht? Das alles nützt einem gerade soviel, als so
sich jemand alle musikalischen Theorien buchstäblich zu eigen gemacht hätte und
auch zu der Einsicht gelangt wäre, daß er, würde er sich der Theorien praktisch
bedienen, im Ernste die eminentesten Kompositionen zustande brächte, oder
wenigstens einen auserlesenen Virtuosen auf dem einen oder andern Instrumente
abgeben würde. Frage: Wird er mittels aller dieser gründlichen theoretischen
Kenntnisse ohne die geringste praktische Fertigkeit irgendein Stück von einigem
Werte zu komponieren imstande sein? Oder wird er auch nur den leichtesten Takt
einer Komposition entweder schlechthin zu singen oder auf einem
Musikinstrumente vorzutragen vermögen? Sicher nicht, denn ohne praktische Übung
nützt keine Theorie etwas.
[GS.02_105,02] Es ist dasselbe, als so es
irgendeinen törichten Vater gäbe, der da sein Kind zwar pflegen würde und
seinen Verstand ausbilden, ihm aber die Füße stets verbunden hielte. Frage:
Wird das Kind gehen können, wenngleich es andere gehen sah und alle Geharten
und Fußbewegungen durch einen spanischen Tanzmeister theoretisch kennengelernt
hätte? Der erste Schritt, den es wagt, wird schon so unsicher ausfallen, daß
das nur theoretisch gebildete Kind sogleich am Boden liegen wird.
[GS.02_105,03] Es ist damit mehr als klar
gezeigt, daß das alleinige Wissen ohne Praxis zu nichts taugt! denn es ist ein
brennender Lüster in einem leeren Saale, dessen Licht für sich allein brennt
und niemandem zugute kommt. Demnach ist die tatsächliche Ausübung dessen, was
man erkannt hat und weiß, unfehlbar die alleinige Hauptsache. Und da es im
Reiche der reinsten Geister allzeit vorzugsweise aufs Tun ankommt und die
Tätigkeit aus der Nächstenliebe der Hauptgrundsatz alles geistigen Wirkens ist,
so wird eben dieses Gebot der Nächstenliebe hier auch mehr tatsächlich als
theoretisch gelehrt.
[GS.02_105,04] Wie aber? Diese, wie ihr
sehet, schon erwachsenen Schüler werden bei allerlei Gelegenheiten von den
schon vollkommeneren Geistern mitgenommen und müssen besonders bei den
Neuangelangten von der Erde die wahrhaftigen Nächsten, die weniger Nächsten und
dann auch die Fernen unterscheiden lernen. Sie müssen da erkennen, wie sie sich
zu den Nächsten, zu den weniger Nächsten und zu den Fernen zu verhalten haben.
[GS.02_105,05] Bekanntlich ist das
Mitleidsgefühl der Jugend größer als das des festen Mannesalters. Daher
geschieht es auch, daß diese Schüler alles, was ihnen begegnet, mit großem
Mitleid und großer Erbarmung aufnehmen.
[GS.02_105,06] Sie möchten gleich alles in
den Himmel hineinschieben, indem sie aus der Erfahrung noch nicht wissen, daß
der Himmel nur den eigentlichen Allernächsten eine große Seligkeit gewährt, den
weniger Nächsten und den Fernen aber eine größere, auch allergrößte Qual ist.
Bei diesen Gelegenheiten also lernen sie erst völlig erkennen, wie die
eigentliche Nächstenliebe darin besteht, daß man einem jeden Wesen seine
Freiheit lassen muß und ihm geben das Seinige.
[GS.02_105,07] Denn wenn man jemandem etwas
anderes tun will, als was dessen Liebe verlangt, so hat man ihm keinen
Liebesdienst erwiesen. Wenn einer seinen Nachbarn um einen Rock bittet, und der
Nachbar gibt ihm stattdessen einen Laib Brot, wird der Bittende damit zufrieden
sein? Sicher nicht, denn er hat ja nur um den Rock, aber nicht um das Brot
gebeten.
[GS.02_105,08] Wenn jemand in ein Haus geht
und verlangt eine Braut, und man gibt ihm anstatt der Braut einen Korb voll
Salzes, wird er damit zufrieden sein? Und wenn jemand einen Weg in einen gegen
Norden gelegenen Ort machen möchte, wo er ein Geschäft hat, ein Freund aber
läßt seinen Wagen einspannen, nimmt den Geschäftsmann, der nach Norden soll,
auf und fährt mit ihm nach Süden, wird ihm damit geholfen sein?
[GS.02_105,09] Daher müssen die Geister, ehe
sie ihre Nächstenliebe in die praktische Anwendung bringen wollen, erst genau
die Liebart der Geister erforschen, die ihnen zugeführt werden. Wie sich diese
Liebe vorfindet, gerade also muß auch nach dieser Liebe gehandelt werden.
[GS.02_105,10] Wer in die Hölle will, muß
dahin sein Geleite haben, denn also ist seine Liebe, ohne welche es für ihn
kein Leben gibt. Und wer in den Himmel will, dem muß jene Leitung werden, daß
er, auf den gerechten Wegen geläutert, dann vollkommen befähigt in den Himmel
gelangt und da als ein wahrer geheiligter Bürger bestehen kann.
[GS.02_105,11] Aber es ist auch nicht genug,
einen Geist in einen und denselben Himmel zu bringen, sondern der Himmel muß
der Liebe des Geistes auf ein Atom entsprechen, denn jeder andere Himmel wird
sich mit einem himmlischen Bürger nicht vertragen, und es wird ihm darin
ergehen, wie einem Fische in der Luft.
[GS.02_105,12] Denn eines jeden Menschen
Liebeart ist das ihm eigentümliche Lebenselement. Findet er dieses nicht, so
ist es um sein Leben bald geschehen. Daher muß auch die Nächstenliebe im Reiche
der reinen Geister höchst genau und richtig geläutert und gebildet werden, ehe
diese Geister wahrhaft in der göttlichen Ordnung die Neuangekommenen wie auch
die schon lange im Geisterreiche Seienden wahrhaft beseligend und belebend
aufzunehmen imstande sind.
[GS.02_105,13] Die Bildung dieser
Nächstenliebe und ihre Läuterung besteht demnach in dem, die Liebeart in den
Geistern zu erforschen und zu erkennen, und dann aber auch die Wege der
göttlichen Ordnung zu erkennen und einzusehen, auf welchen diese Geister zu
führen und wie sie zu führen sind.
[GS.02_105,14] Keinem Geiste darf irgend
Gewalt angetan werden. Sein freier Wille, gepaart mit seiner Erkenntnis,
bestimmt den Weg und die Liebe des Geistes die Art und Weise, wie er auf
demselben zu leiten ist.
[GS.02_105,15] Wenn die Geister erst an den
Ort ihrer ihnen zusagenden Liebe kommen und dort bösartig auftreten, dann erst
ist es an der Zeit – aber wieder nur nach der Art der Bosheit – strafend
entgegenzuwirken.
[GS.02_105,16] Und sehet nun, in allem dem,
was die Nächstenliebe betrifft, werden unsere Schüler auf das genaueste
praktisch unterrichtet. Haben sie darin eine Fertigkeit erlangt, bekommen sie
die Weihe der Vollendung. Sie werden dann auf eine genau verhältnismäßig
bestimmte Zeit den auf der Erde lebenden Menschen als Schutzgeister beigegeben,
zumeist aus dem Grunde, um sich bei dieser Gelegenheit in der wahren Geduld des
Herrn zu üben. Ihr glaubt es kaum, wie schwer es einem solchen himmlisch
gebildeten Geiste fällt, mit den halsstarrigen Menschen dieser Erde so im
höchsten Grade nachgebend umzugehen, daß diese es nie merken, daß sie von einem
solchen Schutzgeiste auf allen Wegen begleitet und nach ihrer Liebe geleitet
werden.
[GS.02_105,17] Fürwahr, es ist keine
Kleinigkeit, wenn man mit aller Macht und Kraft ausgerüstet ist und darf als
Anfänger nicht Feuer vom Himmel rufen, sondern muß da im Bewußtsein seiner
Macht und Kraft fortwährend zusehen, wie der einem anvertraute Mensch sich in
allerlei Argem der Welt begründet und des Herrn mehr und mehr vergißt.
[GS.02_105,18] Eine Kindsmagd hat mit dem
bengelhaftest unartigen Kinde einen barsten Himmel gegen der Aufgabe eines im
Anfang seiner Mission stehenden Schutzgeistes. Wie viele Tränen müssen diese
vergießen, und ihr ganzes Einwirken darf nur in einem allerleisesten
Gewissenseinflüstern bestehen oder höchstens bei außerordentlichen
Gelegenheiten in der Verhütung gewisser Unglücksfälle, welche auf die
Sterblichen der Erde von der Hölle angelegt sind. In allem übrigen dürfen sie
nicht einwirken.
[GS.02_105,19] Nun aber stellt euch nur ein
wenig das nicht selten bittere Los eines sogenannten Hauslehrers oder
Hofmeisters vor, wenn er recht rohe und bengelhafte Kinder zur Erziehung
bekommt. Ist da nicht ein Holzhauerzustand besser? Sicher, denn das Holz läßt
sich nach dem Willen des Holzhauers fällen und spalten, aber das ungehobelte
Kind spottet des Willens seines Meisters. Doch dieser Zustand ist kaum ein
leisester Schatten gegen den eines Schutzgeistes, dessen Schutzbefohlener
entweder ein Geizhals, ein Dieb, ein Räuber, ein Mörder, ein Spieler, ein Hurer
und Ehebrecher ist. Solche Greueltaten muß der Schutzgeist stets passiv mit
ansehen und darf mit all seiner Kraft nicht im geringsten vorgreifend entgegenwirken.
Und wenn schon bei manchen Gelegenheiten ein Vorgriff gestattet ist, so muß er
aber dennoch so klug angelegt werden, daß der Schützling dadurch in der
Freiheitssphäre seines Willens nicht im geringsten behindert wird, sondern
höchstens nur in der tatsächlichen Ausführung desselben.
[GS.02_105,20] Sehet, das ist sonach das
zweite praktische Geschäft, in welchem sich unsere geweihten Schüler in der
Nächstenliebe und vorzüglich in der Geduld des Herrn üben müssen. – Was aber
mit ihnen nach dieser Geduldübung geschieht, wird die Folge zeigen. –
106. Kapitel – Wesen und Folgen des Lasters.
[GS.02_106,01] Wenn unsere in der Geduld wohl
geübten Schüler von ihrem Amte gewöhnlich nach dem Ableben eines ihnen
anbefohlenen Schützlings von dieser äußeren Welt zurückkehren, dann haben sie
noch so lange in ihrer Nähe zu verbleiben, solange der naturmäßig-geistige
Zustand der Seele eines hier verstorbenen Menschen dauert. Zur Zeit der
Enthüllung oder Abödung, da ein jeder Geist ohnehin sich selbst gänzlich überlassen
bleibt, kehren sie dann wieder in die geistige Sonne zurück. Von da an erst
geht es auf eine neue Bestimmung aus. – Wohin aber? Das ist sehr leicht zu
erraten, wenn man bedenkt, daß unsere Schüler bis jetzt hinreichend Gelegenheit
gehabt haben, die Gesetzwidrigkeiten zuerst als Lehrlinge
geistig-wissenschaftlich, dann als Schutzgeister praktisch zu beschauen und zu
erkennen.
[GS.02_106,02] Daß aber hinter diesen
Erkenntnissen noch ein drittes steckt, und hinter dem dritten noch ein viertes,
das muß einem jeden klar sein, der weiß, daß jedes Laster eine gewisse Folge
als das erreichte Ziel in sich hat, und daß sich erst in diesem Ziele der Grund
oder die Hauptursache des Lasters erkennen läßt. Denn wenn jemand die Folgen
des Lasters nicht geschaut hat und nicht völlig den Grund des Lasters erkennt,
so hat er immer noch keine genügend frei und feste Abneigung gegen das Laster.
Ersieht er aber einmal solches und erkennt es lebendig, wie die Folge eine ganz
ordnungsmäßige und unabänderliche ist und wie sie in sich schon solchen Grund
birgt, dann erst wird er aus seinem freien Erkennen und Wollen ein vollkommen
fester Gegner alles Lasters.
[GS.02_106,03] Wo aber müssen unsere Schüler
hingehen, um solches zu erkennen? Sie müssen an der Seite mächtiger und
wohlerfahrener Geister die Höllen durchwandern, und zwar von der ersten bis zur
letzten und untersten. In der ersten und zweiten erschauen sie die Folgen des
Lasters, und besonders in der zweiten, wie sich innerhalb der noch
wohlersichtlichen Folgen der Grund des Lasters schon mehr und mehr
durchleuchtend erschauen läßt. Und in der dritten und untersten Hölle erst
lernen sie den Grund oder die Hauptursache alles Lasters erkennen.
[GS.02_106,04] Es dürfte vielleicht mancher
sagen: Die Folge und der Grund sind zwei Punkte eines Kreises, die auf einem
und demselben Punkte zusammentreffen, denn sicher begeht niemand eine Handlung
aus einem andern Grunde als allein aus dem, den er eben als die Folge seiner
Handlung realisiert haben will.
[GS.02_106,05] Wenn z.B. einer den diebischen
Entschluß faßt, jemandem das Geld zu stehlen, so haben ihn dazu die Liebe zum
Gelde und sein Vorteil zu dieser Handlung bestimmt; das war sicher der Grund
seiner Handlung. Hat er sich nun auf diebische Weise des Geldes bemächtigt, so
war diese Bemächtigung doch sicher die Folge seiner Handlung. Dies war und ist
aber nichts anderes als der realisierte frühere Grund zu der Handlung selbst.
[GS.02_106,06] Ich aber sage: Wenn man die
Sache von dem Standpunkte betrachtet, dann tut man nichts anderes, als an
seiner eigenen Erkenntnis einen Hochverrat begehen, und zeigt dadurch an, daß
man mit der inneren Weisheit noch nie etwas zu tun gehabt hat. Daher wollen wir
sogleich ein Gegenbeispiel aufstellen, aus dem sich klar ersehen lassen wird,
daß die Folge und der eigentliche Grund der Handlung ganz verschieden aussehen.
[GS.02_106,07] Bevor wir aber das Beispiel
aufstellen, müssen wir einige Sätze kundgeben, welche aus der göttlichen
Ordnung herausfließen und somit jeder Handlung die bestimmte Folge von Ewigkeit
her anzeigen, in welcher dann im Einklange mit der Handlung sich der Grund
ersehen läßt.
[GS.02_106,08] Die Sätze aber lauten also:
Jede Handlung hat eine von Gott aus entsprechend bestimmt sanktionierte Folge.
Diese Folge ist das unabänderliche Gericht, welches jeder Handlung unterschoben
ist. Also ist es vom Herrn gestellt, daß sich jede Handlung am Ende selbst
richtet.
[GS.02_106,09] Wie aber von jeder guten
Handlung der Herr nur als ein Grund anzunehmen ist, also verhält es sich auch
mit jeder bösen Handlung. Auch jede böse Handlung hat demnach allezeit ihren
einen und denselben Grund. Das sind die Lehrsätze.
[GS.02_106,10] Nun wollen wir diese
beispielsweise beleuchten. Nehmen wir einen Hurer an. Dieser trieb, solange er
lebte, ohne Schonung und ohne die geringste Rücksicht auf was immer für
Personen die Unzucht. Äußerlich konnte niemand die Folgen des Lasters an ihm
erschauen, denn der Leib ist nicht immer ein Folgenspiegel des Lasters. Dieser
Mensch aber hatte durch seine lasterhafte Handlungsweise seinen Geist ganz in
die grobe fleischlich-materielle Liebe herabgezogen, hat seine Lebenskräfte
vergeudet, materiell und geistig genommen. Was bleibt ihm am Ende übrig? Nichts
als ein Polypenleben seiner Seele. Diese langt jenseits mit nichts als mit
ihrer sinnlich-fleischlichen Genußbegierde an. Ihr Bestreben ist das eines
Polypen, nämlich in ihrer Art unausgesetzt fortzugenießen. Von einer geistig
dirigierenden Reaktion ist da keine Rede mehr, indem der Geist schon bei
Leibesleben bis auf den letzten Tropfen mit der sinnlichen Seele verschmolzen
worden ist.
[GS.02_106,11] Frage: Kann jenseits eine
solche Seele für eine höhere Belebung zugänglich oder fähig sein? Wer solches
völlig einsehen will, der fange sich einmal einen Polypen aus dem Meere und
versuche, ob er aus ihm einen Luftspringer machen kann. Diese Arbeit wird
sicher niemandem gelingen, denn sobald er den Polypen aus seinem Schlammelement
hebt und auf einen trockenen Ort in die reine Luft setzt, wird der Polyp bald
absterben, einschrumpfen, in die Verwesung übergehen und endlich zu einem
leimartigen Klumpen vertrocknen.
[GS.02_106,12] Sehet, gerade derselbe Fall
ist es mit einer solchen geilen, genußsüchtigen Seele. Sie ist ein Schlammpolyp
und hat nur eine lebenerregende Begierde, nämlich die des Genießens. Ihre ganze
Intelligenz geht dahin, sich die Genüsse zu verschaffen. Was ist demnach die
Folge? Nichts anderes als dieser elende und höchst klägliche Zustand der Seele
selbst, nämlich das stets tiefere Zurücksinken in das allergemeinst und
niedrigst Tierische. Und dieser Zustand ist eben das, was man die „erste Hölle“
nennt. Diese ist somit die Folge, und zwar die ganz natürliche, ordnungsmäßig
gerechte Folge, indem die Seele durch diese verbotene Handlungsweise am Ende in
denjenigen untersten Tierzustand zurückkehrt, aus dem sie früher vom Herrn
durch so viele Stufen aufwärts bis zum freien Menschen erhoben wurde.
[GS.02_106,13] Dieser Zustand als Folge aber
wird vom Herrn in bezug auf die Genußbegierde darum so überaus kümmerlich
gehalten, damit dadurch der in der Seele noch immer sich vorfindende Geist mehr
und mehr von der Sinnlichkeit ausscheiden möchte. Diese Operation ist die
einzige, durch welche eine solche Seele samt ihrem Geiste noch möglicherweise
rettbar ist und sein kann. Denn wird die Seele also fortgenährt, so wird sie in
ihrer Begierde immer stärker, und da wird von der Rettung des Geistes wohl ewig
nie eine Rede sein können.
[GS.02_106,14] Was ist aber im schlimmen
Falle gewöhnlich die zweite Folge dieser notwendigen Behandlungsweise?
[GS.02_106,15] Höret! Da der Geist einer
solchen Seele mit ihr völlig eins war, so ist auch seine ganze Liebe in die Begierlichkeit
seiner Seele übergegangen. Wird er nun durch das Fasten der Seele freier, so
tritt er dann böswillig und überaus tief beleidigt und gekränkt auf, darum, daß
man ihn durch Vorenthalt der Nahrung für seine leibhaftige Seele hat verkümmern
lassen, um ihn dadurch zu bändigen.
[GS.02_106,16] Aus solcher Beleidigung und
Kränkung geht der Geist in einen Zorn über und verlangt Entschädigung. Wo aber
findet er diese? In der zweiten Hölle!
[GS.02_106,17] Was ist nun die zweite Hölle?
Nichts anderes als die Folge der ersten. Und in dieser Folge läßt sich schon
auf den eigentlichen Urgrund der ersten Handlungsweise blicken.
[GS.02_106,18] Denn der Zorn ist nichts
anderes als eine Frucht der übermäßigen Selbstliebe, und diese hat ihre Wurzeln
in der Herrschsucht, welche die Triebfeder zu allen Lastern ist und hat die
dritte oder unterste Hölle zu ihrem Wohnsitze. – Wie sich aber aus der zweiten
Hölle endlich auch eine dritte entwickelt, und wie unsere Schüler solches alles
praktisch mit anschauen und erfahren müssen, das wollen wir in der Folge
betrachten. –
107. Kapitel – In der zweiten Hölle.
[GS.02_107,01] Wisset ihr, warum die Menschen
auf der Erde den Gehorsam leisten? Die Antwort ist sehr leicht. Etwa aus großer
Achtung vor der Person des Herrschers? O nein! Denn was man hochachtet, über
das schimpft man im geheimen nicht, noch weniger verflucht und verwünscht man
es. Dergleichen aber geschieht nicht selten von seiten der Untertanen gegenüber
ihrem Monarchen. Dem man aber nicht aus Achtung gehorcht, dem gehorcht man noch
weniger aus Liebe. Also können wir hier keinen andern Grund des Gehorsams
auffinden als die Furcht.
[GS.02_107,02] Worauf gründet sich die
Furcht? Diese gründet sich erstens auf die eigene Ohnmacht, zweitens auf die
Übermacht des Herrschers und drittens auch darauf, daß man weiß, daß ein
Monarch mit dem Leben seiner Untertanen bei gewissen Gelegenheiten nicht
schonend umgeht. Einem Menschen, der nicht selten mit mehr als einer Million
Mordwerkzeugen versehen ist und für die Tötung eines wie vieler Menschen
niemandem eine Rechenschaft schuldig ist, dem ist in keinem Falle übers Maß zu
trauen; denn der Zorn eines Herrschers kann der Tod von vielen Tausenden sein.
[GS.02_107,03] Wenn wir die Sache betrachten,
wie sie ist, so stellt sich immer mehr heraus, daß die Todesfurcht das
Hauptmotiv des Gehorsams ist.
[GS.02_107,04] Nehmen wir an, in einem Staate
wären lauter vollkommen wiedergeborene geistesgeweckte Menschen, so hätte es
mit der Furcht vor der Todesstrafe seine geweisten Wege. Der Herrscher müßte da
ganz andere Maßregeln ergreifen, wenn er ein Volksleiter verbleiben wollte.
[GS.02_107,05] Worauf gründet sich aber die
Todesfurcht bei den Menschen? Ich sage euch: Auf nichts anderes, als lediglich
auf die Ungewißheit, ob es nach dem Verluste dieses Lebens noch ein anderes
gibt (Unglaube). Wer von euch fürchtet sich wohl vor dem Schlafengehen, obschon
der Schlaf nichts anderes als ein periodischer Tod des Leibes ist? Warum
fürchtet man sich vor dem Schlafe nicht? Weil man die erfahrungsmäßige
Sicherheit hat, daß man nach dem Schlafe wieder zu ebendemselben, wenn schon
gewisserart neuen Leben erwacht. Könnte man diese Erfahrung hinwegnehmen, so
würde sich ein jeder Mensch vor dem Schlafe ebenso fürchten wie vor dem
Leibestode. So gibt es auch tatsächlich Menschen auf der Erde, die glauben, sie
haben ein ephemeres Leben, welches alle Tage vergeht, und am nächsten Tage
stecke ein ganz anderer in ihrer Haut als am vorhergehenden. –
[GS.02_107,06] Dieser Glaube ist ein Zweig
einer an die Seelenwanderung glaubenden Volksklasse in einem Teile Asiens, die
der Meinung ist, ihre Seele fahre von Tag zu Tag von einem Tiere in ein anderes
und wohne höchstens einen Tag im Leibe eines Menschen. Wenn sich in demselben
Menschen anderntags eine andere Seele der Vergangenheit erinnert, so rühre das
von der Einrichtung des Leibes her. Eine jede nachkommende Seele müsse
notwendig in dasjenige Bewußtsein versetzt werden, das von der Einrichtung des
Leibes bewirkt werde. Das ist also ihre Philosophie, derzufolge sich ein
solcher Mensch vor dem Schlafe entsetzlich fürchtet, denn er sieht darin nur
das Mittel, durch welches die alte Seele aus dem Leibe herausgeschafft wird, um
einer andern Platz zu machen. Aus dem Grunde suchen diese Menschen auch so viel
als möglich den Schlaf durch allerlei Mittel zu vertreiben. Dieses alles hat
sehr viel Ähnlichkeit mit dem sich Fürchten gewöhnlicher Erdmenschen vor dem
Leibestode.
[GS.02_107,07] Würde der Mensch eines
geweckten Geistes sein, so würde er sich um den Abfall des Leibes ebensowenig
kümmern und denselben fürchten, als sich ein gewöhnlicher Mensch um den Schlaf
kümmert und denselben fürchtet. Denn des Geistes Erfahrung ist das ewige Leben,
welches unzerstörbar ist, so wie der Seele Erfahrung es ist, daß der schlafende
Leib anderntags wieder erwacht, darum sie auch vor dem Schlafe keine Furcht
hat.
[GS.02_107,08] Die Furcht vor dem Tode als
vor einer möglichen Vernichtung des Daseins liegt demnach in der Seele so
lange, als der Geist in ihr nicht erwacht und dann in ihr sonach auch ein ganz
anderes Bewußtsein erzeugt. –
[GS.02_107,09] Also gehen wir nun mit dieser
Vorkenntnis wieder in unsere erste Hölle. In dieser ist die Seele nichts als
ein Genuß- oder Freßpolyp, und zwar aus lauter stummer Selbstsucht und
Selbstliebe, aus dem Grunde, weil sie in der Nichtrealisierung ihrer Genußsucht
die Vernichtungsmöglichkeit fortwährend vor Augen hat.
[GS.02_107,10] In der zweiten Hölle ist durch
die starke Fastenbehandlung, wie uns bekannt, die begierliche Seele mehr und
mehr eingeschrumpft, und dem mit ihr verschmolzenen Geiste ist durch diese
Absonderungsmethode mehr Freiheit geworden. Im seltenen besseren Falle kehrt
ein Geist hier um, kräftigt sich und erhebt dann seine Seele mehr und mehr. Im
gewöhnlichen, schlimmen Falle erwacht der Geist zwar auch; da er aber in diesem
Erwachen in solcher Vernachlässigung seiner Seele sich überaus gekränkt und
beleidigt und auch selbst mitvernachlässigt zu fühlen anfängt, so wird er
zornig und läßt in diesem seinem Zorne stets mehr die Idee in sich aufkeimen,
derzufolge ihm für solche Unbill von seiten der Gottheit eine kaum zu
berechnende große Genugtuung zugute kommen sollte.
[GS.02_107,11] Allein, je mehr der Geist mit
dieser Idee großwächst, desto stärker setzt er seine Rechnung an und auch desto
unzufriedener wird er mit jeder der ihm vorgeschlagenen Maßgabe der ewigen
Genugtuung.
[GS.02_107,12] Aus dieser immer größeren
Forderung, welche in der stets größeren Unzufriedenheit ihren Grund hat, geht
dann der also mehr und mehr wach werdende Geist in ein sich rächenwollendes
Selbstgenugtuungsgefühl über. In diesem Gefühle wird er stets mehr zum
„Verächter Gottes“ (Teufel). Er ersieht auch stets mehr seine Unzerstörbarkeit
und stärkt sich mit der Idee, daß der Geist sich durch die Erhöhung seiner
Begriffe und Forderungen ins Unendliche stärken kann. Aus diesem Gefühle
erwächst dann sogar die satanische Idee, daß die Gottheit sich vor der ständig
wachsenden Macht solcher Geister fürchte, sich darum verberge, und diese ihre
mächtigen Feinde durch gewisse furchtsame und schwache Spitzelgeister in ihrem
Tun heimlich beobachten lasse. Sieht es bedenklich aus, ziehe sich die Gottheit
wieder tiefer zurück und suche sich auf alle mögliche Weise vor einem
übermächtigen Angriffe solcher Kraftgeister zu verwahren.
[GS.02_107,13] Durch diese Idee wird das
übermächtige Selbstgefühl des Geistes immer stärker, das Rachegefühl gegen eine
vermeintliche Verschmitztheit der Gottheit stets größer. Die Gottheit wird dann
natürlich stets ohnmächtiger, ja der Geist geht förmlich in Abscheu vor der
Gottheit über, fängt an, sie zu verachten und bitter zu hassen, sich selbst
aber als ein höheres Wesen anzusehen!
[GS.02_107,14] Tritt dieser Fall ein, dann
ist die dritte Hölle auch schon fertig. Wie sich diese so herausbildet, müssen
unsere Schüler auf dem Wege der göttlichen schützenden Vorsehung geheim
mitbeobachten, und dann in der untersten Hölle bis zum eigentlichen Grund des
Lasters alles auf dem Wege der Erfahrung erkennen lernen. – Wie sich aber am
Ende in dieser untersten und bösesten aller Höllen des eigentlichen Lasters
Grund beurkundet, wird die Folge zeigen. –
108. Kapitel – In der ganzen Schöpfung ist
nichts Vernichtbares vorhanden.
[GS.02_108,01] Es dürfte hier mancher fragen:
Wie ist das wohl einzusehen und zu verstehen, daß irgendeine im höchsten Grade
untergeordnete Lebenskraft aus der Sphäre ihres Bewußtseins sich gegen eine
unendliche, vollkommenste Lebenspotenz auflehnen kann, von welcher sie, nämlich
die untere Lebenspotenz, doch sicher irgend etwas weiß und innewerden muß, daß
sich ein Minimum der Lebenskraft gegen das Unendliche nimmer behaupten kann,
und von einem Überwinden ja doch ewig keine Rede sein kann! – Gut, sage ich,
solcher Einwurf klingt nicht übel, aber er rührt von einem noch bedeutenden
Grade des Unverstandes her. Man könnte ihn wohl im außerordentlichen Falle
approximativ (annähernd) nennen. Aber da es im reinen Geisterreiche keine
Hypothesen und somit auch keine Approximationen gibt, sondern nur Wahrheiten,
so kann er nicht einer völligen Beantwortung würdig sein.
[GS.02_108,02] Eine geistige Antwort ist eine
volle Wahrheit. Enthält aber ein Fragesatz diese nicht in sich, so kann ihm
auch keine Antwort werden. Der Fragende wird zwar wohl eine Antwort bekommen,
aber nie als direkt auf seine Frage passend, sondern nur als eine indirekte
Wahrheit. Also wird es auch hier sein. Wird die Antwort da sein, dann wird sich
der fragliche Einwurf von selbst aufheben.
[GS.02_108,03] Ob also eine untere, oder wie
hier eine höchst untergeordnete Lebenspotenz sich auflehnen kann oder nicht,
oder ob sie durch die unendliche völlig zerstörbar ist, sollen sogleich einige
kleine Beispiele zeigen.
[GS.02_108,04] Wie schwer ein ganzes
Felsengebirge ist, braucht kaum eine nähere Bestimmung für den, der nur einmal
mit dem Tragen einiger kleiner Steine zu tun hatte. Woraus besteht denn ein
kleines Felsengebirge? Aus lauter atomistisch kleinen Partikeln, welche durch
die wechselseitige Anziehungskraft fest aneinanderkleben. Wenn wir unter dem
Gebirge hineingraben bis zu der Stelle, auf der die höchste Gebirgskuppe, also
die schwerste, ruht, so entdecken wir bei dieser Grabung überall wohlerhaltene
und überaus feste Steinwände. Nehmen wir aus diesen festen Steinwänden nur ein
kleinstes Partikelchen, legen es auf eine Platte aus Stahl oder aus einem
Steine, drücken dann einen Hammer nur ein wenig auf dieses Partikelchen, so
wird es zerstäuben.
[GS.02_108,05] Frage: Weshalb hat sich dieses
Partikelchen gegen den Druck des Hammers nicht halten können, während es vordem
Jahrtausende hindurch einem unberechenbar mächtigen Drucke einer ganzen
Gebirgsschwere Widerstand zu leisten vermochte? Man wird sagen: Unter dem
Gebirge war es ein konkreter Teil der ganzen Masse und konnte sohin mit Hilfe
der anderen Teile dem allgemeinen Drucke widerstehen, einzeln aber hatte es
keine Nebenhilfe und mußte daher schon einem geringen Drucke weichen. – Gut,
hat aber dieser geringe Druck dieses Partikelchen völlig zerstört? Durchaus
nicht, sondern nur zerteilt in noch viel kleinere Partikelchen.
[GS.02_108,06] Könnte man denn keinen solchen
Druck anbringen, um diese Partikelchen völlig zu vernichten? – Auch das ist
weder durch den Druck, noch durch was immer für eine andere Kraftanwendung
möglich. Denn auf dem einen Wege kann es nur in kleinste Teile zerteilt, auf
einem andern aber in ein einfaches und hernach noch weniger zerstörbares Element
verwandelt werden.
[GS.02_108,07] So ruht auch die ganze Schwere
der Erde auf ihrem kleinen, winzigsten Mittelpunkte. Wie kann dieser wohl einer
solchen von allen Seiten auf ihn einwirkenden Schwerkraft widerstehen? Aus dem
einfachen Grunde, weil nach der ewigen göttlichen Ordnung in der ganzen
unendlichen Schöpfung nichts Vernichtbares vorhanden ist, und das Allerkleinste
kann sich gegen das Allergrößte fortwährend behaupten, wenn nicht in dieser, so
doch wieder in einer andern Form.
[GS.02_108,08] Unterschieben wir aber nun
diesen kleinen Teilchen ein vollkommenes Bewußtsein, demzufolge sie inne sind,
ewig unvernichtbar zu sein, Frage: Welche Kraft kann sie da bändigen und welche
besiegen? Oder verliert darum ein ganzes Gebirge etwas, wenn sein Minimum der
Unterlage unzerstörbar ist? Sicher nicht, denn wäre ein Atom zerstörbar, müßten
es auch die andern sein, und auf diese Weise wäre es auch mit dem ganzen großen
Gebirge geschehen.
[GS.02_108,09] Derselbe Fall wäre es mit der
Erde, und mit Gott Selbst würde es am Ende nicht besser gehen, wenn in Seiner
ganzen Unendlichkeit irgend etwas Vernichtbares vorhanden wäre.
[GS.02_108,10] Also ist das die feste, ewige
göttliche Ordnung, daß da das Allerkleinste neben dem Allergrößten bestehen
kann. Wenn aber demnach die kleinste Lebenspotenz in ihrer geistigen Sphäre
sich als untötbar und somit unvernichtbar erkennt, so hat sie auch keine Furcht
mehr vor der allerhöchsten Lebenspotenz. Und dieses Bewußtsein erhebt dann die
unterste Lebenspotenz zu einem Herrschergefühle, in welchem sie spricht: Ich
bin der obersten Lebenspotenz, die sich als die Gottheit ansieht, zu ihrem
Dasein so notwendig und unentbehrlich, daß sie ohne mich nicht bestehen kann.
Wenn wir mehrere, ja zahllos viele untere Potenzen uns in eins vereinen, so
können wir vom Zentrum aus wirken und die vermeintliche oberste Potenz zu der
untersten machen. Diese kann uns dann ebensogut anbeten, wie sie solches nun
von uns verlangt. Wie man möglicherweise einer Welt Innerstes nach außen kehren
kann, also kann es auch mit uns Lebenskräften der Fall sein. Vereinen wir
untere Potenzen uns, legen wir nach außen einen Sturm, und die Gottheit liegt
als untere Lebenspotenz zu unseren Füßen. –
[GS.02_108,11] Sehet, das ist rein höllische
Philosophie, und das ist zugleich der eigentliche Grund alles Lasters, und sein
Name ist – Herrschsucht!
[GS.02_108,12] Mit diesem Begriffe haben wir
nun auch das ganze Wesen der untersten Hölle kennengelernt, und dieses Wesen
entspricht der äußeren Erscheinlichkeit eines Weltkörpers. – Auf der Oberfläche
ist der erste Grad der Hölle in der polypenartigen Genußsucht deutlich zu
erkennen; denn da ist alles ein Fresser, was ihr nur ansehet. In der mehr
inneren Rinde der Erde beurkundet sich das Fasten und Magerwerden; es besteht
nirgends eine Vegetation. Wie im starren und rachebrütenden Tode liegt alles
da; höchstens zeigen sich hier und da Feuerquellen und andere heiße
Wasserquellen als entsprechende Bilder des schon überall durchblickenden Zornes
der Geister dieser Hölle.
[GS.02_108,13] Gehen wir in das Inwendige der
Erde, da entdecken wir nichts als ein fortwährendes mächtigstes
Durcheinandergedränge. Ein Feuer weckt und erstickt das andere. Jeder
Wassertropfen, der da hineingelangt, wird alsobald in glühenden Dampf
verwandelt.
[GS.02_108,14] Je mehr aber hier vorgeht,
desto größer stellt sich die Reaktion über der Oberfläche der Erde dar und
dämpft allezeit mit der größten Leichtigkeit alle diese inneren Reaktionen. Und
so ist es vom Herrn weise eingeleitet, daß Ihm auch alle diese Höllen trotz
stärksten Widerwillens zur ewigen Erhaltung der Dinge dienen müssen. Und dieser
Mußdienst, welcher den höllischen Geistern wohlbekannt ist, ist ihre größte
Qual, weil sie da sehen, wie trotz ihres Widerwillens all ihre Aktion im
allgemeinen der göttlichen Ordnung auf ein Haar entsprechen muß. –
[GS.02_108,15] Das ist aber auch zugleich die
unendliche Liebe und Weisheit des Herrn, denn auf diesem Wege ist es allein
möglich, diesen argen Wesen in ihrer herrschsüchtigen Handlungsweise Schranken
zu setzen. Denn sehen sie, daß Sich der Herr ihre bösesten Unternehmungen
allzeit zugute machen kann, da werden sie erbost und tun garnichts mehr, – bis
sie wieder einen neuen Plan gefaßt haben, um ihn gegen den Herrn in Ausführung
zu bringen. Welchen der Herr natürlich auch wie die früheren zu benützen weiß.
– Das ist theoretisch betrachtet die Aktion und das Wesen der untersten Hölle.
[GS.02_108,16] Wie sich aber alles dieses in
der Erscheinlichkeit kundgibt, dazu wollen wir in der Folge einige Betrachtungen
machen, und zwar alle drei Höllen hindurch! –
109. Kapitel – Bilder der ersten und zweiten
Hölle.
[GS.02_109,01] Wie es erscheinlich in der
ersten Hölle aussieht, das habt ihr schon einmal im Verlaufe der Mitteilungen
aus der Sonne gesehen, wie auch die verschiedenartigen Eingänge in die erste
Hölle. Nur muß ich das Wenige noch beisetzen, daß der Eifer eben derjenigen
höllischen Geister, die ihr in der ersten Hölle geschaut habt, vorzugsweise nur
ein Genuß- oder, wie ihr zu sagen pfleget, ein Freß-Eifer ist. Es gleicht
dieser Zustand demjenigen auf der Erde, in welchem die Menschen auch alles
Mögliche ergreifen, um, wie ihr zu sagen pfleget, zu einem Brote zu gelangen.
[GS.02_109,02] Die einen errichten
verschiedenartige Gewerbe, die andern haschen nach Beamtenstellen, wieder
andere nach irgendeiner guten Heirat. Aber das alles tun sie nicht etwa des
Guten wegen, sondern rein nur ihrer selbst und des Brotes wegen. Sie kümmern
sich in diesem Zustande wenig um irgendeine Herrlichkeit, sondern es liegt ihnen
alles daran, eine gewisse Versorgung zu bekommen.
[GS.02_109,03] Nach himmlischer Art sorgt man
sich um gar nichts außer allein um die Liebe und die Erkenntnis Gottes. Für
alles andere sorgt der Herr! Nach höllischer Art aber sorgt man sich gerade
umgekehrt. Man will eine sichere Versorgung haben und denkt im besten Falle:
Wenn ich erst für alle äußeren Bedürfnisse gedeckt bin, dann will ich sehen, ob
der Geist mit dieser Versorgung zufrieden ist. Wenn aber dann jemand eine
äußere Versorgung erlangt, welche gewöhnlich mit irgendeiner kleinen
Herrlichkeit verbunden ist, so geht der Versorgte bald in einen seiner
Herrlichkeit entsprechenden Hochmut über, den er durch einen gewissen Glanz
stets mehr aufzurichten bemüht ist. Aus diesem Grunde fangen denn auch junge
Beamte wie auch angetretene Gewerbsleute – versteht sich ein jeder in seiner
Sphäre – sich mehr und mehr aufzublähen an. Gar bald wissen sie nicht mehr, wie
sie sitzen, stehen, gehen, sehen, hören und reden sollen, damit man ihnen auf
den ersten Augenblick anmerkt und gewisserart anerkennen und von der Nase
ablesen soll, in welcher Herrlichkeit sie stecken und was für ein vielsagendes
Amt sie bekleiden.
[GS.02_109,04] Sind solche Menschen auf diese
Weise versorgt, da sollen sie sich um nichts mehr sorgen, denn sie haben ihr
bestimmtes Einkommen und Brot erhalten. Sie sollten jetzt für das Geistige zu
sorgen anfangen. Aber – ganz umgekehrt – jetzt ist mit der Versorgung das
Glanz- und Herrschbedürfnis eingetreten. Darum sorgen sie jetzt mehr als je dafür,
um nur höher und höher zu steigen, wie die Gewerbsleute, um nur reicher und
reicher zu werden. In dieser Lage werden sie voll Neides und inneren Hasses
gegen diejenigen, die ihnen irgend im Wege stehen.
[GS.02_109,05] Die Nächstenliebe geht bei
ihnen so weit, daß so mancher Unterbeamte nichts sehnlicher wünscht als den Tod
seines ihm vorgesetzten höheren Beamten, um bei solcher Gelegenheit dann die
Stelle des Höheren einzunehmen. Der Gewerbsmann wünscht nichts sehnlicher als
den geschäftlichen Ruin seiner Kollegen, damit er dann alles Geschäft an sich
reißen könnte. Ja, seine Nächstenliebe geht so weit, daß er alle seine
Geschäftsgenossen mit einem Tropfen Wasser umbringen möchte, wäre solches nur
irgend möglich. Er unternimmt auch alles Erdenkliche, um, wo und wie nur immer
möglich, seinen Nebengeschäftsmann zu ruinieren.
[GS.02_109,06] Wenn ihr dieses weltliche
Benehmen nur ein wenig klar beleuchtet, so habt ihr schon die erste Hölle
vollkommen in dem Freßbestreben und auch, wie diese in die zweite Hölle übergeht,
im Haß, Zorn, Neid und Herrschbestreben auf ein Haar genau getroffen vor euch.
Ihr brauchet hier nichts als die äußeren sittlichen und bürgerlichen
Staatsgesetze hinwegzustreifen, und die erste wie die zweite Hölle sind
buchstäblich und bildlich vor euch.
[GS.02_109,07] Was sich auf der Welt unter
dem Deckmantel der sittlichen und bürgerlichen Gesetze noch in einer gewissen
Dezenz ausnimmt, das tritt bei Hinwegnahme dieser Gesetze sogleich als Raub,
Krieg und Mordbrennerei auf. Da habt ihr dann das vollkommene Bild der ersten
Hölle.
[GS.02_109,08] Wollt ihr aber das Bild der
zweiten Hölle, so tuet dasselbe. Ihr werdet sogleich allenthalben eine geheime
Verschmitztheit zu entdecken anfangen, und nirgends werdet ihr Menschen oder
Geister sich gegenüberstehend entdecken, die nicht gegenseitige Todfeinde
wären. Begegnen sie sich auch äußerlich freundlich und voll Höflichkeit wie
auch voll scheinbarer gegenseitiger Liebe, so ist aber alle diese Liebe dennoch
nichts anderes als purer Haß. Denn alles das ist Politik, um den Gegner zum
Frieden zu stimmen, ihn auf die feinste Art zu entwaffnen, um ihn dann desto
sicherer ohne Widerstand überfallen zu können und bis in den Grund und Boden zu
verderben.
[GS.02_109,09] Betrachtet nur auf eurer Erde
die sogenannten Kriecher und Speichellecker. Das sind gewöhnlich die größten
Todfeinde derjenigen, vor denen sie kriechen. Sie erheben sie aus demselben
Grunde wie ein Geier eine Schildkröte, um sie, wenn er mit ihr die rechte Höhe
erlangt hat, auf das schmählichste fallen zu lassen und so durch ihren Fall
noch mehr zu gewinnen.
[GS.02_109,10] Sehet, das ist wieder
buchstäblich und bildlich die rein höllische Liebe des zweiten Grades. Daher
werden in dieser Hölle auch schon allerlei Trugkünste gehandhabt, um sich
gegenseitig zu fangen und zu verderben, in der tollen Meinung, durch den Fall
anderer auf jede mögliche Weise stets mehr zu gewinnen. –
[GS.02_109,11] Auf diese Weise lernen auch
unsere Schüler die Höllen zuerst theoretisch und dann praktisch erscheinlich
durch und durch kennen. Und so hätten auch wir in möglichst gründlicher Kürze
die ersten zwei Höllen erscheinlich beschaut. – Wer diese Darstellung nur ein
wenig nachdenkend beachtet, der hat alles sonnenklar vor sich. Was aber die
Erscheinlichkeit der dritten Hölle betrifft, so wollen wir derselben eine
eigene Betrachtung widmen, denn diese muß am meisten erkannt sein, weil sie der
Grund alles Lasters ist. –
110. Kapitel – Ein jeder Mensch trägt nach
seiner Individualität den Himmel wie die Hölle in sich.
[GS.02_110,01] Ihr werdet euch denken, mehr
aber noch so mancher andere, so er bei dieser Mitteilung gegenwärtig wäre: Es
ist wohl recht löblich und auch moralisch nützlich, dergleichen Eröffnungen zu
vernehmen, durch welche gewisserart bildlich das Grundböse dargestellt wird;
aber es gibt nun bereits eine Unzahl Beschreibungen der Hölle auf Erden. Sie
scheinen alle ähnlichen Ursprungs zu sein, aber wie verschieden sind sie
voneinander! Bei dem einen ist die Hölle ein feuriger Schwefelpfuhl, bei dem
andern ein nagender Glühwurm, wieder bei andern ein wütend Feuer, eine ewige
Finsternis, ein ewiger Tod. Bei einigen werden die Verdammten gepeinigt,
gesotten und gebraten, bei den andern sind sie barste Freiherren. Einige wieder
erblicken in der Hölle nichts als eine entsetzliche Kälte, andere wieder den
glühendsten Zorneifer. Einige erblicken darin elendeste, verkrüppelte und
ausgehungerte Menschengestalten, andere wieder eine Vereinigung der
sonderbarsten, scheußlichsten Gestalten, die nur je menschlicher Phantasie
entstammen können. Und so hat man unter dem Begriffe der Hölle einen wahrhaften
Proteus vor sich, den man unter keiner Gestalt festhalten kann.
[GS.02_110,02] Wird hier auch eine den
menschlich reinen Begriffen vollkommen zusagende und für diese Zeit
wohlbegreifliche Darstellung der Hölle gegeben, wer bürgt dafür, daß diese
Darstellung mit der Zeit nicht wieder durch eine andere verdrängt wird? Denn
nichts existiert so vielfach unter allerlei Gestalten unter den Menschen als
eben dieser Schreckensort unter dem Begriff „die Hölle“.
[GS.02_110,03] Gut, sage ich euch, meine
lieben Freunde! Euer bedenklicher Einwurf hat seinen guten Grund, denn er
stützt sich vollkommen auf die Realität des vorhandenen Begriffes der Hölle.
Darum aber will und muß auch ich euch hier die Hölle in einem solchen
allgemeinen Lichte zeigen, in welchem jede mögliche, bis jetzt irgendwo auf der
Erde vorhandene Darstellung der Hölle ihre vollkommene Rechtfertigung finden
soll.
[GS.02_110,04] Wenn man die Hölle nur nach
der Äußerlichkeit oberflächlich betrachtet, so ist es begreiflich, warum sie
als ein wahrer Proteus in stets anderer Erscheinlichkeit auftritt. Aber ganz
anders verhält es sich mit der Sache dann, wenn man sie vollkommen aus ihrem
Grunde betrachtet.
[GS.02_110,05] Damit ihr aber solches klar
einsehet, wollen wir durch kleine Beispiele diese sehr verfängliche Sache so
beleuchten, daß sie vor jedermanns Augen unter der Beleuchtung der Sonne
dastehen soll.
[GS.02_110,06] Nehmen wir einen Staat an, in
dem es viele Tausende von Menschen gibt. Alle diese Menschen, Kretins, Trottel
und unmündige Kinder ausgenommen, machen sich allerlei bunte Begriffe von der
geheimen Staatspolitik. Wer solche näher kennenlernen will, darf sich darüber
nur mit verschiedenen Menschen in ein Gespräch einlassen. Die einen sehen
nichts als Krieg vor sich, die anderen nichts als geheime Verrätereien, wieder
andere geheime Volksbetrügerei, andere wieder lauter Klugheit. Einige schreien
laut über Ungerechtigkeit, andere können wieder nicht genug lobhudlerische
Worte finden, um die Verfassung und die geheime staatskluge Politik über den
grünen Klee zu loben.
[GS.02_110,07] Das wären aber noch lauter
nüchterne Ansichten des gebildeteren Teiles im Volke über die geheim-politische
Staatsverwaltung. Wer aber Lächerlichkeiten vernehmen will, der begebe sich in
finstere Dorfstuben mancher Landbauern. Da darf er überzeugt sein, daß er in
solchen Kabinetten alles vernehmen wird, was eine ungebildete, rohe menschliche
Phantasie nur hervorzubringen imstande ist. Zum Beispiel, daß der Kaiser die
Absicht habe, eine Stadt vergiften zu lassen, oder daß er in einem Lande die
Pest dem Volke einimpfen lassen will, oder daß er mit einem fremden Monarchen
einen Bund geschlossen habe, irgendein Landesvolk mit dem Schwert in einer
Nacht umzubringen und die Güter der umgebrachten Untertanen auf diese
gewalttätige Weise an sich zu reißen, an andere Albernheiten nicht zu denken,
wonach der Monarch bei irgendeiner Gelegenheit entweder seine eigene Seele oder
die Seelen seiner Untertanen zur Gewinnung eines großen irdischen Vorteils dem
Teufel leibhaftig verschrieben habe! Daß das alles sich so verhält, braucht
keines näheren Beweises, indem es einem jeden freisteht, sich davon tagtäglich
zu überzeugen.
[GS.02_110,08] Daß sich die Sache so verhält,
unterliegt also keinem Zweifel, frage aber: Wer aus all diesen tausend und
tausend politischen Begriffsaufstellern hat den rechten Begriff, den rechten
Grund der geheimen Staatsverwaltung aufgestellt? Im Grunde keiner; aber dessen
ungeachtet hält ein jeder mit geheimnisvoller, weise tuender Miene den seinen
für den richtigen. Wie aber ist es möglich, über etwas begründete Begriffe
aufzustellen, wovon man selbst keinen Begriff hat?
[GS.02_110,09] Sehet, der Grund davon liegt
zum Teil in der äußeren Erscheinlichkeit wie in der Individualität dessen, der
die Erscheinlichkeit betrachtet. Je weniger inneren geweckten Grund der
Betrachtende hat, desto unsinnigere Begriffe kombiniert er sich von der
Erscheinlichkeit. Und sehet, gerade also verhält es sich bis jetzt mit dem
Begriffe der Hölle.
[GS.02_110,10] Nur äußerst wenigen Sehern
ward es vergönnt, in den Grund dieses Ortes einen tieferen Blick zu tun, aber
sehr vielen ward es gestattet, eines oder das andere Erscheinliche dieses Ortes
zu erblicken. Und so hat die Darstellung des Erscheinlichen durch ihre
voluminöse Masse stets den wahren Grund überboten. Aus diesem Grunde hat sich
dann die Hölle unter so mannigfachen Gestalten vervielfacht und niemand wußte
und weiß es bis jetzt vollkommen, wie er mit diesem Orte daran ist.
[GS.02_110,11] Frage aber weiter: Wer im
Staate könnte wohl von der geheimen Staatsverfassung den richtigsten
Grundbegriff aufstellen? Sicher niemand anderer als der kluge Monarch selbst.
[GS.02_110,12] Wenn sich die Sache
unwiderlegbar so verhält, da wird diese Frage auch für das düstere jenseitige
Verhältnis passen, und die Antwort wird keine andere sein, als daß nur
derjenige über diesen Ort den richtigen und allgemein geltenden Grundbegriff
aufstellen kann, der da ein Herr ist wie über alle Himmel, so auch über alle
Höllen!
[GS.02_110,13] Wie aber jemand, der in den
Grund der geheimen Staatsverwaltung eingeweiht ist, mit leichter Mühe den Grund
aller im Volke kursierender Begriffe erschauen wird, so wird auch derjenige,
der den wahren Grund dieses Ortes unter dem Begriffe der Hölle vom Herrn aus
kennt, den Grund aller anderen albernen Begriffe darüber einsehen.
[GS.02_110,14] Ein jeder Mensch trägt nach
seiner Individualität den Himmel wie die Hölle in sich.
[GS.02_110,15] Wird er nun durch einen
gewissen Zustand seiner eigenen Individualität ansichtig, so wird er dadurch
nur seiner eigenen unausgebildeten Hölle oder seines höchst unvollkommenen
Himmels ansichtig. Auf diesem Wege können dann zahllosfache verschieden
aussehende Höllen entstehen.
[GS.02_110,16] Ist aber das hernach schon als
Grund anzunehmen? Sicher so wenig, als wenn einer, der am seichten Ufer mit
einem Spazierstäbchen das Meer mißt, wo es höchstens einen halben Schuh tief
ist, dann im Ernste auftreten und fest behaupten möchte, das Meer sei nur einen
halben Schuh tief, denn er selbst habe es gemessen. Ebenso gilt es auch hier
von der Behauptung aller Seher, die da sagen: Ich habe die Hölle in diesem und
jenem Zustande also gesehen. Wie wenig aber jemand das seichte Ufer, das wohl
auch zum Meere gehört, als den eigentlichen Hauptgrund des Meeres ansehen kann,
ebensowenig kann auch eine solche geschaute Erscheinlichkeit der Hölle als
deren wahrer Grund angenommen werden.
[GS.02_110,17] Wie sich aber der eigentliche
Grund finden und gründlichst beschauen läßt, solches wird die Folge zeigen. –
111. Kapitel – Leib, Geist, Lebensprinzip.
[GS.02_111,01] Wenn man aber diesen
Hauptgrund der Hölle gründlich erschauen will, so muß man ihn zuerst dort
erschauen, wo das jeweilige Licht des Auges für die Eindrücke empfänglich ist,
und von diesem Gesichtspunkte dann auch mittels geistiger Wendung auf das
Geistige entsprechendermaßen folgerecht schließen. Will man aber das, so muß
man zum voraus als unabänderlich bestimmt annehmen und einsehen, daß die
Lebensverhältnisse und die Äußerungen derselben unter einem und demselben ewig
unveränderlichen Herrn stets ein und dieselben sind. Mit anderen Worten gesagt:
[GS.02_111,02] Der Mensch lebt im Geiste
genau auf ein Haar genommen eben also fort, wie er mit seinem Leibesleben,
welches nur ein Mit- oder Mittelleben ist, hier auf der Erde lebt.
[GS.02_111,03] Man wird hier sagen: Das
klingt sonderbar. Damit scheint es nicht seine völlige Richtigkeit zu haben,
denn das geistige Leben muß doch sicher etwas anderes sein und muß unter ganz
anderen Verhältnissen gedacht werden als das naturmäßige Leben.
[GS.02_111,04] Ich aber sage: Wer also
spricht, der hat sicher noch keine Ahnung davon, wie er naturmäßig lebt. Frage:
[GS.02_111,05] Lebt bei Leibesleben der Leib
oder der Geist? Was ist das Prinzip des Lebens? Ist es der Leib oder der Geist?
Ich meine, wer nur etwas klarer zu denken vermag, wird die Prinzipien des
Lebens nicht im Leibe, sondern allein im Geiste suchen. Denn wären die
Lebensprinzipien im Leibe, so wäre der Leib unsterblich. Der Leib aber ist
sterblich, somit kann er auch nicht die Grundfesten des Lebens in sich haben,
sondern nur der Geist, der unsterblich ist. Das Leben des Leibes ist daher nur
ein durch das Leben des Geistes bedingtes. Der ganze Leib verhält sich passiv
und völlig negativ zum Geiste. Daher ist des Leibes Leben auch nur ein erregtes
Mitleben, gerade also, wie irgendein Werkzeug in der Hand eines Handwerkers
passiv wirkend mitlebt, solange es der Handwerker in seiner lebendigen Hand
dirigiert. Läßt er es aber fallen oder legt er es zur Seite, dann hat es mit
dem Mitleben des Werkzeuges und mit seiner effektiven Tätigkeit ein Ende.
[GS.02_111,06] Wer wird wohl so toll und dumm
sein und etwa den Satz aufstellen wollen: Der Handwerker muß sich nach den
Verhältnissen des Werkzeuges richten, – statt das ganz Klare einzusehen, daß
nur der Handwerker sich brauchbare Werkzeuge nach seinem Bedürfnisse wie nach
seinem Verhältnisse verfertigt. Wenn also der Werkmeister die Verhältnisse des
Werkzeuges nach seinem Verhältnisse bestimmt, so wird es etwa doch auch klar
sein, daß die Verhältnisse des mitlebenden Leibes von denen des lebendigen
Geistes abhängen, aber nicht umgekehrt.
[GS.02_111,07] Und so lebt der Geist allzeit
allein aus seinen eigenen Lebensprinzipien und in seinen eigenen
Lebensverhältnissen, an denen der Leib so wenig zu ändern vermag, wie das tote
Werkzeug an den Verhältnissen des Handwerkers.
[GS.02_111,08] Wenn aber jemand einem
Handwerker zusieht, wie er sein Werkzeug gebraucht, und hat Einsicht in den
Plan, was der Handwerker mit dem Werkzeug hervorbringen will, kann der wohl
vernünftigerweise behaupten und sagen: Es muß am Ende durch den Gebrauch des
Werkzeuges doch etwas ganz anderes zum Vorschein kommen und müssen sich ganz
andere Verhältnisse mit dem Produkte entwickeln, als wie sie in der klaren
Absicht des Werkmeisters laut des vorliegenden Planes liegen? Wäre das nicht
eine unsinnige Behauptung? Sicher, denn was da in Erscheinung tritt, ist doch
der Effekt des lebenden Werkmeisters, nicht aber des Werkzeuges.
[GS.02_111,09] Also ist auch das
Lebensverhältnis des Geistes stetig, ob im oder ohne Gebrauch des
werkzeuglichen Leibes. – Und wer demnach die Hölle hier gründlich beschauen will,
der beschaue sie hier unter demselben Verhältnis im Leibesleben wie einst im
absoluten geistigen. Denn die Hölle ist auf der Welt von Zug zu Zug genauso
gegenwärtig, wie sie im absoluten geistigen Zustande sich beurkundet. Nichts
mehr und nichts weniger gibt es weder hier noch dort. Und in diesem Bilde
werden wir sie auch am klarsten und effektvollsten beschauen.
[GS.02_111,10] Um aber das eigentliche Bild
der Hölle für jedermann auf dieser Welt noch klarer und anschaulicher zu
machen, wollen wir voraus noch den sehr kleinen Unterschied zwischen dem
naturmäßigen und dem geistig absoluten Lebensverhältnis der Menschheit dartun,
und das soweit möglich auf eine handgreifliche Weise.
[GS.02_111,11] Stellet euch einen Schreiner
vor. Dieser hat einen Kasten zu verfertigen. Zu dessen Verfertigung bedarf er
mehrerer euch bekannter Werkzeuge. Er arbeitet fleißig und wird in etlichen
Tagen mit seinem Kasten fertig. Dazu war besonders sein Trieb, der ihn zum
Fleiße anspornte, der Grund. Warum war er denn fleißig und gehorchte seinem
innern Triebe? Weil er des Nutzens wegen den Kasten sobald als nur möglich
fertigmachen wollte. Frage aber weiter: Woher rührt denn dieser Trieb, was ist
sein Grund? Dieser Trieb rührt her von der schöpferischen Fähigkeit des
Geistes. Wie denn? Der Geist hat in sich die Eigenschaft, das, was er in seiner
Idee geschaffen hat, auch sogleich objektiv zu realisieren.
[GS.02_111,12] Im absolut geistigen Zustande
kann er das, denn was er denkt, ist auch da. Aber in Verbindung mit seinem ihn
hemmenden Leibe kann er das mit der äußeren Materie nicht. Daher muß er seinen
Leib als das Werkzeug zur sukzessiven Tätigkeit antreiben, um auf diese Weise
dann seine Idee nach und nach zu realisieren. Diese Einrichtung ist vom Herrn
darum also getroffen, damit der Geist sich in diesem Leben bei jeder möglichen
Gelegenheit vor allem in der allernotwendigsten Eigenschaft alles Lebens übe.
Diese Eigenschaft, als die Mutter der Demut, heißt die göttliche Geduld. Denn
das muß ein jeder nur ein wenig reif Denkende einsehen, daß die Geduld für das
ewige Leben umso notwendiger ist, als dieses Leben kein Ende hat. Schon für das
naturmäßige Leben ist sie ja der Grund aller guten und großen Wirkungen, und
dieses Leben ist nur ein vergängliches.
[GS.02_111,13] Könnte unser Schreiner seinen
Kasten sogleich erschaffen, wie er ihn in seiner Idee sich vorgestellt hat, so
wäre ihm das sicher lieber. Wo bliebe aber da die über alles wichtige Übung in
der Geduld und wo die wechselseitige äußere naturmäßige Sicherheit, wenn in dieser
materiellen Welt dem noch an seinen Leib gebundenen Geiste seine ursprüngliche
schöpferische Eigenschaft unbeschränkt zu Gebote stünde?
[GS.02_111,14] Nach der Ablegung dieses
Leibes bekommt zwar ein jeder Geist diese Eigenschaft wieder, allein nur der
Gute reell wirksam, der Böse phantastisch und chimärisch; denn wie sein Grund,
so seine Wirkung.
[GS.02_111,15] Nun sehet, in diesem
vorgeführten Beispiel ist der Unterschied zwischen dem naturmäßigen und dem
absolut geistigen Leben handgreiflich dargetan, welcher also darin besteht, daß
der Geist im naturmäßigen Leben seine Ideen nur langsam und nie vollkommen zu
realisieren imstande ist, weil ihn darin seine grobe Materialität, mit der er
umkleidet ist, hindert, während er im absoluten Zustande seine Idee plötzlich
realisiert haben will. Der Wille ist immer derselbe, ebenso die Idee, nur die
Ausführung ist im naturmäßigen Leben beschränkt. Und so ist diese Beschränkung
der einzige Unterschied zwischen den beiden Leben. Sonst ist kein Unterschied
vorhanden. Daß dieser Unterschied in der Materie haftet, braucht kaum erwähnt
zu werden. – Da wir nun solches handgreiflich und sonnenklar kennen, so wollen
wir sogleich so ganz eigentliche Bilder der Fundamentalhölle anführen.
112. Kapitel – Irdische Bilder der
Fundamentalhölle.
[GS.02_112,01] Erstens. Stellet euch einen
reichen Spekulanten vor. Beschauet diesen ewigen Nimmersatt recht. Was ist
seine Liebe und was sein Wollen? Nichts anderes als sich auf jede mögliche, nur
einigermaßen bürgerlich gesetzlich erlaubte Art die Habseligkeiten eines ganzen
Landes, endlich eines ganzen Reiches zu verschaffen, und ist ihm das gelungen,
sich auch mehrerer Reiche, wenn nicht der ganzen Erdoberfläche zu bemächtigen.
Es gelingt ihm solcher Plan freilich nicht ganz und gar, und er wird seine Idee
schwerlich gänzlich realisieren. Trotzdem geht sie in ihm nicht zugrunde und
wird heimlich also lauten: Hätte ich nur eine Kriegsmacht von wenigstens ein
paar Millionen unbesiegbarer Krieger, so holte ich mir alles Gold und alles Silber,
alle Edelsteine und alle Perlen der ganzen Welt auf einen Haufen zusammen.
[GS.02_112,02] Mancher hat auch diesen
Wunsch: Wenn doch über ein ganzes Land eine Pest käme, welche bis auf mich alle
Menschen ins Gras beißen ließe, so bliebe ich der natürliche Universalerbe des
ganzen Landes. Und wenn dann Menschen irgendeines anderen Landes kämen und
möchten mir meine Universalerbschaft streitig machen, da sollte sie gleich an
der Grenze die Pest packen und erwürgen! –
[GS.02_112,03] Sehet, das ist ein Bild der
Fundamentalhölle, das ihr tagtäglich unter den Menschen finden könnet, bei
allen Klassen, angefangen vom gemeinsten Krämer bis hinauf zum größten
Großspekulanten. Was hindert diese daran, daß sie solche löbliche Ideen nicht
realisieren können? Nichts als die fatale Materie. Nehmen wir aber nun diese
hinweg und betrachten darauf mit denselben Eigenschaften den absoluten Geist,
und wir haben die Fundamentalhölle in bester Form vor uns. – –
[GS.02_112,04] Zweitens. Da steht ein
geringer Offizier vor uns. Welcher Hauptgedanke wohnt in dessen Brust? Etwa
der, dem Staate nützliche Dienste zu leisten? O nein, das ist der letzte.
„Avancieren“, das ist der Hauptgedanke; wenn es möglich wäre, jede Stunde eine
Stufe höher zu klimmen, in einem Jahre wenigstens ein General zu werden und als
solcher so bald als möglich in die höheren Rangstufen aufzusteigen. Hat er,
setzen wir den Fall, die höchste Stufe erreicht, so wird sein Plan, oder
wenigstens sein Hauptgedanke sich darin aussprechen: Nun hinaus mit ungeheuren
Kriegsscharen zur Besiegung aller Völker. Sind diese besiegt und habe ich die
Macht in meinen Händen, dann müssen alle Kaiser, Könige und Fürsten vor meinem
Schwerte zittern!
[GS.02_112,05] Wer hier die Herrschsucht in
unserem Offiziere nicht erkennt, der muß mit siebenfacher Blindheit geschlagen
sein. Was ist hier wieder der Unterschied, daß unser Offizier solches nicht zu
realisieren vermag? Wie oben die materiellen, naturmäßigen, beschränkenden
Verhältnisse. Die Materie klopft unserem Helden auf die Finger, und er muß sich
wohl oder übel seine geringe Offiziersstelle gefallen lassen. Dafür aber
schimpft er nicht selten und sucht seine Herrschlust seinen Untergebenen so
fühlbar als möglich zu machen. Das geringste Verschulden von seiten eines
Untergebenen wird mit tyrannischer Unbarmherzigkeit geahndet. Nehmet bei diesem
Offiziere die materiellen Hindernisse hinweg, und ihr habt ein zweites
vollkommenes Bild der Fundamentalhölle in einer unübertrefflichen Form vor
euch.
[GS.02_112,06] Auch dieses Bild könnet ihr
vielfach finden, besonders in jener Menschenklasse, welche berechtigt ist,
einen Degen zu tragen, wie auch bei derjenigen, die das Privilegium hat, ein
sogenanntes adeliges Wappenzerrbild vor ihrem wenig sagenden Namen zu führen.
Überall werdet ihr da die Herrschlust finden, und das im ausgeprägtesten
Zustande. Und das ist ja eben der Grund der untersten aller Höllen, welcher
unersättlich ist und seine Herrschlust und Gier bis ins Unendliche ausgedehnt
haben will. – In der Folge der Bilder mehr! –
113. Kapitel – Ein weiteres Bild der
untersten Hölle.
[GS.02_113,01] Betrachten wir einen recht
ausgepichten Buhler wie auch eine ähnliche Buhldirne. Was ist ununterbrochen
der Sinn eines solchen Fleischlings? Wenn es möglich wäre und die Natur es
gestattete, mit den schönsten und üppigsten Mädchen auf jede erdenkliche Weise
ohne Unterlaß zu buhlen. Wo immer das Auge eines solchen Menschen ein nur
einigermaßen annehmbares weibliches Wesen trifft, da kann ein jeder auf den
ersten Augenblick aus seinen Augen lesen, daß er es auf der Stelle für seine
Lust gebrauchen möchte, ohne im geringsten darauf Rücksicht zu nehmen, zu
welchem Zwecke der Zeugungsakt von Gott eingesetzt und geschaffen ward. Wenn
ihn nicht bürgerliche Sittengesetze daran hinderten, so wäre vor seiner Gier
kein weibliches Wesen selbst auf öffentlichem Platze sicher.
[GS.02_113,02] Doch das gestaltet die Sache
im Grunde nicht anders, denn in seiner Begierde hat er dennoch gefehlt. Nehmen
wir aber an, solch ein sinnlicher Mensch hat ein hinreichendes Vermögen und
kann sich dadurch alle Genüsse, darnach sein Sinn dürstet, mit wenigen
Ausnahmen verschaffen. Was tut er? Nichts als ganze Länder bereisen, um sich
dort verschiedene extrafeine Genüsse zu verschaffen; denn in seinem Orte
schmeckt ihm nichts mehr, weil er schon alles für ihn Erreichbare genossen hat,
manches worauf er sozusagen noch eine Passion hätte jedoch trotz seines großen
Vermögens nicht erreichen kann.
[GS.02_113,03] Wenn so unser Fleischheld
alles durch und durch genossen hat und seine Natur ihm den schnöden Dienst zu
versagen anfängt, da greift er zu künstlichen Mitteln, um dadurch seine
abgestumpfte Natur wieder neu zu beleben. Fruchten diese nicht mehr, dann
verschafft er sich den schandvollen Beischlaf von gesunden Knaben und Jünglingen.
Dadurch wird seiner Natur ebenfalls wieder etwas aufgeholfen.
[GS.02_113,04] Seine Natur kehrt sich dabei
ganz um, er bekommt förmlich einen Ekel vor dem Fleische der Weiber und sucht
sich nur mit dem stärkenden Fleische der männlichen Jugend zu befriedigen, bis
ihm auch das Ekel bereitet. Seine Unfähigkeit macht ihn dann zornig über die
vermeintliche unzulängliche Einrichtung der Natur.
[GS.02_113,05] Sein Glaube an Gott war schon
lange ein Opfer; denn das hat die Fleischsünde in sich, daß sie zuerst alles
Geistige tötet. Durch diese Sünde ist der Mensch ein gröbster materieller
Egoist, liebt niemanden außer sich und will, daß alles seiner Begierde
Zusagende ihm allein dienen solle. Er ist in sich selbst über alle Maßen
verliebt, daher haßt er alles, was nicht seiner Begierde huldigt. Aus dem
Grunde wird er dann, wie gesagt, ein purer egoistischer Stockmaterialist und
von einer Göttlichkeit und von irgend etwas Geistigem ist keine Spur mehr in
ihm anzutreffen.
[GS.02_113,06] Aus diesem Grunde ist er dann
auch ein reiner Atheist und die Natur, die äußere, sichtbare, grobe, ist sein
Gott. Diesem Gotte bringt er so lange seine Opfer, als er in der brauchbaren
Kraft seiner eigenen Natur die Erfahrung macht, daß ihm dieser Naturgott durch
solche Einrichtung reizende und angenehme Genüsse verschafft. Wehe aber diesem
Naturgotte, wenn er unserem Helden einmal den Dienst versagt! Zorn, Rache,
Grimm und Wut sind dann die Beigaben oder Wappenschilde, welche er führt. Ihr
könnt es glauben, der heimliche Zorn eines rechten Buhlknechtes, wenn er sich
ausgebuhlt hat, übersteigt alle menschlichen Begriffe. Ein Mordbrenner, ein
Totschläger, ein Straßenräuber dürften noch mehr menschliches Gefühl in sich
haben als ein fleischgieriger Buhler, dem sein Fleisch den Dienst versagt.
[GS.02_113,07] Gibt es dergleichen
Freudenmänner wenig auf der Erde? O nein, ich kann euch des versichern, daß auf
einen Geldgeizigen gar viele solche Fleischhelden kommen. Wer Vater ist und
eine Tochter mit einem entsprechenden Äußern hat, darf rechnen, daß mit ihr,
besonders in einer Stadt, oftmals begierliche Unzucht getrieben wird.
[GS.02_113,08] Zwar wird man hier sagen: Das
tut ja nichts, Gedanken und unausführbare Begierden sind zollfrei. Ich aber
setze hinzu und sage: Allerdings, für den Blinden im Geiste, der über die
Materie hinaus auch nicht um ein Haar breit zu schauen vermag. Was würde aber
ein Vater sagen, so ihm das geistige Auge geöffnet würde und er dann alle diese
Wollüstlinge vor sich erblickte, die seine Tochter auf jede erdenkliche Art vor
seinen Augen schänden?
[GS.02_113,09] Das Fleisch der Tochter kann
zwar behütet werden. Wer behütet aber ihren Geist und dessen ausstrahlende
Sphäre, mit welcher sich diese Fleischbolde in Verbindung setzen und sie in
ihre schändliche Sucht verkehren? Meinet ihr, das sei von keinem nachteiligen
Einflusse für eure Tochter? Da irret ihr euch gewaltig!
[GS.02_113,10] Führt ihr eure Tochter öfter
auf solche Plätze, wo sie von vielen sinnlichen Augen betrachtet wird, so wird
sie in kurzer Zeit sinnlich fleischlich gestimmt werden und heimlich anfangen,
eure elterlichen sittlichen Ermahnungen zu bespötteln und zu belachen. Ihr Sinn
wird mehr und mehr dahin gerichtet werden, wo sie solche sinnlichen Männer
wittert. Es wird hier vielleicht mancher sagen: Nein, das ist zu arg, eine
Übertreibung. Was soll eine unschuldige Begierde oder ein geheimer wollüstiger
Gedanke ohne weitere Berührung auf ein fremdes Objekt für eine nachteilige
Wirkung haben? Ich sage hierzu nichts als: An Menschen solcher Ansicht und
Geistesgewecktheit ist diese Mitteilung ebensowenig gerichtet, wie die Sonne an
den Mittelpunkt der Erde. Sodann frage ich diejenigen, die auf dem Gebiet des
sogenannten Somnambulismus Erfahrung gesammelt und selbst die Beobachtung
gemacht haben, welche störende Wirkung auf magnetische Personen sich nähernde
Fleischbolde hervorbrachten, woher diese Wirkung kommt und worin sie ihren
Grund hat? Hat doch auch ein solcher ungebetene Gast die Somnambule nicht
berührt, und dennoch empfindet sie im Augenblick des Eintritts eines solchen
Gastes eine krampfhafte und nicht selten schmerzliche Wirkung.
[GS.02_113,11] Sehet, der Grund liegt in der
sogleich erfolgten schändlichen Herabziehung der geistigen Sphäre der
Somnambule. Bei der Somnambulen aber entsteht daraus kein moralisches Übel,
weil ihre Sphäre abgeschlossener ist, und weil jede Somnambule sogleich alles
mögliche aufbietet, um einen solchen Gast von sich zu entfernen.
[GS.02_113,12] Frage: Geschieht das auch im
natürlichen Zustande, wo die Sphäre eines jeden Menschen viel ausgedehnter ist
und er die Empfindung des Nachteiles in sich nicht wahrnimmt? Fürwahr, die
Einwirkung ist im naturmäßigen Zustande noch um vieles ärger als im
somnambulen, aus welchem Grunde auch für dergleichen unkeusche Gedanken und
Begierden ein eigenes Gebot gegeben ist, daß sich ein jeder derselben enthalten
und entschlagen soll.
[GS.02_113,13] Wer demnach einen solchen
Fleischbold betrachtet, wie er ist, der sieht schon wieder ein vollkommenes
Bild der Hölle. Er streife ihm nur die Materie ab und beschaue dessen absoluten
Geist, und er wird Wunder von A bis Z erschauen. Zuerst einen Geiler auf jede
erdenkliche Weise, daneben einen Wütenden, der mit Ingrimm sich am Schöpfer wie
an der ganzen Schöpfung wegen der vermeinten Unvollkommenheit seiner Natur
schändlichst rächen will. Mehr brauche ich hier nicht zu sagen; denn wer Augen
hat, der kann selbst schauen. – Im nächsten weiblichen Bilde werden wir die
Erscheinung dieser Hölle noch klarer vor uns haben. –
114. Kapitel – Herrschsucht und Hochmut –
Samen der Hölle.
[GS.02_114,01] Es braucht einen geringen Grad
psychologischer Kenntnis, um im allgemeinen herauszufinden, daß im weiblichen
Geschlecht die Herrschsucht der vorherrschendste Charakterzug ist; denn
Herrschlust und Eitelkeit sind Zwillingsgeschwister und haben somit eine und
dieselbe Stammwurzel. Wo aber ist das Weib, das nicht irgendeinen Grad von
Eitelkeit besäße, sei es in ihrem Kleiderwesen oder in ihrer Zimmereinrichtung
oder in noch so manchem anderen?
[GS.02_114,02] Prüfet den Zug dieser
Eitelkeit und ihr werdet hinter ihm nichts finden als das lebendige Samenkörnchen
des Hochmutes und der nachfolgenden Herrschsucht.
[GS.02_114,03] Man wird hier sagen: Nein, das
heißt die Sache zu tief und zu grob angepackt! Man sollte im Gegenteil einen
gewissen Grad von Eitelkeit beim weiblichen Geschlecht eher loben als schonungslos
an den Pranger des tiefsten Tadels stellen. Denn dieser gewisse Grad von
Eitelkeit ist sicher nur ein Kind der weiblichen Scham und des damit
verbundenen Reinlichkeitssinnes, was aber offenbar nur eine lobenswerte Tugend
und nie ein Fehler des weiblichen Geschlechts ist. Gut, sage ich, es ist auf
der Welt leider so weit gekommen, daß man das Gefühl der Scham für eine Tugend
hält und mit der Ehre die Menschheit krönt, und das ist die beste Ernte für die
Hölle; denn auf diesem Wege müssen die Menschen fallen, wo sie auf einem
anderen höchstens fallen könnten.
[GS.02_114,04] Man fragt: Wieso denn? Ich
aber frage: Wessen Anteil ist des Menschen irdische Ehre? Ist sie ein Anteil
seiner Demut oder seines Hochmutes? Der Demütige strebt nach der untersten Stufe,
wo es keine Ehre und Auszeichnung mehr gibt, wie der Herr mit dem großen
Beispiele vorangegangen ist und Seine Ehre in die allertiefste Demütigung und
in das, was eigentlich die größte Weltschande ist, gesetzt hat.
[GS.02_114,05] Eine ähnliche Ehre wurde allen
Seinen ersten Nachfolgern zuteil. Ich aber frage: Was hat da das Schamgefühl zu
tun, wo man verfolgt, verspottet und endlich nackt ans Kreuz geschlagen wird?
Wieviel Ehre mag wohl der noch im Leibe haben, wieviel Schamgefühl, der auf den
Galgen gezogen wird? Ich meine, bei dieser Gelegenheit dürften diese beiden so
hochgeachteten Menschlichkeitsattribute in den Hintergrund gestellt sein.
[GS.02_114,06] Wenn man aber schon etwas als
eine Tugend aufführen will, so sollte man dasselbe doch wenigstens in einem
oder dem andern Punkte auf Christum als den Zentralpunkt aller Tugend beziehen
können. Ich aber frage: Wann hat Er je die Scham und das Ehrgefühl als eine
Tugend des Menschen gepriesen? Im Gegenteil untersagte Er es Seinen Jüngern und
Aposteln, nach irgendwelcher Ehre zu streben, indem Er zu ihnen sagte, daß sie
sich nicht sollen grüßen und ehren lassen, wie es die Pharisäer verlangten und
gerne sehen und haben, daß man sie auf den Gassen grüßt und Rabbi nennt.
[GS.02_114,07] Demzufolge aber kann ich
durchaus nicht begreifen, aus welchem Grunde man das Schamgefühl und die damit
verbundene Ehrsucht, welche beim weiblichen Geschlechte ganz besonders
vorherrschend ist, als eine Tugend bezeichnen kann.
[GS.02_114,08] Man wird hier sagen: Man nehme
dem weiblichen Geschlechte das Schamgefühl und man wird bald lauter Huren vor
sich haben. Oho, sage ich, geht es auf diesem Wege? Dann sage ich ganz bestimmt
hinzu: Es gibt in dieser Hinsicht kein besseres Reizmittel für das weibliche
Geschlecht, als das Schamgefühl. Es braucht nichts als ein bißchen Gelegenheit
dazu und ein jedes weibliche Wesen ist vermöge dieses Gefühles zur Unzucht
reif; denn nichts ist leichter über den Daumen gedreht als eben ein solches
Gefühl, das nichts anderes als seine eigene Eitelkeit zum Grunde hat. Das
bißchen Ehre, das dem Schamgefühl gegenübersteht, ist eine so schwache Stütze
für die Tugend, daß man über sie auch nicht den leisesten Wind kommen lassen
darf, um sie nicht augenblicklich zu verwehen.
[GS.02_114,09] Aus dem aber geht doch klar
hervor, daß es mit dieser Art weiblicher Tugend einen außerordentlich
verhängnisvollen Haken hat. Um aber dieses in ein recht scharfes Licht zu
stellen, will ich euch aus eurem Leben gegriffene Beispiele vorführen.
[GS.02_114,10] Ich setze den Fall, einer von
euch gerät zufällig an einem Morgen in ein weibliches Ankleidekabinett, in
welchem einige Jungfrauen noch im Negligé versammelt sind. Ein Zetergeschrei
wird sich erheben, und die Jungfern werden nach allen Winkeln und hinter alle
Vorhänge die Flucht ergreifen; natürlich aus lauter „Schamgefühl“. Was aber
habt ihr bei dieser Gelegenheit von all ihren weiblichen Reizen gesehen?
Höchstens einen zerzausten Kopf, ein ungewaschenes, schläfriges Gesicht, einen
kaum bis über den Ellenbogen bloßen Arm und allenfalls noch eine halbe Brust.
Nun aber ziehen sich diese Jungfern an. Der Arm wird nicht selten bis unter die
Achseln entblößt, Nacken und Busen, soviel es eine gewisse Dezenz gestattet,
unbekleidet gelassen oder höchstens mit einem durchsichtigen Spitzenzeug
bedeckt, um damit die Reize der nackten Teile zu erhöhen. Damit hat es mit dem
Morgen-Schamgefühl ein Ende.
[GS.02_114,11] Frage: Liegt hier das
Schamgefühl in der Jungfrau oder im Negligékleide? Aber nur weiter! Dieselbe
schamhafte Jungfrau, die beim Morgenbesuch aus lauter Scham beinahe vom Schlage
getroffen wurde, und die sich in dieser Stunde um keinen Preis der Welt von
einem Manne hätte anrühren lassen. – eben diese super-schamhafte Jungfrau wird
abends in beinahe halbnacktem Zustande auf einen Ball geführt und läßt sich nun
von ihrem Tänzer ungeniert angreifen und nicht selten, wie ihr sagt, kreuz und
quer abdrücken. Frage: Wo bleibt hier das morgendliche Schamgefühl? Sicher auch
zu Hause im unvorteilhaften Negligégewande. Aber nur weiter!
[GS.02_114,12] Dasselbe schamhafte Mädchen
hat entweder auf dem Balle oder bei einer anderen Gelegenheit, etwa bei einer
ehrsamen Visite oder bei einem noch ehrbareren, unschuldigen Spaziergange eine
ihr zusagende jungmännliche Augenbekanntschaft gemacht. Für diesen Gegenstand
wird soviel als möglich bei jeder Gelegenheit dem Schamgefühle Lebewohl gesagt.
Gar bald wird unsere Schamhafte den Blicken ihres erwählten Gegenstandes
ablauschen, wohin diese am meisten gerichtet werden, und unsere schamhafte Jungfrau
wird sobald alle Sorgfalt darauf verwenden, um diejenigen Teile so vorteilhaft
als möglich öffentlich zu präsentieren.
[GS.02_114,13] Wenn ihr Auserwählter unsere
schamhafte Jungfrau aber in einer Gesellschaft treffen wird, in der sie sich
gewisserart von der ehrbarsten Seite zeigen will, da wird er sich begnügen
müssen, so sie ihm bei günstiger Gelegenheit ein paar verstohlene Blicke
zuwirft, aber noch mehr wird sie bemüht sein, ihm ihre Königschaft in der
Gesellschaft an den Tag zu legen. Wehe ihm, wenn er sich da vergäße und sich
ihr zu viel nähern wollte. Wenn es aber eine Zusammenkunft gilt, besonders an
einem Orte, wo die Strahlen der Sonne nicht direkt einfallen, auch die
Schallwellen des Weltgetümmels nur gebrochen oder garnicht hingelangen, da wird
das Schamhaftigkeitsgefühl völlig besiegt, und unsere am Morgen so schamhafte
Jungfrau gibt sich ihrem geliebten Gegenstande, ich möchte sagen, von Angesicht
zu Angesicht oder vom Scheitel bis zur Ferse zur Beschauung preis. Und ein
freies Betasten wird bei solcher Gelegenheit durchaus nicht als ein Verstoß
gegen das jungfräuliche Schamgefühl betrachtet.
[GS.02_114,14] Auf diese Weise geht dieses
gepriesene Tugendgefühl völlig unter; und ich frage: Wo ist nun die Wirkung
dieses so hoch gepriesenen Gefühles? Es ist verflogen und hat seine wahre
Gestalt bei Abnahme der Maske gezeigt. Und jeder Nüchterne kann so erschauen,
wie es nichts anderes ist als eine Schlange in der weiblichen Brust, oder der
untersten Hölle erstes Samenkorn, von welchem hernach, wenn es sich entfaltet
hat, alle möglichen weiblichen Laster wie aus einem Füllhorne hervorsprudeln. –
Wie aber dieses vor sich geht, wollen wir in der Folge so handgreiflich wie bis
jetzt vor jedermanns Augen stellen. –
115. Kapitel – Früchte, die für die Hölle
reifen.
[GS.02_115,01] Gehen wir auf unsere
„züchtige“ Jungfrau zurück und folgen ihr abermals in eine Gesellschaft, wo sie
zufolge ihrer weiblichen Reize die Königin spielt. Ihr Geliebter findet sich
auch in dieser Gesellschaft ein. Was tut aber nun seine Favoritin? Gibt sie
sich etwa mit ihm ab? O nein, dagegen mit einer Menge anderer
Gesellschaftsbesucher, von denen sie sich über Hals und Kopf, wie ihr sagt, den
Hof machen läßt. Aus welchem Grunde eigentlich?
[GS.02_115,02] Ich sage, weil ich die Welt
sehr genau kenne: Sie tut das nicht etwa deshalb, um ihrem erwählten Liebhaber
untreu zu werden, sondern nur um ihm zu zeigen, welchen enormen Wert sie hat.
Sie sagt ihm dadurch gewisserart indirekt: Erkenne aus dieser Erscheinung,
welch einen Millionenschatz du an mir hast!
[GS.02_115,03] Der Liebhaber aber, weil er
nicht im Besitze der Allwissenheit ist, faßt die Sache von einem andern
Gesichtspunkte auf, er wird bald düster und wendet seine Augen ab von der
Stelle, wo sich seine Geliebte den Hof machen läßt. Wirft er auch noch
verstohlene Blicke auf den verhängnisvollen Punkt, so sind diese schon voll
brennender Eifersucht.
[GS.02_115,04] Unsere Jungfrau merkt dieses,
bessert sich aber dadurch nicht im geringsten. Wohl aber fängt sie an, ihr
Spiel noch ärger zu treiben, um sich an ihrem Liebhaber zu rächen, der gerade
da ihren hohen Wert zu verkennen anfing, wo sie ihn am meisten vor ihm
entfalten wollte. Bei dieser Gelegenheit sucht der Liebhaber so früh als
möglich sich von der Gesellschaft zurückzuziehen, mit dem Vorsatz im Herzen:
Warte Kanaille! Wenn wir nur einmal noch unter vier Augen zusammenkommen, da
werde ich dir meine Meinung auf eine Art bekanntgeben, an die du denken sollst!
Denn nun verlange ich nichts mehr, als mich nach Gebühr für deine Untreue an
dir zu rächen.
[GS.02_115,05] Sie kommen zusammen, und die
Frucht dieser Zusammenkunft sind die brennendsten Vorwürfe. Eine Liebescheidung
ist meist die Folge, nur selten eine Wiedervereinigung, welche aber ebensowenig
mehr Stand hält wie die erste Liebe. Nichtwiedervereinigung und Vereinigung
gehen hier immer auf dasselbe hinaus; denn vereinigen sie sich wieder, so dient
diese Wiedervereinigung gewöhnlich dazu, sich beiderseitig den Wert möglichst
noch fühlbarer zu machen, und so ist eine solche Wiederliebe meistens nichts
anderes als eine verkappte Rache. Und vereinigen sie sich nicht, so werden sie
gegenseitig auch jede Gelegenheit suchen, wo eins das andere darin zu
übertreffen sucht, seine Verachtung auf das Unbarmherzigste fühlen zu lassen.
[GS.02_115,06] Die Jungfrau setzt sich bald
aus lauter Rache über alle Schranken des Schamgefühls hinweg und wird eine
Kokette. Kriecht da der alte Liebhaber nicht zu Kreuze, was sie wünscht, so
wird sie aus demselben Rachegefühl eine Hure, worauf der Liebhaber den letzten
Rest seines alten Gefühls aus seinem Herzen verbannt. Und hat unsere ehedem
schamhafte Jungfrau den süßen Stachel der Wollust verkostet, so bringt sie, wie
ihr zu sagen pflegt, kein Gott mehr auf die Bahn der Tugend zurück. Wird sie
dadurch unglücklich, so wälzt sie im vollen Grimme ihres Herzens zumeist alle
Schuld auf jenen ersten Liebhaber, der ihre Absicht und ihre erste Tugend
schändlich verkannt habe.
[GS.02_115,07] Was ist aber das hernach? Es
ist nichts anderes als die schon völlig entwickelte Frucht des erst so hoch
gepriesenen weiblichen Schamgefühls. Der Name der Frucht lautet: Unterste
vollkommene Hölle! oder auch: Vollkommen reife Hölle, wenn die äußere Schale
abfällt! Denn was würde eine solche unglückliche Jungfrau demjenigen alles
antun, den sie, wenn auch irrig, als den Grund ihres Unglückes ansieht?
[GS.02_115,08] Wenn es ihr möglich wäre, im
Augenblicke ihrer freien Wut ihn von tausend glühenden Schlangen zerstückt zu
sehen, so würde diese Rache kaum ein kühlender Tautropfen auf ihr
wutentflammtes Herz sein.
[GS.02_115,09] Wer das nicht glauben möchte,
der besuche eine solche unglückliche Jungfrau und lasse sich mit ihr in ein
Gespräch über den bewußten Gegenstand ihres Unglückes ein. Er wird im besten
Falle aus dem weiblichen Munde sobald gleichsam alle Vulkane der Erde sprühen
sehen; im schlimmeren Falle aber wird es heißen: Ich bitte, mich damit zu
verschonen! Wenn ihr solches vernommen habt, so könnt ihr schon denken, um
welche Zeit es ist. – Wir hätten nun so weit die Früchte beleuchtet, wie sie
für die Hölle reifen; nächstens aber werden wir die Sache spezieller
beleuchten. –
116. Kapitel – Alle Geheimnisse werden im
geistigen Zustande offenbar.
[GS.02_116,01] Nicht selten geschieht es, daß
eine solche gekränkte Jungfrau aus bloßer Rache gegen ihren früheren Liebhaber
einen andern heiratet, für den sie keinen Funken Liebe in ihrem Herzen trägt.
Mit dieser Tat wollte sie ihren früheren, sie verkennenden Liebhaber aufs
empfindlichste strafen, ja womöglich ihn durch diese Kränkung sogar aus der
Welt schaffen. Was geschieht aber?
[GS.02_116,02] Der alte Liebhaber kränkt sich
nicht, sondern sucht sich guten Mutes eine andere Geliebte. Nicht selten eine
bessere, als die erste war. Welche Wirkung aber hat das bei der verheirateten
ersten Geliebten? Sie wird mürrisch und verschlossen. Ihr Mann fragt sie um die
Ursache, aber umsonst! Was sie bedrückt, ist vor ihren Augen zu groß und schwer
und zu verdächtig gegen ihren neuen Gemahl, als daß sie es ihm anvertrauen
wollte. Sie unternimmt zwar keine weiteren Schritte mehr, um ihrem alten
Geliebten Steine unter die Füße zu legen und ihn über Abgründe zu locken, aber
desto tiefer begräbt sie die Ursache ihres Grams in ihr Herz. Es vergehen
Jahre, und wie gewöhnlich die Zeit das beste Pflaster ist zur Heilung mancher
Wunden, freilich nur ein palliatives (umhüllendes), so heilt sie auch diese.
Solche Menschen werden dann nicht selten noch recht gute Freunde.
[GS.02_116,03] Man wird hier sagen: Nun, wenn
das der Fall ist, da wird wohl auch die Hölle ihren letzten Rest empfangen
haben; denn wo Freundschaft an die Stelle ehemaliger Feindschaft tritt, da
tritt doch sicher entsprechendermaßen auch der Himmel an die Stelle der Hölle.
So scheint es wohl dem außen nach. Aber da sehen wir eben vor uns einen
Krieger, der viele Wunden auf seinem Leibe trug. Diese Wunden haben ein
palliatives Pflaster und die Zeit geheilt. Wenn das Wetter schön ist, geht
unser Krieger munter einher und weiß kaum, daß sein Leib voll vernarbter Wunden
ist. Aber nun kommt ein böses Wetter. Seine Wunden fangen an, sich zu rühren,
und je böser das Wetter wird, desto unausstehlicher brennen ihn seine Wunden.
Wie ein Verzweifelter wälzt er sich auf seinem Lager. Er flucht über das
Kriegswesen, über alle Feldherrn, über den Kaiser, ja über Gott, über seine
Eltern und über den Tag, an dem er geboren wurde.
[GS.02_116,04] Sehet, in dem haben wir ein
treues Bild für dergleichen moralische Palliativfreundschaften, welche eine
Folge der irdischen vergeßlichen Zeit sind. Lassen wir aber ein böses Wetter
kommen, das heißt, lassen wir solcher Freunde absolute Geister jenseits in dem
Momente zusammentreten, in dem sie auf der Erde gegeneinander gesündigt haben,
dann im Momente, wo sie mittels des hellen Schauens ihres Geistes die aus ihrer
gegenseitigen Versündigung hervorgegangenen Nachteile erschauen, daneben aber
auch die Vorteile, welche sie auf dem Wege der Nichtversündigung hätten
erlangen können, und wir werden sie einander mit größter Verachtung und
entsetzlichen Verwünschungen begegnen sehen. Und das ist doch sicher kein
Himmel im entsprechenden Maße, wie es sich nach außen zu erschauen gab, sondern
die barste Hölle in unterster Potenz.
[GS.02_116,05] Daher heißt es auch in der
Schrift, daß sich ein jeder gar wohl prüfen soll, und: es ist nichts so
verborgen und so Geheimes im Menschen, daß es dereinst nicht laut von den
Dächern der Häuser verkündet würde. Das will sagen: Der Mensch hat nichts so
vollkommen Allerinwendigstes in sich, daß es sich im absolut geistigen Zustande
nicht äußerlich erschaulich beurkundet. Aus diesem Grunde ist einem jeden
Menschen nachdrücklich zu raten, alle freundlichen und feindlichen
Verhältnisse, in denen er sich je befunden hat, genauest zu prüfen, welche
Wirkung sie auf sein Gemüt ausüben würden, so er in diese zurückversetzt würde.
Denn darauf muß sich ein jeder hier auf der Erde lebende Mensch gefaßt machen,
daß er jenseits im absolut geistigen Zustande in alle jene verhängnisvollen
Zustände lebendigst versetzt wird, welche ihm hier als die größten Steine des
Anstoßes galten; – denn der Herr Selbst ist mit diesem Beispiele vorangegangen.
[GS.02_116,06] Zuerst wurde Er auf der Welt
von Seinen Feinden gerichtet und inmitten von Missetätern gekreuzigt, dann
stieg Seine wesenhafte Seele nicht sogleich auf in den Himmel, sondern hinab
zur Hölle, wo Seine größten Feinde Seiner harrten, wennschon auch manche alte
Freunde wie die alten Väter und gar viele Propheten und Lehrer. –
[GS.02_116,07] Wenn jemand auf dieser Welt
nicht den letzten Heller zurückbezahlt hat, wird er nicht vermögen, in das
Himmelreich einzugehen. Darum heißt es hier fleißig alle diese alten
Schuldbücher durchgehen und besonders diejenigen, welche das Wort Liebe als
Aufschrift führen. Liebeschulden sind für Jenseits die hartnäckigsten. Ein Millionenraub
wird leichter aus der geistigen Gedächtniskammer vertilgt als eine Liebeschuld.
Warum? Weil ein Millionenraub nur eine äußere, den Geist nichts angehende,
große Verschuldung ist; aber die Liebeschuld betrifft zumeist den ganzen Geist,
weil alles, was Liebe ist, das eigentliche Wesen des Geistes ausmacht. Aus
diesem Grunde ist für den Menschen auf dieser Welt nichts so gefährlich, wie
das sogenannte „Verliebtwerden“; denn dieser Zustand nimmt den ganzen Geist in
Anspruch. Treten hernach äußere Hindernisse ein, welche dergleichen vorzeitige
gegenseitige Geschlechtsliebe nicht verwirklichen lassen, so ziehen sich die
beleidigten Geister wohl zurück, lassen sich durch allerlei Weltgeflitter ihre
erhaltenen Wunden wohl palliativ verheilen; aber nichtsdestoweniger werden sie
aus dem Grunde geheilt.
[GS.02_116,08] Kommt dann das geistige böse
Wetter hinterdrein, so brechen diese Wunden von neuem auf. Dieser zweite
Zustand wird um vieles ärger sein als der erste; wie auch in der Schrift von
den ausgetriebenen sieben Geistern die Rede ist. Da wird auch durch äußere
Mittel wohl das Haus gereinigt und der böse Feind durchwandert dürre Wüsten und
Steppen; aber weil er da keines Bleibens findet, nimmt er noch sieben andere,
die ärger sind denn er, zu sich und zieht dann wieder in sein altes,
gereinigtes Haus ein.
[GS.02_116,09] Das alte, gereinigte Haus ist
der Geist, der auf dieser Welt durch äußere Mittel gereinigt wird; der böse
Geist ist der schlechte Zustand, in dem sich ein Mensch auf dieser Erde einmal befunden
hat. Dieser wurde durch die äußeren Mittel völlig hinausgeschafft. Er
durchwandert nun dürre Wüsten und Steppen, das heißt, der Geist des Menschen
heilt und vernarbt seine Wunden, daß sie dürre werden und nicht mehr bluten.
Aber der böse Geist kehrt zurück mit noch sieben anderen, das heißt, im absolut
geistigen Zustande werden alle Wunden wieder bloßgestellt, brechen von neuem
und mit bei weitem größerer Heftigkeit auf; und das ist dann der Zustand, der
schlimmer ist als der erste.
[GS.02_116,10] Überall aber, wo ihr ein Wesen
gegen das andere im höchsten, verderblichsten Zorne auftreten sehet, da ist
auch schon die Fundamentalhölle vollendet da!
[GS.02_116,11] Aus diesem Grunde rate ich,
Johannes, als nun wohlerfahrener, ewiger Diener und Knecht des Herrn allen
Menschen, besonders aber den Eltern, daß sie ihre Kinder vor nichts so
sorgfältigst warnen wie vor dem sogenannten Verliebtwerden. Wie sehr der Geist
darunter leidet, könnet ihr bei jedem studierenden Jünglinge, der sich
unzeitigermaßen verliebt hat, schon naturmäßig klar erschauen; denn ein solcher
Jüngling ist sicher für seine ganze Lebenszeit verdorben und keines geistigen
Fortschrittes fähig. Mag er sonst auch was immer für eine Leidenschaft haben,
so könnet ihr sie ihm durch eine gerechte Leitung hinwegnehmen und aus ihm
einen ordentlichen Menschen machen. Aber ein gewisses lebendiges Zauberbild,
das sich mit dem Geiste einmal verbunden hat, bringet ihr schwerer aus einem
jugendlichen Gemüte, gleich welchen Geschlechtes, als einen Berg von seiner
Stelle.
[GS.02_116,12] Und eben solchem unzeitigen
Verliebtwerden liegt die größte geistige Unzucht zugrunde; denn Unzucht oder
Hurerei ist alles, was auf den Betrug des Geistes absieht.
[GS.02_116,13] Da aber die Liebe am meisten
des Geistes ist, so ist ein Betrug der Liebe oder eine offenbare Verschuldung
an dieser der wahren geistigen Unzucht tiefster und unterster Grad oder die
eigentliche unterste Hölle.
[GS.02_116,14] Das bisher Gesagte hat
jedermann überaus und lebendigst zu beherzigen. – Nächstens solcher speziellen
Betrachtungen mehr. –
117. Kapitel – Himmel und Hölle – Polaritäten
im Menschen.
[GS.02_117,01] Man wird hier sagen: Es ist
allerdings sehr wahrscheinlich, daß die Sache am Ende eine solche Wendung nimmt
und jede dem Geiste versetzte Wunde in dessen absolutem Zustande offenbar wird
und reagiert. Aber nach der Grunderläuterung der Fundamentalhölle sehen wir
noch immer nicht ein, wie dergleichen Reminiszenzen auf dieser Welt beleidigter
Liebe sich dann im absoluten geistigen Zustande als Grundhölle beurkunden
sollen. Denn es gibt ja doch nicht leicht einen Menschen auf der Erde, der
nicht ähnliche Kränkungen entweder selbst erlitten hat oder Ursache derselben
war. Nimmt man aber das an, daß sich im absolut geistigen Zustande solche
lebhafte Erinnerungen als grundhöllisch beurkunden, so möchten wir im Ernste
wissen, wieviel Menschen eines ganzen Jahrhunderts in den Himmel gelangen?
[GS.02_117,02] Wie kann solches dem Menschen
auch zu einem so verdammlichen Gerichte gereichen, wenn er sich in einem höchst
passiven Zustande gegen eine göttliche Ordnung versündigen muß, die in sich
aufrecht zu halten ihm die dazu erforderliche Kraft vielfacher Erfahrung
gänzlich mangelt?!
[GS.02_117,03] Gut, sage ich, wer mir solchen
Einwurf macht, den ersuche ich, das Frühere etwas gründlicher durchzugehen. Er
wird da dargetan finden, wie ich durchaus nicht darstellte, wer in die Hölle
kommt und wie viele; sondern lediglich nur das jedermann kundtue, was bei den
Menschen rein Hölle in ihrer Erscheinlichkeit ist. Denn auf der ganzen Erde
gibt es keinen so vollkommenen Menschen, der nicht ebensogut die ganze Hölle
vom Grunde aus in sich trüge, als wie er in sich trägt den ganzen Himmel.
[GS.02_117,04] Wie ich aber zuvor hinreichend
dargetan habe, was im Menschen der Himmel ist und wie dieser in ihm geschaffen
und fortgepflanzt wird, ebenso muß ich ja auch zeigen, wie im Menschen die
Hölle geschaffen und fortgepflanzt wird.
[GS.02_117,05] Es wäre traurig und höchst
unbarmherzig, wenn ein Mensch aus dem Grunde, weil er das vollkommen
erscheinliche Bild der Hölle in sich trägt, auch schon ein Bewohner derselben
sein sollte. Wäre das der Fall, so müßten auch alle Engel höllische Geister
sein; denn auch sie tragen das vollkommene Bild der Hölle erscheinlich in sich.
Wäre das nicht der Fall, da wäre es keinem Engel möglich, je in diesen Ort
einzudringen und da die empörten Geister zur Ruhe zu bringen. Ich selbst könnte
euch die Hölle nicht zeigen und enthüllen, hätte ich sie nicht vollständig in
mir. Zudem wäre das für die Bewohner des Himmels auch sehr gefährlich, so sie
nicht das entsprechende erscheinliche Bild der Hölle in sich hätten, indem sie
da nicht erschauen könnten, was die Hölle alles gegen sie unternimmt.
[GS.02_117,06] So aber kann kein Geist in der
ganzen Hölle irgend etwas unternehmen, was wir nicht augenblicklich in uns zu
erschauen vermögen.
[GS.02_117,07] Zugleich verhalten sich Hölle
und Himmel in den Menschen wie die zwei entgegengesetzten Polaritäten, ohne die
kein Ding existierbar gedacht werden kann.
[GS.02_117,08] Und so dient das zu jedermanns
Kenntnis, daß hier durchaus nicht davon die Rede ist, wer in die Hölle kommt,
denn das hieße die Menschheit auf der Erde richten, sondern allein davon, was
die Hölle in sich selbst ist.
[GS.02_117,09] Daß aber dergleichen
Liebeveruntreuungen in sich selbst rein Hölle sind, kann ein jeder daraus
ersehen, daß diese Veruntreuungen Eigenliebe und Herrschsucht zum Fundamente
haben.
[GS.02_117,10] Denn was ist die Eifersucht
anderes als die Erweckung der Eigenliebe, der Selbst- und Herrschsucht? Der
Eifersüchtige ist nicht darum eifersüchtig, weil etwa sein erwählter Gegenstand
zu wenig Liebe hätte, sondern nur darum, weil er selbst in seiner Forderung
verkürzt wird und seinen Wert zu gering angesetzt findet in demjenigen
Gegenstande, von dem er eben die höchste Achtung erwartete.
[GS.02_117,11] Frage: Ist das nicht der ganz
entgegengesetzte Pol von dem Zustand, wo man seiner selbst aus Liebe zu seinem
Nächsten was immer für eines Geschlechtes gänzlich vergessen soll, um sich ganz
zum Wohle seines Nächsten bereit zu halten?
[GS.02_117,12] Wie aber kann ein jeder Mensch
diese Grundhölle in sich unterjochen, sie nicht aktiv, sondern rein passiv
machen?
[GS.02_117,13] Das ist überaus leicht. Man
vergebe dem beleidigten wie dem beleidigenden Teile von ganzem Herzen im Namen
des Herrn und segne den Beleidigten wie die Beleidigenden ebenfalls im Namen
des Herrn (es versteht sich von selbst, daß solches alles vollernstlich
geschehen muß) – und die ganze Hölle ist im Menschen schon unterjocht!
[GS.02_117,14] Ich sage euch, fürwahr, ein
reumütiger Blick zum guten Vater genügt, um der Hölle für alle Ewigkeit zu
entrinnen! – Sehet an den Missetäter am Kreuz, er war ein Räuber und Mörder;
aber da blickte er zum Herrn empor und sprach mit großer, schmerzlicher
Zerknirschung seines Herzens: „O Herr! Wenn Du in Dein Reich kommst und wider
uns große Missetäter zu Gerichte ziehen wirst, da gedenke meiner und strafe
mich nicht zu hart für meine großen Missetaten, die ich verübt habe!“
[GS.02_117,15] Und sehet, der große,
allmächtige Richter sprach zu ihm: „Wahrlich, heute noch sollst du bei Mir im
Paradiese sein!“
[GS.02_117,16] Aus diesem wahrhaftigen
Begebnisse kann doch hoffentlich ein jeder nur einigermaßen gläubige Christ
entnehmen, wie überaus wenig es im Grunde bedarf, um die ganze allerunterste,
mächtigste Hölle auf ewig zu unterjochen.
[GS.02_117,17] Das Beispiel des samaritischen
Weibes am Jakobsbrunnen, das mit sieben Männern gebuhlt hatte, ist obigem
Beispiele gleich, wo der Herr zu ihm spricht: „Weib, gib Mir zu trinken!“ Und
wieder: „Wenn du wüßtest, wer Der ist, der zu dir spricht: Weib, gib Mir zu
trinken, so würdest du zu Ihm sagen, daß Er dir vom lebendigen Wasser zu
trinken gebe, auf daß dich ewig nimmer dürste!“ Also lauten die Worte getreu,
wie sie an Ort und Stelle gewechselt wurden.
[GS.02_117,18] Wer aber sieht hier nicht,
welchen geringen Ersatz der Herr von dieser Sünderin für die Hingabe des
Himmelreiches verlangt – bloß einen Trunk Wassers! Also ist auch einem jeden
nur einigermaßen in der Schrift bewanderten Christen das Begebnis mit der
Ehebrecherin und das Leben der Maria Magdalena bekannt. Der ersteren Schuld
schreibt der Herr zweimal in den Sand und Magdalena durfte Ihm die Füße salben
und war diejenige, zu der der Herr nach Seiner Auferstehung zuerst kam! Ebenso
zeigt der Herr auch beim verlornen Sohne und im Suchen des hundertsten
verlornen Schafes, wie wenig Er von dem Sünder zur Erlangung der Gnade und
Erbarmung verlangt!
[GS.02_117,19] Darum wollen wir hier auch
nicht kundtun, wer in die Hölle kommt, sondern nur, wie die Hölle in sich
selbst beschaffen ist. –
118. Kapitel – Himmlische und höllische
Prinzipien.
[GS.02_118,01] Ich habe schon wieder einen,
wie ihr zu sagen pflegt, auf der Mücke, der da spricht: Es ist alles recht; die
Anschauung des Erscheinlichen der Hölle kann von manchem Nutzen sein, aber
nicht eher, als bis man weiß, wann die im Menschen oder in einer ganzen
menschlichen Gesellschaft erscheinliche Hölle so positiv auftritt, daß sie zur
Hauptpolarität wird, und diejenigen, bei denen sie sich also äußert, wirklich
der Hölle angehören. Kurz gesagt, wer in die Hölle kommt, wie und wann man in
sie kommt, muß man erst genau wissen, sonst nützt einem jede noch so genaue
Kenntnis des Erschaulichen der Hölle nichts. Wer da nicht weiß, wo er in die
Hände des Feindes geraten kann, wie und wann, der ist schon verloren; denn wo
er sich am sichersten wähnen wird, eben da wird er von seinem Feinde überfallen
werden, und er ist sicher ohne Rettung verloren. Daher fragt es sich: Wann
kommt ein wie immer gearteter Sünder in die Hölle und wann nicht?
[GS.02_118,02] Diese Frage kann man füglich
stellen, weil man in der hl. Schrift so viele Beispiele hat, wo ganz gleiche
Sünder in die Hölle gekommen sind und ganz gleiche wurden gerettet. – Ich
Johannes aber sage: Diese Frage klingt wohl, als hätte sie irgendeinen weisen
Grund; aber dennoch ist hier nichts weniger als das der Fall. So ich die
Erscheinlichkeit der Hölle dartue, so tue ich auch indirekt das dar, wem so
ganz eigentlich die Hölle zukommt. Man wird sich doch hoffentlich bei dieser
Darstellung unter dem Begriffe Hölle keinen positiv kerkerlichen Ort denken, in
welchen man kommen kann, sondern nur einen Zustand, in welchen sich ein freies
Wesen durch seine Liebeart, durch seine Handlung, versetzen kann. Ein jeder
Mensch, der nur einigermaßen reif zu denken imstande ist, wird hier doch leicht
mit den Händen greifen, daß ein Mensch so lang der Hölle angehört, solange er
nach ihren Prinzipien handelt. Ihre Prinzipien aber sind Herrschsucht,
Eigenliebe und Selbstsucht. Diese drei sind den himmlischen Prinzipien gerade
entgegen, welche da sind Demut, Liebe zu Gott und Liebe zum Nächsten.
[GS.02_118,03] Wie leicht ist das voneinander
zu unterscheiden, ja leichter, als man die Nacht vom Tage unterscheidet. Wer
bei sich klar erfahren will, ob er der Hölle oder dem Himmel angehört, der
frage sorgfältig sein inneres Gemüt. Sagt dieses nacheinander nach der
Grundneigung und Liebe: Das ist mein und jenes ist auch mein, und das möchte
ich und jenes möchte ich auch, dieser Fisch ist mein und den andern will ich
fangen, gebt mir alles, denn ich möchte, ja ich will alles. – Wo das Gemüt sich
also hören läßt, da ist noch die Hölle der positive Pol.
[GS.02_118,04] Wenn aber das Gemüt sagt:
Nichts ist mein, weder dieses noch jenes, alles ist des Einen und ich bin des
geringsten nicht wert, und so ich etwas habe oder hätte, soll es nicht mein,
sondern meiner Brüder sein – wenn das die innere Antwort des Gemütes ist, so
ist der Himmel der positive Pol.
[GS.02_118,05] Wenn sonach jemand eine Maid
erwählt hat, und ein anderer erwählt sie auch, und der erste ist dann sobald
voll gröbster Eifersucht, wenn der zweite auch Zutritt erhält, so ist bei ihm
schon der Pol der Hölle vorherrschend. Spricht aber der erste: Meine Liebe, du
allein bist deines Herzens Gebieterin. Ich liebe dich wahrhaft, darum will ich
kein Opfer von dir, wohl aber bin ich bereit, dir jedes Opfer zu deinem Besten
zu bringen; darum bist du von mir aus vollkommen frei. Tue demnach, was du
willst und wie es dir gut dünkt; meine aufrichtige Liebe und Freundschaft wirst
du darum nie verlieren. Denn zwänge ich dich, mir deine Hand zu reichen, da
würde ich nur mich in dir lieben und möchte dich zu einer Sklavin machen. Ich
aber liebe nicht mich in dir, sondern dich allein in mir. Daher hast du von mir
aus auch die vollkommene Freiheit, alles zu ergreifen, was du zu deinem Glücke
für am meisten tauglich hältst.
[GS.02_118,06] Sehet, aus dieser Sprache leuchtet
schon der Bürger des Himmels, denn so spricht man im Himmel. Und wer so vom
Grunde seines Herzens sprechen kann, in dem ist schon kein positiver Tropfen
einer Hölle mehr vorhanden.
[GS.02_118,07] Wer sich bei diesem am meisten
kitzligen Punkte also verleugnen kann, der wird sich in den anderen weniger
kitzligen Punkten um so leichter verleugnen. Wer aber da eifersüchtig wird, und
sogleich mit seiner Geliebten die Liebe bricht, sie in seinem Herzen durch
Verachtung, Groll und Zorn verwünscht und ebenso seinem Nebenbuhler begegnet,
der handelt schon aus der Hölle, die bei ihm ganz klar den positiven Pol
bildet.
[GS.02_118,08] Die Regel für den himmlischen
Menschen ist diese: Wer bei was immer sieht, daß damit auch die Liebe seines
Nächsten beschäftigt ist, der soll sich sogleich zurückziehen und seinem
Nächsten gegen die Verwirklichung seiner Liebe keine Schranken setzen; denn es
ist besser, bei jeder Gelegenheit in der Welt leer auszugehen, als durch
irgendeinen wenn auch ganz unbedeutenden Kampf etwas zu gewinnen.
[GS.02_118,09] Denn je mehr einer hier
opfert, desto mehr wird er jenseits finden. Wer hier einen härenen Rock opfert,
wird dort einen goldenen finden, wer zwei opfert, der wird dort zehn finden,
und wer hier eine gewählte Jungfrau opfert, dem werden dort hundert
unsterbliche entgegenkommen. Wer hier einem auch nur ein mageres Stück Land
abtritt, dem wird dort eine ganze Welt gegeben. Wer hier einem geholfen hat,
gegen den werden jenseits hundert ihre Arme ausstrecken und ihm helfen ins
ewige Leben! – Und so wird niemand etwas verlieren, was er hier opfert. Wer
reichlich sät, der wird auch reichlich ernten, wer aber sparsam sät, der wird
auch sparsam ernten.
[GS.02_118,10] Ich meine nun, das dürfte wohl
hinreichen, um jedermann ziemlich handgreiflich zu machen, wann bei ihm die
Hölle oder wann der Himmel zum positiven Pole wird. Und so wird wohl niemand
mehr vonnöten haben, mit der lächerlichen Frage zum Vorscheine zu kommen: Wer
kommt in die Hölle oder in den Himmel und wie und wann kommt man in dieselben?
– Denn niemand kommt weder in die Hölle noch in den Himmel, sondern ein jeder
trägt beides in sich.
[GS.02_118,11] Ist die Hölle positiv, so
macht der ganze Mensch schon die Hölle aus, wie er leibt und lebt; ist aber der
Himmel positiv, so ist eben auch schon der ganze Mensch der Himmel selbst, wie
er leibt und lebt. Und so braucht auch niemand zu fragen: Wie sieht es im
Himmel und wie in der Hölle aus, sondern ein jeder betrachte die eigene
Polarität, und er wird es genau sehen, wie es entweder in der Hölle oder im
Himmel aussieht.
[GS.02_118,12] Denn es gibt nirgends einen
Ort, der Himmel oder Hölle heißt, sondern alles das ist ein jeder Mensch
selbst; und niemand wird je in einen andern Himmel oder in eine andere Hölle
gelangen, als die er in sich trägt. –
[GS.02_118,13] Ihr habt euch hinreichend
überzeugt, wie wir uns in jener Zentralsonne befanden und haben dort
Wunderdinge geschaut. Wo war diese Sonne? In euch! Wo sind wir jetzt? Der
Erscheinlichkeit nach zwar auf der geistigen Sonne, aber der Wirklichkeit nach
in euch selbst.
[GS.02_118,14] Wie solches möglich ist, zeigt
euch ein jeder Traum, davon ihr schon die triftigsten Abhandlungen erhalten
habt, und gerade so verhält es sich (nur mit der Ausnahme vom Traume, wo das
Dasein ein unentschiedenes ist) mit der größten, klarsten Entschiedenheit im
absoluten geistigen Zustande. – Um das aber noch gründlicher zu verstehen,
wollen wir nächstens einige Beispiele betrachten. –
119. Kapitel – Der Geist, Schöpfer seiner
eigenen Welt.
[GS.02_119,01] Ein guter Landschaftsmaler und
zugleich ein großer Freund schöner Landpartien kommt von einer Landpartie nach
Hause. Die Gegend, die er bei dieser Landpartie gesehen hat, gefällt ihm so
überaus, daß er sich für immer in derselben aufhalten möchte. Seine Geschäfte
aber lassen solches nicht zu. Was bleibt ihm daher übrig, um sich wenigstens
dem Scheine nach in dieser für ihn so herrlichen Gegend zu befinden? Er malt
diese Gegend mit großer Kunstfertigkeit auf zwei leere, große Wände seines Wohnzimmers
so vortrefflich, daß ein jeder Besucher sich hoch verwundernd augenblicklich
die herrliche, allgemein bekannte Gegend erkennt.
[GS.02_119,02] Frage: Wo hat denn unser Maler
das Vorbild für diese Gegend hergenommen? Hat er etwa Kupferstiche vor sich
gehabt? Oder hat er selbst an Ort und Stelle früher die Gegend konturmäßig
aufgenommen? Nein, weder eins noch das andere, sondern er hat die lebendige
Kontur der Gegend in seiner Phantasie festgehalten und sie hier auf der Wand
getreu wiedergegeben.
[GS.02_119,03] Das ist richtig, und ein jeder
Mensch sieht davon die Möglichkeit ein, aber sicher sieht es nicht ein jeder
Mensch ein, auf welche Weise unser Maler die schöne Gegend in seiner Phantasie
auf die Wand gebracht hat. Hier fragt es sich also: Wie und auf welche Weise
hat dieser Maler die Gegend in seiner Phantasie auf die Wand gebracht? Sehet,
das ist ein wichtiger Lebensprozeß und besagt gar viel; daher wollen wir ihn
auch ein wenig näher beleuchten. Wir haben bei der Gelegenheit der Beschauung
unserer Zentralsonne so klar als möglich kennen und einsehen gelernt, was alles
in dem Geiste des Menschen vorhanden ist. Wäre es nicht in dem menschlichen
Geiste vorhanden, woher wohl könnte er von dem je eine Idee fassen und sich
irgendeine Vorstellung machen, was noch nie ein sterbliches Auge geschaut hat?
[GS.02_119,04] Nun aber kann der Mensch in
sich selbst zu unbegreiflich hohen und übersinnlich geistigen Anschauungen
gelangen, und so muß er ja alles das in sich haben, was je eine Phantasie
hervorbringen kann.
[GS.02_119,05] Die Phantasie eines Menschen
aber kann rein und unrein sein. Rein ist sie dann, wenn, freilich selteneren
Falles, der unsterbliche Geist des Menschen in seinem Leibe schon so absolut
dasteht, daß seine reinen Bilder durch die Bilder der Außenwelt nicht getrübt
und verunreinigt werden. So kann auch die Phantasie durch Auffassung bloß
äußerer Bilder rein sein, wenn sie durch die Kraft der Seele die geschauten
Bilder festhält und sie dann bei Gelegenheit naturgetreu wiedergibt. Unrein aber
ist die Phantasie, wenn sich der Geist noch zu sehr passiv in seinem Leibe
sowohl zu seinen inneren Bildern wie zu denen der Außenwelt verhält, wo sich
dann alles durcheinandermengt, Geistiges und Naturmäßiges, und niemand daraus
klug werden kann, wenn er ein Phantasiebild aufstellt, was es so ganz
eigentlich vorstellt, ob Geistiges oder Naturmäßiges. Zu dieser Klasse unreiner
Phantasiebilder gehören alle jene mittelalterlichen mystischen Obszönitäten
(Unanständigkeiten), laut welcher der Himmel seine wunderliche Gestalt erhalten
hatte, die Hölle und das sogenannte Fegfeuer zu einem Bratofen wurde und
dergleichen Torheiten mehr.
[GS.02_119,06] Daraus aber geht hervor, daß
im Geiste, der das ganze Leben seiner Seele wie seines Leibes ausmacht, vorerst
schon alles vorhanden sein muß, vom Kleinsten bis zum Größten, was die ganze
Unendlichkeit faßt, also Himmel und Hölle, und zwischen diesen beiden Extremen
die ganze naturmäßige Welt. Und dieses endlos lebendigreiche Vermögen des
Geistes ist das, was ihr im allgemeinen Sinne die „Phantasie“ nennet.
[GS.02_119,07] Wenn dann jemand, aus dieser
reichen Kammer etwas hervorholen will, so darf er nur seine Liebe erwecken. Je
stärker die Liebe wird, desto heftiger ihre Flamme und desto heftiger ihre
Wärme und ihr Licht.
[GS.02_119,08] Durch diese Eigenschaft der
Liebe wird das von ihr erfaßte Bild selbst lebendig, prägt sich durch das Licht
der Liebe immer deutlicher aus, bis es endlich wie die Gegend unseres Malers
die Vollreife erlangt hat. Und dieses durch die Eigenschaft der Liebe
ausgereifte Bild im Menschen selbst ist die eigentliche innere Welt des
Geistes.
[GS.02_119,09] Nun wissen wir, woher der
Maler das Bild genommen hat. Allein das ist das geringere, wir wissen noch
etwas mehr, und das besteht darin, daß der Geist auf diese Weise der Schöpfer
seiner eigenen Welt ist. –
[GS.02_119,10] Wir wissen aber auch, daß
jedes Ding in der Welt entsprechend gut oder schlecht sein kann, und dazu wird
es von der Liebe gemacht. Ist die Liebe nach der Ordnung Gottes, so wird durch
sie alles gut; ist diese gegen die Ordnung Gottes, so wird durch sie alles
schlecht. – Auf diese Weise entwickelt dann ein jeder Mensch in sich entweder
den Himmel oder die Hölle.
[GS.02_119,11] Eine jede Tat und Handlung muß
eine Ortsunterlage und an und für sich selbst eine gewisse Form oder besser
Zeremonie haben, unter welcher sie geschieht.
[GS.02_119,12] Wie kommt euch aber eine
Gegend auf der Erde vor, in welcher ihr Denkmäler vieler Greueltaten findet?
Sicher wird euch bei ihrem Anblicke ein geheimer Schauder befallen. Sehet, das
ist schon die Form des Höllischen; denn im Geiste bildet sich hernach ebenfalls
eine solche Welt aus, die voll Denkmäler von Greueltaten ist. In dieser Welt
erschaut der Geist unendliche Tiefen zurück und in ihnen sein unverbesserliches
böses Verhalten. Aber ganz anders verhält es sich, wenn ihr in eine Gegend
kommt, in der von jeher edle Menschen gewohnt haben, die viel Gutes und Edles
taten. Gar anheimelnd wird es euch da vorkommen, und es wird euch ein
verklärendes Gefühl überkommen, als befändet ihr euch etwa im Schoße Abrahams.
Das ist ein Vorgefühl des Himmels. – Im absolut geistigen Zustande prägt sich
dann eben dieses Gefühl samt der Form auf das Lebendigste aus. Diese Form ist
des Himmels geistige Örtlichkeit und ist, wie ihr leicht einsehet, ebenfalls
ein Werk des Geistes.
[GS.02_119,13] Aus dem aber geht dann klar
hervor, daß ein jeder Mensch durch die Art seiner Liebe der Schöpfer seiner
eigenen inneren Welt wird, und daß er nie in irgendeinen Himmel oder in irgendeine
Hölle kommen kann, sondern nur in das Werk seiner Liebe. Darum heißt es auch:
„Und eure Werke folgen euch.“ – Und auf eben diese Weise, wie wir jetzt die
Erscheinlichkeit der Hölle durchgemacht haben, machen es unsere bekannten
Sonnenschüler durch. Was aber mit ihnen hernach geschieht, wollen wir nächstens
betrachten. –
120. Kapitel – Weiterentwicklung der
jenseitigen Schüler. Das Mittelreich (Hades).
[GS.02_120,01] Kommen sie etwa, wie ihr zu
sagen pflegt, aus der Hölle zurück in den Himmel? Das wäre sehr irdisch
gesprochen, denn diese Schüler kommen eigentlich nie in die Hölle, sondern nur
in den Zustand, in ihrer eigenen Sphäre dieselbe zu beschauen. Es braucht
nichts weiter als eines gerechten Abscheues des antipolarischen oder höllischen
Zustandes, und unsere Schüler sind wieder in ihrer eigentlichen positiv
himmlischen Sphäre. Da aber der Himmel sich nicht durch die alleinigen
Erkenntnisse und Einsichten erlangen läßt noch durch eine nonnenhaft untätige
Gebets- und Verehrungs-Liebe, sondern nur durch die Werke der Liebe, die ein
ersprießliches Wohltun gegen den Nächsten zum Grunde haben, so müssen unsere
Schüler, um den wahren Himmel zu erreichen, sich nun auch gefallen lassen, sich
in einen ernstlich tätigen Zustand zu begeben. –
[GS.02_120,02] Worin aber besteht dieser? Das
werden wir mit wenigen Worten gesagt haben. – Sehet an die naturmäßig-geistige
Sphäre eurer Erde oder das sogenannte „Mittelreich“, welches auch den Namen
„Hades“ führt, und ungefähr das ist, was ihr als Römischgläubige, freilich
stark irrig, unter dem „Fegfeuer“ verstehet. Am besten kann dieses Reich einem
großen Eintrittszimmer verglichen werden, wo alle ohne Unterschied des Standes
und Ranges eintreten und sich dort zum ferneren Eintritt in die eigentlichen
Gastgemächer gewisserart vorbereiten.
[GS.02_120,03] Also ist auch dieser Hades
jener erste naturmäßig-geistige Zustand des Menschen, in den er gleich nach dem
Tode kommt.
[GS.02_120,04] Denn niemand kommt entweder
sogleich in den Himmel noch in die Hölle, außer es müßte im ersten Falle jemand
schon auf der Erde entweder vollkommen wiedergeboren sein aus der reinen Liebe
zum Herrn, oder er müßte im zweiten Falle ein böswilligster Frevler gegen den
Heiligen Geist sein. Im ersten Falle wäre sonach der Himmel ohne Eintritt in
das Mittelreich, im zweiten Falle aber sogleich die unterste Hölle zu erwarten.
Der Himmel im ersten Fall darum, weil ihn ein solcher Mensch schon in der
höchsten Vollendung in sich trägt, und im zweiten Falle die Hölle darum, weil
ein solcher Mensch alles Himmlischen ledig geworden ist. Doch das ist nur eine
Nebenbemerkung, die nicht zur Sache gehört; daher wollen wir uns dabei auch
nicht länger aufhalten, sondern sogleich unsere Blicke dahin wenden, wo und was
unsere Schüler zu tun bekommen.
[GS.02_120,05] Dieses große Mittelreich ist
die Hauptwerkstätte für alle himmlischen Geister. Da bekommen alle vollauf zu
tun. Denn denket euch diesen Ort, der jede Stunde eures Tages über fünf bis
siebentausend neue Ankömmlinge erhält. Diese müssen sogleich durchgeprüft und
an den ihnen vollkommen entsprechenden Ort gebracht werden oder: sie müssen
sobald in einen solchen Zustand hineingeleitet werden, der mit ihrer Grundliebe
in eins zusammenfällt. Daher müssen sie in all ihren Neigungen erforscht und
erprobt werden. Wohin sie dann am meisten neigen, dahin muß ihnen auch geistig
der Weg geöffnet sein.
[GS.02_120,06] Auf der Welt tut sich das
freilich nicht; denn das wäre der barste sogenannte St. Simonismus, welcher in
kürzester Zeit die ganze Erde in ein Raub- und Mordnest verwandeln möchte. Aber
im Geisterreiche wird eben dieser St. Simonismus beobachtet, und ein jeder kann
demzufolge seiner Neigung ungehindert nachgehen. –
[GS.02_120,07] Man wird hier freilich sagen:
Wenn es dort so zugeht, wer wird da in den Himmel gelangen? Dort gilt es aber
anders; es heißt: Jeder Arzt muß seinen Patienten vom Grunde aus erkennen,
bevor er ihm eine Medizin verschreiben kann, die ihn vom Grunde aus heilen
soll. Denn jenseits ist niemandem mit einer Palliativ-Kur etwas gedient. Also
muß jenseits gewisserart werktätig ein jeder neue Ankömmling ein
Generalbekenntnis seines Lebens von A bis Z ablegen. Ist solches geschehen,
dann erst geschieht eine Veränderung des Zustandes, welcher die vollkommene
Enthüllung heißt. In diesem Zustande steht ein jeder Geist völlig nackt da und
gelangt dann in einen dritten Zustand, welcher die Abödung, wohl auch die
Abtötung alles dessen genannt wird, was der Mensch von der Welt an Sinnlichem
mitgenommen hat.
[GS.02_120,08] Von da aus erst kommt der Geistmensch
dann im guten Falle in den Himmel oder im schlimmen Falle in die erste Hölle.
[GS.02_120,09] Wie sich dieser Ort der
Abödung in der Erscheinlichkeit darstellt, hat euch mein Vorgänger in der
abendlichen Gegend hinreichend gezeigt, als ihr euch in der stockfinsteren
Gegend unter den „Moosessern“ befunden habt. Wie diese Geister dann daraus nach
und nach in den ersten Himmel gelangen oder auch gleicherweise in die erste
Hölle, das alles habt ihr bildlich klar dargestellt gesehen.
[GS.02_120,10] Daher können wir nun sogleich
die Frage lösen, was bei all diesen Gelegenheiten unsere Schüler eigentlich zu
tun bekommen. Ihr Geschäft ist erforschen und die Wege zu öffnen bis zum Orte
der Abödung. In diesem haben sie vorderhand dann nichts mehr zu tun; denn für
das Weitere müssen schon tüchtigere Engelsgeister sorgen.
[GS.02_120,11] Wie aber geschieht solche
Erforschung und Wegeröffnung? Wir haben früher den sogenannten St. Simonismus
berührt und wollen nun durch ein kleines Beispiel die Sache in aller Kürze so
klar als möglich darstellen. Und so höret denn:
[GS.02_120,12] Ein jeder Mensch, der hier
seinen Standespflichten gemäß gelebt hat und auch bei seinem Austritte aus
dieser Welt mit allen sogenannten geistlichen Gütern versehen worden ist, fragt
jenseits sogleich nach dem Himmel. Er wird auch erscheinlichermaßen sogleich in
einen Zustand erhoben, der für ihn des Himmels Örtlichkeit bildet.
[GS.02_120,13] Solcher Himmel aber wird
allezeit in seiner Wahrheit dargestellt, welche wahrlich himmelhoch verschieden
ist von dem, was der neue Ankömmling in seiner begründeten Idee mit
hinübergebracht hat. Daß ihm aber ein solcher Himmel ebensowenig gefällt, als
wie es hier manchem gegenwärtigen Bischofe, Prälaten und anderen geistlichen
Würdenträgern gefallen möchte, wenn sie auf einmal zum Nutzen ihrer Brüder mit
eigener Hand den Pflug ergreifen müßten, das läßt sich sehr leicht einsehen.
[GS.02_120,14] Daher verlangt auch ein
solcher Himmelsgast, dem es in solch einem (wahren) Himmel gar nicht gut wird,
gleich wieder von selbem hinaus. Und wie er wieder in seinen gewöhnlichen
Zustand zurückkommt, so sucht er sogleich in sich, was ihn auf der Erde am
meisten vergnügt hat. Er findet zum Beispiel, daß schöne Weiber und Mädchen
seine größte Freude auf der Erde waren. Solches merken sobald die ihn
erforschenden und leitenden Geister und stellen ihm vor, daß dieses für den
Himmel nicht taugt, indem seine Begierde unlauter ist. Aber da protestiert er
und spricht: Setzet mich nur auf die Probe, lasset mich zu der schönsten
Weibern und Mädchen, und ich werde mich mit ihnen ganz gebührlich unterhalten.
Nach solcher Äußerung wird dem Gaste sogleich gewillfahrt. Er wird genau in
jene Zustände geführt, in denen er sich nach und nach ganz leibhaftig in all
jenen Szenen befindet, die ihm auf der Welt so viel Vergnügen gemacht haben.
Hier aber weichen die (leitenden) Geister zurück und lassen ihn allein handeln,
doch immer unter ihrer für ihn unsichtbaren Beobachtung.
[GS.02_120,15] Daß der Gast hier alle seine
Szenen repetiert, braucht kaum erwähnt zu werden. Was aber mit ihm weiter
geschieht und was dann das Geschäft unserer Geister ist – davon in der Folge.
121. Kapitel – Jedes Leben hat vom Herrn aus
Seiner Liebe bestimmte Wege.
[GS.02_121,01] Hat der Gast eine solche Szene
einer seiner Hauptleidenschaften durchgemacht, so wird er dann gewöhnlich voll
Ekels gegen solch ein flüchtiges Vergnügen, indem er sich dabei überzeugt, daß
daran nichts Reelles ist. Ihr müsset wissen, daß solche Geister auch jenseits
den Beischlaf pflegen; aber sie empfinden statt des Lustreizes einen sehr
bedeutenden Lustschmerz, und diese Eigentümlichkeit macht ihnen um so eher ihre
Leidenschaft zum Ekel.
[GS.02_121,02] Ist aber eine solche
Leidenschaft auf diese Weise besiegt, dann sucht der Geist in sich etwas
anderes, was ihm sonst auf der Welt Vergnügen machte, z.B. ein Spiel. Ist das
der Fall, so sehnt er sich nach einer Spielgesellschaft. Auch diese wird ihm
gewährt. Er kommt unter bekannte Freunde, und ihr erstes Zusammenkommen
verlangt nichts anderes, als die schnelle Arrangierung eines Spieles. Und
alsbald wird er in den Zustand versetzt, in welchem er alles das findet, was zum
Spiele wie in seinem eigenen Hause auf der Welt vonnöten ist: Karten, Geld u.
dgl. m. Das Spiel beginnt, endet aber dann gewöhnlich mit dem Verlust seines
ganzen Geldes und seines Hauses. Daß er dadurch einen Haß auf das Spiel
bekommt, versteht sich von selbst; aber leider dabei auch auf die Spieler, die
ihm alles abgenommen haben. Aber da sind wieder unsere Leiter sogleich bei der
Hand, zeigen ihm das Nichtige seiner Leidenschaft und wie er sich dadurch von
Gott mehr und mehr entfernt, anstatt sich ihm zu nähern.
[GS.02_121,03] Auf diese Weise taucht in
unserem neuen Gaste wieder alles das auf, was er von seinen Kinderjahren an
getrieben hat. Selbst die Musik, wenn sie eine mehr sinnliche Leidenschaft
ausmacht und mehr als eine mit Hochmut verbundene Gewinnsache betrieben wurde,
kommt dort in gleicher Reihe als böse Leidenschaft vor und wird auf die gleiche
Weise hinausgearbeitet. Auch die Malerei und Poesie, kurz alles, was den
Menschen auf der Welt bei irgendeinem Grade von Vorzüglichkeit zu einem Hochmutseigendünkel
verleitet hat, muß auf eine ähnliche Weise hinausgeschafft werden.
[GS.02_121,04] Aber solches alles muß der
Geist am Ende freiwillig tun, denn niemand wird je zu etwas auf was immer für
eine Weise gezwungen und gewisserart gerichtet, sondern er selbst muß sich
zwingen und sich selbst richten!
[GS.02_121,05] Und das ist eben dann
vorzugsweise das Geschäft dieser leitenden Engelsgeister, daß sie jeden
Neuangekommenen nach und nach vollkommen in sich selbst einführen und ihn allda
alles finden lassen, was er durch sein ganzes Erdenleben nur immer in sich
aufgenommen hat, und zwar zuerst das Gröbere und hernach das Feinere.
[GS.02_121,06] So mancher, besonders der
Römischgläubige, wird das nicht sehr billig finden, denn fürs erste will er von
den gebeichteten Sünden nichts mehr wissen, und fürs zweite glaubt er an ein
besonderes Gericht, welches der Herr mit jedem Verstorbenen gleich nach dem
Tode insbesondere vornimmt.
[GS.02_121,07] Er wird das nicht leichtlich
annehmen, daß der Herr nie jemanden richtet und am allerwenigsten in der
Geisterwelt. Noch eher wäre solches auf der materiellen Welt anzunehmen, wenn
man die mannigfachen Züchtigungen gottvergessener Menschen als ein Gericht
annehmen will, aber in der Geisterwelt hört das alles auf. Der Geist ist
vollkommen frei und kann tun, was er will. Seine eigenen Taten aber sind
hernach erst sein Richter, denn wie seine Liebe ist, so sind seine Taten, und
so auch sein Leben.
[GS.02_121,08] Nur das Einzige ist vom Herrn
von Ewigkeit fest bestimmt, daß ein jedes Leben seine bestimmten Wege hat, über
die es ewig nimmer hinaus kann. Diese Wege aber sind so intim mit der Natur des
Lebens verflochten, daß sie eben mit dem Leben selbst das Leben ausmachen.
Würde man jemandem einen solchen Weg abschneiden, so schnitte man ihm seine
Freiheit und somit auch sein Leben ab. Ein solcher Abschnitt wäre so ganz
eigentlich ein Gericht, welches jedem Geiste den Tod brächte.
[GS.02_121,09] Zugleich aber wäre der Herr
Selbst nicht mehr vollkommen frei, so Er auch nur einem einzigen Geiste die
volle Freiheit nähme; so wie ein Weltrichter schon dadurch nicht mehr frei ist
und sich selbst gerichtet hat, sobald er nur einen Menschen ins Gefängnis
verurteilt. Denn ist er auch sonst in seinem Wirken frei, so ist er aber schon bei
diesem einzigen beschränkt; denn so gut dieser im Gefängnisse schmachtet,
schmachtet auch das Urteil des Richters mit und darf nicht eher aus dem
Gefängnisse als der Gefangene selbst. In der materiellen Welt nimmt sich eine
solche Gefangenschaft freilich nicht sehr einleuchtend aus, aber desto
einleuchtender und wirkungsvoller wird sie in der geistigen Welt.
[GS.02_121,10] Wohl hat der Herr einem jedem
Haupt- und Grundleben ein vollkommen entsprechendes Ziel gesetzt, und zwar
zufolge Seiner unendlichen Liebe und Erbarmung; und dieses Ziel ist eben wieder
kein Gericht, sondern nur ein Sammelpunkt, wo ein jeder Geist sein zerstreutes
Leben und dessen Wirkung vollkommen wiederfinden soll. Solch ein Ziel ist die
Hölle sowohl wie der Himmel, und die Geister in ihrer vollen Freiheit, einem
oder dem andern Ziele zuzuführen, macht sonach das Hauptgeschäft unserer
bekannten Engelsgeister im Mittelreiche aus.
[GS.02_121,11] Wie diese Führung geschieht,
haben wir bereits gesehen, und was hernach mit dem geführten Geiste geschieht,
wissen wir auch. – So bleibt uns nur noch zu erfahren übrig, was nach dieser
Arbeit unsere leitenden Geister für ein anderes Geschäft überkommen. –
122. Kapitel – Weiterführung der Schüler
durch die Planeten und die 7 Sphären der Sonne ihrem himmlischen Ziele zu.
[GS.02_122,01] Auch das wird uns nicht viele
Mühe kosten, denn wir dürfen nur bedenken, daß es außer dieser Erde noch eine
sehr große Anzahl anderer Erdkörper gibt, auf denen ebenso wie auf dieser Erde
freie Wesen wohnen. Das wird sich leicht herausfinden lassen, welche
nächstkommende Beschäftigung unsere Geister überkommen. Ein jeder Erdkörper
gehört irgendeinem ganzen Planetensysteme zu; und je ein ganzes Planetensystem
steht untereinander geistig wie natürlich in einer Wechselverbindung und
Wechselwirkung.
[GS.02_122,02] Das zu eurer Sonne gehörende
Planetensystem ist jedoch das erste, in welches unsere Geister wirkend
übergehen. An erster Stelle steht der Mond. Auf diesem wird von diesen Geistern
freilich mehr ein strafendes als ein freies Lehramt ausgeübt. So sind diese
Geister hier ungefähr das, was bei euch die Elementarlehrer sind, welche neben
dem Lehrbuch auch zugleich eine Zuchtrute in ihrer Hand halten.
[GS.02_122,03] Warum hier solches notwendig
ist, wisset ihr überaus gut. Ihr wisset auch, wie es im Monde aussieht, was es
mit seinen Bewohnern für eine Bewandtnis hat und auch, wie sie unterrichtet
werden. Und so bleibt uns darüber nichts Weiteres mehr zu sagen übrig.
[GS.02_122,04] Von da aus gehen diese Lehrer
mit ihren Schülern nicht etwa sogleich in den Himmel über, sondern in die
geistige Sphäre des Planeten Merkur, wo sich schon höhere Lehrer aufhalten. Von
dem Merkur geht es dann in die Venus; von dieser, größerer Demütigung halber,
in den Mars. Für jene, welche im Mars sich noch nicht den gerechten Grad der
Demütigung zu eigen gemacht haben, wird dann auch ein Abstecher in die, wie ihr
zu sagen pflegt, vier kleinen Planeten gemacht. Bei denjenigen aber, welche im
Mars sich schon einen großen Grad der Demut zu eigen gemacht haben, wird
sogleich eine Erhebung in den Jupiter bewerkstelligt. Vom Jupiter aus erst wird
in den überaus herrlichen Saturn übergegangen, von da in den Uranus und endlich
in den euch schon bekannten letzten Planeten unter dem Namen Miron (Neptun), aber
es versteht sich, überall nur in die geistige Sphäre dieser Planeten.
[GS.02_122,05] Es könnte hier jemand fragen:
Ist denn das der gewöhnliche Weg, welchen alle Geister geführt werden müssen,
um endlich einmal in den Himmel zu gelangen?
[GS.02_122,06] O nein, sage ich, diesen Weg
betreten unter der Leitung der uns bekannten Geister nur diejenigen Menschen,
welche hier sehr naturmäßig und eitel sinnlich waren. Diese müssen auf dem wohl
etwas langwierigen wissenschaftlichen Weg in die Liebe und Weisheit des Herrn
geleitet werden; und das darum, weil die naturmäßige Sinnlichkeit des Menschen
eine Folge der Aufnahme jener Wirkung ist, welche man bei den Menschen die
planetarische nennt.
[GS.02_122,07] Es ist zwar kein Mensch passiv
genötigt, diese planetarische Wirkung in sich aufzunehmen; wenn er sich aber
durch Anreiz des Fleisches und anderer die Sinnlichkeit erregender Vergnügungen
befähigt, so nimmt er dann auch solche Einflüsse halb leidend und halb tätig in
sich auf. Da aber diese Einflüsse zumeist sinnlicher Art sind, so sind sie
schlecht; und der Mensch kann in ihrem geistig entsprechenden Besitze nicht
eher in das Reich der Himmel gelangen, als bis er von all diesen Besessenheiten
ledig wird.
[GS.02_122,08] So ist z.B. eine übertriebene
Reise- und Handelslust eine Einwirkung des Merkur, wie er als solcher schon bei
den uralten Weisen bekannt war. Von der Venus rührt das schöngeistige verliebte
Wesen her, wie es ebenfalls schon den alten Weisen bekannt war; vom Mars die
Kampf- und Herrschlust, wie es auch die alten Weisen gekannt haben; vom Jupiter
eine übertriebene pedantische Ehrsucht zufolge tiefer Gelehrsamkeit; vom Saturn
eine leichte Erregbarkeit der Leidenschaften; vom Uranus eine große Prachtliebe
und vom Miron eine übertriebene Lust zu allerlei Künsten wie Musik, Poesie,
Malerei, Mechanik, Industrie aller Art u. dgl.
[GS.02_122,09] Es ist hier nicht die Rede,
als bekäme der Mensch der Erde solches etwa aus den Planeten; sondern der
Mensch hat solches alles im gerechten Maße ursprünglich in sich und kann es
auch in sich wecken und gerecht gebrauchen. Aber wenn der Mensch sich auf den
einen oder andern Zweig zu sehr wirft, so überschreitet er das Maß der
Einwirkung eines solchen Planeten, weil er den in sich tragenden Planeten
besonders hervorhebt und sich seinem Einflusse preisgibt. Er räumt eben durch
die Erweckung seiner besonderen Leidenschaft den beiderseitigen
wechselwirkenden Polaritäten den ungehinderten Verkehr ein, was nicht schwer zu
begreifen ist für den, der sich von meinen ersten Erläuterungen über die
Ursache des Sehens etwas gemerkt hat, wonach niemand etwas sehen kann, was er
nicht in sich hat. Aus eben diesem Grunde müssen dann solche Geister die
Planetenreise durchmachen und gewisserart auf dem wissenschaftlichen
Erfahrungswege das Fremdartige dort deponieren, von wo sie es aufgenommen
haben.
[GS.02_122,10] Sind sie damit fertig, so
kommen sie in die Sonne, in welcher sie ebenfalls zuerst alle die gleichen
planetarischen Eigenschaften im Grunde des Grundes durchzumachen haben. Erst
nach Beendigung solcher Schule werden sie dann zu den geringsten Wärtern der
kleinen Kinder.
[GS.02_122,11] Die Führer aber werden hier zu
Hauptlehrern. Und haben sie eine Schule bis zur Vollendung durchgemacht, dann
erst werden sie als Bürger der heiligen Stadt Jerusalem aufgenommen, wo sie
jedoch zuerst die bei weitem Allergeringsten sein müssen, und müssen sich da
leiten lassen von den Hauptbürgern für allerlei großartige himmlische
Geschäfte, welche aufzuzählen eine Welt voll Bücher nicht fassen würde! Denn
wie die Schöpfungen des Herrn unendlich sind, so unendlich verzweigt sind auch
die Geschäfte der Engel des obersten Himmels.
[GS.02_122,12] Nun wisset ihr den ganzen
Fortgang und die endliche Bestimmung der Kindergeisterengel und kennet somit
auch die geistige Einrichtung der Sonne. – Und somit ist auch mein Lehramt für
euch zu Ende. Kehret daher wieder dorthin zurück, wo der Herr Selbst euer
harret! –
123. Kapitel – Rückblick auf die geschauten
zehn Geistersphären.
[GS.02_123,01] Der Herr: Nun seid ihr wieder
hier: Möchtet ihr Mir nicht in eurem Gemüte kundtun, was alles ihr bei Meinem
Johannes gesehen, erfahren und somit gelernt habt? Ihr stehet jetzt wohl voll
Achtung vor Mir und saget in euch: Was sollen wir Dir, o Herr, erzählen, Dir,
dem unsere Gedanken schon bekannt waren, bevor wir sie gedacht haben, ja noch
eher, als eine Sonne die Strahlen aus der weiten Unendlichkeit an sich zog, um
sie dann wieder aus sich mit vielfach erhöhter Kraft strahlen zu lassen? –
[GS.02_123,02] Ja, Meine lieben Kinder, ihr
habt recht, der Vater weiß zwar alles, aber dessen ungeachtet bespricht Er sich
gerne mit Seinen Kindern, als wüßte Er nicht alles. Ich aber sehe in euch eine
geheime Frage und diese lautet also:
[GS.02_123,03] O Vater, Du ewige Liebe und
Wahrheit! Unbegreiflich groß und über alle menschlichen Begriffe wunderbar ist
das, was wir nun in den Sphären Deiner Engelsgeister vom ersten bis zum letzten
gesehen, gehört, erfahren und gelernt haben. Nun aber möchten wir von Dir dazu
noch ein heiliges Wort vernehmen, das uns kundtut, ob alles das wirklich also
die volle Wahrheit ist?
[GS.02_123,04] Sehet, Meine lieben Kinder, so
lautet eure geheime Frage, und Ich antworte euch darauf also: Gleich im
Anfange, als wir das äußere Zifferblatt unserer Uhr betrachtet haben, oder
vielmehr die Außensphäre der geistigen Sonne, habe Ich euch gesagt, wie der
Himmel und die ganze geistige Welt sich nicht irgend örtlich zur
Erscheinlichkeit darstellen, sondern sie sind, wie alle geistige Welt, in den
Geistern selbst. Oder: die Lebenssphäre eines Geistes ist seine Welt, die er
bewohnt.
[GS.02_123,05] Ich zeigte euch, um euch davon
zu überzeugen, ein Gleichnis, in welchem ihr ein sogenanntes Diorama
beschautet. Diesem Gleichnisse gleich führte Ich dann vor euch nach einer
gewissen Ordnung die hier noch anwesenden zehn Geister und zeigte euch dabei
an, wie ihr allda ebenfalls ein geistiges Diorama treffen und in der Sphäre
eines jeden Geistes ein anderes Bild der geistigen Welt zur Beschauung bekommen
werdet.
[GS.02_123,06] Solches war auch der Fall, wie
ihr euch bisher nun zehnfach überzeugt habt, indem ihr in der Sphäre eines
jeden dieser zehn Engelsgeister allezeit die geistige Welt in einer ganz
anderen Form schautet. Das ist nun mehr als sonnenklar vor euch; und Ich habe
euch noch hinzugesagt, daß ihr dieses geistige Diorama in ebendenselben
Geistern wiederholtermaßen durchgehen könnet und ihr die geistige Welt wieder
in einer ganz anderen Form erschauet.
[GS.02_123,07] Also dürftet ihr auch in die
Sphären noch anderer Geister treten, und ihr würdet in einer jeden solchen
Sphäre wieder eine ganz andere Form der geistigen Welt sowohl in ihren
einzelnen Verhältnissen wie in ihrem Gesamtbestande erblicken. Darnach aber
betrachtet, kann Ich euch auf eure Frage auch keine allgemein bestimmte Antwort
geben, außer daß Ich euch sage, es verhält sich hier in allem also: Wie der
Same, so die Frucht, wie die Werke, so der Lohn, und wie die Liebe als Grund
der Werke, also die Form der Welt, die sie geistig in sich erschafft.
[GS.02_123,08] Ihr habt zwar verschiedene
Formen geschaut, aber dennoch überall eine und dieselbe Wahrheit. Denn an der
Form liegt nichts, sondern alles nur an der Wahrheit.
[GS.02_123,09] Und so wollte Ich euch nicht
etwa zeigen, wie der Himmel, die geistige Welt oder die Hölle aussehen, sondern
nur, wie sich dieses alles nach der Art der Liebe in eines jeden Menschen
Geiste ausbildet. –
[GS.02_123,10] Aus dem Grunde habt ihr im
überreichen Maße tausenderlei Formen geschaut, und bei jeder Form ward euch die
innere Wahrheit kundgetan. Und somit kann Ich euch sagen, daß ihr in der Sphäre
der Wahrheit den ganzen Umfang des geistigen Lebens gesehen habt.
[GS.02_123,11] Was aber natürlich die Formen
betrifft, so gehen diese so sehr in das Unendliche, daß ihr sie in Ewigkeiten
der Ewigkeiten nicht im geringsten Teile werdet völlig erschauen können! – Und
so könnet ihr damit vollkommen ruhigen Gemüts in der Fülle der Wahrheit
zufrieden sein; besonders wenn Ich euch noch hinzusage, daß, solange diese Erde
von Menschen bewohnt wird, die geistigen Lebensverhältnisse noch nie so
umfassend und völlig enthüllt kundgegeben wurden wie dieses Mal.
[GS.02_123,12] Was immer da jemand sucht, in
was immer für einem Verhältnisse er sich befindet, er kann in dieser
Offenbarung auf ein Atom genau finden, wie es mit ihm steht.
[GS.02_123,13] Wer dieses alles mit tiefer
Aufmerksamkeit und großer Andacht lesen wird, der wird die große überzeugende
Wahrheit nicht nur in dieser Sonnen-Offenbarung, sondern lebendig in sich
selbst finden.
[GS.02_123,14] Damit aber ein jeder das alles
in sich selbst als vollkommen wahr finden möge, will Ich in der noch kurzen
Folge einige Gleichnisse und Bilder hinzufügen, welche alle die geheimen Winkel
dieser Offenbarung erleuchten sollen. – Für heute daher Meinen Segen und damit
gut! –
124. Kapitel – Jeder Mensch trägt ein anderes
Samenkorn für die Entwicklung der geistigen Welt in sich.
[GS.02_124,01] Wenn ihr im Evangelium
nachleset, so werdet ihr mit leichter Mühe finden, unter welchen allgemeinen
Bildern Ich Selbst das Himmelreich dargestellt habe. Unter den Gleichnissen
findet sich das vom Senfkörnlein vor. Dieses Gleichnis ist eben auch dasjenige,
welches am allermeisten hierher taugt. Klein ist dieses Korn; wer sieht in ihm
die baumartig große Pflanze? Doch trägt dieses Senfkörnlein eine ganze
Unendlichkeit seinesgleichen in sich. Zahllose ganz gleiche Senfkörnlein können
aus dem einen hervorgehen. Säet aber zahllose solche Senfkörnlein in das
Erdreich, und ihr werdet wohl lauter gleiche Pflanzen daraus bekommen. Aber was
die gewisse Symmetrie der Form betrifft, da wird nicht ein Stamm dem andern
gleichen, so wenig, als ihr imstande seid, auf einem und demselben Baume zwei
vollkommen gleich symmetrische Blätter zu treffen.
[GS.02_124,02] Wer dieses Beispiel von diesem
Gesichtspunkte faßt, der wird daraus doch sicher den Schluß ziehen und sagen:
An der symmetrischen Form, welche man eine bleibende oder konstante nennen
könnte, liegt nichts; denn ob ein Blatt auf diesem oder jenem Punkte des
Stammes oder eines Astes und Zweiges hervorkommt, ob es etwas größer oder
kleiner oder ob der Stamm selbst höher oder niederer dem Boden entwächst, mehr
oder weniger Äste und Zweige schießt und diese allezeit in einer anderen
Ordnung, so macht das alles nichts, wenn nur der Stoff der Pflanze und deren
Brauchbarkeit eine und dieselbe bleibt.
[GS.02_124,03] Sehet, das ist im Grunde
nichts anderes, als so Ich euch sage: An der Form oder an dem Erscheinlichen
der Geisterwelt liegt an und für sich gar nichts, wenn nur alle diese endlos
verschiedenen Formen und Erscheinungen eine und dieselbe Wahrheit und einen und
denselben Zweck zum Grunde haben.
[GS.02_124,04] Und so trägt denn ein jeder
Mensch ein anderes Samenkorn für die Entwicklung der geistigen Welt in sich,
welches in ihm aufgeht und endlich zu einem Baume wird, der die Form der
inneren Welt ist.
[GS.02_124,05] Wenn ihr verschiedene
Samenkörner in die Erde streuet, und das in eine und dieselbe Erde, meinet ihr
wohl, daß daraus ganz gleiche Gewächse zum Vorscheine kommen, oder daß selbst
aus einer und derselben Art Samenkörner ein vollkommen gleiches Gewächs
hervorwächst? O mitnichten, überall etwas anderes und bei gleichartigem Samen
wenigstens ein anderes Bild.
[GS.02_124,06] Aber alles dessen ungeachtet
bleibt sich der Grundstoff gleich; und ihr könnet auf chemischem Wege alle
Materie zerlegen, wie ihr nur immer wollt und könnt, und dennoch werdet ihr bei
der letztmöglichen Zerlegung auf nichts als zwei Urgrundstoffe kommen, nämlich
auf den euch wohlbekannten sehr flüchtigen Kohlenstoff und auf den
zusammenziehenden Sauerstoff.
[GS.02_124,07] Sehet, das ist wieder gleich
der Grundwahrheit und dem Hauptzwecke aller Formenerscheinlichkeit im Reiche
der Geister.
[GS.02_124,08] Überall ist nur ein Gott, ein
Vater, eine Liebe, eine Weisheit, und aus ihr geht hervor das Unendliche wie
das Ewige!
[GS.02_124,09] Beschauet das Gewölk, das
tagtäglich über eurer Erde Boden in der Luft dahinzieht. Habt ihr an selbem je
schon eine beständige Form entdeckt? Werdet ihr es am Abende gleich erblicken
wie es am Morgen steht oder am nächsten Tage oder in einem nächsten Jahre?
[GS.02_124,10] Endlos verschieden verändern
sich die Formlinien des Gewölkes; nie erblicket ihr ganz dieselben wieder, die
ihr schon geschaut habt. Beirrt euch aber das in eurem Dasein? Sicher nicht,
denn es mag die Wolke unter was immer für einer Form in der Luft dahinschweben,
sie bleibt deswegen doch nur eine Wolke, als nur eine Wahrheit, und ihr Zweck
ist, den Regen zu geben, und das ebenfalls in einer und derselben Art, wenn
alle Bedingungen ordnungsmäßig vorhanden sind, die zur Erzeugung des Regens
vonnöten sind.
[GS.02_124,11] Und so liegt hier wieder
nichts an der Form, sondern einzig und allein nur alles am Grunde und am
Zwecke.
[GS.02_124,12] Überhaupt, was das
erscheinliche Wesen betrifft, so ist dessen stets andere Form nur zur Weckung
des Geistes da, der darin sein Wonnegefühl findet. Denn unter einem ewigen
vollkommenen Einerlei würde alles in einen ewigen Schlaf dahinsinken.
[GS.02_124,13] Nur muß der Mensch sein Heil
und seine Seligkeit nicht in der Form, sondern in der Realität, in der
Wirklichkeit suchen. Was die Form betrifft, so habe Ich für ihren ewigen, stets
neu reizenden Formenwechsel schon von Ewigkeit her gesorgt; und es gilt auch
dafür der Grundtext aus dem Evangelium:
[GS.02_124,14] „Suchet vor allem das Reich
Gottes und seine Gerechtigkeit; alles andere wird euch hinzugegeben werden.“
[GS.02_124,15] Fraget daher nicht diesen oder
jenen: Wie sieht der Himmel aus und wie die Geisterwelt? Denn alles das ist
eitel! Sondern suchet jegliches Wort von Mir in euch lebendig zu machen durch
die Werke der Liebe; und ihr habt dann schon den Himmel lebendig in euch und
alles, was der Geisterwelt ist.
[GS.02_124,16] Denn es wird nie jemand in
einen Himmel kommen, der so aussehen wird, wie er ihn so oder so beschrieben in
sein Gedächtnis und Vorstellungsvermögen aufgenommen hat. Ein jeder trägt den
eigenen Himmel und die eigene Geisterwelt in sich, deren Form sich allezeit
nach der Art der Liebe richten wird, die in ihm ist, und nach den Werken, die
aus ihr hervorgegangen sind.
[GS.02_124,17] Jemand möchte einem Fremden
die Gestalt eines Apfelbaumes dadurch vollkommen erkenntlich machen, indem er
zu ihm spricht: Siehe, da vor uns steht ein Apfelbaum; merke dir genau die Höhe
und Dicke des Stammes, genau die Lage seiner Äste und Zweige und ebenso die
Blätter und die Rinde, und du wirst jeden Apfelbaum erkennen, der dieser Form
vollkommen entspricht. Der so Unterrichtete zeichnet sich die Form des Baumes
genau auf und geht damit in einen großen Baumgarten, der nahe aus lauter
Apfelbäumen besteht. Er paßt seine aufgezeichnete Form überall an; da er aber
diese nicht völlig wiederfindet, so existiert für ihn in diesem Baumgarten kein
Apfelbaum.
[GS.02_124,18] Also soll sich niemand in
irgendeiner Erscheinlichkeit begründen; denn da wird er allezeit hohl ausgehen.
Wenn er aber die Sache im Geiste der Wahrheit nimmt, so wird er unter einer
jeden Form die Wahrheit finden und den Weg und das Leben!
[GS.02_124,19] Diese Sache ist von großer
Wichtigkeit; daher soll all dieses Gegebene jedermann wohl überdenken und es
genau in sich prüfen, damit er zufolge dieser Prüfung der Weisheit wahren
Grundstein finden möchte. Also ist es und wird es sein ewig wahr und gut. – Zur
näheren Beleuchtung alles dessen nächstens der Beispiele mehr! –
125. Kapitel – Das Himmelreich ist gleich
dieser gegenwärtigen Zeit.
[GS.02_125,01] Was ferner noch „das
Himmelreich“ betrifft, so ist es gleich dieser eurer gegenwärtigen Zeit, welche
wieder gleich ist dem Sämann im Evangelium, der da guten Samen ausstreute, von
dem ein Teil auf den Weg, ein Teil ins Gebüsch, ein Teil auf Steinboden und nur
ein Teil auf gutes Erdreich fiel.
[GS.02_125,02] Sehet eure Zeit an, ob sie nicht
dem Sämanne und dem Himmelreiche gleicht?
[GS.02_125,03] Das Wort wird allenthalben
ausgesät; allerorts leben noch geweckte Menschen, die das Wort aus dem innern
Grunde erläutern. Allein die Bedürfnisse der Menschheit in der gegenwärtigen
Zeit sind gleich geworden dem Wege, auf den der Same fällt, oder: sie sind rein
weltlich geworden. Daher macht das Wort bei ihnen gerade solch einen Eindruck,
als würfe man Erbsen an die Wand, da keine hängen bleiben wird und noch weniger
Wurzeln schlagen in dem harten, steilen und glatten Grunde.
[GS.02_125,04] Daher dürfte Ich alle Engel
des Himmels herabsenden und von ihnen das Wort des Lebens allorts verkünden
lassen auf die wunderbarste Weise – heute, morgen und übermorgen werden es die
Menschen erschüttert anhören und annehmen, aber hernach werden sie anfangen,
das Wunder ganz gleichgültig zu betrachten und werden dabei ihren
Weltgeschäften nachrennen wie zuvor.
[GS.02_125,05] Das sind die industriellen
Menschen und deren nimmer zu sättigenden Bedürfnisse. Sie gleichen dem Gebüsch
und den Dornen. Geht anfangs das Wort auch auf, so wird es aber dennoch bald
erstickt, und die Menschen werden hernach gleichgültiger gegen dasselbe als
zuvor. Denn erst sprachen sie: So wir es auf einem wirklich wunderbaren Weg
erhielten, da wollten wir ja glauben und darnach tun. Ich aber willfahre auch
diesem Wunsche. Fast an allen Orten spende Ich es nun, wie hier, wunderbar aus.
Welche Wirkungen aber macht es? Höchstens hie und da politische
Bedenklichkeiten; das ist aber auch schon das meiste. Daß sich aber jemand
daran kehren möchte – dieses gute Erdreich – wo ist es?
[GS.02_125,06] Ich sage: Wo hundert Millionen
Menschen leben, da ist viel zu viel mit tausend gesagt, die sich daran wahrhaft
lebendig kehren möchten. Was nützen darunter zehn oder hundert Tausende, die
das wohl recht gläubig anhören, wenn es aber aufs Tun ankommt, so lassen sie
sich von einem Tage bis zum andern Zeit; denn sie sagen: Warum sollte man sich
denn gar so anstrengen, um ein ewiges Leben zu erlangen? Gibt es ein ewiges
Leben, wie sie es glauben, so wird es wohl nicht schwer sein, dasselbe zu
erlangen; daher nur lustig gelebt und am Ende dennoch selig gestorben! Was
braucht man darüber mehr?
[GS.02_125,07] Da haben wir aber auch
zugleich den steinigen und sandigen Grund. Dieser nimmt wohl den Samen an, und
er geht auch bis zur Hälfte auf; aber der Boden hat keine Feuchtigkeit, und so
geht am Ende noch das was aufgegangen ist zugrunde!
[GS.02_125,08] Also hält sich der alleinige
Glaube nie, wenn er nicht durch die Tat belebt wird; gleich wie durch die pure
Theorie ohne tatsächliche Übung und Anwendung derselben niemand ein praktischer
Mensch wird.
[GS.02_125,09] So könnt ihr jetzt auch eine
Legion um die andere moralischer und religiöser Plauderer finden. Aber alle
diese Plauderer wollen an sich keine Probe machen und nicht ein Steinchen mit
einem Finger anrühren. Ein jeder glaubt schon damit etwas außerordentlich
Verdienstliches geleistet zu haben, wenn er nur gut gepredigt und durch sein
moralisches und religiöses Geplauder allenfalls einige dumme Andächtler und
Schwärmer zuwege gebracht hat.
[GS.02_125,10] Niemand aber will im Ernste
die Wege versuchen, durch welche er unmittelbar dahin gelangen möchte, wo er
mit Mir Selbst in Verbindung träte und dann aus Meinem Munde eine lebendige
Lehre bekäme, die ihn erst zu einem guten Erdreiche umgestalten könnte.
[GS.02_125,11] Es gibt zwar eine Menge
Gottesgelehrte und Theosophen, darunter aber kaum einen, der nach dem
Evangelium Johannis wirklich von Gott gelehrt wäre, das da kündet, daß alle
sollen von Gott gelehrt sein!
[GS.02_125,12] Fürwahr, so Ich nicht aus
Meiner großen Erbarmung heraus hier und da jemanden aufrütteln möchte,
gleichwie ein emsiger Hausherr sein träges und faules Gesinde aufrüttelt, so
wüßte von den Zeiten der Apostel angefangen bis jetzt beinahe kein Mensch, was
„das lebendige Wort“ ist und was es heißt „von Gott gelehrt sein“.
[GS.02_125,13] Die derzeitigen
Gottesgelehrten stellen Mich lieber ganz geheimnisvoll über alle Sterne und
lassen Mich da in einem völlig unzugänglichen Lichte sitzen. Warum aber tun sie
das? Sie tun das aus verschiedenen Gründen. Der erste wäre z.B. der: Weit weg
ist gut vor dem Schuß. Der zweite möchte also lauten: Keinem Menschen ist es
sonach möglich, sich Gott so zu nähern, daß er von Ihm gelehrt würde. Und noch
ein Grund, der sich auf den vorigen stützt, lautet also: Gott hat dem Menschen
Vernunft und Verstand gegeben; das ist das lebendige Wort Gottes im Menschen.
Wer sich darnach kehrt, der lebt nach dem Willen Gottes, und wer seinen
Verstand und seine Vernunft ausbildet, der ist schon von Gott gelehrt; denn
niemand kann von Gott unmittelbar, sondern nur mittelbar gelehrt werden, indem
Gott ja über allen Sternen im unzugänglichen Lichte wohnt.
[GS.02_125,14] Wenn dann gegenüber diesen
geheimnisvollen theosophischen Thesen Ich dennoch hie und da jemanden erwecke,
der dann unmittelbar von Mir ein lebendiges Wort empfängt, so wird er vom
größten Teile der gegenwärtigen Menschheit als ein Narr und Schwärmer erklärt,
mitunter auch als ein Betrüger und Scharlatan, der sich einige Fähigkeiten
seines Verstandes zugute zu machen versteht. Saget, ob es nicht also ist?
[GS.02_125,15] Es werden euch verschiedene
Männer nicht unbekannt sein, die das lebendige Wort hatten, und das aus der
neuen Zeit, vom achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert wie auch manche aus
früheren Jahrhunderten. Was aber ist ihr Los? Die stumme Vergessenheit. Der
gelehrten Welt genügt, daß sie ihre Namen kennt. Was aber diese Männer aus Mir
gelehrt haben, das geht sie nichts an. Und wenn es auch noch hier und da einen
oder den andern gibt, der ein solches Buch liest, so kommt er aber bald auf
Sätze, die mit seiner Vernunft nicht übereinstimmen. Er verwirft daher auch
bald das Ganze und läßt sonach unseren von Mir gelehrten Mann ruhen.
[GS.02_125,16] Wenn es gut geht, so läßt man
höchstens Mir allein noch einige Gerechtigkeit widerfahren; aber Meine Boten
sind lauter Narren und Betrüger.
[GS.02_125,17] Ist nicht eure Zeit so
beschaffen? Ich meine, das kann ein jeder mit der Hand greifen.
[GS.02_125,18] Da aber das Himmelreich keine
irgendwo vorhandene Örtlichkeit ist, sondern nur vollkommen ein Zustand des
Lebens, so ist das Himmelreich auch vollkommen gleich eurer Zeit, und zwar
dieser Zeit, nämlich karg, armselig, klein, selten.
[GS.02_125,19] Und wo es noch ist, daselbst
ist es nicht rein. Wird aber das wohl ein Himmelreich sein, so es nicht ganz
rein ist? Ich sage euch: Das Himmelreich ist in dieser Beziehung sehr relativ,
und das darum, weil einem jeden Narren seine Kappe am besten gefällt.
[GS.02_125,20] Ein jeder findet in seiner
Dummheit sein Himmelreich. Ob das wahre aus Mir, das ist eine andere Frage.
Dieses ist wahrlich selten, karg und spärlich geworden. Warum? Weil bei den
Menschen das gute Erdreich ausgegangen ist! Daher mag Ich nun auch den
allerbesten und reinsten Samen säen, wie Ich will, so fällt er dennoch auf
lauter Wege, zwischen Dornen und auf steinigen Boden, hie und da zwischen eine
Ritze am Wege. So gehen auch zwischen einer Steinkluft aus einer Million Körner
etwa tausend auf und hundert erreichen die Reife. Und das ist dann die ganze
Ernte und das ganze Himmelreich! Das ist doch sicher karg, selten und spärlich!
[GS.02_125,21] Aus dem könnt ihr abermals
ersehen, daß alles bisher Gesagte seinen guten Grund hat, daß an der oberflächlichen
Erscheinlichkeit des Geistigen ebensowenig gelegen ist wie an den Erscheinungen
der Zeit. Sie sind taub und hohl, aber für den Weisen sind sie eine Schrift,
aus deren Grundzügen er mit leichter Mühe die innere Wahrheit findet; denn
einer jeden Erscheinlichkeit geht ein wirkender Grund voraus. Ist die
Erscheinlichkeit edel und gut, so wird es auch in gleichem Maße der Grund sein;
ist die Erscheinlichkeit aber unedel, das heißt weltlich, materiell und
schlecht, so wird auch ihr Grund gleichen Maßes sein.
[GS.02_125,22] Wer denn alles Geistige in
seiner wahren Gestalt erschauen will, der binde sich nicht an das
Erscheinliche, sondern er bediene sich dessen nur zur Erforschung des geistigen
Grundes. Hat er diesen, so hat er das ganze Wesen aller Geisterwelt. – Wie aber
dieser aus dem Erscheinlichen zu erforschen ist, soll in der Folge gezeigt
werden. –
126. Kapitel – Ein Baum als Beispiel vom
Wesen des Geisterreiches.
[GS.02_126,01] Im Verlaufe der ganzen
Mitteilung aus dem Gebiete des geistigen Sonnenreichs ist wohl in dieser
Hinsicht jedes einzelne kleinste Verhältnis gezeigt worden, wie die Geisterwelt
mit der naturmäßigen zusammenhängt; und man könnte darum hier füglich sagen: Um
aus den Erscheinlichkeiten auf den Grund schließen zu können, wäre es beinahe
unnötig, hier noch etwas Weiteres zu sagen, indem eben dieser Gegenstand im
Verlaufe der ganzen Mitteilung in all seinen Zweigen hinreichend beleuchtet
worden ist.
[GS.02_126,02] Ich aber sage: Des Guten hat
der Mensch nie zu viel; wohl aber des Schlechten. Denn viel Gutes mag oft das
Schlechte nicht bessern; aber ein wenig Schlechtes kann oft viel Gutes
verderben!
[GS.02_126,03] Und so wollen wir auch noch
durch manche anschauliche Beispiele unseren vorliegenden Gegenstand so klar als
möglich beleuchten.
[GS.02_126,04] Seht an einen Baum. Sein
Wesen, wie es da ist, stellt euch das ganze Wesen der Geisterwelt in ihrem
Verhältnisse zur naturmäßigen Welt in entsprechender Erscheinlichkeit dar.
[GS.02_126,05] Das Inwendigste des Baumes,
der Kern also, ist das Himmlische, der Stamm, die Äste und die Zweige sind das
eigentliche Geisterreich, das sein Leben vom inwendigen Kerne hat. Über dem
Holze des Stammes werdet ihr die Rinde erblicken, die das Außenerscheinliche
des Baumes ist. Die Rinde an und für sich ist tot; aber unter der äußeren toten
Rinde befindet sich noch eine andere Rinde, die ihr „die lebendige“ nennt.
Diese ist gleich dem Verbindungszustande, wo das Geistige in das Materielle
übergeht.
[GS.02_126,06] Betrachten wir die Wirkung
dieser Rinde. Aus ihr geht zuerst die äußere tote Rinde hervor, und wieder geht
aus dieser lebendigen Rinde all das vergängliche Blätterwerk, wie auch die
äußere Form der Blüte und endlich selbst die äußere Schale der Frucht hervor.
[GS.02_126,07] Alle die Produkte aber sind
nicht bleibend; sie fallen nach der Zeit, wenn sie ihre Dienste geleistet
haben, ab.
[GS.02_126,08] Seht, so ist es mit der Welt
und allem dem, was ihr angehört. Alles das gleicht der äußeren Rinde, den
Blättern und Blüten, aber auch endlich den Früchten eines Baumes. Diese fallen
ab. Aber der Baum besteht und trägt in seinem innern Leben zahllosfältig das
Außenbild des Erscheinlichen und Vergänglichen. Wie kann man aber nun aus dem
Erscheinlichen auf den inneren wahren Grund schließen? Ich sage: Auf die
leichteste Weise von der Welt. Ihr dürfet nur das Erscheinliche euch
verunendlichfältigt und zugleich zweckdienlich gesamtwirkend vorstellen, so
habt ihr den Grund des Geistigen schon vor euch.
[GS.02_126,09] Der Hauptgrund aber ist
ersichtlich dadurch zu finden, daß ihr die ganze vieljährige vegetative Aktion
eines Baumes betrachtet. Sie besteht in nichts anderem, als in der steten
Mehrung und fortwährend sich steigernden Kräftigung des Lebens.
[GS.02_126,10] Ganz einfach wird dieses in
einem einzelnen kleinen Samenkorne in die Erde gelegt. Welche Lebenskraft
ursprünglich in diesem Samenkorne ist, z.B. in einer Eichelnuß, kann ein jeder
Mensch erproben, wenn er eine solche Nuß in seine Hände nimmt und damit spielen
kann wie mit einer Federflaume.
[GS.02_126,11] Wenn aber diese unbedeutende
Eichelnuß in die Erde gelegt wird, so fängt sich in ihr das vegetative Leben an
zu kräftigen. Ein junger Eichbaum mit höchstens zwei Blättern wird zuerst
ersichtlich. In diesem ersten Stadium ist das vegetative Leben des werdenden
Eichbaumes noch schwach. Es übertrifft das Gewicht der vorigen glatten Eichnuß
kaum um das Zehnfache. Aber betrachten wir es nur um dreißig Jahre später. Da
hat es sich schon eine so mächtige vegetative Lebenskraft angeeignet, daß ihr an
seinem Stamme mehrere Pferde anbinden könnet, und sie werden ihn mit ihrer
riesigen Kraft dem Boden nicht zu entreißen vermögen. Betrachtet es aber in
einem Alter von hundert Jahren. Welch ein riesiger, majestätischer Baum, und
welche allen Stürmen trotzende Kraft in ihm! Wieviel tausendfältig hat diese
hundertjährige Eiche in den gleichen Eichelnüssen ihr ursprüngliches kleines
vegetatives Leben reproduziert und wie mächtig hat sie durch ihre Abfälle und
dadurch gewisserart mit dem Überflusse ihrer vegetativen Lebenskraft den Boden
um sich her gedüngt und ihn zur steten Vermehrung der eigenen Lebenskraft
belebt!
[GS.02_126,12] Kurz, ein solcher Baum ist zu
einer Welt voll Lebens geworden. Und das alles kam von einer einzelnen
unbedeutenden Eichelnuß.
[GS.02_126,13] Sehet, also geht ursprünglich
von Mir nur ein Fünklein der Lebenskraft aus, mit dem Vermögen ausgerüstet,
sich als eine Lebenskraft bis ins Unendliche zu stärken und zu kräftigen. Und
dazu dient eben diese Erscheinlichkeit am Baume zu jedermanns klarster
Einsicht.
[GS.02_126,14] Wir sagten ehedem: Aus der
lebendigen Rinde geht das erscheinliche Blätterwerk hervor, die äußere Blüte
und selbst die Schale der Frucht. In der Frucht selbst bekommt der Keim des
Kernes nur ein überaus kleinstes Fünklein aus dem allgemeinen Leben des
Baumkernes. Der Kern wird samt der Frucht reif und stellt den Menschen in
seiner Welterscheinlichkeit dar. Höchst einfach und wenig sagend ist seine
außenerscheinliche Form und gering seine Kraft. Aber er ist gleich einer Eichelnuß.
Wenn er in das gute Erdreich Meines Willens gelegt wird, da geht sein innerer
Keim auf, und dieser wird endlich selbst zum mächtigen Baume, dessen Kraft die
Kraft zahlloser ehemaliger Eichelnüsse übertrifft.
[GS.02_126,15] Und sehet, so hat ein jeder
Mensch den Keim seines geistigen Zustandes, der die eigentliche Geisterwelt
ist, schon in sich. Er ist auf dieser Welt ein Lebensfünklein, das sich
kräftigen soll zu einer Lebenssonne. Aus seinem atomgroßen Lebenskeime soll ein
riesiger mächtiger Lebensbaum werden. Und also ist es.
[GS.02_126,16] Wie die Eichelnuß zahllose
Wälder voll riesiger Bäume in sich trägt, die sich alle aus dem einzelnen Kerne
entwickeln können, so trägt auch der Mensch in seinem klein scheinenden Leben
auf dieser Welt eine unendliche Kräftigung und Potenzierung desselben in sich.
–
[GS.02_126,17] Es heißt aber im Evangelium,
wo der spricht, der sein Talent vergraben hatte: „Ich weiß, daß du ein strenger
Mann bist und willst ernten, da du nicht gesät hast. Wo du eins setzest, da willst
du tausend gewinnen; darum vergrub ich das Talent, auf daß ich es dir gebe, wie
du es mir gegeben hast.“
[GS.02_126,18] Darauf aber spricht der Herr
des Talentes: „Ei, du schalkhafter Knecht! Wußtest du, daß ich ein ungerechter
Mann bin und will ernten, da ich nicht gesät habe, warum trugst du denn nicht
das Talent zu einem Wechsler, der mir darum Wucherprozente gegeben hätte?“
[GS.02_126,19] Sehet, aus dieser Stelle
erscheint ganz klar, daß Ich das Leben in den möglichst kleinsten Partien aus
Mir hinausstreue in die endlosen Gebiete Meines allwaltenden Seins, um aus
einer jeglichen dieser kleinsten Lebenspartien eine übermäßig potenzierte
Lebensmasse zurückzubekommen.
[GS.02_126,20] Das ist der wahre innerste
Grund alles geistigen Lebens: Aber bin Ich da wirklich ein harter,
eigennütziger, ungerechter Lebenswucherer? O nein! Denn außer Mir gibt es ja
nirgends ein Leben, und das aus dem einfachen Grunde, weil es ewig nirgends ein
„außer Mir“ gibt! Ich bin die Nährquelle ewig für alles Leben!
[GS.02_126,21] Was würde wohl mit dem Leben
werden in den Zeiten der Zeiten, so diese Urgrundquelle alles Leben versiegen
möchte? Sehet, da würde sich alles Leben ins Unendliche verflüchtigen, und
nichts bliebe am Ende übrig als eine ewig leere, finstere, tote Unendlichkeit!
[GS.02_126,22] So aber Ich als die
Urgrundnährquelle für alles Leben Mich Selbst in jedem Augenblicke,
unendlichfach in Mich Selbst wiederkehrend, stets endlos kräftige und stärke,
so wird dadurch alles partielle Leben, welches sich in euch geschaffenen
Menschen ausspricht, ja auch ins gleichermaßen Unendliche potenziert, genährt
und gestärkt.
[GS.02_126,23] Je stärker der Vater, desto
stärker auch die Kinder. Aus der Ameise gehen wohl Ephemeriden, aber keine
Adler und Löwen hervor. Überall erzeugt das Schwache wieder Schwaches und das
Starke Starkes. Wie aber das Schwache nie Starkes erzeugt, so erzeugt auch das
Starke nie Schwaches. Ein Adler ist nie der Erzeuger einer furchtsamen Taube
und ein Hase kann sich nicht rühmen, als wäre der Löwe sein Erzeuger.
[GS.02_126,24] So ihr aber Kinder eines
allmächtigen Vaters seid und habt den Lebenskeim des Vaters in euch, so
kräftiget diesen Keim im guten Erdreiche Meines Willens und machet stark den
Vater in euch, so werdet auch ihr dadurch gleichen Maßes im Vater stark werden.
Denn der Vater verlangt nicht eure Stärke für Sich, sondern für euch selbst
verlangt Er sie, damit auch ihr also vollkommen werden sollet, wie Er Selbst in
Sich oder im Himmel vollkommen ist. –
[GS.02_126,25] Sehet, das ist ein Bild, wie
ihr von der äußeren Erscheinlichkeit auf den inneren Grund des Lebens schließen
könnet. – Nächstens ein anderes Bild zu demselben Zwecke! –
127. Kapitel – Ein Menschenkind als Bild des
Himmelreiches und des Universums.
[GS.02_127,01] Wir haben in der
vorhergehenden Eröffnung ein kräftiges Bild vor jedermanns Augen gestellt, nach
welchem jeder mit leichtester Mühe von den äußerlichen Erscheinlichkeiten auf
den inneren Grund schließen kann. Da aber dieses Feld sehr groß ist und die
Erscheinlichkeiten auf demselben zahllos sind, so hat der Mensch der rechten
Bilder nie zuviel, um sich in jeder Lage seines erscheinlichen Daseins den
rechten Rat zu schaffen. Und so werden wir zu einem andern, in sich zwar ganz
einfachen, aber desto inhaltsschwereren und allgemeineren Bilde zur Beleuchtung
unserer Sache schreiten.
[GS.02_127,02] Was Einfacheres könnte es wohl
geben als ein harmloses, ärmliches Menschenkind? Dieses hat zwei bewegliche
Füße, dann einen Leib voll Eingeweide; es hat zwei bewegliche Arme und über
denselben auf einem Halse einen beweglichen Kopf. An dem Kopfe sind zwei Ohren,
die immer gleich voneinander entfernt bleiben, und das eine hört dennoch
allezeit dasselbe wie das andere. Also hat es auch zwei Augen, die ihren festen
Standpunkt im Kopfe haben und einander nicht nähergerückt werden können,
obschon sie für sich einer Bewegung fähig sind. Mit diesen beiden Augen kann
jedes einzelne Ding für sich beschaut werden. In der Mitte der Augen sitzt die
zweimündige Nase. Sie atmet die Lebensluft in sich und läßt die Unreinigkeit
des Hauptes abfließen. Also hat es auch einen Mund, dessen unterer Teil allein
beweglich ist. In selbem hat es zwar unbewegliche Zähne, aber eine desto
beweglichere Zunge. Der übrige Leib besteht aus einer Haut, aus Fleisch, Blut,
Nerven, Fasern, Adern und Knochen, in denen sich ein Mark vorfindet. – Sehet,
das ist das Bild unseres Kindes.
[GS.02_127,03] Wer ahnt es aber, was alles
hinter dieser ganz einfachen Erscheinlichkeit steckt? Wer ersieht darin einen
ganzen Himmel? Wer das ganze unendliche Universum?
[GS.02_127,04] Wer sucht in diesem einfachen
Bilde einen Konflikt der gesamten Schöpfung, sowohl in der geistigen als auch
in der naturmäßigen Sphäre?
[GS.02_127,05] Möchte da nicht jemand sagen:
In dem Kinde ist solches wohl kaum ersichtlich; aber lassen wir es zum Manne
werden, dann wird sich in seinem Denken und Handeln vielleicht wohl manches
finden lassen, daraus man folgenderweise erkennen kann, daß der Mensch zum
wenigsten ein integrierender Teil der Schöpfung ist.
[GS.02_127,06] Ich aber sage: Dessen bedarf
es nicht; das Kind allein genügt. Seine zwei einfachen Füße bezeugen Meine
väterlich tragende Liebsorge, welche sich in den zehn einfachen Geboten
ausspricht, die euch bekannt sind. Die Füße sind aus dieser Ordnung auch der
Unterstützung halber und der Festhaltung wegen mit zehn Zehen versehen.
[GS.02_127,07] In der naturmäßigen Sphäre
aber stellen sie das Planetensystem vor, welches ebenfalls die unterste Stütze
eines Sonnensystems ist. Ja, das Planetenwesen nötigt gleich den Füßen durch
seine Bewegung den großen Hauptleib der Sonne in die große Hauptbewegung.
[GS.02_127,08] Aus dieser ganz kurzen
Darstellung könnt ihr entnehmen, daß schon in den Füßen des Kindes das ganze
liebsorgliche Wesen geistiger Art, wie das ganze Planetenwesen naturmäßiger Art
vorhanden ist.
[GS.02_127,09] Auf den Füßen ruht der Leib
als die Hauptwerkstätte des Lebens. Wer ersieht hier in geistiger Sphäre nicht
sogleich das Wesen der belebenden Liebe aus Mir? Und wer erschaut in dem Leibe
nicht sobald die Sonne, welche ist der belebende Leib des ganzen
Planetensystems?
[GS.02_127,10] Im Leibe ist das Herz als der
Grundsitz des Lebens und als das allerklarste Bild der Liebe. Diese Liebe ist
fortwährend tätig und führt allen Teilen des Leibes Nahrung zu.
[GS.02_127,11] Gleich neben sich hat diese
Liebe den Magen. Dieser ist die gastfreundschaftliche Küche, in welcher die
Liebe durch ihr Feuer die Speisen verkocht und sie dann, gar herrlich
zubereitet, in alle Teile führt.
[GS.02_127,12] Die Lunge ist da gleichsam ein
zweiter Magen, eine zweite Küche, durch welche zu den in der ersten Küche
bereiteten Speisen ätherische Kost hinzugegeben wird, damit die Speisen der
ersten Küche lebendig werden und zur Unterstützung des Lebens taugen.
[GS.02_127,13] Wie herrlich zeigt das Bild
dieser zwei Küchen, in deren Mitte das tätige Herz waltet, wie das Geistige in
das Naturmäßige eingreift, um es selbst zu vergeistigen und also einer höheren
Bestimmung zuzuführen. Und das alles geschieht durch die stets tätige
Vermittlung des Herzens, dieses getreuesten Bildes der Liebe!
[GS.02_127,14] Wer kann hier Mein eigen
Liebewalten verkennen, wie Ich auch einerseits stets das Verlorene aufnehme, es
in der großen Küche der naturmäßigen Schöpfung verkoche, und es dann belebe
durch den Hauch Meiner Gnade und Erbarmung, aus der zweiten großen Küche,
welche da ist der Himmel, und ist gleich der Lunge im Menschen.
[GS.02_127,15] Jeder Atemzug kann jedem
Menschen sagen, wie Ich eben aus den Himmeln fortwährend einwirke, damit das
Leben bestehe dadurch, daß Ich eben durch dieses Einfließen stets den Tod in
das Leben zu verwandeln anstrebe.
[GS.02_127,16] Wer hier nur ein klein wenig
klar zu denken vermag, den wird dieses wunderbare Entsprechungsbild sicher
nicht ohne Licht lassen. – Gehen wir aber weiter.
[GS.02_127,17] Zu beiden Seiten des Leibes
befinden sich zwei Hände. Diese stellen in geistiger Hinsicht die werktätige
Liebe dar, welche sich in weiten Räumen allorts frei bewegen kann und fortwährend
wirkt und schafft.
[GS.02_127,18] Durch die Hände wird sonach
auch Meine freiwaltende, ungebundene Macht dargestellt, welche aber dennoch
nicht außer der bestimmten ewigen Grundordnung wirkt, denn auch eine jede Hand
trägt als äußerste Ausläufer die Finger, deren Zahl den Ausläufern an den Füßen
gleichkommt. Nur sind die Ausläufer an den Füßen an dieselbe gerichtete Ordnung
gebunden, während die Ausläufer an den Händen die freie Tätigkeit in dieser
Ordnung bedeuten.
[GS.02_127,19] Also wäre z.B. ein im Geiste
nicht wiedergeborener Mensch gleich der gebundenen Ordnung der Füße und ein
wiedergeborener Mensch gleich der freien Ordnung der Hände.
[GS.02_127,20] Wer hier wieder zu denken
vermag, der wird die entsprechende Wahrheit finden; besonders wenn er noch die
naturmäßige Sonne betrachtet, wie auch diese im Ausflusse ihrer Strahlen ihre
offenbaren freitätigen Hände beschaulich darstellt.
[GS.02_127,21] Nun hatten wir noch den Kopf,
einen festen Teil über dem Leibe, welcher in sich selbst in abgerundeter Form
einen vollständigen Menschen in seiner geistigen Sphäre darstellt. Die Ohren
sind dessen Füße, auf denen er einhergeht. Die Augen sind seine Arme, mit denen
er gar weit um sich greifen kann. Die Nase ist die Lunge; der Mund ist der
Magen. In ihm ist gleich dem Herzen die Zunge, welche sowohl die materiellen
wie die geistigen Speisen verarbeiten hilft; die materiellen durch das
Unterschieben unter die zermalmenden Zähne und dann durch das Hinabschlingen.
Das ist ihre materielle Beschäftigung. Aber die Zunge gibt auch der Stimme
einen verständlichen, artikulierten Laut, und sie ist es, die die inneren
Gedanken in verständige Worte umwandelt.
[GS.02_127,22] Das innere Mark des Hauptes
stellt das gesamte entsprechende Eingeweide des Menschen dar oder sein
verfeinertes und vergeistigtes Leben.
[GS.02_127,23] Und so führt der Mensch in
seinem Gesamtumfange in seiner ganz einfachen, beschaulichen Form den Menschen
durch all seine drei Stufen vor: in seinen Füßen die gebundene Naturmäßigkeit,
in seinem Leibe dessen geistige Sphäre, die noch mit Verschiedenem zu tun und
zu kämpfen hat und durch den Kopf seine himmlische Sphäre, wo der Mensch an und
für sich zwar in einer festen, unwandelbaren Beschaffenheit dasteht, aber eben
dadurch in seiner Wirkungssphäre um desto weiter hinausgreifend ist, wie die
Bestandteile des Kopfes schon beim naturmäßigen Menschen endlos weiter
hinausreichen als die Bestandteile des Leibes.
[GS.02_127,24] Nun sehet, das ist ein ganz
einfaches, aber klares Bild. In dieses Bildnis äußerer Erscheinlichkeit ist das
Ganze des Himmels, das Ganze der dem Himmel untergeordneten Geisterwelt und so
auch das Ganze der dem Himmel und der Geisterwelt untergeordneten naturmäßigen
Welt in allen ihren Einzelheiten enthalten.
[GS.02_127,25] Ich meine, wenn ihr dieses
Bild, besonders in der Schlichtheit eines harmlosen Kindes, betrachtet, so
werdet ihr in dieser Erscheinlichkeit jede andere mit Leichtigkeit finden und
allenthalben auch eben so leicht auf deren Grund zu kommen imstande sein. – Und
so hätten wir denn auch der Bilder genug; und es bleibt uns nichts mehr übrig,
als einige „Nacherinnerungen“ diesem ganzen